Ausgabe 02/2006 - Was Wirtschaft treibt

Die digitale Spaltung

Selten waren Deutschlands Politiker so geschlossen ihrer Zeit voraus wie vor einem Jahr. Ein Landtag nach dem anderen segnete Anfang 2005 einen Staatsvertrag ab, der jeden halbwegs zeitgemäßen Personal Computer (PC) am 1. Januar 2007, Punkt 0:00 Uhr, rechtskräftig in ein Fernsehgerät verwandelt. Zumindest lesen Kritiker diese Intention aus dem Beschluss heraus, der alle im Internet vernetzten Computer auf gut Amtsdeutsch zu " neuartigen Rundfunkempfangsgeräten" - also zu Radios und Fernsehern umdeklariert. Der neu geschaffene Gebührentatbestand erlaubt der Kölner Einzugsanstalt GEZ, fortan jedem Freiberufler oder Gewerbetreibenden auf deutschem Boden 204,36 Euro pro Jahr in Rechnung zu stellen (beim Hörfunk wären es nur 66,24 Euro). Dass kaum ein normaler Mensch an seinem Schreibtisch online in die Glotze guckt, ist eine andere Sache.

Es geht nicht darum, was ist, es geht darum, was geht. Und für einige Computernutzer ist Fernsehen via Internet tatsächlich keine Vision. Denn in mehreren deutschen Großstädten ist seit kurzem eine Weiterentwicklung des vor sieben Jahren eingeführten Online-Standards ADSL erhältlich, dessen Bandbreite ausreicht, nicht mehr nur Radiosendungen live durch eine ordinäre Telefonstrippe zu pressen, sondern auch vollwertige Fernsehprogramme. Das neue Spitzentempo bei ADSL 2+, 16 Megabits pro Sekunde, entspricht dem maximalen Datendurchsatz von 128 ISDN-Anlagen. Und das ist mehr als reichlich: Zehn Megabits genügen, damit formatfüllende Bilder auf dem HD-Ready-16:9-Bildschirm nicht ruckeln. Den ersten massentauglichen Inhalt dafür hat sich der Service-Provider T-Online mithilfe der Konzernmutter Deutsche Telekom unlängst gesichert: beim Rechte-Poker um die Fußball-Bundesliga (DFL).

Die Vorstellung, neben kostenpflichtigen Spartenprogrammen könnten bald auch das Erste, Zweite oder andere deutsche Fernsehprogramme als Online-Dienste ins Wohnzimmer gelangen, ist gleichwohl höchst abenteuerlich. Eine kritische Masse, die solch ein Angebot rechtfertigen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Die meisten Privatleute begnügen sich gern mit ein bis zwei Megabits an Geschwindigkeit. Alexander Mogg, Breitband-Spezialist bei der Unternehmensberatung Mercer, weiß: "Es gibt keinen anderen Dienst als Video, für den der Verbraucher mehr als ein Megabit braucht." Das langt für die bisher gewohnten Web-Anwendungen - einschließlich des Ladens von MP3-Dateien und kleineren Videos - auch locker.

Doch dies ist gar nicht das Problem. Schwerer wiegt, dass die einen viel haben - 16 Megabits zum Beispiel für Anwendungen, deren Sinn zumindest umstritten ist -, und die anderen, gemessen an den technischen Notwendigkeiten von heute, praktisch nichts. Deutschland wird damit zur Zwei-Klassen-Online-Gesellschaft.

Das sind die Nachwehen der Postreform, das Erbe der Privatisierung, und es zeigt, wie sich der einstige Alleineigentümer, der Bund, die Informationsgesellschaft ausmalte.

