Ausgabe 12/2007 - Schwerpunkt Design

Venedig schlägt Los Angeles

brand eins: Angenommen, man böte Ihnen eine Wohnung in einer superfunktionalen Stadt an, deren gewachsene Altstadt man zerstört und durch moderne Hochhäuser und breite Autobahnen ersetzt hat - würden Sie das Angebot annehmen?

Lampugnani: Menschen können sich fast überall einnisten, selbst in einer so abschreckenden Stadtvision, wie Sie sie beschreiben. Also: Wenn's unbedingt sein müsste, würde ich wohl zähneknirschend Ja sagen, aber gerne wohnte ich nicht dort.

Zu genau einer solchen Megastadt wollte Le Corbusier, einer der einflussreichsten architektonischen Vordenker des 20. Jahrhunderts, die französische Hauptstadt umbauen. Die Pariser Altstadt wollte er sprengen, um Platz für Hochhäuser zu schaffen. Die "Wege des Esels", also gewachsene Stadtbilder, waren ihm zuwider.

Stadtplanung ist eine außerordentlich komplexe Aufgabe, und viele Visionen der Vergangenheit waren eindimensional. Le Corbusier befasste sich vor allem mit Fragen des Verkehrs, der Belichtung, der Besonnung und der Bodenverwertung. Dabei übersah er den Wunsch der Stadtbewohner nach Identität und ablesbarer Geschichte. Wie sehr er sich damit verrannt hat, kann man an den Irrwegen der Epigonen sehen, die in den Großsiedlungen der sechziger und siebziger Jahre seine Vision technokratisch umgesetzt haben. Ihm selbst dagegen ist mit der Neugründung des indischen Chandigarh eine zwar etwas schematische, aber durchaus lebenswerte Stadt gelungen.

Viele Städte hatten weniger Glück: Wenn man heute die Berliner Gropiusstadt, die Pariser Vorstädte mit ihren kargen Hochhaussiedlungen, deutsche Mittelstädte mit öden Fußgängerzonen oder andere Stadtplanungsopfer betrachtet, kommt man leicht zu dem Schluss: Den Städten wäre am besten geholfen, wenn man sie vor ambitionierten Stadtplanern bewahrt.

Dieser Schluss ist unfair, denn derartige Bausünden sind nicht das Ergebnis von zu viel, sondern von zu wenig Stadtplanung. Da wurde lediglich kurzatmig politischen und wirtschaftlichen Interessen nachgegeben, die sich darüber hinaus noch völlig fragmentiert in Bezirken, Kommunen und Landkreisen Gehör verschafften. Was Stadtplaner leisten können, wenn sie kompetent und talentiert sind, ist der Entwurf einer ganzheitlichen Vision für eine Stadt oder einen Teil einer Stadt. Ob eine solche Vision dann umgesetzt wird, ist eine Frage des politischen Willens und der Macht.

Ist das irgendwann, irgendwo wirklich mal geschehen?

Schauen Sie sich den städtebaulichen Neuordnungsplan an, nach dem Papst Sixtus V. von 1585 an die sieben Hauptkirchen Roms mit schnurgeraden Straßen untereinander verband, damit die Pilger den Pilgerpfad an einem einzigen Tag absolvieren konnten. Das war zunächst eine kirchenpolitische Maßnahme, aber sie hat die Infrastruktur Roms zum Wohle seiner gesamten Bevölkerung enorm verbessert. Gleichzeitig handelte es sich um ein großes Arbeitsbeschaffungs- und Konjunkturprogramm, das den Boden Roms aufwertete und überhaupt seine Wirtschaft förderte. Zudem war Sixtus V. klug genug, seine Pläne nicht rein autokratisch durchzusetzen, sondern sie während der Umsetzung mit einem Freskenzyklus zu präsentieren und damit in der Bevölkerung um Verständnis zu werben.

Das ist aber schon mehr als 400 Jahre her.

Heute sind die politischen Verhältnisse verzwickter und gute Beispiele schwerer zu finden. Eines ist Monte Carasso in der italienischen Schweiz, wo der Architekt Luigi Snozzi gezeigt hat, wie sich dörfliche Strukturen konsolidieren lassen. Dort wurden alle Elemente in den Dienst einer gestalterischen Absicht gestellt: die Funktionen, die Baufelder, der Verkehr. Damit Stadtplanung funktionieren und eine Stadt wirklich begeistern kann, müssen diese Mosaiksteine zusammenpassen. Das ist leider nur selten der Fall.

