Ausgabe 12/2008 - Schwerpunkt Glück

Hoffnung in geringer Konzentration

Über die Kinder vom Waldorf-Kindergarten haben sie früher immer gelacht. Weil die ihren Namen tanzen mussten. Nun betrat ein fast zwei Meter großer Kerl das Zimmer und sagte: "Wir machen jetzt Eurythmie." Und dann tanzte er den Namen ihres Sohnes. T-h-o-m-a-s. Der amüsierte sich prächtig. Die Eltern mussten sich das Lachen verkneifen. Ein paar Tage später tanzten sie auch. Man lässt nichts unversucht, wenn es um das eigene Kind geht. Wenn es Leukämie hat und bald sterben könnte.

Das Leben von Thomas stand auf der Kippe, da hatte er seinen ersten Geburtstag noch nicht gefeiert. Wegen Fieber gingen seine Eltern mit ihm zum Arzt, mit der Diagnose Leukämie kamen sie zurück. Im Krankenhaus sahen die Eltern, wie bei einer Transfusion fremdes Blut in ihr Kind lief. "Das war gruselig", sagt die Mutter, die auch einen Zettel mit den Überlebenschancen unterschreiben musste. Sie hatten ihren Sohn in das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke einweisen lassen. Die Ärzte vertrauen hier der Chemotherapie genauso wie Namentanzen und Lavendelwickeln.

Neben der konventionellen Behandlung stimmten Thomas' Eltern auch einer Misteltherapie zu. Die Oma brachte noch geweihtes Wasser aus Lourdes. "Man klammert sich einfach an alles", sagt die Mutter heute in einem Düsseldorfer Café und muss ein wenig lächeln. Sie erlebten damals Eltern anderer kranker Kinder, die ihnen Magnetstäbe in die Hand drücken wollten. Die sollten helfen. Für 500 Euro. Andere Eltern erzählten von Schamanen, die Krankenzimmer mit Singsang und Rauch füllten. "Ich würde heute nicht mehr darüber lachen", sagt die Mutter. "Man hat in dieser Situation keine Chance mehr wegzuschenken."

Magnetfeldtherapie:

Künstliche oder natürliche Magnetfelder sollen von außen auf den Körper einwirken und ihn so heilen. Die Magnetfeldtherapie geht bis ins alte Ägypten zurück, wo Priester magnetisches Metall zur Behandlung von Erkrankungen heranzogen. Magnetfeldtherapeuten gehen davon aus, dass die Therapie den Zellstoffwechsel anregt, die Sauerstoffversorgung im Gewebe erhöht, die Knochenbildung und das Immunsystem stimuliert und ausgleichend auf das neurologische System wirkt.

Die Suche nach der Alternative

So undurchsichtig die Wirksamkeit von alternativen Therapien ist, so wenig wissen die Ärzte in Deutschland, was ihre Patienten neben der konventionellen Behandlung noch an Alternativmedizin und Glücksversprechen ausprobieren. Der Herdecker Kinder-Onkologe Alfred Längler veröffentlichte dazu vor einigen Wochen eine erste bundesweite Studie. Zusammen mit Kollegen verschiedener Kliniken hatte er Fragebögen an alle Eltern verschickt, deren Kinder im Jahr 2001 an Krebs erkrankten; das waren fast 1600. Der Dachverband für Geistiges Heilen e. V. mit seinen 18 Mitgliedsverbänden hat mehr als doppelt so viele Einzelmitglieder, nämlich rund 3800 Ferngeistheiler, Handaufleger, Geistchirurgen oder Schamanen.

Handauflegen:

Der Therapeut soll als Mittler zwischen einer höheren Macht und dem Patienten fungieren, seine Berührung heilende Energieströme auf die erkrankte Person übertragen, um die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen.

Längler fragte bei den Eltern den Einsatz von 70 verschiedenen Alternativtherapien und -medikamenten ab. Zu seiner Überraschung kamen bei den Antworten noch 40 weitere dazu. 35 Prozent der Eltern gaben an, neben der konventionellen Klinikbehandlung alternative Angebote nachgefragt zu haben. Der Anteil steigt, je niedriger die Überlebenschancen bei der Diagnose sind. Zumeist handelt es sich um homöopathische und anthroposophische Produkte und Methoden, schon an fünfter und sechster Stelle aber auch um Bachblütentherapie und Handauflegen, wofür sich etwa 20 Prozent der Befragten entschieden.

