Ausgabe 04/2008 - Was Wirtschaft treibt

Höhenrausch

- "550, schätze ich." Es ist ein strahlender Wintertag, an dem Adrian Smith in seinem Büro im 23. Stock des Chicagoer Harris Bank Building eine Dose Diät-Cola aufreißt und diese unfassbare Zahl durch den Raum schnurren lässt. Smith, 63, trägt ein schwarzes Hemd, eine sauber gescheitelte weiße Mähne und ruht entspannt wie ein Buddha auf seinem Bürostuhl, während sein Blackberry auf dem Tisch sinnlos summt wie eine Fliege in der Klebefalle. "Exakt", sinniert der Architekt, "kann ich es Ihnen natürlich nicht sagen. Aber dieser Tage dürften wir irgendwo zwischen 540 und 550 Metern liegen."

550 Meter heißt, dass ein paar Tausend Kilometer ostwärts, im Herzen von Dubai, ein schlanker Gigant namens Burj Dubai bereits mehr als einen halben Kilometer in den Himmel gewachsen ist. 550 bedeutet, dass der Turm von Dubai, wie er auf Deutsch heißt, den bisherigen Rekordhalter Taipeh 101 in Taiwan als höchstes Gebäude überholt hat. So hoch hat bislang noch kein Mensch gebaut, und dabei wird der Turm, dessen Endhöhe Auftraggeber und Architekten geheim halten, mindestens noch 250 Meter weiterwachsen. Für einen Planer wie Smith, der sein Berufsleben mit dem Entwerfen von Hochhäusern verbracht hat, ist der Turm von Dubai das Höchste, was sich in einem Architektenleben erreichen lässt.

Smiths weitaus ehrgeizigeres Vorhaben jedoch nimmt im chinesischen Guangzhou langsam Form an. Zweieinhalb Autostunden nordwestlich von Hongkong heben Arbeiter mit Hacken und Schaufeln gerade eine 35 Meter tiefe Baugrube aus für einen Wolkenkratzer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Der Pearl River Tower, den Adrian Smith zusammen mit seinem Kollegen Gordon Gill vom Chicagoer Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) entworfen hat, soll der erste Nullenergie-Wolkenkratzer der Welt werden. Mit Windturbinen und Solarzellen, eigenen Minikraftwerken und energieeffizienter Bauweise soll das 310 Meter hohe Bürogebäude lediglich die Energie verbrauchen, die es selbst produziert.

Damit steht der saubere Turm am verdreckten Perlfluss für weit mehr als ein cleveres Energiekonzept. Jahrzehntelang galten Wolkenkratzer als Inbegriff überkommener, von Größenwahn getriebener Stadtentwicklung. Projekte wie der Pearl River Tower aber könnten den Beginn einer Hochhaus-Renaissance markieren. Wenn man sich etwas weiter umschaut, ist sie sogar schon in vollem Gange.

1. Chicago: Mr. Skyscraper

Ihren Anfang nahm die Wiederkehr der Wolkenkratzer in den boomenden Städten Asiens, wo es viel Geld und wenig Platz gibt. Heute stehen in Asien bereits mehr Wolkenkratzer als in Nordamerika, dem Mutterland des Skyscrapers. Werden die derzeit angekündigten Turmprojekte tatsächlich realisiert, dürften im Jahr 2020 acht der zehn höchsten Gebäude der Welt östlich von Istanbul angesiedelt sein. Taipei 101, bis vor Kurzem das welthöchste Haus, wird dann nur noch Platz 16 unter den langen Lulatschen belegen.

Aber auch in der Alten Welt wird hoch gepokert. In Paris plant die staatliche Entwicklungsgesellschaft Epad den Bau von insgesamt 15 Hochhäusern, darunter einen windturbinenbestückten Tour Phare, der mit 300 Metern fast die Höhe des Eiffelturms erreichen wird. In der historischen Innenstadt von London, über Jahrzehnte hinweg für Hochhausplaner tabu, formiert sich gerade ein elitärer Club of Towers. Und in Chicago, wo 1885 mit dem Home Insurance Building der weltweit erste, mit neun Stockwerken noch bescheidene Wolkenkratzer errichtet wurde, wächst mit dem Chicago Spire das mit 150 Etagen höchste Wohnhaus der Welt heran.

