Ausgabe 05/2004 - Das geht

Die Pillendreher

Draufbeißen, warten, bis es schäumt, und bürsten - so funktioniert die Zahnputzpille "Denttab". Mit dieser Erfindung beschäftigen sich der Zahnarzt Hendrik Eitler und die Brüder Axel und Matthias Kaiser, Geschäftsführer der Dentalfirma Prodentum, seit fünf Jahren. Ihre Pille, sagen sie, habe eine Menge Vorteile gegenüber Zahnpasta: zuerst und vor allem aber enthalte sie weniger Chemie. Denttabs bestehen aus nur sieben Inhaltsstoffen, im Gegensatz zu Zahnpasten, in denen bis zu hundert Substanzen enthalten sein können. Das liegt daran, dass beim Trockenpräparat keine Konservierungsstoffe und Keimhemmer nötig sind. Zudem verringere sich, anders als bei Zahnpasta, der Fluorgehalt nicht im Laufe der Zeit. Ein weiteres Plus: Die Tabletten sind lange haltbar, leicht dosierbar, hitze- und kältebeständig und dabei nicht mal teuer - 19,90 Euro kostet die Sechs-Monats-Packung.

Die Idee zur "Herstellung eines wasserfreien Zahnpflegemittels" stammt von Professor Peter Gängler, Dekan der zahnmedizinischen Fakultät der Universität Witten/Herdecke. Hendrik Einer greift das Thema für seine Promotion auf. Die Bedingung: Er soll nicht nur Papier produzieren, sondern ein marktreifes Produkt. Dabei helfen ihm später die Kaiser-Brüder von Prodentum, sie bieten dem seit 1992 in Berlin niedergelassenen Zahnarzt Unterstützung an. Mit 10 000 Mark finanzieren sie die Patentierung der Idee. Dann stellen sich Einer und Axel Kaiser ins Labor der Freien Universität Berlin. Mit Rohstoffen, die ihnen eine befreundete Apothekerin besorgt, rühren sie an vier Nachmittagen ein Granulat zum Zähneputzen zusammen. Das Pulver besteht den Stresstest im Labor. "Der Fluorgehalt bleibt mehr als zehn Jahre konstant, das ist der Hit", freut sich Axel Kaiser und wittert eine Marktlücke.

Mit dem Granulat geht's zur Berliner Firma Haupt Pharma, einem der führenden Pharma-Auftragshersteller Europas. Die Profis lachen zuerst über die Idee, finden sie dann aber so skurril, dass sie sich gemeinsam mit Eifler und den Kaisers Gedanken machen. So wird aus dem schwierig zu handhabenden Granulat ein Staub, den die Firma Haupt zu einer Tablette presst. Die schmeckt allerdings staubig, was nicht nur die Entwickler, sondern auch Eiflers Patienten finden, die er in seiner Praxis regelmäßig die Zwischenergebnisse kosten lässt. Weil es bei Haupt zwischenzeitlich zu Umstrukturierungen kommt, müssen die Erfinder noch bei sechs anderen Herstellern mit der halb fertigen Pille hausieren gehen. Einer schafft es, sie zu verbessern, ist aber viel zu teuer in der Produktion. Schließlich kaufen die Kaisers das Verfahren und gehen damit wieder zu Haupt, wo die Pillen seit Oktober vergangenen Jahres vom Band laufen.

Die nächste Herausforderung ist die Verpackungsgröße der Pillen. Zahnarzt Eitler und die Kaisers favorisieren zunächst eine Zwei-Monats-Packung, doch auf diese Menge gerechnet, sind die Versandkosten zu hoch. Sie entwickeln eine Sechs-Monats-Packung, der sie drei Zahnbürsten zugeben - getreu dem Zahnarztmotto, alle zwei Monate die Bürste zu wechseln. Zusätzlich gibt es Döschen, in denen man seinen Vorrat, zum Beispiel für den Kurzurlaub, unterbringen kann.

Und wie kommt man an Kunden? Axel Kaiser und sein Bruder Matthias holen sich acht Studenten der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in die Firma. Die entwerfen als Projektarbeit ein Marketingkonzept für die Putzpille. Zwei der Studenten sind inzwischen fest angestellt im Familienunternehmen Prodentum und kümmern sich ausschließlich um Denttabs.

Der traditionelle Handel kommt für das Produkt nicht in Frage: In Drogerie- und Supermärkten müssen Hersteller jeden Meter Regalfläche teuer bezahlen, außerdem ist es schwer, dort ein unbekanntes und erklärungsbedürftiges Produkt zu platzieren. Große Kampagnen scheiden aus Kostengründen aus. Was für das Nischenprodukt bleibt, ist der Vertriebskanal Internet, kombiniert mit Guerilla-Marketing über Zahnärzte, Presse, Funk und Fernsehen. Das scheint zu funktionieren, in vier Zahnarztpraxen kann man Denttabs bereits am Tresen kaufen. Auch einzelne Apotheken haben schon ihr Interesse bekundet.

Etwa 6000 Menschen haben sich die Zahnputzpillen bisher im Netz bestellt. Darunter sind Segler, Bergsteiger und ein Pilot. Möglicherweise haben sie gelesen, dass Bundeswehr-Soldaten bei ihrem Afghanistan-Einsatz die Zahnpasta eingefroren ist, was bei den Putzpillen nicht passieren kann. Mittlerweile kommen sogar Anfragen aus Dubai, Japan und Russland.

Die Kaisers rechnen frühestens in einem Jahr mit schwarzen Zahlen für Denttabs. Rund 100 000 Kunden seien nötig, um die Investitionen zu bezahlen und Gewinne zu erwirtschaften. "Es werden garantiert noch mehr werden", sagt Axel Kaiser optimistisch. Momentan arbeitet das Dreigestirn schon fleißig an Produktvarianten für Kinder und für Menschen, die homöopathische Mittel einnehmen.

Denttabs, c/o Prodentum Dentaltechnik GmbH Berlin, Gerichtstr. 12/13, 13347 Berlin, Telefon: 030/46900888, www.denttabs.de, E-Mail: info@denttabs.de

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