Ausgabe 12/2006 - Was Wirtschaft treibt

Die Findigen

Als Zugabe zu Brecht bekam das Publikum im Theater Oberhausen vor einigen Wochen ein echtes Drama geboten. Eine Abordnung der 1000 gekündigten Arbeiter von BenQ aus dem nahen Kamp-Lintfort unterbrach "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und forderte Solidarität: "Auf dieser Bühne sehen Sie ein Theaterstück über die Defizite des Kapitalismus. Es ist auch unsere Sache, die auf dieser Bühne verhandelt wird." Die "Freigesetzten" erzahlten, wie ihr ehemaliger Arbeitgeber Siemens ihnen zunächst große Zugeständnisse abverlangt hatte, um seine kränkelnde Handy-Sparte zu retten. Die wurde dann an den taiwanesischen BenQ-Konzern verkauft - der seine deutsche Tochter kühl in die Pleite entließ. Für die Arbeiter ein "Schurkenstück". Für das niederrheinische Städtchen Kamp-Lintfort eine Katastrophe. Dort hatte man nach der Schließung der Zeche große Hoffnungen in die Zukunftsbranche Mobilfunk gesetzt. Aus und vorbei. Jetzt geht es für die meisten der Gekündigten nur noch darum, im Schulterschluss mit Politik und Gewerkschaften dem moralisch angeschlagenen Voreigentümer Siemens möglichst viele Zugeständnisse abzuringen und in Auffanggesellschaften einen Aufschub auf dem Weg in die Arbeitslosigkeit zu erhalten.

Einige hundert Kilometer weiter nördlich, im Flensburger Handy-Werk des amerikanischen Elektronik-Konzerns Motorola, beobachtet man das BenQ-Desaster mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist da Erleichterung über die eigene, glücklichere Lage, denn es läuft gut an der Förde. Das Werk ist ausgelastet, und die derzeit meistdiskutierte Frage ist, welches Handymodell Motorola wohl zu Weihnachten zum Mitarbeitertarif anbietet. Andererseits können die Motorolaner die Existenzangst ihrer Kollegen von BenQ nur allzu gut nachempfinden. Vor fünf Jahren wäre es den damals knapp 3000 Beschäftigten beinahe ebenso ergangen, 750 Menschen wurden entlassen, die Produktion fast komplett nach Asien verlagert. Der Standort stand auf der Kippe, seine Schließung hätte in der strukturschwachen Region ähnlich schlimme Folgen gehabt wie in Kamp-Lintfort.

Doch Motorola kriegte die Kurve: Der US-Konzernzentrale gelang mit dem "Razr", dem bis dahin flachsten Handy der Welt, ein großer Wurf (vgl. brand eins 04/2006, "Richtig verbunden"). Und das Werk Flensburg erfand sich neu. Aus der einstigen Fabrikationsstätte, der Wiege des ersten Mobiltelefons nach europäischem GSM-Standard und des ersten UMTS-Handys, das auch Siemens unter seinem Namen vermarktet, wurde ein Logistik- und Dienstleistungsstandort. Neben zwei Produktionslinien für komplexe UMTS-Handys werden in Flensburg mittlerweile vor allem in Asien hergestellte Mobiltelefone für Kunden in Europa, Afrika und den Nahen Osten "konfektioniert". Das heißt, je nach Provider und Landessprache, mit Software bespielt, gegebenenfalls mit Prepaid-Karten versehen, verpackt und ausgeliefert. Außerdem gibt es Prüflabore, die die Einhaltung der technischen Standards kontrollieren. Und eine Prototypenfertigung, bei der man schaut, ob das, was in den Motorola-Entwicklungszentren anderswo erdacht wurde, serientauglich ist.