Für ein auf Großprojekte spezialisiertes Büro wie SOM ist die Geburtsstadt des Wolkenkratzers ein idealer Standort. Hier hat die 900-Mitarbeiter-Architekturfabrik mit dem John Hancock Center den ersten mischgenutzten Wolkenkratzer der Welt produziert (der 344-Meter-Riegel birgt neben Büros auch Wohnungen, ein Schwimmbad, eine Post und einen Supermarkt). Ans andere Ende der Stadt stellten SOM-Architekten 1973 den schwarz glänzenden Sears Tower, der dem World Trade Center nur knapp zwei Jahre nach dessen Fertigstellung den Titel "Höchstes Gebäude der Welt" abknöpfte. Und von hier aus machten sich die SOM-Planer auf und hinterließen rund um den Globus ihre Spuren. "SOM-Architekten kreierten die Uniform des modernen Kapitalismus in Amerika und exportierten das äußere Image von Amerika in die ganze Welt", schreibt der Architekturkritiker Deyan Sudjic* in einer Mischung aus Bewunderung und Befremden. "Überall, wo sie hinkamen, schufen sie eine bestimmte Moderne aus Stahl und Marmor für Regierungen oder Unternehmen, die gern up to date sein wollten." Zu den Up-to-date-Projekten des Büros zählen die Londoner Bürostadt Canary Wharf, der Schanghaier Jin-Mao-Turm, das AOL Time Warner Center in Manhattan und (gemeinsam mit Daniel Libeskind) die Planung für den Freedom Tower auf Ground Zero. SOM sind so etwas wie die Wolkenkratzer-Veteranen.

Adrian Smith stieß 1967 zu der Firma, deren Name wie ein Synonym für Superlative wirkt. Über viele Jahre hinweg war er ihr geschicktester "Rainmaker", der die lukrativsten Aufträge an Land zog und Vorzeige-Projekte wie den Bau des Burj Dubai leitete. Architekturblätter bezeichnen ihn als den "renommiertesten Wolkenkratzerarchitekten der Welt". Niemand käme allerdings auf die Idee, Smith einen "grünen" Architekten zu nennen.

Der Turm von Dubai etwa, für den Smith binnen zwei Wochen einen Wettbewerbsentwurf skizzierte, ist ein Paradebeispiel fröhlicher Ressourcenverschwendung. Mit seinen 31 Etagen Büros, 900 Luxusapartments und dem 16-stöckigen Gior-gio-Armani-Hotel wird er im Vollbetrieb so viel Strom verbrauchen wie 360 000 Hundert-Watt-Birnen. 60 Aufzüge werden seinen schlanken, treppenartig aufgebauten Corpus mit der weltrekordverdächtigen Geschwindigkeit von 18 Metern pro Sekunde durcheilen. Im Sommer, wenn die Außentemperatur auf bis zu 50 Grad Celsius steigt, werden die Kühlaggregate des Turms stündlich eine Energiemenge verbrauchen, mit der man 10 000 Tonnen Eis am Tag kühlen könnte. Damit wirkt der Bau bereits vor seiner Fertigstellung wie ein letztes Überbleibsel aus jenem Zeitalter, in dem für das Fass Rohöl noch keine dreistelligen Dollarsummen fällig waren.

"Heute", räumt Smith ein, "würde ich den Burj Dubai definitiv anders bauen. Ich würde den Glasanteil seiner Fassade reduzieren, eine geothermische Kühlung integrieren und so weiter. Aber als wir mit unseren Planungen begannen, ließ sich mit Immobilien in Dubai viel weniger verdienen als heute. Das heißt: Wir hatten den Auftrag, in kürzester Zeit das höchste Gebäude der Welt zu bauen, mussten aber mit begrenzten Mitteln auskommen. Beim Pearl River Tower war das anders."

2. Guangzhou: null Energie am Perlfluss

Wie ein bunt schillerndes Raumschiff flimmert das Computermodell des Pearl River Towers über die Wand des Präsentationsraums im SOM-Büro, animiert, dynamisch, im Sekundentakt die Perspektive wechselnd. Seine Kontur, ein glänzender 310-Meter-Riegel mit merkwürdigen Dellen in der Mitte, erinnert an ein teures Vertu-Handy, das ein unvorsichtiger Nutzer ein paarmal hat fallen lassen. In diesen Dellen, erklärt Russell Gilchrist, werden die drei Meter großen Windräder Platz finden, die das Gebäude mit Strom versorgen und nebenbei die enorme Windlast abfedern sollen. Gilchrist ist der technische Leiter bei dem Projekt. Er hat früher jahrelang für Norman Foster und Richard Rogers gearbeitet. Wenn er von den technischen Details des Pearl River Towers erzählt, ist ihm auch während der x-ten Präsentation immer noch die Begeisterung anzumerken.

