Ausgabe 07/2008 - Was Menschen bewegt

Von den Socken

- Eines Morgens kam Leana Estrati nicht wie sonst zum Betteln vorbei. Sondern zum Tauschen. Sie öffnete das knarrende Hoftor, ging in den Garten und zog ein Paar Socken aus ihrem Mantel. Die Socken waren gleichmäßig gestrickt, dick und trotzdem elegant. Umgerechnet fünf Mark, den Lohn für zwei Tage Arbeit im Kuhstall, bot ihr der Nachbar Harald Riese, der gerade Besuch aus Deutschland hatte. Auch seinen Gästen gefiel die Ware, und sie orderten gleich mehrere Paare. Estrati spannte daraufhin Tochter und Schwiegertochter ein und lieferte eine Woche später 15 Paar Socken, die sich in Deutschland prächtig verkauften.

So hat 1999 alles begonnen in Viscri, einem Dorf in Siebenbürgen, das mittlerweile als das "Sockendorf" bekannt ist. Dass sie es so weit bringen würden, hätten die Frauen damals nicht für möglich gehalten, als sie es Estrati gleichtaten und ebenfalls Socken strickten, um sie zu verkaufen. Heute sind sie Unternehmerinnen. Ihre Firma "Viscri Începe" ("Viscri startet") hat bislang mehr als 70 000 Paar Socken nach Deutschland verkauft. Inzwischen spinnen die Frauen im Dorf die Wolle für ihre Produkte selbst; sie kaufen sie von Bauern aus dem Ort.

Viscri, vor etwa 800 Jahren von Siebenbürger Sachsen als Deutsch-Weißkirch gegründet, liegt zwischen den Hügeln Transsilvaniens. In dem Dorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zwei Pferde ziehen einen alten Wagen mit Milchkannen über die staubige Hauptstraße. Daneben liegen Wasserleitungsrohre, die schon seit Monaten verlegt werden sollen. Ein Schimmel grast am Wegesrand, zwei Truthähne zanken. Sauber aufgereiht stehen Bauernhöfe nebeneinander, die die Siebenbürger Sachsen einst aus Holz und Lehm gebaut haben. Eine Stiftung renoviert die bis zu 300 Jahre alten Gemäuer. Genauer gesagt: die Fassaden. So wirken die Höfe auf den ersten Blick schmuck und pittoresk, auf den zweiten erweisen sie sich jedoch als marode.

Die Suche nach dem einfachen Leben hat Harald Riese und seine Frau Maria 1993 in dieses Dorf geführt. In Viscri fließt das Wasser noch aus dem Brunnen. Die Wiesen sind so fett und bunt, dass die Kuhmilch nach Kamille, Veilchen und Vanille schmeckt.

Nach einem Frühlingsregen duftet es in Viscri, als hätte sich der liebe Gott gerade parfümiert. Mit ihrer damals vierjährigen Tochter Dorothee bezogen die Rieses den leer stehenden Hof eines Siebenbürger Sachsen, der wie die meisten die Gegend längst verlassen hatte.

Auch Männer greifen zur Stricknadel allerdings nur heimlich

Harald Riese, 68 Jahre alt, ist Kirchenmusiker, Lebenskünstler, Christ, Enthusiast - und Unternehmer. Von seiner äußeren Erscheinung her wirkt er ein wenig, wie man sich Sokrates vorstellt: stämmig, weißer Haarkranz, Vollbart und neugieriger Blick. Er erinnert sich noch genau an den Morgen, an dem Leana Estrati mit den Socken vorbeikam. Wollte sie sich revanchieren für die paar Lei, die er ihr immer mal wieder zusteckte? Er lacht aus tiefer Kehle. "Nein, überhaupt nicht! Das ist ja das Schöne! Sie wollte ein Geschäft machen, sonst nichts. Bei den Socken geht es auch nicht um milde Gaben. Die Käufer sollen kein schlechtes Gewissen beruhigen, sondern für gute Ware gutes Geld bezahlen."

