Ausgabe 11/2007 - Schwerpunkt Können

Kannst du schon?

1. Männer mit Hut

Es gibt nichts, was ein deutscher Stammtisch nicht kann.

Ein paar Pils, und alles ist klar. Wenn sie könnten, wie sie wollten, dann wäre alles paletti: der Staatshaushalt saniert, die Arbeitslosigkeit beseitigt, die großen Weltprobleme ruck, zuck vom Tisch und Deutschland Weltmeister. Prost, Jungs.

Der Stammtisch ist heute überall. Alleskönner, wohin man sieht: auf dem Flur, im Büro nebenan, bei der Konkurrenz, in der Familie. Die Armee der Besserwisser hat zu allem eine Meinung. Sie weiß immer, wie es geht.

Glauben Sie nicht?

Gehen wir mal in eine Ausstellung, also dorthin, wo Sachen ausgestellt werden, die man Kunst nennt. Kunst kommt bekanntlich von Können. Ein guter Ort also, um nachzusehen, wie die Dinge ums Können stehen.

Eine Momentaufnahme dieser Ausstellung findet sich auf dem Titelbild des richtungsweisenden Werkes "Gebrauchsanweisung für Moderne Kunst" von Christian Saehrendt und Steen T. Kittl. Wir sehen ein Männchen mit Hut, das ein Bild betrachtet und dabei selbstbewusst in die Sprechblase greint: "Das kann ich auch! "

Das Bild im Rahmen, das das Männchen betrachtet, besteht nur aus einem einzigen Satz, in riesigen Lettern geschrieben: "Kannst du nicht! "

2. Zurücktreten, bitte!

Das stimmt so, und wenn das Männchen noch so sehr quengelt, weil es das Können nicht kennt und den weisen Ratschlag des Kabarettisten Dieter Nuhr: "Man darf in der Demokratie eine Meinung haben, man muss aber nicht. Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal die Fresse halten. Ist mir ganz wichtig, dass sich das mal rumspricht."

Und zwar überall - auch bei den Betrachtern abstrakter Kunst. Abstraktion bedeutet, dass sich der Betrachter sein eigenes Bild macht. Dass er sich das Objekt selbst, an und für sich, erschließt. Natürlich kann er auch auf die Bildbeschreibung unterhalb des Rahmens schielen, um festzustellen, dass das Ding etwas ganz anderes ausdrücken soll, als er sich das jetzt so vorgestellt hat. Das Bild bleibt aber, was es ist: Es entsteht in den Augen des Betrachters. Abstrakte Kunst und Problemlösungen haben die gleiche Funktion: Sie verlangen geistige Mitarbeit. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, dass das menschliche Gehirn von allen Organen den größten Teil der Energie verlangt, der unserem Körper zur Verfügung steht. Bei einigen sind es 20, bei anderen bis zu 200 Watt, die ins Oberstübchen wandern. 200 Watt strahlen hell, 20 Watt nicht so. Doch selbst bei geistigen Energiesparern reicht die Menge für den guten alten Kurzschluss aus: "Das kann ich auch! "

Die Sicherung sollte sagen: Kannst du nicht.

3. 100-Meter-Lauf

Einbildung, sagt der Volksmund, ist auch eine Art Bildung, aber woran liegt es denn, dass so viele heute glauben, sie könnten potenziell alles? Möglicherweise an den schönen Worten Gleichheit und Gerechtigkeit.

Schauen wir uns dazu mal an, was aus dem - vom Soziologen Ralf Dahrendorf in den sechziger Jahren eingeführten - Begriff der Chancengleichheit geworden ist. Das ist ein zauberhaftes Wort, denn Chancengleichheit kann man im Grunde verstehen, wie man möchte. Chancengleichheit ist jedoch kein beliebiges Wort. Es bedeutet nicht, dass alle dasselbe können. Es bedeutet auch nicht, dass alle dasselbe von Haus aus mitkriegen. Es bedeutet schlicht nicht mehr und nicht weniger, als dass alle die Chance haben, sich in einer Ausstellung mit vielen abstrakten Bildern ihr Bild machen zu können. Chancengleichheit verlangt Mitwirkung. Das bekannteste Bild zur Chancengleichheit ist jenes vom 100-Meter-Lauf, einer besonders beliebten Disziplin der Leichtathletik. Dabei machen sich mehrere Sportler an einer Startlinie bereit, bis der Schuss fällt - und dann geht's los. Jeder Sportler hat genau die gleiche Strecke zurückzulegen. Es muss nicht einer auf Kies laufen, während der andere auf festem Ascheboden sprintet. Das wäre unfair. Doch eines sollte jeder wollen: als Erster durchs Ziel gehen.

