Ausgabe 02/2006 - Schwerpunkt Leadership

Neue Realisten

"Wir müssen Fortschritte erzielen. Die Müllbranche verändert sich. Du und ich, wir sind die junge Generation. Wir haben gemeinsame Interessen." Eine ehrgeizige junge Führungskraft zu einer anderen ehrgeizigen jungen Führungskraft in der Mafia-Serie "Die Sopranos". Eine der beiden Führungskräfte überlebt diese Koalitionsverhandlungen nicht.

Stellen Sie sich eine Organisation vor, deren Mitglieder offen miteinander konkurrieren. Einzelne Abteilungen schließen sich zusammen, um den Aktionsradius anderer Abteilungen zu beschneiden. Stellen Sie sich eine Organisation vor, in der die wirkungsvollste Aufstiegstechnik darin besteht, die Fehler der unzähligen Konkurrenten in eigene Vorteile zu verwandeln. Offiziell sind diese Konkurrenten Kollegen, Freunde und Genossen.

Die Einflussmöglichkeiten der Organisationsspitze auf die unteren Hierarchieebenen sind minimal. Niemand aus dem Machtzentrum der Organisation kann Angehörige des Verbandes befördern, abmahnen, wegen erwiesener Unfähigkeit versetzen, kündigen oder zu einer Umschulung schicken. Dafür können sich Angehörige der mittleren Hierarchieebene zusammenschließen und die Organisationsspitze austauschen. Ehrgeizige Mitglieder nehmen jederzeit in Kauf, dass die gesamte Organisation durch interne Konflikte beschädigt wird, wenn die Eskalation dem eigenen Aufstieg in der Hierarchie dient. Deshalb sind ehrgeizige Mitglieder für die Organisation gefährlich. Noch gefährlicher sind Mitglieder ohne Ehrgeiz. Schließlich ist das Engagement der Mitglieder die einzige legale Energiequelle der Organisation.

Stellen Sie sich eine Organisation vor, deren maßgebliche Mitglieder sich bei Sachfragen vor allem dafür interessieren, welche Option der eigenen Machtabsicherung innerhalb der Hierarchie dient. Sie müssen nicht unbedingt wissen, welche Lösung funktioniert. Sie müssen vor allem wissen, welche Lösung in der Organisation auf Zustimmung stößt. Die Organisation produziert weder Waren, noch Dienstleistungen oder Wissen, sondern etwas Komplizierteres: Auseinandersetzungen.

Wichtigstes Ziel der gesamten Organisation ist es, Einfluss auf eine andere, größere Organisation auszuüben: den Staat. Von Angehörigen solcher Organisationen werden wir regiert. Man nennt sie Parteien.

Johannes Vogel und Philipp Mißfelder, Niels Annen und Malte Spitz haben gelernt, sich in Parteien zu bewegen. Wenn sie weniger Fehler als ihre organisationsinternen Konkurrenten machen, sind sie irgendwann dort, wo ihre Vorgänger gelandet sind: im Kanzleramt. In der Fraktionsspitze. In einem Ministerium. Irgendwo im Zentrum der politischen Macht. Wie Gerhard Schröder, vor längerer Zeit einer von Niels Annens Vorgängern als Juso-Vorsitzender. Oder Guido Westerwelle, einer von Johannes Vogels Vorgängern als Vorsitzender des FDP-Jugendverbandes Junge Liberale. Wie Hildegard Müller, von der Philipp Mißfelder 2002 den Vorsitz der Jungen Union übernommen hat. Seit November ist sie Staatsministerin im Kanzleramt. Malte Spitz, der politische Geschäftsführer der Grünen Jugend, hat nicht so prominente Vorgänger. Das liegt daran, dass sich die grünen Spitzenfunktionäre der Gründergeneration noch mit Mitte 50 für Rock 'n' Roller halten. Oder daran, dass sich die Grüne Jugend erst 1994 gegründet hat. Der Marsch durch die Gremien, Institutionen und das Ausharren im Sitzungshalbschlaf hat beim grünen Nachwuchs gerade erst begonnen.

