Ausgabe 09/2007 - Schwerpunkt Mehr Selbstständigkeit

Vorwärts! Aufstehen! Weiter! Los! *)

- Schade, dass sich heutzutage so wenige Menschen für die christliche Seefahrt interessieren. Sie wüssten mehr vom Leben. Auf See kam und kommt es gelegentlich vor, dass ein Sturm einen Kahn gegen tückische Felsklippen drückt, an denen das Holz der Planken zersplittert. Dies nannte man früher fachmännisch "scheitern", denn was vom Schiffe übrig blieb, war nicht viel größer als ein Holzscheit - und auch zu wenig mehr nützlich.

So weit zum Schicksal. Nun zum Menschen. Stellen wir uns mal Folgendes vor: Bei den Klippen, an denen eben ein Schiff zerschellt ist, stehen Leute herum, die die Holzscheite aus dem Wasser fischen, um sie sorgfältig zu trocknen. Danach schichten sie aus diesem Fang seelenruhig einen anständigen Scheiterhaufen auf, machen ein Feuerchen und schmeißen die Überlebenden der Schiffskatastrophe rein. Warum? Weil die Küstenbewohner einem alten Aberglauben huldigen. Er besteht darin, dass die Spuren eines Unglücks, dessen Zeuge man wird, rückstandslos vernichtet werden müssen, um nicht selbst Opfer neuen Unheils zu werden. Leicht vergisst man, was abgebrannt ist. Und natürlich auch: wer.

So ein Verhalten würden wir zu Recht barbarisch, dumm und unmenschlich nennen. Und nicht nur das, es ist vor allen Dingen unvernünftig. Es ergibt keinen Sinn. Und dennoch wird für jene, die das Risiko eingehen, auf schwierigen Gewässern zu scheitern, nach wie vor ein hübsches Feuerchen errichtet, und nur wer Glück hat, kriegt bloß eins mit dem Scheit übergezogen.

Scheitern verboten - das ist, an den Küsten und im Binnenland, fester Bestandteil der deutschen Sicherheitsfolklore. "Wer wagt, gewinnt" - schön und gut, aber immer schon fügte man diesem alten Spruch ein groß geschriebenes "Und wehe, wenn nicht! " hinzu. Resecum, der vulgärlateinische Wortstamm von Risiko, bedeutet ironischerweise "Felsklippe". Matrosen wissen: Wenn es ums Scheitern geht, kommt man am Meer nicht vorbei. Für Euphorien gilt Ähnliches.

Gern und oft wird ein Bonmot zitiert, das dem Dichter Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben wird: "Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." Das ist ein schöner Satz. Aber was, wenn die Kameraden schon beim Gedanken daran, ein paar Meter durchs kühle Wasser waten zu müssen, einen Schnupfen kriegen? Wenn alle Risikobereitschaft im Grunde nur schiere Theorie bleibt, in hübschen Sprüchen wohlfeil verpackt, aber in keiner Weise ehrlich gemeint? Wenn die feige Truppe dann doch lieber in der Nähe des Strandkorbs bleibt, man weiß nie, sicher ist sicher? So wie im wirklichen Leben?

Dann, ja, dann ist es Zeit, mit Leuten zu reden wie Paulus Neef. Der Gründer der Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark war ein gutes Jahrzehnt lang einer der ungekrönten Könige der New Economy, die Symbolfigur einer neuen, risikofreudigeren Unternehmergeneration. Pixelpark, 1991 gegründet, wurde bereits Mitte der neunziger Jahre mehrheitlich von der Bertelsmann AG übernommen. Neef blieb der Star einer neuen Unternehmenskultur. Bis Ende 2002. Dann bekam er, kurz vor Weihnachten, die fristlose Kündigung. Man brauchte einen Sündenbock für all die Dinge, die schiefgelaufen waren, und es waren viele Dinge schiefgelaufen, die von vielen Menschen angestoßen worden waren.

Doch wer die Berichte von damals liest - und nicht wenige von denen, die bis heute erscheinen, klingen ähnlich - der bekommt den Eindruck, dass die Dotcom-Blase eine geheime Kommando-Operation einiger weniger Finanzterroristen gewesen sein muss, zu deren hartem Kern Paulus Neef gezählt wird und nicht etwa die, die es tatsächlich waren: Banken, Konzerne, machtgierige Vorstände und geldgeile Couponschneider aller Klassen -Triebtäter einer vulgären Ökonomie allesamt. Nun ist Paulus Neef wieder erfolgreicher Unternehmer, führt die Berliner Neva Media GmbH, die Handy-TV-Anwendungen produziert und mit den Verlagshäusern Hubert Burda Medien und Holtzbrinck solide Gesellschafter aufweisen kann. Er ist noch einmal davongekommen, irgendwie. Der Unterschied zu so vielen anderen ist: Er weiß es. Er redet darüber.

