Ausgabe 09/2007 - Schwerpunkt Mehr Selbstständigkeit

Ernten und säen

- Nach einer Handvoll gut dotierter Managementposten in der Telekommunikations- und Medizintechnikbranche zog Ruprecht von Buttlar das große Los. Der in San Diego in Südkalifornien lebende Deutsche landete beim Internet-Start-up MusicMatch, das im Herbst 2004 vom Internetportal Yahoo für 160 Millionen Dollar gekauft wurde. Danach war er saniert und hätte sich mit Anfang 50 zur Ruhe setzen können.

Aber Buttlar kann das Geschäftemachen nicht lassen und stellte sich 2005 als Berater für Neugründungen zur Verfügung. Gratis, "aber nicht ganz uneigennützig", wie er erzählt. "Deal Flow" - das ist der Begriff, mit dem Venture-Kapitalisten über den steten Strom neuer Geschäftsideen sprechen, die bei ihnen über den Tisch fließen. Wer an dieser Quelle sitzt, kann Trends und Erfolg versprechende Ideen früh aufspüren und sich finanziell engagieren, wenn die Bewertungen noch günstig sind und sich kleine Investitionen enorm bezahlt machen können.

Aus der Initiative des Exil-Deutschen hat sich das gemeinnützige Beratungszentrum Connect entwickelt, das Gründern unentgeltlich bei der Vermarktung ihrer Ideen hilft. Buttlars Allzweckmittel ist das dichte Netz seiner Bekannten - Manager und Tüftler mit dicken Bankkonten und einem unstillbaren Hunger nach dem nächsten "Big Thing". Mehr als 120 solcher Leute, darunter ehemalige Geschäftsführer, Finanzvorstände und andere Spitzenkräfte, stehen in seiner Freiwilligen-Kartei. Dieser Experten-Pool deckt alle Wachstumssparten ab, in denen die Region San Diego glänzt: Bio- und Informationstechnik, Life Sciences und Anwendungen rund um Mobilgeräte. "Ein paar Telefonate, und wir kriegen fast jede Frage beantwortet", sagt Buttlar.

Connect ist das mit Abstand lebendigste und erfolgreichste Beispiel für das freiwillige Engagement vermögender Unternehmer für eine gute Sache: die Saat für die nächste Generation Innovation aufgehen zu lassen. Ihr Ansporn speist sich aus Profitstreben wie philanthropischem Denken. In Amerika mögen Reiche steuerlich besser wegkommen als anderswo und sich nicht scheuen, ihren Wohlstand zur Schau zu stellen. Doch viele von ihnen sind ebenso bereit, Geld und Wissen an die Gesellschaft zurückzugeben, die ihnen den Wohlstand ermöglicht hat.

Rund 15 000 Familien in den Vereinigten Staaten erzielen Jahreseinkommen von mindestens 9,5 Millionen Dollar, auf die sie maximal 35 Prozent Einkommen- und 15 Prozent Kapitalertragsteuer zahlen. Viele Reiche lassen es aber nicht nur bei (steuerlich absetzbaren) Spenden für die örtliche Hochschule oder Oper bewenden. Ihr Drang, die US-Volkswirtschaft weiter anzukurbeln, macht sie zu Mentoren-Mäzenen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag, der in der Diskussion um die Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmer oft übersehen wird, denn ein solcher Einsatz lässt sich im Gegensatz zu staatlichen Fördermitteln oder Steueranreizen schwer messen.

Connect hat seit seiner Gründung 1985 und dem Start des Mentorenprogramms Springboard (Sprungbrett) im Jahr 1993 versucht, Buch zu führen. Ursprünglich als Verbindungsbüro für an der örtlichen University of California ausgeheckte Ideen gestartet, hat sich Connect zu einer selbstständigen Einrichtung gewandelt, die steuerrechtlich als "Non Profit" firmiert - also keinen Gewinn abwerfen darf. Allein dieses Jahr werden um die 240 junge Firmen aus dem In- und Ausland beim Büro in San Diegos teurem Vorort La Jolla anklopfen, um sich von gutwilligen Multimillionären in den Sattel helfen zu lassen - ein Viertel wird aufgenommen und kann auf kostenlosen Beistand hoffen.

