Ausgabe 05/2008 - Schwerpunkt Bildung

Die Stunde der Idioten

1. Der Zweck der Bildung

Es gibt wahrlich viele langweilige Dinge auf dieser Welt, zum Beispiel Polit-Talkshows und die Europäische Gemeinschaft, aber selbst diese Sachen sind ein Thriller gegen das, was jetzt kommt: Bildung.

Menschen, die nicht versehentlich Eltern, Lehrer oder Bildungspolitiker geworden sind, schalten bei diesem Thema auf Durchzug. Leute, die Bildungsdebatten führen, reden gern über sich selbst und das, was sie für Probleme halten - ein weiterer Zweck erschließt sich selten. So sind Bildungsdebatten ein klein wenig wie Schule und Studium selbst. Oder hat Sie der Besuch dieser Fazilitäten echt weitergebracht? Eben.

Ja, hätten wir was Anständiges gelernt, wir könnten den Deckel draufmachen und uns über etwas Lustiges unterhalten. Aber das geht leider nicht, nicht nur wegen Pisa-Studie und OECD-Daueralarm in Sachen Bildung, sondern auch, weil die Frage nicht geklärt ist, was Bildung eigentlich bringen soll. Womit verplempern wir mindestens ein Fünftel unserer Lebenszeit? Ist all das umsonst?

Um diese Frage zu klären, wenden wir uns einem Fach zu, um das es laut Pisa-Studie nicht zum Besten steht: der Physik, dem Ding mit den Naturgesetzen, den ganzen Zahlen und lustigen Experimenten. Wir lernen heute das Gesetz des Auftriebs.

Es gibt zum einen das Gesetz des dynamischen Auftriebs, das praktisch ist, weil man damit unter anderem Flugzeuge fliegen lassen kann. Das ist spektakulär. Aber wir wollen nicht abheben. Es reicht uns schon, wenn wir nicht absaufen. Deshalb sehen wir uns das Gesetz des statischen Auftriebs an, das passt auch besser zur Kultur und zum Land. Statik, das heißt so viel wie ruhend, konstant, unbewegt. Wozu ist dieses Gesetz nützlich? Es erklärt, wie man sich über Wasser halten kann. Wer dieses Gesetz beherrscht, der kann auf seiner Grundlage sogar schwimmen. Das muss aber nicht sein. Etwas schwimmt - oder treibt - in einer Flüssigkeit oben, wenn es leichter ist als die Flüssigkeit, die es verdrängt. Damit haben wir bereits eine wichtige Sache gelernt, und dazu gibt es auch die erste Eselsbrücke, damit wir uns das merken. Wer nicht absaufen will, soll sich nicht zu schwer machen. Das ist leicht gesagt, sicher. Denn ist nicht überall Informations- und Bildungsballast? Wie soll man da nicht untergehen? Ganz einfach: Das Gesetz des statischen Auftriebs lehrt uns nämlich auch, dass ein Körper, dessen spezifisches Gewicht größer ist als das von Wasser, nicht schwimmen kann, wohingegen ein Körper, der einen ausreichend großen Hohlraum bildet, oben bleibt.

Hohlraum merken wir uns jetzt. Der Hohlraum hält über Wasser. Der oder das Hohle schwimmt oben. So etwas passiert nicht von allein. Man muss jahrelang Dinge in seinen Hohlraum füllen, die leicht genug sind, beispielsweise gasförmige Stoffe wie etwa heiße Luft. Die ist leicht herzustellen und kostet nicht viel. Die Herstellung dieser heißen Luft ist die Aufgabe des Bildungssystems. Es trägt Hohlköpfe nach oben. Es sorgt dafür, dass Hohlköpfe Auftrieb bekommen.

2. Warum wir immer blöder werden (und wozu)

Mit heißer Luft geht's ganz nach oben. Auftrieb und Bildung - das beschäftigt Denker seit Langem. Der gute alte Theodor W. Adorno etwa hat vor mehr als 50 Jahren ein Buch mit dem schönen Titel "Theorie der Halbbildung" geschrieben. Man kann das Werk grob so zusammenfassen: In der Industriegesellschaft steigen viele auf, und zwar durch Ausbildung, die einen ganz bestimmten Zweck erfüllt. Bildung und Ausbildung, das wird bis heute hartnäckig verwechselt. Was aber ist, wenn der gut Ausgebildete, der Aufsteiger, sich nun auch sozial bewähren muss? Man ist Experte. Aber ist man auch gesellschaftsfähig? Halbbildung ist nun das, was Adorno bei den meisten dieser neuen Klasse feststellt: eine Zusatzausstattung, die zum Fachwissen dazukommt. Ein Fachidiot mit etwas Bildung also, genauer gesagt jemand, der den sogenannten Bildungskanon beherrscht.

