Ausgabe 09/2008 - Schwerpunkt Mythos Leistung

Die neue Leistung

1. Die Leistungsgesellschaft

Wir leben in Zeiten des Wohlstands. Niemand geht mehr vor die Hunde, weil er weniger oder gar nichts leistet. Darüber sollten wir uns eigentlich freuen. Nur: Es ist schwierig geworden, Leistung nach alten Kriterien zu messen. Es fehlt was. Es fehlt der Lohn der Leistung, der früher "Überleben" hieß. Und das bringt die Menschen erstaunlicherweise ganz schön in Wallung.

Warum sonst strengen sich immer mehr Leute freiwillig an, in ihrer Freizeit, erbringen dort persönliche Höchstleistungen, laufen bis zum Umfallen? Wie ist das zu erklären? Liegt es vielleicht daran, dass es immer schwieriger wird, Leistung, die eigene wie auch die von anderen, richtig einzuschätzen? Warum misst sich jeder mit jedem? Warum suchen wir so nach der messbaren Leistung?

Die Antwort ist einfach: Wir kennen nichts anderes. Obwohl wir schon längst etwas anderes tun. Die messbare Leistung ist es, die den Begriff der Leistungsgesellschaft prägt.

Der taucht in Deutschland in den sechziger Jahren auf, in einer Zeit also, in der zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ein umfassender Wohlstand herrscht. Es ist eine Zeit, in der Leistung scheinbar noch ganz handfest ist. Man kann sie sehen. Es sind die Wiederaufbauleistungen der Nachkriegsgeneration, der Wirtschaftswunder-Bürger, die man bestaunen kann. Es sind die Autos, die sich immer mehr Leute leisten können, die Würstchen, die es für alle gibt, das Fleisch, das jetzt auch für die Leute, die man noch vor Kurzem Normalverbraucher nannte, auf dem Teller liegt. Den Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre kann man sehen, greifen, essen. Da herrscht kein Zweifel.

In dieser Zeit lernen die, die heute in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und sonst wo das Sagen haben, die Kinder der Wirtschaftswunder-Bürger, zum ersten Mal die andere Seite der Leistung kennen, die dunkle Seite sozusagen, die wir bis heute noch nicht richtig ausgeleuchtet haben. Es sind Szenen, die sich in Hunderttausenden Haushalten abspielen. Zu ihnen gehört eine Phrase, die von den Vätern dieser Zeit gern benutzt wurde. Wann immer ihnen etwas an ihren Kindern nicht passte, etwa, dass sie die Haare länger trugen als bis zum Hemdkragen oder andere Musik hörten als Peter Alexander, sagten sie den Satz: "Leiste du erst mal was!"

Es ist kein Wunder, dass diese Generation, die man leichtfertig auch als 68er-Generation bezeichnet, in Sachen Leistungsbegriff eine leichte Neurose abbekommen hat. Es war diese Generation, die später Begriffe wie Leistungsdruck populär machte, von einer brutalen Leistungsgesellschaft sprach und bis heute hinter Menschen, die man Leistungsträger nennt, widerliche Antreiber und Ausbeuter vermutet. Diese Bilder rund um die Leistung haben sich verfestigt. Und dann wäre da noch das schöne deutsche Wort Leistungsgerechtigkeit, in dem der ganze Kosmos um den Leistungsbegriff aufgeht.

Aber ist es ein Wunder? Der Satz der Alten gegen die Jungen war schließlich auch perfide, ein Totschlagargument. Denn was hätten die Kinder der ersten Wohlstandsgeneration an Sichtbarem leisten können?

Alles, was sie umgab, wurde von einer, auch heute wieder verherrlichten, Aufbaugeneration geschaffen, die sich mit ihren Errungenschaften brüstete. War es wirklich eine solch große Leistung, ein Land, das man vorher mit zerstört hatte, mithilfe des Marshall-Plans wiederaufzubauen? Die damals junge Generation war die erste, die die neue Leistungsklasse erahnen musste. Es war klar: Wer sich die Hemdsärmel hochkrempelt und schafft wie verrückt, zählt zu den Guten. Die Arbeit, die dabei geleistet wird, muss wehtun, sie macht nicht fröhlich, und niemand würde behaupten, dass sie toll ist. Aber es ist sichtbare Arbeit. Handfest. Nur, was kommt danach?