Die von den Kassen nicht erstatteten Gesamtaufwendungen summierten sich bei der Hälfte der Befragten auf mehrere Hundert Euro, bei einigen auf mehrere Tausend Euro.

Bachblütentherapie:

Der Arzt Edward Bach (1886-1936) definierte Krankheit als "Konflikt zwischen höherem Selbst und Persönlichkeit". Er ermittelte 38 negative Seelenzustände, die sich in bestimmten Beschwerden niederschlügen. Für jedes Leiden gibt es eine entsprechende Essenz; die Palette wurde später um die Rescue-Tropfen ergänzt. Zur Herstellung werden Blüten in Quellwasser gebadet. Welken die Blüten, werden sie mit einem Zweig derselben Pflanze wieder aus dem Wasser genommen. Die verbleibende Flüssigkeit wird mit der gleichen Menge Alkohol konserviert und dann im Verhältnis 1: 240 verdünnt. Zwei Tropfen dieses Blütenkonzentrats werden mit Wasser zum fertigen Bachblütenmittel gemischt. Nach Bach wirken Blüten durch die in der Pflanze gespeicherte energetische Kraft. Sie bauen Blockaden im bioenergetischen Feld des Menschen ab, öffnen Kanäle für die Botschaften des spirituellen Selbst. Die Blüten wählte Bach intuitiv aus. Es gibt sie auch für Tiere.

Die Anthroposophen

Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke liegt eingekreist von großen deutschen Unikliniken: Nach Essen sind es 50 Kilometer, nach Düsseldorf 60, nach Münster - wo die größte Kinderkrebsstation der Bundesrepublik unterhalten wird - 80 Kilometer. "So betrachtet, gibt es eigentlich keine zwingende Not wendigkeit, dass es uns gibt", sagt Alfred Längler. Viele Patienten machen sich aber trotzdem auf den Weg dorthin, ganz gezielt an den großen Unikliniken vorbei. Sie kommen aus allen Teilen Deutschlands oder den europäischen Nachbarstaaten.

Die anthroposophisch orientierte Einrichtung - Träger ist der Gemeinnützige Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern e. V. - spricht viele Menschen an. Sie suchen eine sanftere Behandlung, Zugang zu alternativen Heilmethoden -und zwar ohne dass man sie deswegen auslacht, selbst wenn die Oma heiliges Wasser aus Lourdes bringt.

Für Alfred Längler, den Anthroposophen und Mediziner - er ist beides, darauf legt er Wert -, bedeutet Krebs mehr als nur die krankhafte Veränderung eines genetischen Zellcodes. Deshalb bezieht er die Eltern in die Therapie ein und setzt sich mit deren Fragen auseinander. Immer wieder läuft es auf die eine Frage zu: warum mein Kind? Es kamen schon Eltern zu ihm, die sagten: "Wir haben doch alles getan, nur Bio gegessen, das Kind war im Waldorf-Kindergarten, und zu Hause haben wir uns nie gestritten." Und dann hat es Leukämie, trotzdem.

Alfred Längler sagt den Eltern dann: "Ein Kind mit Leukämie bekommt auch hier eine Chemotherapie." Wie in jeder Klinik werden ihm dabei die Haare ausfallen, wird es ihm phasenweise sehr schlecht gehen, kann es sein, dass das Kind dies nicht überlebt. Gerade das aber, die konventionelle Medizin, hoffen einige Eltern hier zu vermeiden. Dann muss Längler diesen Eltern erklären, "dass Leukämie keine ungelöste Familiensituation in dritter Generation ist, die mit einer Familienaufstellung zu lösen wäre". Er nennt das: die Dramatik nicht zu verhehlen.

