Ausgabe 04/2005 - Schwerpunkt Machtwechsel

Offenes Ende

Es gibt viele Wörter des Jahres und ebenso viele Unwörter. Eines hat aber immer gefehlt - zumindest im vergangenen Jahrzehnt: Open Source. Da weiß jeder gleich: Das ist gut. Dabei ist der Begriff vor allem eines: schwammig. Was gut klingt, nämlich "aus einer offenen Quelle" trinken, scheint revolutionär zu sein: Freie Programmierer auf der ganzen Welt schaffen freie Software, deren Anwendung nicht mehr von den teuren und einengenden Lizenzen der großen Konzerne abhängt.

So viel scheint klar: Frei ist super.

Nur: Was bedeutet das eigentlich? Umsonst? Gratis? Selbst die Gründerväter der Open-Source-Bewegung sind sich darüber nicht einig. Richard Stallman ist eine von ihnen, vielleicht der Wichtigste. Er hat die General Public License (GPL) geschrieben und den einflussreichen Verein Free Software Foundation gegründet. Der sieht seine Aufgabe darin, den Begriff Stallmans von Software-Freiheit zu verbreiten. Aber ob der immer richtig verstanden wird, ist die Frage.

Dabei ist der O-Ton Stallmans recht unmissverständlich: "Frei nicht im Sinn von Freibier, sondern von freier Rede" habe er im Sinn gehabt, als er die bis heute wichtigste Geschäftsgrundlage für das etablierte, was man später Open Source nennen sollte: die 1989 verfasste GPL. Die erlaubt es jedem Anwender und Programmierer, die mit GPL-Lizenz vergebenen Quellcodes, also die DNA der jeweiligen Programme, zu nutzen, zu verändern und natürlich auch damit Geld zu verdienen - allerdings nur dann, wenn sie wiederum anderen das Recht zugestehen, das auch zu tun. Was Stallman beabsichtigte, ist klar; Wie das Alphabet sollen Computercodes nicht durch enge Lizenzen kommerzieller Software-Hersteller in ihrer Verbreitung beschränkt bleiben. Sie sollen sich im Netzwerk frei entwickeln können: "Die Bezeichnung ,freie Software' bezieht sich auf die Freiheit, nicht auf den Preis. Unsere Lizenzen sollen Ihnen die Freiheit garantieren, Kopien freier Software zu verbreiten (und etwas für diesen Service zu berechnen, wenn Sie möchten)", das steht in der GPL-Lizenz und weiter: "Um Ihre Rechte zu schützen, müssen wir Einschränkungen machen, die es jedem verbieten, Ihnen diese Rechte zu verweigern oder Sie aufzufordern, auf diese Rechte zu verzichten. Aus diesen Einschränkungen folgen bestimmte Verantwortungen für Sie (...) Beispielsweise müssen Sie den Empfängern alle Rechte gewähren, die Sie selbst haben, wenn Sie - kostenlos oder gegen Bezahlung - Kopien eines solchen Programms verbreiten." Auf dieser Grundlage arbeiten weltweit erfolgreich Unternehmen mit freier Software, deren bekanntester Star nach wie vor das Betriebssystem Linux ist.

Es wird wie jede andere so genannte " quelloffene" Software nicht einfach nur als Programm geliefert, sondern mit dem entsprechenden Quellcode, der Source. Die braucht ein Programmierer, um das Programm anzupassen und zu verändern. Das ist tatsächlich ein Bruch mit der technischen Rechtstradition: Denn die bestand immer darin, dass die technischen Tricks, die hinter einer Anwendung stehen, striktes Geschäftsgeheimnis sind. Bei Open Source funktioniert das genau gegenteilig: Der Anwender erhält nicht nur ein Produkt, sondern auch den kompletten Bau- und Konstruktionsplan. Er kann und darf die Struktur verändern oder entwickeln. Und er kann, wenn er will, für diese Entwicklungsarbeit so viel Geld verlangen, wie ihm dafür bezahlt wird. Damit verdienen heute weltweit tätige Open-Source-Unternehmen wie Suse, seit 2003 im Besitz des Software-Konzerns Novell, und das amerikanische Unternehmen Red Hat gutes Geld.

Open Source sollte die Welt verändern - und sorgt heute vor allem bei Konzernen für mehr Gewinn Wer quelloffene Software ändert und weitergibt, bekommt dafür Geld - aber als Verwerter, nicht als Urheber.