Typisch amerikanisch: eine Kultur des Networking. Und des freiwilligen Einsatzes

"Was wir hier bieten, ist nicht kostenlos, sondern pro bono", korrigiert Buttlar. "Es dient buchstäblich dem Gemeinwohl, wenn erfolgreiche Mitglieder der Region etwas zurückgeben." Die meisten seiner Mentoren oder Coaches melden sich aus eigenem Antrieb, weil sie gerade ein Unternehmen "mit hohem Profit" verkauft haben oder nach einer Fusion oder Übernahme ausgeschieden sind und nun Sorge haben, den Kontakt zur Wirtschaftswelt zu verlieren. "Sobald man einmal mit jungen Leuten zusammenarbeitet, verändert sich die Einstellung. Das Erlebnis, etwas von der ersten Idee bis zur Markteinführung durchzudenken, steckt an", sagt Buttlar. "Man erinnert sich an seine eigenen Erfolgserlebnisse und will nicht nur Fragen stellen, sondern sie auch beantworten", sagt der Deutsche, der mit seinem sorgfältig gescheitelten silbernen Haar und dem blauweiß gestreiften Hemd eher an einen bedächtigen Physikprofessor als an einen zwanghaften Networker erinnert. Vielleicht ist sein Mentorenprogramm deshalb so erfolgreich. Seit Herbst 2005 ist die Zahl der Mentoren, sogenannter Entrepreneurs in Residence (EIR), von sieben auf gegenwärtig 60 gewachsen. Dazu kommen weitere 70 Experten, die für bestimmte Themen von Finanzierungsfragen bis zum Produktmanagement als Ansprechpartner bereitstehen. Rund 37 seiner EIRs hat Buttlar gegenwärtig in jungen Firmen in unterschiedlichen Entstehungsphasen untergebracht.

Im Geschäftsjahr 2006 durchliefen 44 Neugründungen das Mentorenprogramm, im laufenden Jahr werden es 60 sein, und Buttlar hat bereits 80 Kandidaten auf der Warteliste. Bewerben kann sich jeder Unternehmer, der in San Diego eine Firma gründen oder dorthin umziehen will. Connect sichtet die Anträge und bespricht mit fünf bis acht seiner EIRs, ob der Gründer in die Region passt und beratungswürdig ist - vom Studenten mit einer halb garen Idee bis zum etablierten europäischen Mittelständler, der mit einer Tochterfirma auf den US-Markt vorstoßen will. Die Entscheidung fällt meist innerhalb einer Woche, danach beginnt die intensive Beratung durch in der Regel zwei Mentoren.

Die Mindestverpflichtung, die ein Mentor eingeht, liegt bei je einem zweistündigen Treffen pro Woche über drei bis sechs Monate hinweg. Dazu kommen unzählige E-Mails und Telefonate, um an Geschäftsplänen oder Präsentationen zu feilen. Je nach Reife der Firma und ihrer Gründer kann sich das Coaching auf sechs Wochen oder ein Jahr erstrecken. Am Ende steht eine Expertenrunde mit einem Dutzend erfahrener Unternehmer und Investoren, die die Gründer erst 15 Minuten referieren lassen und sie dann eine gute Stunde lang in die Zange nehmen.

Bis zum Finale ist bei dieser Betreuung kein Cent im Spiel es sei denn, ein Mentor wird als CEO angeworben, oder ein Experte zückt am Ende der Abschlusspräsentation sein Scheckbuch und wird zum Angel-Investor. Buttlar etwa fungierte auf Wunsch von zwei seiner acht Start-up-Schützlinge kurzzeitig als Chef. "Das währt meist so lange, bis sie Kapital eingeworben haben", erklärt er. "Dann setzt der neue Investor einen CEO seiner Wahl ein." Für seinen mehrmonatigen Einsatz ließ Buttlar sich mit Aktienoptionen entlohnen - die nur dann etwas wert sind, wenn aus der Neugründung etwas wird.