Der Arzt sitzt in seinem Büro auf der Station. Die Haare kurz geschnitten, eine Nickelbrille. Vor den Fenstern hängen bestickte Gardinen, auf dem Fensterbrett reihen sich Blumentöpfe. "Eine akute Leukämie ist unbehandelt tödlich", fährt Längler fort. Mit Behandlung - und zwar der klassischen Schulmedizin - sei sie aber in mehr als der Hälfte der Fälle heilbar. So weit die Ausgangslage für den Mediziner Längler. Als Anthroposoph fügt er an: "Wir tun das eine und lassen aber auch das andere nicht."

Anthroposophische Medizin:

Der Anthroposoph Rudolf Steiner erkannte im Menschen vier Wesensglieder: den physischen Leib, den Ätherleib (auch Lebensorganisation), den Astralleib (Empfinden und Bewusstsein des Menschen) und die Ich-Organisation (Bewusstsein und Zentrum der Persönlichkeit). Die anthroposophische Medizin versteht Erkrankungen als Äußerungen der Seele und als Chance, dass Körper, Seele und Geist durch das Überwinden der Krankheit psychisch reifen. Den Gesundungsprozess sollen neben der konventionellen Medizin auch pflanzliche Mittel, Mineralien, Metalle und tierische Substrate herbeiführen, außerdem Eurythmie, Musik- und Kunsttherapie.

Das andere beginnt bereits mit den feuchten Lavendeltüchern, die die Krankenschwestern in das Zimmer hängten, als die Eltern von Thomas am ersten Abend an dessen Bett saßen. Die Schwestern tragen keine weißen Kittel, und die Station sieht nicht nach Krankenhaus aus, eher wie eine gemütliche Jugendherberge. Viel Holz, wenig Weiß. Thomas' Eltern wussten früh vom hohen Leukämierisiko ihres Sohnes. Sie hatten sich schon vor der Diagnose diverse Kinderkrebsstationen angeschaut. In den meisten Kliniken sagte man ihnen, sie sollten doch wiederkommen, wenn es so weit sei. In Herdecke nahmen sich die Ärzte Zeit. Es hatte ihnen hier gefallen.

Sie sind keine Anthroposophen, sagen sie. Sondern ganz normale junge Leute, die bewusst leben, Bio kaufen und seit jeher auf Naturheilmittel vertrauen. Er arbeitet als Jurist bei einem großen deutschen Konzern. Damit gehört das Paar zur typischen Klientel für alternative Methoden. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach verwendeten im vergangenen Jahr 67 Prozent der leitenden Angestellten und Beamten Naturheilmittel. Sie stehen der Alternativmedizin offen gegenüber - und können sie sich auch leisten. Etwa durch eine private Krankenversicherung, die im Gegensatz zu vielen gesetzlichen Kassen die Kosten für homöopathische Medikamente, anthroposophische Behandlungen oder pflanzliche Therapien voll erstattet.

Nun kostet ein anthroposophisches Krebsmedikament zunächst keine Unsummen. Für die Misteltherapie, auf die sich die Mediziner in Herdecke als Begleitbehandlung zur Chemotherapie spezialisiert haben, reichen 50 Euro im Monat. Sie zieht sich aber auch ein Jahr oder länger hin. So kommt einiges zusammen für die Misteln, das Namentanzen, die Öle, Mundspülungen, Kügelchen, Tinkturen und Vitaminpräparate.

Das andere Medikament

In Deutschland hat der Gesetzgeber homöopathische, anthroposophische und pflanzliche Medikamente im Arzneimittelgesetz privilegiert. Diese Präparate sind auf Sicherheit und Qualität geprüft, erlassen sind die bei konventionellen Medikamenten üblichen wissenschaftlichen Wirksamkeitsprüfungen. Die Hersteller dürfen sich bislang auf die jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Einsatz ihrer Heilmittel berufen.