Bildungskanon, das klingt toll, ist aber nicht viel. Tatsächlich ist darunter nicht mehr und nicht weniger zu verstehen als das Notwendigste, das man zum sozialen Überleben in einer Kultur braucht, ohne dass man als Vollidiot gilt. Diese Halbbildung wird nie kritisch hinterfragt. Man tut, was alle tun. Wie weit es damit steht, kann man überall sehen: Was Fernsehmoderatoren, Models und Schauspieler tragen, will man auch haben; schick ist, was die haben, die man kennt. Man liest, was in der "Spiegel"-Bestseller-Liste steht. Das ist alles nicht viel, es ist Nachahmung, reproduzierter Geschmack, kopierte Bildung, die man sich aneignet. Aber immerhin: Man tut wenigstens noch so, als ob. Ein Blick auf die populäre Medienkultur zeigt, dass das von gestern ist. Heute lernt das Privatfernseh-Prekariat beim "Perfekten Promi Dinner" noch nicht einmal, wozu ein Besteck nützlich sein könnte. Und Applaus ist allen sicher, die ihre Beschränktheit öffentlich zelebrieren.

Sehr beliebt sind dabei Sendungen, bei denen Erwachsene vor Publikum dahingehend vernommen werden, ob sie das Grundschulwissen von Kindern beherrschen. Ein Knaller in diesem Genre ist die von Cordula Stratmann moderierte Show "Das weiß doch jedes Kind! ". Der allererste Satz, den die Moderatorin in dieser Show sagte, lautete: "Wir werden alle miteinander immer blöder." Hurra! - rief das Publikum wie verrückt. Da graut es dem Bildungsbürger. Zugegeben: Blöd, aber authentisch ist eine Perspektive, die einen wirklich nicht begeistern muss. Sie zeigt aber auch, was all jene von Bildung halten, die man für besonders bildungsbedürftig hält. Das Soziologendeutsch hat dafür den schönen Begriff "bildungsferne Schichten" entwickelt, Leute also, die fern von Wissen auch leben. Diese Klasse scheint sich pudelwohl zu fühlen. Die eigentlichen Probleme mit der neuen Unbildung haben Leute, die fest angestellt und ab Mitte 40 einer düsteren Zukunft entgegensehen. Sollen diese Trottel meine Rente zahlen? Oder vielleicht die kleinen Idioten mit Basecaps und Nintendo-Blick, die danach kommen? Triumphiert das Blöde?

Wer weiß - fest steht nur, dass sich in Sachen Bildung immer die einen um die anderen Sorgen machen. Es ist richtig, dass es eine soziale Schieflage gibt. Die Kinder gebildeter Leute werden eher gebildete Leute als Kinder von bildungsfernen Stratmann-Fans. Aber kein Sozialingenieur hat es bisher geschafft, das zu ändern, nicht mal Karl Lauterbach, der rührige Rheinländer, der zuvor als Gesundheitsexperte durch die Talkshows zog. Sein Lieblingswort "Zweiklassen-Medizin" hat er durch "Zweiklassen-Bildung" ersetzt. Wer Lauterbach liest, hat den Eindruck, dass eine irgendwie kapitalistische und sinistre, zutiefst ungute Kraft das Blöde fördert.

Im Kampf gegen den Dämon hilft nur eines: Man muss die Schulen vereinheitlichen, den Stoff anpassen, damit auch die mitkommen, die gar nicht mitkommen wollen. Gerecht ist, wenn das Leistungsniveau nach unten geht - dann stimmen auch wieder die Abiturzahlen. In Lauterbachs Kopf tanzt ein Arbeiterbildungsvereinsballett aus dem späten 19. Jahrhundert Cancan. Der Kampf für den gerechten Bildungszugang, der war mal - und er war zu Recht. Doch die Ururenkel interessiert das nicht mehr. Sie wissen besser als die Lauterbachs, dass die alte Formel - mehr Bildung ist mehr Wohlstand - heute so nicht mehr aufgeht. Es war immer nur ein Versprechen auf eine Chance, ohne Garantie.

