Ausgabe 12/2007 - Schwerpunkt Design

Sturmflut im Frattiniland

- Unser Leben, dieses funktionslose Suchen nach Sinn, wird immer dann spannend, wenn man gezwungen ist, einen Moment zu verweilen, und dabei Gelegenheit hat, das vermeintlich Alltägliche zu hinterfragen. Etwa beim Zähneputzen.

Früher war Zähneputzen in zehn Sekunden erledigt, aber seit es dafür beim Zahnarzt keine Bonuspunkte mehr gibt, surrt der elektrische Putzstab bei mir wie vorgeschrieben drei Minuten im Mund umher. Jeden Tag. Dabei kommt man sich und den Dingen an sich sehr nahe. Warum eigentlich, so fragte ich mich letzte Woche vor dem Spiegel, sitzt eigentlich unsere Nase, ein äußerst unschönes Gebilde, mitten im Gesicht? Was gibt es denn in rund 1,70 Meter Höhe auf dieser Welt zu riechen außer Knoblauchfahnen, Pizzabrötchen und Thüringer Bratwurst? Warum straft uns Gott dermaßen? Säße die Nase am Fuß, würde man wenigstens ausströmendes Gas sofort mitkriegen und könnte noch ins Kino entschwinden, bevor das Haus in tausend Stücke fliegt. Nach solch weitreichenden Überlegungen sind die drei Minuten meist schon um.

Am nächsten Morgen zählt man dann etwa die Pickel am Arm oder betrachtet den Wasserhahn vor sich. Früher hatten alle Wasserhähne etwas Devotes an sich, als wollten sie sich, seit Jahrtausenden stets an ihrem Ende nach unten gewölbt, vor einem verneigen. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Das Produkt, so war wohl die Botschaft, unterwirft sich dem Kunden, die Technik dem Menschen. Da geht man nach dem Zähneputzen gleich viel selbstsicherer in sein Büro, etwa ins Atomkraftwerk oder zum Airbus-Zusammenbasteln, wo das mit der Technik und dem Menschen nie ganz klar ist.

Solche Zusammenhänge kriegt der normale Mensch natürlich nur unterbewusst mit, weil er denkt, der Optimismus käme von der Nutella oder vom Fitness-Studio. Dass das vom Wasserhahn kommt, merkt er gar nicht. Doch diese Zeiten sind ohnehin fast überall vorbei. Entweder kommt der Wasserhahn heute wie ein überdimensionaler Schwanenhals daher, Ehrfurcht einflößend und schwenkbar nach allen Seiten, als müsse er sich gegen einen imaginären Angreifer verteidigen: Die Technik mutiert hier in die Täterrolle, weil sie, symbolisch gesehen, neben dem Menschen ihren Platz in der globalen Welt sucht. Oder er verneigt sich überhaupt nicht mehr, sondern zielt, wenn man davorsteht, schnurgerade auf den Bauchnabel. Da zeigt sich das neue aggressive Selbstbewusstsein der Hersteller: Kampf um Marktanteile, Kampf um den Kunden, wenn es sein muss direkt über den Bauchnabel.

Leider muss ich mich, Bauchnabel hin, Bauchnabel her, immer noch wie ein chinesischer Torsionist verbiegen, wenn ich das aus den modernen Hähnen fließende Wasser trinken will, weil ich keine Kuh bin, die einfach ihre Zunge unter den Strahl hält und dort stundenlang herumschlabbert. Außerdem kriegt man kaum Wasser in den Putzeimer, weil alles wieder rausfließt, wenn man den Eimer unter dem aggressiven Schwanenhals hervorholt.

Eines ist erstaunlich: Aus allen modernen Wasserhähnen kommt wirklich Wasser. Das ist in Zeiten, in denen wir auf der Uhr fernsehen oder mit dem Handy Musik hören, nicht selbstverständlich. Man könnte doch auch auf die Idee kommen, das Rohr mit dem Apfelsaftvorrat im Keller oder der Milchtüte im Kühlschrank zu verbinden, wahlweise auch mit dem Blumendünger oder - bei Anwesenheit weniger guter Freunde im Haus - mit Abführmittel oder der Flasche Maulwurfvernichter im Keller. Über ein formschönes Panel ließe sich das dann gezielt je nach Bedarf steuern oder mixen.

Es ist auch keineswegs selbstverständlich, dass man den Wasserhahn unschwer als solchen erkennt, selbst wenn er wie ein indianisches Pusterohr aussieht. Da wir heutzutage alles für möglich halten, findet die Identifikation von Gegenständen eher dadurch statt, dass sie genau an der Stelle sitzen, an der wir sie vermuten. Selbst wenn über dem Waschbecken eine verrostete Maulwurffalle angebracht wäre, würden wir an ihr zunächst den Schalter für kalt und warm suchen.

Das können Sie leicht nachprüfen: Steht an einer Bushaltestelle ein x-beliebiger großer schwarzer Kasten, vermuten Sie instinktiv einen Fahrscheinautomaten und suchen verzweifelt nach dem Geldschlitz. Liegt bei einem Dinner rechts neben Ihrem Teller ein unförmiger Gegenstand, argwöhnen Sie ein Messer und versuchen damit zu schneiden. Die Wahrnehmung in unserer Welt folgt funktionalen Vermutungen, keineswegs dem Gegenstand an sich.

