Ausgabe 06/2008 - Schwerpunkt Wettbewerb

Grundeinkommen

Als das Geld vom Himmel fiel

Die Unternehmerin

Sie muss ein wenig überlegen, noch nach ein paar Zahlen suchen - doch dann sagt Lena Nanus, so um die 200 Namibia-Dollar (umgerechnet rund 16 Euro) im Monat müssten es schon sein.

200 Dollar Profit, die jetzt das Familieneinkommen aufbessern. Lena Nanus, 58, sitzt mit ihrem erwachsenen Sohn und mehreren Enkelkindern vor ihrem kunstvoll zusammengezimmerten Wellblechhaus und blinzelt zufrieden in die namibische Nachmittagssonne.

Ein paar Nachbarn haben sich schon erkundigt, wie sie die Sache angepackt hat. Wirtschaftstheoretisch betrachtet, hat Lena Nanus ihnen den Zusammenhang von Investitionen und Gewinn erklärt. Doch so würde es hier niemand ausdrücken. In Otjivero würde man sagen: Wenn man etwas verkauft, muss man wissen, was man dafür bezahlt hat, und dann etwas draufschlagen.

Lena Nanus verkauft Eis. Sie vermischt Orangen-, Himbeer-und Erdbeersaft mit Zucker, füllt das süße Zeug in kleine Plastiktüten und friert sie ein. Vielleicht 20 Portionen werde sie jeden Tag los, berichtet sie. Ein Eis kostet einen halben Dollar. Unter ihren Kunden sind vor allem die Dorfkinder, die ihre Eltern so lange nerven, bis sie endlich 50 Cent rausrücken.

Nanus ist noch nicht lange im Eisgeschäft. Genau genommen erst seit Mitte Januar 2008 - da hatte sie plötzlich das notwendige Startkapital für ihr kleines Unternehmen in der Hand. Denn Mitte Januar, erinnert sie sich, kamen diese Leute aus der Hauptstadt Windhoek wieder in ihr Dorf und machten wahr, was sie einige Monate zuvor versprochen hatten. Sie brachten Geld mit. Jede Menge Geld. Es war wie in einem Märchen. Das Geld regnete vom Himmel. Und jeder bekam etwas ab.

Das Experiment

In Otjivero findet derzeit ein einzigartiges soziales Experiment statt. Eine Koalition aller außerparlamentarischen Kräfte in Namibia hat in dem Dorf das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt. Jeder der rund tausend Einwohner erhält seit Anfang dieses Jahres monatlich 100 Namibia-Dollar, also etwa acht Euro. Ausgenommen vom Geldsegen sind nur Männer und Frauen über 60, die eine staatliche Rente beziehen. Das Grundeinkommen der Kinder wird an deren Eltern ausgezahlt. Familien mit viel Nachwuchs kommen so auf insgesamt 600, 700 oder 800 Namibia-Dollar im Monat. Das entspricht in etwa einem Monatslohn, der in dem Land für einfache Tätigkeiten gezahlt wird.

Treibende Kraft hinter dem Basic Income Grant, kurz Big, ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia. Mit den Protestanten kämpfen die Gewerkschaften des Landes, die Aidshilfe-Organisationen und der Dachverband der Nichtregierungsorganisationen dafür, dass bald jeder Namibier das Grundeinkommen erhält. Eine so breite gesellschaftliche Bewegung kommt nur dann zustande, wenn es gegen einen gemeinsamen Feind geht. Der heißt in diesem Fall Armut. Bis auf die staatlichen Renten gibt es in Namibia kein Sozialsystem.

Namibia, ehemals deutsche Kolonie, dann bis zur Unabhängigkeit 1990 südafrikanisches Protektorat, hat für afrikanische Verhältnisse ein vergleichsweise hohes statistisches Durchschnittseinkommen. Doch in kaum einem anderen Land ist die Einkommensverteilung ungleicher. Diese wird mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten gemessen, der sich zwischen null und eins bewegt. Null bedeutet: Alle verdienen das Gleiche. Eins heißt: Einer verdient alles. In Namibia liegt der Koeffizient nach Angaben der Vereinten Nationen bei 0,68, ein miserabler Wert.

