Ausgabe 02/2004 - Was Unternehmern nützt

Was ist eigentlich - IP-TELEFONIE?

Mit ein paar Serviceseiten im Internet fing es vor sechs Jahren an: Mitmenschen, die billiger telefonieren wollten, verrieten Tim Mois und Thilo Salmon aus Düsseldorf, welche Call-by-call-Vorwahlen sie dazu brauchten. Seit neuestem betreiben die Gründer von www.billiger-telefonieren.de selbst eine Telefongesellschaft. Eine sehr kleine. Und natürlich eine, bei der man oft noch weniger bezahlt als bei den vielen Discountern, die den Kampf um die Tabellenspitze des billigsten Anbieters über die vierte Stelle hinter dem Euro-Komma austragen.

Der Wettbewerb im öden Sub-Cent-Kosmos ist aber nicht das Interessante an Sipgate, wie das Duo sein neuestes Projekt getauft hat. Wer mitmachen will, braucht keine Sparvorwahl und keinen Preselection-Vertrag, sondern DSL, also einen schnellen Online-Anschluss von der Telekom, und einen so genannten Router, eine kleine Box mit Kabelbuchsen hintendran. Hinzu kommt ein neuartiges Telefon, dessen Erbgut quasi aus dem Computerlabor stammt. Dass zu diesem seltsamen Fernsprechapparat überhaupt noch eine Telefonnummer gehört, ist nichts als ein Zugeständnis an alte Gewohnheiten. Eine Adresse nach eMail-Art genügte theoretisch, um einen Kunden von Indigo Networks, der Firma hinter Sipgate, oder ihren bisher wenigen Konkurrenten anzurufen. Diese Anbieter machen nämlich in IP-Telefonie. Und die wird sich durchsetzen, ganz egal, ob Salmon und Mois Erfolg haben oder nicht.

Internet-Telefonie war früher etwas für knauserige Bastler Hinter dem Kürzel IP steckt eine Technik, deren Ruf als Transportmedium für gesprochene Worte (Voice over IP, VoIP) schön ziemlich ramponiert war: Das I steht für Internet, das P für Protocol und beides zusammen für ein Regelwerk, das gleichermaßen den eMail-Verkehr, das World Wide Web und interne Datennetze von Unternehmen am Laufen hält.

Aber IP-Telefonie ist nicht zu verwechseln mit der berüchtigten Internet-Telefonie, mit der geizige Computerfreaks seit Jahren ihre Verwandten und Bekannten nerven: Man hockt sich mit Mikrofon und Kopfhörer, am besten auch noch mit einer Webcam, vor den Monitor und spielt Walkie-Talkie mit seinem Gegenüber, das exakt die gleiche Ausstattung an Software und Hardware braucht. Beide müssen online sein, es darf immer nur einer reden, das Gespräch wird des Öfteren von spontaner Funkstille unterbrochen, und immer wieder hört man sein eigenes Echo. Damit war man vielleicht der Star in jedem Conrad-Laden. Im wirklichen Leben hingegen galt man als schwierig.

Mit derlei vorsintflutlichen Versuchsaufbauten hat die heutige IP-Telefonie, quasi die Luxusvariante von Voice over IP, nichts gemein. Nicht nur, weil es einen vertraut aussehenden Apparat gibt, mit richtigem Hörer, Zifferntastatur und Klingel. Sondern auch, weil man sich ganz unkompliziert mit seinem Gesprächspartner unterhalten kann, sogar dann, wenn der nur ein Handy oder ein normales Festnetztelefon besitzt.

Die Technik ist so ausgereift, dass beispielsweise das Land Schleswig-Holstein bereits hunderte von Dienststellen damit ausgerüstet hat. Die Untergebenen von Ministerpräsidentin Heide Simonis sparen fünf Millionen Euro jährlich an Telefongebühren, weil praktisch alle Verbindungen innerhalb des Bundeslandes, die nicht ohnehin behördenintern und somit gebührenfrei sind, erst am Ort des Angerufenen (also auf der so genannten letzten Meile) ins öffentliche Netz der Telekom weitergeleitet und deshalb nur zum City-Tarif berechnet werden. Von Amts wegen gibt es in den Landstrichen beiderseits des Nord-Ostsee-Kanals fast keine Ferngespräche mehr.

Auch die Wartung der beiden bisher getrennten Systeme - Telefon- und Computeranlage - ist einfacher: Nun genügt eine Servicetruppe.

Zieht ein Mitarbeiter im Haus um, muss nichts mehr umprogrammiert werden: War die Durchwahlnummer bisher fest einer Buchse in der Wand zugewiesen, steckt die IP-Adresse, über die das Telefon genau wie ein PC erreichbar ist, im Gerät selbst, und das " gehört" nun zu einem bestimmten Mitarbeiter. Egal, wo man im Haus seinen Apparat einstöpselt, er funktioniert sofort - mit schnurlosen IP-Telefonen auch im Wireless LAN (Was ist eigentlich...?, brand eins 02/03). Mit IP-Technik können Firmen sogar ihre Standorte in mehreren Ländern so vernetzen, als hingen alle Mitarbeiter an derselben Nebenstellenanlage. Unternehmen, die ihre Fachleute in oft wechselnden Projektteams einsetzen, kommt diese Flexibilität sehr entgegen.