Seit die Unesco den historischen Ortskern und die massige Kirchenburg 1999 zum Weltkulturerbe erklärt hat, zieht es immer mehr Touristen nach Viscri. Geld geben sie während ihres Besuches allerdings nicht aus. Die meisten kommen morgens an und sind am späten Nachmittag schon wieder weg. Nur selten übernachtet jemand in dem Dorf, das nur rund 40 Kilometer von Sighisoara entfernt liegt, dem einstigen Schäßburg. Einzig die gestrickten Socken, Handschuhe, Westen und Mützen, die die Frauen im eigenen Laden und an Straßenständen verkaufen, bringen etwas ein.

Wenn die Feldarbeit Zeit lässt, wird in Viscri ohne Pause gestrickt. Meistens sitzen die Frauen des Dorfes zu zweit auf Bänken am Straßenrand und handarbeiten. Die älteren tragen bunte Kopftücher, ihre Hände sind rau und kräftig, Kinder schwirren um sie herum. Nur sonntags ist Stricken verboten. Wer das tue, so geht die Legende, steche sich derart tief in den Finger, dass die Wunde nur äußerst langsam verheile und eine hässliche Narbe hinterlasse.

Wer die Frauen fragt, wie es ihnen mit dem Stricken gehe, dem sagen sie in ihrer Mundart "Was soll man machen?" oder "Musai" ("muss sein"). Bis schließlich eine mit nachsichtigvorwurfsvollem Blick sagt: "Na, wir leben davon." Angeblich greifen selbst ein paar Männer zur Nadel. Aber nur hinter geschlossenen Türen. Stricken ist in Viscri Frauenarbeit. Bei den Jüngeren ist die Geschlechtertrennung besonders deutlich. Um Mitternacht sitzen Halbwüchsige im Dorf auf Plätzen zusammen. Die Jungen halten Bierflaschen in Händen, die Mädchen Stricknadeln.

Viele der von ihnen produzierten Socken werden nach Deutschland geliefert, wo das Paar zwischen 4 und 9,15 Euro kostet. Hilfsorganisationen transportieren die Ware nach Naumburg, wo die Rieses mittlerweile wieder leben und ein "Zentrallager" aufgebaut haben, wie sie es nennen. Dabei ist dieses Lager kaum mehr als der Speicher einer alten Bürgerwohnung in der Innenstadt. Vertrieben werden die Socken in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz von Freunden und Freunden von Freunden. Sie verkaufen die Ware in der Yoga-Gruppe, im Kirchenchor, auf dem Weihnachtsbasar, dem Wochenmarkt oder dem Landfrauentag.

Dort findet die Wollware inzwischen guten Absatz, seit die Strickerinnen einen Qualitätsmangel ihrer Produkte beheben konnten. Anfangs trennten sie nämlich Pullover aus Hilfslieferungen auf, um an Wolle zu kommen. Doch irgendwann fragte Harald Riese: "Haben wir nicht selber alles, was wir brauchen?" 700 Schafe besitzen die Viscrier Bauern, mehr als genug, um die Wolle selbst herzustellen.

Weit oben auf den Hügeln vor dem Dorf wachen Sfelica Marcu und Serafim Colniceanu über die Herde. Der Weg zu ihnen ist beschwerlich. Zwei zähe Pferde ziehen den Wagen anderthalb Stunden lang bergauf durch weiche Erde und feuchtes Gras. Alle paar Meter müssen sie verschnaufen, bis sie den Weg zur Stâna, dem Hirtenlager, geschafft haben, wo die beiden Männer mit den Schafen des Dorfes umherziehen.