Das Projekt in Otjivero, das mit Spenden aus aller Welt finanziert wird, hat zwei Ziele: Es soll die bittere Armut lindern - nach Angaben der Big-Koalition leben zwei Drittel der namibischen Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar am Tag. Und "es soll wirtschaftliche Impulse auslösen", sagt Dirk Haarmann, ein deutscher Ökonom und Theologe, der zusammen mit seiner Frau das Sozialreferat der Lutherischen Kirche in Namibia aufgebaut hat und leitet.

Die Kommandozentrale der Big-Koalition befindet sich in der Hauptstadt Windhoek, Church Street 8. Im Besprechungszimmer des Sozialreferats der Lutherischen Kirche sitzt man auf abgewetzten Stühlen, eine Wolldecke mit eingewebten Zebras und Giraffen bedeckt den Tisch. In einfachen Holzregalen stehen jede Menge Aktenordner, daneben Bücher mit Titeln wie "Was der Mensch braucht", "Christsein" und "Mystik und Widerstand".

Ebenso wie in der Welt des Glaubens sind die Haarmanns in der Welt der nackten Zahlen zu Hause. Sie haben schon vor einigen Jahren für die südafrikanischen Gewerkschaften durchgerechnet, welche Form von flächendeckender sozialer Sicherung am billigsten und in der Umsetzung am einfachsten für das Land am Kap wäre. Ihr Ergebnis: das Grundeinkommen. "Es ist genug darüber geredet worden", sagt Dirk Haarmann. " Jetzt wollen wir zeigen, dass es etwas taugt."

Die Idee

Schon 2002 empfahl eine von der namibischen Regierung eingesetzte Kommission, das Grundeinkommen einzuführen. Die Zuwendung an jeden Bürger in Höhe von monatlich 70 Namibia-Dollar sollte durch eine deutliche Erhöhung der Verbrauchssteuern finanziert werden. Arme Bürger, die wenig konsumieren, müssten so zwar einen geringen Teil ihres Grundeinkommens für die erhöhten Steuern aufwenden, könnten den Rest aber anderweitig verbrauchen, so das damalige Konzept. Wohlhabende Bürger, die viel konsumieren, wären Nettozahler des Systems.

Die Big-Koalition hat den Ansatz weiterentwickelt und schlägt eine Gegenfinanzierung über eine höhere Mehrwert- und Einkommensteuer sowie Umschichtungen im Haushalt vor. Es geht in den Papieren, welche die Haarmanns verfasst haben, um Gerechtigkeit und Umverteilung, es geht aber auch um Kapital, Investitionen und Profit. Denn Kirchen und Gewerkschaften verknüpfen das Grundeinkommen mit der Hoffnung, dass die armen Namibier einen Teil des zusätzlichen Geldes investieren, es beispielsweise eine Zeit lang sparen, um damit dann ein kleines Geschäft zu gründen.

Anhänger des Grundeinkommens, das auch in Deutschland als Alternative zu den Sozialversicherungen diskutiert wird, glauben an dessen aktivierende Wirkung. Wer grundsätzlich abgesichert sei, könne seine Kreativität und Arbeitskraft unbeschwert und frei entfalten. Die Gegner argumentieren hingegen, ein Grundeinkommen führe vor allem zu Müßiggang. In Otjivero will die Big-Koalition sie eines Besseren belehren.

Deswegen steht das Dorf gegenwärtig unter ständiger Beobachtung der namibischen Presse: "Ein verschlafenes Nest mit großer Verantwortung", titelte die englischsprachige Zeitung "The Namibian". Die deutschsprachige "Allgemeine Zeitung" ("AZ") ist sich sicher, dass die Leute im Dorf gar nicht wissen, "welch große Beweislast sie tragen".

Das Dorf

Die Fahrt von der Hauptstadt Windhoek nach Otjivero nimmt kein Ende. Es geht auf der B6 Richtung Osten immer geradeaus. Scheinbar ohne eine einzige Kurve führt die Straße weiter und weiter in den Horizont hinein, links und rechts struppige Sträucher und Bäume, die lange ohne Wasser auskommen.

