Ausgabe 02/2004 - Schwerpunkt Mythos Zahl

Das falsche Gewicht

Das Maß liegt im eigenen Selbst; das Richten liegt bei den Menschen. Wer Messen und Richten beides versteht, aber ohne den SINN, der gleicht einem Menschen, der hinausgehen wollte, aber nicht durch die Tür; der wandeln wollte, aber nicht auf dem Weg. Schwerlich wird es ihm gelingen, Nutzen zu schaffen. Liä Dsi, Zusammentreffen der Verhältnisse 1/2 + 1/2 = 2/4 Ergebnis einer Bruchrechnung, die ein Student der Wirtschaftsstatistik bei Prof. Walter Krämer an der Universität Dortmund vorlegte.

Immer und immer wieder bitte ich: weniger Zahlen, dafür gescheitere. W.I. Lenin, 1921 I MALEN NACH ZAHLEN Vor einigen Jahren hatte die Regierung der Republik Mexiko eine famose Idee. Die zweispurigen Autobahnen des Landes reichten hinten und vorne nicht, um dem Verkehr gerecht zu werden. So sollten nun die Highways verbreitert werden - um jeweils eine Spur pro Fahrtrichtung. Die Sache hatte nur einen Haken: Das kostet. Und Geld ist überall knapp.

Aber es gibt ja noch Farbe. So wurden die bestehenden vier Spuren neu eingeteilt - in sechs - was einer Steigerung von 50 Prozent entspricht. Ein enormer Erfolg, gegen den nur eines sprach: die normale Breite eines Autos. Es krachte ohne Unterlass. Deshalb wurde schon ein knappes Jahr nach der beherzten Maßnahme die Ausbauaktion wieder zurückgenommen. Man pinselte die Fahrspuren wieder um, von sechs auf vier.

Das hatte zwei Effekte: Die Unfallzahlen sanken wieder auf das alte Niveau, und das Verkehrsministerium konnte einen ordentlichen Erfolg für sich verbuchen. Denn von sechs auf vier Spuren zurück - das ergibt zweifelsohne eine Reduktion von nur 33 Prozent. Und weil man, ein Jahr beziehungsweise zwei Mal-Perioden zuvor, die Spuranzahl um 50 Prozent erhöht hatte, blieben ansehnliche 17 Prozent Differenz übrig, also 17 Prozent mehr Kapazität.

Toll.

Das Tollste daran aber ist nicht die Verve, mit der mexikanische Beamte - wie überall und so auch hier - mit Zahlen tricksen, tarnen und täuschen, sondern dass kaum jemand den rechnerischen Überschlag bemerkt hat. Erst Jahre später, die Welt glaubte das mexikanische Autobahnwunder längst, rechnete ein Reporter des " Economist" nach - und staunte.

Ein Wunder ist das nicht. Denn mitten in der Informationsgesellschaft, im Reich der Zahlen und Größen, der Prozente und Wachstumszahlen, in der sich alles und jedes messen und wiegen lässt, sind Zahl und Zweck streng voneinander getrennt.

Klar: Hätte Mexikos Verkehrsminister ein Schild mit der Geschichte der Mal-Aktion anfertigen lassen und es gleich neben den Highway gestellt, er hätte wohl Ärger gekriegt. Doch so läuft das nicht mit der Zahl. Sie taucht fern ihrer Ursache auf, ob Autobahn oder Arbeitslose, ob Wachstum oder Inflation, Umsatz oder Prognose, durch Zeitung, Fernsehen, Radio, Internet.

Sie ist überall - aber nur ganz selten dort, wo sie hingehört: zu der Sache, den Menschen und ihren Werken, die sie repräsentieren soll. Zahlen, so sehen wir, sind wie die Götter des Olymp: Man muss an sie glauben, weil sie sich nicht zeigen, nicht offenbaren. Und solange niemand den beschwerlichen Weg auf die Spitze des Berges auf sich nimmt, um sich zu vergewissern, wer da oben wohnt, bleibt das auch so: Zahlenglaube ist Aberglaube.