"Ich habe am eigenen Leib erlebt, was es heißt, wenn es in Deutschland mit dir nicht ständig aufwärts geht", sagt er. Gerade die Geschichte der New Economy und ihr Scheitern stehe dafür, erzählt er. "Da kommen Technologie, Kultur, Lebensart und Begriffe aus den USA nach Deutschland. Sie begeistern viele junge Leute, die etwas tun wollen. Aber eines hat Deutschland damals nicht importiert, das Wichtigste vielleicht", sagt Neef. "In den USA wusste man auch bei dieser Euphorie: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Scheitern ist möglich. Dann steht man auf, nimmt sein Wissen und seine Erfahrung und geht weiter, sicher nicht dümmer als vorher. Das ist in den USA normal. Und das durfte in Deutschland nicht wahr sein."

Scheitern ist wie krank werden: Viele haben Angst, sich anzustecken

Warum ist das so? Ist all das nur mit dem viel zitierten Perfektionswahn erklärlich, der die Deutschen von so vielem abhält, das irgendwie schiefgehen könnte? Wer Perfektion erstrebt, müsste sich aber zwangsläufig mit Erfahrung und Fehlschlägen beschäftigen. Das allein kann es nicht sein. Neef glaubt, dass etwas zutiefst Irrationales hinter dem merkwürdigen Verhalten steckt, das man Gescheiterten hierzulande entgegenbringt: "Sie zeigen mit dem Finger auf dich und meinen sich selbst. Sie haben Angst, dass ihnen das auch passiert. Sie meiden jeden Gedanken daran, mit dir etwas zu tun zu haben - als ob man eine ansteckende Krankheit hätte. Scheitern ist für manche wie ein böser Fluch."

Er hat diese Erfahrungen gemacht; sie haben ihm gezeigt, wie viel Aberglaube und Irrationalität hinter der scheinbar so vernunftverliebten Fassade im Land steckt. Diese Haltung gegenüber dem Scheitern ist aber zutiefst unvernünftig. Sie verändert und führt zu nichts, bringt niemanden weiter, macht keinen Schaden kleiner. Nur ein Weltbild wird erhalten: das von einem Ozean, auf dem es keine Wellen gibt, auf dem kein Schiff stranden kann, eine flache, eintönige, öde Wasserwüste, gerade wie ein Brett, windstill und trostlos - aber sicher.

Nun gibt es natürlich Menschen, die wissen, dass das Meer anders ist. Die Normalität des Auf und Ab sieht Neef heute vor allem bei der neuen Generation, die deutlich unbefangener mit Risiko und Chance hantiert als noch jene, der der Mittvierziger selbst angehört. Vor einem Jahrzehnt, sagt er, "war das Schwarz-Weiß-Denken, Sieg oder Niederlage, Entweder-oder noch total verbreitet". Aber die neue Normalität lässt derartige Extremistenpositionen immer seltener zu. "Leute, die sechs, sieben Jobs haben, die unbefangener an die Dinge herangehen, einfach ihre Projekte machen und nicht bei allem zuerst das Risiko sehen, sondern die Chance, haben keine Zeit und keine Lust für so einen Quatsch: Die denken nicht ständig ans Scheitern - und sie lernen aus Erfahrungen. Die machen einfach das Richtige." Es sei ein "Quantensprung zur Normalität", sagt Neef. Auch das ist fast eine Sensation heutzutage: dass Leute wissen, dass Wasser und Wellen zusammengehören.

Dabei genügt es sicher nicht immer, einfach nur diesen alten Aberglauben, diese alte Angst bewusst hinter sich zu lassen. Es gibt auch noch eine andere Sorte von diffusen Gefühlen, die dem Recht auf eine zweite Chance entgegenstehen. Rache zum Beispiel. Nach Informationen der Creditreform gab es im Vorjahr in Deutschland rund 31 000 Unternehmensinsolvenzen, dazu fast 90 000 Privatkonkurse und 32 000 "sonstige" Insolvenzen von abgebrannten Stiftungen, Vereinen und überschuldeten Gesellschaftern. Da kommt viel Holz zusammen an der Küstenlinie, 31 Milliarden Euro in etwa, und dazu mehr als 470 000 Leute, die 2006 ihren Job verloren haben, weil andere - nun ja: scheiterten. Viele von ihnen scheitern, weil andere gescheitert sind -Auftraggeber, Kunden, Lieferanten, Schuldner. Das passiert jeden Tag, und wer kann es einem der Betroffenen verübeln, wenn seine Wut groß ist? Wenn er, wo schon kein Geld zu erwarten ist, "Gerechtigkeit" fordert, ein anderes, scheinbar schöneres Wort für Rache also.

