Ausgabe 01/2005 - Schwerpunkt Freiheit

MACH DICH FREI

1. AUS DEM LABOR Ach wunderbare Freiheit, Macht des freien Willens! Tun, was man für richtig hält - nichts ist großartiger. Sich befreien - wählen zu können zwischen gut und böse, richtig und falsch, gerecht und ungerecht und für diese Freiheit auch die Verantwortung zu übernehmen -, wenn die Last auch noch so schwer ist. Ist das nicht großartig?

Nein, das ist blödsinnig. Das sagen die, die den Sitz der Freiheit bestens kennen. Das Gehirn. Gehirnforscher neigen nicht zum Freiheitspathos. Dafür wissen sie, was sich in unserer Rübe abspielt. Das genügt völlig. Und ist, seit der amerikanische Hirnforscher Benjamin Libet Ende der siebziger Jahre seine Aufsehen erregenden Experimente rund um den Mythos des freien Willens begann, sogar amtlich.

Libets Versuchsanordnung war so einfach wie einleuchtend. Er bat eine Anzahl Testpersonen, zu einem ihnen genehmen Zeitpunkt eine Bewegung auszuführen. Manche schnippten mit den Fingern, andere hoben das Bein, dritte wackelten mit den Ohren. Gleichzeitig wertete ein EEG-Gerät die Hirnströme der Probanden aus. Die Auswertungen zeigen, wann im Gehirn welche Aktivität stattfindet - auf die Millisekunde genau. Da gibt es kein Vertun. Und jede Aktivität lässt sich einem Prozess zuordnen. Es ist ein - elektrischer - Unterschied, ob wir grübeln oder ob wir unseren Muskeln den Auftrag geben, sich zu bewegen. Ein EEG zeichnet gnadenlos auf, ob wir eben eine Entscheidung getroffen haben oder ob das, was wir gerade tun, bloß eine Reaktion auf etwas ist, womit wir von außen konfrontiert werden. Ströme lügen nicht.

Glauben wir, was im ersten Absatz steht, dann müsste Folgendes gehirnstrommäßig passieren, in genau dieser Reihenfolge: Erstens, das EEG zeichnet die Gehirnströme auf, die unsere aus freiem Willen getroffene Entscheidung, mit dem Ohr zu wackeln, darstellen, und zwar bevor das nächste elektrische Hirnsignal - das so genannte motorische Bereitschaftspotenzial - aufgezeichnet wird. Dieses Signal ist der berühmte Schalter im Kopf. Er wird umgelegt, nachdem eine Entscheidung getroffen wurde. Das motorische Bereitschaftspotenzial löst dann die nötigen weiteren Befehle aus, die an Botenstoffe, Nerven und Muskeln weitergereicht werden und uns dazu veranlassen, drittens, mit den Ohren zu wackeln oder mit den Fingern zu schnippen. Entscheidung, Bereitschaftssignal, Aktion. So hätten wir es gern. So ist es aber nicht.

Libet fand heraus, dass immerhin 350 Millisekunden - in der neuronal-elektrischen Welt eine kleine Ewigkeit -, bevor das Messgerät die Ströme für die Entscheidung, mit den Ohren zu wackeln, aufzeichnete, bereits das motorische Bereitschaftspotenzial vorhanden war, Libet tauschte ein EEG-Gerät nach dem anderen aus. Das Testergebnis, so meinten die Forscher zunächst, könne einfach nicht stimmen. Doch ganz gleich, wie oft die Maschinen und die Drähte auch neu gelegt wurden, es blieb dabei: Niemand wackelte mit den Ohren, weil er das wollte, aus freiem Entschluss also. Vielmehr richtig ist: Wir werden mit den Ohren gewackelt.

Und nun?

Für Libet und Kollegen ist der Fall erledigt: "Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun", heißt sein berühmt gewordenes abschließendes Testurteil. Für unsereins ist die Nachricht leicht bedrückend; Da stehen wir nun und können gar nicht anders. Wir tun, was wir nicht lassen können.

