Ausgabe 02/2004 - Schwerpunkt Mythos Zahl

1:0 für Herberger

"Wenn wir gewinnen, spielen wir am Sonntag immer Fußball; wenn wir verlieren, dann machen wir einen Waldlauf. Deshalb versuchen wir immer zu gewinnen." Der Stürmer Kevin Kuranyi über das Erfolgsgeheimnis des VfB Stuttgart Fußball ist wie das Leben: meist langweilig, oft brutal und ungerecht. Und manchmal wunderschön. Dann wendet ein genialer Pass das Schicksal, dann glückt eine traumhafte Kombination, dann taucht aus dem Nichts der Stürmer in der richtigen Zehntelsekunde am richtigen Ort auf - Tor! Von diesen Momenten lebt der Fußball, von den Überraschungen, den Unwägbarkeiten. Auf dem Rasen ist immer noch alles möglich, obwohl die Entertainment-Industrie versucht, sich den Sport Untertan zu machen. Doch Leidenschaft ist unkontrollierbar, Leidenschaft macht blind: Die Bundesliga ist mit rund 600 Millionen Euro verschuldet. Ein Millionengrab - aber der Fußball ist noch quicklebendig.

Die bescheidene Geschäftsstelle des VfB Stuttgart duckt sich neben dem klotzigen Gottlieb-Daimler-Stadion im Vorort Bad Cannstatt. Es ist kurz vor Mittag, das Training gerade vorbei; Kevin Kuranyi, einer der Stars, gibt brav die Hand. Erwin Staudt, der Präsident, und Felix Magath, der Teammanager, empfangen zum Gespräch. Staudt, ehemaliger Deutschland-Chef von IBM, trägt Anzug, Magath Trainingsanzug und Badeschlappen. Staudt ist jovial und redet viel; Magath ist vorsichtig und redet wenig.

Felix Magath, 50, einst ein begnadeter Linksfuß. Seine beste Zeit als Spieler hatte er beim Hamburger SV, mit dem er dreimal Deutscher Meister und zweimal Europapokalsieger wurde. Später, als Trainer, hat er die halbe Liga kennen gelernt, er wurde immer gerufen, wenn die Not groß war - und schnell wieder gefeuert. Ein Sanierer mit dem Spitznamen "Quälix". Jan-Aage Fjörtoft, ehemaliger Profi bei Eintracht Frankfurt, sagte mal über ihn: "Ich weiß nicht, ob Magath die Titanic gerettet hätte, aber wenigstens wären alle Überlebenden sehr fit gewesen." Als Feuerwehrmann kam Magath im Februar 2001 auch zum VfB Stuttgart. Wieder mal ein Himmelfahrtskommando. Platz 17 in der Tabelle, akute Abstiegsgefahr. Entscheidend aber war: Es gab kein Geld. Der VfB stand nicht zuletzt wegen des Missmanagements des ehemaligen, skandalumwitterten Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder vor der Zahlungsunfähigkeit. Deshalb konnte der Neue nicht tun, was neue Trainer gewöhnlich als Erstes tun: einkaufen. Was Magath wohl unter anderen Umständen auch getan hätte; als Coach von Werder Bremen hatte er zum Trainingsauftakt 1998/1999 nicht weniger als 15 Neuzugänge präsentiert.

