Ausgabe 12/2008 - Schwerpunkt Glück

Sinnvolle Arbeit

- Es war die Chance auf ein neues Leben. Dass sie heute als Kellnerin im Ratskeller Reinickendorf im Berliner Norden arbeitet, wäre für Janette Piasecka vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Damals litt die 39-Jährige unter schweren Depressionen und Angstzuständen. "Ich wusste, dass ich Hilfe brauche", sagt sie heute. "Ich hatte Angst um mich."

Damals fand sie einen Psychologen, der ihr half, sich zu stabilisieren. Aber das reicht nicht für ein gutes Leben. "Irgendwann habe ich mir zugetraut, etwas zu tun. Ich wollte es jedenfalls versuchen." Zuerst machte sie zwei-, dreimal in der Woche den Tresen in einem Tageszentrum für psychisch Kranke. Das war der erste Schritt. Über die Therapie und die Arbeit fand Janette Piasecka den Weg zu einem selbstbestimmten Leben.

Friedrich Kiesinger ist der Therapeut, der sie auf ihrem Weg unterstützt hat. Als Psychologe. Und als Unternehmer. Denn Kiesinger hat vor neun Jahren zusammen mit anderen die Berliner Pegasus GmbH gegründet. Eine ganz normale Firma mit einer kleinen Besonderheit: Sie stellt besonders gern Menschen mit seelischen oder körperlichen Handicaps ein. Der Ratskeller in Reinickendorf, tagsüber Rathauskantine, abends Restaurant, ist einer der Pegasus-Betriebe. Etwa ein Fünftel der Beschäftigten dort ist oder war schwer krank.

In der Regel arbeiten seelisch Kranke in subventionierten geschützten Einrichtungen, sehr weit entfernt vom ersten Arbeitsmarkt. Was sie dort verdienen, ist kein Lohn, sondern eine Art Aufwandsentschädigung. Pegasus funktioniert anders: Die Firma bezahlt ihre Mitarbeiter nach Tarif, sie bekommt keine Zuschüsse aus den Töpfen des Sozialstaats und muss ihr Geld wie jedes andere Unternehmen auf dem Markt verdienen. Pegasus verbindet sozialen Anspruch mit handfester Betriebswirtschaft. Die Firma erwirtschaftet Gewinn, zahlt Steuern und wächst seit neun Jahren kontinuierlich.

Daran, dass das eigentliche Ziel nicht der möglichst hohe Ertrag, sondern die möglichst wirkungsvolle Hilfe für kranke Menschen ist, lässt Firmengründer Kiesinger dennoch keinen Zweifel. Am Beginn der Pegasus GmbH stand nicht unbedingt unternehmerischer Ehrgeiz - Kiesinger und seine Mitstreiter wollten vielmehr etwas beweisen: dass man Arbeit durch Arbeit lernt, nicht durch Simulation in der Beschäftigungstherapie.

Zwei Jahre vor der Firmengründung hatten sich Kiesinger und andere Psychologen ein Integrationsprojekt ausgedacht, mit dem sie Depressive, Schizophrene, Angstpatienten und andere psychisch Kranke auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten wollten. Finanziert wurde das auf zwei Jahre angelegte Projekt aus dem Europäischen Sozialfonds, Auftraggeber war die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. Die Psychologen stellten drei Meister aus der freien Wirtschaft ein, einen Koch, einen Gebäudereiniger und einen Gärtnermeister, die dann mit den Kranken arbeiteten. Das ehrgeizige Ziel war, mindestens einem Drittel der insgesamt rund 50 Beschäftigten zu helfen, eine reguläre Stelle zu finden. "Mit diesem Projekt sind wir gescheitert. Keine Firma wollte einen Kranken anstellen", stellt Kiesinger fest.