Es ist vielfach beschrieben worden, wie schwer sich unsere Kultur mit Arbeit tut, die mit dem Kopf verrichtet wird und die man Wissensarbeit, intellektuelle Tätigkeit und Geistesleistung nennt. Arbeit also, die nicht handfest, sichtbar oder messbar ist. Wir haben kein Maß für die Leistung von heute. Nach welchen Kriterien wird Leistung beurteilt, die nicht mehr unter nacktem Existenzdruck entsteht? Was ist Leistung in Zeiten des Wohlstands und der Entwicklung? Das sind wichtige Fragen, denn sie unterscheiden die alte Leistung, die Muss-Leistung, von der Kann-Leistung, die heute zählt. Die Kann-Leistung ist unsere Arbeit. Sie kann nicht vage, beliebig, ungeliebt bleiben, denn sie sichert unsere Existenz.

2. Die alte Leistung

Was man sehen, greifen und fühlen kann, lässt sich einfach messen, und das ist für die alte Arbeit und die alte Leistung das wichtigste Kriterium: Messbarkeit, Kalkulierbarkeit, Berechenbarkeit ohne jede Art von Interpretation. Ob dagegen das Bild eines Künstlers hundert oder eine Million Euro wert ist, wird allein der Marktwert bestimmen, der durch die Nachfrage an diesem Kunstwerk entsteht. Die Leistung, die hinter dem Bild steckt, spielt dabei kaum eine Rolle. Es gibt wohl nur wenige Sammler, die beim Kauf eines Bildes überlegen, wie lange der Maler daran gearbeitet hat, ob er sich dabei auch richtig angestrengt und sich viele Nächte um die Ohren geschlagen hat, bis das, was jetzt auf der Leinwand ist, zum Kunstwerk wurde.

Der größte Teil der menschlichen Arbeit, die seit der Industrialisierung geleistet wurde, war messbar. Es zählten Stunden, Menge, Output. Die Entlohnung von Fließbandarbeitern erfolgt nach Stückzahl. Die Leistungsbeurteilung vieler Angestellter erfolgt nicht nur, aber nach wie vor überwiegend nach der Zeit, die sie am Arbeitsplatz anwesend sind. Man bezahlt Überstunden - nicht das, was in den Überstunden gemacht wurde.

Das hat durchaus Vorteile: Wenn menschliche Leistung gemessen werden kann - und damit der Vergleich zur Maschine möglich ist -, dann ist sie berechenbar. Man kann mit ihr planen und die benötigte oder gewünschte Leistung bereits in der Unternehmensbilanz kalkulieren. Allerdings geht das eben nur dort, wo mechanische Arbeit geleistet wird und Veränderungen durch technischen Fortschritt ignoriert werden. Solche Leis-tungs-Berechnungen dienen der Sicherheit des Bestehenden. Einfach und klar sind sie nur in der Physik und auch nur, solange die theoretisch bleibt. Hier gilt, dass Arbeit die Energiemenge ist, die bei einem Vorgang umgesetzt wird. Das ist eine schöne kompakte Formel - die allerdings ins Gestern verweist. Wichtig war, dass etwas bewegt wurde. Was bewegt wurde, stand auf einem anderen Blatt. Und das hatte durchaus seine Logik: In den Zeiten, in denen es darum ging, hart zu rackern, um zu überleben, war schiere Kraft, Leistung, spielentscheidend.

Mehr Soldaten und mehr Waffen bedeuteten mehr Macht. Und diese Kraft war nicht nur im Krieg entscheidend, sie war im täglichen Leben unverzichtbar. Alles, was man tat, kostete eine Menge Energie, war aufwendig. Jagen, Fischen, Landwirtschaft, Handwerk - Leben und Rackern war eins.

