Ausgabe 03/2006 - Schwerpunkt Kapitalismus

Welcher Kapitalismus darf's denn sein?

In Wenzhou nennen sie Sun Jiangling einen " Schlangenkopf". Woher die Bezeichnung stammt, weiß Sun selbst nicht genau. "Vielleicht, weil Schlangen schlau sind?", fragt er lachend. "Oder weil sie lautlos überall hinkommen?" Sun ist Menschenschmuggler. Seit fast 20 Jahren schleust er Zahlungswillige auf abenteuerlichen Routen ins Ausland. Taiwan ist mit 40000 Yuan (rund 4000 Euro) das billigste Ziel, denn die Insel lässt sich bei Nacht in wenigen Bootsstunden erreichen. Spanien kostet 120 000, Großbritannien 210 000 und die USA gut und gern eine halbe Million Yuan. Nicht immer habe er alle Länder im Angebot, sagt Sun, aber wen er losschicke, der komme auch an. "Sonst wäre ich ja längst nicht mehr im Geschäft." Die Konkurrenz ist hart.

Suns Machenschaften sind in der 7,5-Millionen-Stadt kein Geheimnis. Alle wissen: Ohne die Schlangenköpfe und ihre verwegenen Kunden hätte Wenzhou heute nicht das weltweite Handelsnetz, das die Stadt zu einer der reichsten Chinas gemacht hat. Mit 2800 Euro im Jahr ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hier um drei Viertel höher als in anderen Städten. Wenzhou produziert 20 Prozent aller in China hergestellten Schuhe, 80 Prozent der Brillen, 60 Prozent der Rasierer und 65 Prozent der Schlösser und Schlüssel. Den Großteil des Vertriebs übernehmen die 300 000 Übersee-Wenzhouer, die überall auf der Welt das ungeschriebene Gesetz verbindet, einander stets zu helfen und nie zu betrügen. "Wer Geld verdienen will, muss etwas riskieren und wissen, wem er vertrauen kann", sagt Sun. "Das ist Kapitalismus, und in China hat Wenzhou ihn erfunden." Vielleicht stimmt das sogar. Die Bewohner der Küstenstadt in der südchinesischen Provinz Zhejiang stehen bei ihren Landsleuten im Ruf, ein besonderes Gen fürs Geldverdienen zu besitzen. "In Wenzhou reden selbst die alten Frauen übers Geschäft, statt zu tratschen", so eine chinesische Redewendung. Schon im Kaiserreich hatte die Stadt private Banken. Im Ersten Weltkrieg verdingten sich hunderte Wenzhouer in Europa beim Nachschubdienst der französischen Armee und halfen, das Schlachtfeld von Verdun aufzuräumen. Heute, so heißt es, verkaufen dutzende Wenzhouer im Irak Kleidung, Schuhe, Decken, Feuerzeuge oder Baumaterialien aus den Fabriken ihrer Heimatstadt. Selbst von den Kommunisten ließ Wenzhou sich nicht ins Korsett der Planwirtschaft zwängen, obwohl Maos Frau Jiang Qing während der Kulturrevolution befohlen haben soll: "Dieser kapitalistische Schwanz muss abgeschnitten werden." Doch obwohl stattdessen der Schwanz mit dem Hund zu wedeln begann und das ganze Land Ende der Siebziger auf den kapitalistischen Weg einschwenkte, wird Wenzhou in China heute keineswegs als Wiege des chinesischen Kapitalismus gefeiert. Nicht nur die Geschäfte der Menschenschmuggler sind daran schuld, dass Wenzhous Reichtum anrüchig ist und nach "luan" riecht, nach Durcheinander. Vor allem hat China noch eine zweite, märchenhaftere und politisch korrektere Geschichte über die Entstehung seiner Marktwirtschaft: Shenzhen. 1980 von Deng Xiaoping als Sonderwirtschaftszone gegründet, ist das ehemalige Fischerdorf heute mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen von 3300 Euro die reichste Stadt Chinas. Ein Siebtel der chinesischen Im- und Exporte laufen über Shenzhens Hafen, den viertgrößten der Welt. Außerdem sind da noch: eine glitzernde Skyline, eine Börse, Chinas modernste Bank, effiziente Behörden und einige der erfolgreichsten Unternehmen. Eine Musterstadt, auf die man stolz ist und die vom Ausland bestaunt wird.