Der Nüchterne Malte Spitz ist 21 Jahre alt und ein Profi. Die Zeiten, in denen bei den Grünen Politik mit Religionskriegen verwechselt wurde, sind vorbei. Als Treffpunkt hat er ein Cafe in Kreuzberg vorgeschlagen, aber bitte nicht so früh, am Abend zuvor war er auf einer Party. Das bleibt der einzige Hinweis darauf, dass der Berliner VWL-Student zu einer Partei gehört, in der Leistungsdenken und Karrierekalkül einmal verpönt waren. Ausschlaggebend für sein Engagement bei den Grünen sei ein Jahr als Austauschschüler in Texas gewesen. Danach habe er gewusst, wie eine Gesellschaft aussehe, in der er nicht leben wolle.

Um den Job als politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend musste Spitz nicht kämpfen. "Viele Leute überlegen es sich fünfmal, ob sie so einen Posten übernehmen wollen. Studium ist nicht wirklich möglich, man gibt extrem viel Freizeit auf, finanziell zahlt man drauf. Die 300 Euro Aufwandsentschädigung monatlich decken die Handyrechnung und zwei Abendessen." Einerseits. Andererseits tut Spitz nicht so, als sei das alles uneigennützig. "Man lernt Leute kennen und nimmt Wissen auf: Wie verhält man sich, wenn man im engsten Kreis mit einem Parteivorsitzenden spricht? Wenn wir morgen in einer Presseerklärung verlangen würden, dass Fischer wegen der CIA-Entführungsflüge vor einen Untersuchungsausschuss muss, hätte das politische Folgen. Damit umzugehen, lernt man nicht an der Uni." Das Schöne an seiner Position sei: "Ich kann meinen eigenen Plan stricken und meine Schwerpunkte setzen. Ich mache viel Öffentlichkeitsarbeit, viel Sponsoring und Fundraising. Ich könnte mit meinen 21 Jahren Aufgaben übernehmen, die andere vielleicht erst mit 30 beherrschen: Wie führt man als Arbeitgeber Personalverhandlungen, wie geht man mit Stress-Situationen um?" So wird Engagement zum Karrierebeschleuniger. Und Parteiarbeit zum selbst organisierten Praktikum.

Die Veränderungen, die Malte Spitz an sich beobachtet, seit er den Vorstandsposten vor zwei Jahren übernommen hat, dürften sich nicht wesentlich von denen anderer Nachwuchspolitiker unterscheiden. "Ich bin schneller geworden und vorsichtiger.

Jeden zweiten Tag lernt man, mit welchen Leuten man hätte reden sollen und mit welchen besser nicht. Natürlich lernt man auch, Leuten aus der eigenen Partei zu misstrauen, etwa beim Kampf um Listenplätze - ein Klassiker. Man trifft Absprachen, die vielleicht von anderen nicht eingehalten werden, man wird benutzt, durchschaut das und zieht daraus dann seine Konsequenzen. Parteipolitik ist vor allem Personenpolitik. Inhalte werden durchgesetzt, indem Personen durchgesetzt werden. Und umgekehrt: Konflikte um Inhalte rühren zu Konflikten um Personen." Die Mechanik der Macht unverschnörkelt zu benennen hat für Spitz nichts mit Zynismus zu tun. Sie mit Gutmenschen-Parlando zu vernebeln wäre ihm vermutlich unangenehm. Logisch, dass er eine Technik, mit der Helmut Kohl die CDU dominiert hat, beherrscht: Dauerkommunikation bis in die feinsten Verästelungen der Partei. "Wenn heute in Baden-Württemberg eine Veranstaltung ist, kann ich zwei, drei Leute anrufen, die mir erzählen, ob da etwas Wichtiges diskutiert wurde", sagt der grüne Pragmatiker. "Information ist extrem wichtig, um den anderen, auch etwaigen Konkurrenten, immer einen Schritt voraus zu sein." Als der offizielle Teil des Gesprächs zu Ende ist, lästert der sympathische Profi noch ein wenig über grünes Spitzenpersonal und erzählt, welche Figuren aus der Parteiprominenz ihm einfallen, wenn er darüber nachdenkt, wie er garantiert nie enden will.

