Ausgabe 09/2006 - Schwerpunkt Ortsbestimmung

Die Menschen

„Hoywoy, dir sind wir treu, du blasse Blume auf Sand, heiß, laut, staubig und verbaut, du schönste Stadt hier im Land."
Gerhard Gundermann: „Hoywoy"

Alles steht in den Gesichtern der Menschen. Das gesamte Leben, Freude und Leid, Liebe und Angst, Geburt und Tod, schlechte Gewohnheiten und gute Ideen. Alles hinterlässt Spuren, unter den Augen und in den Mundwinkeln, zieht Linien und formt Flächen, bis sich ein stetes Gesicht bildet, das wie ein Schatten über jedem aktuellen Ausdruck liegt. Es ist überall zu sehen, auch in Hoyerswerda in der Oberlausitz, ganz im Osten Sachsens. Dort sind die Alten gut gekleidet und gucken trotzdem böse -selbst wenn sie versuchen zu lächeln, das kommt wohl vom Bergbau, in dem früher alle gearbeitet haben, der macht hart. Da hilft auch nicht die üppige Alterssicherung, denn es gilt: hohe Rente bei niedriger Lebenserwartung. Gute Laune macht das nicht. Aber das Elend lebt an vielen Orten. Und das geht auch, solange es einen Ausgleich gibt, in den linienlosen Gesichtern der Kinder, ihrer Offenheit, Neugier, Freude, einem Spiegel der Zukunft.

Nur gibt es hier kaum Kinder. Früher galt Hoyerswerda als die kinderreichste Stadt der DDR. Vor der Wende lebten hier mehr als 70 000 Menschen, heute sind es nur noch rund 42 000, vor allem Rentner. So gehört der Ort jetzt zu den geburtenschwächsten. Ein Glück, dass zumindest in den Schattengesichtern einiger Erwachsener etwas Junges zu sehen ist: Offenheit, Optimismus und ungebrochener Wille.

Zum Beispiel in dem von Dirk Nasdala. Der 40-jährige Rechtsanwalt stammt aus Berlin, wo er in einer großen Kanzlei große Fälle bearbeitet hat, bis er 1997 nach Hoyerswerda ging, weil „ich mehr Kontakt mit Menschen haben wollte". Einen Monat nach seiner Ankunft lernte er seine Frau kennen, eine Sorbin. Die etwa 60 000 Sorben sind eine nationale Minderheit, sie sprechen sorbisch, haben eine eigene Kultur, und Hoyerswerda (sorbisch: Wojerecy bzw. Wórjejce) liegt in ihrem Siedlungsgebiet. Nasdala erzählt, dass er in einem Chor sorbische Lieder singt, seine Kinder Sorbisch lernen und er Sorben bei Umsiedlungen vertritt.

Umsiedlungen ganzer Dörfer sind in der Gegend nicht selten, denn die Lausitz ist ein gigantisches Braunkohlegebiet, und wenn sich die Förderung einem Dorf nähert, muss es eben weg. Das ist eine schwierige Angelegenheit, denn die Sorben sind sehr heimatverbunden. Und so kämpft Nasdala dafür, dass, wenn schon nicht die Orte, zumindest die Gemeinschaften erhalten bleiben. Er sagt, das ginge auch ganz gut. Der Energiekonzern Vattenfall sei sehr kooperativ, und blieben die sozialen Strukturen erhalten, kämen die Menschen mit der Zeit auch in den neuen Ortschaften zurecht. Und er? Würde er aus Hoyerswerda wegziehen? „Ich fühle mich hier sehr wohl. Selbst wenn irgendwann die Kanzlei nicht mehr laufen würde, bliebe ich auf jeden Fall hier." Rund 30000 Menschen haben das in den vergangenen 15 Jahren anders gesehen - Hoyerswerda ist der Extremfall einer schrumpfenden Stadt. Aber dieser Ort ist ohnehin extrem, das ist schon in seiner Geschichte angelegt. 1955, als hier rund 8000 Menschen lebten, wurde beschlossen, dass die gemütliche Kleinstadt in dem sogenannten Energiebezirk der DDR in eine Großstadt verwandelt werden sollte. In der Gegend sollte Kohle gefördert und im Braunkohleveredelungswerk Schwarze Pumpe verarbeitet werden, wofür mindestens 50 000 Arbeiter benötigt wurden - die sollten hier schlafen.