Der Markt floriert. Der Umsatz von homöopathischen und anthroposophischen Medikamenten stieg in Deutschland zwischen 1995 und 2005 um 80 Prozent, in Frankreich sogar um mehr als 300 Prozent. Europaweit lag der Umsatz im Jahr 2005 bei 1,7 Milliarden Euro. Anthroposophika wie Mistelkrebsmittel verzeichneten 2007 das größte Umsatzwachstum (plus sieben Prozent auf 36,5 Millionen Euro) auf dem deutschen Arzneimittelmarkt. In den USA erwirtschaftet allein das meistverwendete Homöopathikum Occilococcinum C 200 einen Jahresumsatz von 20 Millionen Dollar. Das Mittel zur Immunstärkung, in einer niederländischen Internet-Apotheke für 8,95 Euro zu erwerben, wird auch die "20-Millionen-Dollar-Ente" genannt: Für den gesamten Umsatz reicht die Leber einer einzigen Ente - und selbst von der bleibt noch einiges übrig. Das Verhältnis von Leber zur Lösung in diesem Produkt beträgt 1: 10 mit 400 Nullen.

Homöopathie:

Die Homöopathie beschrieb der Arzt Samuel Hahnemann. Sie beruht auf der Vorstellung, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Es werden spezielle Arzneistoffe verwendet, die beim Gesunden Beschwerden auslösen wie bei der Krankheit, gegen die sie wirken sollen. Jedes Medikament basiert auf einem eigenen Arzneimittelbild, das in der Arzneimittelprüfung ermittelt wird. Dafür nimmt eine möglichst große Zahl gesunder Probanden eine stark verdünnte Prüfsubstanz ein und beschreibt, wie sich ihr Befinden verändert. Im Zubereitungsverfahren werden die Arzneimittel mit Wasser wie auch Alkohol verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben. Sie sind dann zum Teil so stark verdünnt, dass ihr Ausgangsstoff nicht mehr nachweisbar ist. Die Homöopathie geht davon aus, dass das Lösungsmittel die Informationen der Arzneisubstanz weiterträgt. Krankheiten sind nach dieser Lehre auf ein "Urübel" zurückzuführen. Größter Hersteller ist die Deutsche Homöopathie-Union in Karlsruhe mit fast 500 Mitarbeitern. Nach eigenen Angaben umfasst das mögliche Lieferspektrum mehr als 400 000 Zubereitungen, 16 000 sind auf Lager. Ein Interview lehnte die Firma ab: Man halte sich lieber "bedeckt", da der Markt "sehr intransparent" sei.

Solche Arzneien beruhen also mehr auf Glauben als auf Evidenz, werden aber mit großem Aufwand hergestellt. Die Weleda AG produziert seit Jahrzehnten das auch in Herdecke verwendete Mistelpräparat Iscador. Jeweils im Sommer und Winter werden dafür Misteln von verschiedenen Wirtsbäumen in der Schweiz und Frankreich geerntet. Der Herstellungsprozess klingt nahezu mystisch: Der durch Quetschungen und Fermentierungen gewonnene Mistelsommersaft fällt durch zwölf Tropfer aus einem Meter Höhe auf eine mit 1900 Stundenkilometern rotierende Titanscheibe. In deren Mitte läuft gleichzeitig der Wintersaft ein, breitet sich horizontal aus und mischt sich am Scheibenrand mit dem Sommersaft im Verhältnis 1: 1. Das dabei entstehende Konzentrat wird verdünnt in Ampullen abgefüllt. Das in der Herstellung eingesetzte Wasser ist "informationsfrei", also destilliert, und wurde zuvor durch ein gläsernes Rohr über das Gebäude geleitet, damit es nach dem Fließen in dunklen Rohren noch einmal Tageslicht bekommt. Unter die Haut gespritzt, soll dieses Präparat die konventionelle Chemotherapie verträglicher machen.

So werden mit viel Aufwand und Geld Arzneien produziert, in denen möglichst wenig drin und deren Wirkung zumindest bestreitbar ist. Iscador ist seit 1964 bei den Krankenkassen zugelassen und mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz das erfolgreichste Medikament bei Weleda.

Im Rohstofflager des nach eigenen Angaben weltgrößten Herstellers von anthroposophischen Arzneimitteln riecht es wie in einer Tüte Hustenbonbons. Säckeweise stapeln sich Spitzwegerichblätter, Klettenwurzeln und Calendula. Die Aktiengesellschaft mit Sitz in der Schweiz verarbeitet in Schwäbisch-Gmünd pro Jahr mehr als 200 Heilkräuter aus dem eigenen, 20 Hektar großen Garten. Geerntet wird nur in den Vormittagsstunden, wenn der Tau getrocknet ist, die Sonne aber noch nicht im Zenit steht. Mehr als 2400 alternative Arzneimittel stellt die Firma her, von Streukügelchen gegen grippale Infekte bis zum Krebsmittel.

