Ausgabe 07/2007 - Was Menschen bewegt

Ich rieche was, das du nicht riechen kannst

- Was dem kleinen unscheinbaren Glasflakon entströmt, löst bei Menschen mit ungeübter Nase einen Würgereflex aus. Assoziationen von Pumakäfig und eingesperrter Kreatur drängen sich auf. Mit routiniertem Griff entkorkt Sissel Tolaas ein zweites Fläschchen, das die Aufschrift NY 0 trägt. "Das ist dieselbe Substanz, nur in geringerer Konzentration", sagt die Chemikerin, sprüht sich ungerührt einen Hauch davon aufs Handgelenk und wedelt mit dem Arm. "Auf meinem Körper riecht es unglaublich. Ich finde es super sexy."

Und tatsächlich: Nach und nach verbreitet sich im Raum ein Geruch, der - abstoßend und anziehend zugleich - den Geruchssinn verwirrt. Allmählich schält sich aus dem bestialischen Gestank ein herb-süßliches Aroma heraus, das sich im limbischen System festsetzt: in jenem Teil des Gehirns, der mit den Geruchsnerven verbunden ist und als Speicher von Erinnerungen und Gefühlen wie ein Tagebuch ohne Worte funktioniert. Die Essenz NY 0 ist der synthetisch reproduzierte Schweißgeruch eines Phobikers, erklärt Tolaas. "Einer, der sich vor allem und jedem fürchtet - immer! "

Der Triumph in ihrer Stimme verrät die Lust an der Provokation. Ihre Erscheinung passt dazu: Die Frau, die neun Sprachen spricht, Mathematik, Linguistik und Kunst studiert und in Chemie promoviert hat, trägt Caprihosen und Poloshirt, himmelblau und körpernah, dazu goldene Plateausandalen. Unter dem weißblonden Pony leuchten ihre Lippen signalrot auf braun gebrannter Haut. Wenn die 46-Jährige resolut durch ihr Labor marschiert, wirkt sie verspielt und entschieden zugleich. Kein Zweifel: Sissel Tolaas' erklärter Anspruch, in ihren Projekten stehe der Körper als Medium der Kommunikation im Zentrum, gilt auch für sie selbst. Die Frage, wo die Kunst aufhört und die Person anfängt, ist nicht zu beantworten.

Sie sammelt den Schweiß von Phobikern, bemalt Wände damit - und schaut, was passiert

Kann man Angst riechen? Und wenn ja, wie reagieren andere auf diesen Geruch? Für das Projekt "Body As Communication" besucht Sissel Tolaas seit sechs Jahren überall auf der Welt Menschen, die an Phobien, panischer Angst vor anderen Menschen leiden, und bittet sie, in krisenhaften Situationen ihren Schweiß mit speziellen Geräten aufzufangen. Die Moleküle dieser Ausdünstungen analysiert die Geruchsforscherin, um sie danach zu reproduzieren und als Öle in einer Wandfarbe in Galerien zu präsentieren. Freigesetzt werden die intensiven Schweißgerüche durch das Berühren der Wände, was zu drastischen Reaktionen führen kann. Etwa im Jahr 2005 in New York: "Der Sommer war extrem heiß. Und die Besucher trommelten mit den Fäusten wütend gegen die Wände, beschmierten sie oder verließen fluchtartig den Raum", erinnert sich Sissel Tolaas mit offensichtlichem Vergnügen.

Wenn es um Gerüche geht, schlägt der emotionale Pegel stark aus. "Die meisten Menschen denken nur in einfachen Kategorien: gut oder schlecht. Und sie halten ihre Wahrnehmung für das Maß aller Dinge", sagt Tolaas. Gegen diese Intoleranz gegenüber Gerüchen, die von der Nase als unvertraut oder sozial tabuisiert eingestuft werden, zieht sie zu Felde. Anfang der neunziger Jahre begann die Künstlerin und Wissenschaftlerin, überall auf der Welt Geruchsträger wie Kamelmist oder Abfall zu sammeln und in Dosen zu konservieren - ihr Archiv besteht aus mehr als 7000 Proben.