Welche Stadt das repräsentativere Bild vom chinesischen Kapitalismus zeichnet - das zwielichtige Wenzhou oder das strahlende Shenzhen - ist derzeit die Preisfrage der Weltgemeinschaft. Alles deutet darauf hin, dass China weiter an Einfluss gewinnen wird. Immer mehr Geld fließt in die Volksrepublik. Doch was passiert dort damit? In der geplanten Weltstadt Shenzhen sieht vieles danach aus, als ob der Kapitalismus aus China ein Land machen könnte, dessen Waren, Werte und Wünsche sich denen des Westens immer weiter angleichen. Die unordentliche Wirtschaft von Wenzhou vermittelt dagegen den Eindruck, mit dem chinesischen Kapitalismus ginge eine völlig eigene Geld- und Geschäftskultur einher, die Außenseitern verschlossen bleibt.

Die Kommunisten lassen dem Kapital seinen Lauf und verlieren es aus den Augen Vielleicht ist die Frage nach der dominierenden Ausprägung selbst schon die beste Antwort, die es derzeit gibt. Chinas Markt ist so groß, dass er Platz für jede Form von Kapitalismus bietet - Shenzhen, Wenzhou und alle möglichen Hybride. Und obwohl sich Chinas Entwicklung seit dem Beginn der Marktwirtschaftsreformen 1978 als steile Erfolgskurve zeichnen lässt, so ist sie doch in erster Linie die Geschichte einer Verselbstständigung. Selbst die Partei hatte schon bald nach der Öffnung nur noch ein bruchstückhaftes Bild von dem, was der Kapitalismus aus ihrem Land machte. Ob Inflation oder Massenarbeitslosigkeit, Bau-Boom oder Energieverbrauch, Inflation oder wirtschaftliche Überhitzung, Bankensystem oder Korruptionsbekämpfung - die wirtschaftlichen Steuerungsinstrumente griffen immer häufiger ins Leere. Was aber nicht schadete: Als das Nationale Statistikbüro 2005 noch einmal das Bruttosozialprodukt der vergangenen Jahre nachrechnete, entdeckte es, dass ganze 17 Prozent bisher übersehen worden waren. Chinas Wirtschaft war um 2,33 Billionen Yuan (233 Milliarden Euro) größer als bislang angenommen.

Wer dem Kapital freien Lauf lässt, verliert es aus den Augen. Deng Xiaoping dürfte sich dieses Risikos wohl bewusst gewesen sein, als er die Kommunistische Partei 1978 dafür gewann, in China wieder zuzulassen, wogegen sie stets gekämpft hatte: den Eigennutz. Seine " Vier Modernisierungen" erlaubten Bauern, wieder auf eigene Rechnung zu wirtschaften, beteiligten Manager an Gewinnen von Staatsunternehmen und entließen Millionen Menschen ins Abenteuer der Selbstständigkeit.

Ideologisch war dies ein großer Schritt, praktisch jedoch nur ein kleiner. Auch nach drei Jahrzehnten roter Kampagnen war überall im Land ersichtlich, dass die Chinesen nicht nach Gleichheit strebten, sondern nach materiellem Nutzen. Zwar hatte China alles getan, um ein System einzuführen, das ohne Geld auskommen konnte, weil jeder gleich viel haben und die Partei für alle sorgen würde. Doch auch im Verteilungsstaat wurde das Wenige, das es gab, gehandelt. Wo keine Währung existierte, entstanden andere Zahlungsmittel - Naturalien, Gefälligkeiten und natürlich das kommunistische Quasigeld: die Bezugsscheine für Reis, Tee, Fleisch oder Kleidung, deren Wechselkurse je nach Angebot und Nachfrage schwankten.

Die Idee, ein solches System könne sich selbst regulieren, passte nicht ins Bild der Kader. Aber da alle anderen Versuche katastrophal geendet hatten, war man bereit, es nach Maos Tod im Jahr 1976 zu versuchen. Welche Optionen in jenen Monaten vor dem großen Umbruch diskutiert wurden, ist bis heute nicht bekannt, denn die Kommunistische Partei trifft Entscheidungen bekanntlich einstimmig oder gar nicht. Aber sicher ist, dass in ihren Reihen kaum jemand eine Ahnung von den Kräften des freien Marktes hatte. Deng Xiaopings Erfahrung mit dem Kapitalismus beschränkte sich darauf, dass er in seiner Jugend in Frankreich bei Renault als Automechaniker gearbeitet hatte.