Ökonomen und Ingenieure verwandelten das sozialistische Utopia in eine Kapitalismus-Parodie Geplant war ein echtes Utopia: Anstatt die Neubauten an die Altstadt anzuschließen, sollte eine Neustadt entstehen, die in Wohnkomplexe (WKs) eingeteilt und mit einem neuen Zentrum sowie einem Kulturpark ausgestattet sein sollte. Zu jedem WK gehörte eine zehnklassige Schule, die optimal ausgelastet werden sollte und so die Größe jedes Komplexes begrenzte, sowie Läden, Grünflächen und eine Gaststätte. Die Bauten waren menschenfreundliche Viergeschosser und die Straßen Sackgassen, damit die Kinder im Zentrum des WK sicher spielen konnten. Außerdem wurde für diese Vision einer Stadt eine ebenso visionäre Form der Architektur entwickelt: der Block aus vorgefertigten Elementen - der erste Plattenbau der Welt steht in Hoyerswerda.

Doch die Utopie wurde schnell von der Realität eingeholt. Die Finanzen der DDR waren schmal, und so bestimmten bald Ingenieure und Ökonomen den Weg in die Zukunft: Die einen sorgten für ein gleichförmiges Stadtbild, weil es einfacher zu bauen war, die anderen dafür, dass alle Blocks gleich aussahen, weil das die Kosten senkte. Der Kulturpark wurde wegen Geldmangels gestrichen und das erste Gebäude des Zentrums 1968 eröffnet, elf Jahre nach Fertigstellung des ersten Blocks - es war ein Kaufhaus.

Arbeiten, schlafen, einkaufen - die Dreifaltigkeit des Kapitalismus wurde in der sozialistischen Modellstadt konsequent verwirklicht.

Aber bekanntlich waren die Ingenieure und Ökonomen im Westen besser, und so begann nach der Wende der Auszug aus dem Paradies: Die erste Welle ging in den Westen, reich werden, die zweite Welle konnte es sich leisten, ins grüne Umland zu ziehen, die dritte Welle verschwand nach dem massiven Arbeitsplatzabbau in Schwarze Pumpe und dem Tagebau, weil es keine Jobs gab. Die klassische Geschichte einer schrumpfenden Stadt (vgl. brand eins 05/2004, "Toll - endlich Platz!"), die bis heute klassisch weitergeht: mit schlecht koordinierten Abrissen und einer überdimensionierten Infrastruktur, die für kleine Einheiten nicht funktioniert.

So etwas kann man natürlich ändern. Es muss allerdings mehr passieren, damit 2030 in Hoyerswerda, wie zurzeit erwartet, immer noch 25000 bis 30000 Menschen leben. Uwe Proksch, Geschäftsführer der örtlichen Kulturfabrik, wird später sagen: „Die Jugendlichen kommen mit 14,15 Jahren zu uns, dann sind sie einige Jahre sehr aktiv, doch nach ihrem Abi sieht man sie nur noch, wenn sie zu Besuch kommen. Sie verlassen die Stadt, weil es hier nichts zu tun gibt." Hoyerswerda braucht Arbeitsplätze.

Dirk Nasdala versucht, etwas dafür zu tun. Er ist Mitglied der Rotarier, der Freien Wählervereinigung und des Vereins Stadtzukunft, die 1998 von jüngeren Unternehmern als Gegengewicht zur offiziellen Politik gegründet wurden. Der Verein organisierte als Erstes ein Filmfestival, bald bekam er Unterstützung von der Stadtverwaltung, und so hat er seitdem viele Projekte initiiert, „damit hier Leben in die Bude kommt".