Die Hufe klacken, die Hunde knurren. "Bleibt am besten nahe bei mir", rät Marcu, ein Mann mit rotem Nacken und glänzenden Augen. Von März bis November leben die beiden Hirten auf dem Berg bei den Tieren. Einmal am Tag fährt einer hinunter ins Dorf, bringt Milch und Käse, holt Trinkwasser, Brot, Speck und Bier. Heute Morgen sind sie um vier Uhr aufgestanden, haben die Schafe gemolken, sie auf eine Weide geführt, haben sie mittags noch einmal gemolken, 200 Milliliter pro Schaf, und sind dann nochmals zu einer Wiese gezogen. Die Schafe werden jetzt ein drittes Mal gemolken und danach abermals zum Fressen auf eine Wiese geführt. Gegen Mitternacht werden sich die Schäfer schlafen legen, in einem Verschlag von der Länge eines Liegewagenabteils, ganz nah bei den Tieren. "Damit sich die Wölfe nicht so leicht herantrauen", sagt Marcu. "Und falls doch, habe ich ja die Taschenlampe. Die mögen sie gar nicht." Nur gegen die Bären, die manchmal aus den Wäldern heranschleichen, können Hirten und Hunde nichts ausrichten. "Denen überlässt man besser ihre Beute und wartet, bis sie wieder weg sind."

Besonders gefragt bei den Strickerinnen im Dorf ist die Wolle brauner Schafe. Doch ausgerechnet diesen wachsen nur kurze Zotteln, und obendrein geben sie weniger Milch. Das Geschäft lohnt sich trotzdem: "Seit die Frauen selber spinnen, bekomme ich für die Wolle ein Viertel mehr als früher", sagt Marcu. Doch um Marcus Wolle spinnen zu können, brauchten die Frauen erst einmal Maschinen. Also setzte die Strickgemeinschaft im Jahr 2000 eine Anzeige in die Zeitung: "Alte Spinnereimaschinen gesucht."

Ein Ungar aus Brasov meldete sich, bot Geräte aus den fünfziger Jahren, die besser in ein Industriemuseum passten als in eine neue Firma. Aber sie funktionierten tadellos. Die 8000 Mark für die Maschinen wurden mit Spendengeldern bezahlt, der Transport schlug mit 2000 Mark zu Buche, 10 000 Mark mussten für den Kauf des Hauses bezahlt werden, in dem sie inzwischen montiert sind. Doch das war erst der Anfang einer Reihe von Problemen, vor denen die Frauen standen. Es galt, neue Sicherungen in dem Haus einzubauen, weil man nicht immer wieder die alten Sicherungen mit Drähten überbrücken konnte. Es mussten neue Kammzähne und Keilriemen für die Spinnräder angeschafft und jemand gefunden werden, der die Maschinen bedienen konnte. Vor allem aber musste eine Starkstromleitung gelegt werden, um sie anzutreiben.

Für Maria Panait, genannt Cuta, alles lösbare Probleme. Die von den Vereinsmitgliedern gewählte Chefin schließt die Tür zur Spinnerei auf. Es riecht nach Holz und Öl, nach Staub und Schaf.

Mit einer Mischung aus Stolz und Scham beschreibt sie, wie alles funktioniert. Stolz, weil es schon eine Leistung ist, die Maschinen angeworfen zu haben. Scham, weil eben nicht alles so "voll computerisiert" läuft, wie sie das gern hätte. "In Deutschland gibt es Maschinen, in die man vorne die Wollzotteln hineinsteckt, und hinten kommt der Faden raus. Sehen Sie hier: Erst müssen wir die Wolle heiß waschen. Dann trocknen wir sie, flocken sie auf und wiegen sie, dann kommt sie auf die Kämmmaschine." Dort wird die Wolle grob gerupft, fein gerupft, gekämmt, gesponnen, der Faden verzwirnt und aufgerollt - all das auf mehrere Maschinen und Arbeitsgänge verteilt. Was der Kooperative aber vielleicht besser entspricht als ein vollautomatischer Maschinenpark, denn so verteilt sich die viele Arbeit auf viele Frauen. Vier sind in der Spinnerei angestellt, dazu kommen die beiden Geschäftsführerinnen und etwa 100 freie Strickerinnen - eine beachtliche Anzahl von Arbeitskräften für ein kleines Dorf.