Außerdem schuf sie Installationen für das vernachlässigte Sinnesorgan: Sie baute in Oslo Geruchsduschen, synthetisierte für eine Ausstellung in Berlin den Duft von Geld und entwickelte Städte-Parfüms. Dafür entnahm sie unter anderem Proben in Schlachtereien, auf Friedhöfen und U-Bahnschächten in London, Paris und Berlin. Zusammen mit Linguisten, Anthropologen und der Firma Sony arbeitet Tolaas zudem an Nasalo, einer Kunstsprache, die es möglich machen soll, in ferner Zukunft allen 15 000 Gerüchen Namen zu geben, die der Mensch wahrnehmen, aber bisher nicht benennen kann.

Wenn sie über ihre Projekte spricht, wechselt die Norwegerin bruchlos von Sprache zu Sprache. Sie redet schnell, und in jedem zweiten Satz steckt eine These, die vermeintliche Gewissheiten hinterfragt. Mal beschäftigt sie eine Versuchsreihe im Auftrag von Louis Vuitton über Fingerfood und dessen möglichen Ersatz in Form von Gerüchen: "Die Überlegung ist: Braucht man überhaupt Essen, um satt zu werden?" Mal entrüstet sie sich über die Allgegenwart stereotyper Düfte: "Warum müssen Putzmittel auf der ganzen Welt nach Zitrone oder Apfel riechen? Und wieso wird heute alles - der Stuhl, meine Hose, das Papier - mit einem Geruch versehen, der nichts mit dem Eigengeruch zu tun hat?"

Gegenfrage: Woher kommt der unablässige Impuls, alles in Zweifel zu ziehen? Ein kehliges Lachen und ein seltener Moment der Stille unterbrechen ihren Redefluss. "Ich war schon immer eine Art Rebell, das schwarze Schaf in der Familie." Ihr Faible für das Chaos war bereits in der Schulzeit gefürchtet, als sie sich für Mathematik und Chemie zu interessieren begann: "Ich habe immer sehr viel experimentiert, und dabei sind Computersysteme kollabiert und fast ein Labor explodiert."

1961 in Stavanger geboren, wuchs Tolaas an der norwegischen Westküste in der Nähe von Bergen als älteste von sechs Töchtern auf. Ihr Vater arbeitete als Schiffsbauingenieur, die Mutter war Fotomodell, bevor sie mit 18 ihr erstes Kind, Sissel, bekam. "Es war alles ziemlich sicher zu Hause, wohlhabend, aber auch sehr moralistisch, rigide und festgefahren", sagt Tolaas über die Verhältnisse, aus denen sie schon als Jugendliche ausbrach. "Es herrschten klare Vorstellungen darüber, dass und wie man Kinder kriegen, Karriere machen und Geld verdienen soll - alles nach einem Schema." Stattdessen entschloss sich die 16-Jährige, zu ihrer Großmutter zu ziehen, die sie sehr bewunderte und deren Namen sie trägt.

Die Mutter ihrer Mutter sei eine emanzipierte und unorthodoxe Person gewesen. Zwölf Kinder hatte sie großgezogen, und als ihre Enkelin bei ihr wohnte, hatte sie sich eine eigene Bibliothek aufgebaut. "Sie las mir Brecht vor. Sie war intellektuell hungrig, eine verrückte Frau. Und sie war meine Rettung."

Nach dem Abitur studierte Tolaas zwei Jahre parallel Kunst sowie Mathematik und Chemie in Oslo, bevor sie sich entschied, ihr Doppelstudium mithilfe eines staatlichen Stipendiums in Leningrad fortzusetzen. "Ich fühlte mich der Revolte verpflichtet. Ich wollte immer weg, irgendwohin, wo nichts stimmte, wo alle Dogmen und Normen des Kapitalismus, die ich kannte, nicht mehr existieren. Wo Bibeln brennen und der Atheismus herrscht." So ging sie nach Russland, ohne Russisch zu sprechen oder jemanden dort zu kennen.

Sie lebte abwechselnd in Leningrad und Warschau und arbeitete neben dem Studium ohne Genehmigung als Journalistin. "In dieser Zeit habe ich gelernt, eigenständig zu denken und bin ganz schnell erwachsen geworden. Ich war allein, es gab kaum zu essen. Überall herrschte Paranoia wegen der politisch schwierigen Situation." Wie konnte sie mit der Unfreiheit leben? "Gerade die hat mich herausgefordert. Dort, wo ich herkam, habe ich immer provoziert. Und plötzlich wurde ich provoziert."

