Ausgabe 05/2006 - Was Wirtschaft treibt

Hintergrundwissen zum Thema Stiftungen

Charakteristisch für eine Stiftung sind: • Dauerhaftigkeit • eine verselbstständigte Vermögensmasse als Stiftungskapital • ein im Voraus fest definierter Stiftungszweck • eine in der Stiftungssatzung festgelegte Organisationsstruktur.

Mit Ausnahme der so genannten Verbrauchsstiftung (siehe unten) ist eine Stiftung auf Dauer angelegt. Ihr Kapital bleibt unangetastet, nur die Erträge werden verwendet, um den Stiftungszweck zu verwirklichen. Das Stiftungskapital kann damit dem Stiftungszweck länger dienen, als es dem Stifter persönlich möglich gewesen wäre. Die Stiftung endet, wenn ihr Zweck erfüllt ist, nicht mehr erfüllt werden kann oder wenn das Stiftungskapital etwa durch Insolvenz verloren geht. Ein Mindestkapital für eine Stiftungsgründung ist nicht vorgeschrieben. Fachleute empfehlen für rechtsfähige Stiftungen jedoch mindestens 50 000 bis 100 000 Euro.

Nach Gründung der Stiftung gehört das Stiftungskapital nicht mehr dem Stifter. Er hat auf die weitere Tätigkeit der Stiftung nur noch insoweit Einfluss, als er sich in der Stiftungssatzung eine bestimmende Funktion innerhalb der Organisationsstruktur vorbehalten hat. Die Stiftung gehört sich selbst. Da Vermögen allerdings nicht von allein arbeitet, ist die entscheidende Frage, ob die Beteiligten sich engagiert für den Stiftungszweck einsetzen.

Der Zweck kann frei gewählt werden. Schätzungsweise 95 Prozent aller Stiftungen verfolgen steuerbegünstigte Zwecke, das heißt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche. Gemeinnützige Zwecke kommen der Allgemeinheit zugute - das erklärt die immense Bedeutung des Stiftungswesens für eine Gesellschaft. Welche Zwecke als gemeinnützig anerkannt werden, ist in Paragraf 52 der Abgabenordnung (AO) geregelt. Dazu zählen unter anderem die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur und Umweltschutz. Mildtätig (Paragraf 53 AO) ist die selbstlose Unterstützung von Personen, die aufgrund ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Zustands der Hilfe bedürfen oder Personen in klar definierten finanziellen Notlagen.

In der Stiftungssatzung wird unter anderem festgelegt, welche Organe die Stiftung hat, was deren Aufgaben sind und nach welchem Verfahren die entsprechenden Personen ausgewählt werden. Eine Stiftung braucht mindestens eine Person, die verantwortlich die laufenden Geschäfte führt, also einen Vorstand. Sinnvollerweise gibt es daneben mindestens ein Gremium, das die laufende Geschäftsführung überwacht (Beirat, Stiftungsrat, Kuratorium). Innovativ in ihrer Organisationsstruktur ist beispielsweise die von jungen Erben gegründete Bewegungsstiftung, bei der auch Vertreter der geförderten Projekte ein Mitspracherecht haben.

Stiftungsarten Eine nach Paragraf 80 ff BGB gegründete rechtfähige Stiftung ist eine eigenständige juristische Person. Eine solche Stiftung untersteht der Stiftungsaufsicht des jeweiligen Bundeslandes. Die Stiftungsaufsicht kann in die laufenden Geschäfte der Stiftung maßgeblich eingreifen. Für manche Stifter ist das beruhigend. Andere wählen bewusst nicht die Form der rechtsfähigen Stiftung, um den Staat völlig aus den Geschäften der Stiftung herauszuhalten.

Die häufig genutzte Alternative zur rechtsfähigen Stiftung ist die nicht rechtsfähige treuhänderische Stiftung. Der Stifter übergibt das Stiftungskapital einem Träger oder Treuhänder, der es getrennt von seinem eigenen Vermögen verwaltet und es entsprechend den Vorgaben der Stiftungssatzung und des Treuhandvertrages verwendet. Die steuerlichen Vorteile sind bei der treuhänderischen Stiftung dieselben wie bei der rechtsfähigen Stiftung. Manche Stifter beginnen testweise mit einer treuhänderischen Stiftung zu Lebzeiten und wandeln sie nach einiger Zeit in eine rechtsfähige Stiftung um.

