Ausgabe 09/2006 - Was Menschen bewegt

Holiday on Ice

Sie schauen kaum auf. Der Alte oberhalb des Felsens nicht. Die Fischer am Strand nicht. Erst recht nicht die Männer, die eine Leine aus dem Wasser ziehen und mit ihr ein gefrorenes Robbenfell. Nur die Kinder in den bunten Häusern nehmen die Beine in die Hand. Wenn die Hunde zu Dutzenden heulen wie die Wölfe und sich zwischen den Eisbergen die Schlauchboote von den Schiffen lösen, dann springen sie mit wehenden Haaren über die Treppen und den Fels, stellen sich Schulter an Schulter am Anleger auf und begrüßen johlend die Gäste - lange bevor diese überhaupt erkennen können, dass in Ukkusissat, an den Hängen hinter dem Eis, noch einige hundert Menschen leben.

Die Älteren in dem winzigen Ort an der Westküste Grönlands verfolgen das Geschehen nur aus dem Augenwinkel. Sie fragen skeptisch, ob die Touristen, die neuerdings durch die Eisbergkolonnen streifen, eine Chance sind für die Region. Oder nicht vielmehr eine Gefahr für eine Gesellschaft, die ohnehin nur mit Mühe die Balance bewahren kann.

Doch vielleicht hat Grönland keine Wahl. Etwa 57000 Menschen versuchen auf dem schmalen Küstenstreifen zwischen den Eisbergen und dem gigantischen Inlandeis zu überleben. Es gibt kein Straßennetz, das die Dörfer verbindet und keine Kanalisation. Und abgesehen von der Fischindustrie kaum Erwerbsquellen. Kann es sich Grönland leisten, den Tourismus nicht als Chance zu begreifen?

Bislang sind es allerdings vor allem die ausländischen Reiseveranstalter und nicht die Grönländer, die aus der Nordlandsehnsucht Kapital schlagen. Zwar reichte die Zahl der Touristen im vergangenen Jahr schon fast an die Einwohnerzahl der Insel heran: 33 082. Doch hatten die kaufkräftigsten Gäste ein Kabinenbett auf einem der 25 Kreuzfahrtschiffe gebucht, die während der eisfreien Sommer die Westküste streifen und von der Statistik nicht vollständig erfasst werden. Diese Besucher, insgesamt rund 16 500, zahlten jeder zwischen 3000 und 5000 Euro, um die Eisberge, die Wale und die Inuit zu sehen - und gaben dennoch auf Grönland selbst kaum Geld aus.

Fest steht: Die Reiseveranstalter aus Europa und Amerika werden ihr Angebot weiter ausweiten. Schon jetzt fahren gelegentlich Schiffe die Küste an, auf denen mehr als 1000 Passagiere Platz finden. Und der Hamburger Veranstalter Norden Tours, der bislang im Wochentakt je 56 Passagiere zum Flughafen nach Kangerlussuaq brachte und dort auf eine ehemalige Küstenfähre verschiffte, wird vom kommenden Jahr an mit einem neuen Schiff vor Ort sein. Die „MS Fram" (Vorwärts), benannt nach dem Flaggschiff des norwegischen Polarhelden Fridtjof Nansen, wird bis zu 310 Passagieren „die schönste Seereise der Welt" auf dem Weg zum Nordkap bieten. Die Expansion nach Grönland, heißt es, sei mit den Verantwortlichen abgesprochen. Sie werde dazu beitragen, die lokale Wirtschaft zu unterstützen.

Das klingt gut. Ganz so einfach ist das aber nicht. Denn zum einen wächst mit der Zahl der Touristen das Bedürfnis nach verlässlichen Infrastrukturen, Standards und Angeboten. Zum anderen ist fraglich, ob die Grönländer selbst verstanden haben, dass in der Masse selbst ein sich aufgeklärt gebender Tourismus ökologische und soziale Verwüstungen anrichten kann.

„Die Gefahr ist natürlich der Ausverkauf von Mensch und Natur", sagt der Polarforscher Arved Fuchs. Er ist derzeit an der fast unzugänglichen Ostküste Grönlands unterwegs, in jenen Packeiswüsten und Gebirgen, die Touristen nur staunend durch das Flugzeugfenster betrachten. Er erzählt, dass die Inuit-Kultur in den vergangenen Jahrzehnten eine „Entwicklung in Riesensprüngen" durchmachte, die erst unlängst mit der sensationellen Installation eines Mobilfunknetzes und dem Internet eine neue Dimension erreichte.