Für manche ist das eine prima Ausrede. Kein Testergebnis kann auf dieser Welt so eindeutig sein, dass Menschen nicht daraus machen, was ihnen gerade recht ist. So meinen seit Libets Entdeckung einige, den Schlüssel für Untätigkeit gefunden zu haben. Warum wir zu viel essen, zu viel rauchen, zu wenig arbeiten, zu viel jammern, den Job nicht hinschmeißen, mehr als ein Glas Wein trinken, keinen Sport treiben - alles Programm. Und Freiheit ist dann nichts anderes als eine Illusion. Man kann das Ganze aber auch anders sehen: Es gibt eben solche, die ihren Reizen unterliegen, und jene, die dagegen angehen - und das Programm immer wieder zu ändern versuchen. Einigen gelingt das. Da hinter steckt kein Pathos und keine Methode. Die Freiheit ist, wie sie ist: ohne Erfolgsgarantie.

2. DIE GUTSGLOCKE BIMMELT Im Jahr 1895 berichtete der Soziologe Max Weber von einem merkwürdigen Phänomen. In Massen wanderten preußische Tagelöhner von den Gutshöfen im Osten des Landes ab. Anscheinend ohne großen Plan und mit vagem Ziel wanderten sie in den äußersten Westen des Landes, in die Stahl- und Kohlereviere des Ruhrpotts. Andere wieder quartierten sich in den anwachsenden Elendsvierteln Berlins ein. Und ein großer Teil fuhr von Bremerhaven aus über den Atlantik in die Neue Welt.

"Warum ziehen die deutschen Tagelöhner ab?", fragte sich Weber. An zu gewinnenden Reichtümern konnte es nicht liegen. So naiv waren die Tagelöhner am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Auf den Gütern der Landjunker in Preußen hätten sie ein Auskommen gehabt, frei von den schlimmsten Nöten - Hunger, Durst und Kälte. Mit all diesen Plagen mussten sie nicht nur auf den Überfahrten nach Amerika rechnen. Was also genau verstanden die Tagelöhner unter dem besseren Leben, das sie anderswo suchen wollten?

Max Weber gab die einzig mögliche Antwort: " Zwischen den Gutskomplexen der Heimat gibt es für den Tagelöhner nur Herren und Knechte und für seine Nachfahren im fernsten Glied nur die Aussicht, nach der Gutsglocke auf fremden Grund zu scharwerken. In dem dumpfen, halb bewussten Drang in die Ferne liegt ein Moment eines primitiven Idealismus verborgen. Wer es nicht zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der Freiheit nicht." Der Zauber der Freiheit, das ist das Antivirusprogramm zum Reiz, der vor dem Willen kommt.

3. DAS JOCH Freiheit, so lautet die wahrscheinlich praktischste Definition, ist die Abwesenheit von Zwängen. Zugegeben: Diese Erklärung hält zwar keinem EEG-Test stand, ist aber praktisch die einzige Möglichkeit, Freiheit und Frei-sein-Wollen zu begreifen. Was uns nervt, engt uns ein, zwingt uns. Freiheit an sich lässt sich nur durch Zwänge, die sie verhindern, erklären: Wer von Freiheit spricht, redet im Grunde immer davon, was diese Freiheit einschränkt oder einschränken könnte. So wie im Gehirn das Unterbewusstsein das Sein der Motorik bestimmt, läuft es auch außerhalb überall: Ohne Zwänge bemerkte niemand das, was er unter Freiheit versteht.