3. Pferdeverstand

Die gesellschaftliche Entwicklung ist eben kein Kindergeburtstag.

Und so ist es auch kein Wunder, dass es in der menschlichen Kulturgeschichte immer nur um eines ging: sich einen Teil dieser Arbeit zu ersparen. Deshalb wurden Werkzeuge und Methoden ersonnen und sehr früh, so vor 6000 bis 4000 Jahren vor Christus, die ersten Arbeitsmaschinen eingesetzt. Kulturwissenschaftler nennen sie "die großen fünf". Es sind biologische Kraftpakete, die sich vielfältig nutzen lassen: Schwein, Rind, Schaf, Ziege und Pferd. Unter diesen Biomaschinen, die menschliche Arbeit ersparen, sticht das Pferd besonders hervor. "Wir rackern wie ein Pferd" ist mehr als eine Phrase, sie fasst zusammen, wie wichtig dieses Tier für die Entwicklung des Menschen war. Man konnte das Pferd vor den Karren spannen, mit ihm pflügen und vor allem auch seine Kraft nutzen, um große, für Menschen nur schwer zurückzulegende Distanzen zu überwinden. Die Entwicklung von Handel, Zivilisationen und Kultur ist untrennbar mit dem Pferd verbunden. Warum muss man an Pferde denken, wenn man verstehen will, wie es um die alte und die neue Leistung bestellt ist? Diese Frage hat sich auch der schottische Erfinder James Watt gestellt, vor mehr als 200 Jahren.

Das Problem, vor dem Watt und sein Kompagnon Matthew Boulton standen, war, möglichst vielen potenziellen Käufern ihrer Dampfmaschinen klarzumachen, was diese Maschinen leisten konnten. Das klingt aus heutiger Sicht einfach. Damals war es eine Revolution. Wie sollte sich jemand schon vorstellen können, was eine rauchende, Dampf und Ruß spuckende Stahlkiste an Kraft bringen kann? Die meisten Leute fürchteten sich schlicht vor diesen Monstren. Watts Verdienste werden heute vor allem in der Verbesserung und Entwicklung der modernen Dampfmaschine gesehen, mit der das Industriezeitalter begann. Mindestens ebenso wichtig aber ist seine Rolle als der Mann, der verstand, dass man den Kunden maximale Sicherheit suggerieren muss, wenn man etwas Neues in die Welt bringt.

Man braucht einen Maßstab, etwas, woran man sich orientieren kann. Das gibt Sicherheit, ganz besonders, wenn sich der Maßstab an dem Bekannten, dem Alten, orientiert. Watts also wandte sich dem Pferd zu. Das Pferd war die Kraftquelle Europas, das auch die bekannten Maschinen in Kohlegruben und Mühlen antrieb. Watt errechnete, dass ein Pferd, das ein Mühlenrad antrieb, eine Last von 180 britischen Pfund zog und pro Minute eine Wegstrecke von 55 Metern zurücklegte. Kraft und Strecke multipliziert ergaben eine neue Krafteinheit, die Pferdestärke, kurz PS genannt. Das war genial. Jeder verstand nun, was es bedeutete, wenn eine Dampfmaschine 10, 20 oder gar 30 PS zu leisten imstande war. Bis heute löst allein das Wort PS ein Kribbeln aus. Es ist das Synonym für Kraft geblieben. Längst sind die PS durch eine neue Krafteinheit ersetzt worden, das Watt. Bis heute aber fragen Autokäufer nach den Pferdestärken, wollen die Kraft einer Maschine nach Rössern messen. Es ist einfach handfester, ein Relikt aus einer Zeit, in der alles sichtbare und messbare Kraft war. Ein Arbeiter in einer Fabrik schuftete bald wie ein Pferd, und so wurde auch seine Leistung bemessen. Wie viel PS hat ein Mensch?