Otjivero liegt im Nirgendwo. In die eine Richtung, nach Windhoek, sind es rund 100 Kilometer, in die andere Richtung, nach Gobabis, einer Stadt mit 28 000 Einwohnern, sind es 50. Otjivero ist eigentlich kein richtiges Dorf, sondern mehr eine Ansammlung von Wellblechhütten und einigen wenigen Steinhäusern. Solche anarchisch gewachsenen Siedlungen werden in Namibia Squatter Camps genannt. Squatter sind Besetzer, Illegale. Die Siedlung ist zu allen vier Seiten von Land umgeben, das weißen Farmern gehört. Die haben ihren Besitz mit Zäunen abgegrenzt.

Es kommt ganz auf die Perspektive an, ob man das Land oder das Camp als eingezäunt betrachtet. Kaum jemand in der Siedlung hat Arbeit, und wenn dieser Flecken Erde überhaupt für irgendetwas in Namibia bekannt ist, dann für das illegale Sammeln von Brennholz und "Schlingenlegerei" ("AZ"), das heißt: gelegentliche Viehdiebstähle. Die einzige Abwechslung vom Alltag bieten zwei staubige, holprige Fußballplätze und vor allem die Shebeens, die illegalen Kneipen, in denen abends getanzt, geflirtet, gequatscht und Schnaps und Bier getrunken wird. In einer gibt es auch einen heruntergespielten Billardtisch und eine vergitterte, wegen der überforderten Lautsprecher jeden Musiktitel verzerrende Jukebox.

Die Big-Koalition gab im Herbst 2007 ihre Absicht bekannt, das Grundeinkommen in Otjivero einzuführen. Auf dem Platz in der Mitte des Dorfes, der von einem Kameldornbaum beschattet wird, stand der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Zephania Kameeta, 62, vor den versammelten Bewohnern und verkündete, dass bald jeder monatlich 100 Dollar erhalten werde. "Einige mögen jetzt denken, dass ich nicht die Wahrheit erzähle", sagte der Bischof. "Aber ich fahre nicht den langen Weg von Windhoek nach Otjivero, um zu lügen. Dafür bin ich zu alt."

Zephania Kameeta genießt in Namibia ähnliches Ansehen wie Bischof Tutu in Südafrika. Trotzdem habe ihm das halbe Dorf erst einmal nicht glauben wollen, berichtet einer der Lehrer in Otjivero, Engelhard Gawaxab, 42. Geld? Für jeden? Einfach so? Doch noch am gleichen Tag gingen Big-Mitarbeiter von Hütte zu Hütte und registrierten alle Einwohner - auch deswegen, weil man befürchtete, das Grundeinkommen werde viele arme Leute motivieren, kurzfristig ihren Wohnsitz nach Otjivero zu verlegen.

Das Komitee

Einige Wochen später kamen die Bewohner Otjiveros erneut auf dem Dorfplatz zusammen. Unter dem Kameldornbaum werden alle öffentlichen Angelegenheiten besprochen, und dieses Mal ging es darum, ein Komitee zu berufen, das die Sache mit dem Grundeinkommen in geregelte Bahnen lenkt. Als Vorsitzenden wählte das Dorf den ehemaligen Schuldirektor, Stephanus Aigowab.

Außerdem hat das Komitee einen Geschäftsführer, das ist der Lehrer Engelhard Gawaxab, es hat eine stellvertretende Geschäftsführerin, eine Sekretärin und einen stellvertretenden Sekretär, einen Pressesprecher sowie einen Stellvertreter für diesen - und neun Kontrolleure, die regelmäßig durch das Camp laufen, für Disziplin werben, die "Gemeinschaft beschützen" und "Fälle von Missbrauch" melden sollen.

So ist es in einem Papier festgehalten, das das Komitee verfasst und verabschiedet hat. Unter "Besondere Bemerkungen" hat es versucht, die Ernsthaftigkeit zu unterstreichen, mit der das Dorf das Projekt verfolgen will. "Das Big-Projekt ist einzigartig. Wenn wir versagen, wird ganz Namibia scheitern, und Afrika wird als Katastrophe gelten", heißt es dort.

