Ausgabe 02/2007 - Schwerpunkt Veränderung

Neue Arbeit

- Aus heutiger Sicht klingt es abenteuerlich, aber es ist gar nicht so lange her, dass in deutschen Großunternehmen sogenannte Springer-Abteilungen bereitstanden: komplette Teams, die darauf warteten, dass irgendwann irgendwo im Konzern Not am Mann herrschen würde. Klar, dass eine solche Personal-Vorhaltung teuer und umständlich war - aber eben immer noch wirtschaftlicher, als im Notfall ohne Personal dazustehen.

Klar war daher für Ingrid Hofmann, dass eine Alternative zum betriebsinternen Bereitschaftsdienst hermusste. 1985 gründete die damals 31-Jährige in Nürnberg eine Art externe Springer-Abteilung, die Mitarbeiter immer dann an Unternehmen verlieh, wenn bestimmte Fertigkeiten gefragt waren. Ihrem Leute-Leihhaus gab sie die Bezeichnung Personalleasing. "Leiharbeit", sagt die Unternehmerin, die mittlerweile 11 200 Mitarbeiter beschäftigt, "ist doch so ein grausliger Begriff."

Die Idee war keinesfalls neu (bereits 1947 hatte in Milwaukee der erste Temporary Help Service eröffnet), aber durchaus mutig: Das Image des Geschäftes, von den Gewerkschaften als moderner Menschenhandel gebrandmarkt und in der Bundesrepublik bis 1957 sogar verboten, irrlichterte früher irgendwo zwischen Prostitution und Bestattungsgewerbe. Per Gesetz war die Arbeitnehmerüberlassung (wie sie offiziell hieß) in ein enges Korsett aus Regeln und Reglementierungen geschnürt, das beispielsweise den Einsatz eines Zeitarbeiters auf maximal 24 Monate pro Unternehmen begrenzte.

Und unter Hofmanns Kollegen sorgten viele Vermittler mit Lohn-Dumping und Leuteverleih per Auktion selbst dafür, dass das öffentliche Ansehen problematisch und Zeitarbeit eine Anlaufstelle für all jene blieb, denen sonst nur noch die ultimative Alternative Arbeitsamt offenstand.

Vom halbseidenen Gewerbe zum Job-Motor: Keine Branche schafft mehr Arbeitsplätze

All das ist erst ein paar Jahre her, und doch hat sich seither fast alles radikal verändert. Der Wettbewerb: Für Unternehmen wird der flexible Zugriff auf Kompetenzen und Kapazitäten immer entscheidender. Die Berufsbiografien: Schornsteinkarrieren (unten im Unternehmen rein, oben mit dem Rentenalter wieder raus) sind selten geworden. Der Arbeitsmarkt: Von Arbeitnehmern wird, ob sie dies wollen oder nicht, eine beständige Neuorientierung verlangt. All dies änderte auch die Rolle der Zeitarbeit, die sich aus der Schmuddelecke heraus Schritt für Schritt einen Platz auf dem akzeptierten Arbeitsmarkt erkämpfte.

Die neue Rolle lässt sich im derzeitigen Aufschwung besonders gut beobachten: Keine andere Branche schafft so viele Arbeitsplätze. Im vergangenen Jahr haben die 4500 Personaldienstleister des Landes erstmals mehr als eine halbe Million Zeitarbeiter vermittelt. Ingrid Hofmanns Leuteverleih ist dabei mit 60 Niederlassungen und Ablegern in Österreich, Tschechien und Großbritannien eines der größten konzernunabhängigen Unternehmen der Branche. Allein in 2006, dem bislang besten Jahr in der Firmengeschichte, hat das Unternehmen 35 Prozent beim Umsatz zugelegt und seine Belegschaft um 4000 Mitarbeiter aufgestockt.

Mittlerweile gibt es eine neue Generation von Wanderarbeitern: hoch qualifizierte Spezialisten

Sascha Straube, 25, war einer von diesen Zeitarbeitern. Den jungen Mann aus Nürnberg wollte nach seiner Lehre als Kfz-Mechaniker kein einziges Unternehmen haben - als Zeitarbeiter bei Hofmann aber waren es binnen fünf Jahren mehr als 40 Firmen, die ihn anforderten. Mal schuftete er einen ganzen sonnigen Sommer lang in der ungeliebten Spätschicht, weil die Stammbelegschaft seines Arbeitgebers lieber morgens zur Schicht kam - "da bekam ich zu spüren, dass ich eben doch nur der Zeitarbeiter bin". Mal wurde er als Aushelfer an eine Eismaschine zum Stiele-Nachfüllen gestellt - einen Job, den er nach Absprache mit seinem Zeitarbeits-Disponenten nach einem Tag wegen Unterforderung schmiss.