Bei all dem ist das Werk, 2005 von der Zeitschrift " Produktion" als "Fabrik des Jahres" ausgezeichnet, fix, effizient - und 24 Stunden täglich für seine Kunden da: Die Mitarbeiter arbeiten mit einer Sondergenehmigung des Landes Schleswig-Holstein an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr. Der "Rheinische Merkur" nannte die gelungene Wende "Das Wunder von Flensburg". Christoph Hollemann, Werkleiter und einer der Geschäftsführer der Motorola Deutschland GmbH, hört das nicht so gern, denn: "An Wunder mag man glauben, aber dahinter steckt ein klares Konzept und harte Arbeit." Der 44-jährige Ingenieur ist ein jungenhafter Typ mit Igelfrisur und verschmitztem Lächeln, das er auch beim Foto-Termin nur schwer unterdrücken kann. Für einen Techniker redet er viel und verständlich. Ein gewisses PR-Talent, das hat er gelernt, gehört zur Standortpflege des letzten verbliebenen Motorola-Werks in einem Hochlohnland.

Der Konzern ist zurzeit obenauf und Hollemann deshalb gut drauf. Er kennt aber auch andere Zeiten. Als er 2000 aus der Automobilbranche als Fertigungsleiter nach Flensburg wechselte, klang der erste Handy-Boom gerade aus. Der weltweite Verkauf von Mobiltelefonen brach innerhalb von zwei Jahren von 600 Millionen jährlich auf 450 Millionen ein (mittlerweile sind es fast eine Milliarde). Das damals technikfixierte Unternehmen Motorola wusste der Krise nichts entgegenzusetzen. Die Amerikaner hatten zwar gut funktionierende, aber keine gut verkäuflichen Handy-Modelle; ihr Marktanteil sank dramatisch. Man dachte bei Motorola - wie später bei Siemens - darüber nach, sich vom schwer zu kalkulierenden Mobiltelefon-Geschäft zu trennen.

"Ich habe drei Jahre hintereinander jedes Jahr einen Sozialplan gemacht", erinnert sich. Hollemann, " und wir haben immer mehr Produktion verlagert." Dazu, so sieht es Hollemann heute, habe es keine Alternative gegeben. Zwar liegt der Lohnkostenanteil in der kapitalintensiven Handybranche bei lediglich rund fünf Prozent (in der Automobilindustrie sind es 15 Prozent). Doch angesichts der chinesischen Löhne, die nur ein Zehntel der deutschen ausmachen, ergebe sich trotzdem ein nicht zu ignorierender Wettbewerbsvorteil - der auch durch eine noch so effiziente Fertigung nicht auszugleichen sei, sagt Hollemann.

Stirbt mit der Handy-Fertigung also unweigerlich der jüngste Spross der deutschen Elektroindustrie aus, wie der Infineon-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Ziebart warnte? Gehen die Handys den Weg der PCs, die dank Standardisierung von Bauteilen und Software an jedem Ort der Welt von Billig-Lohnfertigem montiert werden? Einer, der sich mit dieser Frage seit Jahren beschäftigt und auch gerade bei Motorola in Flensburg zu Besuch war, ist Ulrich Voskamp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Forschungsinstitut der Georg-August-Universität Göttingen. Er sieht den Trend zur Verlagerung kritisch. Zwar bevorzugten Analysten heute schlanke Unternehmen - doch berge diese Schlankheitskur erhebliche Risiken. Anders als PCs sind Mobiltelefone keine standardisierten Geräte aus baugleichen Modulen.

Es gibt auch kein einheitliches Betriebssystem, kein Windows für Handys. Bei den Geräten handle es sich um weitgehende Eigenentwicklungen der Hersteller, sogenannte proprietäre Systeme, und deshalb sei eine Auslagerung der Produktion nicht so ohne weiteres möglich, schreibt Voskamp in einem Beitrag für die " WSI-Mitteilungen" der Hans-Böckler-Stiftung. Gegenwärtig stammt noch das Gros der weltweit produzierten Handys aus den Werken der Markenhersteller.

Voskamp ist bei seinen Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass es keinen Königsweg in der Handy-Industrie gibt. Hersteller können mit ganz unterschiedlichen Methoden erfolgreich sein - oder eben nicht. Siemens scheiterte mit seiner integrierten Produktion auf dem Heimatmarkt Deutschland. Nokia macht vor, wie sie funktioniert: Der finnische Marktführer stellt das Gros seiner Handys nach wie vor in eigenen Werken her, unter anderem in seinem Hauptwerk im finnischen Salo und einem anderen in Bochum. Und erzielt eine Traumrendite von etwa 20 Prozent.