Wer misst, hat Recht - und auch die Macht.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Fachbuchautor Heinz-Dieter Haustein hat dafür eine Formel gefunden: "Mensura potestas et ominosum est - Messen ist Macht und Menetekel." Die Zahl ist an sich unschuldig: "Zählen, Messen und Rechnen sind eine Universalsprache des Menschen im Umgang mit der Natur und seinesgleichen. Damit verbindet er Teil und Ganzes", schreibt Haustein.

II ZAHLENBLIND Doch halt! Messen, Wiegen, Rechnen, das sind exakte Wissenschaften, oder nicht? Mit Glauben hat das nichts zu tun. Doch wenn sich mit Zahlen tricksen lässt, was ist dann mit dem Betrogenen zum Zeitpunkt des Betrugs?

Er glaubt an den Schwindel. Oder genauer: Er will den Schwindel glauben. Erstaunlich ist, dass das auch geht, wenn alles ganz genau gerechnet ist: "Es gibt die erstaunliche Möglichkeit, dass man einen Gegenstand mathematisch beherrschen kann, ohne den Witz der Sache wirklich erfasst zu haben", schrieb Albert Einstein am Ende seines langen Rechen-Lebens, im Jahr 1950. Die Summe der Erfahrungen: Der Schein trügt. Eine Zahl ohne Zweck ist nichts.

Professor Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, atmet erst mal tief durch, bevor er genau nachrechnet. Gigerenzer, der Dauergast an amerikanischen Elite-Universitäten ist und dessen Buch "Das Einmaleins der Skepsis" sich in England so gut verkaufte, dass es zeitweilig sogar "Harry Potter" vom Siegerpodest schubste, weiß, dass der Glaube an die Zahl nicht nur Fahrspuren versetzen kann. Sein Kollege Jürgen Baumert erstellte die berühmte PISA-Studie. Die Schlussfolgerungen aus ihr gelten nicht nur für die Kleinen, findet Gigerenzer: "Gut, da haben wir zum Beispiel festgestellt, dass unsere Schüler in Mathematik nachhinken. Aber wenn wir eine Studie über Erwachsene machen würden, die mit Zahlen, mit Risikoeinschätzung zu tun hätte, würden wir wohl einen extrem krassen Stand der Unkenntnis vorfinden." Der Mann sagt das nicht einfach so. Er hat es ausgerechnet. "Wissen Sie, was zahlenblind ist?", fragt der Professor. "Zahlenblind bedeutet, dass man nicht mit Zahlen umgehen kann, dass man ihre Bedeutung nicht hinterfragen kann. Dabei ist genau das der Witz, das Entscheidende, der Sinn der ganzen Zahl: sich fragen, was sie bedeuten." Gigerenzers amerikanischer Kollege John Allen Paulos hat dafür einen Begriff geprägt: Inumeracy, Inumerantentum, die Entsprechung des Analphabetismus in der Welt der Zahlen. Der Unterschied zwischen Wort und Zahl ist nur der, dass bei weitem mehr Menschen nicht rechnen als nicht lesen und schreiben können - und damit auch bei weitem mehr Menschen die Bedeutung des Gewogenen und Gemessenen für ihr Leben nicht erfassen können. "Das Problem ist, dass die breite Masse -quer durch alle Schichten übrigens - keine Ahnung von Zahlen hat. Und niemand erklärt ihr, wie sie das ändern kann." Das sei schon recht eigenartig in einer Informationsgesellschaft, in der alle Zahlen zur Verfügung stehen. Das sei schon eine ziemlich halbe Demokratie, in der die, die Entscheidungen treffen müssten, gar nicht die Grundlage dafür verstehen würden.

III DIE REGENWAHRSCHEINLICHKEIT Nehmen wir mal den populärsten Ausdruck der Zahl, das Prozent. Es ist eines der am meisten gedruckten und gehörten Wörter im Deutschen überhaupt. Wachstum, Kurse, Risiko, Gewinn und Verlust - sie alle hängen am Prozent. Das Prozent bestimmt Großes und Kleines - etwa ob wir, wenn wir außer Haus gehen, besser einen Regenschirm mitnehmen. Es soll uns orientieren, wie jede Zahl. Gigerenzer und seine Mitarbeiter interessierte, ob die Menschen wissen, wie sie damit umgehen sollen. Etwa, was sie verstehen, wenn sie im Fernsehen oder Radio im Wetterbericht hören, dass die "Regenwahrscheinlichkeit für morgen, Dienstag, 30 Prozent beträgt".