Radikale Traditionalisten wie der Berliner Architekt Christoph Kohl würden am liebsten alles, was nach 1945 geplant und gebaut wurde, abreißen und die europäische Stadt in ihren alten Strukturen und Formen wieder aufbauen.

Rücksichtsloses Abreißen wäre falsch und auch gar nicht machbar. Zudem sieht man Imitationen der Vergangenheit das Imitat immer an. Richtig ist, dass wir für die Städte der Zukunft kaum grundsätzlich neue Lösungen erfinden müssen - wir können auf bewährte Prinzipien zurückgreifen. Das historische Stadtzentrum mit seinen schmalen Straßen, Parks, Uferpromenaden und schön geschnittenen Plätzen ist nach wie vor ein brauchbares, hervorragendes urbanistisches Modell, weil es Begegnungen möglich macht und fördert.

Dieser viel beschworene "öffentliche Raum" ist die Lieblingsvokabel von Stadtplanern. Warum eigentlich?

In die Stadt zieht man, weil man unter Menschen sein will - also braucht die Stadt Orte, wo man Leute treffen kann. Dazu gehören Cafés, Restaurants, Theater, Kinos, Schulen, Universitäten. Unter Menschen will man außerdem sein, um wirtschaftlichen Austausch zu pflegen - viele Städte sind als Markt- und Handelsplätze entstanden. Dabei bietet die Stadt die einzigartige Möglichkeit, unter vielen Menschen und dennoch völlig anonym zu leben, wenn man das möchte.

Sie sind in Rom geboren, haben in Harvard gelehrt, in Frankfurt, Zürich, Berlin, Stuttgart, New York und Mailand gelebt und gearbeitet. Welche dieser Städte kommt für Ihren Begriff einer Idealstadt am nächsten?

Eine ideale Stadt gibt es nicht. Genau darin bestand der Irrtum der sechziger Jahre: Damals glaubte man, man könne so etwas wie eine Meta-Stadttheorie entwickeln, die man jedem Ort der Erde überstülpen kann. Doch das Gegenteil trifft zu: Jede Stadt muss ihr eigenes Gesicht entwickeln, und das sieht in Zürich anders aus als in Venedig. Abgesehen davon, ist Rom mit seiner stadtarchitektonischen Qualität und seiner geradezu überwältigenden historischen Dichte für mich die schönste Stadt der Welt. Aber ich fühle mich auch in Manhattan sehr wohl, das trotz seiner relativ kurzen Geschichte eine extrem dichte Substanz, eine hohe soziale Durchmischung und eine nahezu unglaubliche Energie aufweist. Und nicht zu vergessen: Es ist eine amerikanische Großstadt, die man zu Fuß erleben kann.

Viele amerikanische Städte sind von ihren Planern konsequent auf Autos ausgelegt. Zu Fuß kommt man dort gar nicht mehr voran.

Nicht zuletzt deshalb reisen Amerikaner so gern ins alte Europa. Es ist kein Zufall, dass Städtchen wie Bellagio, Rothenburg ob der Tauber oder Heidelberg von Touristen überlaufen sind. Natürlich kann man auch in einer Autostadt irgendwie zurechtkommen. Aber die amerikanische Stadt an sich ist kein erfolgreiches urbanistisches Modell.

Ist das die Crux der Stadtplanung, dass sie von Architekten mit hochfliegenden Plänen und großen Idealen gemacht wird, während diejenigen, die in den Städten leben sollen, von simplen Dingen wie Carport, Walmdach und Gartenzaun träumen?

Solcherlei Träume bringen die Stadtplanung auch nicht weiter. Sie darf zwar nicht abgehoben, aber auch nicht gefügig auftreten. Deswegen respektiere ich Sixtus V.: weil er begriffen hat, dass zu einer erfolgreichen Großstadtplanung Aufklärung gehört.

Auch Aufklärung ändert nichts daran, dass 80 Prozent der Deutschen in einem eigenen Haus leben wollen. Das erklären sie jedenfalls in Umfragen.

