Ausgabe 03/2008 - Schwerpunkt Tempo

Aus der Krise kommt die Kraft

brand eins: Herr Bordt, Sie sind Jesuit. War das schon Ihr Jugendtraum?

Michael Bordt: Nein, ich wollte Künstler werden, sonst gar nichts. Ich habe an der Schule Theater gespielt, einen Leistungskurs in Musik belegt und zum Abitur ein Stück in Zwölftontechnik komponiert. Musiker werden, dirigieren, die Oper, das war mein Ziel.

Wieso ist daraus nichts geworden?

Nach der Schulzeit wollte ich etwas Sinnvolles tun. Also habe ich Zivildienst geleistet, und zwar in einem Heim für geistig und körperlich Behinderte, das ich mir selbst ausgesucht hatte. In diesem Heim hatte ich die erste konkrete Begegnung mit sehr starken Aggressionen. Das, was ich dort erlebt habe, hat mich in eine tiefe Krise gestürzt. Ich merkte, ich kann dem nichts entgegensetzen. Ich hatte das Gefühl, mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen; die Musik, die Kunst trägt mich nicht mehr, fängt mich nicht auf. Sie müssen wissen, ich bin sehr behütet aufgewachsen. So etwas hatte ich nie zuvor erfahren und mir auch nicht vorstellen können. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass mich etwas so an meine Grenzen bringen würde.

Wie haben Sie dieses Erlebnis überstanden?

Ich bin zu jener Zeit, mit 21 Jahren, in Hamburg mit einer charismatischen freikirchlichen Gruppe in Berührung gekommen. Da habe ich eine sehr tiefe religiöse Erfahrung gemacht. Ich wusste damals nichts damit anzufangen für mein Leben. Die Scheuklappen und die geistige Enge dort haben mich außerdem gestört. Aber immerhin, nach dem Zivildienst habe ich begonnen, Theologie zu studieren, zuerst in Hamburg, dann in Frankfurt.

Etwa um Priester zu werden?

Daran habe ich gedacht, ja. Bis wieder die Zweifel kamen und die nächste Krise: Was sollte ich mit meinem Leben anfangen? Denn je mehr ich mich mit den Zwängen und Konflikten beschäftigt habe, denen ein Pfarrer ausgesetzt ist, desto absurder erschien mir die Vorstellung. Ich wusste, ich war nicht der richtige Mann, um eine Gemeinde zu leiten. Also habe ich nach einem Semester das Seminar wieder verlassen, habe draußen gewohnt, noch das Vordiplom in Theologie gemacht und bin dann nach München gezogen, um Philosophie zu studieren.

So weit, so normal, wenn junge Leute ihr ursprüngliches Ziel aus den Augen verlieren, nach Lebenssinn suchen, sich nirgends aufgehoben fühlen und wie auf der Flucht vor etwas ständig unterwegs sind. Könnte man "erwachsen werden" nennen.

Den Rat "Werde erst mal erwachsen - bewähre dich im Leben! " hat mir damals tatsächlich der Novizenmeister in Taizé gegeben. Ich wollte in die Gemeinschaft von Taizé eintreten. Die nahmen mich aber nicht auf. Das hat mir zu schaffen gemacht. Denn ich habe mich nach einem sicheren Ort gesehnt, nach Geborgenheit.

Und diesen Ort haben Sie in der antiken Philosophie gefunden?

Ja, als eine Art geistiger Heimat, in der ich leben konnte.

Haben Sie sich nie um einen bürgerlichen Beruf Gedanken gemacht, mit dem man Geld und seinen Unterhalt verdient?

Ich war nie einer, der sich gern mal etwas leistet oder von einem Auto träumt oder einer großen Urlaubsreise. Und das gilt auch für alle anderen um mich herum: Philosophen kümmern sich um so etwas tendenziell kaum. Als Student habe ich natürlich gejobbt, zwei, drei Jahre lang Telefondienst bei einer Versicherung gemacht, die Autoschutzbriefe verkauft. Bei den Mitarbeitern dort habe ich mich gefragt: Wie kann man nur so leben, sich Monate, Jahre im Büro einsperren lassen, zufrieden sein mit einer stumpfsinnigen Tätigkeit, sich sogar mit der Firma identifizieren? Ich fand das gruselig.

Haben Sie an der Hochschule für Philosophie in München gefunden, wonach Sie so lange gesucht haben?

Ich fühle mich hier wohl und richtig aufgehoben, in der Arbeit mit Studenten wie im Zusammenleben mit den anderen Jesuiten; in den Exerzitien, in Stille, Einsamkeit und Meditation und genauso in der Philosophie, die Ruhe, Muße, Kontemplation und größtmögliche Klarheit braucht, zum Nachdenken, Lesen und Schreiben. Nur seit ich zum Rektor gewählt worden bin, ist es häufig das genaue Gegenteil, nämlich Wirbel und Hektik.

