Ausgabe 05/2004 - Was Wirtschaft treibt

Wissen macht satt

S. D. Brahmankar, Statistiker beim National Council of Applied Economic Research Gurgaon, ein boomender Vorort Neu Delhis. Frisch gebaute vierspurige Straßen führen durch das ständig wachsende neue Geschäftsviertel. Im 14. Stockwerk eines Wolkenkratzers wartet der Soziologe und Statistiker S. D, Brahmankar. Der Fahrstuhl schafft die Strecke geräuschlos in rund zehn Sekunden. Der Blick aus dem Fenster fällt auf Glas-Bürotürme, schicke Shopping-Zentren und Baukräne. Hier ist Ende der neunziger Jahre Indiens erstes Call Center entstanden - Geburtsort für einen Berufszweig, der sich inzwischen im ganzen Land ausbreitet und Brahmankars Spezialgebiet umgewälzt hat: das Konsumverhalten der Inder.

"Alle reden davon, dass internationale Konzerne von den billigen IT-Arbeitskräften in Indien profitieren. Davon, wie die Entwicklung der IT-Industrie die indische Gesellschaft verändert, spricht dagegen fast niemand. Am Anfang gab es in Indien nur Jobs für Computer-Freaks. Doch seit ein paar Jahren haben viele ausländische Firmen auch Service-Abteilungen nach Indien ausgelagert, vor allem Call Center. Da finden heute auch Inder Arbeit, die keine Computer-Freaks sind, und verdienen Gehälter, von denen sie bis vor kurzem nur träumen konnten.

Dazu kommen Jobs in neuen Branchen wie etwa im Service-Sektor: Fastfood-Restaurants, Luxus-Kinos, die gesamte Freizeitindustrie, das gab es bisher kaum. Und das ist nur der Anfang. Diese Bereiche werden weiter boomen und eine neue Mittelschicht schaffen. Schon jetzt wächst sie jährlich um 15 Prozent. Zur Mittelklasse gehört, wer in einem Haushalt lebt, der mindestens 1274 Euro jährlich verdient. Das reicht, um in Indien Produkte wie Kühlschränke, Schwarz-Weiß-Fernseher oder Mopeds zu kaufen. Gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen rasant, die sich Markenklamotten leisten, in teuren Restaurants essen und luxuriöse Pauschalurlaube buchen können. Das war bis vor kurzem nur einer hauchdünnen Schicht vorbehalten. Man schätzt, dass die neuen jungen Konsumenten rund zehn Milliarden Dollar zur Verfügung haben. Ihre Ausgaben steigen im Jahr um rund zwölf Prozent - mehr als das Doppelte des jährlichen Wirtschaftswachstums in Indien.

Selbst die indische Regierung versucht inzwischen, das Wirtschaftswachstum über den Konsum der neuen Mittelschicht anzukurbeln. Die Kalkulation der Politiker ist einfach: Der Konsum hilft der wirtschaftlichen Entwicklung, das schafft neue Jobs, die Steuereinnahmen steigen, es gibt mehr Geld, um die großen Probleme des Landes - von der Bildung über die Gesundheitsversorgung bis zum Ausbau der Infrastruktur - zu lösen. Schlussendlich folgt die stufenweise Ausweitung des Wohlstands, auch wenn das nicht von heute auf morgen passieren wird.

Diese Veränderungen hat natürlich vor allem die Öffnung der indischen Wirtschaft Anfang der neunziger Jahre bewirkt, von der die IT-Branche als eine der ersten profitiert hat. Das war ein radikaler Kurswechsel, der die wirtschaftlichen Chancen des ganzen Landes verbessert hat. Eigentlich hatte Mahatma Gandhi für Indien die Vision einer Nation sich selbst versorgender Bauern. Jawaharlal Nehm, Indiens erster Premierminister nach der Unabhängigkeit des Landes 1947, glaubte zwar an die Vorteile der industriellen Produktion, wollte aber ebenfalls die Eigenversorgung Indiens. Staatsbetriebe dominierten lange die meisten Industriebranchen und etliche Gesetze erschwerten den Außenhandel. Zwar konnten wir Inder uns meistens selbst versorgen, manchmal gab es jedoch Hungerkatastrophen, wenn etwa die Ernte von einem Monsun zerstört wurde. Dann kam 1991 die Öffnung der indischen Wirtschaft. Viele Bereiche wurden privatisiert. Seitdem sind der Aufbau einer Infrastruktur - Straßen, Gebäude, Kabelnetze - und der Service-Sektor zu den Hauptmotoren des wirtschaftlichen Wachstums geworden.

Das hat auch die Menschen verändert. Das fängt damit an, dass sie heute nicht mehr auf Jobs in der Regierungsverwaltung zählen können, sondern selbst die Initiative ergreifen müssen - das gilt übrigens auch für die Landbevölkerung. Je besser die Elektrizitäts- und Glasfaserkabelnetze dort in Zukunft sein werden, desto einfacher wird es für Dorfbewohner, sich selbstständig zu machen. Und das endet nicht zuletzt bei der Einstellung der Inder zu Geld. Früher sparten die Leute, weil sie ständig eine Katastrophe erwarteten. Die jungen Leute, die in der IT-Branche arbeiten, sehen die Zukunft dagegen positiv. Sie wollen mehr erreichen, mehr verdienen, mehr konsumieren. Sie informieren sich ständig, lesen Zeitung, gucken viel Fernsehen, saugen alles Neue gierig auf - von neuer Technik bis zu neuen Modetrends. Sie wollen sich hocharbeiten, ihren Lebensstil weiter verbessern. Das ist es, worum es der Mittelschicht geht. Und das wird einer der wichtigsten Motoren der indischen Wirtschaft bleiben." Ashwini Gaur, 23 Jahre alt, Angestellter im Call Center Auf dem Parkplatz des Call Center Wipro Spectramind mitten in Gurgaon stehen schicke Autos und neue Motorräder. Direkt neben dem Eingang macht eine Mobiltelefonfirma in einer kleinen Bude Werbung. Im Keller des Wipro-Gebäudes sitzt Ashwini Gaur an einem schlichten Kiefernschreibtisch und telefoniert: auf dem Kopf ein Headset, vor ihm ein Computer, je anderthalb Meter rechts und links von ihm der nächste Kollege. Ein Summen erfüllt den Raum, an der Wand hängen zwei Uhren: In Indien ist es 17 Uhr nachmittags, in Großbritannien 11.30 Uhr vormittags.