Auch der spätere Premierminister und Zentralbankchef Zhu Rongji, der damals in der Staatlichen Wirtschaftskommission Reformkonzepte erarbeitete und von dem Deng einmal sagte, er sei "der Einzige unter uns, der etwas von Wirtschaft versteht", war kein gelernter Ökonom, sondern Ingenieur. Einer der wenigen, der die Welt der Marktwirtschaft tatsächlich von innen kannte, war Rong Yiren, den sie den "Roten Kapitalisten" nannten, weil er vor Gründung der Volksrepublik 1949 in Schanghai ein erfolgreicher Großunternehmer gewesen war und der Partei zu Beginn der Reformpolitik - frisch aus dem Straflager entlassen -erklärte, dass die Arbeiter und Manager in den Staatsunternehmen mehr Profite erwirtschaften würden, wenn Profitdenken in ihrem eigenen Leben kein Tabu mehr wäre.

Noch ein anderer Faktor ermutigte die Partei, sich dem Kapitalismus zu öffnen: die Kapitalisten selbst. Seitdem US-Präsident Richard Nixon 1972 zu Mao gereist war, hatte sich in Peking ein reges Treiben westlicher Delegationen entwickelt, die gern mit China ins Geschäft kommen wollten. Sie versprachen Fabriken zu bauen, um dort moderne Waren für China und den Export zu produzieren. Das würde Arbeitsplätze schaffen, Geld und neue Technik ins Land bringen, und China musste dazu nichts anderes tun, als China sein: groß und unterentwickelt.

1979 erließ Peking ein Gesetz, das die Gründung ausländischchinesischer Gemeinschaftsunternehmen ermöglichte. Verwaltet wurden die Auslandsinvestitionen von der eigens gegründeten China International Trust and Investment Corporation (CITIC), zu deren Chef Rong Yiren berufen wurde. Bei den Ausländern erweckte er Vertrauen, und bald entwickelte sich der größte Geldstrom, der je von der ersten Welt in die damals dritte geflossen ist: bis heute mehr als 500 Milliarden Euro. Das ausländische Kapital brachte die chinesische Wirtschaft in Schwung und vervielfachte sich schnell. Denn China fing wieder an, Handel zu treiben, und zwar nicht nur die Ausländer, sondern auch die Chinesen. Doch Deng wollte dem ehemaligen Klassenfeind nicht gleich Tür und Tor öffnen, sondern die Entwicklung möglichst kontrollieren. Deswegen steckte er im Jahr nach der Ankündigung seiner Öffnungspolitik vier Sonderwirtschaftszonen ab, mit Stacheldrahtzaun vom restlichen China abgetrennte Kapitalismus-Gehege, in denen handverlesene Kader und Staatsmanager die Geschäfte der internationalen Investoren beobachten und möglichst schnell kopieren sollten.

Die beste Ausgangslage und den größten Erfolg hatte Shenzhen. An der Grenze zu Hongkong gelegen, nutzte die neue Stadt das Geld und das Know-how ihres erfahrenen Nachbarn. Denn Hongkonger Geschäftsleute waren die Ersten, die der chinesischen Öffnung vertrauten. In den Sechzigern und Siebzigern hatten sie die britische Kronkolonie in eine Fabrik für Kleidung, Schuhe, Spielzeug und Elektrogeräte verwandelt und waren froh, nun auf der anderen Seite der Grenze neue, billigere Arbeitskräfte nutzen zu können. Gleichzeitig wurden viele von ihnen Chinas wichtigste Berater auf dem Weg in die "sozialistische Marktwirtschaft".