Auch Samsung, das in den vergangenen Jahren mit aufwendigen Handy-Modellen punkten konnte, setzt auf Eigenproduktion in seinem Stammland Süd-Korea. Das Gemeinschaftsunternehmen Sony-Ericsson lagerte dagegen mit der Gründung seine Produktion komplett an den Auftragsfertiger Flextronics aus, um sich auf Entwicklung, Vertrieb und Marketing zu konzentrieren. Mittlerweile hat der Konzern allerdings wieder eigene Fertigungskapazitäten aufgebaut.

Es spricht einiges für eine Produktion aus einer Hand. Handys sind komplexe Geräte, deren Bauteile stark voneinander abhängen - und es handelt sich um verderbliche Ware, der Produktzyklus liegt gerade mal bei sechs bis neun Monaten. Deshalb muss, wer in diesem Geschäft erfolgreich sein will, über eine sehr flexible und zuverlässige Produktion und Logistik verfügen - und einen Riecher für die Gimmicks haben, mit denen man Kunden ködert. Unter diesen Bedingungen, sagt Voskamp, gibt es gute Argumente dafür, auch an Hochlohnstandorten zu produzieren. Das kann sich rechnen, wenn es darauf ankommt, Entwicklungsprozesse zu unterstützen und neue Produktideen schnell in eine effiziente Serienfertigung umzusetzen.

Ein Pfund, mit dem auch Motorola Flensburg wuchert. Sein Überleben verdankt das Werk seiner Geschichte und der Findigkeit seiner Mitarbeiter - mittlerweile sind es noch rund 1200 Festangestellte -, die es gewohnt sind, sich auf neue Umstände einzustellen. Die Fabrik wurde 1967 vom dänischen Funkgeräteproduzenten Storno gegründet, um - Dänemark war damals nicht Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft - Zugang zum europäischen Markt zu bekommen.

Storno beschäftigte sich mit der Digitalisierung des Funks und als Nebenprodukt auch mit den Grundlagen digitaler Telefonie. In den Siebzigern geriet die Firma in Schwierigkeiten und wurde vom US-Konzern General Electric übernommen, der sie in den Achtzigern an den Funkpionier Motorola weiterreichte. Der erkannte das Potenzial. Dank des vereinten Know-hows von Nordeuropäern und Amerikanern konnte der Konzern 1991 das erste GSM-Funktelefon auf den Markt bringen. Ein lukrativer Wettbewerbsvorteil für Motorola und goldene Jahre für sein Flensburger Werk waren die Folge. 1998 wurde die alte, noch aus Storno-Zeiten stammende Fabrik durch eine neue auf der grünen Wiese vor Flensburg ersetzt. Das Land half mit erheblichen Subventionen und der Ausnahmegenehmigung für die Sieben-Tage-Woche.

Flensburg ist die Wiege des europäischen Handys. Doch Geschichte zählt in dieser Industrie wenig Bereits zwei Jahre später war es vorbei mit dem Boom. Jobs wurden abgebaut, Subventionen zurückgezahlt und aus Entwicklern und Produktionsarbeitern wurden Logistiker, die rund um die Uhr für ihre Kunden bereitstehen. Ingenieure, die sich zuvor mit Automatisierungstechnik beschäftigt haben, tüfteln nun an platzsparenden Verpackungen in schickem Design. So erfolgreich, dass man im Konzern über die Findigkeit der Flensburger staunt, die das "Wallstreet Journal" einmal halb bewundernd, halb despektierlich als " Übermenschen" bezeichnete.

Hollemann und sein Team denken sich ständig "neue Innovationen" aus, wie er gern sagt; das Werk existiert auch deshalb noch, weil an der Spitze stets Tüftler standen und keine Manager, die den Job nur als Sprungbrett sahen. So ist es in Flensburg jüngst gelungen, die "Durchlaufzeiten" der UMTS-Handy von 24 auf sechs Stunden zu reduzieren, indem Fertigung, Aufspielen der Software und Verpacken in einer Arbeitssequenz erledigt werden.