Dazu fragten sich die Forscher in fünf Großstädten der Welt durch: in New York, Athen, Amsterdam, Mailand und Berlin. Es hagelte Antworten, und zwar ganz unterschiedliche. So meinten nicht wenige, dass es demnächst in 30 Prozent der Gegend, in der sie lebten, regnen würde. Eine Berlinerin wusste: "Wenn am Himmel 100 Wolken stehen, dann sind 30 davon Regenwolken." Die richtige Antwort hat mit all dem wenig zu tun. Meteorologen kombinieren Erfahrungswissen mit Prognosen. Wenn sie eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent prognostizieren, dann heißt das, dass es an 30 Prozent aller Tage mit einer ähnlichen Wetterlage geregnet hat.

Die allermeisten Europäer glauben aber, dass ihnen bei der Prognose etwas anderes bevorsteht: Von 24 Stunden, die der Tag hat, würde es fast acht Stunden lang regnen. Ungefähr 30 Prozent. Die Inumeranten schleppen also einen Schirm mit sich herum, auch wenn sie ihn wahrscheinlich nicht brauchen, oder werden klatschnass, weil sie das Risiko falsch eingeschätzt haben. In beiden Fällen zahlen sie ein erträglich geringes Lehrgeld für ihren Prozent-Analphabetismus.

Doch das kann sich rasch ändern, etwa dann, wenn die Zahlenblindheit mit der eigenen Gesundheit zu tun hat, mit Leib und Leben. Dann gelten für die Inumeranten andere Tarife.

IV TÖDLICHE ZAHLEN Da gibt es etwa die von der Bundesregierung massiv angeschobene Aktion des Mammografie-Screenings, einer Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchung. Für Gigerenzer ein dramatisches Beispiel, was falsch verstandene Zahlen anrichten können. "Den Frauen wird versprochen, dass eine Mammografie-Untersuchung das Sterblichkeitsrisiko bei Brustkrebs um 25 Prozent senken kann. 25 Prozent! Jede Frau wäre verrückt, diese Untersuchung nicht machen zu lassen - denn das Risiko ist enorm. Stellen Sie sich mal vor: Jede vierte Frau, das ist die Nachricht, könnte gerettet werden!" Ein tragischer Irrtum. Dem großspurigen Versprechen der Gesundheitspolitiker liegt schlicht grobe Rechenschwäche zugrunde. "Die Basis der ganzen Sache sind Studien, in denen 280000 Frauen untersucht wurden, die 40 Jahre oder älter waren. Von 1000 Frauen, die nicht am Screening teilnahmen, erkrankten vier an Brustkrebs. Und von 1000 Frauen, die sich der Untersuchung gestellt haben, waren es drei. Von drei auf vier - das sind die 25 Prozent, von denen die Rede ist. Man kann aber sehen, dass es sich in Wirklichkeit nur um eine Frau von 1000, also um 0,1 Prozent handelt." Ein weiterer Blick auf die Realität hinter der großen Zahl zeigt noch etwas: Die Gesamtsterblichkeit ist in beiden Gruppen gleich groß. Die Früherkennung scheint die Sterblichkeitsrate an Brustkrebs leicht zu verringern, aber nicht die Sterblichkeit insgesamt. Gigerenzers Fazit: "Es wird viel versprochen, aber kein einziges Leben gerettet. Nur eines passiert mit Sicherheit: Weil viele Mammografie-Ergebnisse - fälschlicherweise - ein positives' Ergebnis, also einen Tumor-Befund aufweisen, werden tausende Frauen in Todesangst versetzt." Und das gilt nicht nur für die Mammografie, weiß Gigerenzer. Ähnliche Untersuchungen ergaben, dass bei mehr als 80 Prozent der Standard-Darmkrebstests nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person an Darmkrebs erkrankt. Der Patient weiß hinterher so viel wie zuvor. "Das ist Wahnsinn", empört sich der Professor.

Wie es scheint, mal mit, mal ohne Methode.