Eric S. Raymond schrieb 1997 sein Manifest "Die Kathedrale und der Basar". Er meinte von den technischen Voraussetzungen her eigentlich dasselbe wie Stallman. Aber er wollte damit einen ideologischen Grundstein für die Bewegung legen und parallel dazu der IT-Wirtschaft den Einsatz freier Software schmackhaft machen. Deswegen gab er ihr einen neuen Namen: Open-Source-Software. Die Symbolik von der Kathedrale (Symbol für die althergebrachte Hierarchie) und dem Basar (steht für das neue Netzwerk) lieferte er gleich mit, und die New Economy, die sich selbst gern als revolutionär, vernetzt und antihierarchisch begriff, flog darauf. Sie fiel kurz danach in sich zusammen, aber Raymonds Kniff, den Gebrauchswert freier Software für die Wirtschaft zu propagieren, war ungeahnt erfolgreich.

Seine Open Source Initiative (OSI) verfolgt die Strategie der Umetikettierung von freier Software auf Open Source mit großem Nachdruck.

Bill Gates ist darüber wenig erfreut, kein Wunder. Seine Microsoft steht stellvertretend für die Unternehmen, die so genannte proprietäre Software erzeugen. Man erwirbt dabei nicht ein Programm, sondern eine begrenzte Programmlizenz, also das Recht, das Programm nutzen zu dürfen. Die Quellcodes werden in diesem System selbstverständlich nicht mitgeliefert.

Gates, seit jeher Hassobjekt der freien Software-Szene, setzte Open Source in etlichen Interviews mit dem Kommunismus gleich. Eine Behauptung, die der Politologe und Mathematiker Michael Heinrich nicht gelten lässt: Der Eigentumsanreiz, den Gates gern betont, erweise sich angesichts des Erfolgs von Open Source, das eben nicht Eigentum eines Unternehmens oder einer Person ist, schlicht als überkommene dogmatische Behauptung. Zudem habe Open Source nichts mit Kommunismus zu tun: Denn erstens, so führt Heinrich aus, sei es den allermeisten Benutzern von Software herzlich egal, ob die mit offener oder versteckter Quelle geliefert würde. Sie hätten nur gern ein funktionierendes Programm. Und zweitens, so Heinrich, ermögliche die Open-Source-Szene gerade den großen Unternehmen enorme Vorteile. Eben weil Open-Source-Software auch für sie eine extrem günstige Alternative darstelle: Kostenersparnisse in Produktion, Verwaltung und Investition von IT-Infrastruktur sind jedenfalls nachweislich vorhanden. Kein Wunder, dass Heinrich resümiert: "Open Source ist mit dem Kapitalismus voll kompatibel." Bei IBM, dem weltgrößten IT-Anbieter, würde man ihm sicher Recht geben. Dort hat man frühzeitig begonnen, sich für den prominentesten Open-Source-Zögling, Linux, zu engagieren. Der Grund ist nahe liegend. IBM hat das wenig lukrative PC-Geschäft in den vergangenen Jahren vollständig abgestoßen. Der Konzern verdient dort, wo am meisten zu holen ist: mit Beratung rund um Netzwerke und professionelle Systeme. IBM bewirbt Linux aufgrund seiner Flexibilität und Offenheit als Wunderwaffe bei der Renovierung professioneller IT-Infrastruktur. Und die Kunden, durch die Bank mittlere und größere Unternehmen, die in den vergangenen Jahrzehnten eine dichte EDV-Infrastruktur aufgebaut haben, greifen gern zu.

Schneller, besser, einfacher, leistungsfähiger -Open Source bedrängt die Welt der Monopole Aus gutem Grund, wie Thorsten Wichmann, Geschäftsführer der Berliner IT-Beratungsagentur Berlecon Research weiß: "Open Source ist für den Privatanwender oder das kleine Unternehmen überhaupt nicht interessant - vielleicht wird es das mal. Wirklich nützlich ist die Open-Source-Idee, wenn Sie ein Rechenzentrum haben oder eine zentrale Computer-Infrastruktur." Für Wichmann gibt es vier wichtige Gründe, weshalb Konzerne wie IBM oder Hewlett-Packard, der es dem Branchenprimus längst in seiner Open-Source-Politik gleichtut, auf die freie Software so abfahren: Open Source ist billiger in der Anschaffung. Das gilt vor allem für die Lizenzen, aber auch für alles, was nach dem Kauf neuer Software auf ein Unternehmen zukommt, vor allem für den Support, die fachkundige Unterstützung bei Problemen etwa. Unabhängig von der Anzahl der Rechnerarbeitsplätze zahlt ein Unternehmen in der Regel nur einmal für die CD mit der Software.