Es gibt keine Automatismen auf dem Weg vom Jugendverband in die Spitzenämter. Ein Fehler kann reichen, um alle Karriereträume platzen zu lassen. Johannes Vogel zum Beispiel wurde Vorsitzender der Jungen Liberalen, weil sich sein Vorgänger mit einem nassforschen Satz ins Aus geschossen hatte. "Es wird Zeit, dass die Alten von ihrem Tafelsilber etwas abgeben, einen Löffel oder besser gleich ein paar davon", hatte der damalige Juli-Vorsitzende Jan Dittrich im Februar 2005 verkündet. Anschließend mussten nicht die Rentner den Löffel abgeben, sondern er seinen Posten. Das war Johannes Vogels Chance.

Eine wichtige Funktion der Jugendverbände ist es, Borderliner auszusortieren, bevor sie in der Mutterpartei größere Verwüstungen anrichten können. "Das Netzwerk testet Personen auf ihre Führungspotenziale hin. Die Disziplinierung liegt in der Parteikonkurrenz", schrieb der Soziologe Niklas Luhmann ("Die Politik der Gesellschaft"). Die Arbeit in der Jugendorganisation wird zur Bühne, die es Parteihierarchen erlaubt, Talente wahrzunehmen und in die eigenen Netzwerke einzubauen. Was bei Karrieren in Unternehmen neben der Sacharbeit mehr oder weniger diskret mitläuft, die Vermarktung der eigenen Person innerhalb der Organisation, rückt bei Parteikarrieren ins Zentrum. Selbstvermarktung gehört zu den Kernkompetenzen im Politiker-Job.

Die parteiinterne Selektion sorgt dafür, dass die Konkurrenzfähigen aufsteigen. Das sind nicht zwangsläufig die Qualifizierten. Luhmann: "Dass die parteiinterne Durchsetzungsfähigkeit eine Art Prüfung ist, ist schwer zu bestreiten. Eine Problem aller Karrierestrukturen ist, dass die Bewährung auf einem Platz nicht unbedingt ein guter Indikator für die Bewährung in anderen Aufgabenbereichen ist." Zum Beispiel in Regierungsämtern.

Der Kämpfer Es ist ein seltsames Gefühl, einem 26-Jährigen gegenüberzusitzen und zu denken, der wird mal Minister. Philipp Mißfelder ist der jüngste Bundesvorsitzende, den die Junge Union bisher hatte. Er ist auch der jüngste Nachwuchspolitiker, der je in den CDU-Bundesvorstand gewählt wurde. Schon als 20-Jähriger gehörte Mißfelder zum Führungsgremium der Partei. "Ich bin im 13. Schuljahr in den Bundesvorstand der CDU gekommen, unter Schäuble und Merkel. Damals hatten wir teilweise jede Woche Vorstandssitzungen, in der Zeit der Spendenaffäre", erzählt er.

Mißfelder trägt bei unserem Gespräch im Berliner Cafe "Einstein" Arbeitskleidung: Anzug und Krawatte. Er wirkt hellwach, trotz der dunklen Ringe unter den Augen. Jemand, der schnell denkt, schnell spricht und trotzdem etwas Bodenständiges hat. Er könnte vermutlich jederzeit eine Rede im Bierzelt halten. Oder politische Optionen kühl durchdeklinieren - etwa die Langzeit-Perspektive einer schwarz-grünen Zusammenarbeit, derzeit eines seiner Lieblingsthemen. Mißfelder strahlt Kraft aus und die Lust daran, sich ins Getümmel zu stürzen. Einmal sagt er, dass in der Politik " Kämpfer" gemocht werden, jedenfalls mehr "als welche, die sich wegducken". Zu welcher Sorte er gehört, ist klar.