V TRUGSCHLÜSSE In Großbritannien warnten die Gesundheitsbehörden vor einigen Jahren Frauen eindringlich vor der Einnahme von Antibabypillen. Pille-Konsumentinnen, so hieß es, verrügten über ein um hundert Prozent höheres Risiko, eine lebensgefährliche Thrombo-Embolie zu erleiden. " Viele Frauen haben natürlich sofort die Pille abgesetzt. Viele Frauen haben abgetrieben - was eine schlimme und schmerzliche Erfahrung ist. Und das alles, weil der Sachverhalt in den Pressemitteilungen nicht verständlich dargestellt wurde. In der Studie steht nämlich nichts anderes, als dass von 14 000 Frauen, die regelmäßig die Pille schlucken, ganze zwei eine Thrombo-Embolie erleiden. Bei der anderen Gruppe, die keine Pille nehmen, ist es eine unter 14 000. Das ist lebensgefährliche, riskante Zahlenblindheit", ärgert sich Gigerenzer.

Brandneu ist seine Statistik über die unmittelbaren Folgen des 11. September 2001. Auch sie zeigt, wohin das falsche Gewicht, das Menschen auf Zahlen legen, rühren kann.

Nach dem Crash der vier entrührten Maschinen wagten sich viele Menschen nicht mehr ins Flugzeug. Die Buchungen gingen um bis zu 20 Prozent zurück. "Und was benutzten die Leute statt dem Flugzeug? Vor allem das Auto. In den drei Monaten nach dem 11. September starben in den USA - zusätzlich zu den üblichen Verkehrsopfern - mehr Menschen auf der Straße als in allen vier Flugzeugen zusammen", rechnet er vor.

Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn die Opfer die Bedeutung einer Zahl im Kopf gehabt hätten: Wer 20 Kilometer mit dem Auto fährt, setzt sich dem gleichen Risiko aus wie bei einem Nonstop-Flug von Frankfurt nach New York. Mit anderen Worten: Wer sein Auto am Flughafen-Parkdeck abstellt, hat das Gröbste hinter sich. Nur: "Das wird den Leuten nicht oft genug und nicht klar genug gesagt - dabei schneiden sich die Manager der Airlines ins eigene Fleisch. Aufklärung nützt nämlich dem Geschäft", empfiehlt der Professor. Stattdessen gingen dutzende Airlines in den Konkurs, und tausende Menschen auf der ganzen Welt starben, weil sie letztendlich Angst vorm Fliegen hatten. Kaum jemand klärte sie über neue mögliche Gefahren auf, denen sie sich aussetzen, wenn sie einer anderen Gefahr entgehen wollen. Gigerenzer bekämpft diesen "Horror der emotionalen Zahl". Für ihn ist es eine Frage der Demokratie, der wirklichen Demokratie, dass Information nicht nur allen zur Verfügung steht, sondern dass sie auch von allen verstanden werden kann.

Die erste Regel der Zahlenvernunft lautet: skeptisch sein, Fragen stellen, etwa wie viele von wie vielen Menschen tatsächlich an Krebs sterben oder im Flugzeug umkommen. Immanuel Kant hat diesem Mut zum eigenen Denken, zum Fragen, zur Skepsis einen Namen gegeben: Aufklärung.

VI DIE AUFKLÄRUNG Aufklärung, ausgerechnet. Die war doch, so meinen viele, erst der Anfang der ganzen Misere. Vor 250 Jahren begannen die französischen Enzyklopädisten, die Welt nicht mehr nach den Kriterien des Glaubens, sondern der Vernunft und Logik folgend zu ordnen, systematisch, berechnend. "Kein Pardon mit Bösewichtern, Abergläubischen und Dummköpfen", das gab Denis Diderot, Chef-Enzyklopädist, den Seinen als Parole vor.

Generationen von Naturwissenschaftlern vor ihnen waren auf dem Scheiterhaufen gelandet, nur weil sie die Welt und ihre Dinge vermaßen und wogen. Je tiefer die Aufklärung und die von ihr angetriebene Industriegesellschaft sich festsetzte, desto geringer wurde das Ansehen jener, die die Jahrhunderte zuvor bestimmt hatten: derjenigen also, die die Welt lieber auf ihre Art interpretierten, statt sie für möglichst viele zu verstehen und damit zu verändern. Glaubenskrieger. Geistesmenschen. Esoteriker. Zahlenblinde.