Die Rohmaterialien bezieht Weleda aus aller Welt. Insgesamt sind es mehr als 1000 verschiedene Inhaltsstoffe, die in Schwäbisch-Gmünd verarbeitet werden. Der Jahresbedarf reicht von 50 Gramm Fliegenpilzen bis zu zehn Tonnen Arnikablüten. Auch Bienen, Ameisen, Wespen sowie die Innereien von Kälbern und Rindern finden den Weg in die Produktionskessel. Und Krötenhaut. Der Pressesprecher beeilt sich aber zu versichern, dass nur "vier bis fünf Kröten" im Jahr benötigt würden, und die seien auch ordnungsgemäß beim Regierungspräsidium angemeldet.

Neben solchen, mittlerweile auch von Schulmedizinern verwendeten Präparaten gibt es noch unzählige weitere vermeintliche Wundermittel und -heiler. Vieles ist Scharlatanerie und nicht selten kriminell. In diesem Jahr wurden erstmals Freiheitsstrafen gegen einen Importeur, einen Behandler und einen Journalisten verhängt, die ein unwirksames Krebsmittel (Galavit) zu Preisen von bis zu 8500 Euro auf den Markt gebracht hatten. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde mahnte jüngst 28 Unternehmen ab, die 187 nutzlose Krebsmittel vertrieben hatten: zum Beispiel Haifischknorpel, kanadisches Blutkraut oder Korallenkalzium.

"Ich war ein weißer Schwan", erzählt ein pummeliger Mann mit weißer Mähne. Als er Schwan war, half er rosa Flamingos, Wasser zu finden. Als Mensch steht er heute auf einem Podium und erzählt einer Schar interessiert nickender Menschen von spiritueller Astrologie. Es geht um Liebe, um vorherige Leben und um Gott. Damit lasse sich fast alles behandeln, auch Krebs. Wer Krebs habe, sei selbst schuld, sagt der Mann. Er könne solche Kranken aber heilen. Im Fall eines gewissen Fritz, den er in seiner Broschüre darstellt, sei das geglückt. Eine Sitzung kostet 90 Euro, der einwöchige Kurs 1200 Euro. Für nur zehn Euro könne sich jeder seine negativen Eigenschaften von ihm benennen lassen.

Der Besuch einer Esoterik-Gesundheitsmesse wie dieser in der Stadthalle Münster scheint absurd, solange das eigene Kind nicht sterbenskrank ist. Wie reagiert man dann, wenn einer, der ein weißer Schwan war, sagt, er könne das Kind heilen? Und es sonst vielleicht kaum noch Chancen gibt? Was sind dann 1200 Euro?

Spirituelle Astrologie - der Fall Fritz:

Bei Fritz wurde Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Er müsse bald sterben, hieß es. Er ging zum Heiler, der im Traum als weißer Schwan auftreten kann. Über die spirituelle Astrologie fand der Heiler heraus, dass Fritz im Mittelalter ein rechtlich richtiges, menschlich aber falsches Urteil erlassen hatte. Er, also Fritz, war damals ein englischer Landgraf. Einen Wilddieb, der einen Hasen stahl, bestrafte er nach üblichem Recht mit dem Tod durch Erhängen. Als Fritz dies gehört hatte, träumte er in der folgenden Nacht, er würde erhängt. Einen stechenden Schmerz spürte er im Hals. Am nächsten Morgen war er gesund. Mehrere Ärzte bestätigten, dass sich kein Tumor mehr nachweisen ließ.

(Abgeschrieben aus der Broschüre von Hartwig Ohnimus, s. auch www.rettung-vor-schulmedizin.de)

Sterben Haie an Krebs?