Antworten hängen immer davon ab, wie man die Frage stellt und welche Alternative man den Befragten anbietet. Grundsätzlich suchen die Menschen nach Privatheit, nach einem großzügigen Zuhause und etwas Grün. Das kann man ihnen auch in einem intelligent geplanten Stadtviertel mit Mehrfamilienhäusern bieten. Wenn man ihnen dazu noch erklärt, dass sie in der urbanen Variante nicht für jedes Familienmitglied ein Auto brauchen, zum Einkaufen nicht ins Shopping-Center fahren und die Kinder nicht jeden Tag kilometerweit zur Schule bringen müssen, dann fallen die Umfrage-Ergebnisse sicher anders aus.

Der Kreis 6 in Zürich, in dem ich lebe, bietet genau diese Mischung aus Grün, Großzügigkeit und relativ hoher Dichte. Leider sind die Mietpreise sehr hoch - was aber nichts anderes beweist als den Umstand, dass diese Form des Wohnens attraktiv und entsprechend teuer ist.

Und all jene, die sich die nicht leisten können, landen in der stadtplanerisch vergurkten Peripherie.

Das ist in der Regel leider so. Wohin das führt, sieht man in den Pariser Vorstädten wie Sarcelles. Sarcelles stand einmal für die Verwirklichung der urbanen Utopie der Moderne. Bald sprach man allerdings von "Sarcellite", der chronischen Depression, an der die in den Hochhäusern isolierten und vereinsamten Bewohner erkrankten. Heute ist Sarcelles eines der berüchtigten sozialen Problemzentren in der Peripherie von Paris.

Dennoch fällt Stadtplanung auch heute oft kurzsichtig aus: Viele Bürgermeister denken und handeln wie Spekulanten, die versuchen, möglichst viel aus ihren Quadratmetern Innenstadt herauszuholen.

Kürzlich saß ich bei einem Essen zwischen einem Bürgermeister und einem Immobilienentwickler. Der Bürgermeister argumentierte wie ein Entwickler, dem es nur um schnelles Geld geht, während der Entwickler nachdenkliche Fragen nach der langfristigen Tragfähigkeit der baulichen Entwicklung stellte. Gegen Spekulation habe ich grundsätzlich kaum etwas einzuwenden, denn Wertschöpfung auf Grundstücken war immer der Motor von Stadtplanung. Die Frage ist, ob Wertschöpfung zum Wohl der Bewohner, der Öffentlichkeit und der Stadt beitragen soll - oder ob es darum geht, schnell Geld zu machen und ab in die Südsee.

Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt heute in Städten, darunter in extrem schnell wachsenden Mega-Citys wie Schanghai, Lagos oder Mexiko-Stadt. Mit deren Boom kommen Stadtplaner vermutlich gar nicht mehr mit.

Stadtplanung ist keine Frage der Dimension. Sie ist auch kein Luxus, sondern zunächst einmal ein Mittel, um durch eine rationellere Verwendung der Ressourcen Land und Gebäude etwas Drittes einzusparen, nämlich Geld. Niemand würde heute ernsthaft Mexiko-Stadt als Ganzes planen wollen. Aber einzelne Teile ließen sich durchaus neu gestalten - ganz unabhängig davon, ob es sich um großbürgerliche Viertel oder Favelas handelt.

Viele Städte begreifen sich heute als Markenunternehmen, die mit einer unverwechselbaren, möglichst spektakulären, markanten Architektur im Standortwettbewerb punkten wollen - wie es die baskische Industriestadt Bilbao mit Frank Gehrys Guggenheim-Museum vorgemacht hat. Deshalb touren heute berühmte Architekten wie Zaha Hadid, Rem Koolhaas oder Norman Foster wie Stars von Stadt zu Stadt. Ist das eine gute Idee?

Gute Architekten einzuladen ist immer richtig. Auch Gian Lorenzo Bernini oder Michelangelo waren nichts anderes als die berühmten Architekten ihrer Tage, die damals europaweit bauen konnten. Problematisch wird es erst, wenn architektonische Marken wie Raumfahrzeuge in Städten landen und wenig oder gar nichts zu ihrer Entwicklung beitragen. Teilweise gebärden sich die Architekten allzu selbstverliebt, teilweise werden sie aber auch von den Bauherren geradezu genötigt, ihren Stil lupenrein zu reproduzieren: Mario Botta beispielsweise kann es sich kaum mehr leisten, ein Haus zu bauen, das nicht rund ist - auch wenn er es gern täte.

Befeuert hat diesen Wettbewerb der Soziologe Richard Florida mit seiner These von der ökonomisch entscheidenden kreativen Klasse, die von einem attraktiven städtischen Umfeld angelockt werde.