Sind die sogenannten Doofen vielleicht gar nicht so blöd? Haben sie etwa längst durchschaut, dass mehr Schule nicht zwingend mehr Karriere, Geld, Wohlstand, Ansehen und Glück bedeutet? Wer geht da der heißen Luft auf den Leim? Wer ist der Hohlkopf?

3. Tote Hühner

Die Grundlage dessen, was wir an der Bildung schätzen, ist bereits ein windschiefes Konstrukt. Vor fast genau 500 Jahren soll, genaue Quellen gibt es nicht, der Londoner Politiker und Funktionär Francis Bacon, Lordkanzler von König James I., den schönen Satz "Wissen ist Macht" gesagt haben. Francis Bacon, 1561 geboren, wuchs in einem Milieu auf, in dem man so was eigentlich nicht sagte. Nach dem Vorbild der hellenistischen Denker und Philosophen war Bildung ein Vehikel zur gesellschaftlichen Bewährung, das den höheren Ständen und dem Klerus vorbehalten war. Bildung, das war nichts Zweckmäßiges, das führte nicht zu etwas hin, sondern war sozusagen nur für den Anwender höchstpersönlich nützlich. Seit der Antike hielt man es mit dieser Betrachtungsweise von Bildung. Mit Bacon war damit Schluss. "Wissen ist Macht" - das war für die Mächtigen ein ziemlich interessanter Satz. Im 17. Jahrhundert entstanden neue, zentrale Planungsregimes: Das, was wir heute moderner Staat nennen, samt Verwaltung und Gesetzen, zeigte sich immer deutlicher. Die Gesellschaft wurde planbar. In der Ökonomie wurde der Nährboden für den Industriekapitalismus gelegt. Wissen ist Macht - das heißt vor allen Dingen auch eines: Wer Einfluss und die Befehlsgewalt über andere haben wollte, musste sich zweckorientiertes Wissen aneignen. Bildung war keine persönliche Sache mehr, ein Werkzeug, mit dem man den Unwägbarkeiten des Lebens leichter begegnen konnte, sondern ein konkreter, zielorientierter Zweck. Auf diesen einen Bildungszweck musste man sich festlegen. Man musste ein Experte werden, jemand, der sich auf eine Sache konzentriert.

Das kann ins Auge gehen. Sir Francis Bacon beispielsweise starb gut drei Jahrzehnte nach seinem legendären Satz beim Versuch, tote Hühner durch Ausstopfen mit Schnee haltbar zu machen, an einer Lungenentzündung. Rein zweckorientiertes Handeln ohne Wenn und Aber fordert seinen Preis. Einerseits ist es schon richtig, tote Hühner mit Schnee auszustopfen, um sie länger frisch zu halten. Andererseits sollte man sich dazu warm anziehen und ab und zu mal etwas Heißes trinken. Wer sich nur auf eines konzentriert, weil sein Plan so toll ist, kann sich leicht verkühlen.

4. Die Wiederkehr des alten Fritz

Was hat das mit dem Bologna-Prozess, dem großen europäischen Hochschulreformwerk, zu tun? Eine ganze Menge. Auch der Bologna-Prozess konzentriert sich auf einen Zweck, vorgeblich mehr Praxisorientierung in Lehre und Forschung an Universitäten. Und es geht auch ums Konservieren, ums Haltbarmachen. Das alte Suppenhuhn, das dabei ausgestopft werden soll, ist der Industrialismus. Seit Ende der neunziger Jahre sind Wissenschaftsmanager, Verbandsfunktionäre, Politiker und Bildungsexperten - Legionen von Theoretikern in der EU dabei, klare und einheitliche Regeln für Studien in der Gemeinschaft zu schaffen. Ausgerechnet die Leute, die die wirtschaftliche und wissenschaftliche Praxis nur vom Verwalten kennen, behaupten nun, sie würden endlich Bodenhaftung in die Bildung bringen. Das ist nicht ganz humorfrei.