Anne Koark weiß, wovon die Rede ist. Vor mehr als vier Jahren hat die in München lebende, aus England stammende Unternehmerin Insolvenz anmelden müssen, für ihr Geschäft und auch privat. Von einem Tag auf den anderen hatte sie nichts mehr nicht mal ein Konto, auf das die Behörde das Kindergeld hätte überweisen können. "Wer scheitert, ist hier ein Versager, und das zeigt man ihm", sagt sie. "Vor allem durch Schweigen und Verschweigen: Niemand redet darüber." Nun ist Koark nicht der Typ, der den Mund hält. Sie hat ein Buch geschrieben: "Insolvent und trotzdem erfolgreich" heißt es. Das Tagebuch einer Insolvenz. Am Ende des Buches steht: "Es geht immer weiter! " Das ist aber bei Anne Koark keine Phrase, sondern Programm.

Ihr Buch war das, was man einen Überraschungserfolg nennt. "Viele, die in dieser Schweigespirale drinnen sind, die selbst betroffen sind, haben gesagt: Endlich redet wer darüber." Zum Beispiel über das miese Gefühl, nichts tun zu können, weil einen Gläubiger, Gerichte und Behörden Schritt für Schritt lahmlegen - also die Scheite ins Trockene bringen, um sie auf einem Haufen zu stapeln. Seit der Veröffentlichung von "Insolvent und trotzdem erfolgreich" hat Koark Einladungen aus Deutschland und ganz Europa bekommen. Sie redet vor Gläubigern, vor Insolventen, vor Politikern. "Es tut sich langsam was", sagt sie.

Zum Beispiel hat die EU-Kommission seit 2005 eine Studie begonnen, die das "Stigma des Scheiterns" untersucht. Dabei geht es nicht nur um ein effizientes Frühwarnsystem für Unternehmen und Geschäftspartner, "sondern um einen Reality Check des Begriffs Scheitern an sich", sagt Koark. Ein Anlass für die Aktivitäten der EU-Kommission war, erzählt sie, "die Tatsache, dass nicht allein Insolvenzen einen großen Schaden anrichten, sondern auch der verzweifelte Versuch, bloß kein Risiko einzugehen. Viele Manager entscheiden nichts mehr, weil sie Angst davor haben zu scheitern. Und das kostet enorm viel." Auch hier, sagt sie, "ist die Tür ein wenig offen".

Langsam spricht sich herum, dass es Sinn hat, wenn Unternehmer mit Erfahrung offen auch über ihr Scheitern reden - vor allem mit denen, die gerade anfangen, Risiken einzugehen. "Der Kern all dieser Geschichten ist nicht, dass man sagt: Mensch, insolvent ist eigentlich gar nicht schlimm. Wichtig ist, dass endlich nicht nur eine Seite des unternehmerischen Risikos vermittelt wird, dass wir über die ganze Sache reden, nicht nur, wie man das in den Medien oft gern hat, nur über die schöne Seite", sagt Koark. Kurz und gut: mehr Normalität. Mehr Ehrlichkeit. Eine zweite Chance statt sogenannter "Gerechtigkeit". Warum? Weil Rache nichts einbringt, zum Beispiel.

Wer aufsteht, hat mehr vom Leben - und bringt anderen etwas ein. Was ist daran falsch?

Auf Anne Koarks Visitenkarte steht "Pleitier", nicht jeder findet das witzig, aber so ist es auch nicht gemeint: "Wenn ich heute Schiffbruch erleide, habe ich eigentlich keine Chance, da wieder rauszukommen. Das ist exakt der falsche Weg. Denn nur wer in der Lage ist, aus dem Scheitern eine zweite Chance zu machen, nützt auch seinen Gläubigern - reduziert den Schaden und bringt sich selbst wieder zurück ins Leben." Solange in Deutschland das Motto "Strafe statt Vernunft" gelte, müsse man sich nicht wundern, dass sich - nicht nur - Unternehmen "zu Tode fürchten, bevor sie irgendetwas entscheiden und anpacken. Das ist irrational, es entbehrt jeder Logik! Das führt genau dazu, dass niemand selbstständig werden will, niemand anfängt, ein Unternehmen aufzubauen - weil es überall heißt: Du wirst noch im Sozialamt enden."