Was gute Ratschläge und Starthilfe in Form von Einführungen bei bedeutenden Unternehmen, Kapitalgebern, Anwälten und anderen Dienstleistern wert sind, lässt sich schwer beziffern. Connect lebt als gemeinnützige Einrichtung von Spenden von mehr als 200 örtlichen Mitgliedsfirmen. Das Mentorenprogramm wird von sechs großen Anwaltskanzleien aus der Region und der Universität mit rund 120 000 Dollar im Jahr finanziert. Die Pro-Bono-Arbeit der Mentoren beziffert Buttlar auf noch einmal 125 000 Dollar. Aber das sei der falsche Ansatzpunkt, um den Wert des Experten-Coachings zu ermitteln.

Aussagekräftiger sind die Folgen der Wirtschaftsförderung. Springboard hat seit 1993 rund 300 Neugründungen durch sein Beratungsprogramm geschleust, die anschließend mehr als 600 Millionen Dollar an Kapital einwarben. Gut die Hälfte der Firmen waren auch zehn Jahre später noch im Geschäft. Rechnet man weitere Aktivitäten von Connect hinzu, kommt man auf mehr als 1000 junge Firmen und mehr als eine Milliarde Dollar an Wagniskapital für die Region San Diego.

"Das ist ein stolzes Ergebnis", sagt Connects Exekutiv-Direktor Duane Roth. Der Gründer und langjährige Vorstand der Firma Alliance Pharmaceutical spricht Woche für Woche mit mehreren ausländischen Interessenten, die das Modell kopieren wollen. Der Andrang ist so groß, dass eine gewinnorientierte Beratungsfirma namens Global Connect ausgegründet wurde, die Regionen von Südkorea und Taiwan bis England und Schweden berät. "Theoretisch lässt sich unser Konzept in andere Länder übertragen", sagt Roth, "solange eines vorhanden ist: eine Kultur, in der Unternehmer fast süchtig danach sind, Verbindungen aufzubauen und zu pflegen - und in der freiwilliger, unentgeltlicher Einsatz groß geschrieben wird. Sonst funktioniert es nicht."

Staatliche Mittel oder offizielle Wirtschaftsförderung sind weder nötig noch erwünscht. "Wenn ich mit Firmen spreche, um sie als Mitglieder zu gewinnen, und sie fragen mich, was ich will, dann sage ich zuerst: Gebt mir Menschen!" Humankapital in Form von Personal, das Mäzen und Mentor spielt, ist Roth wichtiger als wohltätige Schecks, die bei der nächsten Rezession als Erstes gekappt werden. "Freiwilliger Einsatz von Topleuten ist kein zyklisches Geschäft. Wer hier mittut, der weiß, dass er keine kurzfristige Rendite erwarten darf. Man spendet Erfahrung und Zeit. Das lässt am Ende die Region wachsen, und davon haben alle etwas. Noch Fragen?" Dann muss der Multimillionär im mintfarbenen Anzug zum nächsten Treffen, um für den Sohn eines alten Bekannten ein paar Kontakte herzustellen. "Ich kann nicht genau erklären, was er macht, irgendetwas mit zukunftweisendem Bauen. Es klingt spannend, also habe ich ein paar Treffen mit Leuten gedeichselt, die mehr davon verstehen als ich."