"Der Call-Center-Boom ist ein Segen. Ich habe Wirtschaft studiert und wollte eigentlich im Marketing-Sektor arbeiten. Doch als ich vor einem halben Jahr mit dem Studium fertig war, sprachen alle davon, wie gut die Aufstiegschancen in Call Centern sind. Ich rede gern mit Leuten, also dachte ich, das passt doch zu mir. Ein paar Tage, nachdem ich meinen Lebenslauf ins Internet gestellt hatte, kam ein Angebot.

Meine Kollegen sind supercool, die meisten Anfang 20 und gerade mit der Uni fertig.

Ich fange erst nachmittags an zu arbeiten, weil ich Firmen in Großbritannien anrufe, um Informationen über sie zu aktualisieren, zum Beispiel die Geschäftsadresse oder die Namen und E-Mail-Adressen der Abteilungsleiter. Als ich hier angefangen habe, musste ich in einem siebentägigen Sprachkurs einen britischen Akzent lernen. Manchmal fragt mich am Telefon jemand, ob ich gebürtiger Brite bin, aber meistens merken die Leute nicht mal, dass ich in Indien sitze. Sollen sie ja auch nicht. Darum nenne ich mich Gavin, sobald ich Briten an der Strippe habe. Rund sechs bis acht Anrufe mache ich in der Stunde, das macht 240 bis 320 in den 40 Stunden, die ich in der Woche arbeite. Je mehr man schafft, desto höher ist der Bonus.

Ich verdiene hier als festes Einstiegsgehalt im Monat 190 Euro (etwa 10 000 Rupien), viel mehr als im Marketing. Ich habe 30 Tage Urlaub, das ist in Deutschland fast normal, habe ich gehört, in Indien ist das jedoch totaler Luxus. Wenn wir wollen, holt uns die Firma jeden Tag kostenlos ab und bringt uns wieder nach Hause. Das Kantinen-Essen ist umsonst. Ich wohne noch bei meinen Eltern, das ist in Indien ganz normal. Die wollen auch keine Miete oder so. Alles, was ich verdiene, kann ich für mich ausgeben. Meine Freunde und ich gehen oft ins Kino. Ein paar studieren noch, für die zahle ich dann natürlich die Tickets. Ich bin für sie fast so was wie ein Held. Am meisten gebe ich für mein Handy aus, so 19 bis 38 Euro im Monat. Alle drei bis vier Monate kaufe ich mir ein neues. Das ist meine große Leidenschaft. Bis vor kurzem hatte ich ein Siemens-Modell, jetzt bin ich auf Nokia umgestiegen, die sind immerhin Marktführer. Das Telefon kostete mich 285 Euro, aber es liegt gut in der Hand und hat die neueste Technik mit eingebauter Kamera, Web-Zugang, alles, was man so braucht. Bald will ich mir auch ein besseres Motorrad kaufen. Im Moment habe ich aber noch ziemlich hohe Schulden aus meinen Handy-Käufen. Ich spare kein Geld. Mein Motto lautet: Wie gewonnen, so zerronnen. Klar habe ich eine Kreditkarte. Fast jeden Tag rufen Banken an und wollen mir alles Mögliche unterjubeln, zum Beispiel noch mehr Kreditkarten und Darlehen: Ob ich vielleicht Geld brauche für ein Auto oder ein Haus? Was die mir alles finanzieren wollen! Im Moment verdiene ich zwar gut, aber für ein Haus würde es echt noch nicht reichen. Das kommt aber auf jeden Fall später. In den nächsten fünf bis zehn Jahren will ich Karriere machen. Vielleicht arbeite ich noch zwei Jahre in meiner aktuellen Position, dann will ich zum Call-Center-Manager aufsteigen, Da verdient man 1300 bis 1900 Euro im Monat. Doch eigentlich sehe ich mich als Unternehmensgründer. Wenn ich mehr Geld verdiene, werde ich sparen, als Starthilfe, um mich selbstständig zu machen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich in zehn Jahren mein eigenes Geschäft habe." Rajendra S. Pawar, Gründer des IT-Konzerns NUT Limited Hinter hohen Zäunen liegt mitten in Neu Delhi der Hauptsitz des indischen Konzerns NIIT Limited, ein Gebäude aus Glas und Stahl. Seit 1981 bildet die Firma Inder zu Computer-Spezialisten aus. In einem schlichten Büro sitzt im Maßanzug Rajendra S. Pawar. Er hatte vor mehr als 20 Jahren seine Geschäftsidee. Heute gilt der Konzerngründer als einer der erfolgreichsten und weitsichtigsten Manager Indiens.

"Andere asiatische Manager klagen darüber, dass es in ihren Ländern zu wenige Hochschulabsolventen gibt. Indien hat dagegen zu viele Akademiker, die der Markt nicht absorbieren kann. Auf der anderen Seite fehlen immer noch Leute in der IT-Industrie, damit das Land nicht nur IT-Lösungen für den Export, sondern auch für Indien selbst entwickeln kann.

Dieses Dilemma beruht vor allem auf den Schwächen des indischen Universitäts-Systems. Wer zum Beispiel einen Bachelor of Arts oder einen Bachelor of Commerce hat, bleibt meistens arbeitslos. In Indien sind das gewöhnliche Abschlüsse. Unter die besonderen fallen nur die Studiengänge Medizin und Ingenieurwissenschaften. Alles andere zählt nicht. Also versuchen wir, Akademiker mit gewöhnlichen Abschlüssen für die IT-Geschäftswelt fit zu machen und ihnen Fähigkeiten zu vermitteln, die für Arbeitgeber wichtiger sind als der Universitäts-Abschluss.

