Ausgabe 05/2008 - Schwerpunkt Bildung

Entdecken, was Schule macht

- Neulich war Daniel Pink zu Besuch, nicht persönlich, aber via Internet-Telefon. Pink war Redenschreiber von Al Gore, arbeitete zuvor für den damaligen US-Arbeitsministers Robert Reich. Inzwischen schreibt er für "Wired" und verfasst Bücher. Zum Beispiel "A Whole New Mind", wo es um die Evolution des Menschen im Arbeitsprozess geht: von traditioneller Landwirtschaft über Industrialisierung, Wissensgesellschaft hin zu IT und Globalisierung. Pink nennt die Ära, in die wir geraten, "Conceptual Age", was man mit "Ära des Begreifens" übersetzen kann. Er glaubt, in dieser Ära werde es besonders ankommen auf die Kreativen und Einfühlsamen, die konzeptionellen Denker, bei deren Ausbildung die Schule eine zentrale Rolle einnehme.

Darüber haben sie mit ihm diskutiert, die Schüler der Arapahoe High School (AHS) in Centennial, Colorado. Pink trug einen Kopfhörer und saß an einem Laptop mit Kamera. Am anderen Ende der Leitung benutzten die Schüler eine ähnliche Technik. Vier Klassen versammelten sich im Auditorium. Jeder Schüler konnte ans Mikrofon kommen, um eine Frage zu stellen. Acht Schüler betreuten derweil den Blog Fishbowl, an dem die Klasse auf 35 Laptops teilnahm. Der Blog wurde später gemeinsam ausgewertet. "Wir müssen die Schule revolutionieren", sagt Karl Fisch, Technischer Direktor der AHS, der die Veranstaltung organisiert hatte. "Unsere Intelligenz produziert technischen und sozialen Wandel in einem Tempo, dem traditioneller Unterricht nicht mehr gerecht wird."

Die AHS liegt an der Kreuzung South University Boulevard und East Dry Creek Road. Sie ist ein weitläufiger Backsteinkomplex mit Flachdach und großem Parkplatz. Gleich am Eingang stehen Schaukästen mit Pokalen und Kunstwerken von Schülern, Fotos zeigen die Blaskapelle der Schule bei ihrem Auftritt am 1. Januar vergangenen Jahres in Gießhübl, Österreich. Am Schwarzen Brett in der Cafeteria hängen Bilder und Tabellen der Sport-Teams. Auf kahlen Fluren zwischen den Klassenzimmern reihen sich Metallschränke, einige mit Bannern der "Warriors" beklebt. Krieger, so nennen sich die Teams der AHS. Die Arapahoe, die dem County und der Schule den Namen gaben, sind ein in Colorado ansässiger Indianerstamm.

2100 Schüler werden in der AHS in den Klassen 9 bis 12 unterrichtet. Die Schule folgt damit einer K-12-Variante, die nach Elementary und Middle vier Jahre Highschool vorsieht. Wer an der AHS die Stationen Freshman, Sophomore, Junior, Senior durchlaufen und erfolgreich abgeschlossen hat, für den beginnt wahlweise das Berufsleben oder die höhere Bildung mit College und Universität. 91 Prozent der Schüler schließen die AHS erfolgreich ab, neun von zehn Absolventen studieren. Fisch sagt: "In unserem Umfeld stimmt das sozioökonomische Klima, die Eltern sind gebildet, sie legen Wert auf gute Ausbildung. Die Eltern haben hohe Erwartungen, die Lehrer haben hohe Erwartungen, und das setzt sich bei den Kindern fort."

In der Schule üben sie mit Bleistift und Papier. Und erleben draußen die digitale Revolution

Centennial, südlich von Downtown Denver gelegen, zählt zur Suburbia und sieht genauso aus, wie man amerikanische Vorstädte aus Film und Fernsehen kennt: uniformiertes Eigenheimglücksland mit angeschlossenen Shopping Malls. Gehobene Mittelkasse mit gepflegten Vorgärten und Geländewagen in der Garage. Was auch an den Grundkoordinaten der Gegend liegt: Technik- und Energiebranche sowie Bergbau bieten gute Jobs, die Arbeitslosigkeit beträgt kaum vier Prozent. Die Einheimischen loben die saubere Luft und das Panorama der Rocky Mountains.