Im Stadion freut sich das Publikum darüber. Im wirklichen Leben aber ist es verpönt. Es gibt im Umgangsdeutsch den wunderbaren Begriff des "zweiten Siegers". Das gibt es nur hier. Hat es damit zu tun, dass man niemanden kränken möchte? Und wenn es so ist, warum kränkt man damit die, die als Erste durchs Ziel gehen? Darauf gibt es eine Menge möglicher Antworten. Eine davon führt mitten ins Herz der Gleichheitsideologie. Der in den Siebzigern populäre Sozialpsychologe Heinz Heckhausen war nur einer von vielen, die dem Begriff Chancengleichheit nichts abgewinnen können, weil sich in ihm die Kehrseite des Leistungsprinzips manifestiere. Denn ein Sieger, das bedeutet immer auch: Wettbewerb. Und weil das hierzulande immer nur als Synonym für das ganz anders klingende Wort "gegeneinander" verstanden wird, ist Wettbewerb verpönt. Da geht dem Männchen der Hut hoch. Das ist nicht gerecht.

Es ist interessant, dass sich die Gleichheitsideologen ausgerechnet ein Beispiel aus dem Sport gewählt haben. Denn dort, separiert von allen anderen Tätigkeiten und Bereichen, darf es noch um Leistung gehen. Ein Fußballer, der Tore schießt, ist ein Könner. Draußen vor der Tür wäre der gleiche Kerl, nun nicht mehr im Dress, ein Karrierist. Kaum jemand fragt aber nach den höchst negativen Nebenwirkungen der Gleichheit im eigenen Leben. Es mag beruhigend sein, seine eigene Leistung an dem auszurichten, was andere tun, es ist aber auch die Ursache für eine der größten Ängste der kleinen Männchen. Denn gleich zu sein heißt vor allen Dingen auch: Du bist jederzeit ersetzbar. Und darum geht's.

4. Kündigungsgründe

Eine der wichtigsten Grundlagen jeder Demokratie ist die verfassungsmäßige Zusicherung, dass vor dem Gesetz alle gleich sind. Diese Gleichheit aber hat mit der gefühlten Gleichheit von heute nichts zu tun - denn die fordert Ergebnisgleichheit: Das bedeutet, dass am Ende für alle das Gleiche herauskommen muss. Im 100-Meter-Lauf gibt es dann keine Sieger mehr, auch keinen Zweiten, sondern nur noch Gewinner, die nach der bekannten Phrase "für seine Verhältnisse hervorragend" beurteilt werden. Das Können wird relativiert. Das erscheint als soziale Geste, die viel Kummer erspart: Denn wer sagt schon gern dem Letzten, dass er der Letzte ist? Doch die Sache hat einen entscheidenden Haken: Zum einen wird dadurch die Leistung des Könners entwertet. Anstrengung, die Konstante hinter Können, lohnt nicht mehr. Hinzu tritt der Neid.

Viele sozialpsychologische Experimente legen nahe, dass der Neid in unserem Leben eine gewaltige Rolle spielt. Die meisten Menschen finden es nämlich nicht schlimm, wenn es anderen schlechter geht als ihnen selbst. Was sie aber nicht ertragen können, ist, wenn sie neben sich andere wähnen, denen es besser geht. Das gilt nicht nur in materieller Hinsicht. Wenn es nicht ums Geld geht, dann sind es eben persönliche Merkmale, die stören: ein besseres Aussehen, höhere körperliche Leistungskraft oder Intelligenz. Und vor allem: wenn der andere etwas kann, was ich nicht kann. Diese Seite ist in der Gerechtigkeitsdebatte nie angesprochen worden.

In all dem Gewurbel über Gleichheit, das sich in der öffentlichen Diskussion bis heute auf allen Kanälen erstreckt, war nie die Rede davon, wie es Könnern geht, wenn sie in einer Gesellschaft leben, die bremst und nivelliert. Mit großer Selbstverständlichkeit handeln die Meister des Mittelmaßes dabei gegen ihre vermeintliche Überzeugung: Der Stärkere, Klügere, Begabtere muss das abkönnen. So besteht die Förderung von Talentierten und Könnern in Deutschland heute vor allen Dingen in sozialer Abhärtung. Sie lernen früh, dass sie Außenseiter sind und dass der große Rest der Gesellschaft mit ihnen nichts zu tun haben will. Die gleiche Gesellschaft staunt dann, wenn die zur Distanz erzogenen Könner nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen. Die Mittel der Wahl heißen Brain Drain, also Abwanderung der Intelligenzia, oder das Schaffen geschlossener Gesellschaften, in denen Lobbys und Elitezirkel klammheimlich das tun, was sie nach der herrschenden Lehre nicht dürfen (siehe brand eins 08/2003, Schwerpunkt Eliten: Gleichheit ist nicht gerecht).

