Ausgabe 02/2004 - Schwerpunkt Mythos Zahl

Wer sich nicht glaubt, glaubt an Zahlen.

"Die Religion stützt sich vor allen und hauptsächlich auf die Angst." Bertrand Russell Liebe Sophie!

Ja, dieses Buch über Management by Key Figures finde ich auch brauchbar. Teilweise. Doch genau genommen ist es zwar ein Handbuch für die Praxis - aber eines für religiöse Praktiken, für gläubige Manager, zahlengläubige. Du kannst keinem Missionar in die Seele sehen, aber auf die Finger: Von Messgrößen zu heiligen Messen Zahlen, die wir in der Wirtschaft brauchen, sind Messgrößen. Sie zählen etwas, das geschah oder geschehen soll. Sie messen, was wirklich ist, aber eben bloß das, was sich messen lässt, also stets nur einen Teil der Wirklichkeit. Je öfter das geschieht, desto mehr scheinen sie eine höhere Wirklichkeit zu schaffen, eine wichtigere, schließlich die entscheidende. Erst glaubst du ihnen. Dann glaubst du an sie. Schon bist du religiös. Glauben heißt für wahr zu halten, was nicht durch Wahrnehmung und Denken gesichert ist. Religion ist das, was jemand wiederholt und sorgfältig beachtet, bestimmend, wie der Gläubige die Welt sieht, welche Wirklichkeit er daraus konstruiert und wie er in ihr lebt. Das Äußerste, was du dann noch werden kannst, ist Päpstin. Völlig lebendig bist du nicht mehr.

Im Management müssen wir auch zählen und kontrollieren, natürlich, Zustände, Ergebnisse, Proportionen. Dafür haben wir Werkzeuge wie Statistiken, Indizes, Bilanzen, BSP, BIP. Alle sollen bewerten helfen. Und alle enthalten in sich Bewertungen, beispielsweise Faktoren, Kriterien. Viele sind Black Boxes. Wir wissen durchaus nicht immer genau, was da drin wie verdrahtet ist. Schlimmer noch: Alle werden von Menschen gemacht und enthalten darum nicht nur Fehler aus Fahrlässigkeit, sondern auch vorsätzliche Täuschungen. Am schlimmsten aber ist nicht, dass wir ihnen glauben - sondern, dass wir an sie glauben: Ich entscheide durch Zahlen, also bin ich richtig Ich habe Zweifel, ob ich das kann, was ich da zu verantworten habe. Ich fürchte, dass mich mein eigenes Wahrnehmen trügt, meine Sinne, mein Verstand nicht ausreichen, mein Denken nicht klug genug ist. Ich bin unklar, unsicher. Hilfe! Was ist klar, sicher? Systeme scheinen das zu sein, Modelle, Regeln, Lehrsätze, Analysen, Kontrollen, die zeigen, was geschieht. Was ist bei all dem am präzisesten, am klarsten? Zahlen!

Wenn ich genaue Zahlen habe, bin ich genau. Wenn ich klare Zahlen habe, bin ich klar. Wenn meine Zahlen richtig sind, dann bin ich richtig. Wenn ich richtig bin, dann bin ich. Ich bin. Den Zahlen sei Dank. Und willkommen in der Kathedrale: Götter, Priester, Rituale Die Götter der Zahlengläubigen sind Selbstschutz, Sicherheit, Kontrolle, Macht. Und über allen thront die oberste Göttin, die Angst. Die Hohepriester dieser Religion sind häufig Nobelpreisträger und verkünden die unantastbaren Theorien von der vorrangigen Wirklichkeit aus Zahlen. Die Missionare wirken meist undercover, mit Decklegenden als Controller, Financial Officer oder wenigstens als Statistiker.

Der Zahlenglauben feiert sich in vielfältigen Ritualen, wie Hauptversammlungen, Meetings, Präsentationen, Bilanz-Presse-Konferenzen, Jahres-Wirtschaftsberichten oder bescheidenen, schnellen Beschwörungen am Kaffee-Automaten, am Telefon, in eMails. Dazu gehören die Symbole dieses Glaubens: die Zahlen selbst und wie sie dargestellt werden, in Texten, feierlich gelesen oder als vielfarbige Ikonen in Formen von Stäbchen, Kurven. Diese heiligen Symbole tragen die Gläubigen mit sich, in schwarzen Büchlein, in Palms, in Laptops, auf geheimen Papieren.