Andere Einsätze aber brachten ihn zu interessanten Unternehmen wie Datev, Iveco, Metz oder Siemens, wo Straube insgesamt fast zwei Jahre lang arbeitete, sich ausprobierte, weiterbildete und Kontakte knüpfte. "Ich habe in der Zeit gelernt, wie Warendisposition funktioniert", sagt er. "Ich weiß jetzt, wie man einen Fernseher zusammenbaut und vieles mehr. Zeitarbeit war wie ein Neuanfang für mich."

Typisch daran ist, dass Straube die Interimsarbeit als eine Art gut bezahltes Praktikum nutzte. Typisch ist auch, dass er zuvor ohne Job war: Für fast zwei Drittel aller Zeitarbeiter ist die Branche die Ausstiegshilfe aus der Arbeitslosigkeit. Ein Drittel von ihnen sind zudem Ungelernte, die als Wachmänner, Packer oder Sortierer wenig mehr als den Mindestlohn nach Hause tragen (7,15 Euro pro Stunde in West-, 6,22 Euro in Ostdeutschland). Einige von ihnen offenbar sogar weniger: Dem "Spiegel" klagte kürzlich ein Zeitarbeiter, statt eines festen Monatsgehalts seien ihm nur die Stunden entlohnt worden, die er tatsächlich in Kundenunternehmen abgearbeitet habe - eine Praxis, die dem gültigen Tarifvertrag widerspricht und die Ingrid Hofmann für "unvorstellbar" hält.

Tatsache ist, dass sich viele Zeitarbeiter nur knapp oberhalb des Prekariats bewegen. "Der typische Leiharbeitnehmer", so Markus Promberger vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung (IAB), "verrichtet Hilfstätigkeiten in der Industrie und wird ad hoc angefordert, wenn - beispielsweise wegen Krankheit oder unerwarteten Auftragseingängen - kurzfristiger, unvorhergesehener Personalbedarf eintritt."

Die meisten Zeitarbeiter sind dabei genauso schnell wieder weg, wie sie ins Unternehmen gekommen sind: Im Schnitt dauert ein Einsatz im Entleihunternehmen gerade mal 4,7 Monate. Nur knapp jeder achte Zeitarbeiter ist nach zwölf Monaten noch beim selben Vermittler gelistet.

Ist also alles beim Alten geblieben? Keineswegs. Denn neben dem tendenziell flüchtigen Hilfspersonal wächst derzeit eine neue, besser bezahlte und selbstbewusste Gruppe von Wanderarbeitern heran: die der hoch qualifizierten Ingenieure, Programmierer, Controller oder Manager. Bereits acht Prozent der Arbeitnehmer bei den Top-15-Zeitarbeitsfirmen kommen frisch aus dem Hörsaal. Spezialvermittler wie die Düsseldorfer Adecco-Tochter DIS AG (siehe brand eins 07/2005), die sich auf die Vermittlung von Fachkräften spezialisiert hat, wachsen derzeit besonders schnell. 16 000 Stellen will Adecco in Deutschland schaffen, davon 4000 bei der DIS AG.

Auch die I.K.Hofmann GmbH, traditionell eigentlich stark im Verleih von Facharbeitern, beschäftigt bereits zehn Prozent Akademiker - "ein Anteil, den wir deutlich steigern wollen", wie Ingrid Hofmann sagt. Der Marktführer Randstad führt bereits Kooperationsgespräche mit den Hochschulen, um den Bedarf an Spezialisten zu befriedigen. Und Adecco, Deutschlands Nummer zwei, gibt derzeit 100 Millionen Euro für die Weiterbildung seines Personals aus - pro Jahr.

Der Aufwand lohnt sich. Denn seit Projektarbeit in immer mehr Firmen zum Alltag gehört, sind Fachkräfte auf Zeit sehr begehrt. Ihren Vermittlern bescheren sie höhere Umsätze als Ungelernte und verringern die branchentypische Abhängigkeit von Industriekunden und Konjunkturzyklen. Klassischerweise führt nämlich jedes Prozent Wirtschaftsaufschwung zum siebenfachen Wachstum bei den Personaldienstleistern, während die Branche beim Abschwung als Allererste unter Überkapazitäten ächzt. "Heute aber", so Hofmann, "leisten wir weit mehr, als lediglich die Konjunkturspitzen abzufedern. Heute können wir beispielsweise mit Programmierern eine Software-Implementierung von Anfang bis Ende begleiten, komplette Schwangerschaftsvertretungen übernehmen und Jobs besetzen, die einer längeren Einarbeitungszeit bedürfen - was sich früher bei begrenzten Überlassungen häufig nicht lohnte."