Wo es nicht um messbare Leistung geht, ist das Wort Können überdies extrem subjektiv. Ob jemand ein Könner ist, wird nicht von ihm selbst entschieden. Es ist auch eine Geschmacksfrage, ob uns ein Objekt von Joseph Beuys gefällt.

Nicht anders verläuft aber auch das Erkennen von Könnern und Können auf vielen anderen Feldern, etwa im Büro. Das deutsche Arbeitsrecht ist eines der umfänglichsten Rechtswerke der Welt. Wie aber kann ein normatives, den Standard herstellendes Recht beurteilen, was ein Mitarbeiter kann? Diese Frage stellt sich doch ausschließlich denen, die sich darüber ein Urteil bilden, in der Regel also den Vorgesetzten. Eine Nachwuchskraft, die mit den besten Zeugnissen und Referenzen ankommt und eingestellt wird, muss noch lange nicht das können, was ihr Vorgesetzter von ihr erwartet. Das hat nicht einmal etwas mit Leistung zu tun. Wir alle wissen, wie sehr die Beurteilung von Können in der Praxis von der sogenannten "Chemie" der beteiligten Personen abhängt. Das ist nur ein anderes Wort für die subjektive Beurteilung von Können - und Miteinander-Können.

Die meisten Tätigkeiten von heute lassen sich nicht mehr nach rein quantitativen Kriterien beurteilen, also etwa: Wie hoch war die geleistete Stückzahl? Wie hoch der Ausschuss? Wo Kopfarbeit und komplexe Abläufe die Arbeitswelt prägen, zeigt sich die Unzulänglichkeit der alten, auf Gleichheit abgestimmten Arbeitsgesetze besonders deutlich. Die rein normative Regelung von Arbeitsverhältnissen - und ihrer Kündigung - ist weltfremd geworden. Tatsächlich kann man in Deutschland wegen Schlechtleistung, wegen mangelnden Könnens niemandem kündigen. Können ist kein Kriterium.

Eine Gesellschaft, die sich einredet, sie käme auf Dauer mit so etwas durch, kann im 21. Jahrhundert eigentlich gleich die Stühle hochklappen.

5. Herr Meier komponiert

Das Wort Können kommt ohne erklärende Begriffe nicht aus, und eines der wichtigsten dabei ist das Wort Talent, auch Begabung genannt. Darunter versteht man nichts anderes als den merklichen Unterschied, den es zwischen Menschen gibt. Etwas, das jemanden unverwechselbar und eben nicht ersetzbar macht.

Noch im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung und die ihr eigene Gleichmacherei noch nicht alle Ideen und Kulturen vollständig in Besitz genommen hatte, zweifelte niemand an der Existenz herausragender Talente. Begabung war eine persönliche Sache, untrennbar verbunden mit dem Menschen, der dieses Talent besaß. Das, was man mit dieser Begabung anstellte, kann man mit anderen teilen. Nicht aber das Talent an sich, das im wahrsten Sinn des Wortes persönliches Eigentum ist, nicht kopierbar, nicht beliebig zu vervielfältigen.

Um das klarzumachen, erfinden wir einen Musikliebhaber namens Meier. Er liebt klassische Musik, ganz besonders die von Ludwig van Beethoven. Er hört jeden Tag die Sinfonien seines Idols. Seine Wohnung hat er im Empire-Stil eingerichtet, um dem Meister näher zu sein. Er verschlingt jedes Buch über Beethoven, jeden Aufsatz, den er zum Thema finden kann. Und er hat Klavierspielen gelernt, kann ausgezeichnet Noten lesen und schreiben. Er ist, wie man heute sagen würde, ein Beethoven-Experte durch und durch. Kompetent in Sachen Ludwig van.

Aber: Kann er deswegen Beethovens zehnte Sinfonie schreiben?

Das ist eine blöde Frage.

Aber wir leben auch in blöden Zeiten. Natürlich kann der Meier das nicht. Egal, wie sehr er sich auch bemüht. Meier wird immer nur eines können: Meiers Sinfonie schreiben. Meiers Problem: Er kennt den Unterschied zwischen Original und Kopie nicht, der das Können ausfüllt. Damit ist Meier ein Opfer der herrschenden Um- und Zustände.

Das Einzigartige ist verpönt.