Freiheit kommt von dem gotischen Wort "Freihals" , das jemanden bezeichnete, der nicht gezwungen war, ein Joch zu tragen, mit anderen Worten: ein unselbstständiger Erwerbstätiger des Mittelalters zu sein. Der Mensch, der seine Arbeitskraft nicht anderen überlassen musste, war frei - und selten. Im alten Deutschland wie im neuen stand das Wort Freiheit stets ganz vorn auf der Liste der beliebtesten Wörter. Vielleicht, niemand hat das untersucht, sind die Zwangsimpulse im Kopf hier zu Lande ein wenig intensiver als anderswo. Wäre möglich. Von Zwang ist die deutsche Geschichte jedenfalls voll - die Gutsglocke läutet regelmäßig und laut. Von Freiheit redet jeder gem. Was dabei herauskommt, ist meist ein Missverständnis. Etwa jenes, sehr populäre, das Freiheit mit Gleichheit verwechselt. Oder sozialer Sicherheit.

4. FREIHEIT ODER SICHERHEIT?

Im Herbst 2003 führte das Institut für Demoskopie Allensbach eine bemerkenswerte Umfrage durch. "Der Wert der Freiheit" nennt sich das umfangreiche Werk, in dem die Forscher von den Nachfahren der Tagelöhner und Soziologen vor allem eines wissen wollten: Ist ihnen klar, was Freiheit bedeutet? Also schätzen sie das Grundrecht auf freie Entscheidung und Handlungsfähigkeit höher als das Recht auf Gleichheit und Sicherheit? Das sind übrigens - schon Weber wusste das - keine zufällig gewählten Gegensätze. Gleichheit und Sicherheit wären den preußischen Tagelöhnern auf den Feldern ihrer Gutsherren sicher gewesen. Angestellte, Beamte und andere Arbeitsplatzbesitzer wissen jetzt bestimmt, wovon die Rede ist: Da wäre die Freiheit, hier ist die Sicherheit - die noch dazu im festen Arbeitsverhältnis unter relativ Gleichen gelebt werden kann. Der feine Unterschied zwischen Handeln und Behandelt-Werden also.

Ist Gleichheit wichtiger als Freiheit? Immerhin glauben das nach der Allensbach-Studie 51 Prozent der Ostdeutschen immer noch. Nur 36 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der neuen Bundesländer würden "im Zweifel" die Freiheit wählen - also jene Tugend, die angeblich die Revolution von 1989 ausgelöst hat und für die der Osten seit anderthalb Jahrzehnten gefeiert wird. Seltsam irgendwie, aber nicht einzigartig. Sehr viel besser sieht es im großen und ganzen Deutschland auch nicht aus. Rechnet man die Ergebnisse aus Ost und West zusammen, dann sind zwar 50 Prozent der Bürger der Meinung, dass Freiheit im Zweifel vor Gleichheit stehe. Ganze 40 Prozent der Bundesbürger sind aber eindeutig für den Vorrang von Gleichheit vor Freiheit.

Nun, was ist schon dabei: Immerhin ist die Mehrheit doch auf der Seite der Freiheit, oder? Nachfragen bringt - Sicherheit. Fragt man nämlich nach diesem schönsten aller deutschen Wörter, das im Allgemeinen mit der Beifügung "soziale" auftritt, dann sieht die Welt ganz anders aus. Das Verlangen nach sozialer Sicherheit deckt jeden theoretischen Freiheitswillen zu. Das Land, in dem die meisten Bürger gern leben würden, ist für 49 Prozent der Wessis und 70 Prozent der Ossis eines, in dem soziale Sicherheit garantiert wird. Die Alternative dazu, ein Staat, der auf Regulierung und Zwänge weitgehend verzichtet, in dem man "sein Leben selbst in die Hand nehmen kann", ist der breiten Mehrheit hüben wie drüben suspekt. Nur 29 Prozent der Wessis und 23 Prozent der Ossis könnten mit dieser Freiheit etwas anfangen.

Mach dich frei?