Es ist eine Auseinandersetzung, die immer noch andauert.

Der Mensch, der mit der Zahl hantiert, galt - und gilt - allgemein als weltfremd, kauzig, ja asozial. Und Schlimmeres, weit Schlimmeres. So schrieb der Kirchenvater Augustinus um das Jahr 400: "Der gute Mensch soll sich hüten vor den Mathematikern (...), es besteht nämlich die Gefahr, dass die Mathematiker mit dem Teufel im Bunde den Geist trüben und den Menschen in die Bande der Hölle verstricken." Der Teufel steckt bekanntlich im Detail - und was anderes ist eine exakte Zahl, die Wirklichkeit zu repräsentieren vermag?

Augustinus Erben, die "Geistesmenschen", reagierten ebenso allergisch auf die von der Aufklärung favorisierten Naturwissenschaften und den von ihnen ausgegebenen Kammerton der neuen Welt, der überall für Umbrüche sorgte. Die Wahrheit, die ließ sich glauben und spüren, doch nicht messen.

Gekränkt von der Verehrung, die den Naturwissenschaftlern - statt wie bisher ausschließlich den "Fühlenden" - entgegengebracht wurde, schrieb sich ein junger, romantischer Dichter namens Johann Wolfgang von Goethe im "Faust I" den Frust von der Seele: "Es war die Art zu allen Zeiten/Durch Drei und Eins und Eins und Drei/Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten." Lustigerweise gilt Goethe den Deutschen als Universalgelehrter - genauer betrachtet war der Geheimrat ein emsiger Sammler, der die Welt nach seinem Gutdünken interpretieren wollte, zu einem " Ganzen fügen", ohne Brüche. Doch auch seine theatralische Denunziation der Aufklärung konnte nicht verhindern, dass Messen, Wiegen und Rechnen hundert Jahre später, am Ende des 19. Jahrhunderts, mit den Besten und Klügsten gleichgesetzt wurde. Mit Mathematikern, Physikern, Chemikern, Ingenieuren, Konstrukteuren. Zahlenmenschen - die Wunderkinder der Aufklärung und des Industriezeitalters. Der Industriekapitalismus und sein Schneller-höher-weiter brauchte sie und ihre Zahlen. Und missbrauchte sie. Die Zahl, die nichts anderes kann und tun soll, als die Realität zu erschließen, die Richtung vorgeben, wurde allmählich zum Sinn, zum Selbstzweck.

Der alte, jahrhundertelang gepflegte Aberglaube vermischte sich mit den neuen Wissenschaften zu einer seltsamen Geisteshaltung. Alles ließ sich berechnen, so schien es. Produktivität. Mensch. Glück und Unglück. So wurde aus der Zahl, die kein Gut und Böse kennt, der Popanz, der die Menschen bis heute verschreckt. Weil alles so kompliziert zu sein scheint, mag niemand auf den Gipfel des Olymps steigen, um zu sehen, wo die Götter wohnen - oder ob sie schon längst in Rente sind. Doch auch wenn es im Tal gemütlich ist: Das ist keine Lösung.

Dumm bleiben ist kein Programm.

VII RESPEKT "Die Aufklärung ist noch nicht vollzogen", sagt Walter Krämer, Professor für Wirtschaftsstatistik an der Universität Dortmund, " das muss noch erledigt werden." Krämers Bücher über missverstandene Zahlen und Fakten sind Bestseller: "Das Lexikon der populären Irrtümer", " So lügt man mit Statistik", "Denkste!". Sie sind randvoll mit lustigen und traurigen Geschichten um Zahlen, eine Chronik der Verwirrung einer Epoche, die noch halb im alten Aberglauben steckt und halb in der Aufklärung, eine Zeit, in der wir uns noch befinden und die wir, rät Krämer, schleunigst hinter uns lassen sollten.

Was hilft?