Zu Beethovens Lebzeiten hatte man einen heute recht zweideutigen Begriff für das, was der Musiker war: ein Genie. Damit meinte man nichts anderes als ein unverwechselbares Können, ein Original. Was in diesem Original steckt, kriegt man in keinen Bauplan, den man einfach weitergeben und kopieren kann. Es gibt keine "Methode Beethoven", die ein anderer als Beethoven hätte nutzen können. Das ist das Wesen des Könners.

Es bedeutet aber auch: Könner sind im industriellen Sinn ziemlich unbrauchbar. Wenn es darum geht, Dinge in großer Stückzahl gleichförmig herzustellen, braucht man keine unverwechselbaren Originale, sondern leicht ersetzbare Kopien. Der Könner kann damit nicht dienen: Er ist ein Original. Genius bedeutet ursprünglich "Erzeuger". Könner schaffen Originale, die sowohl unverwechselbar als auch neu sind. In einem System, in dem es um exakt berechenbare Arbeitskraft geht, um genau einschätzbare Fähigkeiten, sind solche Menschen vor allen Dingen eines: ein Störfaktor. Unter solchen Persönlichkeiten leidet das Große und Ganze.

Wie viele Beethovens braucht man für eine Fabrik? Wie viele von ihnen kann eine Fabrik ertragen?

Das bis heute mit Gewalt regierende Mittelmaß kennt die Antwort darauf genau.

6. Disziplinierungsmaßnahmen

Tam, tam, tam, tam. Vier harte Schläge, vier harte Akkorde. So beginnt eines der populärsten Werke der Musikgeschichte, Beethovens fünfte Sinfonie. Geschrieben hat er sie zwischen 1800 und 1808. Schon Zeitgenossen sagten über diesen Einstieg, er klinge wie das Pochen einer neuen Zeit an die Tür. Doch das stimmte nicht. Die neue Zeit klopfte nicht an.

Sie trat die Tür ein.

Einige waren gut darauf vorbereitet. Schon 1790 hatte der einflussreichste deutsche Philosoph, Immanuel Kant, in seinem Werk "Kritik der Urteilskraft" den Könner, das Genie, zur Ausnahme von der Regel erklärt. In der Kunst würde die noch angehen, so Kants Feststellung, aber anderswo, in Politik, Wissenschaft und Produktion, bedürfe man der Störfaktoren nicht. Schon eine halbe Denkergeneration nach Kant schreibt Arthur Schopenhauer überzeugt: "Ein Genie ist für das praktische Leben unbrauchbar - so wie ein Sternenteleskop für das Theater." Normal wurde zunehmend, was sich unauffällig ersetzen ließ, austauschen und kalkulieren. Den Höhepunkt der Entwicklung im langen Marsch zur Gleichmacherei markiert der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor, der den menschlichen Körper und Geist zum Teil der Maschinen macht, die das Zeitalter treiben. Er entwickelte das Konzept der "best practice", das bis heute als Nonplusultra der betrieblichen Gestaltung gilt. Taylor wies nach, dass die Produktivität umso höher war, je weniger Eigeninitiative und Intelligenz des Arbeiters im Spiel waren. Nicht mehr Erfahrung und Können waren gefragt, sondern die strikte Einhaltung dessen, was die Arbeitsingenieure vorgaben. Draußen vor dem Werkstor kümmerten sich zusehends Sozialingenieure um die Rahmenbedingungen - in der Fabrik wie außerhalb hatte das wichtige Vorteile für diejenigen, die Macht ausübten: Jeder war ersetzbar. Alles wurde berechenbar. Zumindest wurde das zum Ziel ausgerufen: in den Fabriken und in den Staaten, den Parteien und Verbänden, die sich unisono zur neuen Ordnung formierten. Außergewöhnliches wurde vor diesem Hintergrund immer außergewöhnlicher. Und natürlich musste mit den alten Weltbildern mal gründlich aufgeräumt werden.

