Ausgabe 10/2004 - Was Wirtschaft treibt

Pharmas Jungbrunnen

Das Aufatmen von Merck, Pfizer, Wyeth und Novartis war unübersehbar: Als John F. Kerry die Wiederwahl von George W. Bush eingestand, kletterten die Aktienkurse der Pharmakonzerne an der New Yorker Börse im Schnitt um vier Prozent. Wäre Kerry gewählt worden, wären sie um mindestens vier Prozent gefallen. Denn die Gesundheitspolitik der USA bestimmt das Wohlbefinden der Pharmaindustrie: Knapp 50 Prozent des weltweiten Umsatzes werden in den Vereinigten Staaten erwirtschaftet. Die Preise dort sind hoch, ebenso die Wachstumsraten mit rund zehn Prozent jährlich.

Rund 229 Milliarden US-Dollar setzte die Pharmaindustrie 2003 in den USA um. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis steigerte seinen Umsatz dort im vergangenen Jahr um 13, Roche gar um 23 Prozent. Auch die Deutschen verkaufen ihre Pillen gern in Amerika: Noch vor zehn Jahren setzten Bayer, Schering, Altana & Co. nur halb so viel im Ausland um wie im Inland, heute liegt der Auslandsumsatz deutlich über dem auf dem deutschen Markt. Für die Wachstumsperspektive etwa des Berliner Pharmakonzerns Schering spielt die "Position im US-Markt eine wesentliche Rolle", wie Vorstandschef Hubertus Erlen gern und oft sagt.

Deshalb schlug der Puls der Branche schneller, als im Präsidentschafts-Wahlkampf ein Thema hochkochte, das seit Jahren an Brisanz gewinnt: die hohen Preise für Medikamente in den USA. Schon 2000 mussten die Patienten 20,3 Prozent mehr für Medikamente zahlen als noch 1996. In den vergangenen drei Jahren haben sich die Preise im Verhältnis zur Inflationsrate gar vervierfacht. Kerrys Demokraten sind für eine gesetzliche Preisregulierung und für mehr billige Nachahmerpräparate, so genannte Generika. Das macht die Pharmakonzerne nervös. Novartis gestand das offen ein. Auch Franz Humer von Roche äußerte sich besorgt. Düster malte sich die Industrie aus, was passieren könnte, wenn Kerry an die Macht käme.

Konzerne im Fadenkreuz: Die Medikamentenpreise in den USA sind enorm hoch. Wirklich nur wegen intensiver Forschung?

Allerdings dürfte das Thema auch mit der Wiederwahl von Bush nicht vom Tisch sein. "In den USA ist eine breite Diskussion im Gange, die von den Pharmafirmen aufmerksam verfolgt wird", sagt Axel Heinemann, Pharmaexperte und Berater bei der Boston Consulting Group (BCG). So wird im Bundesstaat Illinois geprüft, ob das staatliche Medicare-System Geld sparen kann, wenn Pensionäre und Angestellte des Staates verschreibungspflichtige Medikamente aus Kanada importieren dürfen, die dort bis zu 50 Prozent billiger sind als in den Vereinigten Staaten.

In Springfield, Massachusetts, gibt es bereits ein solches Programm. Gleichzeitig hat der Bundesstaat Massachusetts 13 Hersteller von Nachahmerpräparaten verklagt, die Preise für ihre Produkte abgesprochen und dadurch künstlich in die Höhe getrieben haben sollen, sodass dem staatlichen Medicaid-System ein Schaden von 50 Millionen Dollar entstanden sei. Diese staatliche Krankenversicherung nutzen etwa 44 Millionen US-Bürger, die sich private oder über den Arbeitgeber abgeschlossene Krankenversicherungen nicht leisten können. Sie zahlen geringere Prämien und bekommen verbilligte Medikamente. Die Differenz zu den tatsächlichen Preisen tragen, wie beim Medicare-System, die Gemeinden, Bundesstaaten und die Bundesregierung, die mit den Konzernen Rabatte aushandeln.