"Respekt wäre nicht schlecht", sagt Krämer, "Respekt vor all jenen, die mit Zahlen umgehen können, und die Einsicht, dass Rechnen keine ansteckende Krankheit ist." Das wäre ein großer Schritt für die Aufklärung und eine ziemliche Niederlage für die Dummheit und ihre Grundwissenschaften, die Esoterik und der Aberglaube. Da ist, weiß Krämer, aber noch einiges zu tun.

Er erzählt davon, was er oft erlebe und nicht nur er: "Wer auf geselligen Veranstaltungen sein Renommee steigern will, muss nur zugeben, dass er in der Schule in Mathe eine Fünf gehabt hat. Damit wären Sie in England, Frankreich oder in den USA ein Depp. In Deutschland sind Sie damit ein Volksheld." Zwar würden die Deutschen ihre Naturwissenschaftler, für die Messen, Wiegen, Rechnen zum Handwerkszeug gehört, gern als " Knechte und Diener nutzen, etwa wenn es darum geht, anständige Autos oder Telefone zu konstruieren", sagt Krämer, andererseits sitze die Verachtung gegen die Korinthenkacker tief: "Man lebt von ihnen, aber man liebt sie nicht. Die mögen uns nicht." Im deutschen Feuilleton herrsche eine tief verwurzelte Aversion gegen Zahlenmenschen und Naturwissenschaftler. So, wie nicht wenige Angehörige dieser Klasse Wirtschaft an sich für einen Betriebsunfall der Evolution halten würden, gelten auch Zahlen an und für sich als Teufelswerk, wie einst bei Augustinus. Die Gesinnung muss stimmen, nicht die Rechnung.

Krämer erzählt vom harten Leben des Statistikers, des unter den Zahlenmenschen wohl am übelsten beleumundeten Wissenschaftlers überhaupt: von Studenten, die Prüfungen in Wirtschaftsstatistik ablegen, aber 1/2 und 1/2 zu 2/4 zusammenrechnen; anderen Nachwuchstalenten erscheint als Lösung einer Rechnung plausibel, dass auf einem Quadratkilometer minus drei Personen leben. Und ein Student fragt, ob er die Aufgabe 4x4, die ihm in einer mündlichen Prüfung gestellt wird, mit dem Taschenrechner lösen darf (Krämer: "Raus!").

Und er erzählt die Geschichte von der sehr großen deutschen Bank, die ihre Kunden - nur mal so - ein wenig getestet habe. Was sind 40 Prozent? Vier Hunderstel? Vier Zehntel? Ein Viertel?

Was nun?

"Die Hälfte hatte keine Ahnung", sagt Krämer.

Und es klingt wie: schade. Eine Bank müsste man sein.

Wenn Walter Krämer zu Vorträgen reist, muss er immer wieder denselben alten blöden Spruch hören: "Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe." Stolz sind sie dann, die Damen und Herren aus dem Management, wenn sie Krämer den Satz servieren. Gebildet halt. Angeblich hat das Winston Churchill gesagt. Doch nicht mal das ist richtig. "Das hat Joseph Goebbels Churchill in den Mund gelegt." Schöne Zustände: Studenten auf dem geistigen Niveau einer Spanplatte, Führungskräfte, die den Reichspropagandaminister a. D. zitieren. Dichter und Denker, so weit das Auge reicht.

VIII RECHENUNTERRICHT Dann sagt Walter Krämer, der allen Grund hätte, sich einfach umzudrehen und all die Deppen stehen zu lassen, noch etwas: "Die Zahl ist eine Orientierung. Sie führt kein Eigenleben. Sie hat kein Wesen. Sie müssen sich schon entscheiden, wenn Sie sie treffen. Wenn Sie das nicht verstehen, dann lassen Sie sich von der Zahl belügen." Da nicken manche nachdenklich, und Walter Krämer legt noch eins drauf: "Wir brauchen eine zweite Aufklärung - die von der Zahlendummheit." Denn noch viel schlimmer als all die, die an der einfachsten Rechenaufgabe scheitern, und schlimmer als jene, die die Statistik, die hilft, sich zu orientieren und die richtigen Fragen zu stellen, für Scharlatanerie halten, sind für Krämer diejenigen, die er die Scheinpräzisen nennt. Es sind die dressierten Affen der Industriegesellschaft und ihres Erbes, die alles und jedes bis ins kleinste Detail zu rechnen vermögen - und dabei nicht das Geringste wissen. Die also, die die hohe Kunst des Zahlen-Verstehens in Verruf bringen.

