Ausgabe 02/2004 - Schwerpunkt Mythos Zahl

Akne oder Tumor

Paul Romer ist einer der rührenden Ökonomen der neuen Wirtschaft. Unbegrenztes Wachstum dank wachsender Grenzerträge, der unerschöpfliche Vorrat an Ideen als Basis von Wissensarbeit, geistiges Eigentum als nicht greifbarer Aktivposten - mit diesen Thesen hat Romer in den neunziger Jahren Furore gemacht. Das "Time" -Magazin erklärte den Wirtschaftswissenschaftler 1997 zu einer der 25 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres. Romer lehrt in Stanford.

brand eins: Professor Romer, die meisten Menschen haben ihre Begeisterung für Theorien des grenzenlosen Wachstums verloren.

Paul Romer: Die neunziger Jahre haben uns eine wichtige Lektion erteilt. Und zwar, dass die Produktivität sehr wohl schneller wachsen kann, als es die meisten Menschen für möglich gehalten hatten. Es gibt heute keine Debatte mehr über die Frage, ob größere Wachstumsquoten möglich sind oder nicht. Man kann lediglich noch darüber streiten, welche Faktoren man dafür braucht. Damit haben wir nun ein ganz anderes Bild als noch in den siebziger oder achtziger Jahren. Damals zweifelten die Leute am Potenzial für nachhaltiges Wachstum. Es gab Anzeichen für eine Verlangsamung, und daraus speiste sich Pessimismus. Deshalb wurde über die Grenzen des Wachstums und die Verwendung und Verteilung knapper Ressourcen diskutiert. Aber diese Sorgen haben sich schlicht und einfach als falsch herausgestellt. Schnelles Wachstum ist möglich!

Seit 2001 erleben wir allerdings eine Rezession.

Beim Produktivitätswachstum hat es in den USA keinen Crash gegeben! Wir haben aber gesehen, was passiert, wenn die Preise für Anlagewerte aus dem Gleichgewicht geraten. Nur: Das passierte zu Boom-Zeiten in der Vergangenheit genauso - bis sich die Preise irgendwann wieder normalisierten. Dabei handelt es sich lediglich um einen Teilaspekt, der viel zu wichtig genommen wurde. Er ist jedenfalls lange nicht so bedeutend wie die Tatsache, dass anhaltende, rapide Produktivitätssteigerungen möglich sind.

Was braucht man dazu?

Immaterielle Werte und die Entdeckung neuer Ideen sind der Schlüssel zu schnellem und anhaltendem Wachstum. Die Frage ist, welche politischen Hebel wir benutzen können, um die Entdeckung und Erfindung neuer Ideen zu fördern. Da gehen die Meinungen auseinander. Wir können in erster Linie Einfluss auf die Ausbildung und Fortbildung der Arbeitnehmer nehmen und dabei besonderen Wert auf Natur- und Ingenieurwissenschaften legen.

Wozu braucht man Legionen von Ingenieuren und Biologen?

Es geht mir nicht darum, Leute auszubilden, die als Doktoren und Wissenschaftler in Labors arbeiten. Was zählt, ist das Training, das ein Manager benötigt, um mit Technologie umzugehen, mit Technikern zu arbeiten und Wege zu finden, um Geschäftsabläufe zu ändern. Die erforderlichen Fähigkeiten, um Probleme nach wissenschaftlichen Methoden zu lösen, werden in allen Jobs und allen Branchen zunehmen. Das müssen wir den Leuten beibringen. Regierungen sollten sich ansehen, wie viele ihrer jungen Leute Natur- und Ingenieurwissenschaften als Studienfach wählen. Länder, die bei diesem Vergleich gut abschneiden, besitzen ein ungleich größeres Potenzial, aus dem Innovationen entstehen können.

Laut Statistik gibt es in Deutschland dreimal so viele Ingenieurabschlüsse wie in den USA. Warum läuft dann nicht alles rund?

Weil man, um das Rohmaterial Wissen nutzen zu können, auch noch effektive und wettbewerbsorientierte Märkte braucht. Finanzmärkte, die Unternehmer mit Kapital ausstatten. Märkte für Produkte und Arbeit, die es neuen Firmen erlauben zu konkurrieren und alten Firmen, zu schrumpfen oder zu sterben. Viele Länder auf der Welt versagen momentan auf beiden Gebieten. Sie bilden nicht genug junge Menschen in Naturwissenschaften und im Ingenieurwesen aus, und sie schaffen keine flexiblen Märkte, die diese menschlichen Pferdestärken optimal einsetzen.

Die USA können wieder alles besser, so klingt das jetzt ...