Zur gleichen Zeit, als Taylor der Gleichmacherei in der Produktion den letzten Schliff verleiht, am Ende des 19. Jahrhunderts, gibt ein anderer Forscher dem Genie, den alten Meistern, den Rest: Genie und Wahnsinn werden als untrennbares Duo vorgeführt. Es ist der italienische Arzt und Psychiater Cesare Lombroso, der diese für das neue Regime wichtige Leistung vollbringt. In Lombrosos eigenem Leben spiegelt sich die ganze vermeintliche Widersprüchlichkeit der Gleichheitsideologie wider. Der 1836 in Verona geborene Sohn jüdischer Herkunft wird später zu den wichtigsten Stichwortgebern Hitlers und seiner totalitären Epigonen. Lombroso ist zunächst glühender Sozialist und entwickelt die Theorie des "geborenen Verbrechers". Er behauptet, körperliche Merkmale seien die Voraus setzung für spätere Kriminalität, die sich auch vererben lasse. Schädelvermessungen gehören zu seiner Spezialität. Für Lombroso gibt es nur eine Kategorie Mensch, die der Erfüllung seiner Ideale noch mehr entgegensteht als der "geborene Kriminelle", und das ist das Genie. In ihm sieht er den eigentlichen Gegner der Entwicklung zur Gleichheit, einen lebenden Beweis für den Unterschied. Lombroso erklärt das Genie für verrückt. "Genie und Irrsinn" nennt er sein Konzept, das Talentierte seither für verrückt erklärt.

Was mit Verrückten geschehen muss, leitet sich aus seinen Anregungen für den Umgang mit "geborenen Verbrechern" ab. Die Killerbrigaden von links und rechts werden im 20. Jahrhundert Lombrosos "wissenschaftliche Erkenntnisse" millionenfach umsetzen. Mord und Totschlag im Namen der Gleichheit.

7. Verschwörung der Sachkenntnis

Wer glaubt, dass nach den einschlägigen Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts die Welt von Gleichmacherei geheilt worden wäre, irrt. Unter dünnem Lack schimmert links und rechts immer wieder durch: Was nicht passt, wird passend gemacht. Der Begriff Können gilt, wie seine unverzichtbaren Geschwister Talent und Begabung, als nicht messbar - und derlei hat im starren Weltbild der Ideologen nichts verloren. Der Bildungswissenschaftler Torsten Bultmann hält den Begriff "Begabung" sogar für eine "politische Parole" - nichts weiter. Hinter solch merkwürdigen Festlegungen von Sozialwissenschaftlern steckt eine tief verankerte Angst vor dem Begriff "Elite". Gerechtigkeit und Elite - das scheint unvereinbar. Ein Weltbild, das durch etwas Geschichtskenntnis aus der Bahn geworfen werden könnte. Nationalsozialisten und Stalinisten waren es, die ihre Eliten nach willkürlichen Kriterien entwickelten. Bei den einen musste die Rasse stimmen, bei den anderen die Klassenherkunft. Leistung war in beiden Fällen kein Thema. Bis heute dürfen sich die ideologischen Talent-Verweigerer und Elite-Hasser der Unterstützung der Stammtische sicher sein. Als ausgemacht gilt dort etwa, dass sich "die da oben" gegenseitig Posten und Pfründe zuschachern.

Doch nicht jeder braucht mindestens drei Pils, um zu glauben: Das ist doch alles eine einzige Verschwörung. Scheinbar nüchtern betrachtet der bekannteste deutsche Eliteforscher, Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt, seit Jahren die oberen Führungsetagen der Republik. Seine Studie "Der Mythos von den Leistungseliten" gilt als Standardwerk. In dieser Arbeit will Hartmann "nachgewiesen" haben, was sein Publikum der intellektuelle Stammtisch - so gern hört: dass die Bosse immer nur die Bosse bevorzugen. Dass bürgerliche Eliten immer nur ihresgleichen ans Ruder lassen. Als Beweis führt Hartmann die vier wichtigsten Auslesekriterien an, die nach Auskunft deutscher Manager für die Rekrutierung von Nachwuchs angewandt werden: "Die Besetzungskriterien", so Hartmann, lauten: "intime Kenntnis der Benimmcodes", "breite Allgemeinbildung", "unternehmerisches Denken" und "persönliche Souveränität". Nach diesen Kriterien wählen Manager ihren Nachwuchs aus, hat Hartmann festgestellt. Für den Professor ist dies ein eindeutiges Zeichen einer ausge prägten Ungerechtigkeit, einer Mauschelei zwischen Privilegierten. Es wäre so einfach, diese scheinbar wissenschaftlichen Erkenntnisse als das zu erkennen, was sie sind: ideologisch bedingte Vorurteile. Dazu muss man bloß eine einfache Gegenprobe machen.

Was sollen Manager denn tun, die Nachwuchs suchen? Leute mit schlechten Manieren einstellen, die, mit einer Allgemeinbildung unter aller Sau, nicht unternehmerisch denken können und auch nicht "persönlich souverän", also selbstsicher und unabhängig sind, sondern Parteien, Verbänden und Lobbys verpflichtet?

Als ob man all das noch fordern müsste.