Die Junge Union ist für ihn das Trainingslager. Seit der Bundestagswahl ist er Abgeordneter, der nächste Lernschritt. "Ich muss mich viel disziplinierter verhalten, was meine Tätigkeit als Abgeordneter angeht. Ich bin wesentlich härter zu mir selbst geworden. In der Sitzungswoche habe ich drei, vier Stunden Schlaf im Durchschnitt. Wenn ich zwischen meinem Wahlkreis und Berlin pendle, nehme ich in der Regel in Recklinghausen den Zug um 4:31 Uhr. Das ist normal." Die eigene Karriere analysiert Mißfelder nüchtern: "Man lernt in der Jungen Union die Mechanismen kennen, wie man mit innerparteilicher Macht umgeht. Zum Beispiel, wie man auch innerhalb kürzerer Zeit Mehrheiten organisiert. Sachentscheidungen werden häufig zu Machtfragen. Da gucken alle genau hin: Wer sich an der Stelle nicht durchsetzt, hat ein Problem. Das kann innerhalb von ein paar Tagen geschehen." Die Nebelkerzen schenkt sich Mißfelder, auch die Behauptung, in der CDU seien alle dicke Freunde. "Natürlich werden Sachfragen benutzt, um Machtpositionen abzusichern. Im vergangenen Jahr, im Vorwahlkampf, konnte man irrwitzige Dinge erleben. Um Sachfragen wurden sich überhaupt keine Gedanken mehr gemacht, es ging nur noch um machtpolitische Auseinandersetzungen. Den Posten bekommt derjenige, der sich am besten durchsetzen kann." Das Auslesesystem sei hart. "Oft bekommen die Aufmüpfigen eine bessere Chance als diejenigen, die immer stromlinienförmig und zuverlässig agieren. Um die muss sich die Fraktionsführung nicht kümmern, die werden abgehakt." Die Gefahr, unsichtbar zu werden, besteht bei Mißfelder nicht. Gefährlich ist für ihn etwas anderes: das graue Mittelfeld der eigenen Partei, die vielen Parteifreunde, die er beim Durchmarsch nach oben überholt hat.

Mißfelder: "Es gibt viele Neider. Oft sind das Leute, die selber schon harte Niederlagen einstecken mussten und dann dazu neigen, anderen, die an ihnen vorbeiziehen könnten, einen Stoß zu geben. So etwas kann eine fatale Wirkung haben. Diese Menschen machen das auch, wenn sie selbst von diesem Stoß im Ergebnis gar nichts haben. Sie stoßen, um zu sehen, wie der andere strauchelt. Die Verbitterten, die selbst einmal Ambitionen hatten und sie nicht realisieren konnten, sind gefährlich oder die Gestürzten, die einmal mächtig waren und es nicht mehr sind." Öffentlich bekannt wurde Mißfelder im Sommer 2003. Ein einziger Satz genügte, um ihn zum Buhmann des Sommertheaters zu machen. In einem Interview hatte er vorgeschlagen, die Krankenkassen von der Pflicht zu befreien, Zahnprothesen und künstliche Hüftgelenke für 85-Jährige zu bezahlen. Was folgte, hätte schwächere Charaktere aus der Bahn geworfen.