Leicht gesagt, schwer getan: den arktischen Kreuzfahrt-Touristen Grenzen setzen Fuchs kennt aus arktischen Gebieten ausreichend Negativbeispiele dafür, wie sich eine Region im Tourismusrausch an den Abgrund manövrierte: mit Eisbär- und Robbenjagden für die Touristen etwa oder wilden Motorschlittenjagden durch die Natur. Er warnt freilich ausdrücklich davor, den Tourismus in Bausch und Bogen zu verdammen und die Grönländer zu unterschätzen, „nur weil unser Sehnsuchtsdenken die Inuit auf Iglus und Kajaks festlegt". Letztlich sei hier neben dem Verantwortungsbewusstsein der Tour-Veranstalter vor allem der Gestaltungswille der Inuit gefordert: „Bislang hinterlassen die Kreuzfahrt-Touristen kaum mehr als ihr Kielwasser. Wenn sie häufiger an Land kommen, müssen die Grönländer ihnen eben Grenzen setzen." Tatsächlich bemüht sich Grönland - offiziell ein Teil Dänemarks - schon seit etlichen Jahren darum, über seine Geschicke selbst zu entscheiden. Die Selbstverwaltung, das Schul- und das Sozialwesen wurden auch mit Geld aus Kopenhagen nach Kräften ausgebaut. Die reichen Fischgründe schützte man vor der europäischen Konkurrenz, indem Grönland Mitte der Achtziger in aller Freundschaft aus der Europäischen Gemeinschaft austrat. Und als schließlich mit dem Ende des Kalten Krieges auch die Amerikaner nach und nach ihre Stützpunkte verließen, schien die Zeit für einen Auf- und Ausbruch reif.

Als Keimzelle der Entwicklung wurde 1992 Greenland Tourism gegründet. Wenig später wurden die Kreuzfahrt-Reedereien hellhörig; sie nahmen euphorisch zur Kenntnis, dass mit der politischen wie klimatischen Tauzeit am Pol neue Entdeckungsreisen möglich wurden. Der Boom der Branche lässt sich leicht im Zeitungsarchiv nachlesen: Mitte der neunziger Jahre zählten Grönland-Reiseberichte mit Schlagzeilen wie „Im Smoking durchs Treibeis" noch zu den Ausnahmen. In den vergangenen Jahren häufen sich die Reportagen, während kritische Stimmen zu den Auswirkungen des Tourismus abnehmen.

Es zahlte sich augenscheinlich aus, dass Greenland Tourism, zunächst auf den dänischen Markt konzentriert, seit einigen Jahren fast überall auf der Welt mit Slogans wie „Holiday on Ice" oder „Urlaub on the rocks" wirbt. Und auch die deutschen Touristen kommen: In diesem Sommer passierten neben der „MS Disko II" gelegentlich etwa die „MS Bremen", die „MS Hanseatic" und die „MS Deutschland" Grönlands Küste.

Den großen Coup plant Air Greenland, bislang Grönlands Verbindung nach Kopenhagen. Von 2007 an wird die kleine Airline Baltimore an der US-Ostküste anfliegen, um Touristen aus der Region zwischen New York und Washington anzulocken. „Die Verbindung", sagt Flemming Knudsen, Geschäftsführer der Gesellschaft, „wird einen Ausbau des Kreuzfahrt-Tourismus ermöglichen." Ist Grönland auf diesen Ansturm wirklich vorbereitet? Eine der Lieblingsvokabeln der Inuit ist „Imaqa": vielleicht.

In Ukkusissat, bei 71 Grad nördlicher Breite, werden im Halblicht des Sommerabends 50 Rentner in Rettungswesten von der MS Disko II zum Ufer gefahren. Umständlich klettern sie an Land. Sie lachen. Sie plaudern. Und sie verschanzen sich einstweilen wie Eroberungstruppen hinter ihren Teleobjektiven, um die vielen Inuit-Gesichter einzufangen, die ihnen entgegenlächeln.

Das kleine Tourismus-Komitee, das sich in dem Dorf gebildet hat, schleust die Gruppe auffällig schnell an den skeptischen Alten und Fischern vorbei. Die beobachten das Szenario noch immer mit stummer Ablehnung - anders als die Schlittenhunde, die wie überall in Grönland zu Dutzenden vor den Häusern angekettet sind und aufgeregt bellen, weil ihnen heute wegen der Gäste aus Deutschland eine Fütterung bevorsteht. Staunend trappeln die Touristen zwischen den Holzhäusern den Fußpfad hinauf. Sie werden in ein Gemeinschaftshaus bugsiert, dessen Wände das Komitee mit rot-weißen Grönland-Flaggen geschmückt hat. Und sie schauen sich dort, nachdem die deutsche Reiseleitern fast unbemerkt ein vereinbartes Mitbringsel abgegeben hat, mit ernsten Gesichtern einen angeblich traditionellen Volkstanz der Dorfjugend an.