Einer von ihnen war etwa Henry Fok, ein Tycoon, der seine Milliarden im Baugewerbe und Kasinogeschäft verdient und auch in den dunkelsten Tagen der chinesischen Isolation Kontakte nach Peking gepflegt hatte. Ob er dies, wie er heute sagt, deswegen tat, weil er immer wusste, dass China sich nicht lange würde abschotten können, lässt sich ebenso wenig beweisen wie das Hongkonger Gerücht, Fok habe die chinesische Nomenklatura stets mit westlichen Konsumgütern und im Koreakrieg sogar mit Waffen versorgt. Sicher ist aber, dass Fok als einer der Ersten Deng Xiaoping und andere Kader bei der Frage beriet, wie man aus Shenzhen einen attraktiven Investitionsstandort machen könne: Die Stadt brauchte nicht nur eine gute Infrastruktur, sondern auch ein Stadtbild und Verwaltungssystem, das Investoren das Gefühl gab, ihr Geld am richtigen Ort zu investieren.

Dengs Plan vom Kapitalismus ging auf. Die Ausländer kamen, und chinesische Unternehmen schauten sich ihre Erfolgsmodelle schnell ab. Zu Shenzhens großen Erfolgsgeschichten gehört Huawei Technologies. 1988 begann der Offizier Ren Zhengfei, aus Hongkong Telefonanlagen zu importieren und in China zu vertreiben, was nicht weiter schwer war, denn die Volksbefreiungsarmee betrieb damals in allen Städten große Industriekonglomerate. Schnell kam Ren darauf, dass er derartige Geräte einfach selbst bauen konnte, sodass Huawei schon bald unter eigenem Namen billige Konkurrenzprodukte verkaufte.

Mittlerweile ist daraus ein weltweit operierender Telekommunikationskonzern mit 24 000 Mitarbeitern und Niederlassungen in 41 Ländern geworden. 2004 lag der Umsatz bei 4,6 Milliarden Euro, im ersten Halbjahr 2005 allein schon bei 3,3 Milliarden Euro. Mit mehr als 7000 Entwicklern in Shenzhen, Peking, Bangalore, Moskau, Stockholm und Dallas bemüht sich Huawei darum, aus der Schmuddelecke des Kopisten zu kommen; vergangenes Jahr meldete das Unternehmen 2300 neue Patente an. Wegen seiner niedrigen Preise ist Huawei bei internationalen Kunden inzwischen äußerst beliebt: In Großbritannien modernisiert das Unternehmen derzeit für 116 Millionen Euro Teile des British-Telecom-Netzes, und auch der deutsche Telekommunikationsanbieter Arcor bezieht seit vergangenem Jahr Huawei-Technik.

Möglich sind solche Erfolgsgeschichten nur, weil die Regierung ihren Unternehmen beim Angriff auf die Weltmärkte hilft - sowohl finanziell als auch politisch. So verklagte etwa Cisco Systems seinen chinesischen Konkurrenten Huawei wegen Patentrechtsverletzungen, ließ die Klage jedoch bald fallen, wohl nicht zuletzt, um sich den Zugang zum chinesischen Markt nicht zu verbauen. Um seine Expansion zu finanzieren, wird Huawei von der Regierung mit Steuervorteilen und von chinesischen Staatsbanken mit günstigen Krediten gefördert. Allein bei der China Development Bank soll Huawei einen Kreditrahmen von 8,3 Milliarden Euro nutzen können.

Die Lehre aus der Geschichte: Es gibt mehr als einen Weg in die Marktwirtschaft Anbindung an ein Wirtschaftszentrum wie Hongkong, staatlich geförderte Infrastruktur und großzügige Banken - Wenzhou hatte nichts von alledem, als es parallel zu Shenzhen anfing, von der Marktöffnung zu profitieren. Wegen ihrer Nähe zum abtrünnigen Taiwan war die Stadt seit der Mao-Ära von allen Infrastrukturprojekten abgeschnitten worden. Die nächste große Stadt lag 24 Landstraßenstunden entfernt, ein Flughafen und ein Bahnhof wurden erst 1990 gebaut. Trotzdem herrschte in Wenzhou schon bald wieder reger Betrieb.

Die Übersee-Wenzhouer - unter anderen diejenigen, die nach dem Ersten Weltkrieg in Europa geblieben waren und sich in Frankreich, den Niederlanden, Spanien oder Italien eine Existenz aufgebaut hatten - kamen mit Musterwaren, die sie in ihrer alten Heimatstadt billig herstellen lassen wollten: Uhrenarmbänder, Feuerzeuge, Boxershorts, Badelatschen, Spielzeug. Oft hatten sie auch das nötige Kapital dabei und vergaben es an Familienangehörige. Zwar handelte es sich meist nur um kleine Beträge, aber die reichten, um damit Hinterhoffabriken zu eröffnen.