Mißfelder: "Es gab an einem Tag rund hundert Agenturmeldungen über mich, eine schlimmer als die andere. Einige Ministerpräsidenten der Union haben sich scharf distanziert, das geht dann sehr schnell, brutal und ohne Vorwarnung. Es gab äußerst harte öffentliche Reaktionen, gerade von prominenten Parteifreunden. In solchen Situationen waren deren Eigeninteressen stärker als alle Freundschaften. Danach, wenn man das überstanden hat, sind das wieder gute Parteifreunde. Aber Karl-Josef Laumann zum Beispiel hat mich angerufen und gefragt, wie ich meine Aussage gemeint habe. In der Sachfrage haben wir ganz klar unterschiedliche Positionen, Laumann repräsentiert als CDA-Vorsitzender den Arbeitnehmerflügel. Trotzdem hat er die Situation nicht ausgenutzt, im Gegenteil. Nach unserem Gespräch hat er sich hingestellt und gesagt: ,Der Mißfelder ist ein guter Junge, der steht nicht für soziale Kälte.' Das gibt es eben auch." Überstanden hat Mißfelder die Rücktrittsforderungen, weil er schon damals in der Partei gut vernetzt war. Und weil er nicht zurückgerudert ist, im Gegenteil. "Ich habe von Anfang an immer wieder gesagt, dieses Thema ist wichtig, es gibt ein demografisches Problem, es gibt ein Problem mit der Generationengerechtigkeit. Ich glaube, das hat mir in der Jungen Union Anerkennung gebracht. Man hat gesehen, der hält das durch und verteidigt das Thema offensiv. Wäre ich auf das Angebot einer großen Boulevardzeitung eingegangen und hätte mich in einem Altersheim entschuldigt, wäre ich zur Lachnummer geworden." Allerdings hat auch ein Kämpfer, der einen harten Konflikt unbeschädigt übersteht, keine Aufstiegsgarantie. "Eine Karriere in der Politik ist kaum planbar", sagt der frühere Juso-Vorsitzende Niels Annen. "Menschen haben unterschiedliche Personalprofile. In bestimmten Situationen braucht man die harten Berserker, die durchmarschieren, in anderen Situationen braucht man eher Leute wie mich. Die SPD ist meines Erachtens bisher nicht gut genug darin, das Anforderungsprofil einer Position und die Fähigkeiten und Eigenschaften, die ein Mensch mitbringt, optimal zusammenzubringen." Weil politische Parteien immer ein Überangebot an potenziellen Führungskräften brauchen, bekommen sie ein ernsthaftes Problem, wenn die Nachwuchsreserve schrumpft. Um so wichtiger werden die Jugendverbände als Rekrutierungsfeld. " Sozialisationsagenturen" nennt sie der Düsseldorfer Parteienforscher Ulrich von Alemann. "Die Vorsitzenden der Jusos und der Jungen Union, das waren in den letzten Jahren durchweg fähige Leute. Das spricht für ein sinnvolles Selektionsverfahren", sagt der Professor für Politikwissenschaft. "Ein Juso- oder JU-Vorsitzender hat zweifellos gelernt, Mehrheiten zu organisieren, in der Partei Strömungen zu steuern und Konkurrenten auszustechen. Aber er lernt auch, inhaltliche Anträge zu formulieren und sich in Sachgebiete einzuarbeiten." Doch die politischen Sozialisationsagenturen produzieren nicht nur Kompetenzzuwächse, sondern fast zwangsläufig auch Deformationen. Schließlich geht es im Kern um Machtauseinandersetzungen. Und die werden innerhalb der Parteien im Zweifelsfall mit größerer Härte ausgetragen als zwischen den Parteien. Von Alemann sagt: "In einer Partei ist die Struktur viel diffuser als in einem Unternehmen. Die Zustimmung der anderen ist schwerer kalkulierbar als das Verhalten eines einzelnen Vorgesetzten, der in einem Unternehmen die Bezugsperson sein kann, die über meine Zukunft entscheidet. Wer in einer Partei Karriere machen will, muss mit mehr Faktoren rechnen und viel umsichtiger vorgehen, als der Aufsteiger in einem Unternehmen. Er oder sie muss eine ziemlich hohe Frustrationstoleranz haben, Härte gegen sich selbst entwickeln, eine hohe Belastbarkeit mitbringen und sehr viel Zeit investieren." Wenn der Politiknachwuchs durch diese harte Schule gegangen ist, sei er, so von Alemann "fixiert auf die internen Vorgänge in der Organisation, die seine eigene Karriere gefährden könnten. Dafür hat er ein seismografisches Gespür. Unter Umständen mit dem Preis einer Abkopplung von der Wirklichkeit außerhalb der Organisation. Ich habe erlebt, wie sich in Wahlkämpfen die Aktiven immer gefragt haben, was machen wir, was machen die anderen. Mit den anderen waren nicht etwa konkurrierende Parteien, sondern konkurrierende Gruppen in der eigenen Partei gemeint. Da kippt die Fixierung auf die eigene Organisation um ins Absurde. In solchen Strukturen geht es zuerst um die eigene Position innerhalb der Organisation." Der Wissenschaftler beschreibt die Gefahr eines partiellen Wirklichkeitsverlustes. Die Organisation wird zur einzig relevanten Wirklichkeit. Wie das in den kollektiven Abschied von der Realität mündet, kann man derzeit bei der Linkspartei beobachten. Das haben auch andere Parteien schon durchgespielt. Mitte der neunziger Jahre versackten Teile der FDP unter strikter Missachtung realer Probleme im Spaßpartei-Delirium. Die Hardcore-Variante lieferten die Jusos, als sie sich in den siebziger und achtziger Jahren in ihr Paralleluniversum verabschiedeten.