Etliche der Teenager müssen wohl erst noch lernen, was künftig in weitaus stärkerem Maße als einheimisches Kultur-Event vermarktet werden soll. In einer Zeit, in der die Inuit dank Fernsehen, Internet und Bildung alle Segnungen der westlichen Zivilisation genießen können, entdecken sie die kulturellen Wurzeln ihrer Region als Einnahmequelle - und versuchen einen fast unmöglichen Spagat. In gewisser Weise ähnelt die Geschichte der Inuit der der Indianer Amerikas (von denen die Inuit, was Menschen heißt, einst den ungeliebten Namen Eskimos erhielten: Rohfleischesser). Einer der tanzenden Teenager trägt ein schwarzes T-Shirt, das einen Indianer mit Federschmuck zeigt. Willkommen im Reservat?

Auch um diesen Eindruck zu vermeiden, haben Reiseveranstalter mit dem Komitee in Ukkusissat vereinbart, die Schlauchboot-Landungen in den Orten künftig zu reduzieren und stattdessen kleine Inuit-Abordnungen an Bord einzuladen. Den Skeptikern im Ort fallen die Gaffer so nicht auf die Nerven. Und aus Sicht der Tourismusindustrie lässt sich die Illusion, als bliebe dieser ferne Winkel jenseits der Eis- und Gletscherwelt von der Moderne verschont, so besser aufrechterhalten.

Vom Sonnendeck aus können die Touristen immer wieder bunte Kutter ausmachen, deren Besatzungen zwischen den Eisbergen auf Fisch- und Robbenfang gehen. In der Messe gibt es gebratenes Walfleisch, das viel appetitlicher aussieht als die rohe Walspeckschwarte, die bei einer Landung ein Inuit gastfreundlich anbot; auf dem Steg hinter dem Festzelt lagen noch die blutigen Knochen der nächtlichen Jagd.

Es kann im 21. Jahrhundert weder im Interesse der Veranstalter noch der Tourismus-Branche vor Ort sein, in der Arktis Potemkinsche Dörfer aufzubauen. Der Alltag des modernen Grönlands wird bei den Vorträgen auf den Kreuzfahrtschiffen nicht ausgespart. Doch möglicherweise ist die grönländische Wirklichkeit in den hölzernen Häusern zu trist, um sie zur Schau zu stellen. Gar nicht zu reden von den grauen Plattenbausiedlungen, die die Dänen Mitte des vergangenen Jahrhunderts für die Inuit errichteten.

Hans Falck-Petersen ist täglich mit dem Unglück der Menschen dort konfrontiert. Der 50-Jährige arbeitet als Polizeikommissar in Sisimiut, der mit 5300 Einwohnern zweitgrößten Stadt Grönlands. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, als er im Obergeschoss der kleinen Polizeistation eine Tasse Kaffee eingießt. „Unsere Mentalität ist noch immer ein Abbild der Natur. Hier schlagen die Leute sehr schnell um, von herrlichstem Sonnenschein zu gewaltigem Gewitter." Falck-Petersen ist ein aufgeschlossener Mensch. Ursprünglich kommt er aus der Disko-Bucht, der Gegend, die 1996 mit Peter Hoegs Thriller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee" schlagartig bekannt wurde und die nun das Ziel der meisten Kreuzfahrt-Touristen ist. In Sisimiut arbeitet er seit sechs Jahren. Mit Ausnahme der Pfarrer erhält wohl niemand einen so intimen Blick in das Innenleben des grönländischen Gesellschaft wie ein Polizist seiner Statur. Und ebenso wie die Pfarrer, die vor jedem Winter die Familien besuchen, um vor dem Frost die vermutlich benötigten Grabstellen ausheben lassen zu können, macht sich auch Falck-Petersen seine Gedanken über die künftige Entwicklung.

Vor allem die programmatische Rückbesinnung auf alte Traditionen sieht er kritisch. Im Kern seien viele von ihnen sehr frauenfeindlich. Eine Rückbesinnung auf Vergangenes könnte bedeuten, das Rad der Entwicklung zurückzudrehen. Falck-Petersen zieht amtliche Statistiken aus dem Regal. Sie sprechen eine klare Sprache: Selbstmorde. Alkoholismus. Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch, Drogendelikte, Arbeitslosigkeit, tätliche Gewalt.