Auch in Centennial gilt wie überall im K-12-System: Die Einwohner der Stadt wählen ein School Board, ein Gremium, das etwa über die Höhe des Schulbudgets entscheidet, zu dessen Aufbesserung bei Bedarf schon mal die Haus- und Grundsteuer erhöht wird. 6600 US-Dollar pro Schüler und Jahr hat die AHS zur Verfügung, überwiegend lokal finanziert, dazu private Spenden; vom Bundesstaat Colorado und aus Washington kommen eher geringe Zuschüsse. Das ist nicht viel; mehr als 80 Prozent des Etats entfallen auf Gehälter, doch Karl Fisch sagt: "Wir sind eine positive Ausnahme. Was uns an Geld fehlt, machen die Lehrer mit Engagement wett." Laut Regionalmagazin "5280" gehört die AHS zu den besten Schulen Colorados.

Karl Fisch, 44, ist ein kleiner, sportlicher Mann. Vollbart, Glatzkopf, nachdenklicher Typ. Früher hat er Mathematik unterrichtet: Algebra, Statistik, Exponentialfunktionen, das Übliche. Als er 1991 anfing, gab es an der AHS nur in der Verwaltung Computer. Etliche Jahre später hatte bereits jeder Lehrer einen, schließlich wurde die Bibliothek damit ausgestattet, manche Schüler brachten ihre privaten Laptops in den Unterricht mit. Fisch war bereit, sich um die Technik in der Schule zu kümmern. Anfangs drehte sich seine Arbeit zu 20 Prozent um Computer, dann zu 50 Prozent. Das war der Punkt, an dem er nicht länger unterrichtete und Technischer Direktor wurde.

" Jeder junge Lehrer will die Welt verändern", sagt Fisch. "Ich war da nicht anders." Es gelang ihm nicht. Schon dass er die Schüler aufforderte, Mathematik zu hinterfragen und selbstständig zu arbeiten, machte sie ratlos. So etwas kannten sie nicht. Was sie mit Lust entdeckten, waren technische Geräte. Game Boy. Xbox. Sie schufen ihre eigenen MySpace-Profile, kommunizierten überwiegend online oder per SMS. Die digitale Jugend und ihre Spielwiese Cyberspace. "Als sich das Web 2.0 explosionsartig ausbreitete", sagt Fisch, "ging mir ein Licht auf."

Die AHS, erkannte Fisch, brauchte unbedingt mehr Computer. Sie brauchte WLAN. Sie brauchte eine neue Philosophie. Fisch nahm an Ausschreibungen für Fördermittel teil, bekam 96 000 Dollar von einer gemeinnützigen Organisation in Florida. Damit gründete er ein sogenanntes Staff Development Program; 16 Lehrer sollten mit ihm "die Schule transformieren, um den Bedürfnissen von Bildung im 21. Jahrhundert gerecht zu werden". Als Fisch vom School Board, das Zuschüsse für innovative Projekte offerierte, noch einmal 216 000 Dollar erhielt, kamen weitere 32 Lehrer dazu. Die stellvertretende Schulleiterin Natalie Pramenko erinnert sich: "Technologie war plötzlich das Schlagwort an der Schule. Die Lehrer fühlten sich angespornt, die Schüler waren begeistert. Zuvor hatten wir nur ein großes Gebäude voller Kids - jetzt hatten wir eine richtige neue Aufgabe."

Gegen elf in der Schulbücherei. Am Eingang die Nachbildung eines Arapahoe-Häuptlings mit Federschmuck in einer Vitrine, einige Meter dahinter vier Lehrer an einem Tisch: Anne Smith unterrichtet englische Literatur; Brian Hatak Chemie, Barbara Stahlhut Mathematik, Brad Meyer Sozialkunde. Sie alle gehören zum Staff Development Program. Und sie erzählen, wie sie sich anfangs trafen und darüber stritten, ob sie LCD-Projektoren im Unterricht einsetzen, iPods und private Laptops erlauben sollten. Sie wussten nicht, ob es Sinn hatte. Doch sie wollten, dass sich etwas änderte. Und stimmten schließlich zu. "Es ist doch grotesk", sagt Meyer, "dass wir Tests mit Papier und Bleistift abhalten wie im 19. Jahrhundert, während wir vorgeben, Bürger fürs digitale Zeitalter zu erziehen."

Die Lehrer richteten Blogs ein und produzierten Podcasts. Sie tauschten sich aus über neueste Erkenntnisse der Hirnforschung und ob sich daraus Konsequenzen für den Unterricht ergeben müssten. Sie spielten mit provokanten Ideen wie der Abschaffung von Schulbüchern und ob sie stattdessen für naturwissenschaftliche Kurse nicht besser Material aus dem Internet herunterladen sollten. Einmal organisierten sie einen Blog zu den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Inzwischen gibt es 800 private Computer und drei Klassenräume, an denen jeder Schülerarbeitsplatz mit einem PC ausgestattet ist. Anne Smith sagt: "Es gibt keine pauschale Antwort darauf, wie Bildung im 21. Jahrhundert aussehen soll, außer jener, dass wir Lehrer selbst wieder Schüler, Lernende werden müssen."