5. REAKTIONÄRE Wer sich in dieser Gesellschaft tatsächlich frei machen will von Bürokratie, staatlicher Abhängigkeit und Sicherheitsfanatismus, der kämpft zunächst einmal mit einer Gesellschaft, die theoretisch wahnsinnig freiheitsliebend ist, praktisch aber schon lieber den Versorgungsstaat hätte. Unter diesen Bedingungen ist Freiheit keine Tugend, sondern abweichendes Verhalten. Und das merkt man.

Nehmen wir mal den Begriff "freie Mitarbeiter". Er kommt harmlos daher: Arbeit ist gut - frei sein ist super. Aber beides zusammen definiert heute eines der niedrigsten sozialen Niveaus. Freie Mitarbeiter sind in Unternehmen und Organisationen die unterste Schicht. Sie haben nur dann Arbeit, wenn andere wollen, und meist werden sie als Lückenbüßer beschäftigt. Man behauptet, sie verfügten über ein wesentliches Merkmal der Freiheit: Zeitautonomie. Nichts ist falscher als das. Denn in der verkehrten Welt des geordneten Sozialstaats sind sie draußen und keineswegs selbstständig und autonom, sondern die Standby-Sklaven jener, die mit ihrer geregelten Arbeitszeit nicht zu Rande kommen.

Freie Mitarbeiter werden schlechter bezahlt und in der Regel schlechter behandelt als Angestellte. Sie begegnen in Ämtern wie Banken tiefem Misstrauen und unterliegen der besonderen "Fürsorge" des Gesetzgebers, der am liebsten aus allen freien Mitarbeitern unselbstständig Erwerbstätige machen würde. Nach den Plänen der Bundesregierung werden sie in die so genannte Bürgerversicherung integriert - sie müssen dann den Fürsorgestaat, den sie nicht wollen, mitfinanzieren. Das deutsche Wort dafür heißt Solidarität, einst ein ehrenwertes Wort. Heute spricht es blanken Hohn.

Selbstständige sind der Rede nicht wert. Als die Bundesagentur für Arbeit im November 2004 ihre - wie immer trostlose - Statistik vorstellte, wurde der weitere Verlust von Arbeitsplätzen von Unselbstständigen beklagt. Dass die Bilanz aber auch sagte, dass brutto mehr Menschen in Arbeit waren als im Vergleichsmonat des Vorjahres, fiel unter den Tisch. Es waren ja auch nur Selbstständige, freie Unternehmer, Gründer.

Die Wahrnehmung von allem, das sich nicht zentralistisch verwalten lässt, ist nicht erst seit kurzem getrübt: "Sind alle Unternehmer noch so .selbstständig' (...), dass sinnvollerweise von einer ,freier Unternehmerwirtschaft' gesprochen werden kann? Oder ist das Ausmaß der Konzernbildung und der Umfang (...) des Verbandswesens schon so groß, dass es treffender wäre, von Managerwirtschaft oder von Funktionärswirtschaft zu sprechen? Hat sich Karl Marx vielleicht nur insoweit geirrt, als die Unternehmer nicht, wie er im ´Kapital' prophezeit, sich gegenseitig totschlagen, sondern nur ihre Selbstständigkeit verlieren, weil sie in Abhängigkeit geraten oder von einem neuen Typ des Wirtschaftsführers, dem Manager und dem Verbandssekretär, verdrängt werden?" Diese Analyse stammt vom Volkswirtschaftler Helmut Arndt und ist vor 42 Jahren aufgeschrieben worden. Die düsteren Ahnungen sind vielfach eingetreten. Ein einfacher Test macht sicher: Von Wirtschaft darf heute jeder reden. Von freier Wirtschaft nicht. Das gilt als Kampfbegriff.

Tiere im Zoo reagieren äußerst nervös, wenn sie ein frei laufendes Lebewesen wahrnehmen - ganz egal, wie groß es ist oder wie bedrohlich. Völlig anders verhalten sie sich, wenn sie ein anderes Tier ebenfalls hinter Gittern wahrnehmen.

Das beruhigt sie.