Verglichen mit europäischen Zuständen, sind die grönländischen Zahlen alarmierend, auch wenn es Zeiten gibt, in denen sich eine Besserung andeutet. Falck-Petersen sagt: „Grönland ist nicht mehr das Land, das gerade erst aus der Kolonialzeit aufgebrochen ist. Es kann sich durchaus kritischen Fragen stellen - wenn die Kritik ohne Arroganz vorgetragen wird." Dann erst spricht er von der Schönheit der grönländischen Natur und den Touristenbooten, die zwischen Juni und September gegenüber der Krabben-Fabrik festmachen; manchmal sind es zwei Schiffe am Tag, manchmal kleine, manchmal große mit 1500 Passagieren. „Anfangs hatte ich große Erwartungen", sagt der Polizist, „ich ging davon aus, dass sich mit dem Tourismus die wirtschaftliche Lage der Stadt verbessern würde. Doch zum einen sind die Preise in den Geschäften zu hoch, um wirklich Gewinn machen zu können - was sich bei einem solch kargen Land, das fast alle Lebensmittel aus der Feme importieren muss, leider nicht verhindern lässt. Zum anderen ist selbst Sisimiut zu klein für den Ansturm der Touristen." Auch in Sisimiut kommen die Gäste an Land, streunen durch den kleinen Ortskern, haben die Abfahrtszeiten im Hinterkopf und eilen vom Hafen bis hinauf zum Friedhof - weil ihnen die Reiseleiter erzählt haben, dass die Friedhöfe mit ihren weißen Kreuzen und frostsicheren Plastikblumen traditionell am Punkt mit der schönsten Aussicht gelegen sind. Auch hier gibt es seit 1994 Ansätze einer kleinen Tourismus-Industrie: Man erzählt den Gästen davon, dass hier allwinterlich ein internationales Langlaufrennen entlang des Polarkreises veranstaltet wird, man zeigt ihnen die blaue Holzkirche, vor der ein Tor aus weißen Walkiefer-Knochen steht, oder die Hallen und Werkstätten, in denen bis heute Kajaks gebaut und Tupilaqs geschnitzt werden. Und man erzählt von den schlechten Erfahrungen, die grönländische Orte wie Sisimiut vor langer Zeit mit den europäischen Walfängern machten. Die Walfänger zogen die Inuit über den Tisch, in jeder Hinsicht. Kann man heute den Touristen trauen?

Die Grönländer mögen es nicht, wenn man ungefragt durch ihren Vorgarten stapft Die Touristen in ihren Allwetterjacken nicken brav. Denken sich nichts Böses. Und schwärmen doch gleich nach der Kirchplatzvisite wieder in kleinen Gruppen durch die baum-, strauch- und zaunlosen Vorgärten, in der einen Hand die Kamera, in der anderen das Mückenspray. Hans Falck-Petersen erzählt: „Es passiert nicht selten, dass die Touristen ungefragt in die Privatsphäre der Bewohner eindringen und dort Bilder machen. Das kränkt viele unserer Leute ungemein. Nur wenn es gelingt, den Touristen ein respektvolleres Verhalten beizubringen, eröffnet uns der Tourismus Chancen." So wie er scheinen viele Grönländer zu denken, häufig ergänzt um den wichtigen Zusatz, dass der Aufbau einer touristischen Infrastruktur angesichts der kurzen Sommer wirtschaftlich kaum tragbar sein könne. Schon deshalb reagierten kleine Küstenorte wie Saqqaq, das von haushohen Eisbergen regelrecht eingeschlossen wird, auf die Anfrage von Norden Tours zur künftigen Zusammenarbeit mit einer freundlichen Ablehnung: Werden die Schiffe größer, sollen hier tunlichst keine Schlauchboote mehr landen. Zumindest nicht, wenn sie so regelmäßig kommen, wie es für das neue Schiff MS Fram geplant ist. Das ist es, was Arved Fuchs mit „Grenzen setzen" meinte.

Die Frage ist nur, ob sich alle Kreuzfahrt-Veranstalter an solche Regeln halten werden. Wer kann schon einen Hotel-Koloss davon abhalten, sich in der Einfahrt zu den Dörfern in die Mittemachtssonne zu schieben? Wird man Gästen, die für einige tausend Euro einen gewissen Anspruch auf eine Postkarten-Idylle erworben zu haben glauben, erklären können, dass man leider einen anderen Ort ansteuern müsse, um das arktische Leben aus nächster Nähe zu bestaunen?