Wer braucht ein schnelles Web, wer also ist die Zielgruppe von ADSL 2+? Eine überschaubare Minderheit, die in absehbarer Zeit Zugang zu der neuen Kommunikationstechnik erhält und die am allerwenigsten auf eine weitere Medien-Pipeline angewiesen ist. Sie hat im Normalfall entweder Kabel-TV-Anschluss im Keller oder eine Satellitenschüssel auf dem Dach, wird aber via DVB-T auch terrestrisch mit digitalen Fernsehsignalen versorgt. Sie könnte heute schon die bislang schnellste DSL-Version mit sechs Megabits pro Sekunde nutzen (tut das aber selten) und wohnt zudem im Funkstrahl einer UMTS-Basisstation. Mit anderen Worten: Die Zielgruppe lebt in der Großstadt, die heute ohnehin bereits ein Breitbandparadies ist. Früher standen dort Telefonzellen, in denen die Post ihre Kunden ermahnte: Fasse dich kurz! Die neue Generation aber will möglichst viel und breit kommunizieren.

Der Rest des Volkes teilt sich in zwei Kategorien: Die eine, das sind die 45 Prozent aller Deutschen, denen das Internet - ob schnell oder lahm - bis heute völlig egal ist. Die zweite lebt in der Provinz, aber auch manchmal in weniger erschlossenen Bezirken von Großstädten und wartet seit vielen Jahren vergeblich darauf, einen Breitbandanschluss zu bekommen. Von 20 Millionen Haushalten, die in Deutschland im vergangenen Jahr online waren, muss die Hälfte mit alten Modellen auskommen. Darunter viele Gewerbetreibende, Freiberufler, kleine Unternehmen, Bildungseinrichtungen - Menschen, für die es existenzbedrohend sein kann, auf der falschen Seite des Info-Highways zu leben.

Klaus van Roje ist Abteilungsleiter in der Stadtverwaltung von Selm in Westfalen. Der Mann kümmert sich im Rathaus des 27 000-Einwohner-Städtchens um Umweltfragen, aber auch um technische Dinge - und er ist der Mittelsmann zu einem Autohändler, dem es fast an den Kragen gegangen wäre, weil er unverschuldet nicht mit dem kommunikationstechnischen Fortschritt mithalten konnte.

Der Inhaber des Kfz-Betriebs, der seinen Namen nicht in diesem Zusammenhang in der Presse lesen möchte, sah sich nämlich eines Tages mit der ultimativen Forderung seines Lieferanten konfrontiert, die Vertragswerkstatt schleunigst per Breitbandverbindung an das werkseigene Virtuelle Private Netz anzudocken -Folge des fortschreitenden Software-Einsatzes im Automobilbau. Das muss sein, weil etwa ein Motor heute - dank massivem Elektronikeinsatz im Auto - mit einem Software-Update neu eingestellt werden kann. Nun lagen unter den Bürgersteigen des Kfz-Betriebs sogar Glasfaserkabel, und die sind für enorme Geschwindigkeiten gerüstet. Dummerweise ist aber nur ein Teil der teuren Kabel, die in den achtziger und frühen neunziger Jahren in der ganzen Republik verbuddelt wurden, für das Web geeignet. Der andere Teil ist, wie der Experte sagt, nicht " rückkanalfähig". Dass Kommunikation im Internet-Zeitalter keine Einbahnstraße sein würde, daran dachte man damals nicht. Über Glasfaser wollte man nur möglichst viele Fernsehkanäle in eine Richtung durch die Leitung jagen.

Der Unternehmer, der bereits um seine anstehende Vertragsverlängerung bangte, hatte Glück, denn in Selm zogen alle an einem Strang: Die Stadtverwaltung, die auch ihr Gymnasium zeitgemäß ans Netz bringen wollte, hinzu kamen andere Gewerbetreibende und viele Bürger, die nicht länger in der Technik-Steinzeit leben wollten. Der Inhaber einer örtlichen Werbeagentur gründete eine Initiative, und weil die Bertelsmann-Tochter Arvato Systems zeitgleich Gemeinden für ein Pilotprojekt mit Breitband-Funknetzen suchte, wurden die Selmer zu Pionieren auf dem Gebiet des drahtlosen Online-Zugangs. Und siehe da: Plötzlich entdeckte die Telekom einen Weg, DSL nach Selm zu bringen. Man baute Verstärker ein, die die Signale im bis dahin einfältigen Glasfaserkabel in beide Richtungen bringen.