6. HANDFESTE FREIHEIT Von nichts anderem als freier Wirtschaft aber muss die Rede sein, denn das bedeute nichts anderes als freie Gesellschaft, sagt Arno Metzler, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Freien Berufe. Die freie Gesellschaft ist ehe, die die Wahrheit ertragen kann, meint er. Alles andere hat wenig Zweck: "Man kann vor der Wahrheit flüchten. Oder man will eben die Veränderung." Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten und freie Journalisten sind - neben anderen Berufsgruppen - in seinem Verband. Das sind 815 000 Menschen in Deutschland, die wiederum mehr als 2,5 Millionen Angestellte haben. Und Arno Metzler hat für die Freien ganz wunderbare Entwicklungen aufzuweisen. Seit 1978 hat sich sich die Zahl der Selbstständigen in freien Berufen fast verdreifacht. Gleichzeitig stieg die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in den freien Berufen, also der Angestellten und Selbstständigen, von 1,060 auf 3,578 Millionen oder: um knapp 240 Prozent.

Andererseits: Was vor einer Generation noch unvorstellbar war, ist heute vielfach Realität - auch viele Rechtsanwälte und Ärzte leben von der Hand in den Mund. "Als Anwalt muss man wenigstens acht Klienten am Tag haben, ein Kassenarzt kriegt mit weniger als 35 Patienten ein ernsthaftes Problem", rechnet Metzler vor. Die Freiheit, die die gehobenen Selbstständigen mal hatten, löst sich unter dem Druck des zerbröckelnden Sozialstaates auf. Aber Jammern reicht nicht, das weiß Metzler auch: "Wir haben als Freiberufler eine besondere Verpflichtung, was die Verteidigung der Freiheit angeht. Unsere Mitglieder müssen die Gesellschaft darüber aufklären, was bei uns schiefläuft - in der Gesundheitspolitik, im Rechtswesen und überall dort, wo es sie betrifft." Die freien Berufe sollen zu den Botschaftern der Freiheit in Gesellschaft und Arbeit werden. "Vielen von uns war das bis jetzt nicht so wichtig, aber das hat sich geändert. In einer Bedrohungssituation wird Freiheit wieder erfahrbar. Die Zwänge werden stärker, und damit merkt man auch, welche Freiheiten verloren gehen. Freiheit wird wieder handfest." 7. FREI IST, WAS DANACH AUSSIEHT Freiheit ist kein Zufall. Freiheit ist das Resultat von Arbeit. Man nähert sich: Der freie Wille, er mag dem Reiz folgen, aber die Stufe zwei im Kopf kann sich selbstständig machen. Freiheit ist, wie der Philosoph Peter Bieri in seinem gleichnamigen Buch geschrieben hat, ein Handwerk - handfest also, eine weitgehend von Pathos und Schmus befreite Sache.

Ania Hentz zum Beispiel.

Die 41-Jährige leitet heute das Internet-Unternehmen Silversolutions. Vor 13 Jahren sah es nicht so aus, dass ihre Karriere in einer freien Unternehmertätigkeit enden würde. Die gelernte Werbekauffrau aus Bonn arbeitete bei Elf Aquitaine in Berlin. "Damit hatte ich einen sicheren Job mit perfekter Karriereperspektive", erzählt Hentz. Ihre Mutter stammt aus Frankreich - und natürlich spricht die Tochter perfekt Französisch, bei den neuen Herren ein gewaltiger Pluspunkt. Überdies war Hentz ehrgeizig. Sie wollte nach oben. Oben ist ein Synonym für mehr Chancen, mehr Möglichkeiten - mehr Freiheiten.

Aber wer nach oben will, der muss erst mal unten durch.