Der Geschäftsführer Gawaxab tut jedenfalls jede Menge dafür, dass das Grundeinkommen in Otjivero ein Erfolg wird. Gerade ist die Sonne untergegangen, ein paar Straßenlaternen tauchen die Sandwege der Siedlung in gelbes Licht und spiegeln sich in Pfützen. Gawaxab begibt sich auf seine monatliche Ermahnungstour: einmal durch alle acht Kneipen, für ein kurzes Gespräch mit jedem Gastwirt.

Morgen wird wieder das Grundeinkommen ausgezahlt, und das Komitee möchte, dass die Shebeens nicht schon mittags anfangen, Schnaps auszuschenken. "Wir zwingen sie nicht. Wir reden nur mit ihnen", beteuert Gawaxab. Das allerdings in einem sehr bestimmten Ton: "Du hast doch davon gehört, dass morgen die Auszahlung ist und Alkohol erst abends verkauft werden soll?" Gawaxab trifft an diesem Abend auf keinen nennenswerten Widerstand.

Die Big-Koalition steht in Otjivero vor einem Dilemma: Jemandem vorzuschreiben, was er mit seinem Geld zu tun und zu lassen hat, widerspricht der Philosophie des Feldversuchs. Auf der anderen Seite gibt es keine Argumente für das Grundeinkommen, wenn es von seinen Empfängern vor allem in Alkohol umgesetzt wird. Die soziale Kontrolle, die sich das Dorf mit dem Komitee selbst auferlegt hat, ist deswegen ein echter Glücksfall.

"Ohne Komitee", ist sich Gawaxab sicher, "wäre die erste Auszahlung eskaliert." Da seien die Dorfbewohner "wie die Kinder" gewesen, erinnert er sich. "Viele hatten Angst, nichts zu bekommen." Sonst dauere es immer eine halbe Stunde, bis alle auf dem Dorfplatz zusammenkommen. Doch an diesem Tag seien sie innerhalb von zwei Minuten da gewesen. Später muss die Freude über den unverhofften Geldsegen vor allem unter den jungen Männern Otjiveros zu groß geworden sein. Die örtliche Polizei berichtet, in der Nacht nach der ersten Auszahlung seien vier Personen vorläufig festgenommen worden, und es habe deutlich mehr "ungebührliches Verhalten" gegeben als sonst.

Der Farmer und der Bischof

Hätten die weißen Farmer in der Gegend einen Wunsch frei sie wünschten sich wahrscheinlich Otjivero weit weg. Vor allem wegen der Schlingenlegerei. Und jetzt auch noch das Grundeinkommen: Sigi von Lüttwitz sagt, dass es alles noch schlimmer mache. Er, dem 11 000 Hektar Land gehören, schiebt seinen grünen, ausgefransten Hut in den Nacken und schimpft: "Das Schlimme ist, die haben sieben Kinder, bekommen jetzt 900 Dollar, die fragen sich doch, warum soll ich noch arbeiten? Die Menschen hier haben keine Ausbildung, und sie haben nicht gelernt, dass man auch was leisten muss, wenn man was verdienen will."

Am Straßenrand, ein paar Kilometer vor Otjivero. Von Lüttwitz und Bischof Kameeta stehen sich gegenüber. Der Gottesmann - hellblauer Anzug, weißes Baseballcap mit Kirchenemblem - verzieht keine Miene, während der Farmer auf ihn einredet. Zufällig haben sie sich getroffen: Kameeta ist mit einem Begleit-Tross auf dem Weg in die Siedlung, von Lüttwitz will aufs Feld. Der Farmer fuhr mit seinem Pick-up vorbei, sah den Bischof am Straßenrand pausieren und hielt an. Jetzt will er ihn überzeugen, dass es so nicht weitergeht. Von Lüttwitz sagt, dass die Leute in Otjivero zu viel trinken. Dass die Kriminalität zugenommen hat. Dass die Dorfkinder den ganzen Tag auf der Straße herumlungern. Er kann nichts Positives an Otjivero entdecken. "Geld allein löst das Problem nicht, Bischof, Sie müssen reden, reden, den Leuten sagen, worum es tatsächlich geht."