Auch aus der Sicht der Verhaltensforscher dürfte da was dran sein. Es wird beispielsweise behauptet, der Bologna-Prozess - kürzere Studien, Normierung und Standardisierung der Bildungsinhalte und vermeintlich "einheitliche Leistungsnachweise" - würde der Wirtschaft qualifiziertere Fachkräfte bringen. Echt? Das ist interessant. Im Jahr 1790, also während der frühen Phase der Industrialisierung, hätte man in diesem Projekt einen gewissen Sinn erkennen können, ob man wollte oder nicht. Doch in einer Zeit, in der Innovationskraft und Wohlstand von der Fähigkeit einer Wirtschaft abhängen, die eben nicht alles auf Reproduktion und Masse setzt, auf Einheit und Gleichheit, sondern auf Vielfalt und Köpfchen? Das nennt man Wissensgesellschaft, und diese Gesellschaft unterliegt den Gesetzen des dynamischen Auftriebs. Drei Jahre Studium statt vier - das heißt in diesem Fall: Es geht schneller rückwärts. Der Hohlraum wird nicht mit heißer Luft, sondern mit Lachgas gefüllt. Bologna macht aus Universitäten Bildungsfabriken, in denen mit hoher Fertigungspräzision Hohlköpfe hergestellt werden. Nun werden Hochschulen das, was Schulen längst sind. Die Welt verdankt die Schule als Abrichtanstalt dem famosen Preußenkönig Friedrich I I., angeblich ein Großer, der im 18. Jahrhundert die Grundlagen für eine Schule schuf, in der ein strikter Plan und ein einheitliches Bildungsziel festgelegt wurden. Die Förderung der Gleichförmigkeit des Wissens steht über der Förderung von Talenten. Das System wurde ein großer Exportschlager.

Der amerikanische Pädagoge John Taylor Gatto hat die Gründe für den Siegeszug dieses Modells im Industrialismus so beschrieben: Das System ziele darauf ab, "mittelmäßige Geistesschärfe zu produzieren, um das innere Leben zu verkrüppeln, um den Schülern nennenswerte Führungsqualitäten zu verweigern und um fügsame und unvollendete Bürger zu garantieren", kurz und gut, "um das gemeine Volk , kontrollierbar' zu machen". Man kann sich bis heute im Land überall davon überzeugen, wie erfolgreich das System war und ist.

Aber haben wir wirklich zu wenig Durchschnitt, zu wenig berechenbare Erwachsene? Mangelt es etwa an Standards, an reproduzierbarem Wissen? Oder vielleicht eher an innovativen, kreativen Lösungen, die neues Geschäft und Wohlstand bringen? Haben wir zu wenig statischen Auftrieb? Oder fehlt schlicht und einfach geistige Dynamik? Und, ganz wichtig: Hat man denn mit einem Bologna-Studium nicht bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Schauen wir mal. Die Lehrpläne für die Studien sind nicht neuer, frischer, praxisorientierter als ihre Vorgänger. Sie tun nur so. Das Versprechen, mit einem Bologna-Studium als knackiger Praktiker in Unternehmen leichter anerkannt zu werden, wird damit vielfach nicht erfüllt. Und dann? Nun ja, es spielt eigentlich keine Rolle. Im Sinne guter industrialistischer Denkart ist das Schlimmste, was passieren kann, dass eine Menge halbwegs gedrillter Arbeitskräfte - unter denen man wählen kann und die sich leicht ihren Preis diktieren lassen - zur Verfügung stehen. Das Spiel kennen wir bereits. In diesem Spiel gibt es klare Regeln, selbstständig denkende und handelnde Menschen dürfen nicht mitspielen. Wissen ist Macht. Von Freiheit, Fortschritt, Qualität war nicht die Rede.

5. Bildung und Beweglichkeit

Das also soll in die Wissensgesellschaft führen? Preußischer Gleichheitswahn, Maschinendenken? Dabei wäre Preußen gar keine schlechte Wahl, vorausgesetzt, man nimmt den richtigen Preußen. Da hätten wir einen Vorschlag. Fast 200 Jahre lang hat das deutsche Bildungssystem einerseits brutal abgerichtet und fehlgebildet, Fachidioten und feige Untertanen produziert, aber auch, und eben an den Universitäten, ein Ideal gepflegt, das mit Bologna nichts zu tun hat. Dieses Ideal soll dem Menschen ein Leben lang nützen. Es folgt nicht dem Aberglauben, dass sich ein Menschenleben so planen lässt wie das Fertigen von Halbschuhen oder Tütensuppen. Bildung ohne ein Ziel, sondern Allgemeinbildung, eine Art Allradantrieb für die Pisten des Lebens. Das klingt schon eher nach Wissensgesellschaft, in der schnelle und kluge Entscheidungen gebraucht werden, Entscheidungen, die originell sind und passgenau statt vorkonfektioniert und von jedem Deppen reproduzierbar.