Zunächst heißt das, mit Anweisungen leben zu lernen, "deren Sinn man als normaler Angestellter nicht versteht. Vielleicht soll man das auch nicht. Man soll ja nur seine Arbeit erledigen". Das "Mach einfach" häuft sich. Langsam kommen bei Hentz Zweifel hoch. Führt die Plackerei in die Freiheit? Steht am Ende das Glück? "Wenn jemand eine gute Idee hatte, hat das nicht dazu geführt, dass das Management dem nachgegangen wäre. Viel wichtiger war die Taktik - wie bringe ich etwas unter, nicht was bringe ich unter." Ihr dämmert: "Es geht um Macht, nicht um die Sache." Ania Hentz ist das zuwider, doch das allein genügt nicht, um das System zu verlassen. Denn immerhin: Alle anderen machen auch mit. Wer ausschert, ist sofort allein. Frei sozusagen.

So geht es allmählich weiter mit ihrer Karriere, sie kommt immer näher an die erstrebenswerten Positionen heran, die Freiheit und das Glück des leitenden Angestellten sind zum Greifen nahe.

Doch dann macht Ania Hentz einen folgenschweren Fehler. Sie stellt sich eines Tages angesichts der Nähe der Macht die Frage, wie sie leben wird. Pragmatisch kann man an eine solche Frage so herangehen: Wie sehen denn die aus, wie geht es denen, die schon oben sind? "Ich habe mir meine Chefs angesehen. Wie weit die es gebracht haben. Was aus denen geworden ist." Das war der Tag, an dem Ania Hentz kündigte und beschloss, "nie wieder Angestellte zu werden. Ich würde heute alles tun, Würstchen verkaufen oder Eier, aber ich würde mich nie wieder so selbst betrügen. Meine Selbstständigkeit ist meine gelebte Freiheit".

Und die Sicherheit? "Reiner Selbstbetrug. Kein Angestellter auf dieser Welt kann sicher sein, dass sein Arbeitsplatz garantiert ist. Ich weiß auch nicht, was in den nächsten fünf Jahren los ist. Aber ich kann selbst durch mein Handeln dazu beitragen, dass sich etwas verändert. Als Angestellter kann ich das nicht." Für sie steht fest: nie wieder Zoo. 8. SEIN EIGENER HERR Rainer Thiem, 59, hat Ähnliches hinter sich gebracht. Von 1979 an arbeitete Thiem als Pressesprecher an der Technischen Universität Berlin. Ein sehr sicherer Job: "Ich war schon 15 Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter dabei, da kann dich im Grunde niemand mehr kündigen." In diesem sicheren Gehege fühlte sich Thiem eine Zeit lang recht wohl. "Ich war wie alle in meiner Generation klar links und auf 68er geprägt. Alles passte irgendwie zusammen." In Ruhe und Sicherheit konnte sich Thiem seinem wichtigsten Thema widmen: Was ist Wissenschaft wert, wie kann man diesen Wert darstellen, wie funktionieren wissenschaftliche Netzwerke?

Lange Zeit war das ein rein akademisches Thema. Doch das Internet machte aus der Übung schnell Ernst. Einer von Thiems Freunden hatte einen Verein mit dem Namen Art + Com gegründet, der sich darauf konzentrierte, die neue Netzwelt möglichst vielen verständlich zu machen. " Der kam immer wieder und sagte: ,Rainer, komm mal raus aus deinem Sandkasten.' Und weil es noch einen festen Auftrag gab, hab' ich da mitgemacht." Rainer Thiem war kein entschlossener Überläufer aus der Welt der Sicherheit in jene der Freiheit. Klar, sagt er, es ist toll, wenn man immer wieder etwas Neues angehen kann. Aber als der erste Auftrag abgearbeitet war, machte sich der Mann schon Sorgen: "Ich habe mich vorher nie ernsthaft um Geld kümmern müssen, und ich hatte auf einmal Angst, wie all das weitergeht, wie ich meine Familie durchbringe. Das war schon Druck", erzählt er. Wie kommt man damit zu Rande, wenn man sich zwischen Freiheit und Sicherheit entscheiden muss? Das muss man gar nicht, sagt Thiem. Man kann beides haben.