Zephania Kameeta spricht anders über Otjivero. Der Bischof hört "viele gute Nachrichten" aus der Siedlung. Dass jetzt mehr Kinder zur Schule gehen als vorher. Dass die Leute endlich genug zu essen und die Aidskranken das Geld haben, um Bahnfahrkarten nach Gobabis zu bezahlen, wo sie ihre Medikamente einmal im Monat abholen müssen. Kameetas Geschichten über Otjivero haben mit den Geschichten, die von Lüttwitz erzählt, nichts zu tun. Es ist, als sprächen der Bischof und der Farmer über unterschiedliche Orte. Als gäbe es einen schwarzen und einen weißen Blick auf Otjivero und das Grundeinkommen.

Hier die Chancen, da nur Probleme.

"Ich werde alles überprüfen", sichert Kameeta zu. "Vielleicht bekommen Sie jetzt einen falschen Eindruck, Bischof", beteuert von Lüttwitz. "Ich will Teil der Lösung sein."

Der Bischof behält seinen Eindruck für sich, steigt in einen Geländewagen und fährt weiter.

Der Profiteur und der Chef

Wie Sigi von Lüttwitz hält auch Hardy Köhler das Grundeinkommen für keine gelungene Idee: "Da wurde die Erziehung übersprungen." Andererseits findet Köhler es aber auch gut. Wegen des Umsatzes.

Köhler, 42, lebt in Omitara, rund fünf Kilometer weg von Otjivero. Er führt dort einen Laden: Lebensmittel, Schrauben und Werkzeug, Zigaretten, Kaugummis, Deoroller, Zahnpasta, Cola und Bier, Zaundraht, Wellblech, Rohre, Baumaterial. Es ist das einzige richtige Geschäft zwischen Windhoek und Gobabis.

Omitara besteht nur aus diesem Laden und einer kleinen Polizeistation. Köhler - braun gebrannt, Dreitagebart, olivgrünes T-Shirt, kurze graue Hose - hat das Geschäft erst vor ein paar Monaten übernommen. Das Big-Projekt spielte dabei eine große Rolle. Denn Köhler hat ausgerechnet, dass an jedem Auszahlungstag 100 000 Namibia-Dollar unters Volk gebracht werden. Davon möchte er möglichst viel abgreifen. Am besten alles.

"Am liebsten würde ich hundert Prozent von dem Geld umsetzen", sagt Hardy Köhler. Er sitzt auf seiner kleinen Veranda hinter dem Laden, beobachtet einige seiner schwarzen Mitarbeiter, die gerade Baumaterial auf einen Pick-up laden, und erläutert sein Geschäftsmodell so anschaulich wie nur möglich: "Ich bin ein Aasgeier. Alle sind das. So funktioniert Wirtschaft." Doch nach der ersten Auszahlung wurden Köhlers Hoffnungen bitter enttäuscht: "Von den ersten 100 000 habe ich nur 4000 Dollar gesehen", berichtet er. Was ihn zu der Vermutung führte, dass das ganze Geld vertrunken worden sei. Diesen Verdacht äußerte er dann in der Presse.

"An meinem Umsatz messe ich, ob das Projekt Erfolg hat", sagt Hardy Köhler. Inzwischen schickt er einen Mitarbeiter mit einem Lastwagen in die Siedlung, wenn das Grundeinkommen ausgezahlt wird. Der fährt die Bewohner zu Köhlers Laden und wieder zurück: "Solange die hier etwas kaufen, ist der Taxidienst umsonst." Am zweiten Auszahlungstag machte er so 30 000 Dollar Umsatz.

Auf dem Tresen in seinem Laden hat Köhler viermal den gleichen Zettel befestigt. "Ou Skuld" - alte Schuld, steht darauf. Darunter eine Liste mit Namen. Es ist auf dem namibischen Land normal, auf Pump einzukaufen. Doch irgendwann will Köhler das Geld dann auch sehen. Um alles ein bisschen zu beschleunigen, stellt er seine hartnäckigsten Schuldner an den Pranger.

Auf Köhlers Liste, ganz unten, findet man auch den Komitee-Chef Stephanus Aigowab. Der ist ebenfalls unter die Kaufmänner gegangen und hat in Otjivero einen Laden eröffnet, sich dabei aber verrechnet. Die Waren kamen erst mal von Köhler, auf Kredit. "Ich dachte, ich habe dann jemanden drüben im Dorf, der für mich verkauft", sagt Köhler. Jetzt wartet er darauf, dass Aigowab ein paar Tausend Namibia-Dollar Schulden begleicht.