Heute sagt er über seinen Start beim VfB ganz trocken: "Ich musste mit den jungen Spielern arbeiten, weil kein Geld da war, um neue zu kaufen. Daraus ergab sich die Strategie." Sein Glück: Es gab junge Talente. Der Verein macht traditionell eine gute Jugendarbeit - nur hatte vorher niemand daran gedacht, dem Nachwuchs eine Chance zu geben. Das ist typisch für die Scheckbuchmentalität der meisten Clubs. Erwin Staudt sagt: "Ich kann mich noch gut an das Gekrampfe erinnern, als die Vorgänger von Magath aus der Not heraus wahllos sechs, sieben Spieler kauften, die dann nachher alle am Neckar spazieren gegangen sind. Mit Geschäftsführergehältern." Im Sommer 2001 war der VfB Stuttgart das einzige Team, das ohne Zukäufe antrat. Und erstaunlicherweise kam Magaths Mannschaft aus jungen Wilden und einigen erfahrenen Recken in dieser ersten "Saison der Armut" ("Die Zeit" ) nicht nur auf Platz acht in der Bundesliga, sondern über den UI-Cup auch noch bis in die vierte Runde des Uefa-Cups. Die Youngster siegten und siegten. Ihr Coach belebte in der Folge geschickt einen Fußballmythos: den der Fohlen-Elf von Borussia Mönchengladbach, mit der die damaligen jungen Wilden Netzer, Heynckes & Co. in den sechziger und siebziger Jahren Fußballgeschichte geschrieben hatten.

Solche Mythen sind genauso wichtig wie Punkte. Sie machen aus einem Club eine starke Marke - der farblose VfB konnte eine gute Story besonders gut gebrauchen.

Alles fügte sich auf wundersame Weise, und schließlich gelang den Schwaben in der vergangenen Saison sogar, woran viel reichere Clubs scheiterten: der Einzug in die Champions League. Dafür müssen sich die Schwaben beim FC Energie Cottbus bedanken: Obwohl es für den Ostclub am letzten Spieltag um nichts mehr ging, erkämpfte er ein Unentschieden gegen die übermächtige Mannschaft von Borussia Dortmund - und Stuttgart gelangte an den Westfalen vorbei auf Platz zwei in der Tabelle. Wieder Glück gehabt.

Von der Champions League träumen alle, denn in der europäischen Königsklasse gibt es richtig Geld für die Fernsehübertragungsrechte, dem VfB bescherte allein die Qualifikation 15 Millionen Euro. Mit dem Geld konnte Magath seine neuen Stars halten, um die andere Clubs schon mächtig buhlten, außerdem in einige neue, wiederum meist junge Spieler investieren. Nach einem Durchhänger vor der Winterpause steht der VfB immer noch gut da, die einstigen Nobodys mischen oben mit.

Eine schöne Kette von Zufällen, an die der passionierte Schachspieler Magath selbstverständlich nicht glaubt: "Eine schöne Kombination auf dem Fußballplatz ergibt sich nicht einfach so", dekretiert er. " Schönheit ist die Abwesenheit von Zufällen." Das Wichtigste für ihn sei gewesen, dass alle Beteiligten, vom Vorstand bis zu den Sponsoren, von der Mannschaft bis zu den Journalisten hinter seiner Strategie gestanden hätten. Das ist ungewöhnlich in einer Branche, in der - auch im eigenen Club - gern alle gegen alle kämpfen, das Personal in Windeseile rotiert und keiner dem anderen die Butter auf dem Brot gönnt. Glücklicherweise gab es beim VfB keine Butter. Magath: "Man hatte keine großen Erwartungen, wir haben keine großen Ziele angepeilt - und sind vielleicht gerade deswegen weit gekommen." Vom Abstiegskandidaten bis in die Champions League, das gibt's nur beim Fußball, das ist in etwa so, als würde die Pleitefirma Grundig demnächst Sony Konkurrenz machen.

Der VfB steht nicht nur für das Phönix-aus-der-Asche-Prinzip, sondern für ein vernünftiges Geschäftsmodell in der unvernünftigen Bundesliga. Erwin Staudt ist ein neuer Typ Fußballmanager, kein Vereinsmeier, sondern Kaufmann, der auch den Fußball mit den Begriffen der Wirtschaft zu fassen sucht. Große Unterschiede zwischen den Sphären sieht er nicht: "Auch außerhalb des Sports müssen Sie die optimale Mischung von Menschen zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Vision zusammenführen, um Höchstleistungen aus ihnen herauszuholen. Felix Magath, der ist einer, der das kann. Er könnte genauso Vertriebsleiter bei IBM oder Daimler sein." Wo der Mann aber wahrscheinlich an Langeweile stürbe.