Diese Haltung ist ein amerikanisches Phänomen, das die Kauffman-Stiftung in Kansas City beobachtet und studiert. Sie sieht unternehmerisches Potenzial vor allem in den Firmen, die ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung entwickeln. Solche "Innovatoren" sind das Salz in der Suppe einer lebendigen Volkswirtschaft. "Erfolgreiche Volkswirtschaften besitzen eine gute Mischung aus innovativen Unternehmern und großen etablierten Firmen, die solche Neuerungen verfeinern und in die Massenfertigung überführen", so das Fazit einer Studie, die die Stiftung unter dem Titel "Good Capitalism, Bad Capitalism" jüngst veröffentlichte. In Japan und Westeuropa fehle es dagegen - trotz vieler Mittelständler und Selbstständiger - an einer "gesunden Dosis" erfinderischen Unternehmertums, das im Kleinen beginnt, bemängeln die Kauffman-Experten.

Der entscheidende Geburtshelfer für neue Produkte und Dienstleistungen sind reiche soziale Netzwerke von alten und jungen Unternehmern, sagt Lesa Mitchell, die bei der Kauffman-Stiftung für das Thema Innovation zuständig ist. "Bei allen erfolgreichen Beispielen, die wir untersuchen, geht es in erster Linie nicht ums Geld, das man machen kann, sondern um erfahrene Unternehmer, die der nächsten Generation Zugang zu ihrem persönlichen Netz gewähren." In vielen Fällen erlauben solche Mentorennetze nicht einmal die Investition in vielversprechende Startups, wie es bei San Diegos Springboard-Programm möglich ist.

Mitchell hat zahlreiche solcher Freiwilligen-Programme von Boston bis Seattle studiert und fasst sie als "Beschleuniger" oder Accelerators zusammen. Gelegentlich genüge "ein tatkräftiger, erfolgreicher Unternehmer, um ein ganzes Ökosystem aufzubauen", sagt sie und verweist auf das Venture-Mentoring-Programm am Massachusetts Institute of Technology. Vor sieben Jahren auf Drängen des Unternehmers Alec Dingee gestartet, der unter anderem die Plastik-Spritzgussfirma Kortec gründete, ist das Programm inzwischen auf 120 Mentoren angewachsen, die Neugründungen unentgeltlich beraten.

Andere branchenspezifische Beispiele sind das Mentor-Netzwerk, das Teil des neuen kalifornischen Instituts für quantitative biomedizinische Forschung (QB3) in San Francisco ist. Oder Kooperationen von Hochschulen, Kapitalgebern und Unternehmen auf Gebieten wie Medizintechnik oder sauberer Energiegewinnung. "Solche Initiativen können zu Innovationen in einer ganzen Branche führen", sagt Mitchell. Partnerschaften mit Universitäten sind nützlich, denn viele Innovationen entstehen dort aufgrund der rund 40 Milliarden Dollar an Forschungsmitteln, die Washington jährlich ins Hochschulwesen investiert.

Während die an Universitäten angelehnten Programme wie Connect in der Regel Unternehmer zwischen Mitte 40 bis jenseits der 60 als Berater rekrutieren, werden mehr und mehr Unternehmer aus der Web-Welt bereits in jungen Jahren zu selbstständigen Mentoren. Der Programmierer Paul Graham etwa verkaufte seine drei Jahre alte E-Commerce-Plattform Viaweb 1998 für 45 Millionen Dollar an Yahoo. Seitdem dachte der gebürtige Englänger darüber nach, wie er seine Erfahrung als Gründer mit wenig Startkapital und lukrativem Ausstieg nicht nur wiederholen, sondern weitergeben könnte: "Der Aha-Moment war eine Rede vor Harvard-Studenten im Jahr 2000, als ich ihnen riet, mit Angel-Investoren ins Geschäft zu kommen. Auf einmal merkte ich, dass sie mich alle erwartungsvoll ansahen: Hilfe! "

Das Ergebnis von Grahams Überlegungen ist ein Programm namens Y Combinator, mit dem junge Gründer in Cambridge bei Boston und in Mountain View an der Westküste gefördert werden. Die Kandidaten werden gnadenlos ausgesiebt und leben, arbeiten und beratschlagen anschließend unter einem Dach - in einer Art vernetztem Kloster, wo regelmäßig gut betuchte Wanderprediger der neuen Wirtschaft auftauchen.