Vier Lehrer, drei Generationen. Stahlhut ist die Älteste; Hatak und Meyer könnten ihre Söhne sein und Smith ihre Enkelin. Überwältigt von der Dynamik des Wandels sind alle vier. Smith sagt: "Seit die Schüler online recherchieren, haben wir kein Herrschaftswissen mehr. Wir werden Vermittler, Moderatoren, die die Fähigkeit der Schüler fördern müssen, selbst wissenschaftlich zu arbeiten." Wenn sie Google Earth in der Geometrieklasse benutze, sagt Stahlhut, "unterrichten die Schüler mich, nicht ich sie".

Hatak erzählt, dass er neulich aus dem Unterricht zu einer Besprechung gerufen worden sei. Weil seine Vertretung ausblieb, beschäftigten sich die Schüler selbst am Computer. Als Hatak zurückkam, sprachen sie gerade über Edelgase. Karl Fisch sagt: "Was wir versuchen müssen, ist, ihnen Kreativität und Verantwortung zu vermitteln, damit sie sich später im Leben selbst helfen können. Was wir können, ist nicht mehr genug."

Sommer 2006. Fisch soll auf einer Tagung vor etwa 150 Lehrern und Mitgliedern der Verwaltung sprechen. Er hat das schon häufiger getan und jedes Mal erlebt, wie sich die Zuhörer langweilten. Eine Pflichtveranstaltung, die wertvolle Arbeitszeit auffraß. Fisch wollte, dass sie ihm diesmal zuhörten. Er hatte einige Kongresse für technische Entwicklungen besucht und wollte vorführen, was er dort erfahren hatte. Ein ganzes Wochenende lang bereitete er sich darauf vor und komponierte einen Powerpoint-Vortrag mit dem Titel "Did You Know?".

Von Musik untermalt, erschienen simple Botschaften über die Welt, in der Schüler heute lernen. Did you know ..., dass nur ein Viertel der Chinesen und 28 Prozent der Inder mit dem höchsten IQ eine größere Menge Menschen sind als die Gesamtbevölkerung Nordamerikas? ..., dass nach einer Schätzung des US-Arbeitsministeriums die Schüler von heute 10 bis 14 Jobs haben werden, und zwar bis zum Alter von 38 Jahren; ..., dass es die zehn meistgefragten Berufe 2010 sechs Jahre zuvor noch nicht gab; ... dass mehr als 3000 neue Bücher erscheinen - täglich; ..., dass sich die Menge neuer technischer Information alle zwei Jahre verdoppelt und sich bis 2010 schon alle 72 Stunden verdoppeln soll; ...

Was das laut Fisch hieß? "Shift happens." Die Umwälzung ist in vollem Gang.

Scott McLeod sagt: " , Did You Know?' erwischte die Lehrer wie ein Kübel kaltes Wasser." McLeod ist Koordinator des Educational Administration Program an der Iowa State University, wo er Schulleiter und -inspektoren ausbildet. Er hatte Fischs Präsentation auf dessen Blog entdeckt, kopiert, gekürzt, eine Version für Windows erstellt und auf seinem eigenen Blog installiert. Diese Version sahen bis Weihnachten 2006 bereits 100 000 Menschen. McLeod: "So haben die Leute endlich begriffen, was sie schon lange hätten wissen müssen."

Es war der Beginn des Phänomens "Did You Know?". Eine kanadische Version tauchte auf, eine britische, eine Werbeagentur möbelte das Original optisch auf. Inzwischen wurden sämtliche Varianten von "Did You Know" laut Fischs Schätzung "zehn bis zwanzig Millionen Mal im Internet gesehen". Darüber hinaus setzten es Lehrer weltweit bei Vorträgen ein. Eine Anleitung regt zur Diskussion an: "Was bedeutet es, Schüler auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten? Welche Fertigkeiten brauchen Schüler im neuen Zeitalter? Womit fangen wir an?"