Allein in New York City werden zwei Millionen US-Bürger über Medicaid versorgt. Und im August hat auch die Stadt New York 44 Pharmaunternehmen, darunter Novartis, Roche, AstraZeneca, Bayer und GlaxoSmithKline des Betrugs, der unfairen und täuschenden Handelspraktiken und unzulässiger Bereicherung auf Kosten des Medicaid-Systems angeklagt. Die Stadt fordert die zu viel gezahlten Beträge plus Schadensersatz von den Konzernen zurück. New York ist nicht allein, auch in Montana, Ohio und Texas laufen Klagen. Außerdem wird gegen den US-Konzern Johnson & Johnson ermittelt, inwieweit Medikamente vermarktet wurden, deren klinische Prüfungen alles andere als vorteilhaft für die Patienten verlaufen waren.

Die Pharmabranche behauptet: Europa profitiere von den hohen Arzneimittelpreisen in den USA. Aber nicht mehr lange Mark McClellan, Leiter von Medicaid und Medicare, prangert zudem die Ungleichverteilung der Gesundheitskosten zwischen Europa und den USA an: " US-Bürger zahlen die Hälfte der globalen Forschungsausgaben, Deutsche tragen jedoch nur zu fünf Prozent bei", schätzt der Mediziner und Ökonom. Das gleiche Missverhältnis bestehe zu vielen anderen entwickelten Nationen. Man müsse deshalb besser " zusammenarbeiten, um Wege zu finden, die Kosten und nicht nur den Nutzen neuer Medikamente gerechter zu verteilen". In der Lesart der Bush-Regierung und der Pharmakonzerne hieße das, Europa zu mehr Wettbewerb und zur Aufgabe der Preisregulierungen zu bewegen.

Das dürfte schwierig werden, denn in Europa hat man sich endgültig vom Markt im Gesundheitssystem verabschiedet. "In fast keinem europäischen Gesundheitssystem findet Wettbewerb auch nur in Ansätzen statt", kritisiert Cornelia Yzer vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller. Sogar in Deutschland, bisher neben Großbritannien noch am liberalsten innerhalb der EU, drücken inzwischen Zwangsrabatt und Festbetrag die Preise patentgeschützter Medikamente. "Momentan ist das eine recht komfortable Situation: Die Europäer genießen die Früchte von Forschung und Entwicklung, zahlen sie aber nur in Grenzen", sagt Yzer.

Das könnte sich rächen, denn immer mehr Pharma- und Biotechunternehmen zeigen Europa die kalte Schulter. Die US-Pharmafirma Sepracor beispielsweise, die demnächst das neuartige Schlafmittel Estorra auf den US-Markt bringt, hat die EU als Absatzmarkt noch nicht einmal in Erwägung gezogen. "Für amerikanische Firmen lohnt sich der europäische Markt häufig nicht, weil die Preispolitik die Medikamente künstlich verbilligt", sagt der Finanzchef der Firma, David Southwell. Das führe dazu, dass immer mehr Top-Medikamente nur in den USA angeboten würden. Mit ihrem Asthma-Medikament Xopenex hat Sepracor in den Vereinigten Staaten dieses Jahr mehr als 200 Million Dollar umgesetzt. Auch beim Pharmakonzern Novartis in Basel hält man sich die Option offen, den europäischen Markt in Zukunft nicht mehr zu bedienen. "Wenn sich der Trend zur Regulierung bis zu dem Punkt entwickelt, dass keine Geschäfte mehr möglich sind, dann wird auch niemand mehr Medikamente in Deutschland verkaufen wollen", sagt Paul Herrling, Leiter der Unternehmensforschung von Novartis.

Und bei Schering heißt es: Eine Beibehaltung der Regulierung - oder gar ihre Verstärkung - werde in jedem Fall dazu führen, dass europäische Länder einen verlangsamten Zugang zu innovativen Medikamenten haben. "In den vergangenen fünf Jahren kamen in Europa 15 Prozent weniger neue Wirkstoffe auf den Markt als in den USA", rechnet Claudia Schmitt vor, eine Sprecherin des Konzerns. Der Konkurrent Pfizer macht bereits ernst: Der weltweit größte Pharmakonzern weigert sich, den Preis des Cholesterinsenkers Sortis auf den von den Krankenkassen festgelegten Betrag zu senken. Patienten in Europa, die das Präparat trotzdem einnehmen wollen, müssen also nun aus ihrer eigenen Tasche zuzahlen.