Dass Bandbreite ein Standortfaktor ist, wissen Politiker seit längerem. Studien, wie etwa " Deutschland-Online", an der auch T-Online beteiligt ist, zeigen, wie wichtig breitbandige Anbindungen für Wirtschaft und Gesellschaft sind. Dennoch rutscht das Land im europäischen DSL-Vergleich immer weiter nach hinten.

Das war mal anders. Frisch zum Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen befördert, jubelte der SPD-Wirtschaftspolitiker Wolfgang Clement 1998 beim Start der ADSL-Pilotprojekte der Deutschen Telekom in Köln, Bonn, Düsseldorf und Dortmund: "Wir gewinnen damit Know-how und einen Vorsprung im Standortwettbewerb." Sechseinhalb Jahre später, in seinem letzten Jahr als Bundeswirtschaffsminister, musste sich Clement aus Brüssel bescheinigen lassen, dass der zeitweilige Vorreiter Deutschland im internationalen Vergleich zum Schwellenland in Sachen Breitband abgesunken ist: Platz 10 unter den 15 Altmitgliedern der EU. Bezogen auf die Bevölkerungszahl hatten Dänemark, die Niederlande und Belgien doppelt so viele Breitbandzugänge vorzuweisen. Flugs gab Minister Clement einen " Breitband-Atlas" in Auftrag - heraus kam eine interaktive Landkarte mit reichlich weißen Flecken. Zumindest können sich Ansiedlungswillige nun via Web informieren, welche Breitbandtechniken im Sommer 2005 in welcher Gemeinde von wem angeboten wurden - allerdings ist auf die Selbstauskünfte der Anbieter nicht immer Verlass.

Frustrierte Bürger ergreifen die Initiative Als der Atlas online ging, hatten die digital Benachteiligten in so mancher Kommune, ganz nach Selmer Vorbild, schon zur Selbsthilfe gegriffen. 276 Bürgerinitiativen, Unterschriftenlisten und Bürgernetze listet die Website Kein-dsl.de mittlerweile auf, und sie ist nicht der einzige Treffpunkt der frustrierten Einwahlmodem-Nutzer und unfreiwilligen ISDN-Surfer. Und die sitzen beileibe nicht alle in der Provinz. Im April 2005 verbündeten sich Bürger aus dem Berliner Osten im Forum der Website Onlinekosten.de zur Stadtteil-Initiative " DSLnachPankow.de". Der Politikwissenschaftler Jens Peter Franke und der IT-Fachmann Martin Schauerhammer brachten online mehr als tausend Gleichgesinnte zusammen, um die Telekom und andere Anbieter davon zu überzeugen, dass in Pankow genügend Nachfrage besteht. Im November vergangenen Jahres war es so weit: Im Beisein örtlicher Politprominenz nahm das Heidelberger Start-up Deutsche Breitband Dienste (DBD) ein Mikrowellen-Funknetz nach dem neuen Standard Wimax (Worldwide Interoperability for Microwave Access) in Betrieb. Sinnigerweise stammt die Frequenz-Lizenz des Projektes aus der Hinterlassenschaft einer Firma, die zu Zeiten der New Economy etwas Ähnliches versucht hatte, nämlich mittels drahtloser "letzter Meilen" (Wireless Local Loop) im damals noch lukrativen Fernsprechgewerbe Fuß zu fassen. Heute ist grundgebührenfreie Internet-Telefonie eines der Tarif-Bonbons, mit denen Breitband-Anbieter Kunden ködern - in der Hoffnung, dass mit Online-Flatrates besser Geld zu verdienen ist.