Ist das nicht auch manchmal eine willkommene Abwechslung?

Natürlich. Es ist oft sehr spannend, Menschen aus Politik, aus Wirtschaft und Gesellschaft kennenzulernen. Wir bieten Weiterbildungen für Führungskräfte an, die in einer ganz anderen Welt leben als wir. Aber man merkt dann, dass die Grundfragen an das Leben doch ähnlich sind. Wir haben eine Stiftung, um die Zukunft der Hochschule finanziell abzusichern. In zehn Jahren brauchen wir zehn Millionen Euro, um die Arbeit hier weiterführen zu können. Das ist eine Herausforderung, die viel Kraft kostet. Aber das Amt des Rektors ist, wie bei den Jesuiten für die Oberen üblich, auf maximal sechs Jahre begrenzt. Eine weise Regel, weil sie Burnout und Amtsmüdigkeit vorbeugt, Trägheit, Routine oder Gewöhnung an die Macht. Ich bin gespannt, ob ich nach dieser Zeit ohne Weiteres wieder ins kontemplative Leben zurückfinde. Manch einer soll ja unzufrieden werden, wenn plötzlich gar nichts mehr passiert.

Kann man den Orden ohne Weiteres wieder verlassen?

Ja, schon. Etwa die Hälfte derer, die ins Noviziat eintreten, wenden sich wieder ab, unter Umständen auch erst nach vielen Jahren. Das ist genau wie in anderen menschlichen Beziehungen.

Sind Sie glücklich?

In der Anthropologie, einem meiner Fächer, bringe ich den Studenten bei, dass wir nicht von einem glücklichen, sondern von einem gelungenen Leben sprechen. Es geht nicht um etwas, das einem von außen zufällt, das einen satt und träge macht. Leben heißt Aktivität, Bewegung, Veränderung. In diesem Sinne empfinde ich, bei allen Krisen und Schwierigkeiten, die ich durchlebt habe, eine ganz tiefe Zufriedenheit. Und ich habe das Gefühl, dass mein zweites Jahrzehnt als Jesuit viel einfacher war als das erste. Was zusammenhängt mit dem Prozess der Reife und des Meditierens, mit der Stille und den Exerzitien, wenn man an Punkte in seinem Innern kommt, die sehr dunkel sind und sich nur langsam entwickeln, bis man spürt, man wird frei.

Reife stellt sich also nicht ein wie am Apfelbaum: einfach abwarten, irgendwann ist jeder reif. Reife verlangt Arbeit und Konfrontation?

Ich nenne es lieber "sich aussetzen": das bewusste Aushalten dessen, worauf man nur stößt, wenn man zur Ruhe kommt und in sich hineinhört. Ich kann nur leben, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mir die Zeit nehme, um mit den Dingen, die auf mich zukommen, auf eine gute Art und Weise fertig zu werden. Ich bin mir bewusst, welch ein Luxus das ist: Ich werde durch den Orden getragen, muss mir keine finanziellen oder existenziellen Sorgen machen, habe Zeit zum Nachdenken und Meditieren. Wenn es gut läuft, fühlt man sich am Ende solch eines langen Prozesses frei. Nicht weil man plötzlich eine neue Antwort parat hätte auf Fragen von der Art: Was ist der Sinn des Lebens? Es ist vielmehr so, dass sich die Unruhe in einem legt, dass selbst die Fragen zur Ruhe kommen.

Neuerdings haben Sie häufiger Kontakt mit Unternehmern und Managern. Geht es denen auch um Reife?

Das schon, allerdings haben einige von ihnen manchmal absurde Vorstellungen: Denen muss es möglichst schnell, schnell, schnell gehen, man macht eine intensive Erfahrung, ändert seine Persönlichkeit, wird ein anderer Mensch. Aber ich bestehe darauf: Innere Prozesse wirklich anzugehen, das setzt eine Menge voraus, auch viel Zeit. Vielleicht ist das der wesentliche Unterschied zwischen uns und der bürgerlichen Umgebung, in der suggeriert wird, dass jemand mit der Volljährigkeit im Wesentlichen erwachsen und reif ist. Er erlernt einen Beruf oder studiert, gründet eine Familie - fertig. Wir sehen das anders.

Also keine Reife im Crash-Kurs, eine Woche Einkehr im Kloster, womöglich schweigend, und alles wird gut?