Die Welt, in der James Watt lebte, gierte nach Normen und Standards, nach Verlässlichkeit. Zu lange hatte man unter Unsicherheit und Willkür zu leiden gehabt. Je nach Stadt, Region und Land wechselten die Maßeinheiten, mit denen gemessen und gewogen wurde. Revolution. Das bedeutete nicht nur eine Abrechnung mit den alten Herrschaften und ihren Herrscherlaunen. Das war vor allen Dingen auch eine Abrechnung mit ihren Normen, die ihre Macht repräsentierten. Nirgendwo ist der Sieg der Französischen Revolution, der Mutter aller Umbrüche dieser Zeit, so sichtbar wie beim Messen und Wiegen. Kilogramm und Liter und all die anderen metrischen Maßeinheiten sind ihr Produkt. Der Mann, der das an vorderster Stelle betrieb, hieß Pierre-Simon Laplace. Er war einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Laplace war so fest davon überzeugt, dass sich alles messen und wiegen lässt, dass er im hohen Alter einen "Dämon" fantasierte, eine Weltformel, mit der sich alle künftigen Ereignisse vorhersagen lassen sollten. Laplace war und ist der Schutzheilige aller Deterministen. Und dennoch hat dieser Laplace der Legende nach an der neuen Krafteinheit des James Watt gezweifelt. Als man ihm in Paris das neue Maß vorstellte, soll er gefragt haben: "Welches Pferd meint Monsieur Watt eigentlich?"

Ja, welches Pferd? Ein Hengst, ein Pony, ein Ackergaul? Eine alte Schindmähre oder ein Pferd, das seit Jahren die Mühle dreht? Ein Vollblut oder einen gemütlichen Isländer? Und selbst unter all diesen Rassen gibt es noch so markante Unterschiede, dass die wahre Pferdestärke zwischen 0,5 und 20 PS beträgt. Doch Unterschiede sind eben zu beseitigen, das ist ein revolutionäres Ziel, das heute allgemein anerkannt wird. Gleichheit ist aber nur durch Nivellierung zu erreichen. In dieser Gleichheit wird dann messbare Kraft fantasiert, beispielsweise in Autos, die 365 PS haben und bei 220 km/h abgeriegelt werden. Man könnte aber, wenn man könnte. Was denn eigentlich? So wurden die Muskeln der Industriegesellschaft tüchtig trainiert; nur das Großhirn kam zu kurz.

4. Die neue Leistung

Leistung ist der Weg, den wir bis zum Ziel zurücklegen. Sicher muss man zu jedem Ziel erst mal laufen, die Frage ist aber, ob man vorher darüber nachdenkt, wie der beste Weg aussieht. Wer sich harte Arbeit ersparen will, muss nachdenken. Darin besteht im Wesentlichen die neue Leistung. Aber sie fordert uns noch mehr. Denn es genügt nicht mehr, konventionell nachzudenken, also mit den vorhandenen Vorstellungen zum Ziel zu kommen. Die Wege sind neu. Das heißt auch: Das Denken dazu muss es sein. Wir leben nicht mehr allein von den handfesten Dingen. Die Herausforderung lautet: Wie bemessen wir die Leistung von Ideen und Wissen, von denen wir zunehmend leben? Was leisten wir da eigentlich? Und wer kann das wie beurteilen?

Es ist merkwürdig: Wir reden andauernd von Innovationen und Wissen, aber deren Wert beurteilen wir immer noch mit steinalten Methoden. Mit den alten Maßstäben geht das nicht. Und auf der Suche nach neuen Maßstäben sind wir nicht sehr weit gekommen. In uns steckt dabei noch die alte Angst der Revolutionäre. Die neue Leistung ist nicht einfach über den Kamm zu scheren, durch eine Kraftnorm zu beschreiben. Der Unterschied macht ihren Wert aus. Das bedeutet aber auch, dass darin das Moment der Unsicherheit und die Gefahr der Willkür in ihrer Beurteilung schlummert. In der Bewertung der neuen Leistung kommt es zwangsläufig zu Ungleichheiten - ganz so wie bei jenem real existierenden Kraftunterschied zwischen Araberhengst und Isländer.