"Was mich motiviert, ist eine Mischung aus Schuld und Faulheit", sagt der aus Großbritannien stammende Programmierer. "Schuld, weil ich von einem Angel-Investor seinerzeit Geld und Ratschläge bekommen habe. Das muss ich jetzt an die kommende Gründer-Generation zurückzahlen. Und zweitens Faulheit, weil ich das nicht alleine machen will. Viel zu viel Arbeit! Also haben wir zu viert eine Struktur geschaffen, um den Prozess so stark wie möglich zu rationalisieren. Alles ist standardisiert, um Zeit und Geld zu sparen. Jeder unterschreibt den gleichen Vertrag."

Y Combinator vermittelt unternehmerische Grundausbildung, bei der die Teilnehmer vor allem vom ständigen Austausch mit Graham und seinen Kontakten in den USA und Europa profitieren. "Wir zahlen ihnen gerade einmal so viel Geld, dass ihre Lebenshaltungskosten gedeckt sind und sie uns aufmerksam zuhören können." Maximal gibt es ein 20 000-Dollar-Stipendium, im Gegenzug erhält Grahams Quartett sechs Prozent Beteiligung.

Interessenten gibt es offenbar genug: Im ersten Halbjahr 2005 nahm Y Combinator acht junge Firmen auf, in diesem Semester sind es bereits 20. "Wir können das Modell mit vier Mentoren so rationalisieren, dass wir 40 bis 60 Kandidaten pro Semester aufnehmen können", glaubt Graham, der sich als Trendsetter der vernetzten Selbstständigkeit sieht. "In Zukunft kann jeder vom Lohn-Knecht zum Unternehmer werden. Er muss nur in die richtige Stadt kommen und seine Idee als Gründer verfolgen. Es gibt genügend Unternehmer, die ihr Wissen weitergeben."

Diese Art des Firmenzüchtens erinnert an Casting-Shows im Fernsehen. In der boomenden Hightech-Region Boulder in Colorado veranstalteten Unternehmer und Finanziers in diesem Sommer zum ersten Mal ein TechStars genanntes Programm. Unter mehr als 300 Bewerbern wählten sie zehn aus, die anschließend für drei Monate Beratung und Networking am laufenden Band erleben durften und fast jede Lektion gleich als Online-Video der zusehenden Welt kundtaten. Für Lesa Mitchell von der Kauff-man-Stiftung werden so die "Business-Superstars" der Zukunft gemacht: erst ein rigoroser Wettbewerb, dann die Pflege der Auserwählten durch das Network.

Erfolgreiche Unternehmer sind süchtig nach Neuem. Das hält sie wach und jung

Der Kreislauf aus Erfolg und Starthilfe für die nächste Generation scheint sich zu beschleunigen. Bestes Beispiel ist Soapbox Mobile, eine Plattform für Werbekampagnen auf Mobilgeräten. Das von fünf Freunden in San Diego gegründete Unternehmen absolvierte das Springboard-Mentorprogramm Anfang 2006 und warb anschließend zehn Millionen Dollar Kapital ein. "Wir hätten es zwar auch allein geschafft, aber es hätte um einiges länger gedauert", berichtet der Mitbegründer und Präsident Dan Flanegan.

Über zwei Monate hinweg traf er sich einmal die Woche mit zwei ehemaligen Vorständen, um für den Gang in die Höhle des Löwen - das Besprechungszimmer von Risikokapitalfirmen gestählt zu sein. "Die Kritik zum Abschluss war durchweg konstruktiv. Man bekommt Sachen zu hören, die einem Freunde und Bekannte nicht sagen könnten, weil sie sich nie so viel Zeit nehmen würden." Und noch etwas Wichtiges habe man gelernt, erzählt Flanegan: "Dass man mit seiner Präsentation den Venture Capitalists verständlich machen muss, wie unsere Technik und Geschäftsidee in ihr Portfolio passt. Daran denkt man nicht, wenn man keine Veteranen zur Seite gestellt bekommt."