Ein langfristiges Projekt heißt „Jugend hat Visionen": „Wir sprechen in den Schulen mit Jugendlichen, um gemeinsam herauszufinden, was man hier beruflich machen kann. Wenn sie wissen, was in der Region gebraucht wird, können sie nach der Ausbildung zurückkehren." Eine der zukünftigen Stärken der Region soll der Tourismus werden: Aus einer Reihe von gefluteten Tagebaulöchern entstand die Lausitzer Seenplatte, die sich in den kommenden 20 Jahren zu einem beliebten Urlaubsziel entwickeln soll. Bisher ist das Gebiet zwar eher noch graugrün, aber Nasdala lobt, wie alle Gesprächspartner, das grüne Umfeld der Stadt. Für ihn ist das ein Teil der „Lebensqualität, da kann man auch auf ein gewisses Einkommen verzichten".

Das Gespräch mit Dirk Nasdala folgt demselben Muster wie fast alle Gespräche: Der Anwalt ist freundlich, sympathisch, sehr engagiert und optimistisch, er liebt Hoyerswerda und will für seine Heimat etwas tun - trotzdem äußert er sich an einigen Stellen nur vorsichtig, als fürchte er die Folgen einer unbedachten Bemerkung. Das gibt es in kleinen Orten oft, jeder kennt jeden, alle sind in einem fragilen Netzwerk voneinander abhängig, und das will niemand stören. Doch hier kommt, wie sich mit der Zeit herausstellt, noch etwas hinzu: die alte Ordnung. Früher galt Hoyerswerda als eher liberal, weil die staatliche Kontrolle nicht bis in die Provinz reichte. Inzwischen scheint aber die Kehrseite der Provinz zu dominieren - hier ist vieles noch wie früher.

Die Menschen hocken in ihren Plattenbauten, nun eben mit einer Rente statt eines Arbeitsplatzes, ihre Freizeit verbringen sie im Schrebergarten oder in Vereinen - 40 Prozent der Einwohner sind Vereinsmitglieder, vor allem in Sportvereinen. Und sie wählen PDS: PDS-Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig regiert seit 1995. Aus Nebenbemerkungen und verschluckten Halbsätzen ist zu entnehmen, dass der Mann ein kluger, aber autoritärer Alleinherrscher ist, der von einigen ebenso autoritären Stadträten gern unterstützt wird. Zudem existiert in dieser Stadt immer noch eine gute alte DDR-Tradition: Wer aufmuckt, bekommt eins auf die Mütze oder wird ausgegrenzt. Und Aufmucken kann alles sein, was gerade nicht passt. Insbesondere Eigeninitiative.

Umso erstaunlicher, dass die Kulturfabrik in Hoyerswerda seit zwölf Jahren gut funktioniert. Aber was soll man auch gegen das aus einem FDJ-Club entstandene Kommunikationszentrum sagen, in dem 30 000 bis 35 000 Besucher jährlich rund 400 Angebote nutzen? Konzerte und Filme, ein Liedermachertreffen, ein sachsenweiter Kunstmarkt, ein Filmfestival, Workshops und Kurse, Kinder- und Jugendarbeit, eine Medienwerkstatt - hier passiert fast alles, was eine Stadt von einem Dorf unterscheidet. Und das kostet Hoyerswerda wenig, denn die Kulturfabrik finanziert sich vor allem über Eigeneinnahmen und die sächsische Kulturraumförderung, außerdem arbeiten viele Mitglieder des Trägervereins ehrenamtlich. Leise Zweifel an der offiziellen Wertschätzung des Projektes kommen allerdings auf, wenn man direkt vor dem Zentrum steht: Es befindet sich in einem ramponierten Flachbau am Stadtrand, nebenan steht ein Plattenbau, der aussieht, als fiele er gleich auseinander - das Asylanten- und Obdachlosenheim.