Der Nette Von Niels Annen, Juso-Vorsitzender von 2001 bis 2004 und seit vergangenem Herbst für die SPD im Bundestag, kann man lernen, wie aus harten Sachverhalten weiche Formulierungen werden. Unhöfliche Frage: " Muss man als Berufspolitiker Themen und Positionen zum Zweck der eigenen Machtabsicherung instrumentalisieren, unabhängig davon, wie relevant oder sachgerecht diese Positionen sind?" Diplomatische Antwort: " Natürlich gibt es das." Noch eine unhöfliche Frage: "Aber nicht bei Ihnen?" Mit der Antwort gelingt Annen das Kunststück, das eigene Machtkalkül nicht zu verleugnen und trotzdem alle unausgesprochenen Zynismus-Unterstellungen wegzuspülen: "Ich bin kein Heiliger. Natürlich überlegt man sich, mit welchem Thema gehe ich an die Öffentlichkeit. Man muss nur nicht unterstellen, dass es dabei ausschließlich um Selbstprofilierung geht." Vielleicht hat genau diese Mischung aus Höflichkeit und elegant weich gedimmten Klartext den 32-Jährigen zu einem erfolgreichen Juso-Vorsitzenden gemacht. Sein Auftreten bei unserem Gespräch bei einem Italiener in der Nähe seines Hamburger Wahlkreisbüros: verbindlich, offen, klar und vollkommen frei von Dominanz-Spielchen. Man denkt sofort: ein angenehmer Mensch. Vielleicht ein bisschen zu angenehm, um sich in der Politik durchzusetzen. Wahrscheinlich ist das ein Irrtum. Wahrscheinlich stehen in der SPD derzeit angenehme Menschen wesentlich höher im Kurs als die Bulldozer der Ära Schröder. Wahrscheinlich ist es sehr geschickt von Niels Annen, dass er die Planstelle "sympathischer Mensch" so perfekt und glaubwürdig ausfüllt.

Den vorerst letzten harten Konflikt hat er jedenfalls unbeschädigt überstanden: der Widerstand des linken SPD-Flügels, zu dem Annen zählt, gegen den im Laufe dieser Auseinandersetzung zurückgetretenen Parteivorsitzenden Müntefering. Zu Annens Talenten scheint es zu gehören, über alle Konfliktlinien hinweg ein halbwegs freundliches Verhältnis zu allen Beteiligten zu retten. Gezielte persönliche Verletzungen von Kontrahenten gehören nicht zu seinem Repertoire. Damit verkörpert er ziemlich genau das Gegenteil des destruktiven Politikstils, der lange Jahre bei den Jungsozialisten üblich war.

Annen: "Wir hatten bei den Jusos große Probleme, weil sich die internen Rituale und die Strömungsauseinandersetzungen verselbstständigt hatten. Die internen Auseinandersetzungen, personell oder inhaltlich, wurden zum Teil erbitterter ausgetragen als die Konflikte mit dem politischen Gegner. Die Jusos haben sich verändert, auch im persönlichen Umgang der Genossinnen und Genossen miteinander. Ich habe den Eindruck, dass es uns gelingt, eine rationalere Kultur der Auseinandersetzung zu entwickeln, als das in der Vergangenheit der Fall war." Das ist die einzige Chance der Jusos. Angesichts der dünner gewordenen Personaldecke können sie sich den Verschleiß von Talenten nicht mehr leisten. Annen sagt: "Die Generation, die jetzt langsam abtritt, hat eine andere Organisationserfahrung gemacht als meine. 1972 sind 120 000 junge Leute in die SPD eingetreten. Das bedeutete, dass man schon um Unterbezirkskassierer zu werden, ordentlich die Ellbogen ausfahren musste. Heute wird jeder, der eintritt, gefragt, ob er nicht für irgendein Amt kandidieren möchte. Die Vorstellung einer Personalpolitik, die nicht in Kampfkandidaturen besteht, sondern in Förderung, ist für die Generation Schröder aufgrund der eigenen Erfahrungen wahrscheinlich aberwitzig. In den siebziger Jahren wäre ich vielleicht nie MdB geworden. Wir müssen lernen, Talente besser zu entdecken und zu fördern. Aber natürlich kann man nicht irgendwann im Vorstand entscheiden, die talentierte junge Frau, der talentierte junge Mann wird gefördert und soll in fünf Jahren im Bundestag sitzen. Das ist der Unterschied zum Unternehmen." Was Annen als Vorteil beschreibt, hält der Göttinger Parteienforscher Franz Walter für ein Defizit. Walter, ein Kenner der sozialdemokratischen Organisationskultur, hält die Härte der parteiinternen Konkurrenz für eine notwendige Vorbereitung auf den realpolitischen Ernstfall: " Schröder hat in seiner Juso-Zeit gelernt, gegen innerparteiliche Konkurrenten mit harten Bandagen zu kämpfen. Die heutigen Netzwerker hatten es leichter, die Konkurrenz war kleiner. Mit der Folge, dass sie genau diese Härte nicht gelernt haben. Was Schröder vielleicht zu gut konnte, können die vielleicht zu wenig. Jemand wie Schröder hat in der Jugendorganisation genau die Härten und den Machtinstinkt trainiert, die in der operativen Politik notwendig sind." Aus dieser Perspektive werden selbst die bizarren ideologischen Manöver der 68er zu Realpolitik. Walter sagt: "Aus heutiger Sicht sagt man vielleicht, was in den siebziger Jahren bei den Jusos diskutiert wurde, war weltfremdes Zeug. Aber das entsprach den kollektiven Mentalitäten von Millionen junger Menschen. Wer Erfolg haben wollte, musste auf dieser Klaviatur mitspielen. Schröder konnte das, auch wenn er vieles davon vielleicht für Quatsch gehalten hat. Hätte er das nicht gemacht und sich als beinharter Realist in diese Kämpfe hineinbegeben, hätte er verloren. Dieser Realismus wäre in der damaligen Situation unpolitisch und irreal gewesen." Auch das ist Organisationslogik: Irreale Politikvorstellungen zu bedienen gehört zur Realpolitik. Offen realpolitisch aufzutreten, kann ins Aus führen.