Und die Kosten? Auch wenn das Telefonieren zu einer IT-Anwendung wird, muss die interne und externe Netz-Infrastruktur unterhalten (und im Normalfall erst einmal aufgerüstet) werden. Festnetzgesellscharten und ihre Dienstleistungstöchter machen derzeit gute Geschäfte mit dem Knüpfen integrierter IP-Netze, so genannter Virtual Private Networks (IP-VPN), für Großbetriebe.

Wer da heute mitreden will, spricht von SLAs (Service Level Agreements), mit denen die QoS (Quality of Service) garantiert wird. Spezielle Hardware und Software sichert dabei den Datenpäckchen, die Telefongespräche transportieren, Vorfahrt im Netz vor eMails und anderen Daten, bei denen es nicht auf Sekundenbruchteile ankommt.

Im öffentlichen Internet ist diese Art von Qualitätssicherung allerdings nicht möglich. IP funktioniert nur dann ohne zu hakeln und zu stottern, wenn die gesamte Strecke unter Kontrolle eines einzigen Betreibers steht.

Gewöhnungsbedürftig ist, dass die Vorwahl keinen Rückschluss auf den Standort eines Anrufers zulässt. Ein Freund von Thilo Salmon, der in Mexiko als Tauchlehrer arbeitet, hat jetzt eine Düsseldorfer Rufnummer, auf der ihn deutsche Kunden zum Inlandstarif erreichen können. Er selbst spart ebenfalls, weil er für die Verbindung nach Deutschland das Internet nutzen kann.

Ein Ersatz fürs normale Telefon ist der IP-Fernsprecher freilich noch nicht: Bislang ist der DSL-Zugang bei Telekom, Arcor & Co. an einen analogen oder ISDN-Anschluss gekoppelt. Der bleibt auch deshalb erforderlich, weil per IP weder Polizei noch Feuerwehr oder Krankenwagen zu erreichen sind: Das deutsche Notrufsystem setzt auf die Telekom-Ortsnetze auf.

Mit IP-Telefonie lohnt es sich nicht mehr, einzelne Gespräche abzurechnen Lästig ist auch, dass noch keine erschwinglichen Schnurlos-Telefone lieferbar sind und dass es nicht wie bei ISDN mehrere Telefonnummern pro Haushalt gibt. Außerdem gibt es Länder, in denen die deutschen IP-Dienstleister keinen Vertragspartner finden, etwa weil ein staatlicher Monopolist die aus dem Internet kommenden Gespräche nicht in sein Festnetz einspeisen mag. Diese Staaten erkennt man daran, dass Anrufe dorthin via IP sehr teuer sind - teilweise teurer als bei der Telekom. Bei jedem IP-Phone-Anbieter ist also ein Blick ins Kleingedruckte der Preisliste ratsam.

Der ganze Hype, den manche Medien momentan um die IP-Telefonie veranstalten, kommt daher reichlich früh. Sicher: Herkömmliche Telefone können nichts, das sich über kurz oder lang nicht auch in IP-Technik abbilden ließe. Aber die sensationellen Gebühreneinsparungen, die man sich anfangs von Voice over IP versprach, sind perdu: VoIP zeichnet sich dadurch aus, dass es sparsam mit einer Ressource umgeht, die gar nicht mehr knapp und teuer ist. Und solange alternative Telefongesellschaften auf die letzte Meile angewiesen sind, die der Telekom gehört, sind dem Wettbewerb Grenzen gesetzt. Gleichwohl wird sich die neue Technik durchsetzen: Die robuste Nachfrage aus Unternehmen treibt den Markt, und irgendwann wird es für Gerätehersteller und Netzbetreiber nicht mehr wirtschaftlich sein, zweigleisig zu fahren.

Salmon setzt vorerst auf friedliche Koexistenz mit dem magentafarbenen Riesen. Seine Kunden - Zielgruppe: private PC-Nutzer - bleiben unter ihren gewohnten Nummern erreichbar, können aber einen Großteil der Gespräche billig übers Datennetz führen - ganz Deutschland zum City-Tarif. T-Com wiederum profitiert von fixen DSL-Monatsgebühren. Call-by-Call-Anbieter jedoch kommen durch IP-Telefonie mittelfristig in Zugzwang. Ein Großteil der Produktionskosten von Inlandsgesprächen entsteht nämlich heute allein durch die Erfassung und Abrechnung der Verbindungszeiten. Mit IP lohnt es sich irgendwann nicht mehr, einzelne Telefonate in Rechnung zu stellen. Wohin das führt, ist in der Branche ein offenes Geheimnis: zur Flatrate fürs Telefon, einer festen Pauschale also, die alle Gesprächskosten abdeckt.

Das hat auch die Telekom längst begriffen. Dies zeigt sich nicht allein an den XXL-Tarifen mit ihrer Pauschale für Wochenend-Gespräche. Josef Brauner, Chef von T-Com, gab kürzlich zu, dass auch sein Haus in seinen Netzen zunehmend IP-Technik einsetzen werde - um die Produktionskosten zu senken.

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