Nachdem ein Fonds aus Los Angeles bei Soapbox einstieg und einen neuen Vorstand einsetzte, hat sich Flanegan aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und bereitet mit 35 die nächste Phase seiner Karriere vor. Er will eine zweite Firma gründen und nebenbei selbst als Entrepreneur in Residence bei Connect helfen. Bislang hat Flanegan als Berater bei drei jungen Firmen geholfen, deren Präsentationen zu "polieren", wie es in der Branche heißt. Und er wartet auf seinen ersten Klienten, den ihm Ruprecht von Buttlar vermitteln wird. "Solche Programme sind eine ideale Form der Philanthropie für junge Unternehmer wie mich. Ich kann Zeit und Kontakte als gute Tat spenden, ohne gleich einen Lehrstuhl oder ein Universitätsgebäude zu sponsern. Über solche immateriellen Spenden denkt man nicht lange nach."

Ähnlich schnell haben sich auch Judy Muller-Cohn und ihr deutscher Ehemann Rolf Muller von den Empfängern guten Rats zu inoffiziellen Mentoren gemausert. Die beiden Naturwissenschaftler gründeten bereits 2004 ihr Unternehmen Biomatrica, das die Lagerung von Laborproben ohne jegliche Kühlung ermöglicht. Anfang 2006 durchliefen die beiden das Mentorprogramm in San Diego und trafen dabei auf zwei Veteranen der Biotech-Szene, die ihnen dabei halfen, zwei Millionen Dollar Wagniskapital aufzutreiben. Aus einem der Mentoren ist jetzt ein Biomatrica-Investor geworden, mit dem anderen stehen die beiden Gründer nach wie vor in engem Kontakt.

"Wenn zwei erfolgreiche Mitglieder der Biotech-Szene die Geschäftsidee prüfen und validieren, öffnet das Türen", sagt ihr Mann, der wissenschaftliche Leiter des 15-Mann-Unternehmens. Es sei aufregend für die Mentoren, Geburtshelfer einer neuen Technik zu sein, sagt Rolf Muller. "Sie haben es nicht nötig und eigentlich auch keine Zeit dafür, aber nichts hält besser jung. Erfolgreiche Unternehmer sind einfach süchtig nach Neuem. Als ich aus Europa nach San Diego kam, war ich ein reiner Wissenschaftler. Ich war entsetzt, wie Forschung hier mit Geschäft vermengt wird. Aber das ist das Erfolgsgeheimnis: Die Leute hier sind offen, wollen ständig neue Kontakte herstellen und anderen helfen." Wer sich wie in Deutschland aus Angst vor der Konkurrenz lieber abschirme und das ständige Networking als lästige Arbeit oder als etwas Anstößiges betrachte, könne diese Art des Gebens und Nehmens nicht verstehen, sagt der Molekularbiologe, der bereits an drei Neugründungen beteiligt war.

Während sich Biomatrica in den großzügig bemessenen Labor- und Büroflächen ausdehnt, haben die beiden Unternehmer einen Teil ihrer Immobilie an ein Start-up untervermietet, dessen Gründer noch an ihrer Präsentation feilen. "Wir hören uns ihre Ideen an und helfen beim Polieren", sagt Judy Muller-Cohn. "Es wird noch eine Weile dauern, bevor wir nach unseren eigenen Kriterien erfolgreich genug sind, um offiziell als Entrepreneurs in Residence aufzutreten, aber inoffiziell helfen wir jedem Start-up, das uns um Rat fragt."