Die Gebote dieses Glaubens: Die Zahl ist der Zweck, der Wert und der Sinn. Es gibt keine anderen Werte neben ihr. Du sollst die Zahl ehren, damit du sicher lebst im Business.

Typische Opfer für den Gott Selbstschutz sind Marktforschungen, Umfragen. 73,7 Prozent der relevanten Zielgruppe akzeptieren die neue Verpackung. Das schützt. Natürlich nicht vor einem Flop, aber davor, verantwortlich zu sein. Der wichtigste Schutz ist verborgen, häufig sogar dem Gläubigen. Wer in einer Wirklichkeit aus Zahlen lebt, der ist distanziert, nicht mehr erreichbar für die wuselnde Wirklichkeit aus Staub, Schweiß, Geschrei und Gesang, Düften und Gestank, Blüten und Kompost, kurz dem richtigen Leben.

Die Altäre der Göttin Sicherheit sind überladen mit ganz genauen Zahlen, künstlich genährt durch Analysen bis in die feinste Zerstückelung. Und alles flüstert Perfektion. Verborgen sind die Gebeine, denn der Tod ist der einzige perfekte Zustand des Menschen. Keine Unsicherheit mehr, kein Wandel.

Zahllos die Opfer für die Göttin Kontrolle. Wer ihr opfert, will als Gegenleistung immer alles wissen, was läuft. Alles. Das Stoßgebet ist: Mich betrügt keiner. Was auch bei maximaler Kontrolle nie sicher ist. Vor allem: Wie ist ein Mensch, der nur Betrug um sich wittert? Und: Es vermutet niemand einen hinter einem Busch, hinter dem er nicht selbst gesessen hat. Außerdem lauert mittendrin der Wahn, dass sich alles gegen einen selbst verschwört, eine Welt von Verfolgern, Paranoia.

Besonders verführerisch ist die Göttin der Macht durch Zahlen. Die Anfänger spielen noch mit pubertärem Zauber: Meine Zahl ist größer, genauer. Die Fortgeschrittenen wollen durch Zahlen das Ding in den Griff bekommen, das Projekt, den Menschen. Die Süchtigen wollen ihren Willen durchsetzen. Immer. Die Macht aber ist eine eifersüchtige Göttin. Wer die Macht will, muss ihr alles opfern. Nichts sonst zählt, ist wertvoll. Nichts gedeiht. Doch im Schatten wuchert die Furcht vor der Ohnmacht. Nimm so einem seine Zahlen, und er bricht in sich zusammen.

Schließlich die oberste, dunkelste Gottheit mit unbekanntem Gesicht, die Angst. Gegen die Angst zu versagen hilft zunächst, den Kontakt mit sich selbst zu opfern, den Blick in den eigenen Spiegel. Gegen die Angst, bloß zu stehen, lässt sich eine schimmernde Rüstung aus Zahlen schaffen und immer neue Masken. Die Angst, allein zu stehen, einsam, wird fast erträglich durch immer konsequentere Flucht in die eigene Zahlen-Wirklichkeit. Aber gegen die furchtbarste Angst helfen Zahlen nicht mehr - die Angst vor der Angst. Die Altäre modern, die Rituale erstarren, die Symbole verfallen, die Wände der Kathedrale schließen sich um das Opfer. Doch es läuft noch herum. Es gibt sogar Interviews und spricht über sich: Die Performance liegt 2,3 Punkte über dem Index. Die Kostendegression durch Verschlankung beträgt 11,7 Prozent. Kürzlich versuchte eine Person in einer Talkshow die Argumente gegen sich zu entzaubern. Wie? Sie meinte, die Gruppierung ihres Angreifers hätte nur knapp zehn Prozent so viele Mitglieder wie die ihre.

Ich hoffe, Sophie, du findest nicht, dass ich übertreibe. Tu ich nicht. Ich sehe nur für dich und mich genau hin. Zahlen sind dafür da, zu messen, was sinnvoll und zweckmäßig messbar ist, also nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit. Aber sie allein geben kein gutes Leben, kein gutes Management. Glaube niemals an Zahlen - aber immer an dich.

Ich lächle dir zu.

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