Gute Fragen. Zumal Schulen wie die Arapahoe High School in den USA nicht die Norm sind. Nach einer Studie der America's Promise Alliance, die vom ehemaligen US-Außenminister Colin Powell geführt und unter anderem von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt wurde, ist die Lage prekär. In 17 von 50 Großstädten verlassen mehr als die Hälfte der Schüler die Highschool ohne Abschluss; in Detroit liegt die Rate dieser "Drop outs" bei 75,1 Prozent. In Los Angeles sind 1000 Schulen wegen mangelhafter Testergebnisse von der Schließung bedroht; in New York City sind 4300 Schulklassen überfüllt. Die AHS-Lehrerin Smith sagt, das Einstiegsgehalt eines Lehrers liege unter 30 000 Dollar im Jahr. Die Hälfte der Junglehrer gibt den Job während der ersten fünf Jahre auf. Leonie Haimson, die in New York die Organisation "Class Size Matters" gegründet hat, behauptet: "Diejenigen, die in unserem Bildungssystem Entscheidungen treffen, haben von der Materie keine Ahnung."

Wieso sind Tanz und Malerei im Unterricht nicht gleichwertig mit Mathematik und Sprachen?

Seit Jahren wird in den US-Medien heftig über die Malaise an USamerikanischen Schulen debattiert (und über die an den Universitäten nicht minder, die ihren Zulauf aus dem Ausland offenbar einbüßen). Beim Pisa-Test 2006 landeten die USA bei den Naturwissenschaften auf Rang 29, weit hinter Deutschland (13). Die "New York Times" sah danach die Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft "auf Jahrzehnte hinaus unterminiert". Nicht nur Wissenschaftler und Ingenieure fehlen. Die Defizite der Schulen wirken sich auch auf qualifizierte Handwerksberufe aus. "Bildung wäre immer noch die beste Investition in die Wirtschaft", klagte der ehemalige Arbeitsminister Robert Reich in einer Talkshow die USA investierten stattdessen in Kriege und Gefängnisse.

All das sei zwar richtig, sagt Sir Ken Robinson, aber nur die halbe Wahrheit. Robinson sitzt in seinem Büro, 3803 Colorado Avenue, Santa Monica. Er ist Experte in Sachen Kreativität und Kunst. Er war für die Regierungen von Großbritannien, Singapur und Hongkong im Bildungsbereich tätig, für die EU-Kommission und große Unternehmen. Natürlich brauchten die USA mehr qualifizierte Naturwissenschaftler und Techniker, sagt er. Doch das gelte auch für andere westliche Länder. Wieso überlege man nicht zuerst, ob das, was verbessert werden soll, grundsätzlich richtig sei?

Robinson sagt, das Bildungssystem unterrichte Kinder immer noch, als wolle es aus ihnen Universitätsprofessoren machen, "dabei ist Universitätsprofessor nur eine Lebensform unter vielen". Stattdessen solle die Förderung von Kreativität gleichrangig neben den gängigen klassischen Fächern stehen. Warum nicht Tanz und Malerei so bewerten wie Mathematik und Sprachen? Robinson: "Hätte es kulturelle Errungenschaften wie Musik, Kunst, Architektur, hätte es Liebe und Freundschaft gegeben, wenn Intelligenz stets auf akademische Fähigkeiten reduziert worden wäre?" Das deckt sich übrigens mit Daniel Pinks These, wonach die rechte Seite des Gehirns, die für Emotionen, Fantasie und Synthese zuständig sei, in Zukunft immer wichtiger werde: "Wer wettbewerbsfähig bleiben will, für den ist Kreativität kein Luxus."

Ein Bildungssystem, das hundert Jahre alt ist, passt nicht mehr in eine Welt, die sich dramatisch verändert. Doch wie könnte man sich vorbereiten auf eine Zukunft, die keiner kennt? In den USA werden derweil im K-12-System stur Mathematik, Lesen, Schreiben und Naturwissenschaften gebimst, Resultat des "No Child Left Behind Act" der Regierung Bush, bei dessen Umsetzung laut der Class-Size-Matters-Aktivistin Leonie Haimson "Hunderte Millionen Dollar sinnlos verpuffen". Der Unterricht orientiert sich am Test, schlechte Ergebnisse werden nicht selten manipuliert, um im Gesetz angedrohte Sanktionen zu vermeiden. Dummerweise gibt es kein Patentrezept dagegen. "Die Lösung", so Robinson, "kann nur jede einzelne Schule auf ihre Weise finden."