Der zweite - vor allem für große Unternehmen - wichtige Vorteil liegt laut Wichmann darin, dass sich Open Source der vorhandenen Hardware anpassen lässt. Das ist ein entscheidender Investitionsvorteil. Professionelle Rechner sind teuer - und verlangen vielfach den Einsatz eigens für sie geschriebener Programme und Zubehörteile. Das in der Computer-Welt längst zum Nebenkriegsschauplatz gewordene Kompatibilitätsproblem schlägt bei Großanwendern voll zu. Open Source, die sich der vorhandenen Infrastruktur anschmiegt, befreit die Unternehmen aus dieser Zwangslage. Sie können nun unter vielen Angeboten - und Preisklassen - das richtige System wählen. Entscheidend ist dabei auch, dass sich ältere, gewachsene EDV-Systeme meist problemlos integrieren lassen. Der Trumpf der freien Veränderbarkeit sticht - mit messbaren Konsequenzen.

"Kann ich die Software einfach und schnell, ohne lange Rückfragen, ändern, modifizieren, einem neuen Prozess anpassen?" Das sei eine der am häufigsten gestellten Fragen, so Wichmann. Bei Open Source sei das mit "null Aufwand" verbunden, bei proprietärer Software hingegen "mit ziemlicher Arbeit". Bei der Anpassung ans System hat Open Source noch einen Vorteil: Die Codes, die ein Programm bilden, stammen von vielen Programmierern, die jede einzelne Aufgabe im Programm in einer überschaubaren Einheit, einem Modul, lösen. Diese Module lassen sich deutlich leichter umschreiben als die von proprietärer Software. Das Arbeitsprinzip von Open Source - viele Teile formen ein. Ganzes - ist dabei ungeheuer nützlich.

Wichmann glaubt, dass Open Source auch bei der Administration des laufenden Systems die Nase vorn hat: Open Source mache es preiswerter, große Rechnernetzwerke zu verwalten, also am Laufen zu halten.

Aus all dem ergibt sich der Grund, der große IT-Konzerne wie IBM und Hewlett-Packard auf Open Source setzen lässt. Statt, wie früher, nur geschlossene Systeme zu hohen Preisen zu verkaufen, was auf zunehmende Investitionsverweigerung der Kunden stieß, wird jetzt mit Open Source betreut, was da ist. "Schließlich verdient man mit Dienstleistungen in diesem Bereich sowieso mehr", sagt Wichmann.

Das Ganze ist längst kein Zuschuss- oder Risikogeschäft mehr. Linux läuft auf 30 Prozent aller von IBM ausgelieferten kleinen Server, ein Viertel der Mittelständler in der Kundenkartei setzt Linux als Server-System ein. Das Marktforschungsinstitut IDC errechnete für den Zeitraum von 2002 bis 2007 ein jährliches Wachstum von 28,5 Prozent für Open Source. "Schneller, besser, einfacher, leistungsfähiger" lautet der Tenor der Testimonials, die IBM aus der Szene der Systemadministratoren zusammenträgt.

In mittleren Unternehmen ist die Erleichterung ebenfalls spürbar. Andreas Schlager, IT-Mitarbeiter bei der M. Kaindl-Holzindustrie KG in Salzburg-Wals, kann bestätigen, was Berater wie Wichmann über die neue kommerzielle Welt von Open Source berichten: "Den größten Vorteil haben wir in der frei zur Verfügung stehenden Software, in den Anpassungsmöglichkeiten und in der Sicherheit, die Open Source bietet." Der Systemadministrator schätzt, was in der Szene seit langem als wichtigstes Argument für den Einsatz von Open-Source-Produkten hervorgehoben wird: mehr Komfort für den Fachmann. "Ich kann mir schnell eine Testmaschine aufsetzen und neue Software legal ausprobieren, ohne vorher irgendwelche Demo-Lizenzen beschaffen zu müssen." Open Source ist gut für Fachleute und viele größere Unternehmen, daran lässt auch Schlager keinen Zweifel.

Für Privatleute allerdings seien Linux und Co. entgegen der Überzeugung der Open-Source-Gemeinde eher nicht geeignet, glaubt Schlager: "Um mit Linux ordentlich umgehen zu können, ist einiges Wissen erforderlich, das man sich erst mal aneignen muss." Bezeichnend für die Trendwende ist die Geschichte der Suse AG. Gegründet in der Euphorie der freien Software-Lizenz, war Suse, damals noch mit Hauptsitz in Nürnberg, der strahlende Stern der professionellen Linux- und damit Open-Source-Hoffnungen. Auf jedem Desktop - sprich PC - sollte das Betriebssystem laufen, von den Programmierern von Suse verfeinert und angepasst. Vor zwei Jahren wurde der einstige Hoffnungsträger nach einer verbissenen Auktion für 210 Millionen Dollar an den Software-Giganten Novell verkauft. Seither hegt die Open-Source-Gemeinde den Verdacht, dass Novell Linux mit proprietären Bestandteilen geimpft werden könnte, was angesichts neuerer Novell-Produkte und Nachlizenzierungen wie bei der "Novell. Linux Small Business Suite" nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Den Profis ist das egal. Mit Suse hat Novell vor allem eine gute Lösung für den Markt gefunden, den auch Microsoft als gewinnträchtiges Segment seit langem bewirtschaftet: Behörden, Verwaltungen und Unternehmen, die, wie etwa große Handelsketten, eine Vielzahl einheitlicher Programme verwenden. Wo die Menge zählt. Und wo man mit IBM strategisch verzahnt ist: "IBM übernimmt uns gegenüber die Verantwortung für das Funktionieren aller Teile von Linux auf ihrer Hardware - vom Großrechner bis zum Kassensystem. Novell sorgt dafür, dass das genau mit dem gleichen System möglich ist, das wir auch an Kunden von Hewlett-Packard, Oracle oder SAP liefern", sagt Jürgen Geck, Chief Technology Officer CTO von Suse Linux.