Davon gab es bald zehntausende. Die meisten von ihnen hatten zwar nur eine kurze Lebensdauer und wurden schnell von anderen übernommen, doch manche wurden zu Großunternehmen. Aokang Shoes etwa, gegründet 1987 von drei Freunden, die 30 000 Renminbi (damals 8000 Dollar) zusammenlegten und in bewährter Manier Produkte der Konkurrenz kopierten. Nach sechs Jahren waren sie etabliert genug, um erstmals für eine neue Produktionshalle einen Bankkredit zu bekommen. Noch einmal zehn Jahre später hatten sich die Verhältnisse umgekehrt: Citibank, Morgan Stanley und andere internationale Banken bemühten sich nun ihrerseits, das mächtig gewachsene Aokang-Imperium, das inzwischen internationale Schuhmarken wie Geox belieferte, als Kunden zu gewinnen.

Schon nach wenigen Jahren war fast ganz Wenzhou in der Hand der Privatwirtschaft. Die lokale Regierung erweckte gegenüber Peking einen anderen Anschein, indem sie die Unternehmen als "volkseigene Betriebe" deklarierte. Tatsächlich waren auch die meisten Kader an Firmen beteiligt, nicht selten mit zweckentfremdeten öffentlichen Mitteln. So entstand mehr Marktwirtschaft, als Peking mit seiner Öffnungspolitik zunächst beabsichtigt hatte. Dazu gehörte der Aufbau von Schattenbanken, weil die Staatsbanken ihr Kapital vor allem nach politischen Kriterien an alte Staatsbetriebe oder neue Konzerne wie Huawei vergeben, nicht aber an Kleinbetriebe. Deshalb entstanden in Wenzhou inoffizielle Kreditnetze, über die Unternehmen sich gegenseitig mit Geld versorgen. Offiziell ist das zwar illegal und wird bei hohen Summen sogar mit der Todesstrafe geahndet - doch das hält die Wenzhouer nicht davon ab, sich per Handschlag Geld zu hohen Zinsen zu leihen. Abgewickelt wird das Geschäft meist von alten Frauen, denn die werden von der Polizei am wenigsten behelligt.

Sogar eine eigene Wettbewerbsordnung haben die Wenzhouer entwickelt. So sorgt etwa die Vereinigung der Feuerzeughersteller dafür, dass die Hersteller das geistige Eigentum ihrer lokalen Konkurrenten wahren. 300 Wenzhouer Unternehmen haben sich der Vereinigung angeschlossen - das entspricht mehr als zwei Drittel der weltweiten Feuerzeugherstellung. Die Mitglieder haben so die Möglichkeit, halsbrecherische Preiskämpfe zu umgehen und Geld in Recherche und Entwicklung neuer Feuerzeuge zu investieren. Die Wenzhouer Industriellen sind nicht nur untereinander vernetzt, sondern betreiben auch in anderen chinesischen Städten eigene Handelskammern.

Welche Form des Kapitalismus China stärker geprägt hat -Clanwirtschaft à la Wenzhou oder geplante Marktwirtschaft wie in Shenzhen - lässt sich nicht feststellen. Tatsächlich existieren in der Volksrepublik auch in anderen Orten starke Netzwerkstrukturen, und nicht nur in Shenzhen hat die Kommunistische Partei erfolgreich ausländische Investitionen angezogen und eigene Unternehmen aufgebaut.

Die Architekten des chinesischen Kapitalismus wussten Ende der siebziger Jahre nicht, wohin die Reise gehen würde. Einer aber zumindest dachte bei seinem Engagement für den Systemwechsel nachweislich auch an den eigenen Nutzen. Als Rong Yiren, der "Rote Kapitalist", vergangenen Oktober im Alter von 89 Jahren starb, war sein Sohn Rong Zhijian der wohlhabendste Mann Chinas. Er hatte einen Teil des von seinem Vater aufgebauten staatlichen Investment-Imperiums CITIC privatisiert, in Hongkong an die Börse gebracht und ein Vermögen von 1,4 Milliarden Euro verdient. Die Verdienste des Vaters um Chinas Aufschwung verbieten in der Volksrepublik jeden Zweifel daran, dass dabei alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

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