Dass Indien so etwas braucht, habe ich schon Anfang der achtziger Jahren verstanden. Damals habe ich in einer Computerfirma gearbeitet, deren Wachstum nur durch die fehlenden Computer-Fachleute gebremst wurde. 1981 habe ich darum NIIT Limited gegründet. Am Anfang hatten wir fünf Standorte, seit 1986 arbeiten wir als Franchise-Unternehmen. Innerhalb von 15 Jahren ist die Anzahl unserer Schüler von ein paar tausend auf rund eine halbe Million gewachsen. Heute haben wir mehr als 3800 Franchise-Nehmer, der Großteil davon in Indien. Aber wir sind auch international erfolgreich. Unsere Absolventen haben nach ihrer Ausbildung eine hundertprozentige Jobgarantie. Am Ende vermitteln wir ihnen ein einjähriges Praktikum in einer von 3000 indischen IT-Firmen. Dort werden sie gern genommen, da sie noch als Studenten gelten und damit ein etwas geringeres Gehalt bekommen. Es reicht jedoch für die Absolventen, um uns die gesamten Studiengebühren für die drei Jahre Ausbildungszeit bezahlen zu können. Viele bleiben nach dem Praktikum in ihrer Firma, andere gehen aber auch woanders hin: Sie haben die Qual der Wahl.

Unsere Ausbildung gibt allen jungen Indern die gleiche Chance, egal, aus welcher Kaste sie kommen, egal, ob ihre Eltern reich sind, egal, ob sie Mann oder Frau sind - rund 55 Prozent unserer Absolventen sind Frauen. Diese Idee der Chancengleichheit führte 1999 dazu, dass wir in ländlichen Regionen Lernzentren eröffnet haben. Inzwischen gibt es davon mehr als 2000. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der indischen Regierung: Wir unterrichten tagsüber Schüler, wofür uns die Regierung einen kleinen Betrag zahlt. Abends dürfen wir die Schulgebäude umsonst kommerziell nutzen. Da bieten wir Computerkurse an, für die unsere Kunden selbst zahlen.

Uns hat auch motiviert, dass wir den Schülern kostenlose Computer-Kurse bieten können und so sozial etwas bewegen, aber das war nicht der treibende Gedanke. Wir machen es vor allem aus Geschäftsinteresse, auch wenn es im Moment noch schwer ist, die laufenden Kosten zu decken. Die indische Regierung zahlt uns nicht viel, und unsere abendlichen Einnahmen sind auch nicht besonders hoch. Wir spekulieren jedoch darauf, dass sich das Modell in Zukunft auszahlt. Immerhin haben wir so ständig Kontakt zu mindestens einer Million Kinder und damit die Chance, unsere Marke rechtzeitig in ihr Bewusstsein zu bringen. Viele von ihnen werden sich später an uns erinnern und hoffentlich zu zahlenden Kunden unserer NIIT-Zentren werden. Man muss seine Geschäfte immer langfristig sehen." Swastika Mohapatra, 27 Jahre alt, Computerspezialistin Neu Delhi, in dem Teil der Stadt, den die Briten während der Kolonialzeit geprägt haben. Die Straßen sind gesäumt von den prächtigen Villen etlicher Botschaften. Mitten im Viertel liegt der riesige Universitäts-Campus. Hier werden Ingenieure ausgebildet, die Elite des Landes. Gleich um die Ecke arbeitet Swastika Mohapatra als Computerspezialistin. Ihr Arbeitsplatz ist im amerikanischen Stil durch halb hohe Wände von denen ihrer Kollegen getrennt. Swastika trägt einen indischen Sari, ihre Stimme ist sanft, ihr Händedruck fest.

"Die IT-Revolution hat die Rolle der Frau in Indien in allen sozialen Klassen gestärkt. Ich bin in Neu Delhi aufgewachsen, mein Vater ist Arzt, meine Mutter Hausfrau, ich hatte eine ganz normale Mittelklasse-Kindheit. Ich habe einen Bachelor of Arts gemacht und gleichzeitig eine Ausbildung bei NIIT, das war von 1994 bis 1997. Meine Eltern waren dagegen, sie hatten damals noch keine Ahnung, was IT eigentlich ist. Obwohl sie gebildete Leute sind, glauben sie immer noch an die traditionelle Rollenverteilung: Der Mann verdient das Geld, die Frau bekommt die Kinder und bleibt zu Hause. Also wollten sie am Ende meines Studiums sofort meine Hochzeit arrangieren, da war ich Anfang 20, in der indischen Gesellschaft das ideale Heiratsalter. Doch ich habe mich geweigert und stattdessen als Programmiererin gearbeitet. Das war eine gute Erfahrung. In der IT-Branche werden Frauen viel mehr respektiert als in anderen Bereichen - unsere Arbeit wird nicht in Frage gestellt, solange der Code stimmt. Das hat meinem Selbstbewusstsein einen Schub gegeben, außerdem war ich plötzlich finanziell unabhängig. In meinem ersten Jahr als Programmiererin habe ich 190 Euro im Monat verdient. Viel mehr als bei einem Job in der Regierungsverwaltung, den ich mit einem Bachelor of Arts vielleicht ergattert hätte. Heute liegt mein Gehalt bei monatlich 570 Euro, das ist viel für indische Verhältnisse.

Die IT-Revolution hilft uns Frauen auch, über den indischen Tellerrand zu gucken, andere Kulturen und Lebensstile kennen zu lernen. Vor ein paar Jahren habe ich ein Jobangebot aus den USA bekommen und bin für drei Jahre nach Houston in Texas gezogen. Das war für meine Eltern der absolute Schock und für mich eine Befreiung. In Indien ist eine Frau selten unabhängig. Sie lebt bei ihren Eltern, bis sie heiratet, dann hängt sie von ihrem Ehemann ab, später meistens von ihrem Sohn. Das war in den USA ganz anders. Es gibt allein stehende Mütter, Scheidungen sind gesellschaftlich akzeptiert. Diese Freiheiten würde ich gern nach Indien importieren. Hier hat der Mann immer noch das Sagen. Trotzdem hatte ich Heimweh und bin vor vier Monaten zurückgekommen. Jetzt bin ich auch bereit zu heiraten.

Meine Freundinnen sind inzwischen alle verheiratet. Ich sehe sie kaum noch und fühle mich ziemlich isoliert. Seit ich wieder hier bin, habe ich drei Heiratskandidaten ausgeschlagen. Ich bin jetzt 27 Jahre alt, da gilt man in Indien schon fast als unvermittelbar. Doch ich lasse mir Zeit. Grundsätzlich bin ich nicht gegen das Konzept der arrangierten Heirat. Immerhin heiratet man in Indien nicht nur den Mann, sondern gleich die ganze Familie mit. Dass die sich mit meiner Familie versteht, ist also extrem wichtig. Deshalb erlaube ich meinen Eltern, mir Kandidaten vorzuschlagen. Ich bestehe jedoch darauf, dass ich die Männer erst kennen lerne und mich gegen sie entscheiden kann.