Die oberen Stockwerke des Turms, erläutert Gilchrist, wird ein Netz aus Solarzellen überziehen, die gleichzeitig Schatten spenden, die Haustechnik wird mit einer Batterie hocheffizienter Brennstoffzellen bestückt sein. Diese Mini-Kraftwerke könnten beispielsweise mit Methangas einem Abfallprodukt aus den zahlreichen stillgelegten Kohleminen in der Region umweltschonend betrieben werden.

"Die größten Verbesserungen der Ener giebilanz haben wir aber mit verblüffend einfachen Maßnahmen erreicht", fährt Gilchrist fort. Dazu zählen die optimale Ausrichtung des Gebäudes zur Sonne, moderne Doppelfassaden und eine schmale Kontur, die dafür sorgt, dass jeder Schreibtisch vom Tageslicht erreicht wird. Vor allem aber haben die SOM-Planer mit einer schlichten Deckenkühlung, die mit Wasser arbeitet, einen der schlimmsten Energiefresser moderner Bürotürme eliminiert: die Klimaanlage.

"Unser heutiges Dilemma besteht darin, dass Mieter und Bauherren Etagenflächen von 2500 bis 4000 Quadratmetern gewohnt sind", sagt Smith. Solche Büroetagen lassen sich unmöglich durchs Fenster mit Licht und frischer Luft versorgen. Sie brauchen starke künstliche Lungen, die Frischluft durch die Büroflure pumpen. Allein der Chicagoer Sears Tower verbraucht so viel Energie wie eine Stadt mit 35 000 Einwohnern.

Ihre Bewohner kommt das doppelt teuer zu stehen. Nach einer Studie des Lawrence Berkeley National Laboratory kosten künstlich klimatisierte Innenräume US-Unternehmen wegen Atemwegserkrankungen der Angestellten jedes Jahr 14 Milliarden Dollar; weitere vier Milliarden werden für Allergien und Asthma veranschlagt. Umgekehrt, so kalkulieren die Arbeitsforscher, könnten Firmen mit einem gesünderen Arbeitsklima die jährlichen Kosten um bis zu 160 Milliarden Dollar senken.

Russell Gilchrist kann solche Spekulationen durch Zahlen erhärten. Allein der Verzicht auf Klimaanlagenschächte spart im Pearl River Tower pro Stockwerk etwa 30 Zentimeter Raumhöhe. Auf 310 Meter Gebäudehöhe umgerechnet, addiert sich der Gewinn zu fünf zusätzlichen Etagen ganz zu schweigen von der Ersparnis bei den Energiekosten. Die 12 bis 15 Millionen Dollar, die der Turm wegen seiner Nullenergieausstattung zusätzlich kosten wird, dürften sich daher nach Gilchrists Schätzungen binnen fünf Jahren amortisieren. "Die meisten dieser Maßnahmen sind derart einleuchtend", sagt der Planer, als er seinen Präsentations-Laptop zuklappt, "dass man sich fragt, warum sie nicht längst flächendeckend umgesetzt werden."

Dass dies ausgerechnet im chinesischen Guangzhou geschieht, klingt wie ein schlechter Scherz. Denn der subtropische Sechs-Millionen-Einwohner-Moloch sorgt mit der umliegenden Provinz für ein Achtel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts und einen erheblichen Teil der Luftverschmutzung. Viele der chinesischen Billigprodukte, die über Hongkong auf den Weltmarkt gebracht werden, stammen aus Guangzhous Fabriken, die mit ihren Abgasschwaden den Himmel über Hongkong verdüstern. "Ich bin in den vergangenen anderthalb Jahren sechsmal dort gewesen", sinniert Gilchrist, "und habe ein Mal die Sonne gesehen. Sonst war immer Smog." Der Pearl River Tower aber könnte nach den Berechnungen seiner Planer ganz ohne Emissionen auskommen. Mit 35 Einzelmaßnahmen haben sie den Energieverbrauch des 25 000-Quadratmeter-Trumms rechnerisch auf null gedrückt. Rechnerisch deshalb, weil der Öko-Turm seine spektakuläre Performance erst noch unter Beweis stellen muss. Und auch deswegen, weil das Gebäude bei Bedarf durchaus Energie aus Guangzhous Stromnetz entnehmen, sie aber je nach Windstärke und Sonnenscheindauer auch wieder zurückgeben soll - so, wie es im europäischen Stromverbund möglich und üblich ist.