Städte waren schon immer bemüht, wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen - auch dadurch, dass sie exzellente und wirtschaftlich interessante Leute anziehen. Aber: Alles, was eindimensional ist, ist kurzsichtig und unstädtisch. Eine Stadt funktioniert immer nur als Gemeinschaft, und zwar als durchmischte und komplementär zusammengesetzte Gemeinschaft. Es reicht nicht aus, nur Kreative anzusiedeln - sie werden nicht lange bleiben, wenn es keine Reinemachefrauen, Bäcker, Gemüseverkäufer und Lehrer gibt. Soziale Integration ist kein utopisches Postulat, sondern lässt sich auf handfeste wirtschaftliche Interessen zurückführen.

Ein Investor, der mit seinem Objekt möglichst hohe Renditen erzielen will, dürfte mit Putzfrauen oder Gemüsehändlern als Mietern wenig glücklich werden.

In Deutschland wurden über Jahre hinweg kaum Wohnungen, sondern nahezu ausschließlich Bürohäuser gebaut, weil sie kurzfristig mehr Rendite abwarfen - jetzt stehen viele davon leer. Auch Investoren müssen über ihren Tellerrand schauen, um erfolgreich zu sein.

Fühlen Sie sich eigentlich manchmal wie ein Prediger, der seine Klienten regelmäßig zu vernünftigem Handeln aufruft - und beim Reden schon weiß, dass es anders kommen wird?

Überhaupt nicht. Denn immer mehr Bauträger denken komplex und langfristig, immer mehr fordern eine moderne Form der alten, fußgängerfreundlichen, durchmischten Stadt. In meinem kleinen Mailänder Büro arbeiten wir beispielsweise gerade am Novartis Campus in Basel, einer Art Forschungs- und Verwaltungsstadt. Unser Auftraggeber ist ein anspruchsvoller, aber auch scharf kalkulierender Pharmakonzern. Er investiert in qualitativ hochwertige Bauten, Infrastruktur, Plätze und Wege, weil er nur so die besten Forscherinnen und Forscher gewinnen und Produktivität, Kreativität und Innovation steigern kann.

"Urbanistische Alleingänge sind zum Scheitern verurteilt"

... und Sie als Planer haben den Vorteil, dass nur ein einziger autokratischer Bauherr dahintersteckt - statt einer Vielzahl zerstrittener Behörden, Anwohner, Grundbesitzer und Lobbyisten, die Ihre ambitionierten Pläne Stück für Stück filetieren.

Ein kluger, klarsichtiger und entscheidungsfreudiger Bauherr ist für die Architektur der Stadt von nicht zu überschätzender Bedeutung - aber auch ein Konzernchef kommt an seinen Aktionären und Mitarbeitern nicht vorbei. Zudem ist der Campus in ein großes Stadtentwicklungsprojekt eingebunden, das die Basler Bürger mittragen müssen.

Im Übrigen konnten auch die autokratischen Herrscher vergangener Tage längst nicht so frei operieren, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Bevor Cäsar das erste Kaiserforum neben dem Forum Romanum realisieren konnte, musste er das entsprechende Grundstück kaufen, und zwar zu einem horrenden Preis. In Stadtstaaten des Mittelalters wie Florenz und Siena sind die großen urbanen Bauprojekte, die Plätze, Brücken und Stadtmauern in Zeiten entstanden, in denen es eine Volksregierung gab. Wenn lediglich eine Familie die Stadt beherrschte, hat diese meist nur ihren eigenen Palast verschönert, dazu vielleicht noch die Kirche, und das war's dann.

Was lässt sich daraus lernen?

Autokratische Herrscher sind weder Voraussetzung noch Gewähr für gute Stadtplanung - und ihr Mangel keine Rechtfertigung für schlechte.

Aber die Stadtentwicklung kann auch nicht alles vorhersehen. Oft werden längst abgeschriebene Stadtviertel von neuen Bewohnern wiederentdeckt und wiederbelebt - ohne dass ein Planer dabei ist.