Wimax, das besonders vom US-Chiphersteller Intel gepusht wird, gilt unter Experten als chancenreiche Technik. Gemessen an den Perspektiven des Festnetzes wirkt es jedoch wie eine Krücke. Seine volle Leistung erreicht der von Technik-Freaks vorschnell als Datenturbo umjubelte DSL-Ersatz nur dann, wenn eine direkte Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger besteht. Solche Antennenstandorte sind aber in eng bebauten Städten eher rar. Da der Internet-Provider nun nicht alle paar hundert Meter eine Basisstation installieren kann, bleibt Pionieren der Zukunftstechnik nichts anderes übrig, als sich von einem Fachmann eine Spezialantenne an die Fassade schrauben zu lassen. Je nachdem, wo der PC steht, ist dann noch ein Wireless LAN fällig, damit die Daten den Rechner auch ohne meterlange Strippen erreichen. Immerhin: Die Ingenieure von Intel & Co. tüfteln daran, empfangsstarke Wimax-Module ins Innenleben der Rechner zu integrieren.

Auch wirtschaftlich verläuft der Aufbau von Wimax-Netzen keineswegs störungsfrei. Damit sich die Investition für den Betreiber lohnt, müssen in dem Areal, das ein Sender versorgen soll, je nach Installationsaufwand 200 bis 500 dieser User zusammenkommen. Und längst nicht alle potenziellen Kunden, die Interesse bekunden, wollen am Ende wirklich einen Jahresvertrag mit einem Funk-Anbieter unterschreiben. Meist punktet die T-Com, vorausgesetzt, sie kann liefern: Ihr Angebot kennt man wenigstens. So blieben in Selm, wo noch eine nicht standardkonforme Vorabversion von Wimax im Einsatz ist, von mehr als 800 Interessierten nur etwa 300 Teilnehmer übrig - der erste Netzbetreiber stieg schnell wieder aus und überließ das Geschäft einem aufstrebenden Anbieter aus Marlow bei Stralsund.

Für weiteren Kundenschwund sorgt die Praxis bei Wimax. Die Sender liefern theoretisch eine sehr hohe Bandbreite, die zwischen 70 bis 100 Megabits pro Sekunde liegt. Doch je mehr Nutzer gleichzeitig im Netz sind, desto zäher fließt der Datenstrom. Das ist vor allem bei aufwändigen Multimedia-Anwendungen, wie Online-Spiele oder Videos, ein Problem. Wer übers Internet telefoniert, darf sich bei abfallenden Bandbreiten nicht wundem, wenn die Leitung klingt wie kurz nach Kriegsende. Um damit die aufstrebende Internet-Telefonie nicht zu gefährden, gewährt die Wimax-Norm den Telefonierern Priorität - zu Lasten anderer Nutzer.

Die Netzbetreiber tun das ihre, indem sie ihren Kunden standardmäßig bescheidene Bandbreiten anbieten, meist ein oder zwei Megabits pro Sekunde. Damit fernzusehen ist schlicht illusorisch - außer wenn alle anderen Teilnehmer sich abstinent verhalten und dem TV-Webfreak die gesamte Basisstation überlassen.

Doch Wimax hat auch gute Seiten: Die Netze lassen sich schnell installieren. Einer, der bedingungslos auf die Technik setzt, ist Fabio Zoffi, Chef der DBD aus Heidelberg. Nach dem Startschuss im Ostberliner Stadtteil Pankow will er in nur 18 Monaten die ganze Hauptstadt mit Wimax überziehen. Er weiß, warum. Im Breitband-Atlas des Wirtschaftsministeriums ist unschwer zu erkennen, dass Berlins Fernmelde-Infrastruktur ein einziger Flickenteppich ist. Wenn ein Flatrate-Kunde sein Notebook überall in der Stadt mit Megabit-Speed ins Netz einbuchen und sogar internet-telefonieren könnte, ohne hohe Mobilfunk-Tarife zahlen zu müssen, dann wäre das für technikverliebte Großstädter schon ein ziemlich attraktives Paket. Vor dem Erfolg steht für die Funkfreunde allerdings der Versuch.