Grundsätzlich reicht es mir, wenn wir uns verstehen, alles andere kommt später. Da seid ihr Westler mit eurer Vorstellung von der großen Liebe vor der Heirat ganz anders. Was ich jedoch konsequent ablehne, ist das Konzept der Mitgift. Das ist in Indien immer noch sehr wichtig, besonders für die ältere Generation und unter ungebildeten Leuten, unabhängig von ihrer sozialen Klasse. Das geht teilweise so weit, dass Frauen, deren Mitgin von der Familie des Ehemannes als zu niedrig angesehen wird, in den Selbstmord getrieben werden. So kann der Mann wieder heiraten und noch mal eine Mitgift abstauben. Da hat man doch das Gefühl, noch im Mittelalter zu leben. Für mich ist die Frage nach einer Mitgift eine Beleidigung. In manchen Heiratsannoncen wird angeboten, dass Frauen, die einen NIIT-Abschluss haben, weniger Mitgift mitbringen dürfen. Eine Frechheit. Warum sollte ich überhaupt etwas zahlen? Ich verdiene mein eigenes Geld. Die neue Unabhängigkeit vieler Inderinnen ist für Männer oft ein Problem. Ich hatte vor kurzem einen Heiratskandidaten, mit dem ich mich gut verstanden habe - doch dann kam das Thema Arbeiten nach der Heirat auf. Wenn ich ein Kind bekomme, werde ich vielleicht eine Pause einlegen, doch die Forderung, meinen Job ganz an den Nagel zu hängen, ist total inakzeptabel für mich. Der Typ fragte völlig verständnislos, wie er sicher sein könnte, dass ich ihn dann nicht verlassen würde und wozu ich ihn denn überhaupt bräuchte? Er hat nicht verstanden, dass Heirat nichts mit finanzieller Sicherheit, sondern mit Zuneigung und später mit Liebe zu tun hat. Dabei war er selbst aus der Software-Industrie. Auch wenn die Emanzipation in der IT-Branche weiter vorangeschritten ist als in anderen Bereichen, ganz hat sie sich auch da noch nicht durchgesetzt." Vinay Deshpande, Chairman Encore Software und Managing Trustee SimputerTrust Bangalore, das IT-Mekka. In den Außenbezirken entstehen neue Technoparks, in der Innenstadt reihen sich die Geschäfte westlicher Markenhersteller aneinander. In einer kleinen Nebenstraße sitzt Vinay Deshpande im ersten Stock eines Bürogebäudes. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Simputer - das Kürzel für simple Computer, ein kleiner Rechner, der fast wie ein PDA aussieht. Auf dem Bildschirm flimmern einfache Symbole. Ein Fingerdruck auf ein Kartoffel-Zeichen, und eine Elektrostimme gibt wahlweise in einer der vielen indischen Sprachen den aktuellen Kartoffelpreis wieder. Deshpande hat den Kleincomputer für die Millionen Analphabeten Indiens entwickelt. Das World Economic Forum wählte ihn 2001 zu den 100 wichtigsten Technik-Pionieren. Der indische Premierminister brachte jüngst zu einem offiziellen Besuch heim König von Thailand als Gastgeschenk einen Simputer mit - als Symbol für das moderne Indien.

"Indien hat zwar für ein Entwicklungsland unglaublich viele IT-Experten, aber von den mehr als eine Milliarde Indem haben nur sechs Millionen Zugang zu einem Computer. Und selbst wenn es mehr herkömmliche Rechner gäbe, änderte sich das nicht unbedingt, denn nur 50 Millionen Inder lesen und schreiben englisch. Rund 500 Millionen können dagegen weder Hindi, Urdu oder eine der anderen 17 offiziellen indischen Sprachen lesen und schreiben. Die Herausforderung für uns IT-Spezialisten ist es also, den Computer diesen Menschen anzupassen. Das gilt auch für den Internet-Inhalt. Darum entwickeln wir mit unseren Partnern Anwendungs-Software für die indische Durchschnittsbevölkerung und haben den Simputer möglichst einfach und billig konstruiert. Ein Laufwerk für eine Smartcard macht es außerdem einfach, das Gerät zu teilen. So können sich mehrere Leute gemeinsam eines kaufen, denn der Preis von 200 Dollar ist für indische Bauern immer noch ziemlich hoch.

So richtig ist das Geschäft noch nicht in Schwung gekommen. Es dauert, bis Bauern ihre Skepsis verlieren. Damit wir nicht nur von ihnen abhängig sind, haben wir den Simputer so entwickelt, dass auch Mittelsmänner damit arbeiten können.

So bin ich 1998 überhaupt auf die Idee des Simputers gekommen. Der Chef einer kleinen Bank hatte mich um Rat gebeten. Sein Problem: Da viele Fanner abgeschieden leben, ließ die Bank Agenten die Ersparnisse bei den Bauern einsammeln. Dabei stellten die Mittelsmänner den Farmern zwar häufig korrekte Quittungen aus; reichten bei der Bank jedoch gefälschte Durchschläge mit niedrigeren Beträgen ein und behielten die Differenz. Darum brauchte der Banker einen tragbaren Apparat mit angeschlossenem Drucker, um den Farmern gleich an Ort und Stelle maschinelle Belege auszustellen und mit der Möglichkeit, die eingegebenen Daten jeden Abend per Telefon an den Computer der Bank zu übermitteln.

Ich habe schnell erkannt, dass ein solcher Kleinrechner auch für andere Zwecke in Entwicklungsländern gut sein könnte: für Arzte etwa, die bei der Untersuchung von abgeschieden lebenden Patienten die Krankheitsdaten vor Ort sammeln und später an weit entfernte Spezialisten senden wollen. Oder um die bisherige Ineffizienz der indischen Verwaltung zu reduzieren. Wenn der Staat den Überblick über die meist weit auseinander liegenden 600 000 indischen Dörfer behalten will, muss er moderne und gleichzeitig preiswerte Informationstechnologie wie den Simputer nutzen. Überhaupt: Was in Indien funktioniert, ist gut für die gesamte Dritte Welt.