Ein Grund für die Haltung der Industrie: " Amerikanische Pharmafirmen fürchten billige Reimporte aus Europa in die USA, die den amerikanischen Markt ruinieren würden", sagt David Southwell von Sepracor. In den vergangenen fünf Jahren haben sich diese so genannten Parallelimporte verfünffacht. Importfirmen, die sich auf dem Weltmarkt mit billigen Medikamenten eindecken, könnten das hohe nordamerikanische Preisgefüge durcheinander bringen, sagt auch Axel Heinemann von BCG: "Deshalb haben selbst kleinere Märkte in der EU, in Südamerika oder Asien eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Preisgefüge und die Profitabilität der Pharmafirmen." Bereits eine Öffnung des US-Marktes für kanadische Importe, wie sie in den USA immer lauter diskutiert wird, würde die Preise dort unter Druck setzen. So überlegen die Firmen mittlerweile genau, ob sie ihre Produkte künftig etwa in Deutschland noch verkaufen wollen. Oder ob sie sie nur noch über die Internet-Apotheke oder über Lizensierungen an lokale Firmen vertreiben wollen.

"Dennoch wäre es eine grobe Überzeichnung zu sagen, dass Novartis, Sanofi-Aventis und andere den europäischen Markt bereits aufgeben", beruhigt BCG-Berater Heinemann. Es gebe durchaus Interesse, die Bedingungen in Europa zu verbessern, beispielsweise durch eine Harmonisierung der regulatorischen Bestimmungen über die europäische Arzneimittelbehörde EMEA: " Das sind Entwicklungen, die für den EU-Markt sprechen." Die Preisdifferenzen zwischen den USA und Europa wirken sich jedoch bereits aus - die Investitionen der Pharmaindustrie in der Alten Welt sinken, sagt Paul Herrling von Novartis. So hat der Konzern sein neues Forschungszentrum nach Boston verlegt; die Stadt ist mit der Harvard University, dem MIT und anderen namhaften Instituten seit Jahren Kulminationszentrum der biomedizinischen Forschung. Die Vorliebe für den Standort USA habe auch damit zu tun, "dass die Firmen in den Endphasen der klinischen Prüfung eines Medikaments möglichst marktnah arbeiten wollen", sagt Axel Heinemann. "Die Kliniken, die sie dafür auswählen, nutzen sie auch als Promoter ihrer Produkte." Womit wir beim nächsten Problem wären: Nach Auskunft der Pharma-Verbandsvertreterin Yzer waren in Deutschland 2003 die Investitionen in Sachanlagen zum ersten Mal rückläufig: "Wenn außerdem das Geld für klinische Forschung aus Deutschland abfließt, dann hat man erhebliche Probleme mit der Finanzierung der Hochschulkliniken." Zudem sei es ein Unterschied, ob ein Arzt ein Medikament mit entwickelt oder ob er es erst über den Vertrieb des Pharmaunternehmens kennen gelernt habe.

Die Drohung: Weniger Geld für Medikamente bedeutet weniger Geld für Forschung. Doch stimmt die Gleichung?

Pharma ohne Forschung ist schwer vorstellbar. Denn kann es sich ein Arzneimittelhersteller überhaupt erlauben. Forschungsausgaben zu reduzieren? Können die Firmen ihre Drohung, weniger Forschung bedeute weniger neue, dringend benötigte Medikamente, überhaupt durchhalten? Tatsache ist: Schon jetzt, bei traumharten Umsätzen, werden immer weniger neue Medikamente zugelassen. Vor zehn Jahren schafften es laut der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA 14 Prozent der Wirkstoffe durch die klinischen Prüfungen - inzwischen erreichen nur noch acht Prozent den Markt.

Die Innovationen fehlen, die Pipelines der Firmen sind alles andere als prall gefüllt. Deshalb bleibt der dringend benötigte Produktnachschub aus. Gleichzeitig fallen diverse etablierte Präparate aus dem Patentschutz, es droht ein Verlust von Marktanteilen an die Hersteller billiger Generika. Auch Cornelia Yzer räumt ein, dass - trotz Regulierung - in Deutschland in den vergangenen Jahren mehr in Forschung investiert wurde. "Aber das lässt sich nicht mehr lange durchhalten", prophezeit sie. "Wenn die Umsätze zurückgehen, dann wird der Anteil von etwa 15 Prozent Forschungsausgaben bestenfalls gleich bleiben, in der Summe aber sinken." Jürgen Fritze vom Verband der privaten Krankenversicherungen PKV und Mitglied im Klassifikationskuratorium für das Gesundheitswesen KKG, ist ebenfalls der Ansicht, dass die Pharmaindustrie ihre Forschungsausgaben senken müsste, wenn die Gewinnmarge schrumpft: "Das muss aber nicht unbedingt zu Lasten der Innovationen gehen." Denn ein Großteil der Kosten fällt nicht bei der Suche nach neuen Wirkstoffen oder Therapieansätzen an. Rund 90 Prozent der Produktentwicklungskosten entstehen während der klinischen Prüfung neuer Substanzen.