1981, als General Jaruzelski in Polen den Kriegszustand ausrief und die Oppositionsführer sowie die Aktivisten von Solidarnosc einsperren ließ, wurde die Studentin aus Warschau ausgewiesen. Kurz darauf kehrte sie zurück und blieb anderthalb Jahre illegal dort. "Ich habe mich selbst gezwungen, ein bisschen länger zu bleiben, um mehr zu erfahren." Zwei Jahre später kehrte sie nach Oslo zurück, arbeitete ein weiteres Jahr als Journalistin, schloss ihre Studien ab und zog 1986 nach Berlin.

Inzwischen habe sie ihrer Familie bewiesen, dass man auch Erfolg haben könne, ohne einen reichen Mann zu heiraten, resümiert Sissel Tolaas sarkastisch. Und dass man mit einem gut ausgebildeten Widerspruchsgeist sein Leben bestreiten kann. Seit 2004 lebt und arbeitet die Künstlerin und Wissenschaftlerin mit ihrer neunjährigen Tochter in einer großen Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Zwei Räume nutzt sie als Labor, das ihr der internationale Duft- und Aromenhersteller International Flavors and Fragrances (IFF) seit 2004 finanziert. "Es ist klar, dass die Leute bald von den Fertiggerüchen genug haben werden." Deshalb arbeitet sie unter anderem an neuen Düften für Unternehmen.

So erforscht sie etwa für einen großen Hi-Fi-Hersteller dessen olfaktorische "DNA", um einen Geruch zu schaffen, der den Kunden überall auf der Welt ein Gefühl des Wiedererkennens geben soll, ähnlich wie ein Logo oder eine Visitenkarte. Auf der Suche nach diesem Geruchs-Logo sog Tolaas in der Zentrale in Skandinavien Duftmoleküle ein: Sie nahm Proben von Materialien, die in der Herstellung benutzt werden, Holz, Kunststoff, Metall, Gaze, und forschte in den Fluren, Konferenzräumen oder dem firmeneigenen Museum, entlang an Ledersofas, Dielenböden und Details der puristischen Stahl- und Glasarchitektur, nach "einer Art Fingerabdruck" des Unternehmens. Die geografische Lage - das Firmengebäude liegt inmitten von Wäldern und Wiesen - spielte ebenso eine Rolle wie die Mitarbeiter, die nach spezifischen Gerüchen und Assoziationen befragt wurden. "Wir konfrontieren die Belegschaft mit dem, was sie im Alltag umgibt, und fragen: So riecht Ihre Firma - wie kann man das nutzen?"

Hinter fast allen Projekten steht für Sissel Tolaas dieselbe Idee: die Welt für einen bewussten Umgang mit Gerüchen zu sensibilisieren. Menschen reagierten auf Gerüche sehr unterschiedlich, "was der eine gerne riecht, kann für den anderen unerträglich sein". Und diese Präferenzen oder Antipathien hätten großen Einfluss auf die Kommunikation, bei der Begegnung zu zweit ebenso wie am Konferenztisch: "Religion, Hautfarbe und Überzeugungen kann man überwinden. Aber wenn jemand einen anderen nicht riechen kann, hat man ein ernstes Problem."

Die Geruchsforscherin betrachtet sich als gutes Beispiel dafür, dass es möglich ist, sich von der eigenen Prägung weitgehend unabhängig zu machen. Sechs Jahre lang habe sie ihren Geruchssinn trainiert, bis es ihr gelang, eine neutrale Ausgangslage für die Nase zu schaffen. Dafür kombinierte sie Gerüche, die sie als negativ empfand, so oft mit positiven Gerüchen, bis sich eine Balance einzustellen begann. "Inzwischen hat sich meine Toleranz radikal verändert. Früher gab ich schon beim Betreten eines Raumes mein Urteil mit der Nase ab. Heute bin ich offen und lasse mich überraschen." Interessant wird es für sie, wenn die Nase etwas anderes wahrnimmt, als der Geist erwartet. "Jeden Tag atmet man Informationen ein und muss sich fragen: Wie speichert mein Gehirn sie ab? Und welche Worte finde ich dafür?"