Darum haben die Leute auch Unrecht, die in mir einen naiven Idealisten oder einen Robin Hood der IT-Branche sehen. Wenn auch nur ein kleiner Profit pro Gerät abfallt, macht die Masse der potenziellen Käufer riesige Gewinne möglich. Natürlich ist das risikoreich. Darum haben die großen indischen Unternehmen bislang lieber sichere hohe Profite eingestrichen, in dem sie Produkte für den Export in die erste Welt entwickelt haben. Aber ich gehe gern ein Risiko ein.

Ich habe vor 30 Jahren in Stanford studiert, etliche Jahre in den USA und Europa gearbeitet und anschließend in Indien vier erfolgreiche Firmen gegründet. Mit denen habe ich viel Geld verdient. Jetzt will ich der Gesellschaft etwas zurückgeben, auch wenn es finanziell nicht der einfachste Weg ist. Zum Glück gibt es relativ viele IT-Pioniere, die finanziell ausgesorgt haben und etwas für ihr Land tun wollen. Web-Seiten wie www.bytesforall.org informieren über alle möglichen Projekte in Indien. Das ist eine richtige Bewegung geworden. Allerdings ist die kritische Masse bei den entwickelten IT-Lösungen noch nicht erreicht.

Langsam wachen sogar die großen IT-Konzerne auf. Denn auch wenn man kurzfristig keinen Gewinn mit solchen Lösungen machen kann, ist Indien langfristig betrachtet ein riesiger Markt, der nur darauf wartet, erobert zu werden. Viele Firmen suchen inzwischen nach Wegen, wie sie die armen Bevölkerungsgruppen schon heute zu Kunden machen können, um ihre Marke möglichst früh zu etablieren. Einige haben bereits Kontakt mit uns aufgenommen. Sie haben nur Erfahrung mit hochwertigen Produkten und keine Ahnung, was Arme brauchen.

Für uns wäre eine Kooperation mit einem etablierten Konzern ebenfalls gut, denn wir brauchen Unterstützung, um den Simputer auf der ganzen Welt zu vermarkten - das schaffen wir nicht allein. Zumindest nicht so schnell, wie ich es gern möchte. Aber ich kann geduldig sein. Andere mögen mich einen Narr nennen, vielleicht bin ich aber auch nur meiner Zeit voraus." Muni Howda, 35 Jahre alt, Bauer Jattt Palya, ein Ansammlung von Lehmhäusern im Norden des Bundesstaates Kamataka. An den Straßenrändern wachsen Palmen auf sanften grünen Hügeln. Vor einem kleinen Lehmhaus liegen zwei an Palmen angebundene Ochsen. Hier wohnt Muni Howda auf knapp 40 Quadratmetern mit seiner Frau Nirmala und den beiden kleinen Kindern. Im Wohnzimmer stehen zwei Betten, ein Kühlschrank, ein Telefon und ein Fernseher. Es läuft eine indische Seifenoper. Aus dem kleinen Nachbarzimmer zieht Räucherstäbchenduft, Nirmala kniet dort vor einem Schrein. Muni Howda reicht ein Glas frisch gebrühten Masala-Chai-Tee.

"Ich bin Bauer. In der dritten Generation. Mein Großvater und mein Vater sind schon auf dieser Farm aufgewachsen. Seit meiner Kindheit hat sich hier nicht viel verändert. Ich baue Reis an, Bananen und Kokosnüsse. Die Felder pflüge ich mit vier Ochsen. Außerdem habe ich einige hundert Hühner und drei Büffel. Drei- bis viermal in der Woche fahre ich zum Markt und verkaufe das Obst, das Getreide, die Eier und einen Teil der Büffelmilch. Ich fange morgens mit den ersten Sonnenstrahlen an zu arbeiten, abends um zehn komme ich nach Hause, und das sieben Tage in der Woche. Urlaub habe ich noch nie gemacht. Wenn alles gut läuft, bleiben im Monat 95 bis 190 Euro übrig. Das reicht, um uns zu ernähren: Dreimal am Tag gibt es Reis mit Gemüse und Chapati-Brotfladen. Im Schnitt machen wir vier bis fünf Monate im Jahr einen Verlust, manchmal bis zu 190 Euro im Monat. Vor allem im Winter, wenn die Kälte den Hühnern zu schaffen macht. Doch das ist mein Leben, und ich weiß, dass es so bleiben wird.

Ich bin nur ein paar Jahre zur Schule gegangen, dann musste ich auf dem Feld mithelfen. Das ist das Einzige, was ich kann. Ich habe keine Wahl, aber das ist kein Problem. Ich mag Veränderungen nicht. Als ein Bauer aus dem Nachbardorf vor einem Jahr mit dem Simputer zu mir kam, war ich ziemlich misstrauisch. Ich hatte zuvor zwar schon mal einen Computer in einem Postamt gesehen, aber der war riesengroß und hat mir Angst gemacht. Damals habe ich überhaupt nicht daran gedacht, dass ich mal an einem Computer arbeiten könnte. Das war nur was für gebildete Leute. Darum wollte ich am Anfang auch nichts von dem Simputer wissen. Ein paar Tage später habe ich dann aber den Bauern, der einen besaß, auf dem Markt getroffen - und da hat das Ding plötzlich zu ihm gesprochen. Er hat mir erklärt, dass er gerade den regionalen Marktpreis für Kokosnüsse auf der Web-Seite der Genossenschaft abgefragt hat. Ich konnte das überhaupt nicht glauben. Später wollte uns jemand auf dem Markt die Kokosnüsse für einen viel niedrigeren Preis abkaufen - da konnten wir viel besser verhandeln.