In Guangzhou aber hakt es genau daran: Angeblich, so wurde den SOM-Planern kürzlich mitgeteilt, könne das örtliche Stromnetz keine Energie aus solchen Einspeisungen aufnehmen. Bleibt es bei diesem Bescheid, wird der Pearl River Tower nicht 100 Prozent an Energie und Emissionen, sondern nur noch 58 Prozent im Vergleich zu einem konventionellen Gebäude einsparen können. 15 der 35 Energiesparmaßnahmen haben die SOM-Planer deshalb zurückgestellt, darunter auch die Brennstoffzellen, die Solarzellenhaut und die Windkraftwerke. Die beiden Letzteren wurden allerdings auf ausdrücklichen Kundenwunsch wieder eingefügt.

Der Grund: Auch mit einer nicht mehr ganz so glänzenden Energiebilanz soll der Pearl River Tower nach dem Willen des Kunden schon von Weitem als "grünes" Gebäude erkennbar sein. Denn Auftraggeber, Bauherr und künftiger Nutzer ist Chinas National Tobacco Corporation ein Milliardenkonzern mit einem Quasi-Monopol auf Tabakhandel und einem zunehmend als problematisch erkannten Produkt. Dem Unternehmen dient die Investition in eine saubere Zentrale also zur Politur des eigenen Images.

So gesehen ist auch der Nullenergieturm am Perlfluss ein konventioneller Wolkenkratzer. Denn nichts treibt Bauwerke weiter in die Höhe als das kühle Kalkül des Marketings.

3. Dubai: Wir bauen den Größten

Eines der hartnäckigsten Vorurteile über Wolkenkratzer ist, dass sie gebaut würden, um auf wenig Grundfläche viel Raum und Rendite zu gewinnen. "In Wirklichkeit", sagt Adrian Smith, "ist es extrem schwierig, mit einem Wolkenkratzer Geld zu verdienen. Das ist auch der Grund, warum es so wenige von ihnen gibt." Bei jedem Turm über 300 Meter seien an der Basis so aufwendige Tragstrukturen erforderlich, dass sie den Raumgewinn zunichte machen. Hinzu kommt der Mehraufwand an Zeit und Kapital, den ein extremer Vertikalbau erfordert. Höhe rechnet sich nicht.

Dass dennoch immer weiter in die Wolken gebaut wird, hat viel mit Ehrgeiz, Reputation und Irrationalität zu tun. Der Schanghaier Jin Mao Tower etwa, die aktuelle Nummer sieben unter den weltgrößten Gebäuden, verfügt deshalb über 88 Stockwerke, weil seine chinesischen Bauherren in eine Art abergläubischen Höhenrausch verfallen waren. "Ich habe die Kunden zu Beginn der Planungen gefragt, ob wir nicht lieber zwei niedrige Häuser an der Stelle bauen wollen", erinnert sich Smith. "Ihre Antwort lautete, dass es definitiv 88 Stockwerke sein müssten - weil Deng Xiaoping 88 Jahre alt war, als er den Platz zum Standort für Chinas neues Finanz-Center bestimmte." Darüber hinaus handelt es sich bei der 8 um die chinesische Glückszahl schlechthin, die sich segensreich auf jedes Gebäude auswirken soll.

Doch Höhenwahn gehört nun mal zum Phänomen Wolkenkratzer. Früher waren es Unternehmen wie der Kaufhauskonzern Sears oder der Autobauer Chrysler, die Größe demonstrieren wollten. Heute sind es häufig Staaten oder Städte, die mit Superlativen beim Bau "Hier, hier, hier! " schreien.