Der Gutmensch Johannes Vogel wirkt wie jemand, dem der erste Karriereschritt fast aus Versehen passiert ist. Der 23-jährige Bonner Politologie-Student ist seit April 2005 Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen. Sein größter Pluspunkt sind die Eigenschaften, die er nicht hat. "Es hat mir sicher geholfen, dass ich nicht unbedingt dem FDP-Klischee vom Anzugträger mit Yuppie-Image entspreche", sagte er selbst über seinen Aufstieg. Vogel trägt Jeans und einen bunten Pullover, ein netter Junge, der Hannah Arendt zitiert und auch sonst gern über Moral in der Politik redet.

Es ist nicht unangenehm, sich mit ihm zu unterhalten. Nur würde man ab und zu gern das Band vorspulen, wenn er die Allgemeinplätze des politisierenden Gutmenschen aneinander reiht: "Wenn man einem Politiker nicht mehr glaubt, dass ihm bestimmte Themen wichtig sind, wird er unglaubwürdig ... Ich könnte bei Kernthemen nur Positionen vertreten, von denen ich wirklich überzeugt bin ... Ich glaube, es ist nicht gut für das System, wenn die Vermarktungsgesichtspunkte alles andere dominieren ..." Und so weiter.

Dass er zum Bundesvorsitzenden des FDP-Jugendverbandes gewählt wurde, ist vor allem als Symptom interessant. Offenbar gibt es bei den Liberalen eine große Sehnsucht, die Marketing-Spiele der Spaßpartei hinter sich zu lassen. Dazu passt ein freundlicher Junge wie Johannes Vogel.

Die wirkliche Politik wird woanders gemacht. Zum Beispiel in der Großen Koalition. Dort sehen der Sozialdemokrat Annen und der CDU-Mann Mißfelder vor allem eine Chance. Annen beobachtet, dass man einander "anders zuhören" muss. "Es gibt den Reflex, diese Idee kommt von der CDU, die muss sofort verworfen werden. Diesen Reflex muss man jetzt ein wenig unterdrücken, das ist auch gut so. Vielleicht entsteht so eine neue Diskussion, in der Sachthemen wichtiger werden als die Machtauseinandersetzung, das hoffe ich jedenfalls. Ich bin froh darüber, dass ein paar sinnlose Rituale nicht mehr stattfinden." Das ist kein unpolitischer Wunsch nach Harmonie, sondern angesichts der nötigen Strukturreformen ein Versuch, politisches Handeln zu versachlichen. Philipp Mißfelder beobachtet ähnliche Veränderungen. "Das ist das Kuriose an der Großen Koalition: Plötzlich sitzt man mit den Leuten aus der SPD in einem Ausschuss und konzentriert sich auf Sachfragen, weil die Machtauseinandersetzung schon geklärt ist", konstatiert er.