Das hätte das Aus bedeuten können, Kiesinger wäre heute kein Unternehmer und Janette Piasecka hätte es auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben sehr viel schwerer gehabt. Aber in den beiden Jahren hatten Kiesinger und seine Kollegen gesehen, dass Arbeit den Kranken tatsächlich hilft. Sie waren in der Lage, produktiv zu sein. Gleichzeitig war die Gruppe zusammengewachsen. Die Handwerksmeister aus der gewerblichen Wirtschaft hatten gelernt, mit schwierigen Kollegen gut zusammenzuarbeiten. Und dass die als Kochhelfer, im Gartenbau oder in der Gebäudereinigung angelernten Kranken keinen regulären Arbeitsplatz fanden, lag in den Augen der Pegasus-Gründer nicht an ihren Leistungsdefiziten, sondern an den Erkenntnisdefiziten der Unternehmen.

Sie hätten auch gemeinnützig werden können. Aber dann hätte ihnen jeder reingeredet

Der logische nächste Schritt war es, selbst eine Firma zu gründen, Meister einzustellen und Aufträge zu akquirieren. Aus dem Reintegrationsprojekt wurde ein Geschäft. Die Pegasus-Gründer wollten zeigen, dass seelisch oder körperlich gehandicapte Arbeitnehmer ihr Gehalt wert sind, wenn man auf sie zugeschnittene Arbeitsplätze bietet. "Wir wollten wertstiftende Arbeit mit den Kranken machen, wir glauben, dass ihnen das hilft. Therapie heißt eben nicht nur Gesprächs-, Ergo- oder Beschäftigungstherapie wir basteln einen Aschenbecher, und dann werfen wir ihn weg", sagt Andrea Kiesinger, die Frau des Geschäftsführers und Pega-sus-Gesellschafterin, die zum marktwirtschaftlichen Unternehmen keine Alternative sieht. "Im gemeinnützigen Bereich wäre das, was wir bei Pegasus machen, schwierig. Dort ist man sehr abhängig von den Kostenträgern, die einem alle möglichen Auflagen machen, man kommt schnell an die Grenzen. Wir brauchten eine beweglichere Struktur. Es war uns wichtig, eine normale GmbH zu sein, auch aus Wettbewerbsgründen. Man will sich nicht dauernd mit irgendwelchen Innungen herumärgern, die einem dann unfairen Wettbewerb vorwerfen, weil man Geld vom Staat bekommt."

Pegasus-Geschäftsführer Friedrich Kiesinger empfindet das Modell, das die Kranken aus der fürsorglichen Entmündigung der öffentlichen Stellen holt, vor allem als ehrlich: "Wir müssen uns nicht verstellen. Wir müssen normale Arbeit nicht als etwas Therapeutisches verkaufen, um Geld von der Sozialbürokratie zu bekommen. Die Klienten bekommen eine Lohnsteuerkarte, sie verdienen mit ihrer Arbeit Geld und sind ein Stück weit unabhängig."

Karin Hirdina, Psychologin wie Kiesinger und Pegasus-Mitgründerin, hat aus ihrer Erfahrung in der Betreuung psychisch Kranker ein ganz praktisches Argument für die bezahlte Arbeit in der echten Welt: "Das Reden in der Therapie ist gut und schön und notwendig, aber wenn ich als Psychologin die Möglichkeit habe, Menschen einen Arbeitsplatz anzubieten, kann das unter Umständen sehr viel bewegen. Es macht Menschen glücklich, wenn bei dem, was sie tun, etwas Konkretes rumkommt, wenn sie eine Perspektive haben, zum Beispiel auf einen Job, von dem sie leben können. Und es geht nicht mehr dauernd nur um die Defizite, die jemand hat, sondern um seine Ressourcen, seine Möglichkeiten."

Vielleicht braucht es diese Mischung aus nüchternem Realismus und langer klinischer Erfahrung, um Psychotherapie und Unternehmentum kurzzuschließen. Die Frage, wie das geht, beantwortet jeder der drei verbliebenen Gründer (zwei sind inzwischen ausgeschieden) unterschiedlich. Was offenbar nicht schadet, sind praktische Erfahrungen in beiden Welten. Karin Hirdina hat eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht, bevor sie Psychologie studierte. Andrea Kiesinger ist gelernte Gastronomin und im Unternehmen für die Restaurants, Kantinen und den Catering-Service zuständig. Und Friedrich Kiesinger hat schon vor der Pegasus-Gründung die Strukturen, in denen er arbeiten wollte, lieber selbst organisiert, statt sich irgendwo um eine Stelle zu bewerben.