Ein ähnliches Tempo legen auch Firmen vor, die aus Paul Grahams Y Combinator hervorgehen. Loopt etwa, eine Firma, die Anwendungen für Handys anbietet, durchlief das Mentor-Internat im Jahr 2005. Nach einer Kapitalspritze von zwei renommierten Risikokapital-Firmen ist Loopt-Gründer Sam Altman mit stolzen 22 Jahren nun selbst Berater. "Schneller kann man kaum beweisen, dass das System funktioniert und sich von allein erneuert", freut sich Y-Combinator-Gründer Graham.

Stellt sich die Frage, ob es auch außerhalb der USA funktionieren kann. "Ich rede regelmäßig mit Organisationen in Skandinavien, die ähnliche Freiwilligen-Netze aufbauen", berichtet Innovationsexpertin Mitchell von der Kauffman-Stiftung. Jüngstes Beispiel ist Gazelle Growth in Kopenhagen. Neben Mitchell sitzen in dem Steuerungsgremium acht dänische Unternehmer, die allesamt nicht in Dänemark leben. Das ist genau ihr Vorteil, denn sie wollen dem heimischen Nachwuchs mit ihrem globalen Netzwerk an Kontakten auf die Sprünge helfen. Auch in England gibt es ähnliche Mentoren-Programme. Nur in Frankreich, Italien und Deutschland sei Fehlanzeige, sagt die Innovationsexpertin. Lesa Mitchell sagt: "Das sind einfach andere Ökosysteme, was das unternehmerische Denken angeht."

Ruprecht von Buttlar lächelt bei der Frage nach der Situation in seinem Heimatland etwas gequält. "Versuchen Sie mal, ein Non-Profit-Unternehmen in Deutschland zu gründen - da denken alle an das Rote Kreuz. Und versuchen Sie mal, sechs große Anwaltskanzleien an einen Tisch zu bekommen, die Geld und Zeit aufwenden sollen, um womöglich der Konkurrenz zu helfen." Er hält regelmäßig Reden im Ausland über sein Programm und empfängt Delegationen von England bis Taiwan. Nur aus Deutschland kamen bisher keine Anfragen - und das, obwohl die Wirtschaftsförderung Sachsen und der BioCampus Köln Mitglieder von Global Connect sind.

Das Schöne am Gründerkarussell: Man kann bis ins hohe Alter mitfahren

An fehlenden Talenten und Kapital liegt es jedenfalls nicht, betont der Deutsch-Amerikaner Christoph Westphal, der nach seiner Tätigkeit bei einer Risikokapitalfirma zwischen 2000 und 2004 fünf Firmen gründen half. "Ich sehe viel Interesse an der Unterstützung durch unternehmerische Mentoren in Deutschland", sagt der 38-jährige Vorstand von Sirtris Pharmaceuticals bei Boston. "Vielleicht gibt es nur noch nicht die kritische Masse." Deswegen sitzt seine neueste Firma auch in Massachusetts und nicht in Deutschland - obwohl er mit dem Gedanken geliebäugelt hat.

Sirtris machte Anfang des Jahres mit der Entdeckung von Resveratrol als möglichem Jungbrunnen Schlagzeilen. Der unter anderem in Rotwein enthaltene Wirkstoff hält Folgen des Alterungsprozesses in Mäusen auf. Westphals Firma zog bisher nicht nur 82 Millionen Dollar Risikokapital an Land, sondern ebenso eine A-Liga von Naturwissenschaftlern. Wer bei ihm als Mitgründer und wissenschaftlicher Mentor im Verwaltungsrat sitzen will, muss sich viel Zeit nehmen. "Ich erwarte, dass Wissenschaftler 10 bis 30 Stunden pro Woche Zeit haben und sich neben ihrem akademischen Job in den ersten ein bis drei Jahren auf die Firma konzentrieren." Wem es nur ums Geld gehe, so der hyperaktive Unternehmer, der sei bei Risikokapitalisten oder Hedgefonds besser aufgehoben. "Als Gründer oder Mentoren sind solche Leute nicht geeignet."