Die neue Sachlichkeit fällt der Generation Annen-Mißfelder-Spitz offenbar nicht besonders schwer. Der CDU-Nachwuchsstar Mißfelder hat kein Problem damit, den Jusos Komplimente zu machen: "Mit Niels Annen und dem Juso-Vorsitzenden Björn Böhning komme ich menschlich gut aus. Natürlich sind die politischen Unterschiede zwischen JU und Jusos groß. Aber wir sind anders sozialisiert worden als die Generation der siebziger und achtziger Jahre. Unsere Generation kennt dieses Klassenkampf-Denken nicht mehr. Die Milieus vermischen sich. Viele in meinem Bekanntenkreis würden sich vielleicht lieber Schwarz-Grün als Schwarz-Gelb wünschen. Mit Matthias Berninger von den Grünen zum Beispiel verstehe ich mich sehr gut. Das wäre früher völlig unvorstellbar gewesen - eine Kombination Roland Koch und Joschka Fischer. Diese unüberbrückbaren Gräben, das waren die Wunden von '68. Wir sind höchstens noch genervt von den 68er-Lehrern aus unserer Schulzeit. Umgekehrt hat man auch keine Lust mehr auf die Kalten Krieger. Der Sozialismus ist besiegt, warum soll man diese Schlachten endlos wiederholen?" Große Harmonie? Nicht unbedingt. Schließlich geht es in der Politik nicht nur um die Mechanik des Machtkampfes und um pragmatisch zu lösende Sachfragen, sondern um kollidierende Partikularinteressen. Niels Annen, der linke Sozialdemokrat, wäre nicht überrascht, wenn trotz der Großen Koalition die Auseinandersetzungen um diese Interessenkonflikte heftiger würden. Er nennt das " ein Comeback der Politik".

Annen: "Welche Aufgaben hat dieser Staat zu erfüllen? Wie soll das finanziert werden? Was hat es eigentlich mit Demokratie zu tun, wenn wichtige Entscheidungen, die das Leben von Millionen Menschen betreffen, in den Konzernzentralen fallen? Wie lässt sich das, was man früher als das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit beschrieben hat, jetzt neu begreifen, angesichts der revolutionären Umbrüche der letzten Jahre und der Globalisierung? Diese Debatte ist nicht zu Ende. Dem Ultrapragmatismus, der sich selbst immer für alternativlos hält, misstraue ich." Stellen Sie sich eine Organisation vor, die permanent Auseinandersetzungen produziert und dabei unaufhörlich lernt. Stellen Sie sich eine Organisation vor, in der die Führungsspitze um das Vertrauen aller Organisationsmitglieder werben muss. Verliert sie dieses Vertrauen, verliert sie auch ihre Macht. Deshalb ist sie gezwungen, genau hinzuhören, wenn ein Grummeln lauter wird. Stellen Sie sich eine Organisation vor, die gelernt hat, Konflikte durch Kompromisse und Interessenausgleich zu lösen. Stellen Sie sich eine Organisation vor, die niemandem gehört: Sie ist der Besitz ihrer Mitglieder. Stellen Sie sich eine Organisation vor, in der die Machtzentrale Dinge nicht einfach anordnen kann. Sie muss alle Hierarchieebenen von ihren Ideen überzeugen. Gelingt ihr das nicht, muss sie neue Ideen entwickeln. Stellen Sie sich eine Organisation vor, die ihren Mitgliedern weder Geld noch Statuszuwachs anbieten kann und von ihnen trotzdem jede Menge Zeit, Stress und Energie verlangt.

Diese Organisation lebt davon, dass es ihren Mitgliedern mit ein paar Überzeugungen ernst ist. Zum Beispiel mit der Überzeugung, dass Menschenrechte unteilbar sind. Oder dass eine soziale Spaltung der Gesellschaft unmenschlich ist. Diese Organisationen sind kompliziert. Sich in ihnen zu bewegen macht viel Arbeit. Oft bleibt diese Arbeit folgenlos. Stellen Sie sich Menschen vor, die trotzdem weitermachen. Ihre Organisationen produzieren etwas ziemlich Kostbares. Man nennt es Demokratie.

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