Stephanus Aigowab selbst spricht nicht so gern über die Sache. Er redet lieber über das Grundeinkommen, dessen Vorzüge er sehr gut erklären kann. Zu Hardy Köhler nur so viel: Der habe ihm den Rückzahlungszeitraum gekürzt. Außerdem sei dessen Laden teuer: "Die Leute hier sind arm. Wenn jemand Profit machen will, soll er in die Stadt gehen."

Der ehemalige Schuldirektor ist einer der wenigen im Dorf, die in einem Steinhaus leben, er bekommt eine ordentliche Pension, er hat einen Fernseher und eine Satellitenschüssel. Sein Laden ist in einem kleinen Nebengebäude. Die Regale sind leer. Morgen oder übermorgen will er wieder neue Waren holen, dieses Mal aber aus Gobabis oder Windhoek.

Dass er mit dem Laden auch Profit machen wollte, erwähnt Aigowab nebenbei. Er sieht sein kaufmännisches Engagement eher selbstlos: "Mein Hauptziel ist, den Shebeens Konkurrenz zu machen." Denn die Kneipen verkaufen auch Lebensmittel wie Zwiebeln, Brot oder Mehl, und wer dort einkauft, so Aigowabs Überlegung, kauft dann vielleicht auch ein Bier. Aigowab verkauft hingegen keinen Alkohol. Kein Schnaps, keine Versuchung. Sein Laden wird von der Big-Koalition als großer Erfolg verbucht.

Das Geld

Am dritten Auszahlungstag, dem 14. März 2008, wartet Hardy Köhlers Lastwagen vor dem Schulgelände. Weil es regnet, findet die Ausgabe des Grundeinkommens dieses Mal nicht auf dem Dorfplatz, sondern in einem Klassenzimmer der Schule statt. Im Klassenraum nebenan singen die Schulkinder laut und ausdauernd. Draußen, unter dem Vordach des gelb gestrichenen Schulgebäudes, stehen die Bewohner Otjiveros geduldig in der Schlange. Es gibt keine Streitereien und kein Gezänk - auch in der Nacht wird es ruhig bleiben. Die Leute von Otjivero haben sich an den monatlichen Geldsegen gewöhnt.

Um Geld zu erhalten, braucht man eine Plastikkarte mit Passbild und muss dann an einem Computer per eingelesenem Fingerabdruck nachweisen, dass man tatsächlich die Person auf dem Foto ist. Dann rumpelt es ein wenig in der Geldmaschine, die das Unternehmen Paymaster an diesem Morgen herangekarrt hat, und das Geld kommt durch einen Schlitz wie an einem Bankautomaten zum Vorschein. Vor dem Schulgebäude sitzt ein Paymaster-Wachmann mit einem altertümlichen Gewehr und langweilt sich.

Ein Streifzug durch die Hütten an diesem Tag zeigt, wofür das Grundeinkommen bisher ausgegeben wurde: für Maismehl, Öl, Zucker und Fertigsuppen. Für eine Mikrowelle, einen Radiorekorder, für Kleidung, Putzmittel, Zahnpasta, Handys. Für Wellblech, damit das Dach endlich dicht ist. Für alles Mögliche. Das Grundeinkommen hat viele Bewohner Otjiveros von der größten Not befreit. "Die Bettelei hat so gut wie aufgehört", berichtet Gawaxab. Niemand könne sich mehr darauf berufen, kein Geld zu haben. Wer keins hat, hat schlecht gewirtschaftet. Darauf achtet das Dorf jetzt.

Der Großteil des Grundeinkommens wird konsumiert - was bei der Armut in Otjivero keine Überraschung ist. Ein Teil wird aber auch investiert. In eine Bahnfahrkarte, um weit weg von Otjivero nach einem Job zu suchen. Oder in Bildung. Schulleiterin Rebecca Geremia, 48, wundert sich darüber, dass die Mehrzahl der Eltern inzwischen das Schulgeld von 50 Namibia-Dollar bezahlt hat. Das ist noch nie passiert. "Sonst sagen alle immer, wir haben gerade nichts, wir bezahlen demnächst - und dann sieht man sie nie wieder", berichtet Geremia. Sie kann jetzt Toner und Kopierpapier kaufen, auch für das Streichen der Klassenzimmer reicht es noch.