Die neue Leistung verlangt nach exakter Differenzierung. Damit aber steigt das Maß an Komplexität enorm. Jede Leistung muss an und für sich beurteilt werden nach dem zu erwartenden Nutzen, den sie stiftet. Diesen Versuch unternehmen wir zwar seit einiger Zeit, aber er ist wenig Erfolg versprechend, weil das ganze Werkzeug und die Wertvorstellungen, die uns begleiten, nicht taugen, um hier zu einer realistischen Einschätzung zu kommen.

Nehmen wir einmal an, ein kluger Kopf entdeckte eine neue Energiequelle, die relativ einfach und preiswert Strom liefern könnte. Dies wäre für die meisten von uns eine herausragende Leistung, denn wir könnten nun unbesorgt Energie verbrauchen, so viel wir wollen. Jedenfalls schätzten wir diese Leistung weit höher ein als eine zur gleichen Zeit erreichte Innovation, die - ohne nennenswerte Einbußen - den Energieverbrauch mit konventionellen Methoden dramatisch senken könnte. In beiden Fällen käme für uns das Gleiche heraus: Wir müssten keine Einschränkungen auf uns nehmen - wir hätten unser Ziel, über ausreichend Energie zu verfügen, also erfüllt. Dennoch wäre es mehr als wahrscheinlich, dass die Erfindung, die zu mehr messbarem Output führt, deutlich mehr Investoren anzöge als die andere. Das liegt an der kulturell verankerten Gleichung: Kraft und Leistungsziel sind eins. Das aber stimmt so nicht mehr. Reine Masse und Kraft führen nicht zwangsläufig zum besseren Ergebnis.

Die Idee zu einer genialen Software kann jemand in ein paar Minuten haben, auch wenn die Ausführung einiges an Arbeit abverlangen wird. Doch die Kernleistung liegt ohne Zweifel in der Idee. Billigen wir dem oder den Erfindern heute schon zu, dass es diese Leistung ist, die wir honorieren? Sind wir schon so weit, dass wir das erreichte Ziel bewerten, den eigentlichen Wert, oder schielen wir nicht doch noch auf den Weg, der mühsam und anstrengend sein muss? Halten wir es für richtig, dass der Entwickler Millionen dafür erhält? Muss er sich nicht zuerst abrackern, so wie brave Bürger das auch tun? Das ist ein ganz reales Hindernis für die Einführung der neuen Leistung: Wir akzeptieren nicht, dass Wissen viel schneller und viel einfacher zum Ziel führen kann als Schuften und Rackern. Wer schnell zum Ziel kommt, weil er die richtige Idee hatte, ist uns suspekt. Hart muss der Weg zum Erfolg sein, steinig und schwer. Wer nicht so ans Ziel kam, erscheint uns als Hallodri, als eine Art Gustav Gans, der Glücksvogel aus den Donald-Duck-Comics, dem unverdient immer etwas zufällt. Glück hat nichts mit Leistung zu tun. Glück ist unverdient, nicht leistungsgerecht.

5. Die Leistungslüge

Es gibt dazu ein verräterisches Bonmot über Pablo Picasso, der, von einem Kunstfreund aufgefordert, etwas für ihn zu zeichnen, in drei Sekunden etwas aufs Papier brachte. Was denn das jetzt koste, fragte der Kunstfreund. Eine Million Francs, antwortete Picasso. Das sei aber viel für drei Sekunden Arbeit, empörte sich der Kunstfreund nun. Ja, antwortete Picasso, aber ich habe auch 30 Jahre dafür gebraucht, um für eine Zeichnung, die ich in drei Sekunden machen kann, eine Million zu verlangen. Bei dieser Geschichte schmunzeln dann alle, und viele denken: Ja, ja leicht ist nichts im Leben. So auch die Kunst. Ist das nicht witzig?