Konkurrenz belebt die Telekom In einem Feldversuch, der seit Dezember 2005 unter dem Namen "Airmax" in Kaiserslautern läuft, macht die Telefongesellschaft Arcor derzeit die Probe aufs Exempel. Die Stadt Düsseldorf beteiligt sich im Vorfeld der Fußball-WM an dem internationalen Vorzeigeprojekt "Digital Communities", mit dem Intel seine Technik weltweit promoten will. Auch die Telekom experimentiert mit Wimax - allerdings diskreter als ihre Konkurrenten. Den kurzfristig größten Nutzen - jedenfalls aus der Sicht von DSL-Interessenten, die zuvor immer auf unbestimmte Zeit vertröstet worden waren - entfalten die Mikrowellen derzeit als Druckmittel gegenüber dem dominanten Ex-Monopolisten. Nicht nur in Selm, auch in Pankow und im sauerländischen Finnentrop beobachten Onliner eine auffällige Überschneidung zwischen der Installation alternativer Breitbandnetze und dem Ausbau der Telefonnetze auf DSL. Finnentrop ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie im Breitbandmarkt heute gekämpft wird.

Vor einem Jahr herrschte Aufbruchstimmung in der Region. Gleich zwei Anbieter planten Funk-Lösungen mit Wimax-Vorläufern: das Ingenieurbüro Innofactory aus der Nachbargemeinde Lennestadt und ein Kleinst-Konsortium aus zwei Mimfirmen namens Airtraxx und Wibeg. Als die beiden Antennen im Spätsommer on air gingen und die ersten PC-Fans schnurlos surfen konnten, machte die Nachricht die Runde, die T-Com werde noch vor Ende des Jahres in den Glasfaser-Gebieten T-DSL anbieten. Nicht mal ein Vierteljahr verging, bis der Konzern die ersten Kunden angeschlossen hatte - und im Netz des einen örtlichen Anbieters Funkstille herrschte. Offiziell meldete die Wibeg eine technische Störung, doch statt diese rasch zu beheben, bat das Unternehmen die User, sich bis Ende Januar zu gedulden.

Das andere Netz ist noch aktiv, befindet sich aber nicht mehr in sauerländischer Hand: Innofactory hat es an Fabio Zoffis expansionshungrige DBD verkauft. Nach den Erfahrungen aus Selm und Finnentrop könnte es allerdings für Breitband-Initiativen in anderen Regionen noch schwerer werden, regionale Investoren zu finden, die bereit sind, das Risiko Wimax einzugehen. Diese Erfahrung hat auch Jörg Grünhagen gemacht, Vertriebsleiter der Highspeed Wireless-Lan GmbH, die in Celle ein Wimax-Netz aufgebaut hat und immer wieder Anfragen aus anderen Städten und Gemeinden bekommt: "Sobald sich jemand engagiert, werden Gerüchte gestreut, dass die Telekom doch tätig wird. Meistens passiert dann nichts, aber die Kunden sind nachhaltig verunsichert." Für Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), passen solche Beobachtungen ins Bild. "Die wollen ja nicht den Kunden Gutes tun", ätzt der Funktionär, "sondern dem Wettbewerb Schlechtes." Superschnelle Einbahnstraßen Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das Verhalten des Ex-Monopolisten durchaus verständlich. Solange die Kundschaft keine Alternative hat, wäre es Unfug, in einen Netzausbau zu investieren, von dem dann nicht zuletzt DSL-Wiederverkäufer wie 1&1, Arcor oder Freenet profitierten. Dass es überhaupt nötig ist aufzurüsten, liegt am Glasfasernetz mit dem schillernden Namen "Opal", was für Optische Anschluss-Leitungen steht.

Dabei wurden Anfang der neunziger Jahre vor allem in den neuen Bundesländern feinste Glasfaserkabel bis zu den vormaligen Kabelverzweigern verlegt, den grauen Kästen am Straßenrand, von denen aus die Telefondrähte in die Wohnungen führen. Vor dem letzten Schritt ins Wohnzimmer schreckten die Postler dann aber zurück. Die Investition war für Privatleute und Handwerksbetriebe nicht bezahlbar. Nüchtern betrachtet, gab es auch nichts zu transportieren, was die Bandbreite von zig Megabits pro Sekunde erfordert hätte: Fürs Fernsehen - damals eh noch komplett analog - waren die parallel verlaufenden Kupferkoaxialkabel vollkommen ausreichend.