Es gibt auch Stiftungen, die zwar so heißen, die aber aus unterschiedlichen Gründen andere Rechtsformen gewählt haben. So ist die Stiftung "Jugend forscht" als gemeinnütziger Verein organisiert, die Robert Bosch Stiftung (eine der größten privaten Stiftungen Deutschlands mit einem Fördervolumen von fast 50 Millionen Euro pro Jahr) als gemeinnützige GmbH.

Nach der Art ihrer Tätigkeit teilt sich die Stiftungslandschaft in fördernde und operative Stiftungen. Operative Stiftungen sind direkt im Interesse des Stiftungszwecks tätig, was erhebliche Personal und Sachmittel erfordert. Die "ZEIT"-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius betreibt etwa unter anderem die Bucerius Law School, eine private Universität. Mehr als 60 Prozent der Stiftungen sind reine Förderstiftungen. Teilweise fungieren sie auch als Bank, indem sie Teile ihres Geldes im Interesse des Stiftungszwecks als zinslose oder zinsgünstige Darlehen vergeben.

Eine Familienstiftung ist eine nicht steuerbegünstigte Stiftung, die den Zweck verfolgt, das Familienvermögen als Ganzes zu erhalten und dessen Erträge an Familienmitglieder zu verteilen. Faktisch dienen sie damit oft dem Erhalt von Unternehmen (unabhängig von eventuellen Streitereien unter einzelnen Familienmitgliedern). Daneben gibt es Unternehmensstiftungen, die unter anderem den Ruf der jeweiligen Firmen verbessern sollen.

Bei einer Gemeinschaftsstiftung schließen sich mehrere Stifter zusammen. Die Steuerfreibeträge für die Stiftungsneugründung können von jedem Stifter ausgeschöpft werden. Die seit zehn Jahren mögliche Bürgerstiftung wird oft von sehr vielen Bürgern gegründet und erlaubt es auch weniger Wohlhabenden, sich an der Gründung einer Stiftung zu beteiligen.

Ebenfalls noch recht neu sind Verbrauchsstiftungen. Bei ihnen ist schon in der Satzung vorgesehen, dass das Stiftungskapital innerhalb einer bestimmten Frist oder bis zum Erreichen eines konkreten Ziels aufgebraucht wird.

Es gibt auch Stiftungen des bürgerlichen Rechts, die auf staatliche Initiativen zurückgehen und für ihren Stiftungszweck dauerhaft mit Kapital ausgestattet wurden, das dann nicht mehr für den allgemeinen Staatshaushalt zur Verfügung steht. Bekannte Beispiele sind die 1961 von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Niedersachsen gegründete Volkswagenstiftung und die 1964 von der Bundesregierung gegründete Stiftung Warentest.

Steuern Wer zu Lebzeiten etwas an eine steuerbegünstigte Stiftung spendet oder stiftet, kann diese Zuwendungen als Sonderausgaben von der Einkommenssteuer oder Körperschaftssteuer absetzen.

Abzugsfähig sind zurzeit: • 307 000 Euro anlässlich der Neugründung einer Stiftung (einmalig alle zehn Jahre, wobei dieser Betrag steuerlich auf zehn Kalenderjahre verteilt werden kann). Eine Erhöhung auf 500 000 Euro oder mehr wird diskutiert.

• 20 450 Euro Zuwendungen an bestehende Stiftungen (zusätzlich zum normalen Spendenabzug in Höhe von 5 bis 10 Prozent der Einkünfte).

Die Übertragung von Vermögen auf eine steuerbegünstigte Stiftung in beliebiger Höhe ist frei von Schenkungs- oder Erbschaftssteuer. Die Übertragung von Vermögen auf eine steuerbegünstigte (neu gegründete oder bestehende) Stiftung innerhalb von zwei Jahren nach dem Erbfall ist für die Erben die einzige Möglichkeit, durch eine Gestaltung nach dem Todesfall noch Erbschaftssteuer zu sparen.