Der Turm von Dubai beispielsweise wird vom Emirat geschickt als Werbe-Ikone eingesetzt. Noch bevor in der Wüste ein einziger Kubikmeter Sand ausgehoben war, wurden seine bis zu 4,4 Millionen Dollar teuren Apartments mit einer weltweiten Kampagne in Hochglanzmagazinen beworben. Zugleich dient der Turm als Marketing-Instrument für ein neues Stadtviertel, das in unmittel barer Nachbarschaft entsteht. "Der prestigeträchtigste Quadratkilometer der Erde", steht auf dem Zaun um die Baustelle. Prestige aber übersetzen Investoren spielend mit Profit. Adrian Smith: "Es ist wie in New York: Ein Apartment mit Blick aufs Empire State Building kostet mehr als ein Apartment ohne diesen Ausblick."

Und weil das so ist, wird unter Investoren und Bauplanern ein erbitterter Kampf um Höhe und Höchstleistungen ausgefochten. Dabei lässt sich die Frage, wer wirklich den Größten hat, gar nicht so leicht beantworten: Misst man ab Oberkante des Fundaments, ab Gehwegkante oder vom ersten genutzten Geschoss an? Und endet ein Wolkenkratzer mit dem höchsten bewohnten Stockwerk, der Dachkante oder der Antennenspitze?

Die Instanz, die über solch Kleingedrucktes bei Großbauten entscheidet, heißt Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) und ist so etwas wie die Weltorganisation der Wolkenkratzergemeinde. Ihr Hauptquartier befindet sich im Untergeschoss der legendären, von Mies van der Rohe entworfenen Crown Hall auf dem Campus des Chicagoer Illinois Institute of Technology (IIT); ihr Geschäftsführer ist ein hellwacher Brite namens Antony Wood. "Es mag kindisch klingen", sagt Wood, der am IIT Architektur lehrt, "aber in den Wettkampf um Höhe und Titel werden Millionen investiert. Die Frage nach der exakten Höhe eines Wolkenkratzers wird daher von Investoren und Architekten sehr, sehr ernsthaft diskutiert."

Mit der Entscheidung des CTBUH, die "Höhe bis zur konstruktiven Spitze" als entscheidendes Kriterium zu werten, wanderte vor zehn Jahren der Titel des welthöchsten Gebäudes vom langjährigen Inhaber Sears Tower (527 Meter mit Antennen, aber nur 442 ohne) an die Petronas Towers, deren kirchturmähnliche Spitzen 452 Meter hoch in den Himmel über Kuala Lumpur ragen. Auf US-amerikanischer Seite führte die Entscheidung zu wütenden Protesten, immerhin liegt das oberste Geschoss des Sears Tower 60 Meter höher als die obersten Etagen der Petronas Towers. "Wir hatten in den neunziger Jahren nun einmal definiert, dass wir Turmspitzen mitzählen, Antennen - die man jederzeit austauschen kann - aber nicht", seufzt Professor Wood. "Die Konsequenz: In den Jahren nach unserer Entscheidung wurden überall auf der Welt Wolkenkratzer mit Antennen wie Turmspitzen und solche mit Turmspitzen gebaut, die wie Antennen aussehen."

Um eine bessere Regelung zu finden, rief die Wolkenkratzerorganisation deshalb kürzlich ihr Höhenkomitee zusammen. Für die Sitzung reisten 30 hochkarätige Experten aus aller Welt nach Chicago und verbrachten einen Tag lang mit hitzigen Diskussionen. Ohne Ergebnis.

Wenn Größe aber alles entscheidend ist, geraten andere Kriterien aus dem Blick. Was erklärt, warum, wie Wood einräumt, "95 Prozent aller Hochhäuser weltweit Schrott" sind. "Entweder sie sind lediglich vertikale Verlängerungen eines effizienten Stockwerks - oder eine Art urbane Skulptur. Diese Skulpturen haben nur eine einzige, rein visuelle Beziehung zur Umgebung: , Seht, wie wunderbar ich bin! ' Sie negieren die Tradition und Erfahrungen von mitunter mehreren Tausend Jahren architektonischer Geschichte. Sie sind austauschbar und könnten genauso gut an jedem anderen Ort dieser Erde stehen. Und deshalb sind sie im Grunde genommen auch völlig uninteressant."