Es sind nicht wenige.

Im CIA World Factbook, so ärgert sich Professor Krämer, findet sich etwa die exakte Bevölkerungszahl der Volksrepublik China, bis auf die Einserstelle genau. Oder: Deutsche bekommen durchschnittlich 1,5 Kinder. Marktforschungs-Institute prognostizieren, auf zwei Kommastellen genau, den Absatz von Personal Computern im Jahr 2008 und wissen heute schon, wie viel Geld - auf Euro und Cent genau - die Mitteleuropäer im Jahr 2010 für Online-Spiele ausgeben werden. So genannte Klimaberechnungen "beweisen", dass es im Jahr 2100 um 1,5 Grad wärmer sein wird als heute oder, alternativ, um 5,6 Grad - vielleicht auch irgendetwas zwischendrin. Exakt wissen die Klima-Apologeten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen, was die Erwärmung die Menschheit kostet: 18 000 000 000 000 000 US-Dollar nämlich.

Bestenfalls.

Ulla Schmidt weiß, dass der Kassenbeitrag bei 19,5 Prozent stabil bleibt, koste es, was es wolle. Rentenkommissionen sagen uns, wie viele Kinder im Jahr 2035 in Deutschland leben werden, auf eine Stelle hinter dem Komma genau. "Experten" berechnen schon heute die Gesundheitskosten von übermorgen. Und in jeder scheinbar exakten Zahl lauert der Aberglaube, der es leicht hat in einer Welt, in der niemand fragt: Kann all das wahr sein? In einer Zeit, in der Skepsis gerade dort, wo scheinbar die Kritischen lauem, längst zur Untugend geworden ist. Immer noch, 250 Jahre nach Diderot, sind sie an der Macht, bestimmen sie die öffentliche Meinung: die Dummen und die Abergläubischen. Und natürlich die Bösewichter, die aus diesen Zuständen Profit schlagen. "Die Aufklärung", sagt Krämer, "hat es natürlich nicht leicht. Das ist harte Arbeit." IX DIE SUMME Sehr harte Arbeit sogar.

Mathias Bucksteeg ist Deutschland-Direktor des Beratungsunternehmens Prognos AG, das sich vorwiegend der Erschließung der Zukunft verschrieben hat. Die Sache mit der harten Arbeit an der Aufklärung ist ihm irgendwie geläufig. Er übt sie am lebenden Objekt aus, seinen Kunden. Manchmal wirken die mit. Sicher ist das aber nicht.

Die Zahl falscher Prognosen ist Legion - und Bucksteeg ist aufrichtig genug, um auch die Fehlzahlen des eigenen Unternehmens beim Namen zu nennen. "Anfang der achtziger Jahre haben wir prognostiziert, dass ein Barrel Öl im Jahr 2000 ungefähr 200 Dollar kostet. Nun, es kostete etwas mehr als 20 Dollar." Doch er weiß auch, wie so etwas kommt: "Keine Zahl, egal, ob es um die Zukunft des Ölpreises oder der Renten, des Gesundheitswesens oder der allgemeinen Lage der Natur geht, kommt ohne die Ideologie ihrer Zeit aus. Und die achtziger Jahre waren das Zeitalter der angekündigten Öko-Katastrophen." In unserer Zeit ist nun das Soziale dran. Und nach guter deutscher Hausmacher-Art gelten die Prognosen als die besten, die die Zukunft des Gemeinwesens am düstersten malen.

Das hat System. Schon länger.

In der Branche, sagt Bucksteeg, wird es wieder modern, mit "pseudowissenschaftlichen Methoden so zu tun, als ob man alles und jedes exakt messen und wiegen könnte, gerade dort, wo man das mit Sicherheit nicht kann: in der Zukunft". Bucksteeg, der auf solide Szenarien setzt, hört schon mal verärgerte Kunden, die Zahlen fordern, und zwar dalli: "Wenn Sie nicht wissen, wie sich der Markt mit Fast Moving Consumer Goods im Jahr 2030 entwickelt, dann sind Sie Ihr Geld nicht wert. Die Leute lassen sich gern etwas vorrechnen, aber ungern etwas vordenken." Er hat Verständnis dafür.