"Die Innovation", erklärt Fritze, "steckt in der Identifizierung eines neuen Wirkstoffes oder in dessen Optimierung." Das aber sei der kleinste Teil der Forschungskosten. Der Löwenanteil fließe an Ärzte und Krankenhäuser als Entlohnung für die aufwändigen Erprobungen des Wirkstoffes. "Diese Honorare lassen sich im Wettbewerb durchaus mindern, schließlich wurde in der Vergangenheit ziemlich freizügig mit den Mitteln umgegangen", sagt er. Sollte dieser Spielraum jedoch ausgeschöpft, klinische Prüfungen nicht mehr durchgeführt oder die finanziellen Einbußen der Kliniken für das System kontraproduktiv werden, dann wäre der Gesetzgeber gefordert, den Druck auf die Preise zu mindern.

Allerdings sind es nicht die steigenden Forschungskosten allein, die die Medikamentenpreise in die Höhe treiben. Während für Forschung und Entwicklung im Schnitt 15 bis 20 Prozent aller Ausgaben verwendet werden, geben die Konzerne für Vertrieb und Marketing 30 bis 35 Prozent aus.

Wie die Preise von Medikamenten überhaupt sinnvoll kalkuliert werden können, ist offen. Die Entwicklung des Leukämiepräparats Glivec von Novartis beispielsweise hat sich über viele Jahre hingezogen. Die in dieser Zeit entstandenen Kosten können vermutlich nicht komplett im Preis berücksichtigt werden. "Forschungskosten werden im Allgemeinen nicht einzelnen Produkten zugeordnet, da nur ein sehr geringer Anteil aller Entwicklungskandidaten Marktreife erlangt", sagt Claudia Schmitt.

Die wenigen marktfähigen Produkte müssten für die Finanzierung sämtlicher Forschungs- und Entwicklungskosten aufkommen. Die Anpassung der Preise an die jeweiligen Marktgegebenheiten führe dann " aufgrund unterschiedlicher staatlicher Regularien beziehungsweise deren Abwesenheit zu internationalen Preisunterschieden", so Schmitt. Die Preisdifferenzen zwischen Europa und den USA seien von der jeweiligen Produktgattung abhängig und fielen auf dem freien Markt deutlich höher aus als bei von den europäischen Krankenversicherungen erstattungsfähigen Präparaten.

Zu den Medikamentenpreisen trägt auch das besondere Risiko bei, das mit der Medikamentenentwicklung einhergeht. Nicht selten werden versteckte Nebenwirkungen von Medikamenten erst sichtbar, wenn bereits tausende von Patienten die Pillen geschluckt haben. Im Fall von Bayer passierte das mit dem Blutfettsenker Lipobay. Und erst kürzlich musste Merck das Rheumamittel Vioxx wegen unerkannter Nebenwirkungen vom Markt nehmen. In beiden Fällen fiel für die Unternehmen nicht nur von heute auf morgen ein Milliarden-Markt aus, sondern der Aktienkurs gleich mit. In der Regel folgen auch Schadenersatzklagen, die zumindest in den USA beträchtliche Summen erreichen können. "Als Folge von Preisregulierungen in den USA und Europa würden besonders innovative Produktentwicklungen, die aufgrund geringerer Erfahrungswerte risikoreicher sind, reduziert oder verzögert werden müssen", sagt Berater Heinemann.

Mit den herkömmlichen Methoden ist eine Heilung der Pharmabranche nicht möglich. Das Rezept heißt: umdenken Aber was ist eigentlich für Pharmakonzerne eine Innovation? Was, wenn sich bei der klinischen Prüfung herausstellt, dass ein neuer Wirkstoff nur kleine Vorteile gegenüber dem am Markt etablierten Vorgänger-Medikament hat? Werden dann mit großen Werbekampagnen Innovationen herbeigeredet? Der Verdacht liegt nahe, dass manchmal Pseudo-Innovationen gefeiert werden.