AHS, Centennial. 13.15 Uhr, Klasse 9 H, Literatur mit Anne Smith. An der Wand Plakate der Beatles und von Pink Floyds Album "Dark Side of the Moon". An einem Brett eine Interpretation von Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei", darüber ein Transparent: "FREI: montags bis freitags. WISSEN: steht alles in der Ordnern". Heute geht es um George Orwells Roman "1984". Die Schüler referieren die 50 zuletzt gelesenen Seiten, wobei sie iPods benutzen, mit denen sie ihren Vortrag aufzeichnen. Später müssen sie ihn abschreiben, kritisieren, zur Debatte auf smith9h0708.blogspot.com stellen. Anne Smith fordert zu selbstständiger Recherche auf und stellt die Wahl der Mittel frei.

Als die Schüler erzählen sollen, was sie am Unterricht mögen, sagen sie: "Unsere Ideen sind nicht beschränkt auf das Klassenzimmer"; "Ich lerne mehr, wenn ich auf eigene Faust zu Hause arbeite"; "Was ich lerne, kann ich auch außerhalb der Schule anwenden"; "Es macht Spaß, mit Technik zu arbeiten, die ich privat nutze"; "Ich will keine Stunde bei Miss Smith verpassen."

Wieder in der Schulbücherei, am Tisch hinter dem Indianerhäuptling. Ben Horblit, 15, sagt: "Ich erwarte von der Schule, dass sie mich auf ein Leben mit IT vorbereitet. Elektronik und Software sind allgegenwärtig." Maria Krump, 16, sagt: "Alles wird schneller. Wir müssen damit leben, wir haben keine Wahl." Hannah Leffingwell, 15, findet: "Die Schule soll mir zu Eigenständigkeit im Leben verhelfen. Zurzeit lese ich drei Bücher, die mit der Schule nichts zu tun haben." Und Brooks Kanski, 17, stellt fest: "Ich darf lernen, was ich will und was für mich wichtig ist."

Ein Lehrer will die Welt verändern. Und weiß, dass er zuerst sich selbst verändern muss

Sie unterhalten sich über digitale Technik. Bis zu vier, fünf Stunden täglich verbringen sie damit, überwiegend für Hausaufgaben, die sie häufig auf Blogs oder mithilfe des Internets erledigen. Sie produzieren Wikis, wie Kanski über das Gesundheitssystem in den USA. Krump hat wie die meisten ihrer Freundinnen eine MySpace-Seite. "Das Spannende daran ist", sagt Horblit: "Wenn du einen guten Gedanken hast, kann die ganze Welt ihn lesen." Ausgleich bieten Kurse in Schmuckdesign, Fotografie, Ernährungs-und Beziehungslehre. Alle treiben Sport: Fechten, Tanzen, Golf. Keiner wünscht sich einen Modeberuf. Krump will zum FBI. Horblit will Jurist, Kanski Chirurg werden, "auch weil mich da Technik nicht ersetzen kann". Und Leffingwell, die Ballettunterricht nimmt und Tänzerin werden will, sagt: "Trotz Computer gibt es einen Unterschied zwischen Wissen und Weisheit."

Man hat Karl Fisch vorgeworfen, seine "Did You Know?"-Präsentation verkenne diesen Unterschied. Sie dämonisiere den Bevölkerungsreichtum Indiens und Chinas und glorifiziere technischen Fortschritt. Was bedeuten die Zahlen, Daten und Fakten, wenn sie nicht in einen Kontext gebracht werden? Bewirken Drill und Obrigkeitsdenken an Chinas Schulen nicht alles andere als Kreativität und Innovation? Ist nicht die Mehrheit der Bevölkerung in Indien immer noch von Bildung ausgeschlossen? Und verliert nicht, wer immer und überall das Tempo des technischen Fortschritts mitgehen möchte, die Orientierung in einem Ozean an Informationen?

"Ich kenne die Probleme in Indien und China", sagt Fisch. "Ich weiß, dass die Umwälzungen ernste Folgen haben können. Doch nicht darum geht es, sondern um Diskussion. Ohne Diskussion gibt es keine Veränderung. Und wir brauchen Veränderung, um allen Kindern dieser Welt eine Chance zu geben." Fisch sagt, vielleicht müssten sich die Menschen erst daran gewöhnen, aber in der Schule der Zukunft werde man ständig experimentieren, werde Technik zum zentralen Hilfsmittel, würden Lehrer zunehmend an Autorität und Kontrolle verlieren, würden Jugendliche den Unterricht überwiegend selbstständig gestalten. In der Schule der Zukunft seien alle zugleich Lehrende und Lernende.

Er sagt, er wolle immer noch die Welt verändern, nur - anders als früher - nicht zuerst bei den Schülern. In seinem Blog Fischbowl steht der Satz: "Be the Change You Want to See." -

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