Ein neues Gesetz macht die Zeitarbeit hoffähig - selbst bei den Gewerkschaften

Schuld ist eine kleine, lautlose Revolution, die sich am Neujahrstag 2004 in Berlin vollzog. An diesem Tag trat das neue Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) in Kraft, nach dem Zeitarbeitnehmer unbefristet in Unternehmen eingesetzt werden dürfen, und zwar zum gleichen Lohn und mit den gleichen Ansprüchen wie ihre fest angestellten Kollegen. Zeitgleich handelten Personaldienstleister und Gewerkschaften den ersten Tarifvertrag für Zeitarbeitnehmer in der Geschichte der Bundesrepublik aus.

Damit wurde Arbeit auf Zeit auch für Hochqualifizierte zu einer akzeptablen Alternative zur Festanstellung. Als Interimskräfte verdienen sie genauso viel, werden professionell betreut (bei Hofmann ist eine Disponentin für etwa 25 Arbeitskräfte zuständig; bei der Bundesagentur für Arbeit betreut ein Vermittler bis zu 300 Arbeitslose), probieren die unterschiedlichsten Aufgaben und Einsatzfelder aus und lernen Unternehmen im Schnelldurchlauf kennen. Nicht selten stoßen sie dabei auf ihren künftigen Dauerarbeitsplatz.

Nach einer Statistik des Bundesverbands Zeitarbeit werden 30 Prozent der Zeitarbeitnehmer früher oder später vom Entleihunternehmen übernommen. Faustregel: je höher die Qualifikation, desto größer der sogenannte Klebeeffekt. Der Kfz-Mechaniker Sascha Straube beispielsweise ist vergangenen Sommer beim Stiftemacher Faber-Castell in Stein bei Nürnberg geblieben. Die Firma, erzählt er, nutze Zeitarbeit systematisch, um potenzielle Mitarbeiter kennenzulernen, auszusuchen und zu übernehmen. "Und bei uns hat's gepasst."

Für Personaldienstleister bedeutet dieser Klebeeffekt einerseits einen Verlust und erhöhten Rekrutierungsaufwand - andererseits aber auch ein neues Geschäft. Anbieter wie die DIS AG nutzen ihre Rekrutierungserfahrung, um von der Personalvermittlung bis zur Bewerberauswahl komplexe Aufgaben von den Personalabteilungen ihrer Kunden zu übernehmen. "Viele Unternehmen unterschätzen den Aufwand, den richtigen Mitarbeiter zu finden", sagt Andrea Schmidt, Niederlassungsleiterin bei der DIS AG. "Niemandem ist mit einem Mitarbeiter geholfen, der sich nach drei Tagen als unpassend entpuppt. Wir aber können Unternehmen helfen, das Risiko zu minimieren."

Auf diese Weise avanciert die Zeitarbeit zum selbstverständlichen, akzeptierten Bestandteil der Arbeitswelt. Bei Airbus Deutschland beispielsweise arbeiten heute neben 22 000 Festangestellten 7000 Zeitarbeitskräfte von der Sekretärin bis zum IT-Entwickler. In der Automobil-, Halbleiter- und Handyproduktion ist teilweise schon ein Fünftel der Belegschaft ausgeliehen. Insgesamt summiert sich der Anteil der temporären Einsatzkräfte hierzulande jedoch erst auf magere 1,3 Prozent.

"In Großbritannien und den Niederlanden hingegen sind es fünf Prozent", sagt Ingrid Hofmann. "Und es gibt keinen Grund, warum ein solcher Anteil nicht auch bei uns möglich sein sollte." In diesem Jahr soll der Markt um weitere 20 Prozent wachsen, für das Jahr 2010 rechnet die Branche bereits mit einer Verdoppelung auf eine Million Zeitarbeitnehmer. Gut möglich, dass auch Sascha Straube wieder darunter ist. "Wenn ich mal wieder eine neue Arbeitsstelle brauchen sollte", sagt der 25-Jährige, "würde ich wieder bei der Zeitarbeit einsteigen." -

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