Das Leben einer Stadt lässt sich tatsächlich nicht planen - wohl aber steuern. Das neue Klientel der Kreativen, von dem Sie sprachen, wird sich ein Stadtviertel nur dann aneignen, wenn es einige Qualitäten hat: Es muss so offen, neutral und attraktiv sein, dass man sich dort einnisten kann und will. Das funktioniert in starren, auf bestimmte Bedürfnisse zugeschnittenen Neubauvierteln nicht. Und dass es in jeder Stadt ästhetische Regeln geben muss, die am besten von geschulten Planern aufgestellt werden, liegt auf der Hand. Warum sollten Sie, wenn Sie einen schlechten Geschmack haben, Ihre Nachbarn damit belästigen dürfen?

Weil es schwierig ist, zu entscheiden, was guter Geschmack ist. Den schlechten Geschmack haben immer nur die anderen.

Über Geschmack lässt sich wohl streiten, aber jenseits des Streites existiert auch ein kultureller Konsens - sonst gäbe es keinen Städtetourismus. Die Stadt muss das Gemeinwohl, auch das ästhetische, vor Schaden und Übervorteilungen durch Privatinteressen schützen. Solche Übervorteilungen können übrigens sehr direkt sein. In Rom wurden deshalb Magistri Viarum eingesetzt, deren Aufgabe darin bestand, darauf zu achten, dass private Bauherren nicht in den öffentlichen Raum hineinbauten, indem sie ihren Palazzi Treppen, Erker, Türme oder Dachaufbauten anfügten.

Nehmen wir an, ein Diktator stellte Ihnen unbegrenzt Raum, Geld und Ressourcen zur Verfügung, um für ihn irgendwo eine komplett neue Stadt zu bauen. Wie würde die aussehen?

Hoffentlich so, dass man ihr nicht anmerken würde, dass sie von einem Diktator in Auftrag gegeben und von einem einzigen Architekten geplant wurde. Stadt bedeutet Heterogenität, und die lässt sich nicht künstlich erzeugen. Man kann eine Stadt nicht allein bauen.

Aber genau das tun Kollegen wie Gerkan, Marg und Partner, die gerade in der chinesischen Provinz mit "Luchao Harbour City" eine komplett neue 300 000-Einwohner-Stadt entworfen haben.

Ich glaube, dass urbanistische Alleingänge einzelner Büros grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind. Warum? Weil sie zwangsläufig intellektuell dünnwandig ausfallen. Als Architekt hat man für ein Projekt nicht mehr als zwei, drei wirklich gute Ideen. Echte Vielfalt in der Stadt erfordert aber viele Ideen, die durch ebenso viele unterschiedliche Intelligenzen, Kulturen, Haltungen und Obsessionen generiert wurden. Auf dem Novartis Campus wird deshalb jedes Gebäude von einem anderen Architekten gebaut.

Können Sie ausschließen, dass man über Ihre stadtplanerischen Ideen eines Tages genauso verständnislos den Kopf schütteln wird, wie wir es heute über jene Le Corbusiers tun?

Ich mache sicher Fehler, und möglicherweise wird man über diese Fehler den Kopf schütteln. Aber so eklatante städtebauliche Missgriffe wie Le Corbusier oder Archigram werden wir in unserer Architekten- und Stadtbauer-Generation vermutlich nicht begehen, weil wir zwei Träume ausgeträumt haben. Erstens: dass man sich von der Geschichte verabschieden und ganz bei null anfangen kann. Und zweitens: dass es auf dieser Basis nur eine einzige richtige Möglichkeit gibt, Städte zu bauen. Wir pflegen unsere Zweifel. Und das, davon bin ich überzeugt, ist gut so. -

Vittorio Magnago Lampugnani, 56,
ist gebürtiger Römer, Professor für Geschichte des Städtebau an der ETH Zürich und Inhaber eines Architekturbüros in Mailand. Lampugnani war einer der Protagonisten des "Berliner Architekturstreits", der sich nach der Wiedervereinigung an den Leitlinien für die Bebauung der Berliner Innenstadt entzündete.

Ebenezer Howard (1850-1928)
war ein gelernter Stenograf, der Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept der Gartenstadt entwickelte. Als Reaktion auf die ungesunden Wohnbedingungen und horrenden Bodenpreise der Großstädte sah es neue, genossenschaftlich organisierte Siedlungen mit breiten Grüngürteln vor, die im Umland großer Städte gegründet werden sollten. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden unter anderem die Gartenstädte in Dresden-Hellerau und im Augsburger Thelottviertel gebaut.