All das bietet das Bildungsideal Wilhelm von Humboldts. Man muss diese nützliche Sache heute verteidigen, man muss tatsächlich und ausgerechnet beim Eintritt in die Wissensgesellschaft die Formel rechtfertigen, die sie ermöglicht. So bizarr ist die Gegenwart. Das Humboldt'sche Bildungsideal besteht im Selbstzweck des Lernens, also in dem, was wir heute Lernen fürs Lernen und Lernen fürs Leben nennen würden. Das ist alles andere als l'art pour l'art. Es macht beweglich, statt Einbahnstraßen lernt der Schüler, mit Kreuzungen und Kurven umzugehen. Allgemeinbildung, das steckt dahinter, ist etwas anderes als ein normierter Bildungskanon. Es ist das, was moderne Betriebswirte als "Management der Unsicherheit" bezeichnen. Menschen, die sich nicht von Veränderungen umhauen lassen oder - im Fall eines unvorhergesehenen Straßenverlaufs - blöd an der Kreuzung stehen, ohne zu wissen, wo es langgeht.

Der 1767 in Potsdam geborene Wilhelm von Humboldt, Bruder des berühmten Naturforschers Alexander, schrieb im Jahr 1792 eine bemerkenswerte Vorlage für das, was uns auch heute beschäftigt: Wollen wir gleiche Bildung für alle, Gleichförmigkeit - oder aber wollen wir Wissen, das dem Einzelnen nützt? Humboldts Schrift trägt den sinnigen Namen "Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen". Er schreibt: "Der wahre Zweck des Menschen, nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt - ist die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung." Nur das, schreibt Humboldt weiter, sichere die "Mannigfaltigkeit", die wir heute Vielfalt nennen würden und die dem Bildungsvater das "höchste Gut" ist, "welches die Gesellschaft giebt (...)". "Gleichförmige Ursachen haben gleichförmige Wirkungen. Je mehr also der Staat mitwirkt, desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte." Und wer das unterstütze, schreibt Humboldt, "den hat man, und nicht mit Unrecht, in Verdacht, dass er die Menschheit miskennt, und aus Menschen Maschinen machen will".

Bildung dient also der Entwicklung und der Freiheit des Menschen, nicht seiner Anpassung an rasch veränderliche Bedürfnisse der Leute, die über ihn verfügen wollen. Das war vor 200 Jahren so klar wie heute. Humboldt lebte an der Schwelle jener industriellen Gesellschaft, die aus "Menschen Maschinen machen will". Die Unvernünftigen, die das wollen, sind immer noch nicht ausgestorben. Leider.

6. Bildungsinzest

Der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann hat vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht, das gegen diesen Zeitgeist geschrieben ist. Es heißt "Theorie der Unbildung". Theodor W. Adorno war, 50 Jahre früher, noch bei der Halbbildung. Wir sind schon weiter, sagt Liessmann.

Wissensgesellschaft? Wo denn, bitte schön, fragt er. Zweckorientierte Bildung führt zu einem besseren Leben? Schauen wir mal, schlägt er vor: "Bildung war die Utopie der Kleinbürger (...), die Hoffnung der Arbeiterklasse (...), das Vehikel, mit dem Unterschichten, Frauen, Außenseiter, Behinderte und unterdrückte Minderheiten emanzipiert und integriert werden sollten. Bildung gilt als begehrte Ressource im Kampf um die Standorte der Informationsgesellschaft, Bildung ist das Mittel, mit dem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslosigkeit, Hunger, Aids, Inhumanität und Völkermord verhindert, die Herausforderungen der Zukunft bewältigt und nebenbei auch noch Kinder glücklich gemacht werden sollen. Gerade weil das alles nicht geht, wurde und wird in kaum einem anderen Bereich so viel gelogen wie in der Bildungspolitik." Wie immer, wenn heute öffentlich gelogen wird, üben sich die Lügner dabei mit Statistiken, Zahlen, Vergleichen und Studien in Selbstbetrug. Davon lassen sich die meisten Leute einschüchtern. Immer noch funktioniert der Trick mit dem Wundermittel Bildung, das sozialen Aufstieg und Wohlstand quasi als Nebeneffekt produziert - und zwar in der verunsicherten Mittelschicht, in der sich jede Debatte im Land abspielt. Die sogenannten Bildungsfernen hingegen lässt diese Geschichte ohnehin kalt. Denn sie haben sich längst von der Illusion der Mehrheit der Gesellschaft verabschiedet, dass braves Mitmachen und Parieren tatsächlich zur Belohnung führt. Sie wissen es besser.