Jahre später, im Internet-Boom der zweiten Hälfte der Neunziger, kam dann eine Breitbandtechnik groß raus, mit der normale Telefon-Kupferleitungen zu schnellen Web-Strängen umgeformt werden konnten: Asymmetric Digital Subscriber Line, kurz ADSL. Die praktische Technik hatte nur einen Haken: Die Signale werden mit zunehmender Entfernung von der Verteilerstation schwächer. Ein flächendeckender Ausbau bis zum entlegensten Bauernhof ist, wenn Ökonomie und Physik irgendwie in Deckung gebracht werden sollen, praktisch unmöglich. Dafür ist ADSL aber weit billiger als das großflächige Verlegen von Glasfasern.

Selbstverständlich hätte die Telekom auch nach amerikanischem oder niederländischem Vorbild ihre Fernsehkabelnetze modernisieren können. Doch als sich diese Frage stellte, zeichnete sich bereits ab, dass die zur Aktiengesellschaft mutierte Ex-Behörde ihr milliardenschweres TV-Business würde abstoßen müssen, weil die zweite Postreform nun einmal ein Doppelmonopol auf Telekommunikations-Infrastrukturen ausschloss. Allerdings gelang es dem Telekom-Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer, gleichzeitig T-DSL zu forcieren, beim Kabel auf Sparflamme zu schalten und beim Verkauf der TV-Netze immer wieder Zeit zu schinden.

Als die neu gegründeten Firmen Kabel Deutschland, Ish, Iesy und Kabel Baden-Württemberg endlich zum Zuge kamen, hatte die Telekom in vielen Regionen mit dem vergleichsweise billigen T-DSL bereits Tatsachen geschaffen - vorzugsweise dort, wo sich für die anderen ein Angriff auf den Monopolisten am ehesten rentiert hätte: in den Großstädten. Zum Leidwesen der Kabel-Investoren war in dieser Phase auch völlig unklar, wohin die Reise beim digitalen Fernsehen gehen würde: Es war die Zeit, als der Kirch-Konzern ins Trudeln geriet, der Bezahlsender Premiere auf der Kippe stand und der große Branchenstreit um die Multimedia Home Platform tobte, die angestrebte Euro-Norm fürs interaktives Fernsehen. Irgendwie, irgendwann und irgendwo sollten Fernsehen, Kommunikationsdienste wie Internet und Telefon und bezahlpflichte Unterhaltung in Form von Video und Musik auf Knopfdruck aus einer Leitung zum Kunden kommen. Triple Play heißt diese Großvision des digitalen Zeitalters, im Grunde das, was Web-Visionäre wie Nicolas Negroponte als Information-Superhighway grob skizzierten, damals, Anfang der neunziger Jahre. Doch der Ausbau vom Verteilerkasten bis zur Wandsteckdose ist teuer. Wer in der Branche genau rechnete, ging das große Thema lieber vorsichtig an.

Triple Play für die einen. Mono für die anderen Erst in den vergangenen Monaten haben die Kabelfirmen - die heute schon fast vier Millionen Haushalten alles aus einer Hand bieten könnten - ihre Marketingmaschinen wieder auf Touren gebracht. Beflügelt wurde die neu erwachte Angriffslust von der Ankündigung der T-Com, Triple Play über die Telefonleitung anzubieten und in 50 Großstädten neue Glasfasernetze zu verlegen - sofern ihr die Bundesregierung die Aufpasser aus der Bundesnetzagentur vom Hals hält. Nachdem Kabel Deutschland als größter Anbieter im vorigen Jahr in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und 15 Großstädten die einstigen TV-Verteilnetze zu Zwei-Wege-Multimedianetzen aufgerüstet hat, rücken im ersten Halbjahr die Bautrupps in Norddeutschland an.

So können sich die Bewohner der Opal-Gebiete in Greifswald und Lübeck den Einstieg in Wimax erst einmal sparen; auch in Leipzig und Meißen soll sich bald etwas tun. Insgesamt zwei Millionen potenzielle Neukunden für Telefon und Internet will Kabel Deutschland bis Juni so ansprechen.