Le Corbusier (1887-1965)
hieß eigentlich Charles-Édouard Jeanneret-Gris und gilt neben Ludwig Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright als einflussreichster Architekt des 20. Jahrhunderts. Unter seiner Federführung entstand 1933 die Charta von Athen, die nach neuen Wegen im Siedlungsbau suchte und sie in der Entflechtung von Wohnen, Arbeit, Erholung und Bewegung innerhalb einer Stadt fand.

Diese Idee beeinflusste in den fünfziger und sechziger Jahren viele Stadtplanungsprojekte - unter anderem eine Hochhaussiedlung für 50 000 Menschen, die der Architekt Walter Gropius ab 1962 im Berliner Bezirk Neukölln entwarf. Obwohl man die Pläne Gropius' (der 1969 starb) deutlich veränderte, wurde die Siedlung 1972 nach dem berühmten Bauhaus-Architekten benannt. Spätestens seit den achtziger Jahren gilt die Gropiusstadt als sozialer Brennpunkt. Bekannt wurde sie unter anderem durch das Buch und den gleichnamigen Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Christiane F., die in der Gropiusstadt aufwuchs.

 

In Brasilia konnten die Corbusier-Schüler Lúcio Costa und Oscar Niemeyer die Utopie einer funktionalen Stadt Ende der fünfziger Jahre in Stahlbeton gießen. Die neue, föderale Hauptstadt Brasiliens wurde nach dem Grundrissprinzip eines Flugzeugs angelegt, mit futuristischen, von Niemeyer entworfenen öffentlichen Gebäuden ausstaffiert und ab 1956 innerhalb von nur 1000 Tagen aus dem Urwaldboden gestampft. Als architektonisches Projekt zählt Brasilia heute zum Weltkulturerbe der Unesco, als urbaner Lebensraum gilt die Stadt als gescheitert.

 

Beispiele:

1. Brasilia

Der Architekt Oscar Niemeyer legte seine Retortenstadt Brasilia nach den Prinzipien der "Charta von Athen" an, mit sauberer Trennung der Quartiere für Wohnen, Arbeiten und Freizeit, zwischen denen die Stadtbewohner auf breiten Autobahnen pendeln sollten. Heute gilt dieses Konzept als einer der größten Irrtümer des modernen Städtebaus. Wie konnte eine Gruppe ausgewiesener Experten so danebenliegen?

Vittorio Lampugnani: "Diese Visionen sind gescheitert, weil nicht ernsthaft und vorurteilsfrei danach gefragt wurde, wie die Menschen wirklich leben wollen."

2. Los Angeles

Vittorio Lampugnani: "Los Angeles ist ein wunderbares Beispiel für viele Fehler, die man in der Stadtplanung machen kann. Etwa die immense Ausdehnung, die durch das gigantische Netz von Stadtautobahnen noch gefördert wird. Weil die ständig verstopft sind, versucht man neuerdings die öffentlichen Verkehrsmittel mühsam wiederzubeleben, was angesichts der räumlichen Dimension der Stadt nahezu unbezahlbar ist. Der Stadt fehlt ein wichtiger Erfolgsfaktor: Dichte. Die ist wichtig, weil sie Austausch und Kommunikation fördert. Und weil sonst die städtische Infrastruktur nicht bezahlbar ist: Läden beispielsweise entstehen nur dort, wo es genügend potenzielle Kunden gibt. Und eine Straßen- oder U-Bahn können Sie nur dort finanzieren, wo ausreichend viele Fahrgäste sie benutzen."

3. Venedig

Vittorio Lampugnani: "Aristoteles definierte die idealen Maße des Stadtraums durch die Reichweite der menschlichen Stimme. Ebenezer Howard konzipierte seine Gartenstadt nach der Fußentfernung: Jeder Punkt der Stadt sollte vom Zentrum aus binnen 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein. Frank Lloyd Wright erweiterte dieses Konzept in seinem Modell der "Broadacre City" durch die Fahr-Entfernung. Es wird aber wohl bei der Fußentfernung als wichtigstem Maß bleiben, denn wir haben nun einmal zwei Beine. Außerdem produziert die fußläufige Stadt weniger Dreck und Verkehrsprobleme, ist billiger zu bewirtschaften und für die ganz Jungen und ganz Alten, die kein Auto fahren, ohnehin die einzig lebbare Stadt. So gesehen, verkörpert Venedig ungeachtet all seiner Probleme nach wie vor ein ideales Stadtkonzept."

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