Die Eisverkäuferin Lena Nanus hat inzwischen mehrere Konkurrenten im Dorf, und Alfred Nuseb, 30, geht jetzt regelmäßig durch das Camp und bietet Fireballs an, das sind scharf gewürzte Erdnussflips, die er in 2,5-Kilo-Portionen einkauft und dann in kleine Tüten abfüllt. Natalia Molelekeng, 52, backt seit Januar regelmäßig Vetkoeks neben ihrer Hütte. Dazu benötigt sie eine Schüssel mit heißem Fett, Weizenmehl, Hefe und Zucker. Bis vor Kurzem hatte Molelekeng ihre Vetkoeks ausschließlich für die Arbeiter auf einer Farm gebacken. Doch seit in Otjivero mehr Geld im Umlauf ist, lohnt es sich für sie auch hier.

Nur der Komitee-Chef Aigowab hat sich - gegenläufig zum Dorftrend - vorgenommen, Geschäfte "erst einmal langsamer" anzugehen.

Die Zukunft

Das Grundeinkommen in Otjivero ist ein Experiment, aber auch Teil einer politischen Kampagne. Mit positiven Nachrichten aus dem Dorf wollen Kirchen, Gewerkschaften, Aidshilfe und Nichtregierungsorganisationen den Staat unter Druck setzen. Ob sie das Grundeinkommen im Land durchsetzen können, hängt vor allem davon ab, wie viel Gehör sie im Kabinett finden.

Bisher war die Resonanz allerdings verhalten. Der Präsident hat sich noch nicht öffentlich geäußert. Der Ministerpräsident sagt, das Grundeinkommen sei zu teuer. Der Internationale Währungsfonds IWF, der einmal im Jahr mit der Regierung Gespräche führt, findet das auch: Das Grundeinkommen könne die finanzpolitische Stabilität des Landes gefährden.

Die U N-Kommission für soziale Entwicklung sieht im namibischen Grundeinkommen hingegen ein "Best-Practice-Beispiel". Neben den Vereinten Nationen hat Bischof Kameeta derzeit auch noch einen ehemaligen Ministerpräsidenten Namibias und den derzeitigen Parlamentssprecher auf seiner Seite. Noch hat Kameeta nicht genug Truppen, um zu gewinnen.

Die Big-Koalition hat durchgerechnet, wie viel ein landesweites Grundeinkommen jährlich kosten würde, und kommt in einer von mehreren Modellrechnungen auf 1,25 Milliarden Namibia-Dollar (rund 107 Millionen Euro). Das wären die Nettokosten. Eingerechnet ist hier schon, dass Empfänger der staatlichen Renten kein Basic Income Grant bekommen und 40 Prozent der Haushalte in Namibia das Grundeinkommen über das Steuersystem wieder zurückzahlen müssten. Insgesamt, so die Koalition, reichen 2,2 bis 3,8 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, um die Armut in Namibia zu besiegen.

Ein Ziel, gegen das niemand sein kann. Eine Größenordnung, die wohl verkraftbar wäre. Kein großer bürokratischer Aufwand, keine hohen Verteilungskosten. Wenn das Grundeinkommen in Namibia scheitert, dann eher an grundsätzlichen Bedenken: "Unsere Regierung argumentiert im Moment wie die Farmer. Man gibt Leuten nur dann Geld, wenn sie arbeiten", sagt Zephania Kameeta.

In Otjivero wird das Grundeinkommen in jedem Fall bis Ende 2009 ausgezahlt. So hat es Bischof Kameeta unter dem Kameldornbaum versprochen. Wird die Reform dann nicht landesweit umgesetzt, könnte für viele im Dorf wieder der tägliche Existenzkampf beginnen. Wer klug ist, sorgt deswegen vor. Lena Nanus hat bereits eine Ziege für 300 Namibia-Dollar gekauft. Die wird auch noch Milch geben, wenn kein Geld mehr vom Himmel fällt. ---

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