Ausgabe 08/2005 - Was Wirtschaft treibt

Offen für Innovation - Eine Serie in brand eins

Vor ziemlich genau zehn Jahren spielte der große Bob Dylan hier, in der Lesser free Trade Hall, jenes Konzert, das Musikkritikern als eines der wichtigsten der Popgeschichte gilt. Nun aber, am 4. Juni 1976, treten vier blasse Jungs aus London auf. Hass, Anarchie, Verachtung, das sind die Schlagworte der Sex Pistols. Und sie fallen in dieser an sich selbst leidenden, von Zweifel zerfressenen und in einer tiefen Rezession steckenden britischen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden. Für Jugendliche ist "No Future" mehr als nur ein Slogan. "Keine Zukunft!", das denken sie jedes Mal, wenn sie am Arbeitsamt anstehen, die Eltern meckern oder Politiker vom ehemaligen Glanz des Empire schwafeln hören. Und nun, endlich! endlich! rotzt, schreit, brüllt jemand ihr Unbehagen hinaus.

Viele sind es nicht, die dieses Konzert besuchen. 70 Leute vielleicht. Musiker, Künstler, Medienleute. Noch jubeln sie den anderen zu. Doch in wenigen Monaten werden sie selbst auf der Bühne stehen, und man wird ihnen zujubeln. Denn die Gästeliste dieses ersten Manchester-Auftritts der Sex Pistols liest sich wie das Who's who der kommenden Popgeschichte. Um nur die wichtigsten der Anwesenden zu nennen: Peter Hook und Bernard Sumner sind hier - sie werden später mit " Joy Division" und "New Order" Platten aufnehmen. Morrissey - das Mastermind hinter der wohl wichtigsten Achtziger-Jahre-Band The Smiths ist da. Genauso wie Tony Wilson, der Gründer von Factory Records, oder Howard Devoto und Pete Shelley, die Chefdenker der Buzzcocks.

Wo immer die Sex Pistols auftreten, pflanzen sie ihren Zuhörern den Virus der Selbstermächtigung ein. Es sind nicht viele, die die Gruppe sehen, aber fast jeder, der sie sieht, gründet irgendetwas: eine Band, ein Fanzine oder eine Plattenfirma. Es ist das wohl größte Paradoxon des Punks: Dass diese auf Nihilismus und Verneinung aufbauende Bewegung zu solch einer Eruption von Aktivität und Kreativität führt.

1978 werden die Sex Pistols bereits Geschichte sein und Punk eine Karikatur seiner selbst. Die Bewegung war ein kurzer Blitz und ihr musikalisches Erbe nicht besonders wichtig. Doch aus der Asche wächst das Neue: in Form von New Wave, jener Welle, die die Wut von Punk kultiviert. Und im Gegensatz zu ihren Idolen beherrschen die Neulinge mit der Zeit sogar ihre Instrumente. Niemals wieder wird populäre Musik so wichtig, intelligent und originell sein wie jetzt.

Es wird noch einige Jahre dauern, bis Punk auf den Kontinent überschwappt. Aber auch hier ist das Ergebnis das gleiche wie in Großbritannien. Egal, ob in Deutschland, Österreich, Frankreich oder der Schweiz: Überall kommt es zu einer wahren Gründerwelle, die das kulturelle Bewusstsein grundlegend verändert. Die Musik sowieso, aber auch das Kino, die Werbung, das Design.

"Destroy!", lautete der Schlachtruf von Punk. Und der ist heute aktueller denn je. Sich mit dem Althergebrachten nicht zufrieden geben. Dinge nicht akzeptieren, bloß weil sie schon immer so gemacht wurden. Sich bloß nicht auf überkommene Autoritäten verlassen. Denn die sind Teil des Problems, nicht der Lösung. Das, was ist - und von dem man erkannt hat, dass es übel ist -, zerstören. Nur dann entsteht Platz für Neues.

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