Dabei lässt sich am aktuellen Weltrekordhalter ablesen, wie vergänglich Höhe und Prestige sind. Während die Arbeiter am Burj Dubai noch im Dreischichtbetrieb Rekord für Rekord aufschichten, wird 30 Kilometer entfernt bereits der übernächste Superlativ geplant. Al Burj, so der Name des neuen Giganten, soll 2012 fertiggestellt werden und an der Spitze 1050 Meter messen. Damit wäre er zirka 200 Meter höher als Adrian Smiths Weltrekord.

Viele Architekten und Projektentwickler haben deshalb ein buchstäblich nachhaltigeres Marketing-Argument für sich entdeckt: grünes Bauen. Ablesen lässt sich der Boom an der steilen Karriere der USamerikanischen Greenbuild Conference: Diese Fachtagung, vor zehn Jahren erstmals veranstaltet, lockte damals ein Häuflein von 70 Architekten an. Bei der jüngsten Konferenz, die 2007 in Chicago stattfand, drängelten sich 35 000 Besucher, um über Gebäudeeffizienz und alternative Energiekonzepte zu diskutieren.

"Grün ist Gold wert", jubelt das Anlegermagazin "Barron's", denn grüne Gebäude werden über Jahre hinweg konkurrenzlos sein. In Chicago beispielsweise konnte der Büroturm 111 South Wacker Drive, der sich mit einem Öko-Gebäude-Rating schmücken darf, wenige Monate nach Fertigstellung komplett vermietet verkauft werden - während in der Nachbarschaft 18 Prozent der Büroflächen leer stehen. Ein paar Straßenecken weiter wurde der ebenfalls als "nachhaltig" ausgezeichnete Komplex One South Dearborn Street mit einem Gewinn von 144 Millionen Dollar veräußert. "Wer ein grünes Zertifikat an seine Pforten heften kann, hat keine Vermietungsschwierigkeiten und steigt in die Champions League der Immobilienszene auf", konstatiert die Immobilienzeitschrift "Expo Real Magazin".

Dabei sind die Regeln, nach denen in dieser Champions League gespielt wird, ziemlich undurchsichtig. In der Branche werde "viel zu viel bullshit" geredet, kritisiert Wood. " Jeder kann heute behaupten, einen grünen Turm zu bauen, aber niemand prüft es nach." So werde das begehrte US Leadership in Energy and Environmental Design Ranking ausschließlich aufgrund der Planvorgaben der Architekten verteilt. Ob und wie "grün", "energiesparend" oder "nachhaltig" ein solcher Wolkenkratzer in Wirklichkeit sei, ermittle niemand. Ohne solche Erfahrungswerte aber gebe es keine Fortschritte von Projekt zu Projekt und  keine ehrliche Diskussion darüber, was funktioniere und was nicht. "Dabei ist es allerhöchste Zeit, dass wir ernsthaft über Urbanität und ihre Kosten diskutieren", so Wood. "Künftig müssen wir Städte als weitgehend autonomen Mikrokosmos betrachten - nicht mehr als Organismen, die das Umland aussaugen."

Genau darüber wird seit ein paar Jahren in einer der gefräßigsten Städte der Welt angestrengt gegrübelt, und zwar an höchster Stelle.

4. London: Wiederbelebung der Innenstadt

Peter Rees ist Chefplaner der Corporation of London und damit so etwas wie der Lordsiegelbewahrer einer jahrhundertealten britischen Tradition. Die Körperschaft von London besitzt ein Drittel der City of London, verfügt über Planungshoheit für die restlichen zwei Drittel und ist konservativ bis ins Mark. Ihre Planer haben mit einer Vielzahl an Denkmalschutzauflagen jahrzehntelang jedes größere Projekt in der Innenstadt verhindert.

Rees aber dachte anders als seine Vorgänger. " Jede Stadt muss sich entscheiden, ob sie wie beispielsweise Florenz zu einer Art Freilichtmuseum werden oder ob sie weiter wachsen will", sagt der 59-Jährige. Da Londons Platz am Boden begrenzt ist, bleibt nur der Weg in die Höhe. In den vergangenen Jahren haben Rees und seine Kollegen daher einen kleinen Wald aus Wolkenkratzern planen lassen, der, wenn er in wenigen Jahren ausgewachsen ist, Londons Skyline deutlicher prägen wird als Tower Bridge, Big Ben und St. Paul's zusammen. Der erste von ihnen, das Swiss Re Building, im Jahr 2004 von Norman Foster fertiggestellt, wird bereits als architektonisches Highlight gefeiert. Die Londoner haben dem 40-Stockwerke-Turm ob seiner charakteristischen Form den Namen "Gurke" verpasst, was Peter Rees freut, "weil es zeigt, dass das Gebäude als Persönlichkeit wahrgenommen wird".