Am konsequentesten setzt bisher Kabel Baden-Württemberg (Kabel B-W) auf den kommunikativen Dreiklang. Geschäftsführer Georg Hofer kommt allerdings auch aus der Telefonbranche: Als Gründer des Preisbrechers Telepassport, den er später an Mobilcom verkaufte, kennt er das Business, in das sich die Kabelbranche vorwagt, aus dem Effeff. Anders als seine Kollegen, die sich zuerst auf Städte wie Berlin und München gestürzt haben, geht Hofer den Markt von dort aus an, wo ihn die Kunden noch wie einen Messias erwarten: von der Provinz. In Steffi Grafs badischer Heimatstadt Brühl, bisher absolutes DSL-Brachland, hat Kabel B-W derzeit das Breitband-Monopol. 45 Prozent der Brühler Kunden nutzen laut Firmensprecher Axel Dürr bereits den Internet-Zugang, bei dem je nach gebuchter Geschwindigkeit ein oder zwei Telefonnummern inklusive sind. Laut Dürr telefonieren deshalb 90 Prozent der Online-Kunden über das Netz von Kabel B-W - viele sogar über eine Telefon-Flatrate. Dazu gibt es Video on Demand und eine Musikpauschale über Napster.

Das Problem der Telekom-Nachfolger im Kabel: Vielerorts haben sie keinen direkten Draht zu den Kunden. So hat die Heidelberger Kabel B-W ausgerechnet in der Landeshauptstadt Stuttgart keinen Zugriff auf die letzten Meter. Millionen Menschen im ganzen Land sind deshalb darauf angewiesen, dass sich mehrere tausend örtliche Kabelgesellschaften, die teilweise nur eine einzige Wohnanlage unter Vertrag haben, mit den Branchenriesen zusammenraufen. Von der Zersplitterung des Marktes profitiert wiederum die T-Com, die das Tempo des Ausbaus lieber selbst vorgibt - und bereits 50-Megabit-Angebote plant, bevor auch nur ein Megabit flächendeckend zu haben ist.

Deshalb rechnen Insider damit, dass das Opal-Problem nicht vor 2008 vom Tisch ist. Schließlich hat der Konzern noch einige deutlich dickere Brocken vor sich als Finnentrop, Lennestadt oder Selm. Zum Beispiel Görlitz und Gera, Dresden und Cuxhaven.

Noch zwei Jahre hingehalten zu werden wäre für Daniel Eckhardt nicht mehr hinnehmbar gewesen. "Eine Gemeinde, die nicht DSL-versorgt ist, ist abgehängt" , schimpft der Wirtschaftsförderer des Landkreises Celle. Auf einer Straßenkarte seiner Heimatstadt im Internet ist die digitale Wasserscheide besonders deutlich zu sehen: Im Osten, rechts der Bahnlinie, residieren 30000 Gewinner, für die der Bundespost einst die wertvolle Glasfaser zu schade war, in der linken Hälfte die 40 000 Empfänger des gläsernen Danaergeschenks, das zur schnellen Internetnutzung nicht taugt. Dort liegt das Gewerbegebiet, dort gehen junge Celler zur Schule.

Eckhardt sah da nicht zu. Stattdessen unterstützte der Wirtschaftsförderer die Highspeed Wireless-Lan GmbH, indem er Kontakte herstellte und Interessenten einlud. Inzwischen bestrahlt ein Wimax-Sender von einem optimalen Standort aus die einstige Diaspora: Er hängt ganz oben an einem hundert Meter hohen Schornstein auf dem Gelände des privaten Gewerbeparks Spinnhütte. Jetzt ist auch die Axel-Bruns-Berufsschule nicht mehr auf den ärmlichen ISDN-Anschluss angewiesen, den einst die Initiative " Schulen ans Netz" spendiert hatte. Um einen Eindruck von der IT-Realität zu bekommen, mit der sie sich im Berufsleben auskennen sollten, brauchen die Auszubildenden jetzt nicht mehr zu einem Mitschüler im Osten der Stadt zu gehen.

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