Open Source hat nichts mit Kommunismus zu tun - aber jede Menge mit einem offenen Markt Und der Markt der Privatanwender, die große Revolution am Desktop? Die wurde vorerst abgesagt. Red Hat, neben Suse der bekannteste globale Anbieter auf dem Linux-Markt, hat 2003 die Produktpalette für Privatkunden ganz aufgegeben und versucht mit mäßigem Erfolg, diese Altlast unter dem Namen Fedora in die Hände der Entwickler-Gemeinde zurückzugeben. Der Umsatz wird mit Support-Jahresverträgen für die Geschäftskunden gemacht.

Über diese Abschöpfung des Profits und die Abschiebung des Ballasts an die Community, die letztlich auch die Basis für den Profit geschaffen hat, ärgern sich vielleicht einige Aktive der ersten Stunde, sofern sie selbst nicht mittlerweile bei Red Hat arbeiten. Ganz sicher aber ärgert es Microsoft, wo man erkannt hat, dass Open Source eben nichts mit Kommunismus, aber jede Menge mit Markt zu tun hat: zunächst mit dem professionellen, in Zukunft auch mit dem der privaten Nutzer. Von der Volks-Software noch weit entfernt, entwickelt sich die Open-Source-Szene für die kleinen Unternehmen ähnlich wie einst jene für herkömmliche Programme.

Beim Branchendienst Isis Linux Online listet man derzeit mehr als 2000 verschiedene Software-Lösungen und gut 1800 Anbieterfirmen auf. Für die gilt, was auch die großen Konzerne längst im Zusammenhang mit Open Source verstanden haben: Die wahren Geschäfte sind mit Beratung und Dienstleistung zu machen, nicht mehr mit dem schieren Verkauf von Hardware und Software, die im Grunde alten industriellen Konzepten folgte.

Ganz nebenbei räumt diese Entwicklung mit der Illusion auf, dass etwas, was sich jeder leisten kann, ganz automatisch auch für alle den gleichen Wert hat. Auch wenn daran Leute wie der Open-Source-Guru Eben Moglen immer noch glauben: Da die Grenzkosten, so seine Argumentation, fast null seien, könne jeder Open-Source-Software besitzen, anwenden und verändern. Besitzen stimmt - der Rest ist allerdings schieres Wunschdenken. Hätte Moglen Recht, dann wäre die vor unseren Augen entstehende Open-Source-Wirtschaft gar nicht notwendig, noch würde sie je einen Cent Umsatz machen. Es gebe die Knappheit gar nicht, die der funktionierende Markt für Open-Source-Software und die dazugehörigen Dienstleistungen voraussetzen. Ohne die Fähigkeiten, das freie Wissen für andere nützlich zu machen, bringt auch ein Produkt nichts, das es gratis gibt. Software ermöglicht viel. Aber sie macht nicht allmächtig.

Berater Wichmann empfiehlt die Lektüre alter Klassiker für die "idealistischen Befürworter einer heilen Welt, die aus Freude am Programmieren entstehen soll. Seit Adam Smith sollte klar sein, dass Bäkker und Fleischer nicht aus Wohltätigkeit, sondern aus Eigennutz arbeiten".

Mehr aus diesem Heft

Machtwechsel 

"Ich habe einfach Glück gehabt"

Wer als Unternehmer wachsen will, braucht Verstärkung, bildet ein Netzwerk - und ist plötzlich kein Unternehmer mehr, sondern Angestellter. Vor drei Jahren hat es Thomas Koch, Deutschlands größten unabhängigen Mediaplaner, erwischt. Ein Resümee.

Lesen

Machtwechsel 

Keine Macht ohne Drogen

In Bolivien gibt es eine ganz normale Bauerngewerkschaft. Sie hat einen Generalsekretär, einen Schatzmeister und ist vom Staat als Arbeitnehmervertretung zugelassen. Eine normale Gewerkschaft ist sie dennoch nicht ...