Ich möchte nicht wissen, wie oft ich meine Produkte schon zum Selbstkostenpreis verkauft habe, obwohl ich eigentlich viel mehr hätte verlangen können. Inzwischen finde ich den Simputer ziemlich gut, ich kann damit auch Informationen über Düngemittel abfragen oder den Wetterbericht. Im Moment leihe ich mir ab und zu das Gerät von einem Freund, aber der wohnt fast zehn Kilometer weg. Allein kann ich mir das Ding nicht leisten. Darum suche ich jetzt Leute, mit denen ich zusammen einen Simputer kaufen kann. Aber das ist eine Anschaffung, die man sich gut überlegen muss. Ich habe mir sagen lassen, dass man den Simputer so einstellen kann, dass die anderen nicht wissen, wozu ich ihn benutze. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Grundsätzlich wäre es aber für mich kein Problem, ihn mit anderen zu teilen. Das machen wir mit meinem Telefon auch so. Das habe ich vor zwei Jahren bekommen. Inzwischen haben alle Nachbarn die Nummer, damit sie hier angerufen werden können. Sonst müssten sie fast vier Kilometer ins nächste Dorf zur Telefonzelle laufen, so wie ich früher auch. Eigentlich war das auch kein Problem. Komisch, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass das Telefon im Wohnzimmer ist, kann man sich das Leben ohne gar nicht mehr vorstellen." Satyan Mishra, Gründer von Drishtee Ein früher Sonntagabend im Süden Neu Delhis. Der Rikscha-Fahrer hat sich im Labyrinth der engen Straßen verirrt. Die Gassen sind gesäumt von Obstständen und fliegenden Händlern, die über offenem Feuer Hühnerfleisch in riesigen Schüsseln braten. Mittendrin haben sich bereits die ersten Obdachlosen auf den schmutzigen Boden zum Schlafen gelegt. Ihr einziger Schutz sind alte Zeitungen, die sie über ihren Gesichtern ausgebreitet haben. Einige Straßenblocks weiter ist die Stadt wieder aufgeräumt. Mittendrin liegt das Büro der IT-Firma Drishtee. Eine enge Treppe führt zum Büro von Satyan Mishra. Der Unternehmens-Gründer und CEO arbeitet, wie fast jeden Sonntag, bereits seit früh morgens.

"Die indische Bürokratie hat immer noch überall ihre Finger drin. Für alles braucht man eine Verwaltungsbescheinigung. Das ist vor allem für Leute, die auf dem Land wohnen, mühselig. Die Ämter sind in den Bezirksstädten, und die Fahrt dahin dauert häufig ein paar Stunden. Das kostet jede Menge Zeit und Geld. Darum bietet unsere Firma in den ländlichen Regionen E-Governance an: In einer Art Kiosk, der mit dem Internet verbunden ist, können die Leute vom Ladenmanager bestimmte Verwaltungsangelegenheiten online erledigen lassen - man kann zum Beispiel einen Führerschein oder eine Kopie der Geburts- oder Heiratsurkunde online beantragen oder im Internet ein Gebot für ein ausgeschriebenes Stück Land abgeben. Der Kiosk ist aber kein Internetcafe, wo sich die Leute selbst an den Computer setzen. Das würde vor allem die älteren Dorfbewohner überfordern und abschrecken. Stattdessen übernimmt der Kioskbesitzer alles für sie. Er arbeitet mit uns als Franchise-Nehmer zusammen. Die meisten von ihnen sind jung und sehen es als Chance, sich selbstständig zu machen. Das ist auf dem Land meist gar nicht so einfach.

Für uns war es wichtig, dass die Regierung unser Konzept unterstützt, denn nur ein E-Governance-Angebot kann das Interesse der Dorfbewohner wecken und sie in unsere Kioske locken. Das Interesse, Verwaltungswege zu verkürzen, ist in der Regel größer als die Angst vor der Technik. Unsere Partner-Verwaltungen haben wir mit dem Argument überzeugt, dass sie finanziell von uns profitieren. Einige haben in den Abteilungen, die online mit unseren Kiosken arbeiten, nicht nur Hierarchiestufen komplett gestrichen, sondern zusätzlich ihre Bearbeitungsgebühren erhöht: Da die Abwicklung online wesentlich schneller geht als bisher, sind die Bürger bereit, dafür auch mehr zu zahlen.

Deshalb ist es meistens nicht besonders schwer, die Regierung zum Mitmachen zu bewegen. Dabei soll es dann aber auch bleiben. Wir wollen sie auf keinen Fall als Geschäftspartner mit im Boot haben, das macht nur Ärger und sorgt für viele bürokratische und langsame Entscheidungen. Das können wir uns als effizient organisiertes Unternehmen nicht leisten. Stattdessen stellen wir sicher, dass die Verwaltung schneller als bisher arbeitet, wenn wir mit ihr kooperieren. Zum Beispiel muss sie kurze Bearbeitungszeiten garantieren. Wir überprüfen regelmäßig, was mit den von unseren Kioskbesitzern online eingereichten Anträgen passiert. Dazu gehört, dass die Anträge, bei denen die vereinbarte maximale Bearbeitungsfrist fast erreicht ist, automatisch aufgelistet werden und wir diese Informationen an den Chef der Bezirksbehörde weiterleiten. Der heizt dem ertappten Sachbearbeiter dann meist ordentlich ein.

Inzwischen bieten unsere Kiosk-Besitzer neben E-Governance auch private Dienstleistungen an, zum Beispiel verkaufen sie Lebensversicherungen. Da gibt es noch ein riesiges Wachstumspotenzial. Viele private Dienstleistungs-Anbieter haben den ländlichen indischen Markt bisher komplett ignoriert, da der Vertrieb zu teuer war. Doch den können jetzt unsere Kioskbesitzer übernehmen. Wir wachsen sehr schnell. Ende 2000 waren wir zu viert, heute sind wir fast 50, und wir stellen jede Woche neue Leute ein. Zwischenzeitlich haben wir sogar schon mal Gewinne gemacht, jetzt sind wir aufgrund des schnellen Wachstums aber wieder in den Miesen. Außerdem machen uns einige Probleme zu schaffen: die unzuverlässige Elektrizitätsversorgung auf dem Land zum Beispiel. Das behindert unser Geschäft immens, und Generatoren sind teuer. Außerdem bräuchten wir mehr Kapital, um weiter wachsen zu können. Wir haben zwar Geld von Risikokapitalgebern bekommen, doch die fordern für die nächste Charge einen zu hohen Anteil am Unternehmen, Und Darlehen von Banken sind für Start-ups in Indien immer noch schwer zu ergattern. Ob wir langfristig überleben, hängt also auch davon ab, ob wir ausreichend Kapital aufbringen." Satvir Singh, 20 Jahre, Drishtee-Kioskbesitzer Mit Schlaglöchern übersäte Straßen führen in die rund 200 Kilometer nördlich von Neu Delhi gelegene Kleinstadt Ottu. Die Fahrt dauert sechs Stunden. Nebelschwaden nehmen die Sicht. In Ottu ist das Klima rau. Das flache Land hier ist weniger ertragreich als im fruchtbaren Süden Indiens, die Menschen sind ärmer. Im Ortskern gibt es ein paar Chapati-Stände, vor denen Männer in Wickelröcken hocken. Nach Einbruch der Dunkelheit passiert hier nichts mehr. An der Hauptstraße sitzt in einem kleinen dunklen Zimmer Satvir Singh vor einem Computer.