Auf dem Rasen hat David gegen Goliath noch eine Chance. Das muss auch so sein - der Fußball duldet keine Monopole Der umtriebige Staudt will aus dem VfB ein schwäbisches Vorzeigeunternehmen machen, und solange es sportlich gut läuft, hat er auch die Muße dazu. Jüngst hat er in dem Club sogar das Balanced-Scorecard-System eingeführt, mit der Managementmethode soll regelmäßig überprüft werden, inwieweit strategische Ziele erreicht wurden. "Damit kann ich Ihnen schon heute sagen, wie unser Betriebsergebnis in der nächsten Saison abhängig vom Tabellenplatz aussehen könnte", schwärmt Staudt. Kleine Pause: "Nur den Tabellenplatz leider nicht." Das ist die Crux dieses Geschäfts, an der auch das beste Management nichts ändern wird. Von jeher versucht man dem Phänomen Fußball mit Zahlen beizukommen; es gibt keine Statistik, die es nicht gibt: von der Heimspielbilanz des 1. FC Köln gegen Bayer 04 Leverkusen, über den an der Gesamtspieldauer gemessenen prozentualen Ballbesitz der deutschen Nationalelf bei der Europameisterschaft 1992 bis zur Durchschnittsweite eines Abschlags von Oliver Kahn. Daten, die das Unkalkulierbare kalkulierbar machen sollen, doch letztlich nichts sagen.

Viel mehr über die Branche verrät die Tatsache, dass zwar die Spieler gutes Geld verdienen, aber kaum ein Club. Man setzt, darin der einstigen New Economy nicht unähnlich, gewaltige Summen auf das Prinzip Hoffnung. Alle ambitionierten Vereine spekulieren auf die wenigen Tabellenplätze, die den Zugang zu den lukrativen europäischen Wettbewerben garantieren. Um dorthin zu gelangen, braucht man gute, also nach der allgemeinen Logik teure Spieler. Die kauft man zur Not auf Pump und versilbert so schon mal künftige sportliche Erfolge. Wenn die ausbleiben, wird's eng wie zurzeit unter anderem bei Borussia Dortmund, dem einzigen börsennotierten Club der Bundesliga, der in dieser Saison mit 57 Millionen Euro mehr Geld fürs Personal ausgibt als Bayern München, von der Champions League weit entfernt ist und verzweifelt auf der Suche nach neuem Geld. Irgendwoher wird es schon kommen, das war bisher die Haltung der Vereine, und lange ist das auch gut gegangen. Dirk Schümer schreibt in seinem Buch "Gott ist rund" : "Mit einer äußerst unaufwändigen gesellschaftlichen Arbeit weniger Männer und einem volkswirtschaftlich nicht festzustellenden Gebrauchswert hat der Fußball einen Tauschwert erworben, der ins Unermessliche geht. In diesen Abgrund zwischen den lächerlichen Produktionskosten und dem riesigen Absatzmarkt fließt permanent frisches Kapital." Mit der Kirch-Pleite und dem damit verbundenen Rückgang der Einnahmen aus Fernsehrechten droht das Füllhorn hier zu Lande allerdings zu versiegen.

Der Fußball kreist ums Geld, aber anders als in anderen Wirtschaftszweigen ist Erfolg nicht käuflich. Auch wenn der große Trainer Otto Rehhagel mal das Gegenteil behauptete und prophezeite, die Bundesliga würde sich auf Dauer in reiche Champions und arme Verlierer spalten. Henning Klodt, Ökonom am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, hat diese Hypothese anhand der Abschlusstabellen von fast 20 Jahren Bundesliga überprüft und verworfen: Der Markt funktioniert, die Top-Vereine sind immer in Gefahr, von den Underdogs aus der Spitze verdrängt zu werden. Es gilt nach wie vor, was schon der Fußballphilosoph Sepp Herberger wusste: Der Ball ist rund. Rehhagel hat übrigens unter anderem als Trainer des FC Kaiserslautern seine eigene Hypothese widerlegt: In der Saison 1997/1998 wurde der FCK - als Aufsteiger - mit fast unveränderter Mannschaft Deutscher Meister.