Tempo, Tempo und immer auf die Kosten achten - das ist Hollemanns Devise. "Die Handy-Industrie", sagt er, "verändert sich zehnmal schneller als die Automobilindustrie." Die Erfindung des Mobiltelefons liegt gerade mal 15 Jahre zurück - und schon ist der Markt in seine Reifephase getreten. Aus faszinierender Technik wurde ein designgetriebener Modeartikel, für den auch die Verfallszeiten der Mode gelten.

Schick müssen die Geräte sein und den Providern möglichst viel "Airtime" bescheren, also viele Gesprächsminuten und Downloads. Hollemann spricht im Managerdeutsch von einem "Beziehungsmarkt", die Handy-Hersteller müssten möglichst eng mit den Providern kooperieren. Als Beispiel nennt er ein Handy, das Motorola in sechs Farben anbietet. Weil die Telefon-Geschäfte mit der Lagerhaltung überfordert wären, liegen dort nur das schwarze Standardmodell und farbige Muster aus. Entscheidet sich der Kunde für ein farbiges Modell, bekommt er es aus einem zentralen Lager innerhalb von 24 Stunden nach Hause geschickt. Solchen Ideen verdankt die Fabrik ihre Existenz. Hollemann führt im Laufschritt hindurch, grüßt fleißig, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Und rückt mal an dieser mal an jener Pinnwand einen Zettel gerade; auf einem ist ein Zitat des englischen Revolutionärs Oliver Cromwell zu lesen: " Wer aufhört, besser werden zu wollen, hat aufgehört gut zu sein." Beim Werksrundgang zeigt er stolz Entwürfe von Studenten der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, die sich Ideen für mobile Geräte von morgen haben einfallen lassen. Gern würden die Flensburger auch bei ihrer Entwicklung mitmischen, doch das ist in der Motorola-Strategie nicht vorgesehen. An diesem Rahmen, der in der Konzern-zentrale in Schaumburg bei Chicago gesteckt wird, und dem beinharten Standortwettbewerb muss sich Hollemann orientieren.

Sogar der Gewerkschafter ist angetan von dem ultraflexiblen Flensburger Arbeitszeitmodell Er sieht sich als Kämpfer auf einem globalisierten Markt, seine Truppen stehen an der "Linie", bespielen die Mobiltelefone mit Software und verpacken sie. Das ist einfache Arbeit für Angelernte, die sich, wie der Betriebsrat später erklären wird, nicht so gut maschinell erledigen lässt. Sie ließe sich auch in Asien erledigen - allerdings nicht so termingetreu und zuverlässig, wie die europäischen Kunden es wünschen. Die Mobilfunkgesellschaften sind es gewohnt noch in letzter Minute etwas an ihrer Software zu ändern. Wenn diese Nachricht in Singapur ankäme, wären die Handys längst auf der Reise nach Europa. Flensburg macht's möglich - das ist die Lücke, in die sich das Werk gerettet hat.

Hollemann erzählt beiläufig, dass ein ähnliches Distributionszentrum in Texas ausgelagert wurde und vom Motorola-Vertragspartner mit mexikanischen Löhnen betrieben wird. Flensburg setzt Esprit und Einsatz dagegen. Die Mitarbeiter arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten. Einen halben Tag lang eine eintönige Arbeit zu verrichten klingt nach Zumutung, dennoch sei man zufrieden, versichert Peggy Schaly-Erben, eine der Arbeiterinnen. Vor allem wegen der Freizeit: Dank der langen Schichten gibt es nur 173 Arbeitstage im Jahr abzüglich des Urlaubs.