Steuerbegünstige Stiftungen dürfen - wenn das in ihrer Satzung vorgesehen ist - ohne Gefährdung ihrer Gemeinnützigkeit bis zu ein Drittel der Erträge an den Stifter oder seine nächsten Angehörigen zu Lebzeiten ausschütten oder zur Grabpflege verwenden.

Bei nicht steuerbegünstigten Stiftungen wird das Stiftungsvermögen alle 30 Jahre der Erbersatzsteuer unterworfen. Je nach Alters- und Verwandtschaftsstruktur der Stifterfamilie kann das günstiger sein als die Versteuerung nach einzelnen Todesfällen - zumal der Stichtag feststeht und die Geschäftsführung der Stiftung durch entsprechende Umschichtungen für eine bewertungsgünstige Vermögensstruktur am Stichtag sorgen kann. Bekannt wurde 2005 die Familienstiftung des Aldi-Gründers Karl Albrecht: Bei der 1973 gegründeten Siepmann Stiftung war eine Erbersatzsteuer von einer Milliarde Euro im Gespräch.

Verwaltung und Kosten Jede Vermögensverwaltung verursacht Kosten (zum Beispiel Kontoführungs-, Depot- und Beratergebühren). Die Stiftung hat zusätzliche Ausgaben für die Erfüllung des Stiftungszwecks (Telefon, Porto, Bürobedarf, Fahrtkosten, oft auch Miete und Personalkosten). Spenden und Zustiftungen sind zu verwalten (Dankschreiben, Zuwendungsbestätigungen, Errichtung einer Spenderkartei oder -datei).

Um zusätzliche Spenden oder Zustiftungen zu erhalten, um mehr Projekte effektiver fördern zu können, ist zunehmend eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit notwendig (Website, Flyer, Pressemitteilungen). Selbst wenn es für einige Bereiche ehrenamtliches Engagement gibt, können die Kosten bei zu niedrigem Stiftungskapital so hoch sein, dass für den eigentlichen Stiftungszweck zu wenig übrig bleibt. Sinnvolle Alternativen zur Gründung einer eigenen Stiftung sind dann Zustiftungen oder Unterstiftungen unter dem Dach einer bereits bestehenden Stiftung mit passender Zweckrichtung.

Manche Stifter verfolgen die Strategie, einen Teil des zur Verfügung stehenden Vermögens absichtlich nicht in den Grundstock der Stiftung einzubringen, sondern auch nach der Stiftungsgründung aufgrund fester jährlicher Spendenzusagen direkt an ihre Stiftung zu spenden. Damit gewährleisten sie zumindest in den ersten Jahren die laufenden Kosten für eine effektive Verwaltung und für ausgewählte Projekte.

Auf diese Art ist es beispielsweise der noch jungen Filia - die Frauenstiftung möglich, mit einer hauptamtlichen Geschäftsführerin und mehreren hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen die Stiftung professionell zu führen. Es ist die einzige deutsche Frauengemeinschaftsstiftung, die international tätig ist. Zu dem kann sie aufgrund ihrer Leistung eine deutliche Steigerung des Spenden- und Zustiftungsvolumens verzeichnen.

Zahlen und Fakten Es gibt mittlerweile rund 14 000 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts. Die Gesamtzahl aller deutschen Stiftungen ist unbekannt, denn es gibt kein zentrales Stiftungsregister. Die bisher umfassendste Informationsquelle ist das Verzeichnis Deutscher Stiftungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Nach Angaben des Bundesverbandes beläuft sich das Gesamtvermögen der ihm bekannten Stiftungen auf rund 60 Milliarden Euro. Deren Stiftungszwecke verteilen sich derzeit so: 34,2 Prozent soziale Zwecke, 13,9 Prozent Kunst und Kultur, 13,6 Prozent Wissenschaft und Forschung und 3,5 Prozent Umweltschutz. Der Rest sind andere gemeinnützige, aber auch privatnützige Zwecke.

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