Doch wer nur lacht und nicht weiterdenkt, geht in die Falle. Die kleine Geschichte sagt nämlich viel über unser Leistungsdenken: Warum ist es unmöglich, in drei Sekunden eine Million Francs zu verdienen? Warum soll es nicht möglich sein, dass einem schnell etwas einfällt, das viel wert ist? Es geht nicht darum, dass man fürs Zeichnen, Malen, fürs Denken und Erfinden neuer Lösungen keine Vorkenntnisse braucht. Es geht darum, dass wir kategorisch ausschließen, dass das, was nicht durch hartes Schuften erwirtschaftet wird, etwas wert sein kann. Deshalb übersieht unsere Kultur die Sergei Brins und Larry Pages (Google) heute genauso wie vor Jahren die Bill Gates und Steve Jobs. Jung, frisch, genial - das kann nicht sein. Was haben die überhaupt geleistet? So tönt der dumpfe Ruf der Schwerstarbeit in einem Land, das gern Feierstunden zum Thema Kreativität und Innovation veranstaltet. Dies aber sind immer noch Fremdwörter in einer stur auf Kraft und Masse bauenden Welt.

Das metrische, mechanische, auf Pferdestär-ken-Verstand bauende Leistungsbild zeigt sich aber auch auf der anderen Seite der Skala - bei den älteren Menschen, genauer: daran, wie mit ihnen im Berufsleben verfahren wird. Hier herrschen brutale physikalische Leistungskriterien. Leute über 50, ab 60 sowieso, die mit dem Kopf arbeiten, erklären wir für weniger leistungsfähig - ab in die Rente. Wir reden hier nicht von Kohlekumpels und Schwerstarbeitern, sondern von Managern, Angestellten, Kopfarbeitern. Warum soll jemand, der 40 Jahre lang Wissen gesammelt hat, auf einmal nichts mehr bei der Verwertung dieses Kapitals leisten? Weil er die 100 Meter nicht mehr so schnell laufen kann wie ein 20-Jähriger? Das ist hirnlose Kraftprotzerei, die die Entwicklung einer innovativen und offenen Gesellschaft schädigt, die ihren Verstand nutzen sollte, wenn sie sich ihrer geistigen Potenziale bewusst werden will statt ihrer Muckis.

Und wie wirkt sich all das auf die aus, die weder besonders jung und talentiert noch im Sinne des herrschenden Pferdeverstandes zu alt sind für das, was wir heute für einen leistungsfähigen Arbeitsmarkt halten? Wie geht es denn dem großen Rest der durchschnittlich Begabten? Ihre Leistung wird selten fair und gerecht behandelt, aber nach allen Regeln der Norm. Leistung, heißt es für diese Menschen ganz besonders, muss man schnell sehen können. In Unternehmen und Organisationen gibt es deshalb einen regelrechten Bewegungs-Aktionismus. Man tut so, als ob man etwas tut, weil das Vordergründige immer noch so bedeutend ist.

Das führt zu bekannten Effekten: zu Zeit-Schinden, Bürokratisieren, aber auch zu einem reinen Mengendruck, der den Leistungsbegriff weiter diskreditiert und zu keinem vernünftigen Ziel führt. Man hat von neun bis fünf im Büro zu sitzen: Wer ein Problem schneller löst, ist suspekt. Umgekehrt rackern andere nach einem Plansoll, das immer höher gesetzt wird. Wir erreichen unser Ziel mit den uns bekannten Mitteln nicht? Dann erhöhen wir doch einfach die uns bekannten Mittel! Ständig wird die Norm angehoben. Es ist kein Wunder, dass dieser Leistungsbegriff immer mehr Menschen verhasst ist. Er führt zu nichts, er ist hohl, kein Ziel weit und breit. Nur Schuften. Das ist die Leistungslüge.