Das US-System besitzt in der Tat viel flexiblere und wettbewerbsorientiertere Märkte für Kapital und Arbeit, das zeigt sich unter anderem beim Risikokapital. Es gibt in den Vereinigten Staaten mehr Möglichkeiten, Geld aufzutreiben, und wir haben auch bedeutend mehr Fusionen und Firmenübernahmen. Wenn ein Manager es nicht schafft, den Wert seines Unternehmens zu steigern, übernimmt eben ein anderer seinen Job. Das schnelle Produktivitätswachstum und der rasante Anstieg des Lebensstandards in den USA sind das Resultat.

Sind die USA immer noch die Welt-Konjunkturlokomotive?

Ja. Der Eindruck eines Einbruchs stammt allein aus der Korrektur überzogener Preise für Aktien. Diese Blase verschmolz in der öffentlichen Wahrnehmung mit einer weiteren Entwicklung, nämlich der Rezession in den USA. Dabei ist es nichts Ungewöhnliches, wenn sich das konjunkturelle Tempo verlangsamt und wieder erholt. Das heißt doch nicht, dass irgendetwas Grundsätzliches an unserer Wirtschaftspolitik nicht stimmt.

Allerdings versagen wir bei der Aufgabe, genügend junge Leute in Naturwissenschaften und Ingenieurwesen auszubilden. Anfang des 20. Jahrhunderts haben wir viel Geld ausgegeben, um ein vollkommen neuartiges Universitätssystem zu etablieren. Dieses System bildete ganze Generationen von Ingenieuren aus, die die USA elektrifizieren und unsere Automobilindustrie aufbauen halfen. Heute verzichten wir darauf, vergleichbare Summen in die weitere Förderung von naturwissenschaftlichen und Ingenieur-Fähigkeiten zu investieren. Das sollten wir aber!

Wen meinen Sie mit wir - die Regierung und die Bundesstaaten oder die Unternehmen, die diese Leute einmal beschäftigen werden?

Die öffentliche Hand. Die Regierung in Washington und die Bundesstaaten fliegen mit Autopilot - dank guter Entscheidungen, die ihre Vorgänger im Amt vor 50 bis 100 Jahren trafen. Wir denken nicht weit genug voraus, welche Konsequenzen eine solche Politik für den Rest des Jahrhunderts haben wird.

Die Regierung Bush scheint sich aufs Gegenteil zu verlassen: Sie senkt die Steuern.

Natürlich muss eine Regierung in der Lage sein, ihre Rechnungen zu bezahlen. Die USA haben sich heute eine Ausgabenhöhe aufgebürdet, die deutlich über unseren Steuereinnahmen liegt. Die Regierung muss Reformen einleiten, um Ausgaben und Einnahmen wieder in Einklang zu bringen. Je länger wir damit warten, die notwendigen Anpassungen vorzunehmen, desto schwieriger werden sie sein. Und wegen der alternden Bevölkerung steht so gut wie jedes Land vor dieser Herausforderung.

Sie leben in einer freien Marktwirtschaft. Warum sollten Steuerzahler überhaupt für Aus- und Weiterbildung zahlen, wenn private Hochschulen und Unternehmen die Nach frage nach Wissen genauso gut bedienen können?

Die ökonomische Analyse der Entstehung und Verbreitung von Ideen legt nahe, dass ein Erfinder mit jeder neuen Idee mehr Wert für die gesamte Volkswirtschaft erzeugt, als er selbst abschöpft. Da die Gesellschaft als Ganzes profitiert, wenn Erfindungen und Innovationen ermutigt werden, subventionieren wir diese. Eine Spielart davon ist die staatliche Finanzierung von Forschem an Universitäten. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Gleichung. Im privaten Sektor entstehen auch reichlich neue Ideen. Einige Experten haben nun vorgeschlagen, Regierungssubventionen oder Forschungsmittel an Unternehmen zu vergeben, damit sie innovativ tätig werden. Das ist eine gefährliche Idee.

Warum soll das gefährlich sein?

Weil es erfahrungsgemäß besser ist, wenn die Regierung stattdessen die Ausbildung einer großen Zahl junger Leute subventioniert, die mit ihrem Wissen und den richtigen Fähigkeiten für solche Unternehmen arbeiten können. Die Subvention von Innovationen lohnt sich also. Und der beste Weg dazu sind öffentliche Investitionen ins Bildungswesen.

Wenn man die Ausbildung möglichst vieler junger Menschen subventioniert, klingt das eher nach dem europäischen Modell kostenloser oder preiswerter Hochschulen für alle als nach dem US-Modell, in dem eine erstklassige Ausbildung bis zu 30 000 Dollar im Jahr verschlingt.