"Seit sechs Monaten manage ich einen Drishtee-Kiosk. Davor hatte ich nicht viel Ahnung von Computern. Bei uns in der Uni gab es keinen einzigen, sogar in der Verwaltung wurde alles mit der Schreibmaschine oder per Hand erledigt. Als ich vor einem Jahr mit meinem Studium fertig war, hatte ich einen Bachelor of Arts, aber auch nach vier Monaten noch keinen Job. Ich habe mindestens 50 Bewerbungen losgeschickt, die meisten für Jobs in der Regierungsverwaltung. Viel mehr kann man hier draußen auf dem Land nicht machen, wenn man kein Bauer werden will. Die Arbeitslosenrate liegt bei uns im Ort bei rund 60 Prozent. Viele erwarten von der Regierung, dass sie mehr Jobs anbietet, aber die baut Stattdessen Stellen ab.

Auch für Bauern wird es immer schwerer. Das Land wird knapp, außerdem zahlen die Politiker nicht mehr so hohe Subventionen wie früher. Das macht vor allem die älteren Leute zornig. Wir Jungen haben dagegen verstanden, dass wir kreativ werden und etwas Neues ausprobieren müssen. Meine Familie unterstützt mich. Mein Vater besitzt ein eigenes Geschäft hier im Ort und findet es gut, dass ich selbstständig sein will. Darum hat er mir 95 Euro für die Anzahlung des Computers gegeben. Die restlichen 190 Euro kann ich bei der Firma in den kommenden zehn Monaten abstottern.

Das Geschäft läuft inzwischen ziemlich gut. Anfangs waren die Leute skeptisch, die meisten hatten noch nie einen Computer gesehen. Deshalb habe ich im Gemeindezentrum Info-Veranstaltungen gemacht und ihnen erklärt, was das für ein Gerät ist und was ich damit für sie tun kann. In den ersten Tagen kamen um die fünf Leute, nach zwei Monaten waren es etwa 15 pro Tag, heute kommen mindestens 20. Zuerst wollten sie eigentlich nur Anträge für die Regierungsverwaltung von mir ausfüllen und einreichen lassen. Inzwischen laufen aber auch die privaten Angebote ganz gut. Das ist gut, denn der Gewinn ist da für mich größer." Dheeraj Mahtani, ein Kunde "Ich habe hier gleich um die Ecke einen Bauernhof. Zweimal im Jahr, einmal im Sommer und einmal im Winter, muss ich mir eine Bestätigung über meinen Landbesitz besorgen. Nur damit kann ich ein Darlehen beantragen, mit dem ich meine Ernte vorfinanziere. Jedes Mal ist eine neue Kopie nötig. Früher musste ich dazu immer in die Bezirksstadt fahren, das dauert einige Stunden. Und dann die Warterei auf dem Amt, bis der Sachbearbeiter meine Urkunde in seinen riesigen Büchern gefunden hatte. Anschließend musste ein zweiter Sachbearbeiter die Arbeit des ersten prüfen, und dann ein dritter die Arbeit der beiden anderen.

Das Ganze hat bis zu 30 Tage gedauert und war oft ganz schön teuer. Offiziell kostete die Kopie zwar nur 28 Cent, aber meistens hat der erste Sachbearbeiter dann noch Schmiergeld gefordert, damit überhaupt etwas passierte. Da war man schnell mal 3,80 Euro los. Jetzt fordert die Verwaltung 48 Cent, und ich zahle noch einmal so viel für den Kiosk-Service. Aber ich muss nicht mehr zum Amt fahren, spare Zeit und Arger, und seitdem ich alles online erledige, geht es komischerweise auch viel schneller." Sugata Mitra, Chefwissenschaftler am Centre for Research in Cognitive Systems Innerhalb von drei Monaten könne man mit Hilfe des Internet die digitale Kluft zwischen der jungen Stadt- und Landbevölkerung in Indien schließen, behauptet Sugata Mitra, Chefwissenschaftler am Centre for Research in Cognitive Systems in Neu Delhi. Seit Jahren erforscht Mitra, wie sich durch das Internet die digitale Kluft innerhalb Indiens und zwischen Ländern der ersten und der dritten Welt überwinden lässt. Er ist ein Mann, der so viel Optimismus versprüht, dass es schwer fällt, ihm trotz pessimistischer Statistiken nicht zuzustimmen.

"Die Bildungssituation in Indien ist katastrophal. Von den mehr als eine Milliarde Indem sind etwa die Hälfte unter 20 Jahre alt. Rund 400 Millionen Kinder sind im schulpflichtigen Alter. Für die gibt es im Moment 600 000 Schulen, eigentlich brauchten wir aber drei Millionen und dazu 30 Millionen ausgebildete Lehrer und Leute für die Verwaltung. Das würde selbst mit viel Geld mindestens 30 Jahre dauern. Und genauso schwierig ist es, die digitale Kluft zwischen den reichen indischen Städtern und den Armen auf dem Land durch individuelles Training zu schließen. Das Internet könnte helfen, diese Krise zu lindern.

Wir haben herausgefunden, dass sich Gruppen von Kindern unter 13 Jahren selbst viel beibringen können, wenn man ihnen die Mittel zur Verfügung stellt und Erwachsene sie nicht stören. Genau das ermöglichen wir seit fünf Jahren: Wir stellen für Kinder ausgestattete Computer auf öffentliche Plätze in Slums und Dörfern, in denen Kinder keine Erfahrung mit Computern haben. Die Kinder dürfen die Geräte umsonst benutzen, während wir beobachten, was passiert.

Die Lernkurve ist phänomenal und, das ist besonders interessant, an allen Orten fast identisch, obwohl die Regionen sehr unterschiedlich waren: Am Anfang spielt das Kind mit der Maus und stellt fest, dass sich etwas auf dem Bildschirm bewegt. Eher aus Versehen macht es die ersten Doppelklicks. Nach 15 Minuten ist das Browsen kein Problem mehr, nach einigen Tagen kann das Kind Ordner anlegen, Dateien kopieren oder löschen und Daten von Web-Seiten herunterladen. Nach drei Monaten können in der Regel 80 bis 100 Prozent der Jugendlichen eines Dorfes Computer bedienen. Drei Computer reichen aus, um 100 Kindern spielerisch alles beizubringen.