Ein Beispiel sind blutdrucksenkende Medikamente. Wie Studien zeigen, haben neue Wirkstoffe wie die ACE-Hemmer keine wesentlichen Vorteile gegenüber den etablierten Diuretika. In jedem Fall ist fraglich, ob eine geringfügige Verbesserung den zum Teil zehnfach höheren Preis wert ist.

Solange die stetig steigenden Preise in den USA hohe Umsätze ermöglichten, blieb die Strukturkrise der Pharmabranche weitgehend unsichtbar. Aber wenn die Branche unter sich und ehrlich ist, gilt ein Umdenken als dringend nötig. Ein schlichtes Abladen stetig steigender Forschungs- und Entwicklungskosten auf den Schultern des Patienten überfordert langfristig jedes noch so effiziente Gesundheitssystem.

Während Manager anderer Branchen schamesrot anlaufen, wenn die Produktivität ihrer Firmen sinkt, rechnen die Pharmafirmen und ihre Verbände das Ansteigen der Forschungskosten schon fast stolz vor, um das Steigen der Preise zu legitimieren. 800 Millionen Dollar sollen für die Entwicklung eines Medikaments nötig sein - eine Zahl, die wohl nur auf die wenigen wirklich innovativen Medikamente zutrifft. Realistischere Schätzungen beziffern die Forschungskosten auf etwa 100 Millionen Dollar pro Präparat. Zumindest, wenn es um die Preise der Konkurrenz geht, ist Novartis-Chef Daniel Vasella kritisch. Einen Preis von 10 000 Dollar monatlich, der von den Entwicklern ImClone und Bristol-Myers Squibb für eine Behandlung mit dem Krebsmedikament Erbitux verlangt wird, hält der Mediziner für "auf Dauer wohl nicht haltbar". Der Druck auf die Medikamentenpreise, so seine Einschätzung, wird weiter steigen.

Muss sich die Pharmabranche also von Umsatzsteigerungen im zweistelligen Prozentbereich verabschieden, von denen andere Wirtschaftszweige nur träumen können? Mit diesem Gedanken möchten sich viele Industrievertreter nicht anfreunden. ,Je mehr Geld man verdient, umso mehr kann man in Forschung und Entwicklung investieren", sagt Paul Herrling von Novartis. "Und es sind nicht nur die Unternehmen, die Forschung brauchen - die ganze Gesellschaft braucht neue Medikamente." Es sei eine Illusion zu glauben, es könnte eine verbesserte Gesundheitsversorgung zu einem niedrigeren Preis geben, sekundiert Cornelia Yzer, die auf eine stärkere Liberalisierung des Gesundheitsmarktes in Europa setzt. "Der Verbraucher müsste selbst entscheiden können, welches Präparat er nutzen will", sagt auch BCG-Berater Heinemann. Künftig sollte der Patient zwischen verschiedenen Präparaten auf unterschiedlichem Preisniveau auswählen können.

Das heißt auch: Bestimmte Spitzenmedikamente werden nicht mehr der ganzen Bevölkerung zugänglich sein.

Ob es dazu kommt, hängt maßgeblich von der Entwicklung jenseits des Atlantiks ab, die man hier zu Lande aufmerksam verfolgt. Alexander Olek, Vorstandsvorsitzender und Gründer der Berliner Epigenomics AG, sagt: "Aus Sicht der Pharmaindustrie und der Biotechnologie bin ich vehement gegen eine Regulierung der Medikamentenpreise in den USA. Aber wenn die Gesundheitskosten bald so untragbar werden, dass die Gegenreaktion irgendwann eine Überreaktion wird, dann sollte man sich überlegen, wie lange man Widerstand leisten kann, um den Status quo zu halten." Er denkt laut darüber nach, ob es nicht sinnvoller wäre, gemeinsam mit der Politik ein tragfähiges Rückzugskonzept zu entwickeln, "das Innovationen nicht bestraft".

Jürgen Fritze vom Verband der privaten Krankenkassen befürwortet zwar durchaus freie Preisgestaltung, warnt aber vor einem rein marktwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem: Auf Hilfe angewiesene Patienten könnten nun mal keine souveränen Marktteilnehmer sein. "Wo steht eigentlich, dass ein Pharmaunternehmen sein Ergebnis jährlich um einen zweistelligen Prozentsatz steigern können soll?", fragt der Arzt. "Es ist keine Katastrophe, wenn die Pharmafirmen durch ein paar Regulierungen in den USA anstelle von zehn Prozent Ergebnissteigerung nur noch fünf Prozent erzielen."

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