Das ist ein Mythos! Die USA bilden einen größeren Prozentsatz ihres Nachwuchses bis zu einem akademischen Abschluss aus als die meisten anderen Länder, mit Ausnahme Kanadas. Wir haben ein gemischtes System, das teure Studiengebühren für einige, aber auch Subventionen für andere beinhaltet. Der Trick besteht darin, nicht Bildung für jeden mit öffentlichen Mitteln zu bezahlen, sondern sie effektiver zu subventionieren, sodass man möglichst viele Leute durch das System schleusen kann. Deshalb will man ja in Deutschland ein privat-öffentliches System schaffen. Für die USA ist es enorm wichtig, diese Mischung zu behalten. Es wäre dramatisch, wenn der öffentliche Teil so schrumpfen würde, dass staatliche Hochschulen ihren Auftrag nicht mehr erfüllen können.

Wenn Ideen wirklich der Treibstoff für Fortschritt und Wachstum sind, wie messen wir dann, ob wir für unseren harten Input - Geld und Arbeit - auch genügend Output erhalten?

Nehmen wir die Aufregung über das Haushaltsdefizit. Eine Menge Ökonomen konzentrieren sich auf die Frage, ob das Defizit die Zinsen nach oben treiben und dadurch die Kapitalinvestitionen verlangsamen wird. Das ist lange nicht so wichtig wie die Frage: Investieren wir genug in die Natur- und Ingenieurwissenschaften, weil diese ein schnelles, langfristiges Wachstum garantieren? Warum achten Wirtschaftswissenschaftler so sehr auf die unwichtigere Frage? Weil Investitionen in Anlagevermögen wie Maschinen einfacher zu messen sind. Ökonomen und Politiker widmen sich lieber Dingen, die man leicht zählen und in Tabellen darstellen kann. Die relevanten Dinge lassen sie links liegen.

Rechnen die Wirtschaftswissenschaften sich die Welt schön, indem sie die komplizierten Realitäten unter den Teppich kehren?

Grundsätzlich verstehen wir die Dinge, aber uns fehlen die Werkzeuge und Hilfsmittel, um sie auf präzise Antworten zu reduzieren. Wir haben Modelle, aber uns fehlen die nötigen Daten, was Wissen und Ideen angeht. Diese Daten zu sammeln ist teuer und schwierig. Was sich im Bereich der Innovationen tut, wird immer wichtiger sein, aber zugleich immer schwerer zu erfassen. Wir müssen lernen, Entscheidungen auf Gebieten zu treffen, zu denen wir nicht die gewünschten Informationen besitzen.

Entscheidungen unter Ungewissheit sind bereits ein weites Forschungsgebiet der Wirtschaftswissenschaft.

Am besten erkläre ich das Problem mit einer Analogie. Nehmen wir an, ich gehe zum Arzt, und er stellt fest, dass ich Akne habe und dass zugleich Verdacht auf Krebs besteht. Er mag zwar nicht viel über Tumoren wissen, aber mit Akne kennt er sich aus. Dann würde ich mir vom Arzt schon wünschen, dass er sich mit mir über unseren momentanen Wissensstand zum Thema Krebs und Therapie-Optionen unterhält, auch wenn Fragen offen bleiben. In der Wirtschaftswissenschaft besteht die Gefahr, dass wir uns nur über die Akne unterhalten, weil wir uns damit auskennen. Den Krebs ignorieren wir lieber.

Was bringen Kennzahlen wie die Arbeitslosenquote oder die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts denn wirklich?

Diese Zahlen mögen eine akkurate Darstellung eines kleinen Teils der großen Maschinerie sein, aber während wir auf sie blicken, übersehen wir die Teile, die wirklich zahlen.

Was zählt? Wo findet Innovation wirklich statt?

Einen guten Teil des technischen Fortschritts und der Produktivitätssteigerungen verzeichnen wir in Sparten wie dem Einzelhandel und nicht in der Pharma- oder Chipindustrie. Wal-Mart hat extrem großen Erfolg gehabt, was Innovation und Produktivitätszuwächse im Großhandel, Einzelhandel und im Vertriebswesen angeht. Die Leute, die diese Ideen hatten und umsetzten, verstanden den Prozess der wissenschaftlichen Methode, um ein Problem zu lösen.

Das steigert die Produktivität - aber was ist mit den Arbeitsplätzen? Mehr Wachstum, weniger Jobs?

Die Debatte verwechselt zyklische und langfristige Entwicklungen. Die Volkswirtschaft schafft nicht so viele Arbeitsplätze wie noch vor ein paar Jahren. Aber das ist eine der Nebenwirkungen der Rezession und wird sich von allein erledigen.