Wer aufs Gründerkarussell springt, kann bis ins hohe Alter seine Runden drehen und andere in den Sattel heben - auch dann noch, wenn die finanzielle Belohnung längst nicht mehr wichtig ist. Das kann Kirby Cramer nur bestätigen. Der 71-jährige Unternehmer "aus Sucht und Leidenschaft" war lange Jahre Finanzmanager bei der Versicherungsfirma Safeco in Seattle, bevor er mit 33 Jahren als Vorstand eine Firma namens Hazleton Laboratories übernahm und bis zum erfolgreichen Börsengang leitete. Das Unternehmen für biologische und chemische Auftragsforschung heißt heute Covance. "Ich kann nicht anders. Ich muss im Geschäft bleiben und den Finger am Puls haben", sagt Cramer zu seinen Posten als Verwaltungsratschef bei gleich fünf Unternehmen sowie seiner Mentorentätigkeit für Fremde wie Freunde und selbst seinen Schwiegersohn.

Heute leitet er seine diversen Beteiligungen und Beraterposten aus einem Büro mit Seeblick, das er über der Garage in seiner Villa bei Seattle eingerichtet hat. Wenn er nicht in seiner fünf Millionen Dollar teuren Villa ist, wickelt Cramer seine Geschäfte aus seinem Feriendomizil in einem privaten Country Club in Palm Springs ab. "Meine Frau mag es aufregen, dass ich immer am Telefon hänge. Aber Menschen wie ich haben einfach einen schnelleren Stoffwechsel. Ich versuche, so viele Leute wie möglich zu treffen, um ihre Ideen zu hören und ihnen wenn nötig Tipps zu geben. Das muss schnell gehen. Ich habe oft zwei Früh-stücks-Meetings hintereinander."

Bei einer Dose Diät-Cola spult der rüstige Senior seine Karriere als Serienunternehmer und Mentor im Eiltempo ab. "Einige schauen zweimal links und rechts, bevor sie über die Straße gehen. Ich lausche rechtzeitig, ob ein Auto kommt, und gehe einfach los. Kalkuliertes Risiko, nenne ich das. Geschäfte machen ist das schönste Spiel des Lebens, und ich hatte das große Glück, bei der Geburt vieler großartiger Unternehmen dabei zu sein."

Sein eigener Mentor war der legendäre Finanzmathematiker Sidney Cottle, erinnert sich Cramer, den er nur deshalb traf, weil sein damaliger Chef den Termin nicht wahrnehmen konnte. "Reiner Zufall, aber aus diesem Gespräch wurden unzählige weitere. Das war mir eine Lehre fürs Leben. Für ein paar Worte bei einem Kaffee nehme ich mir immer Zeit, egal, wer anruft. Und wenn ich nicht weiterweiß, kann ich immer einen meiner Bekannten um Rat bitten."

Was betrachtet er als seinen wertvollsten Beitrag zum Wachsen und Gedeihen der mehr als 20 Neugründungen, für die er bislang als Investor, Board-Mitglied und Mentor fungierte? Der Senior im Kapitäns-Look denkt nicht lange nach: "Jede neue Firma ist wie ein Kind - sie haben alle ihre Stärken und Schwächen, aber man hängt an jeder von ihnen. Ich nehme sie immer wieder vor den überzogenen Erwartungen der Geldgeber in Schutz. Ich bin alt und überrage die meisten in einer Besprechung. Ich kann die jungen, unerfahrenen Venture Capitalists beiseite nehmen und ordentlich anschnauzen, bevor sie mit ihrer Ungeduld eine junge Firma kaputt machen. Das macht fast so viel Spaß, wie mit meinem sieben Jahre alten Enkel Schach zu spielen." -

Informationen im Internet:

www.connect.org
globalconnect.ucsd.edu
ycombinator.com
www.techstars.org
kauffman.org
Cambridge: www.cue.org.uk
MIT: web.mit.edu/vms/mentor.htm

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