Vom Geruch eines Pumakäfigs bis zu dem der Luft - das ist die Welt der Sissel Tolaas

Über eine solche Offenheit verfügten die meisten Menschen nur in ihren ersten Lebensjahren. "An Gerüche aus der Kindheit kann man sich deshalb so gut erinnern, weil die Nase noch nicht manipuliert war." Um diese Fähigkeit zu erhalten, müsse man sie von klein auf fördern. Deshalb unterrichtet Tolaas einmal pro Woche Kinder aus europäischen Schulen. Sie simuliert Gerüche, mit denen sie täglich konfrontiert sind, fordert sie auf, frei dazu zu assoziieren, und nimmt die Ergebnisse auf Tonband auf. Weil das Projekt ein so großes Echo fand, bietet Tolaas ihr Geruchstraining seit dem Frühjahr 2007 im Nachmittagsprogramm der Grundschule ihrer Tochter an, deren Geruchssinn schon jetzt fast unbestechlich sei. "Sie hat die genaueste Nase und erkennt inzwischen fast jeden Geruch, mit dem ich im Labor arbeite."

Jenseits ihrer vielen Projekte für Kunst oder Wirtschaft hat Sissel Tolaas einen Traum, der viel weiter geht: "Mein großes Ziel ist, zu einem Nullpunkt zurückzukehren, to get the smell of nothing - das aber viel mehr als nichts ist." Von der "Visualisierung des Nichts" war Tolaas schon als Studentin fasziniert. Damals produzierte sie Bilder, Collagen und Weltkarten, deren Oberfläche allmählich verschwand - übrig blieb nur der Titel. Mit der Zeit wurden dann die Luft und deren Geruch zu ihrem Forschungsgegenstand.

Auch bei ihrer Suche nach dem Nullpunkt arbeitet Sissel Tolaas an sich selbst - so lebt sie aus Prinzip ohne Deodorant. Das sei ein Ausdruck wissenschaftlicher Neugier und eine ästhetische Entscheidung. "Die meisten Menschen vernachlässigen ihren Körper in der einen oder anderen Form: Sie überdecken ihren Eigengeruch mit Parfüm oder ignorieren ihren körpereigenen Gestank. Ich dagegen suche eine Art Nullpunkt. Mich interessiert: Wie rieche ich ohne alles? Akzeptiere ich das oder nicht - und warum?" Tolaas ist überzeugt: "Wenn man Eigengerüche in der Zukunft simulieren kann, wird man sie gezielt einsetzen. Dann wird man mehrere Flaschen körpereigener Düfte zu Hause stehen haben, und je nachdem, was man vorhat, wählt man sein Erfolgsparfüm oder den Verführerduft."

Die Wirkung solcher Substanzen erlebte die Chemikerin bei einem Selbstversuch im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Sie erschien dort in Abendgarderobe - und in No. 5, einem Duft aus ihrem Sortiment der Phobiker. Die Frauen waren von dem starken Schweißgeruch abgestoßen, aber die Männer zeigten sich interessiert. Und wie hat sie sich selbst gefühlt? Die Blicke der anderen seien nicht angenehm gewesen, aber Teil der Provokation, sagt Sissel Tolaas, die in ihrer Jugend davon träumte, als erste Astronautin im All auf einer Raumstation ungestört zu forschen. "Auf gewisse Weise bin ich Astronautin geworden", sagt sie heute. "Ich lebe zwar nicht isoliert, ich habe Freunde und veranstalte Dinnerpartys, aber in Bezug auf mein Denken und meine Wahrnehmung empfinde ich mich sehr als Einzelgänger - ich führe wohl ein eher exzentrisches Leben." Sie sei froh, dass sie dank ihrer Tochter den Kontakt zur Realität nie ganz verliert.

Auch wenn sie das sagt, klingt ihre Stimme fern jeden Klischees: laut und schroff, aber auf der Rückseite rau und leicht verlegen. Ihr ist es ernst mit dem, was sie sagt - allein ihr fehlen die Worte. Also beschleunigt sie die Rede, um den Abgrund der Allgemeinplätze zu überbrücken. Ihr Thema ist nicht nur die Kunst oder die Wissenschaft - sie tut, was sie tut, weil sie nicht anders kann. "Für mich war schon immer der Prozess des Schaffens das Produkt. Es geht um eine Reihe von Gedanken, die unendlich ist wie der Atem: Man kann damit nicht aufhören, denn sonst ist man tot. Wir atmen mehr als 7000-mal am Tag ein und aus und bewegen dabei unzählige Kubikmeter Luft - das ist für mich schon Motivation genug. Jeder Atemzug ist eine Inspiration weiterzumachen - meine Arbeit ist mein Leben." -

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