Auch der Betriebsrat Dieter Neugebauer, ein Mann mit dem typischen gelassenen Sound der Gegend, bestätigt das. Er sitzt in seinem Betriebsratsbüro, in dem ein Hans-Albers-Plakat mit der Aufschrift "Nur Lumpen sind bescheiden" hängt, und betont, dass die Mitarbeiter sich dieses Arbeitszeitmodell selbst unter drei Varianten mit großer Mehrheit ausgesucht haben. "Zwar gab es Skeptiker, die von einer Wahl zwischen Pest und Cholera sprachen, aber die sind ruhig geworden." Zum einen wegen der vielen freien Tage und zum anderen wegen der guten Planbarkeit. Das Schichtmodell steht für ein Jahr fest: "Jeder weiß, an welchem Wochenende er arbeiten muss und an welchem er frei hat." Früher, so Neugebauer, seien Auftragsspitzen durch spontane Mehrarbeit ausgeglichen worden. Heute behilft sich die Werkleitung mit rund 800 Leiharbeitern, etliche können kurzfristig per SMS zur Schicht gerufen werden. Flexibilität heißt auch, dass der Arbeitgeber seine fest angestellten Mitarbeiter nach Hause schicken kann, wenn nichts zu tun ist - etwa, weil eine Frachtmaschine mit Handys aus Asien Verspätung hat. Bei einer Ansage innerhalb von zwei Stunden nach Schichtbeginn, so die Regel, müssen die Leute wieder heimkehren und bekommen nur einen halben Tag bezahlt. "Die Zeiten, in denen man in einem solchen Fall bezahlt in der Kantine Skat spielen konnte, sind vorbei", sagt Neugebauer. Man könne auch als Betriebsrat die Augen nicht vor den chinesischen Lohnverhältnissen verschließen.

Die pragmatische Haltung bei Motorola in Flensburg hat auch mit der Nähe zum pragmatischen Dänemark zu tun und etlichen Dänen, die dort arbeiten. Selbst der örtliche IG-Metall-Bevollmächtigte Meinhard Geiken, der als Arbeitnehmervertreter auch im Aufsichtsrat der Motorola GmbH sitzt, ist zufrieden mit den Flensburger Verhältnissen. Zeigten sie doch, dass man "unter Tarifbedingungen konkurrenzfähig sein kann". Motorola ist zwar nicht im Arbeitgeberverband, orientiert sich aber - auch bei den einfachen Verpackungstätigkeiten - am Metalltarif und gehört damit zu den bestbezahlenden Unternehmen der Region. Über die ungewöhnliche Arbeitszeitregelung sagt Geiken: "Das Ungewöhnlichste daran ist, dass die Öffentlichkeit kaum wahrnimmt, wie flexibel in unserem Land gearbeitet wird." Woran die Gewerkschaften, die mit solchen Zugeständnissen nicht gerade offensiv werben, nicht unschuldig sind.

Allerdings zweifelt Geiken daran, dass der Weg von Motorola in Flensburg zukunftsträchtig ist, "weil das Werk keine Produkte entwickelt und kaum noch welche fertigt". Die Produktion der UMTS-Handys sei nur dank des hartnäckigen Kampfs der örtlichen Geschäftsleitung erhalten worden. Wenn diese Fertigung Standard ist, könnte auch sie verlagert werden - was negative Auswirkungen auf den Prototypenbau hätte, der von den praktischen Erfahrungen in der Produktion profitiert.

Fehler rächen sich in dieser Branche schnell, wer zu viele Flops produziert, ist aus dem Spiel. Sylvia Richter weiß das. Die 36-jährige Industrieelektronikerin hält im "Solidaritätszelt" vor dem BenQ-Werk in Kamp-Lintfort die Stellung. Sie zählt Versäumnisse ihres Ex-Arbeitgebers Siemens auf: So habe man das erste Handy mit Radio- und MP3-Player entwickelt und das erste mit Farbdisplay - aber nicht rechtzeitig auf den Markt gebracht. "Siemens", sagt sie, "hat das Comsumer-Geschäft nie verstanden." Auch bei denen, die es besser verstehen, ist die Zukunft ungewiss. Prognosen sind in dieser Industrie, die sich so rasch wandelt wie kaum eine andere, schwer möglich. Es heißt also: flexibel bleiben. Der Motorola-Betriebsrat Neugebauer wird zum Ende des Gespräch ganz euphorisch und prophezeit, dass man in zwei Jahren dem Platzhirschen Nokia die Position streitig machen könne. Aber selbst das, weiß er, werde der Flensburg-Kernbelegschaft keine zusätzlichen Jobs bescheren.

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