Reich werden die Arbeiterinnen mit ihrer Tätigkeit nicht, aber sie genießen einige Privilegien, die auf dem Land in Rumänien keine Selbstverständlichkeit sind. Die sechs Angestellten verdienen 150 Euro brutto im Monat, 100 Euro netto bleiben ihnen davon übrig. Sie sind dabei aber nicht voll ausgelastet. Was ansteht, wird erledigt, und wenn gerade Ersatzteile in der Spinnerei fehlen, gibt es eben nichts zu tun, das Gehalt wird trotzdem ausbezahlt. Außerdem sind die Frauen und ihre Familien kranken-, renten- und arbeitslosenversichert. Zusätzlich erhält jede Familie einer Strickerin im Todesfall ein Beerdigungsgeld.

Jeden ersten Montag im Monat ist Sockentag. Dann wird die Qualität der Ware kontrolliert

Betriebswirtschaftlich rechnet sich der Aufwand für die Kooperative. Im Fabrikladen ist ein Paar Socken mit 4,50 Euro ausgezeichnet. Mit dem Verkauf werden die Gehälter der Angestellten, der Lohn für die Strickerinnen, die Kosten für Strom und Holz sowie das Honorar für den staatlich bestellten Buchprüfer, der alle drei Monate zur Kontrolle kommt, wieder eingespielt. Pro Sockenpaar bleiben den Strickerinnen etwa drei Euro, wofür sie einen Tag lang arbeiten müssen. Die Kosten für die Wolle sind dabei schon abgezogen. Für einen Tag harter Feldarbeit bekommen sie mehr als das Doppelte, etwa sieben Euro. Deshalb stricken die Bäuerinnen vor allem im Winter, wenn die Landwirtschaft ruht. So verdienen sie sich in ihrer freien Zeit ein Zubrot zur Arbeit auf dem Acker.

Es ist der erste Montag im Monat, und in Viscri ist Sockentag. Vor der Fabrik stehen Frauen mit Kopftüchern und Körben voller Socken. Im Büro der Fabrik sitzt Camelia Balica, eine der Geschäftsführerinnen, hinter einem Tisch. Sie greift nach einer Socke und befühlt sie. Dass Schafwolle auf sensibler Haut kratzt, dafür mögen die Kunden noch Verständnis aufbringen, und manche mögen es sogar als angenehm empfinden, dass jede Socke ein Unikat ist. Balica aber duldet das nicht.

Denn bevor die Kunden reklamieren, weist Balica die Ware lieber gleich zurück. Sie sieht sich die Socke genauer an: Stimmt der Abstand zwischen Ferse, Schaft und Fuß? Stimmt die Größe? Hat wieder jemand zu dickmaschig gestrickt? Läuft die Socke zu spitz zu? Man kann nicht behaupten, dass sich die stämmige Frau mit dem scharfen Blick und der spitzen Nase bei den Frauen beliebt machen will.

"Hier, du hast die Spitze zu früh abgenommen! ", ermahnt sie eine Strickerin. "Ich bin alt und habe schlechte Augen", sagt die. Balica fährt mit der Hand ins Innere. Ist die Socke gleichmäßig gestrickt? "Du hast einen Knoten gemacht! Das gibt Blasen beim Laufen. Wenn der Faden reißt, sollst du die Enden vernähen, nicht verknoten! ", tadelt sie. "Es liegt an der Wolle", wagt die Strickerin zu erwidern, "sie ist zu unregelmäßig! " - "Die anderen schaffen es doch auch! " Das letzte Wort hat immer Balica . Erst als eine sehr alte Strickerin, deren Socken anstandslos durchgehen, sagt: "Sei nur recht streng zu uns, damit wir gute Frauen werden! ", und alle lachen, da fällt Balica auf die Schnelle kein letztes Wort ein, und sie muss mitlachen. Aber nur kurz. Denn zu enge Socken kann sie nicht leiden. Die würden das Geschäft ruinieren. -

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