Der Trägerverein Albatros, der in Berlin ein ganzes Netz aus psychosozialen Beratungsstellen betreibt und bei dem Hirdina und Kiesinger als Psychologen angestellt sind, ist eine dieser Kiesinger-Gründungen. "Ich weiß auch nicht, woher ich dieses Gen habe", sagt der Mittfünfziger. Äußerlich wirkt er mit den ergrauten langen Haaren und den Cowboystiefeln wie ein Alt-68er und so, als wollte er sich immer noch energisch von seinem Onkel, dem einstigen CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, absetzen. Aber das täuscht. Friedrich Kiesinger ist ein energischer Manager und auf den wirtschaftlichen Erfolg von Pegasus ziemlich stolz.

Seit der Gründung ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. Inzwischen macht es einen Umsatz von gut drei Millionen Euro, 2007 erwirtschaftete es einen Gewinn von 100 000 Euro, der in die Expansion investiert wird. Derzeit beschäftigt Pegasus 108 fest angestellte Mitarbeiter, darunter 15 Lehrlinge und mehrere Meister. Etwa 20 Prozent der Angestellten sind psychisch oder körperlich krank. Zu den Festangestellten kommen noch einmal etwa 40 Kranke, firmenintern Klienten genannt, die stundenweise und je nach ihren gesundheitlichen Möglichkeiten auf Zuverdienst-Basis mitarbeiten.

Viele der heute bei Pegasus Beschäftigten haben so angefangen, auch Janette Piasecka, die Kellnerin. Neben zwei Restaurants, zwei Großküchen in Sozialeinrichtungen, einer Bäckerei, kleinen Küchen in Tagesstätten und einem Catering-Service hat Pegasus auch einen Betrieb für Maler- und Sanierungsarbeiten, eine Gebäudereinigung und einen Verwaltungsservice, in dem andere Unternehmen zum Beispiel ihre Buchhaltung machen lassen. Zu den Kunden gehören neben anderen Sozialeinrichtungen Wohnungsbaugesellschaften, Bezirksämter und Privatpersonen, aber auch der Daimler-Konzern, Blume 2000, die Deutsche Bahn oder der Arbeitgeberverband, der schon mal das Catering für eine Veranstaltung bei Pegasus bucht.

Den Kunden interessieren keine Probleme. Der will die versprochene Leistung, ohne Abstrich

Funktionieren kann das alles nur dank einer Unternehmenskultur, die fein austariert und flexibel genug ist, schwache Mitarbeiter aufzufangen und trotzdem zu marktüblichen Preisen Kundenaufträge abzuarbeiten. "Alle, die bei Pegasus arbeiten, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie die Kranken mittragen müssen", sagt Andrea Kiesinger. "Wir hatten einen sehr guten Koch, der leider ein heftiger Choleriker war. Er konnte mit niemandem zusammenarbeiten, erst recht nicht mit labilen Menschen. Egal, wie gut er gekocht hat, wir konnten ihn nicht behalten."

Egoisten passen nicht in eine Firma, in der man immer mal einspringen muss, wenn ein Kollege ausfällt. Schließlich interessiert es keinen in dem Studentenhotel, dem das Pegasus-Catering jeden Tag das Mittagessen liefert, ob ein Koch einen akuten Schub hatte und deshalb nicht arbeiten kann. Und eine Wohnungsbaugesellschaft, für die Pegasus die Gebäudereinigung übernimmt, will nichts von Krankengeschichten und Stimmungsschwankungen der Mitarbeiter hören; sie will saubere Treppenhäuser. Pegasus muss funktionieren, auch wenn kranke Mitarbeiter mal nicht funktionieren.

Die Gesunden springen für die Kranken auch deshalb ein, vermutet Friedrich Kiesinger, "weil sie wissen, falls sie selbst erkranken oder nicht mehr so leistungsfähig sind, werden sie nicht weggeschmissen". Michael Tetz, 58 Jahre und Meister für Ausbaugewerke, also Malerarbeiten, Trockenbau, Fliesenlegerei, Tischlerarbeiten, ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist seit acht Jahren bei Pegasus und hat zuvor in einem großen Bau-Unternehmen eine Abteilung mit 400 Mann geleitet. "Ich habe 16 Stunden am Tag gearbeitet. Das war absoluter Raubbau. Dann hatte ich einen Zusammenbruch, es ging gar nichts mehr."