Über dem Eingang der Kulturfabrik steht ,Zwischenbelegung'. Das ist rührend oder der blanke Hohn, vielleicht beides - die Kulturfabrik befindet sich hier jedenfalls seit 1999. Bis dahin war sie in einem Gebäude am alten Markt untergebracht. Das baufällige Haus sollte renoviert werden, der Verein zog aus, dann fehlte das Geld, seitdem warten alle auf bessere Zeiten. Geschäftsführer Uwe Proksch verliert darüber nicht die Fassung. „Es wäre besser, an einem zentralen Ort in der Stadt zu arbeiten, dort könnten wir ein echtes Bürgerzentrum sein. Doch der Laden funktioniert trotzdem, die Leute kommen zu uns." Die Randlage scheint aber kein Zufall. Selbst Stefan Skora, der gemeinsame Kandidat der CDU, SPD, FDP und der Freien Wählervereinigung für die Bürgermeisterwahl im September, ein echter Hoffnungsträger, sagt: „Man muss sich da natürlich etwas überlegen. Einige Anwohner könnte der Umzug an den Markt stören." Trotz Einkaufszentrum und Rentnertunnel: Die Menschen sind glücklich Stören ist vermutlich der zentrale Begriff in Hoyerswerda. Der 42-jährige Proksch erzählt von einer Kneipe, die vor einiger Zeit in einem WK neu eröffnet wurde. Zwei Monate hielt sie durch, gegen die Beschwerden der Anwohner wegen Lärm und Unruhe, dann gab der Betreiber auf. Heute befindet sich in dem Bau ein Bestattungsunternehmen. Die Menschen werden hier nicht gern gestört, oder wie es Stefan Glietsch, Vereinsmitglied bei der Kulturfabrik, ausdrückt: „Es fehlt die geistige Auseinandersetzung. Die intellektuelle Schicht in Hoyerswerda ist recht dünn, es gibt ein paar Lehrer, Architekten und Ärzte, aber eigentlich keine echte Bürgerschicht. Die Altstädter sind Nachkommen von Ackerbauern und Beamten, in der Neustadt leben vor allem Arbeiter." Glietsch ist nicht nur äußerst freundlich, sondern auch sonst ein Bürger, wie ihn sich eine Stadt wie Hoyerswerda nur wünschen kann - allerdings ist es zweifelhaft, dass vor Ort viele Leute diese Sicht teilen. Der 35-Jährige ist hier geboren, hat eine Ausbildung für Schwarze Pumpe gemacht, ließ sich später zum Grafiker umschulen und ist nun arbeitslos. Aber er ist aktiv, arbeitet ab und zu frei, macht Comics und engagiert sich in der Kulturfabrik. Aus seiner Schulklasse, 32 Schüler, ist er der einzige Junge, der in der Stadt geblieben ist. Von den Mädchen waren es drei.

Glietsch wohnt im Zentrum der Neustadt, neben dem Lausitz-Center, einem architektonischen Terroranschlag, der vorgibt, ein Einkaufszentrum zu sein. Das Karstadt-Kaufhaus daneben wird im März 2007 geschlossen, die Lausitzhalle links, ein Veranstaltungszentrum mit 150 000 Besuchern im Jahr, heißt im Volksmund dank des seniorenkompatiblen Programms Rentnertunnel. Jenseits des Areals stehen abrissbereite Plattenbauten neben Freiflächen, auf denen der Bagger schon aktiv war. Und was sagt Glietsch, der von seinem Balkon auf dieses Ensemble des Grauens guckt? „Ich bin glücklich. Ich bin nicht arm, also nach deutschen Maßstäben schon, aber nicht verglichen mit dem Rest der Welt. Ich bin hier relativ sicher, hungere nicht, lebe nicht auf der Straße, trage keine Lumpen - warum sollte ich unglücklich sein?" Das ist ein weiteres beherrschendes Motiv in allen Gesprächen: Alle Befragten wirken zufrieden. Uwe Proksch sagt, es sei komisch, wie sich die Stadt verändere. So seien sämtliche Lebensorte seiner Frau abgerissen, der Kindergarten, die Schule, zwei Wohnhäuser - doch wenn er in die Kulturfabrik komme, sei er glücklich: „Ich mache meine Arbeit gern, alle Menschen, die ich mag, leben in Hoyerswerda, und die weg sind, kommen irgendwann in die Kulturfabrik Das ist hier so eine Art Heimathafen." Selbst die Architektin Dorit Baumeister erklärt, dass ihre Liebe zur Stadt ihren Wunsch abzuhauen, immer wieder überwiegt. Dabei hat die 42-Jährige noch weniger Gründe als die anderen Gesprächspartner: Sie hat einige Kulturprojekte organisiert, etwa „Hier bin ich gebor'n", eine Ausstellung über die Kinder in Hoyerswerda. Im Rahmen der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Veranstaltungsreihe „Shrinking Cities" begleitete sie den Abriss eines Plattenbaus. Und im Moment baut sie mit einer Stadtentwicklungsgruppe eine Info-Box, die den Stadtumbau begleiten soll - das Projekt ist vollständig privat finanziert.