Läuft alles nach Plan, sollen sie vor allem nach Ilulissat fahren - der Name bedeutet im Deutschen nichts anderes als Eisberg. Und wenn ein Städtchen auf den bevorstehenden Tourismus-Ansturm vorbereitet ist, dann dieses. Denn auch wenn der Ort selbst allenfalls mit schlichten Straßen und praktischen Siedlungen glänzt: Die Gletscherwelten des Eisfjordes werden von der Unesco als „Weltkulturerbe" geführt. Es gibt einen kleinen Flughafen und Übernachtungsmöglichkeiten. Es gibt für Besucher ein Freizeit-Angebot, das seit Jahrzehnten fest in der Hand zweier deutscher Aussteiger ist, die Gruppenreisende im preußischen Stechschritt vom Stadtzentrum zum Gletscher führen und bei Bedarf auch Schlittenhund-Touren und Helikopterflüge zum Inlandeis vermitteln.

Und es gibt Menschen wie Jens Ole Tomassen. Tag für Tag tuckert er mit dem alten Holzkutter „Clane" bis heran an die Abbruchkante des Eises, immer entlang der gigantischen blauweißen Eisberge, die an einer Schwelle unter Wasser für eine Weile stranden, bevor sie endgültig ins offene Meer zu treiben beginnen. Tomassen liebt es, mitten im Eisfeld den Dieselmotor auszumachen und seine Gäste der Stille zu überlassen. Er liebt wie alle Inuit das Leben im Freien.

Eigentlich ist Tomassen gelernter Unterwasser-Schweißer. Bricht eine Rohrleitung oder leckt ein Schiff, dann sind sein Mut und Geschick gefragt. Spätestens aber, seit er für ein Fernsehteam gewagte Filmaufnahmen von der Unterseite eines Eisberges machte, hat Tomassen auch den Tourismus als Einnahmequelle erkannt. Das Geschäft geht gut: „In diesem Jahr fahre ich viermal so viele Passagiere wie 2005", sagt er in die Stille hinein. Dann allerdings, ein wenig leiser, weil sein Sohn in der Kajüte über einem Comic-Heft eingeschlafen ist und vermutlich nicht hören soll, was der Vater sagt: „Nur die Klima-Veränderung macht uns vielleicht ein wenig Sorgen. Hier unten war die See im Winter schon lange nicht mehr zugefroren. Und unser Gletscher zieht sich immer weiter zurück." Eine Insel träumt von einer besseren Zukunft, von Ölfunden und sanftem Tourismus Es gibt Touristen an Bord der Kreuzfahrtschiffe, die mit schwarzem Humor von der Klimaerwärmung schwärmen: Je mehr das Gletschereis schmilzt, lachen sie, umso mehr davon bricht als Eisberg ins Meer. Es gibt andere, die andächtig die weißen Nächte durchwachen, nicht glauben wollen, dass diese Schönheit eines Tages verschwunden sein könnte, und die dankbar sind für jede Begegnung mit den Inuit - auf Augenhöhe.

Und es gibt jene, die schon die nächsten Touren planen: erst in die Antarktis, wo es zwar keine Menschen, aber noch größere Eisberge und Pinguinkolonien zu besichtigen gibt. Und dann, wenn alles klappt, zum Nordpol - entweder in einem ehemaligen russischen Eisbrecher oder per Pauschalflug: Der Tourismusriese TUI hat von Mai kommenden Jahres Tagestouren ab Düsseldorf angekündigt, um im Tiefflug eine Schleife über den Pol zu drehen.

Die Grönländer haben andere Sorgen. Sie träumen von einer besseren Zukunft, manchmal sogar von einem Ölfund vor der Küste; Rechte für Probebohrungen wurden soeben versteigert. Und sie haben beschlossen, die Herausforderungen des Tourismus gemeinsam und im Einverständnis mit allen kleinen Ortschaften zu meistern. Auf den Internet-Seiten, die der grönländische Tourismus-Rat eingerichtet hat, kann jeder Grönländer seit Jahren auf Dänisch und Inuit die vereinbarten Strategien, Regeln und Werbemaßnahmen sowie die Anlaufzeiten der Kreuzfahrtschiffe im Detail nachlesen. In einem der letzten Monatsberichte war dabei euphorisch von neuem Interesse für Touren in die Disko-Bucht die Rede. Die Anfrage kam aus Südafrika.

Mehr aus diesem Heft

Ortsbestimmung 

Am Scheideweg

Für deutsche Städte und Gemeinden gibt es zwei Möglichkeiten: Sie können die Globalisierung beklagen. Oder das Beste daraus machen.

Lesen

Ortsbestimmung 

Die Menschen

Hoyerswerda hat keine Zukunft. Heißt es in allen Studien. Weil die Stadt schrumpft. Weil sie überaltert ist. Und nicht wettbewerbsfähig. Aber was zählt wirklich?

Lesen

Idea
Read