8. Endstation Fachidiot

Kann man Könner machen? Nur dann, wenn man sie mit falschen Kriterien misst. Was steckt hinter dem schönen Wort "Bildung"? Eine möglichst umfängliche Verabreichung gleichförmigen Unterrichtsstoffes, der nach Standards beurteilt wird. Je mehr Zeugnisse jemand hat, desto mehr kann er - das hat man uns so beigebracht. Es scheint also nur logisch zu sein, dass ein Land mit möglichst vielen Abiturienten und Hochschulabsolventen gleichsam auch über eine hohe Könner-Dichte verfügt. Die Mitte September 2007 veröffentlichte OECD-Studie zum Thema Bildung zieht diesen Schluss.

Und die Politik heult auf: Wir brauchen mehr Abiturienten, mehr Menschen, die studieren, sonst verlieren wir den Anschluss! Solche Forderungen sind nur für Bildungsbürokraten wichtig, die immer schon mehr Geld für die immer gleiche starre Bildungsmaschine gefordert haben. Das sind übrigens nicht zwingend die viel gescholtenen Lehrer, wie sich zeigt. Die einzig vernünftige Stimme in der Debatte um die "Bildungsmisere" weit und breit gehört dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus: "Die OECD und ihre Vertreter müssen in Sachen Bildung in Deutschland endlich eine Sichtweise ablegen, die ganz offenbar durch ideologische Scheuklappen eingeengt ist", sagt er. Denn mehr Abschlüsse bedeuten keineswegs mehr Könner und erst recht nicht mehr Chancen für die Leute, die mit Zeugnissen und Diplomen zu normierten Könnern gemacht werden sollen.

Der Lehrerverband hat zwar nicht die herrschende Bildungsideologie auf seiner Seite, dafür aber die Realität. Das Bundesland Bayern hat unter den deutschen Flächenstaaten einerseits die besten Wirtschaftsdaten, andererseits die niedrigste Studierquote. Die Frage, warum ein promovierter Theaterwissenschaftler oder Soziologe für die Entwicklungsfähigkeit einer Gesellschaft und deren Wohlstand "mehr wert" sein soll als ein Meister in einem Maschinenbaubetrieb, wird gar nicht erst gestellt. Zensuren und Diplome - das ist die Leistungswelt derer, die das Können heute akademisch vermessen. Und es beständig mit dem wirklichen Können verwechseln. Das ist auch so, weil Können, das nach Schulnoten und Abschlüssen bewertet wird, viel leichter zu messen ist als wahres Können in der Praxis. Wie soll man die Erfahrung, die Einzigartigkeit eines Handwerkers in Zahlen und Fakten setzen? Da bleibt man dann doch der Einfachheit halber bei der allseits akzeptierten Methode aus dem Industriezeitalter: benoten und standardisieren. Dabei werden Kopien gezüchtet und Originale übersehen.

Was in der Bildungspolitik passiert, setzt sich in den Personalabteilungen fort.

Es ist leicht, einen Maschinenbauingenieur im Alter von 25 bis 30 Jahren zu suchen, der fließend Englisch und Französisch spricht. Dazu lassen sich endlos "Skills", weitere Anforderungen, ergänzen. Das funktioniert auch bei weniger qualifizierten Tätigkeiten. So kann man durchschnittliche Produktionssicherheit suggerieren. Doch was ist, wenn man Qualität braucht? Was, wenn man Leute braucht mit neuen Ideen, die andere nicht haben?

Die Ursache für das Dilemma ist eigentlich ganz einfach: Die meisten Jobs, die es im industriellen Zeitalter gab - und auch noch die meisten in der Dienstleistung, die diesem Takt folgen -, waren Tätigkeiten, bei denen es keine neuen Probleme zu lösen galt. Es handelte sich fast immer um die Abarbeitung von Routinen und fest vorgegebenen Abläufen. Dieses Muster galt nicht nur in Fabriken und an Kaufhauskassen. Auch in der Forschung und Entwicklung wurden immer kleinere Einheiten, arbeitsteilige Gruppen, gestaltet. Dadurch sollten Problemstellungen "beherrschbar", also berechenbarer gemacht werden. Bloß keine Überraschungen!

Aber so ein industriell-logisches System endet im Chaos. Immer exakter wird bestimmt, was richtig und was falsch ist. Arbeitsteiligkeit wird weit überzogen. Die einzelnen Zellen des Wissens sind prall gefüllt mit Fachinformation. Doch zwischen den einzelnen Teilen des Systems herrscht Verwirrung. Man versteht einander nicht mehr. Überkomplexität überall. Kein "genialischer Wurf" kann das Problem lösen, denn die, die das könnten, kommen erst gar nicht in die Zellen rein. Damit bleibt man im besten Fall stehen. Man kommt jedenfalls nicht mehr weiter. Der Fachbegriff dafür heißt Fachidiot.