Es gibt vermutlich niemanden, der mehr für das Image der Stadt getan hat als Dorit Baumeister - und das, wo Hoyerswerda von den meisten Menschen bis heute mit den Nazi-Krawallen von 1991 verbunden wird. Aber hat es ihr jemand gedankt? Mehrere Gesprächspartner, die alle nicht zitiert werden wollen, sagen dasselbe: Sie sei in der Stadt gemobbt und beinahe in den Ruin getrieben worden, weil sie gestört habe. Und trotzdem macht sie weiter, erzählt ganz optimistisch von ihren Ideen: „Wir müssen verrückte Leute anziehen, die sonst nirgends eine Chance haben. Bei denen können wir punkten, wenn wir sagen, hier ist Platz, hier könnt ihr was machen. Andere werden wir nicht kriegen, die gehen in gesunde Regionen." Und dann sagt sie noch: „Ich habe den Traum, dass Hoyerswerda ein Vorbild wird." Was bestimmt die Zukunft eines Ortes? In offiziellen Studien zählen die Lage der Wirtschaft, die Bildung, die Demografie, der Wohlstand. Danach hat Hoyerswerda keine Zukunft: In der Studie „Die demografische Lage der Nation" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung steht die Stadt auf Platz 432 von 439 Regionen, im „Zukunftsatlas 2004" von Prognos auf Nummer 439 - letzter Platz. Und selbstverständlich lässt sich das begründen: Es gibt kaum noch Industrie, Vattenfall hat das Kraftwerk Schwarze Pumpe modernisiert und betreibt es inklusive der angeschlossenen Werke mit rund 5000 Leuten, dann gibt es eine Papierfabrik, ein Werk von BASF, eines von MAN. Größere Arbeitgeber sind noch die Verwaltung, die Fachhochschule, die Sparkasse. Das war's. Zudem ist die Stadt hoffnungslos überaltert: Der Altersdurchschnitt lag mal bei 28 Jahren, alle waren jung und hatten Kinder, heute liegt er bei 48 Jahren, Tendenz steigend. Auch die geografische Lage ist schwierig: Es sind zwar nur rund 50 Kilometer bis zum Spreewald, ins Elbsandsteingebirge, nach Dresden - aber es gibt keine Autobahn, von einer S-Bahn wie im Ruhrgebiet ganz zu schweigen. Und das Lausitzer Seenland? Ist eine vage Hoffnung. Warum sollte jemand dort Ferien machen, wenn er an die schöne Mecklenburgische Seenplatte fahren kann?

So kann man das sehen. Oder anders. Ein Ort wird nicht von Rahmendaten bestimmt, sondern durch seine Bewohner. Ausnahmslos alle Befragten antworteten auf die Frage nach ihrem Zuhause: die Familie, die Freunde, die Kinder. Die Menschen. Hundert Menschen können einen Ort retten. Oder ruinieren. Und an dieser Stelle ist Hoyerswerda tatsächlich ein Vorreiter. Denn in Hoyerswerda herrscht Krieg. Es ist der ganz gewöhnliche Krieg, den wir kennen, doch weil Hoyerswerda eine extreme Stadt ist, ist er hier deutlicher: der Krieg des Alten gegen das Neue. Und es ist auch deutlicher, worum es geht: Wenn sich das Alte durchsetzt, das gewohnte, störungsfreie Leben, wird die Stadt sterben - es gibt keine Hilfe von außen, keine Ideen, kein Kapital. Und das ist nicht nur, wie es auf den ersten Blick scheint, ein Kampf der Generationen. Sicher, die Alten wollen die Jüngeren nicht an die Macht lassen. Doch das ist nur die Oberfläche.