Tetz kündigt. Als er bei Pegasus als Meister anfängt, ist er 50 Jahre alt. Mit körperlich und seelisch kranken Menschen zu arbeiten ist "eine Riesenumstellung" für ihn. "In der alten Firma musste ich jeden Monat Leute entlassen, weil sie nicht gebracht haben, was gefordert war. Das ist hier völlig anders. Wir hatten einen Lehrling, den wir 16-mal abgemahnt haben. Er ist dauernd zu spät gekommen, oder er kam gar nicht, ich wollte ihn ein paarmal rauswerfen. Herr Kiesinger hat gesagt: , Wo soll der denn sonst lernen - er hatte einen Gehirntumor und ist auf einem Auge blind, versuchen wir es noch mal.' Der hat ein halbes Jahr länger für die Lehre gebraucht und hat's dann geschafft. Jetzt arbeitet er in einem ganz normalen Unternehmen als Maler. Wenn die Klienten beim ersten Mal nicht verstehen, was sie machen sollen, erklären wir es ein zweites, drittes und viertes Mal."

Geschichten wie diese kann Michael Tetz viele erzählen. Er hat gelernt, die Möglichkeiten, nicht nur die Behinderungen eines Menschen zu sehen. Er sagt: "Wir haben einen Malergesellen, schwerhörig, zu 60 Prozent behindert und übergewichtig. Der hatte sich jahrelang vergeblich beworben. Dabei ist er ein guter Fachmann, der trotz seiner Behinderung sehr gut mit Kunden umgehen kann. Der Mann ist ein Gewinn für die Firma. Oft sind die, die es am Anfang schwer haben, hinterher die Zuverlässigsten, auch weil sie Dankbarkeit empfinden, weil wir ihnen eine Chance gegeben haben."

Tetz weiß, wovon er redet. Er war selbst schwer krank. 1983 wurde bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert. Bei den Operationen wurde die Hirnanhangdrüse entfernt, die dafür sorgt, dass der Körper Hormone produziert. "Ich bekomme regelmäßig Depotspritzen, zum Beispiel Testosteron. Wenn ich die kriege, bin ich sehr reizbar und aggressiv. Und wenn nach einiger Zeit die Wirkung nachlässt, kurz bevor ich die nächste Spritze bekomme, könnte ich heulen, wenn mir einer nur erzählt, dass er den Zug verpasst hat. Ich musste lernen, mit diesen Schwankungen umzugehen, und meine Umgebung auch."

Vor zwei Jahren kam dazu eine schwere Darmerkrankung, Tetz lag anderthalb Jahre im Krankenhaus. "Damals hat Fritz (Friedrich Kiesinger) mir gesagt: , Du musst dir keine Gedanken machen. Wenn du wieder gesund bist, wirst du weiter hier arbeiten'", erzählt Tetz. "Ohne Pegasus wäre ich jetzt wahrscheinlich bei Hartz IV." Heute hat er eine Berufsunfähigkeitsrente, darf nur fünf Stunden am Tag arbeiten und macht die Büroarbeiten für das Malergeschäft bei Pegasus. 2010 geht er in Rente. "Fritz hat schon gesagt, ich soll bei Pegasus auf 400-Euro-Basis weiterarbeiten. Klar mache ich das. Ich will ja nicht nur zu Hause sitzen."

Um mit kranken Menschen produktiv arbeiten zu können, achten die Pegasus-Betreiber vor allem auf eines: Passgenauigkeit. Andrea Kiesinger: "Wir fragen uns bei jedem, welche Möglichkeiten er hat. Bei den Jüngeren kann man es mit einer richtigen, anerkannten Ausbildung versuchen. Viele Ältere, die Unfälle hatten oder psychisch krank wurden, haben Qualifikationen, an die man anknüpfen kann. Ein Klient war früher Architekt. Er hatte schwere Panikattacken und hielt den Leistungsdruck nicht mehr aus. Nach einer Therapie hat er wieder angefangen zu arbeiten und ist nach ein paar Monaten wieder massiv psychisch erkrankt. Wir haben versucht, für ihn eine Arbeit zu finden, bei der er seine Qualifikation einbringen kann, aber nicht unter solchem Leistungsdruck steht. Durch die Arbeit bei Pegasus hat er sich stabilisiert. Heute ist er wieder selbstständig und stellt Holzlampen her. Ein anderer, ein Ingenieur, hatte einen schweren Unfall, er hat eine Gehirnquetschung erlitten und ein Auge verloren. Er ist jetzt Fahrer bei uns."