In diesem wuchernden Dschungel von pseudowissenschaftlichen Glücksversprechen, komplementären Angeboten und alternativen Auswegen können sich Eltern schnell verlieren. Auch weil sie von den Ärzten bei Heilmethoden außerhalb der Kliniken oft alleingelassen werden. Professor Joachim Boos, Kinder-Onkologe an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster, untersucht dieses Phänomen seit vielen Jahren. In seinem Archiv stapeln sich Pressemitteilungen, Zeitungsausschnitte und Werbebroschüren. "Mit Keksdose Krebs bekämpft", lautet eine der markierten Überschriften. Der Text erzählt von einer Ärztin und Wunderheilerin, die ihren Patienten bei einer "Strahlenbehandlung" Keksdosendeckel unter die Füße band, damit sie die vom Tumor ausgehende Strahlung auf diesen reflektierten. Menschen haben dafür Geld bezahlt. Und sind gestorben.

Joachim Boos tut etwas, das bislang für viele Ärzte als Zeitverschwendung galt: Er setzt sich mit der alternativen Medizin ernsthaft auseinander, bietet Eltern Sprechstunden an, wenn die sich etwa fragen, ob Haifischknorpelpräparate helfen könnten. Boos sagt dann nicht gleich Nein. Er ruft beim Institut für Wildtierforschung in Hannover an und fragt, ob es stimme, dass Haie nicht an Krebs sterben. Aber natürlich sterben auch Haie an Krebs. "Sie gehen", so Boos, "vorher eben nur nicht zum Arzt."

Er erlebt den Druck, unter dem Eltern schwer kranker Kinder stehen. "Suggestionen bekommen sie aus allen Richtungen, aus dem Internet, den Medien, beim Bäcker, von den Nachbarn, Freunden oder Großeltern", sagt Boos. Jeder kennt irgendjemanden, bei dem irgendetwas geholfen hat. Mit jedem können sie darüber reden, meist nur nicht mit dem Arzt in der Klinik. Weil die Eltern Angst haben, der könne dies als mangelnde Loyalität missverstehen oder als Unfug abtun. In der Studie aus Herdecke sagten mehr als 70 Prozent der Eltern, sie hätten ihre Informationen zu den eingesetzten alternativen Behandlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis bekommen. Erst an vierter Stelle, noch hinter den Medien, folgen die Klinikärzte.

Dabei interessiert die Eltern im Prinzip das Gleiche wie einen Mediziner: Hilft das Mittel? Ist es sicher? Wie ist die Qualität? Welche Referenzen gibt es? Diese prüft Boos durch Quellenrecherchen. Er versucht, mit wundersam Geheilten in Kontakt zu treten, von denen Nachbarn oder Medien berichteten. "Am Ende war es dann oft der Freund des Bruders vom Schwager, irgendwo in Südanatolien", sagt er. Der Mediziner bot auch einem Händler an, der Amulette gegen Rückfälle nach der Leukämiebehandlung verkauft, 100 Stück abzunehmen und in der Klinik mithilfe einer Studie auszuprobieren. Gleiches trug er einer Ferngeistheilerin an. Es kam letztlich in beiden Fällen zu keiner Kooperation.

"Wir können unseren Patienten nicht vorschreiben, was sie glauben sollen", resümiert der Arzt. Wenn Prinz Charles in Großbritannien vor seinen Untertanen den Einsatz rektaler Kaffeeeinläufe propagiert, dann nimmt Boos das auch als Professor zunächst zur Kenntnis. Wenn Eltern Homöopathie oder Handaufleger versuchen wollen, rät er ihnen nicht ab, solange die Mittel sich nicht negativ auf die konventionelle Therapie auswirken. "Es geht manchmal eher um Glauben als um evaluiertes Wissen", sagt Boos und fragt: "Wenn Patienten vor einer Klinikbehandlung schon unterschreiben müssen, dass die Therapie nur soundso viel Prozent Erfolgsaussicht hat, wie will man da noch heilen?" Die evidenzbasierte Medizin habe auch ihre Grenzen. "Die Eltern sehnen sich nach mehr Einbeziehung, wollen aktiv im Heilungsprozess mitwirken und weniger Nebenwirkungen bei den Kindern."

An vielen Kliniken ist dies mittlerweile angekommen.