Das Ganze passiert in einer erstaunlich guten, experimentierfreudigen Atmosphäre. Ein Kind probiert etwas, andere sehen zu und geben Ratschläge, dann ist das nächste dran. Dabei lernen die Kinder sowohl den Computer zu nutzen als auch in Gruppen zu arbeiten und sich zu konzentrieren. In der Schule werden sie dadurch schlagartig in Mathematik und Englisch besser. Die Experimente haben allerdings gezeigt, dass es extrem wichtig ist, den Computer nicht in eine Schule zu stellen. Draußen sehen ihn die Kinder nicht als Teil eines Lernplans, sondern empfinden ihn als Spielzeug. Die Erfolge, die sie dabei haben, stärken ihr Selbstbewusstsein, sie hören nicht auf, davon zu reden. Über die Schule spricht dagegen fast kein indisches Kind gern. Rein theoretisch würde es nicht langer als drei Monate dauern, die digitale Kluft zwischen Stadt- und Landkindern zu schließen. Wir bräuchten nur mehr Geld. Inzwischen unterstützt uns die indische Regierung und seit 2001 auch die Weltbank Jeder Wirtschaftswissenschaftler sagt, dass das Schicksal eines Landes von seinem Ausbildungssystem abhängt. Trotzdem fragen mich viele Leute, was Indien davon hat, wenn Kinder wissen, wie man einen Computer benutzt. Manchmal meinen selbst die Eltern, der Computer bringe ihnen kein Essen ins Haus. Dabei tut er genau das - in der nahen Zukunft. Natürlich wird nicht jedes Kind, das mit einem Computer umzugehen weiß, zum Programmierer. Doch die Kinder können sich besser informieren, und das wird ihnen neue Chancen eröffnen. Das Problem der riesigen indischen Bevölkerung ist heute noch, dass die meisten von nichts eine Ahnung haben." Rubina, 12 Jahre alt, IT-Autodidaktin Madangir, ein Slum knapp 25 Kilometer vom Stadtzentrum Neu. Delhis entfernt. Hier leben rund 68000 Menschen. Müll säumt die von Regenfällen aufgeweichten Sandwege, Menschen kauern in kleinen Gruppen unter Plastikplanen. Wer Glück hat, wohnt in einer der heruntergekommenen Mietwohnungen. Eine Familie mit durchschnittlich fünf Personen muss im Monat mit 28 bis 38 Euro auskommen. 65 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Neben einer Hauptverkehrsstraße stehen fünf Computer im Freien, umringt von einer Horde Kinder. Ihre Schule ist etwa einen halben Kilometer entfernt, seit einer Stunde ist der Unterricht vorbei. An einem der Computer spielt Rubina, eines der rund 9500 Kinder im Alter von acht bis 14, die in Madangir leben.

"Am Computer bin ich eine der Besten, da kann mir fast keiner etwas vormachen. Wir wohnen hier in Madangir, seit ich denken kann, im Moment mit sieben Leuten in einer Zweizimmerwohnung. Mein Vater und meine zwei älteren Brüder schlafen in einem Zimmer, ich mit meiner Mutter, meiner Schwester und meinem kleinen Bruder in dem anderen. Mein Vater hat einen kleinen Straßenstand, da müssen meine beiden älteren Brüder nach der Schule helfen. Ich glaube, die sind 16 und 17 Jahre alt. Meine ältere Schwester geht schon seit ein paar Jahren nicht mehr zur Schule, sie bleibt mit meiner Mutter zu Hause und sieht viel fern. Das habe ich früher auch gemacht.

Dann standen plötzlich diese Computer hier mm. Solche Maschinen hatte ich davor noch nie gesehen. Am Anfang dachte ich, das wären Fernseher mit ganz vielen Programmen, die ich selbst verändern kann. Heute weiß ich, dass das Internet etwas ist, womit ich alles machen kann. Ich gehe jeden Tag fünf Stunden zur Schule, eigentlich ganz gern. Manchmal ist es sehr chaotisch, in meiner Klasse sind 80 Kinder, und ab und zu schläft der Lehrer während der Stunden. Dann können wir toben. Aber lieber würde ich Englisch lernen, das ist mein Lieblingsfach. Seit ich an den Computern spiele, habe ich viele neue Wörter gelernt.

Am Anfang hatte ich keine Ahnung von Computern, doch dann haben mir ein paar Freunde die ersten Sachen gezeigt, und schließlich habe ich selbst etwas ausprobiert. Am liebsten zeichne ich. Meine Eltern haben kein Geld, mir Papier und Stifte zu kaufen, aber jetzt male ich einfach auf dem Bildschirm. Darin bin ich richtig gut. Ansonsten höre ich gern Musik und spiele, am liebsten Kartenspiele, bei denen ich gegen andere Kinder antrete. Ich sehe mir auch gern Landkarten an - ich hatte keine Ahnung, dass Indien viel größer ist als andere Länder. Ab und zu lese ich die Schlagzeilen. Ich bin jeden Tag bestimmt zwei Stunden hier. Manchmal ist es ganz schön schwer, einen Platz am Computer zu bekommen. Die älteren Jungs belegen sie ein paar Stunden und lassen andere nicht ran. Das schüchtert vor allem kleine Mädchen ein. Ich bin zwar erst zwölf, aber viel größer als die meisten Jungs. Manchmal verschaffe ich den Jüngeren auch einen Platz und erkläre ihnen, wie man den Computer bedient.

Mein jüngerer Bruder hat vor einem Jahr die ersten Dinge von mir gelernt. Inzwischen ist er fast so gut wie ich und kann mir auch mal was beibringen. Er spielt oft Schach, da muss er sein Hirn benutzen, sagt er. Später möchte ich Computer-Spezialistin werden. Meine Eltern sind davon begeistert. Meine Mutter ist sogar mal mitgekommen, und ich habe ihr ein paar Sachen am Computer gezeigt. Da war sie richtig stolz auf mich. Mein Vater hat mir versprochen, dass ich an der Universität studieren darf."

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