"Man beschwört das Risiko, indem man die Zahl beschwört - wie in der Kabbalistik, bei der es gute und schlechte Zahlen gibt. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass viele glauben, eine böse Zahl wäre umso harmloser, je mehr man sich auf sie fixieren würde. Sie glauben an jede Prognose und verschanzen sich hinter lustigen Zahlenkolonnen. Manche tun und glauben alles, um eines zu verhindern: sich zu entscheiden." Zahlen als Eckpunkte, dazu sind sie da, aber nicht als Ersatz für Entscheidungen.

Das ist, weiß Bucksteeg, in Unternehmen noch stärker verankert als in der Politik - "wo viele schon gelernt haben, dass Prognosen halt mit der Wirklichkeit am Wahltag wenig zu tun haben". Insbesondere in Industriekonzernen sei die Haltung der alten Zeit, in der Zahlengläubigkeit jede Art von anderer Religion spurlos verdrängte, noch äußerst stark bemerkbar: "Das liegt auch daran, dass Deutschlands Industriekapitalismus nie, wie etwa der amerikanische, auf etwas anderes setzte als auf Kartelle, auf Absprachen. Irgendwie war es hier immer normal, alles zu kontrollieren, in Gremien zu beschließen. Alles muss kollektiv zuteilbar sein. Bloß keine Überraschungen. Das Dumme ist nur: Je mehr man versucht, sich vor Überraschungen zu schützen, desto mehr erlebt man." Mit neuen Nennern kommen die alten Rechner überhaupt nicht mehr zurande.

Ein schönes Beispiel für Bucksteeg sind die Basel-II-Regelungen. Sie seien derart zahlengläubig formuliert, "dass deutsche Banken überhaupt nicht in der Lage sind, Dienstleistungsunternehmen zu beurteilen, geschweige denn Wissensunternehmen. Wie bewerten sie, was in den Köpfen ist? Fehlanzeige." So knallt heute die Zahlenwelt von gestern mit der Zukunft zusammen, einer Zeit, in der es nicht genügt, das zu glauben, was alle meinen. Die neue Zahl ist eine ehrliche Haut der Wirklichkeit, ein nützlicher Kumpan, der die Welt, wie sie ist, vertritt, aber nicht ersetzt, uns Orientierung gibt und Möglichkeiten. Wir bestimmen, was Zahlen bedeuten - und nicht umgekehrt. Statt also ängstlich auf Resultate zu starren, wäre es vernünftiger, die Chancen neu zu berechnen. Und die Frage zu stellen, was Zahlen bedeuten: eine Konstante, eine sichere Nummer also oder eine Möglichkeit, sich anders zu entscheiden.

Der Gesinnungswandel braucht kleine Anregungen, wie sie Bucksteeg einem seiner Kunden, der Europäischen Union, gibt. Die EU verfasst Unmengen an Texten - und liefert zu Gesetzen und Verordnungen Handbücher zur Erläuterung, in denen endlose Zahlenkolonnen zu finden sind. In diesen Handbüchern mit den Zahlen findet sich neuerdings auf jeder Seite ganz oben ein wichtiger Gebrauchshinweis. Er lautet: OPEN YOUR MIND Öffne dich. Denk nach. Und mach was draus. Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Den Satz kann man sich auf all die Bilanzen und Zahlenkolonnen denken, die in den nächsten Wochen über uns hereinbrechen. Denn die meisten Schlüsse, die wir daraus ziehen sollen, sind aus ähnlich mysteriösen Stoffen zusammengesetzt wie Würste (und nicht selten vergleichbar unappetitlich). In seinem populären Lehrbuch "Einführung in die Privatwirtschaftslehre" beklagte der Wirtschaftsprofessor Wilhelm Rieger 1927: "Die Jahresbilanz ist eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Die für uns daraus abzuleitende Konsequenz wäre (...) das resignierte Bekenntnis, dass es im Leben der Unternehmung eine wahre und richtige Abrechnung gar nicht gibt." Der Witz ist: Das gilt nicht nur für Unternehmen.

So ist das Leben. Unberechenbar.

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