Heilen macht erst mal krank

Auf der 17. Etage des Münsteraner Universitätsklinikums herrscht Lärm. Kinder fahren auf kleinen Rollern, Kippern und Rädern umher. Es wirkt fast wie eine Kita, fehlten den Spielenden nicht die Haare, schöben sie nicht einen Infusionsständer neben sich her und trügen die Erwachsenen nicht diesen Mundschutz. Eine Mutter ruft der Schwester zu: "Können Sie mal kommen, er hat schon wieder die Tablette erbrochen, es klappt einfach nicht! "

140 Kinder mit Leukämie werden hier jährlich behandelt. Neben dem medizinischen Technikpark gehört heute auch eine Spielecke zur Station. Medizinstudenten toben mit den kleinen Patienten einmal in der Woche. Bewegungs- und Musiktherapeuten gibt es ebenfalls. Und Psychologen, die den Eltern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Jeden Mittwochabend kommt Monika Rüffer vom Elternverein vorbei, um mit anderen Eltern gemeinsam zu kochen: Die Küche wurde auf der Station eigens für die Eltern angeschafft.

Ihre eigene Tochter kämpfte hier vor einigen Jahren mit dem Tod. "Es ist schlimm", sagt Rüffer. Wie schlimm, könne sich niemand vorstellen. Das Kind, aufgedunsen von Medikamenten, ohne Haare, ständige Übelkeit, Schmerzen - alles durch die medizinische Behandlung. "Und man muss sich ständig selbst besinnen, dass es gut ist, es keine andere Möglichkeit gibt." Es gibt Eltern, die schaffen das nicht. Und ständig erzählen die Leute, die Zeitungen, das Fernsehen, es gäbe sie, die anderen Möglichkeiten. Kürzlich musste sie wieder miterleben, wie Eltern in der palliativen Phase an einen Heilpraktiker gerieten, der ihnen falsche Hoffnungen machte und sie zu einer alternativen Therapie trieb. "Der begrenzten Lebenszeit des Kindes wurde durch zusätzliche Tabletteneinnahme und eine massive Ernährungsumstellung das bisschen Qualität genommen", sagt Rüffer. Deshalb kommt sie immer noch jeden Mittwoch hierher, um mit Eltern in Kontakt zu bleiben, sie nicht falschen Versprechen zu überlassen.

Die Tochter von Monika Rüffer wurde fast zwei Jahre therapiert. Ein Kind brachte sie damals ins Krankenhaus, sagt Rüffer. Ein erwachsenes Mädchen kehrte zurück. Vor einigen Wochen hat es ein Medizinstudium begonnen.

Die Alternative für die Masse

Firmen wie Weleda, die auch nach Meinung kritischer Mediziner in Qualität und Sicherheit seriöse Produkte anbieten, sind in der nicht ganz einfachen Situation, sich möglichst weit abseits der alternativen Medizin zu positionieren, die zu dicht an die Scharlatanerie grenzt.

Der Arzneimittelchef Nikolai Keller muss das Kunststück vollbringen, Produkte wie die Mistel aus Seriositätsgründen möglichst nahe an die Ärzte und Kliniken zu bringen, zugleich aber auch die Kunden in ihrem privaten Umfeld zu erreichen. Wir erinnern uns: Mehr als 70 Prozent der Eltern informieren sich bei Verwandten, Freunden und Bekannten. Das Marketing liefert deshalb Gesprächsstoff: Seit 1932 erscheint zu diesem Zweck eine Gratis-Zeitschrift. Die Auflage liegt bei mehr als einer Million Exemplaren, die Zahl der Abonnenten bei rund 500 000.

Auf der anderen Seite, bei den Medizinern, kümmert sich der Außendienst um Apotheken und alternativen Therapien gewogene Ärzte, Heilpraktiker oder Hebammen. Die jeweiligen Berufsgruppen erhalten ebenfalls eine auf sie zugeschnittene Illustrierte. Dieser Vertriebskanal wird immer lukrativer: Waren im Jahr 1994 bei der Bundesärztekammer etwa 2400 Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie registriert, sind es heute fast 4000.

Etwa 6000 Ärzte praktizieren nach den Grundsätzen der anthroposophischen Medizin. Außerhalb der Praxen bieten etwa 20 000 Heilpraktiker alternative Therapiemethoden.