Kein Wunder für Koark, dass Selbstständige in Deutschland einen schlechten Ruf haben: "Die stehen in den Augen der Gesellschaft schon halb im Armenhaus, wenn sie etwas tun - niemand traut ihnen." Dann zitiert Koark wieder aus der Statistik: Von den vielen Insolvenzfällen seien gerade mal sechs Prozent das Produkt vorsätzlich krimineller Machenschaften. Doch der von Aberglaube und Misstrauen zerfressene "gesunde Menschenverstand" sagt dem Durchschnittsbürger immer nur eines: Pleitiers sind Gauner.

Wer scheitert, ist eigentlich schlecht. "Und wer schlecht ist, der hat Strafe verdient, nicht wahr?", sagt Anne Koark.

Sind das alles nur die Sprüche einer Frau, die ihr Scheitern überspielen will? Es gibt auch andere Quellen. Zum Beispiel eine Untersuchung des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung. In der steht, dass die Chancen eines Unternehmers, der schon mal gescheitert ist, beim zweiten Anlauf erfolgreich zu sein, um 18 Prozent höher liegen als die von Einsteigern.

Das heißt auch: Die Wahrscheinlichkeit, wieder flachzuliegen, ist um fast ein Fünftel geringer. Ein Fünftel weniger Insolvenzen zum Beispiel. Und natürlich auch weniger Ausfälle und nie wieder einzubringende Forderungen. Denn Pleitiers dürfen von Rechts wegen nichts tun. Sie dürfen eigentlich nur gescheitert sein. Was Anne Koark auf ihren Vorträgen immer wieder auffällt, ist vor allem eines: "Viele haben nie darüber nachgedacht, wie ihre Einstellung zum Scheitern ist. Niemand hat sich gefragt, ob es nicht hundertmal vernünftiger ist, jemandem eine zweite Chance zu geben und damit für alle Beteiligten die Lage zu verbessern. Wenn man mit den Leuten darüber redet, zeigt sich, dass viele das ziemlich okay finden - vor allem die jüngeren Leute, für die Sicherheit keine so große Rolle spielt wie für die älteren."

Der Grundgedanke, Gescheiterte einfach weiterarbeiten zu lassen, statt sie lahmzulegen, verbreitet sich, weiß Koark: "Es tut sich was - da sind schon ein paar Dämme gebrochen." Zum Beispiel: Wenn Anne Koark einen Vortrag hält, ihr Buch bewirbt, dann sitzen immer wieder ihre Gläubiger mit im Saal. Nicht aus Rache, sondern um die Autorin anzufeuern. "Sie haben verstanden, dass ihnen mein Erfolg mehr bringt als mein Misserfolg."

Diese Haltung versucht auch die Website bleib-im-geschäft.de zu vermitteln, auf der Koark und Gleichgesinnte allen Gescheiterten und Insolventen Tipps geben und Mut machen, weiterzumachen - eben im Geschäft zu bleiben, statt zu resignieren. So werden aus Scheiterhaufen kleine Signalfeuer. Auch wenn sie noch nicht jeder sehen kann. Und Anne Koark erzählt dann die Geschichte, die ihre Großmutter ihr in England erzählte, wo sie aufgewachsen ist, immer dann, wenn mal etwas schiefging: "Schau mal, Anne, die Deutschen zum Beispiel, die wissen, wie man mit dem Scheitern umgeht. Die haben aus der schwersten Niederlage und völliger Zerstörung ein Wirtschaftswunder gemacht."

"Ja, das haben sie", sagt Frau Koark. "Sie haben das Richtige getan, die Deutschen. Nur bemerkt haben sie es nicht." -

*) Diese deutschen Wörter sind weltweit bekannt und populär und kommen oft in Filmen vor, in denen Deutsche dargestellt werden.

Mehr aus diesem Heft

Mehr Selbstständigkeit 

Leben und arbeiten: Erfolg

"Es geht immer weiter, es ist noch lange nicht zu Ende."

Lesen

Mehr Selbstständigkeit 

Ernten und säen

Warum sollten Unternehmer potenziellen Konkurrenten in den Sattel helfen? Weil's Spaß macht. Und die Wirtschaft in Schwung hält. So sieht man es jedenfalls in den USA, dem Land des Hyperkapitalismus.

Lesen