Die energieoptimierte Gurke könnte auch zu einem Symbol für die Stadtentwicklung der Zukunft werden. Das Zauberwort heißt: Verdichtung. Noch werden in den Städten geschätzte 75 Prozent des Energiekonsums und 75 Prozent aller Treibhausgase verursacht. Eine wichtige Ursache ist das Prinzip Pfannkuchen, nach dem viele Städte im 20. Jahrhundert gewachsen sind: In der Mitte beginnend, an den Rändern ausfransend und alles unter sich begrabend. Allein London hat in den vergangenen zehn Jahren 500 000 neue Bewohner aufgenommen und dabei die einst grünen Grafschaften in der Nachbarschaft immer weiter zugepflastert.

Las Vegas, die flächenmäßig am schnellsten wachsende Stadt der Welt, frisst sich pro Jahr um weitere 30 Quadratkilometer ins Umland hinein. Gewohnt wird traditionell im Eigenheim mit Carport und Handtuchrasen an der Peripherie, gearbeitet in der Stadtmitte, und den Weg dorthin legt man per Auto zurück. Schon jetzt verbringen die Amerikaner nach Berechnungen des US-Verkehrsministeriums jedes Jahr 3,7 Milliarden Stunden im Stau. Dabei jagen sie 8,7 Milliarden Liter Treibstoff zusätzlich durch den Auspuff.

Die Alternative, ein öffentliches Nahverkehrssystem, lässt sich in ausgeuferten Metropolen nachträglich kaum mehr implantieren. Den meisten fehlt dafür etwas typisch Urbanes: Dichte. Ohne eine ausreichende Zahl potenzieller Nutzer im näheren Umkreis lohnt sich keine U-Bahn.

London verfügt über ausreichend Dichte. Und die Metropole nutzt sie konsequent, um Menschen zurück in die Stadt und die Stadt zurück zu den Menschen zu bringen. "In den nächsten zehn Jahren werden schätzungsweise 500 000 Menschen nach London ziehen wollen. Wenn wir all diese Leute unterbringen wollen, ohne noch mehr Land zu fressen, müssen wir bessere Städte bauen", sagt der Architekt Richard Rogers, der Londons Bürgermeister Ken Livingstone als Chief Advisor on Architecture and Urbanism berät. Gemeinsam haben die beiden ein "100-Public-Spaces"-Programm ausgerufen, das bis 2010 in ganz London 100 attraktive Plätze schaffen beziehungsweise vorhandene aufwerten soll. Für Fußgänger und Radfahrer wird Raum geschaffen, der Autoverkehr in der Innenstadt durch die einst umstrittene, mittlerweile häufig kopierte City-Maut beschränkt und die Stadt gleichzeitig dichter und lebenswerter bebaut. Die Hälfte der Londoner besitzt ohnehin kein Auto, und nur eine Minderheit nutzt es, um in die Innenstadt zu kommen, wo sich die Geschwindigkeit auf den Straßen seit den Tagen der Pferdekutsche kaum erhöht hat. Fosters Gurke bietet denn auch Platz für rund 4000 Büroangestellte, aber lediglich 18 Tiefgaragenparkplätze. Die sind für Behinderte reserviert.

Ähnlich wie in London könnten moderne Wolkenkratzer rund um den Globus helfen, die Großstädte zu vermenschlichen. Sie könnten Verkehrsprobleme entschärfen, den Landfraß verlangsamen und den Innenstädten auch nach Büro- und Ladenschluss Leben einhauchen. Das setzt allerdings voraus, dass ihnen etwas gelingt, an dem sie bislang gescheitert sind: das Leben in großer Höhe zu demokratisieren.

5. In Zukunft überall: hoch hinaus

Es ist eine exklusive Klientel, die derzeit in Moskau, London oder Dubai in die prestigeträchtigen neuen Hochbauten einzieht. Denn, so Antony Wood: "Sowohl Firmen und Hotels als auch die Käufer von Luxusapartments schätzen und bezahlen für Reputation. Und wenn Wolkenkratzer eines bieten, dann ist es Reputation."