6. Leistungsleiden

Sie wird zum zentralen Problem unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Aus der Lüge kommt man nur raus, wenn man wie der Unternehmensberater Bolko von Oetinger mit den falschen Maßen aufräumt: "Unser Leistungsbild hängt schief und schadet längst allen, weil wir den Wert eines Unternehmens immer noch nach rein metrischen Kriterien messen: Umsatz, Zahl der Mitarbeiter, Stückzahl, Quartalsgewinn und kurzfristiger Aktienkurs. Da haben wir eine Controller-Kultur aufgebaut, in der jeder jedem misstraut." Oetinger nennt die Praxis eine "Leistungsüberdrehung - viele erkennen, dass es sich nicht lohnt, da mitzumachen". Leistung wird zum Leiden. Das Gegenteil dessen also, was sie sein soll. Lust.

Es stimmt wirklich: Leistung kann glücklich machen, dazu muss man nicht Gustav Gans sein, dem alles unverdient zufällt. Dessen Verwandte, die drei Jungenten Tick, Trick und Track, dachten noch, wie viele heute, Folgendes: "Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, ist verrückt."

Wer diese Arbeit, wie sie heute für die meisten noch ist, kennt und sich nicht drückt, ist tatsächlich verrückt. Und hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. Es ist ja schön, wenn viele Leute Sport treiben und sich gesund halten - aber die Frage des Wohlstands und des Wohlergehens wird durch die geistige Fitness bestimmt. Es wird Zeit, die ersten Dehnungsübungen zu machen.

Muss Leistung wehtun? Wenn wir auf die schauen, die in der Wirtschaft, Wissenschaft, aber auch im Sport Höchstleistungen erbringen, dann sieht das eigentlich anders aus. Wer Außergewöhnliches leistet, ist in der Regel ein souveräner, glücklicher Mensch.

Vor 18 Jahren veröffentlichte der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi ein Buch mit dem Titel "Flow: The Psychology of Optimal Experience". Darin beschreibt Csikszentmihalyi das Gefühl, das Höchstleister gut kennen: Ihre Anstrengung, ihre Mühen sind gleichsam auch lustvoll, weil sie Erfüllung bringen. Leistung, so die Flow-Theorie Csikszentmihalyis, macht glücklich. Der Flow, etwas, das wir im Deutschen eher "einen Lauf" nennen würden, ist ein "besonders dynamischer Zustand (...), ein holistisches Gefühl bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit".

Leistungsträger, die einen Flow haben, fragen nicht, wie spät es ist, ob sie heute schon gegessen haben, wie sie das Wochenende verbringen wollen oder was heute Abend im Fernsehen läuft. Sie tun, was sie tun, so gern, dass es ihnen gar nicht auffällt, wie sehr sie sich dafür anstrengen. Dieses Phänomen finden wir bei Unternehmern, Künstlern und Selbstständigen deutlich stärker als bei Angestellten und anderen Menschen, deren Leistung von anderen bemessen und beurteilt wird. Die Leistung ist kein Übel, sagt Csikszentmihalyi.

Der Verhaltensbiologe Felix von Cube gehört zu den eifrigsten Propagandisten Csikszentmihalyis in Deutschland. Sein Buch "Lust an Leistung" beschreibt, warum die These des Amerikaners ungarischer Herkunft so wichtig ist für unsere Entwicklung: "Der Leistungstrieb ist, wie jener nach Nahrung, Sex, Aggression und Neugier, nicht aus der Welt zu schaffen", schreibt von Cube. Was im Flow passiert, ist pure Evolution, ein über Jahrmillionen ausgeprägtes Verhalten, das von der Wissenschaft gründlich analysiert wurde. "Mit Trieben ausgestattete Lebewesen finden sich nicht mit einer vorhandenen Mangelsituation ab", so von Cube, "sondern suchen eine günstigere Umwelt auf." Der Weg dorthin führt über Anstrengung und Leistung, keine Frage.