Die eigentlichen Dummen sind die, die das noch nicht gelernt haben. Es ist das Heer des Durchschnitts, für die derlei mechanistische Weltbilder wie geschaffen sind. Sie brauchen solche Illusionen. Bachelor, Master, Punktesystem - das steht für den Bologna-Prozess, man kann es mit Liessmann aber noch kürzer sagen. "Es steht für Maschinendenken, für die Vorstellung, dass das, was mit einer Maschine geht, auch im Kopf klappen muss. Das ist die große letzte Schlacht des Industrialismus: Bildung wird als Ganzes industrialisiert, genormt, standardisiert. Da haben wir die , Modularisierung von Studien', die dem Muster funktional differenzierter Fertigungshallen gehorchen. Die Einführung der sogenannten ECTS-Punkte (European Credit Transfer and Accumulation System), die die Leistung eines Studierenden messen sollen. Eine Norm, die bis ins Detail von Industrienormen abgeleitet wird. Nichts stört so sehr wie die individuelle Abweichung. Das ist klassisches Maschinendenken. Wer einen eigenen Kopf hat, hat dabei nichts verloren."

Doch die Sache hat für den Durchschnitt scheinbar echte Vorteile. Man kann bestehendes Wissen in einem solchen System schneller und einfacher reproduzieren. Man verteilt einfach das, was man weiß, effizienter, industrieller. Blöd nur, meint Liessmann, dass man mit bestehenden Standards und Normen neue Erkenntnisse nicht beurteilen kann. "Überall dort also, wo heute echte Defizite herrschen, in der Innovation, bei neuen Problemlösungen, muss ein solches System versagen. Ein solches System kennt keine Veränderung, keinen Fortschritt. Es erkennt nur, was es gibt. Was es nicht gibt, im Sinne von: neu - das geht nicht. Ganz einfach. Das ist die Stunde des Fachidioten", stellt Liessmann fest. Diesen speziellen Hohlkörpern soll also die Zukunft gehören. Sie bilden, mal positiv formuliert, eine große, geschlossene Familie, in der es die Brüder und Schwestern im Geiste untereinander treiben - und nur untereinander. Bildungsinzest. Derlei führt zu Debilität. Ist es das, was wir wollen? Es ist das, was wir kriegen, wenn wir bleiben, was wir sind.

Vielleicht hat Cordula Stratmann also doch recht. Wir werden alle immer dümmer. Applaus? Die Konsequenzen dieser Entwicklungen reichen weit über die Universität hinaus. Es ist kaum zu bezweifeln, dass sich aus diesen Reihen das gesellschaftliche Führungspersonal rekrutieren wird. Der Bildungsinzest wird Folgen für alle haben, fürchtet Liessmann: "Das führt zum Gegenteil einer offenen Gesellschaft. Die brauchen wir aber, nicht etwa, weil sie nett ist, sondern weil sie die Fähigkeiten zum Unterscheiden schärft. Das ist die Fähigkeit, mit der man Innovationen und bessere Lösungen kriegt."

Gleichschaltung hingegen hat damit nichts im Sinn. Wissen wollen bedeutet verstehen wollen. Für Liessmann ist Unbildung nicht gleich Dummheit oder Mangel an Informationen. Es ist der Verzicht darauf, "überhaupt verstehen zu wollen". Kommt uns irgendwie bekannt vor. Damit wären wir bei den wichtigsten Hauptfächern der Wissensgesellschaft, dem Kern der Reform, wenn es eine geben sollte: Vertrauen und Zutrauen. Andere und anderes verstehen wollen. Das ist schwer, tut sich nicht leicht, verhindert aber, dass man zum bloßen Treibgut wird.