Technisch gesehen ist der Wasserhahn weit hinter seiner Zeit zurückgeblieben: Weder gibt es eine Fernbedienung, noch reagiert er auf Spracherkennung. Displays, mit denen wir uns die Zeit vertreiben, indem wir während des Duschens Wasserdichte, Kalkgehalt oder die Mineralienzusammensetzung studieren, sind unbekannt. Das Modernste am modernen Hahn ist der Joystick, der sich inzwischen durchgesetzt hat, also jener kleine Hebel, den ich in alle Richtungen drehen kann, wobei, je nach Lage des Hebels, links oder vorn heiß, rechts oder hinten kalt, querrechtsvorn lauwarm stark und mittelinkshintenquer etwa handwarm schwach bedeutet. Man muss das trainieren wie ein Pilot im Airbus A320. Das geht auch nicht von einem Tag auf den anderen.

Was fehlt? Ein Schuss Unvollkommenheit

Die Italiener im Übrigen, stets schon ein eigenes Völkchen, halten wenig vom Joystick. Da sie offenbar von dem ganzen Kunstzauber und den Putten und Engeln mit ausgebreiteten Armen in ihren Kirchen genug haben, haben sie sich an die Spitze der Hahn-Modernisierer gesetzt: Ihr Modell Bio Shock beispielsweise, hergestellt von einem gewissen Signore Frattini, einem modernen Michelangelo, besteht nur aus Rohr und einem Block. Nichts weiter. Wirklich nichts.

Dem Verkaufspersonal in zwei Mainzer Fachgeschäften gelang es nicht, dem Hahn Frattini Wasser zu entlocken. Immerhin entschuldigte sich eine Dame, sie sei noch nicht lange da. Erst gegen Abend stellte sich heraus, dass sich der obere Teil des Blocks nach rechts drehen ließ. Die Frage, wo man dann kalt und heiß einstellen könne, beantwortete der herbeigeeilte Chef: Die Rechtsdrehung beim Hahn Frattini bewirke eine Erkaltung des Wassers, der Wasserstrahl dagegen bleibe immer gleich stark. Danach, wohl als Ausgleich, bot man mir die Brause-Dampfbad-Kammer der Firma Riho an. Das Bedienungs-Panel des Modells ähnelt dem in einer Saturn-V-Rakete, und es hätte mich nicht gewundert, wenn die ganze Brausekammer dann auch gleich durchs Metalldach abgehoben hätte.

Zwar wird das moderne Wohlfühl-Bad immer schöner, weißer, runder und eleganter, mit blauen Lämpchen in der Badewanne, Zweiplatz-Dampf-Duschkabinen mit Melissezuführung, Radio und Nothalteknopf, Spiegeln rundum, Musik im Jacuzzi, sich per Sensor schließenden Türen und allem möglichen weiteren Schnickschnack. Das Einzige, was wirklich stört, ist der Mensch.

Sein heute erreichter Intelligenzstand, man muss das so offen sagen, reicht für die futuristischen Gewirke im Bad nicht aus, was man erkennt, wenn er mit seinen Armen ungelenk am feinfühligen Sensor vorbeifährt und das Wasser urplötzlich und brühheiß hervorschießt, weil die Mischbatterie leider gerade falsch stand. Oder wenn er die einfachste Benutzerführung in der Badewanne nicht versteht und ihm das Wasser von oben auf den Kopf rauscht, obwohl er nur den Stöpsel unten am Boden schließen wollte. Symbolisch gesehen, sagt uns eine verheerende Sturmflut an der Nordseeküste dasselbe wie ein Wasserhahn der Moderne: Wasser ist Teil der Natur und damit vom Menschen nicht beherrschbar.

Der Mensch stört im Frattiniland auch deswegen, weil er designmäßig nicht mithalten kann. Im Bad fällt das besonders auf, weil es der einzige Ort ist, an dem unsere ganze Natürlichkeit, vom Senkfuß bis zum Flatterohr, direkt zutage tritt: Eine über Jahre gewachsene Speckfalte ist eben etwas anderes als eine formschöne dänische Dampfdüse.

Wenn der Mensch wenigstens perfekt funktionierte, könnte er seine Designschwäche im Bad durch hohe Funktionalität ausgleichen. Aber selbst das schafft er nicht: Er neigt, kulturübergreifend, dazu, nasse Handtücher rumliegen zu lassen, statt sie regelmäßig auf die schicke neue Wärmehaube zu legen. Ebenso besitzt er ein Gen, das ihn veranlasst, die Glasplatte vor dem Spiegel durch Tausende von Scherchen, Sälbchen, Zahnbürsten, Wimperntuschestiften, Kämmen und Abschminktüchern zu verunstalten. Er fegt, seit Jahrhunderten, die Haare im Waschbecken nicht ordentlich weg, spritzt mit der Zahnpasta herum und lässt die Hornschnipsel beim Zehennägelschneiden unkontrolliert durchs Bad fliegen. Offenbar braucht das Bad nicht nur perfekt geformte Dampfdüsen, sondern einen Schuss Unvollkommenheit.

Deshalb sollten wir heilfroh sein, dass es nach wie vor von der Wand ploppende Handtuchhalter aus chinesischem Plastik gibt, Toilettenpapier, an das man nur unter Inkaufnahme eines Bandscheibenvorfalls herankommt, oder Duschköpfe, die einem wie beim Kickboxen gegen die Schläfe schleudern, wenn man sich gerade entspannt umdrehen will.

Die Frattinis dieser Welt sollen ruhig weiter an ihren utopischen Bad-Gewerken basteln. Um die Menschlichkeit am Wasserhahn müssen wir uns wohl weiterhin selbst kümmern. -

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