Junge Paare, Studenten, alte Leute und Familien mit Kindern sucht man in Höhen oberhalb von 50 Metern vergeblich. Schuld daran ist neben den typischerweise hohen Quadratmeterpreisen vor allem das verheerende Image: Wer Hochhaus sagt, denkt in Deutschland meist an Ghettos wie München-Hasenbergl oder die Berliner Gropiusstadt, wo hochfliegende Entwürfe ehrgeiziger Stadtplaner ganze Viertel abstürzen ließen. Menschen wurden dort in Wohn maschinen geschoben wie Stapelware in ein Hochregallager. Wenn sich also nur wenige vorstellen können, in einem Hochhaus zu wohnen, liegt es vor allem daran, dass wir uns diese Gebäude nicht anders vorstellen können.

Genau darum aber gehe es, sagt Professor Wood. "Wenn wir Städte neu denken wollen, müssen wir auch Wolkenkratzer neu denken. Warum öffnen wir sie nicht für Familien? Weshalb statten wir sie nicht mit Plazas und Cafés, Kindergärten und Spielplätzen im 15., 30. oder 50. Stock aus? Die könnten in hängenden Gärten untergebracht werden, wie sie der Frankfurter Commerzbank-Tower hat. Damit wären sie nicht nur praktisch vor der Wohnungstür gelegen, sondern auch wettergeschützt und konkurrenzlos sicher."

Vermutlich müssten solche Konzepte staatlich subventioniert werden, denn jeder Quadratmeter Hochhausfläche, der als Park oder Kindergarten genutzt und deshalb nicht vermietet wird, bedeutet für Investoren einen Verlust. Aber der Gewinn an urbanem Leben, an Wohnraum und an vermiedener Verkehrs- und Klimabelastung könnte die Investition mehr als rechtfertigen.

Wie nachhaltige Wolkenkratzer wirklich aussehen, die mit den monotonen Glasboxen der Gegenwart so wenig gemein haben wie der Pearl River Tower mit dem Burj Dubai, haben Wood und seine Studenten von der Tall Buildings Teaching and Research Group demonstriert. Sie modellierten Skyscraper-Farmen in luftiger Höhe, in denen sich ihre Bewohner gleich selbst mit Lebensmitteln versorgen können. Sie entwarfen Türme mit Swimmingpools in den oberen Etagen, die dank ihrer enormen flüssigen Masse zugleich als Schwankungsausgleich dienen.

Manche ihrer Fassadenentwürfe fungieren gleichzeitig als Regenwassersammelanlagen ("Der Wassermangel ist das absehbare nächste große Problem der Städte") und Solarfassaden mit einer Doppelfunktion als Felskletterwand. Verbunden werden könnten sie durch "Eco-Boulevards", über die sich - wie es in Teilen Hongkongs bereits Alltag ist - in großer Höhe die Stadt erkunden ließe, ohne jemals den Erdboden zu berühren. "Für mich ist es unlogisch, eine Stadt in die Höhe zu bauen und als einzige Verbindungsebene zwischen den Teilen dieser Stadt den Erdboden zu nutzen", sagt Antony Wood beim Rundgang durch die Modellwerkstatt. Dort wird plastisch deutlich, dass es den meisten Wolkenkratzern und ihren Erbauern da draußen bislang schlicht an einem fehlte: Fantasie. -

* Deyan Sudjic: Der Architekturkomplex - Monumente der Macht. Artemis & Winkler; 370 Seiten; 29,90 Euro

Einige Zeit nach Fertigstellung der Pläne für den Pearl River Tower hat Adrian Smith SOM verlassen und gemeinsam mit Gordon Gill ein eigenes Büro in Chicago gegründet.

AS + GG Architecture baut derzeit unter anderem eine Stadtverwaltung für die Öko-Siedlung Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nach der Fertigstellung im Jahr 2010 soll das Bürohaus als eines der ersten Positivenergie-Gebäude der Erde mehr Energie erzeugen, als es benötigt. www.masdaruae.com

Tall Buildings Teaching and Research Group www.tallbuildingstarg.com

Council on Tall Buildings and Urban Habitat www.ctbuh.org

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