Fachwissen reicht nicht mehr, schon lange nicht mehr, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Schon in den sechziger Jahren wurde mehr als deutlich, dass Fachidiotismus zu einer enormen Bürokratie und einer Entfremdung von Erzeugern und Verbrauchern führt. Es gab zunehmend "Me-toos", also einander stark ähnelnde Produkte und Dienstleistungen oder Sachen, die die Welt nicht braucht.

Überall waren Experten. Aber kaum noch Könner. Einer der Ersten, der das begriff, war der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Dieter Mertens. In den frühen siebziger Jahren entwickelte er den Begriff der "Schlüsselqualifikation". Die darin vorhandenen Kompetenzen sind das, was man heute und in erweitertem Sinne "soft skills" nennt, weil sie ihrem Wesen nach nicht methodisch strikt festgehalten werden können: Höflichkeit, Benimm, Kooperationsfähigkeit etwa, Vertrauen und die Fähigkeit, dazuzulernen. Leistungsbereitschaft, Selbstständigkeit und emotionale Intelligenz. Ein gewaltiges Repertoire also an sehr persönlich und unterschiedlich ausgeprägten sozialen Talenten, die nicht nur "soft" sind, sondern spielentscheidend.

Mertens Anstoß gehört zu den wichtigsten Wegmarken in der industriellen Denkart. Viele Unternehmen verdanken der Auseinandersetzung mit Schlüsselqualifikationen eine neue, zukunftsorientiertere Ausrichtung. Ingenieure, die beim Entwickeln an den Kunden denken, mit Fachfremden auch mal in der Kantine plaudern, die in der Lage sind, mit anderen Abteilungen zu kooperieren, die aber auch für ihre Ideen streiten und die nötige Portion Ehrgeiz entwickeln, um sich durchzusetzen. Doch wer genau hinschaut, bemerkt schnell, wie sich auch mit dieser neuen Idee der alte Aberglaube von der Machbarkeit des Menschen, seiner Gleichförmigkeit, in vielen Fällen verbreitete. Wer sein Lebtag davon überzeugt war, dass Menschen beliebig formbar sind, glaubt natürlich auch, dass das mit Soft Skills so funktioniert. So fanden und finden sich die menschlichen Endprodukte des Spätindustrialismus in Seminarräumen, wo sie nach festem Plan und System unverwechselbare persönliche Eigenschaften lernen sollen, ein dem Wesen nach recht albernes Unterfangen. Seminare, Bücher und Kurse sollen gutmachen, was jahrzehntelang verboten war und oft noch verboten ist: der Mut, sich von anderen unterscheiden zu dürfen. Persönlichkeit und Talent zu verbinden. Charakter nach Plan: Was kommt dabei heraus? Heuchelei. Zur Überkomplexität müssen sich die Kinder der industriellen Abrichtung auch noch verstellen.

Das kann nichts werden.

9. Das Meister-Prinzip

Es folgt dem alten Aberglauben: "Wenn die Methode intelligent ist, kann der, der diese Methode ausführt, ruhig dumm sein", sagt Gerhard Wohland, Berater der Detecon International in Bonn. Doch das verspricht keinen Erfolg mehr: "Man kann einer guten Idee nur mit einer guten Idee begegnen." Wohland hat mit seinem Kollegen Matthias Wiemeyer ein feines Buch geschrieben, "Denkwerkzeuge für dynamische Märkte - ein Wörterbuch" heißt es. In ihm lesen wir: Wissen und Können sind nicht das Gleiche.

"Wissen ist trivial. Können ist komplex", stellen Wohland und Wiemeyer fest. Warum? Weil "Wissen durch Lernen und Vergessen entsteht. Würden alle Eindrücke gesammelt und nichts vergessen, entstünde nur ein Abbild des Geschehenen, woraus wiederum nur durch das Weglassen Wissen erzeugt werden kann." Wissen kann sich jeder organisieren. In Zeiten weltweiter Datennetze, offener Bibliotheken und überall verfügbarer Massenmedien gibt es kaum mehr Herrschaftswissen. Wissen allein hat keine Macht mehr. Es geht darum, daraus etwas Neues zu machen: Können. "Können ist die Fähigkeit, problemlösend zu handeln. Man kann Können auch implizites oder unsichtbares Wissen nennen", schreiben die Autoren. Der Könner ist anders. Er kann, auf der Grundlage eines Bauplans, eine Maschine bauen lassen. Das ist reproduzierbares, also erlernbares Wissen.