Ein schwacher Trost für alle, die heute keinen Job haben - und keine Hoffnung, wieder einen zu bekommen.

Auf einem effektiven Arbeitsmarkt findet jeder Arbeit, der welche sucht. Die Vorstellung, dass es nicht genug Arbeit gibt, ist ein Schreckgespenst. Wir sollten uns viel mehr darum sorgen, wie wir durch Aus- und Weiterbildung alle gleichermaßen vom technischen Fortschritt profitieren. In den siebziger und achtziger Jahren waren steigende Einkommens-Ungleichheiten ein Problem. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich das etwas gelegt, aber nun sehen wir wieder Anzeichen für eine sich öffnende Lücke. Investitionen ins Bildungswesen sind die beste Methode, um dieses Phänomen zu verhindern.

Und den Rest regelt ganz einfach der Markt?

Wenn man sich dem Konzept des flexiblen Arbeitsmarktes verschrieben hat, stellt sich nicht die Frage, ob wir genügend Jobs schaffen. Die Frage muss lauten, wie stellen wir sicher, dass die Einkommen durch die Bank mit der Zeit steigen. Einige Leute denken, dass vorgeschriebene Mindestlöhne die Antwort sind. Aber man kann die Gesetze von Angebot und Nachfrage nicht per Parlamentsbeschluss aufheben. Wie können wir in den USA dafür sorgen, dass ein Unternehmen wie Wal-Mart höhere Löhne zahlt? Der Trick besteht darin, Arbeitskräfte so gut auszubilden, dass nicht mehr viele von ihnen bereit sind, bei Wal-Mart hinter der Kasse zu stehen. Dann müsste die Firma um Arbeitskräfte konkurrieren und mehr Lohn bieten.

Natürlich würde niemand mit Bachelor-Abschluss bei Wal-Mart die Regale füllen. Solche Leute haben bessere Angebote. Aber wir müssen dafür sorgen, dass gute Leute ohne Bachelor so rar werden, dass Wal-Mart sich ins Zeug legen muss, um seine offenen Stellen zu besetzen. Das Gleiche trifft auf Jobs in der Fast-Food-Industrie zu. Wir können das Gut "Arbeiter mit geringem Ausbildungsstand" nur verknappen, indem wir sie ausbilden.

Die Mc-Jobs sind also kein Problem? Genauso wenig wie die vielen Ehepaare, die rund um die Uhr arbeiten, aber zu wenig zum Leben haben?

Jede Rezession hat ihre Legende. Tatsache ist, dass immer mehr junge Leute einen Abschluss nach der Highschool erwerben. Die Löhne für schlecht ausgebildete Arbeiter stiegen in den neunziger Jahren an, denn Unternehmen wie Wal-Mart oder Starbucks mussten härter um sie konkurrieren. Wir müssen wieder zu diesem Gleichgewicht zurückfinden, wenn wir aus der Rezession herauskommen wollen.

Ein Mittel dazu könnte auch sein, Ideen, die für Sie das Treibmittel von Wachstum sind, einfach nicht vor der Öffentlichkeit wegzusperren. Stimmt bei den Urheberrechten, bei Patenten das Gleichgewicht noch? Oder ist der gegenwärtige Schutz geistigen Eigentums durch Urheberrechte und Patente zu einer "Tyrannei" geworden, wie die "New "York Times" kürzlich fragte?

Eigentumsrechte vertragen sich mit flexiblen, wettbewerbsorientierten Märkten. Man kann jemandem zum Wohle der Volkswirtschaft sehr wohl Eigentum und Kontrolle über ein Stück Land zugestehen. Aber was für materielle Güter gilt, stimmt nicht für die Welt der Ideen. Extrem starker Schutz geistigen Eigentums kann monopolistische Verzerrungen schaffen. Deshalb sind schwächere Schutzrechte besser für die Wirtschaft.

Schwächere Rechte - oder ganz weg damit?

Eigentumsrechte sind ein unglaublich effektives Werkzeug, um den Lebensstandard zu heben. Die Rebellion gegen Urheberrechte ist ein Fehler. In Russland glauben die Menschen immer noch daran, dass am besten keiner Eigentumsrechte am Land haben sollte, da Mutter Natur niemandem gehört. Daraus spricht ein emotionaler Widerstand gegen Eigentumsrechte und Märkte, den wir überwinden sollten. Ähnliche Gefühle mischen sich in den Widerstand gegen Copyrights für Musik oder Bücher. Diese Leute verwechseln Analyse mit Emotionen.

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