"Niemand kann ohne Sicherheit leben. Meine Sicherheit ist aber heute eine ganz andere als früher. Da war ich sicher, dass mein Arbeitsplatz nicht gestrichen wird. Heute bin ich sicher, weil ich weiß, dass meine Arbeit und meine Erfahrung Bestand hat. Das ist echte Sicherheit, weil sie mit mir zu tun hat. Mir hat das niemand geliehen und keiner geborgt." Das sei, so sagt Thiem, seine persönliche, auf Erfahrung bauende Definition der gängigen Phrase: "Ich bin mein eigener Herr." Und das, ergänzt er, wäre er heute auch als Angestellter.

9. FREI SEIN! SOFORT!

Was Rainer Thiem erzählt, können viele andere, die ihre Freiheit in Unabhängigkeit gefunden haben, bestätigen. Das Problem ist nur: Kann das jeder? "Die Art von Freiheit und Unabhängigkeit, die ich gelernt habe zu leben, funktioniert vielleicht bei zehn Prozent aller Menschen - machen wir uns da keine Illusionen", schätzt Thiem. Zehn Prozent ist ein Pi-mal-Daumen-Wert, der durch alle Klassen, Berufe, Schichten und Geschlechter gilt. Die Freiheitserfahrung, die Rainer Thiem gemacht hat, haben Handwerker und Aussteiger, Manager und Hausfrauen gemacht. Die meisten nicht. Und wahrscheinlich bleibt es dabei auch. Was wäre Freiheit, wenn man frei sein müsste? Und was, wäre sie nur als Freiheit im Beruf definiert?

Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Freiheit für alle als Pflicht - das wäre, meint der Regensburger Philosoph Joachim Koch, "die Ablösung einer Ideologie durch die andere". Sich frei machen, frei sein bedeutet nicht das extreme Gegenteil dessen, dem heute im Gängel- und Vormundsstaat noch so viele entrinnen wollen. Auf Schritt und Tritt - und an und für sich - frei zu sein ist ein ebenso wenig erstrebenswertes Ziel wie bei allem, was man tut, Vater und Mutter Staat im Kreuz zu haben.

Genau das, kritisiert Koch in seinem Buch " Weder-Noch. Die Freiheitsversprechen der Ökonomie", sei aber durchaus mit den neuen Freiheits-Ideologien verbunden. "Freiheit ist keine rein individualistische Geschichte. Man braucht andere, um frei zu sein. Und ein noch größerer Irrtum ist es, Freiheit als grenzenlose Freiheit zu verstehen." In "Weder-Noch" beschreibt Koch die Grundhaltung derer, die vor Jahrzehnten aufbrachen, um sich selbst zu befreien und sich dann den Rest vorzunehmen. Schuld, so war ausgemacht, waren an der persönlichen wie kollektiven Freiheit immer die anderen, im Jargon damals gern "das System" genannt. Dass die herrschenden Verhältnisse darauf pfiffen, lag auch am wunderlichen Freiheitsbegriff dieser Generation. Die berühmt-berüchtigten Selbsterfahrungsgruppen der siebziger und achtziger Jahre erwiesen sich für Menschen mit normaler Gehirnleistung schnell als das prompte Gegenteil dessen, das sie zu befördern vorgaben: Freiheit für jeden. Nur wer Sekten mochte, fühlte sich hier wohl - das waren schon einige. Die große Mehrheit aber nahm Reißaus.

Und einige davon drehten den Spieß um. Die Individualgesellschaft, ein großes Ich vor allem und jeden, das wäre der neue, populäre Freiheitsbegriff. Aber der, so meint Joachim Koch, sei um keinen Deut besser als der eben abgelegte Kollektivismus: " Zweifelsohne beruhte die Argumentation der siebziger Jahre auf einem Irrtum. Die Verantwortung des Einzelnen lässt sich nicht auf die alles diktierenden ´objektiven' Verhältnisse schieben. Doch ebenso haltlos ist die Umkehrung des Gedankens, die nur den ,subjektiven', den individuellen Einsatz kennt und jeden selbst für das Glück und Leid, das er erfährt, verantwortlich macht." Diese "debile Philosophie der Selbstverschuldung" gerate zu einer einzigen Katastrophe.