Doch das ist nicht genug. Der Könner weiß, was er mit der Maschine macht. Welche Konsequenzen sich aus ihrem Einsatz ergeben. Er sieht den Unterschied, die möglichen Varianten: "Im Gegensatz zu Wissen ist Können komplex. Auf Können folgt eben nicht immer das Gleiche", so Wohland und Wiemeyer. "Können ist meins. Können können Sie nicht klauen. Das Können klebt an Ihrer Person. Keiner kann, was ich kann", sagt Wohland.

Das ist keine abgehobene Weltsicht, sondern eine realistische.

Denn diese Haltung schließt nichts und niemanden aus. Können ist eine persönliche Sache. Den, der etwas kann, nannte man früher Meister. Dieses alte Wort, das im Laufe der langen Geschichte der Gleichmacherei heute so antiquiert klingt, ist von größter Bedeutung für die Zukunft. Es beschreibt ein Entwicklungsverhältnis, aus dem das Können kommt. "Der Meister kann seinen Schüler vieles lehren. Der Schüler muss sich Wissen aneignen, üben, üben und nochmals üben. Aber zu keinem Zeitpunkt wird er seinen Meister ersetzen können - und das soll er auch nicht. Die Aufgabe des Meisters ist es, seinen Schüler auf der Grundlage von Wissen zu einem Könner zu machen, der selbst Meister wird. Er provoziert ihn dazu, Könner zu werden."

Darüber sollte Meier mal nachdenken, nach dem Seminar zum Beispiel.

10. Der Schatten

Das gilt in der Kunst wie im Leben. Es gibt Unternehmen, die dadurch auffallen, dass sie mit ihren Talenten auf eine normale, unaufgeregte Art und Weise umgehen. So entspannt die Menschen in solchen Unternehmen mit ihren Ideen und Produkten verfahren, so halten sie es auch untereinander. Vertrauensvolle Beziehungen sind immer solche, bei denen die Partner auf Augenhöhe sind. In denen Neid und Eifersucht nicht nötig ist, um mangelndes Können zu kaschieren. "Höchstleister" nennt Gerhard Wohland diese Kategorie: "Diese Unternehmen sind keine Geheimniskrämer, das haben die gar nicht nötig. Selbst wenn sie ihren Mitbewerbern die wahren Gründe für ihren Erfolg erzählen sollten, sie könnten es im Übrigen nicht: Denn ihr Können lässt sich nicht kommunizieren."

Als Beispiel zitiert Wohland die seit Jahren andauernden Versuche vieler Automobilhersteller, das Kaizen-Konzept des erfolgreichen japanischen Toyota-Konzerns zu übernehmen: "Das klappt nicht", sagt Gerhard Wohland, "es ist schlicht nicht vermittelbar. Selbst die Leute, die das bei Toyota machen, können nur ihr Wissen vermitteln. Ihr Können selbst aber entscheidet sich immer wieder aufs Neue." Kopisten aus dem Industriezeitalter, so Wohland, stellen die falschen Fragen, zum Beispiel: "Wie macht man das? Wie hast du das gemacht?" Könner fragen anders: "Wer kann das bei uns? Wer will das machen?" Könner akzeptieren Könner, weil ihr Selbstbewusstsein groß genug ist, um sich weder gleicher noch größer machen zu müssen.

Ein Phänomen, das Gerhard Wohland während seiner Forschung über das Können immer wieder begegnete, ist die Tatsache, dass Höchstleister-Unternehmen, Könner also, nicht ständig auf der Suche nach einer "neuen Identität" sind. "Sie fragen sich nicht dauernd: Ist unsere Unternehmenskultur okay? Brauchen wir andere Regeln? Sie wissen, dass ihre Kultur nur ein Schatten ist, ein Abbild der Realität. Warum sollte man an seinem Schatten drehen, wenn einem die Wirklichkeit nicht passt?"

Gute Frage, liebe Seminarteilnehmer.

Können, das ist die Wirklichkeit, die Realität. Wer sich der stellt, der braucht keine Ideologien, sondern nur den Mut, zu erkennen, was in ihm steckt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es ist mehr als gleich. "Kann ich auch" hat dann niemand mehr nötig. Weil er selbst etwas kann und das weiß.

Damit könnte man gleich mal anfangen. -

Gerhard Wohland ist mittlerweile Leiter des "Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung" in München. Sein aktuelles Buch heißt "Denkwerkzeuge der Höchstleister - WIe dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen", erschienen im Murmann Verlag Hamburg.