Peter Biegel ist 58, aber er steht auf der Seite des Neuen. Auch er hat für die Kohle gearbeitet, bis er 1991 mit zwei Kollegen in Hoyerswerda ein Technologiezentrum gegründet hat, später entstand ein zweites Institut im nahen Lauta. Die beiden Zentren haben bis heute die Gründung von 300 bis 400 Firmen mit rund 800 Arbeitsplätzen begleitet. Biegel, ein fideler Bursche, der vom Segelfliegen schwärmt, sagt: „Heimat ist Wohlfühlen, beruflich und privat. Ich habe hier Freunde, ich kann mittun - und ich kann helfen. Dieses Glück ist natürlich nicht jedem gegeben." Sein Lausitzer Technologiezentrum ist eine GmbH mit zwei Privatleuten und drei Kommunen als Gesellschafter. Es vermietet Räume an Gründer, bewertet und entwickelt Ideen, veranstaltet Symposien zur Nutzung von Industriebrachen oder zur Wertstorfwirtschaft und fördert den Technologietransfer, von der Idee zum Nutzer im Mittelstand. Dabei hilft ihm, dass er außerdem Professor an der Fachhochschule Lausitz ist und seine Projekte mit Studenten vorantreiben kann. Biegel hat für alles Beispiele parat: Er erzählt von einem neuen Humus aus Gülle, der gerade bei einem Winzer in Radebeul erprobt wird und Bauern mehrere Probleme gleichzeitig löst. Er erzählt von Energie, die aus Getreide gewonnen wird, und dem neuen Berufsbild des Land- und Energiewirts. Manchmal kämen auch Verrückte zu ihm. „Kürzlich war einer da, der wolle eine neue Rotationskolbenmaschine entwickeln, er habe dafür schon Patente, und „das muss man einfach mal ausprobieren." Biegel hat Spaß an seiner Arbeit, und „das ist das Erste, was ich meinen Studenten sage: Was ihr auch tut, es muss Spaß machen, das ist das Wichtigste." Danach käme die Teamfähigkeit, allein könne heute niemand mehr etwas bewegen. Und dann das Verantwortungsbewusstsein: „Die Leute sollen nicht in Angestelltenverhältnissen denken. Selbst wenn du einen Chef hast, musst du dich für das, was du tust, verantwortlich fühlen." Er ist dankbar, dass er viel mit jungen Leuten arbeitet, denn „das ist immer wieder interessant. Die Studenten gehen viel unvoreingenommener an Sachen heran, die glauben erst mal, alles funktioniert". Für Peter Biegel ist die Zukunft von Hoyerswerda klar. „Wir müssen versuchen, uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen." Spaß, Teamfähigkeit, Verantwortung, Unvoreingenommenheit. Optimismus. Das ist das Neue. Dirk Nasdala, Uwe Proksch, Stefan Glietsch, Dorit Baumeister, Peter Biegel. Und die, die aus Platzmangel hier etwas zu kurz kommen, aber wenigstens erwähnt werden sollen: Detlef Heuke, Leiter der Volkshochschule, der ein innovatives Partnerprogramm mit zwölf europäischen Volkshochschulen entwickelt hat und nebenbei Hoyerswerda eine Partnerstadt in Finnland besorgte. Dieter Mücke, der mit der Integra Lausitz leckere, knallgesunde Shitake-Pilze produziert und damit bisher sechs Arbeitsplätze geschaffen hat, was man wenig finden kann, aber „wir haben sechsmal eine Perspektive, einen Grund zum Optimismus und vielleicht etwas Familienfrieden geschaffen". Und auch seine Betriebsleiterin Astrid Wünsche, einst Tischlermeisterin in Schwarze Pumpe, danach diverse Jobs in ihrem Fachgebiet, und als da nichts mehr ging „Tupperware, Amway, Versicherungen, man muss doch was machen, man kann nicht bloß zu Hause sitzen, da wird man doch verrückt".

Und das sind sicher nicht alle. Hundert Menschen können einen Ort verändern. Wenn man sie lässt.

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