7. Schein-Bildung

Wer aufhört zu verstehen, ist eigentlich schon am Ende. Nun gilt das aber, nach 200 Jahren Bildungsdrama auf deutschem Boden, nicht allein für jene, die im Durchschnitt und in der Wissensnorm ihr Heil suchen. Sondern auch für die, die meinen, man müsse nur die Traditionen recht gut bewahren. Welche denn? Die Tradition der Persilscheine? Zeugnisse, die etwas über die Fähigkeiten eines Menschen aussagen - und zwar ein Leben lang? So etwas führt zu dem, was wir in Deutschland lieben: Schein-Bildung.

Reden wir über das Abitur. Diese schöne Einrichtung wird seit Anfang des 19. Jahrhunderts als Generalzugang zu höheren Bildungsweihen verstanden. Nun ist es bekanntlich so: Wer "nur" Abitur hat, hat eigentlich gar nichts. Wozu das Ganze also? Der Dresdner Bildungsforscher Andrae Wolter nennt die Gründe: "Das Abitur hat sich am alten ständischen Bildungsideal orientiert - und in dem geht es nicht um Ausbildung. Es war eine Enklave, und die ist immer kleiner geworden. Wer heute Bildung sagt, meint eigentlich Ausbildung.

Wissenserwerb ist für den Beruf da." Da liegt es natürlich nahe, dass man da auch mal fragt: fürs lebenslange Lernen? Das Schlagwort benutzt heute jeder, ein sicheres Zeichen dafür, dass es kaum jemand ernst nimmt. Was könnte es bedeuten? Im Idealfall, dass das Verstehenwollen nie aufhört. Im Normalfall, dass der Wissenserwerb weder mit dem Abitur noch mit der Diplomprüfung an der Universität zu Ende ist. Logisch, sagen wir. Wirklich? Weshalb konzentriert sich dann aber jede Form von Bildungspolitik auf die Jungen? Warum stehen nur Menschen im Alter bis 25 Jahren im Fokus der Bildungspolitik? Ein interessanter Widerspruch.

Der Umgang mit Bildung in allen Altersklassen, sozialen Schichten und unabhängig von der "Vorbildung" sagt vieles über die Statik eines Gesellschaftssystems aus. Vor acht Jahren, erzählt Wolter, wurde eine weltweite Studie zum Thema der Beweglichkeit von Bildungsprogrammen gemacht. Wie offen ist ein Bildungssystem? Kann jeder lernen, was er will? Tauschen sich die Systeme aus? Lernen sie lebenslang sozusagen? "Deutschland, Österreich und Japan lagen am Ende der Tabelle", sagt Wolter. Keine Überraschung also. "Gerade aber an der Frage der Durchlässigkeit der Bildungssysteme kann man schön erkennen, ob es den Bildungspolitikern wirklich ernst ist mit dem Thema", sagt der Bildungsforscher.

Warum sollte ein Erwachsener, der seit Jahren seine eigenen Brötchen verdient, aber kein Abitur hat, denn nicht ordentlich studieren dürfen? Diesen Leuten würde nichts geschenkt - sie müssten ihre Prüfungen genauso ablegen wie ihre 20-jährigen Kommilitonen. Aber sie dürfen nicht, weil sie nicht dürfen - im Land der Bildungspaniker und muss schließlich Ordnung herrschen. Sonst wäre ja nichts.

Das Abitur ist eigentlich aber auch nichts. Oder glaubt wirklich jemand, dass Länder oder Städte mit hohen Abiturientenzahlen gleichsam die gebildetste Bevölkerung haben? Warum korrelieren Wohlstand und Innovationsfähigkeit dann nicht mit diesen Zahlen? Wolter weiß um die Dünkel Bescheid. Seit Jahren unterstützt er bildungsfähige und -willige Erwachsene ohne Abitur beim absurd-aufwendig bürokratischen Prozess, die persönliche Hochschulreife zu erlangen.