Sorgen bereitet momentan eigentlich nur das Ausland. Die Traditionelle Chinesische Heilmedizin gewinnt in Deutschland immer mehr Marktanteile, wie auch das indische Ayurveda. Nikolai Keller berichtet, dass die chinesische Regierung nicht müde wird, die nationale Heilkunst als Exportschlager zu propagieren. Wie stark die Komplementärmedizin solchen Trends folgt, zeigt das Beispiel Weihrauch. Vor zehn Jahren noch ein Renner in der Krebstherapie, ist er heute out.

Traditionelle Chinesische Medizin:

Krankheitsursachen werden unterschieden in exogen (Wind, Sonne etc.) und endogen (Stress) oder weitere Ursachen (Ernährung). Der Anamnese dienen auch Zungen- und Pulsdiagnostik. Arzneien werden nach "Erfahrung" verabreicht. Ziel ist es, das "Qi" (die Lebenskraft) durch gezielte Behandlung eines bestimmten Leidens wieder zum Fließen zu bringen. Die Arzneimitteltherapie überwiegt, wird durch Akupunktur oder Massagen ergänzt. Die Traditionelle Chinesische Medizin beansprucht nicht, alle Krankheiten heilen zu können. Sie soll aber positiv auf jegliches Krankheitsgeschehen wirken.

Den größten Respekt hat die Branche, zu der allein in Baden-Württemberg mehr als 50 mittelständische Unternehmen gehören, vor der europäischen Gesetzgebung. 2007 trafen sich Vertreter der wichtigsten Firmen mit EU-Abgeordneten, um ihre Vorbehalte gegen die geplante Vereinheitlichung der Zulassungsrichtlinien auszusprechen. Neben Qualität und Sicherheit soll künftig auch die Wirksamkeit alternativer Arzneien wissenschaftlich zu belegen sein. Dies dürfte wegen der Vielzahl und der oft winzigen, nur einige Fläschchen zählenden Mengen der Abertausenden Produkte aus ökonomischen Gründen unmöglich sein - und aus wissenschaftlichen wohl auch.

Wir sind damit wieder bei der Glaubensfrage: Wirkt es? Oder wirkt es nicht? Der Berner Epidemiologe Matthias Egger belegte im Jahr 2005 in einer Metastudie zur Homöopathie: Je genauer nach wissenschaftlichen Kriterien getestet wird, desto geringer die Effekte homöopathischer Behandlungen in den jeweiligen Untersuchungen. Das Ergebnis wurde im August 2005 in der renommierten Fachzeitschrift "Lancet" veröffentlicht.

Aber vielleicht geht es gar nicht in erster Linie um Evidenz und Wirksamkeit.

In der Herdecker Studie begründeten fast 45 Prozent der befragten Eltern ihre Ausgaben für Alternativmedizin mit dem Bedürfnis, wirklich alles versucht haben zu wollen. Für die Eltern von Thomas lag der Effekt auch in ein paar Momenten Ablenkung, für sie selbst wie für das Kind. Ein Lachen beim Namentanzen oder einen Tag lang Beschäftigung beim Kochen von Calendula-Tee, zum Spülen des entzündeten Mundes von Thomas. Dagegen gibt es auch ein konventionelles Medikament, aber das hätte man eben nur geben und nichts wirklich tun können.

Thomas hat seine Therapie überlebt. Er gilt als geheilt. Im nächsten Jahr wird er zwei Jahre alt.

Seinen Namen tanzen können seine Eltern bis heute. -

Weitere Informationen im Netz: www.agbkt.de

Die Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie des Klinikums Nürnberg ist ein unabhängiges Forum für unkonventionelle Verfahren in einem Umfeld moderner internistischer Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin. Es wird von der Deutsche Krebshilfe gefördert, und hat zu mehr als 500 verschiedenen alternativen Therapien und Medikamenten Informationen zu Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit zusammengetragen.

www.kinderkrebshilfe-muenster.de

Unterstützt Familien mit krebserkrankten Kindern mit Rat und Tat, sowie mit stationärer Ausstattung, medizinischen und psychosozialen Hilfsangeboten. Viele Mitglieder sind selbst betroffene Eltern.

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