Der Mensch ist neugierig. Auch das treibt ihn weiter an. Probleme, so von Cube, tauchen dort auf, wo die Gesellschaft diese Neugierde und das natürliche Interesse an Leistung behindern. Da wären wir wieder zu Hause. Felix von Cube nennt den selbstverständlichen Wohlstand unserer Zeit als Hauptursache für das schiefe Leistungsbild: "Wer strengt sich noch an, wenn er die Lust der Triebbefriedigung auch ohne Anstrengung erleben kann?", fragt er. Was wir locker und ohne viel Nachdenken Leistungsgesellschaft nennen, sei in Wahrheit eine "Verwöhngesellschaft".

7. Leistung = Lust

Diese Verwöhngesellschaft bringt nicht nur das mit sich, was wir Zivilisationskrankheiten nennen, die aus Bewegungsarmut und falscher Ernährung resultieren. Sie ist auch darauf angelegt, das Großhirn nicht zu belasten. Da hilft es, dass in der Industriegesellschaft zwischen Arbeit und Freizeit strikt unterschieden wurde. "Der Mensch hat früh begonnen, Anstrengung als Arbeit von der Lust abzutrennen und die Arbeit als notwendiges Übel anzusehen. Arbeit wurde zur Fron, zur Strafe. Sie wurde denen aufgebürdet, die sich nicht wehren können", so von Cube. Dass diese Arbeit dann auch noch mechanisch abläuft, jeglicher Lust beraubt ist und langweilig, nervtötend und sinnfrei, das haben nicht erst die von Cubes und Csikszentmihalyis entdeckt. Das wissen seit Generationen unzählige Lohnabhängige, die in dieser Falle stecken. Dass die Analyse der Fehler des Industriekapitalismus von Marx und Engels genau an diesem Punkt ansetzte, ist kein Zufall.

Die Trennung von Leistung und Lust war perfide, ergab aber in der alten Industriegesellschaft Sinn, in einer Welt, in der die Arbeitskraft des Menschen die Kraft der Maschinen ergänzte. In einer Welt, die viele Maschinen hat, aber zu wenige Menschen, denen neue und bessere einfallen, ist das fatal. Da braucht man Leute, die im Büro nicht schon montags daran denken, wann das Wochenende anfängt. Leute, die sich auf ihre Arbeit konzentrieren können, ohne eine krankhafte und nur sich selbst verpflichtete Bürokratie, ohne das sich ständig wiederholende Neid- und Wohlstands-Gefasel, bei dem - nebenbei - die letzten Leistungsreserven verfrühstückt werden. Der Verhaltensforscher Klaus Dehner, Geschäftsführer der Prof. von Cube und Kollegen GmbH, sagt es klar: "Ohne Leistungsbewusstsein gibt es keinen Sozialstaat und keine Umverteilung. Wenn Leistung negativ besetzt ist, und das ist es bei uns, dann haben wir auf Sicht auch eine miese Gesamtfitness der ganzen Gruppe, also des ganzen Landes. Höchstleister lieben, was sie tun. Wer ihnen das vergällt, gräbt sich selbst das Wasser ab."

Wir leben in Zeiten des Wohlstands. Es wäre schön, wenn wir dabei nicht vor die Hunde gingen, nur weil wir vergessen haben, was unsere Ziele sind. Leistung hat den einfachen Sinn, die Welt besser zu machen - in Details und im Ganzen. Die neue Leistung lebt im Grunde von etwas, das immer schon der Antrieb war, sich mehr anzustrengen als unbedingt nötig: der Neugier, wie weit wir gehen können, der Neugier, was dabei herauskommt. Dieses Gefühl, sagt Klaus Dehner, ist das Entscheidende an der Leistung: "Neugier ist die Voraussetzung aller Entdeckungen - und Neugier ist eine persönliche Eigenschaft, die Lust steigert. Wer Freude will, der muss etwas leisten. Wer die Anstrengung zurückschraubt, kriegt weniger Lust."

Das lässt sich, zugegeben, schwer messen. Aber spüren. -

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