Das ist in Deutschland Ländersache - und damit doppelt schwierig. Berlin gilt als fortschrittlich, weil Erwachsene auf Probe studieren dürfen, auch ohne Abitur. Dabei stehen sie, die alle Prüfungen wie andere Studenten regulär ablegen, unter Beobachtung. Bayern mauert massiv gegen das lebenslange Lernen für alle. Zur Posse geriet 2005 der Versuch des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, in München auch ohne Abitur ein Philosophiestudium aufzunehmen. Monate vergingen, in denen die Ludwig-Maximilians-Universität, sonst ganz eliteverliebt, die Befähigung des langjährigen Landeschefs prüfte, bis sich die Universitätsleitung zum Gnadenakt der Aufnahme bereit erklärte - und das auch ganz so formulierte. Teufel war da bereits an der Hochschule der Jesuiten untergekommen. Da stehen sie nun, die Legionen der Bildungsschlacht, hier die stockkonservativen Persilscheinbewahrer, dort die Bologna-Bürokraten. Gemeinsam bilden sie einen scheinbar undurchdringlichen Filz. Unter diesen Voraussetzungen kommt der Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) das theoretische Verdienst zu, wenigstens über die Öffnung der Universitäten laut nachzudenken. Immerhin hat die ehemalige Teufel-Mitarbeiterin Ende März dieses Jahres durchgesetzt, dass ganze 25 Millionen Euro für bis zu 3000 "junge Menschen, die sich im Beruf bewährt haben", ausgeschüttet werden. Stipendien für Menschen, die ohne Abitur studieren wollen. Dreitausend - das ist nicht mal ein Prozent der Studienanfänger pro Jahr. Mit Kleingeld gegen Kleingeist - es ist offensichtlich, dass daraus nichts werden soll.

Die meisten Unis wollen auch nicht. Humboldt hin, demografische Entwicklung her sie reden lieber über sich selbst. "Fakt ist, dass die Aufnahmekapazitäten der deutschen Universitäten und Hochschulen praktisch erreicht sind. Wir agieren hart an der Grenze des Machbaren. Und der Höhepunkt ist noch gar nicht erreicht", rechnet Andrae Wolter vor. Im Land der Dichter und Denker ist nicht mehr als ein im OECD-Vergleich mickriger Anteil für Bildung von 5,2 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (2004) drin. Heiße Luft eben.

8. Freischwimmer

Nicht jedem genügt das. Christoph Markschies ist Theologe und Kirchenhistoriker, aber die Gesetze des Auftriebs kennt er gut. Der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin hat sich, als er sein Amt vor einiger Zeit übernahm, bei einigen Vertretern der klassischen Abitur-Bildung unbeliebt gemacht, weil er findet, "dass man am Abitur allein nicht festmachen kann, ob sich jemand für ein Studium eignet. Mir geht es um Erfahrung und Interesse." Lebenslanges Lernen sei noch eine Phrase, sagt er. Aber das kann man ändern: "Nicht nur studieren bis 25 oder Seniorenstudium, sondern auch dazwischen. Weiterbildung ist das zentrale Thema. Fangen wir endlich an, auf die Erfahrenen zu schauen." 2010 feiert die Hum-boldt-Universität ihr 200-jähriges Jubiläum. Sie galt einst als große Reform-Universität, an der die soziale Herkunft keine Rolle spielte. Markschies: "Für uns heißt das heute: Jeder ist willkommen. Wir wollen keine Altersbeschränkungen. Wir wollen weder junge Studenten noch Seniorstudenten, sondern nur Leute, die was wissen wollen. Leute mit Qualität."

Seine Chancen, den Muff aus den Talaren zu treiben, stehen gut. "Sagen wir es nüchtern: Die Zahlen um die Bildungsmisere gibt es schon länger. Aber es gibt jetzt zum ersten Mal wirklich auch ein Bewusstsein für die dramatische Rückständigkeit des deutschen Bildungssystems, weil man sieht, wie es andere Länder machen", sagt Markschies. Die Schlüsselwörter lauten Selbstständigkeit und Eigenverantwortung: "Heute teilt uns die Politik Studierende zu. In anderen Ländern gilt längst das Prinzip, dass Lernende und Lehrende einander aussuchen. Auch Professoren müssen das Recht haben, sich ihre Studenten auszuwählen. Und da wird keiner fragen: Wie war denn Ihr Abitur so? Sondern: Welche Talente sind da, welche Interessen, welcher Antrieb?"

Vom Antrieb zum Auftrieb ist es in der Physik nicht weit. Fliegen und schwimmen oder treiben und abstürzen. Das sind die Fragen, um die es geht. Dazu muss man etwas verändern wollen, nachdem man etwas verstanden hat. Wie steht es so schön an jener Treppe, die Christoph Markschies jeden Tag zu seinem Büro hochgeht? "Die Philosophen haben die Welt immer nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern."

Bravo, Marx, setzen. Eins. Lasst die Hohlköpfe ruhig treiben.
Wir machen einstweilen den Freischwimmer. -

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