Das sind die Erfolgsgeschichten. Es gibt auch immer wieder Mitarbeiter, die von ihrer Krankheit eingeholt werden, wie ein Angstpatient, der in der Verwaltung mitgearbeitet hat und sich, als er eine größere Arbeit beenden sollte, kurz vor dem Abgabetermin krankmeldete - vielleicht aus Angst, versagt zu haben, oder um Fehler zu kaschieren.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Erwerbsarbeit ersetzt keine therapeutische Hilfe. Arbeit allein macht nicht gesund. Menschen, die zu krank für die Arbeit bei Pegasus sind, brauchen den Schutz gemeinnütziger Einrichtungen, zum Beispiel der überforderte Angstpatient aus der Pegasus-Verwaltung. Pegasus ist auf die Kooperation mit Sozialeinrichtungen angewiesen, nicht nur, weil von dort regelmäßig Aufträge kommen, sondern auch, um in der Betreuung der Kranken zusammenzuarbeiten. Schließlich kann sich die GmbH keinen firmeneigenen psychosozialen Dienst leisten. Sie kann die gemeinnützigen Einrichtungen nicht ersetzen - aber sie kann die Möglichkeiten erweitern und ihren Mitarbeitern ganz andere Autonomiegrade und Entwicklungschancen eröffnen.

Andreas Kern ist 27 Jahre alt und arbeitet im Ratskeller Reinickendorf als Gastronomie-Fachkraft. Dass er das kann, verdankt er unter anderem Andreas Friedl, dem Küchenchef. Kern hatte vor neun Jahren eine durch Designer-Drogen wie Ecstasy ausgelöste Psychose. "Das war wie ein Schlaganfall. Man kann sich kaum noch bewegen, kaum sprechen, das muss man alles wieder trainieren", erzählt er. Ein halbes Jahr war er im Krankenhaus, bekommt immer noch Medikamente und konnte anfangs nur ein paar Stunden in der Woche arbeiten. "Das hat mich erst mal stabilisiert, dass ich aufstehe, dass ich in Bewegung komme und was zu tun habe. Ich habe damals gesagt, ich möchte Koch werden. Ich hätte jede Arbeit in der Küche gemacht."

"Wir haben den Andreas ganz langsam an die Sache rangeführt", sagt Andreas Friedl, sein Chef. "Als er die Lehre angefangen hat, war klar, er muss fünf Tage die Woche acht Stunden arbeiten; die Handelskammer fragt nicht, ob man krank ist und nicht so kann. Wir haben Andreas so fit gemacht, dass er das durchstehen konnte. Da muss man erstmal hinkommen, mit Druck geht da meistens gar nichts. Davon würden die Leute höchstens noch kränker. Ich bin ja kein Psychotherapeut, ich bin Koch, aber wenn man lange hier im Unternehmen ist, lernt man damit umzugehen, dass jemand krank ist. Wir haben auch schon totale Ausfälle bei Klienten miterlebt. Früher hatte ich davor Angst, aber darüber bin ich lange hinweg."

Heute leitet Andreas Kern neben seiner Arbeit im Ratskeller Reinickendorf eine kleine Küche in einer Tageseinrichtung. Mit zwei Küchenhilfen kocht er jeden Tag für 30 psychisch kranke Menschen.

Es kann Glück bedeuten, in einer Rathauskantine als Koch zu arbeiten. Oder den Papierkram für eine kleine Bau- und Malerfirma zu machen. Oder einen Job als Fahrer zu bekommen. Oder eine Firma aufzubauen, in der kranke Menschen arbeiten.

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