Es wäre schon ein wichtiger Schritt, wenn jemand in solch einer Woche Zugang zu seinem Inneren fände, wenn er sich wahrzunehmen lernte; wenn er zum Beispiel merkte, dass er Stille nicht aushält und wieso das so ist. Wie er heiß läuft, weil er ständig an Aufträge, Vorgaben, Termine, Zwänge denkt. Wenn er sich spürt und ein Bewusstsein davon hat, wie es ihm geht. Wenn er sich klarmacht, wie er mit Leuten umgeht, mit denen er arbeitet. Es ist eine Frage der Haltung, ob jemand das aus dem Kloster mitnimmt, als Anfang auf einem vielleicht lebenslangen Übungsweg.

Philosophie spielt unter den Brotberufen keine Rolle. Als Studienfach ist sie sehr anspruchsvoll. Wer ist eigentlich dafür geeignet?

Ich mache meinen Studenten Mut, sich einzulassen auf Veränderungen, die sie aushalten sollen, auch wenn es wehtut; oder wenn sie sich Vorwürfe anhören müssen wie "Du solltest langsam mal wissen, was du willst". Ich sage ihnen: Ein Zeichen dafür, dass Sie eine Begabung zur Philosophie haben, ist, dass Sie wirklich in eine tiefe Krise kommen. Machen Sie sich darauf gefasst, laufen Sie nicht davon. Bejahen Sie den Reifeprozess, der durch eine Krise geht. Wenn ich auf meine eigenen Krisen zurückblicke, so scheint mir, dass ich sie damals geradezu gesucht habe, ohne es zu wissen; dass ich gespürt habe, es ist Zeit dafür.

Wer ernsthaft mit dem Philosophiestudium beginnt, der bringt schon eine gewisse Krisenbereitschaft mit. Es geht in dieser Wissenschaft um Fragen, die an einem nagen und zerren, die eine Antwort verlangen. Und wenn man mit einer Krise direkt konfrontiert wird, kommt es zum Ausbruch. Reifen bedeutet also für mich: durch Krisen gehen und Schwierigkeiten meistern; mehr über sich erfahren; sich kennenlernen; leben können, was in einem angelegt ist.

Ist es wichtig, dass man diese Erfahrung allein mit sich ausmacht?

Natürlich nicht. Beziehungen zu anderen Menschen, die wirklich an einem interessiert sind, können helfen, Gefühle und Gedanken im Gespräch zu ordnen und zu klären. Wichtig ist Vertrauen, dass die Frage "Wie geht es dir?" nicht als Floskel, sondern aufrichtig gemeint ist, um sich zu öffnen. Ich glaube, dass man viele innere Krisen wirklich nur an sich herankommen lässt und daran reift, wenn man fühlt, dass man gehalten wird. Ohne Vertrauen geht das nicht. Das geschieht in tiefen menschlichen Beziehungen, aber auch beim Meditieren, in Exerzitien. Denn darum geht es in der Religion im Grunde. Eigentlich geht es darum im Leben überhaupt. -

Seit drei Jahren ist Michael Bordt, 48, Rektor der Hochschule für Philosophie in München, die seit ihrer Gründung vor 83 Jahren von Jesuiten geführt wird. Bordt lehrt die Fächer Ästhetik, Anthropologie und Philosophie. Die Hochschule genießt großes Ansehen für ihre Ausbildung: 535 Studierende (41 Prozent weiblich) werden von 25 Jesuiten und 30 Lehrbeauftragten unterrichtet (Relation 10:1; Bundesdurchschnitt 60:1). Während die Abbrecherquote im Hauptfach Philosophie an staatlichen Hochschulen bei 90 Prozent liegt, geben bei den Jesuiten in den beiden ersten Semestern nur 40 Prozent der Studierenden auf. Außerdem ist die durchschnittliche Studiendauer drei Semester kürzer. Jeder dritte Philosophie-Absolvent in Bayern legt hier sein Examen ab. Information: www.hfph.de

Mehr aus diesem Heft

Tempo 

Tendenz zum Aktionismus

Wer je mit einem Konzern zu tun hatte, weiß: Dort mahlen die Mühlen langsam. Wer je mit Utz Claassen zu tun hatte, weiß: Der Mann ist schnell. Wie geht das zusammen? Ein Gespräch mit dem ehemaligen EnBW-Vorstandschef, zurzeit Privatier, über die Kunst

Lesen

Tempo 

Die Wissenschaft hat festgestellt

Eine beliebte Form der Zeitverschwendung sind Studien. Sie halten nicht nur die unmittelbar Beteiligten von sinnvoller Arbeit ab. Sondern auch uns alle, die wir ihnen glauben.

Lesen

Idea
Read