Statt der Ideologie des Kollektivismus, die alles entschuldigt und die Persönlichkeit von jeder Verantwortung befreit, schlage nun die Stunde des verbohrten Individualismus, ein neuer Klang der Gutsherrenglocke, die stets tönt: "Ich, Ich, Ich". Vom Freiheits-Sado zum Freiheits-Maso - ein kurzer Schritt. Gesellschaftlich ist diese Freiheit unbrauchbar, persönlich eine Sackgasse. Denn Freiheit an und für sich, meint der Philosoph, "ergibt einfach keinen Sinn." Das würden die meisten schon bemerken, wenn sie sich, auf sich selbst und nur auf sich reduziert, wiederfänden. Dann gilt, was Koch in " Weder-Noch" als Quintessenz dieser Entwicklung beschreibt: "Der Mensch steht immer mehr im Mittelpunkt, und genau dort steht er immer mehr im Wege." 10. FAULER ZAUBER, WAHRE FREIHEIT Die höchsten Mauern zieht man selbst hoch. Eine davon ist das unausrottbare Vorurteil, dass freier Markt und freier Mensch nicht zusammenpassen. Das klingt plausibel - und ist grundfalsch.

Milton Friedman, der rastlose Freigeist unter den Wirtschaftswissenschaftlern, hat am kanadischen Fraser Institute einen Jahr für Jahr erscheinenden Atlas der ökonomischen Freiheit initiiert. Der Zweck von " Economic Freedom of the World" ist es, den Zusammenhang zwischen liberalen Marktverhältnissen und liberalen Gesellschaften klarzumachen. Dazu braucht man keine Ideologie, sondern nur einen Taschenrechner. Der Atlas zeigt, dass mehr Markt zu mehr Wohlstand führt. Das ist an sich vielleicht noch keine Überraschung - und Wohlstand gewiss nicht gleich Freiheit. Doch wer sich mehr leisten kann, kann mehr Chancen wahrnehmen, hat mehr Möglichkeiten - und was wäre Freiheit in der Praxis denn sonst, als die Wahl zu haben, wofür man sich entscheidet?

Die Statistiken der Fräser-Forscher zeigen aber noch mehr: Nicht nur das Pro-Kopf-Einkommen der Bürger in Marktwirtschaften ist höher. Auch ihre Gesundheit, ihre Lebenserwartung, ihre subjektive Zufriedenheit mit den Zuständen ist deutlich über der von überwiegend staatlich gelenkten Ökonomien. Die Armen sind in diesen Ländern nicht so arm wie in den staatlich kontrollierten Verteilungswirtschaften. Deshalb können auf liberale Marktwirtschaften gebaute Staaten auch Sozialstaaten sein. Das eine schließt das andere nicht aus, sondern ermöglicht es.

Und damit ist noch nichts bewiesen - auch nicht, dass der Markt alle frei und glücklich macht, wie das Adam Smith oder David Ricardo vor zwei Jahrhunderten als Naturgesetz betrachteten.

Ökonomische Freiheit macht nicht alles gut. Aber sie macht alles besser als ihr Gegenteil - den unberechenbaren Zwang.

Freiheit liegt irgendwo zwischendrin, zwischen den Käfigen des Zoos und der freien Wildbahn. Vielleicht ist die Freiheit für alle ein großer Naturpark, ein Wildgehege mit offenen Grenzen. Zoologen wissen, was dort passiert.

Auch sie rühren Statistiken.

Neun von zehn Tieren bleiben.

Eins geht.

Weil es kann.

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