Wenn das nicht möglich wäre, blieben die Stadien leer. Fußball fasziniert, weil das Spiel im Prinzip immer gleich und doch jedes Mal anders ist - so wünschen sich die Fans das Leben. Wer hätte den derzeitigen Lauf von Werder Bremen vorhergesagt, die mit bescheidenem Etat und Zauberfußball Deutscher Meister werden könnten? Wer die Schmach der Superkicker vom FC Bayern München, die jüngst im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen die Zweitligisten von Alemannia Aachen ausschieden?

Im Fußball hat David gegen Goliath noch eine Chance.

Dafür gibt es statistische und psychologische Gründe. Weil beim Kicken im Vergleich zu anderen Ballsportarten nur sehr wenige Tore fallen und bei jedem einzelnen der Zufall mitspielt, ist der Grat zwischen Sieg und Niederlage schmal. Läuft es für einen Club schlecht, wird das zum Teil durch den Mitleidsbonus der treuen Fans kompensiert. So folgten die Anhänger des FC St. Pauli ihrem Verein, ohne übermäßig zu murren, bis hinab in die Regionalliga Nord und spendeten noch eifrig Geld für den Kiez-Club - der irgendwann auch mal wieder gegen Bayern München antreten wird. Von solcher Kundenbindung können andere Firmen nur träumen. Und noch etwas gelingt im Fußball, was anderswo selten glückt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Man könne, so Magath, zwar überall auf der Welt die Stars zusammenkaufen, "aber wenn sie sich nicht zu einer Mannschaft fügen, werden sie gegen weit schlechtere Spieler verlieren". Das sei im Übrigen auch das Geheimnis des deutschen Fußballs: "Wir sind seit fast 50 Jahren bei fast jedem großen Turnier erfolgreich - obwohl wir bekanntlich keine Ballkünstler sind." Ein Monopol kann es im Fußball nicht geben, das wissen auch Platzhirsche wie der FC Bayern München, der sich dank seines weitsichtigen Managers Uli Hoeneß und kontinuierlicher Arbeit seit langem oben hält und als einer der wenigen Clubs Geld verdient. Das andere Paradebeispiel für Solidität ist der SC Freiburg. Der gibt nie mehr Geld aus, als er hat, hält seit 1991 an Trainer Volker Finke fest und investiert in die eigene Jugend statt in Transfers. Finke stieg mit dem SC dreimal auf und zweimal ab: Von Uefa-Cup bis Zweite Bundesliga ist in Freiburg alles drin, und das sagt man den Fans auch ganz offen.

Mit einer solchen Ansage täte sich Bernd Hoffmann, Präsident des Hamburger Sportvereins und ehemaliger Manager des Sport-Vermarkters Sportfive, schwer. Der Verwalter eines gewaltigen Finanzlochs klagt in seiner schönen Geschäftsstelle in der schönen AOL-Arena darüber, dass die Anhänger des Fußball-Dinos HSV noch von den alten Zeiten träumen und "übersehen, dass wir im Schnitt der vergangenen zehn Jahre in der Bundesliga auf Platz neun lagen, also hinter dem SC Freiburg". Hoffmann spricht ganz offen über die "Durststrecke" und die miserablen Zahlen: " Wir haben die vergangene Saison, eine ganz normale Saison, mit 14 Millionen Euro Verlust abgeschlossen. Unsere Fünfjahres-Transferbilanz liegt bei minus 30 Millionen Euro." Er versucht das Publikum schon mal auf Magerkost einstimmen: "Die Zeit der teuren Einkäufe ist bis auf weiteres vorbei." Das aber ist schwer zu vermitteln; Fußball ist eine irrationale Angelegenheit, dafür sorgen vor allem die Medien. Über nichts wird so ausführlich berichtet, keine Regung eines Spielers, kein Zornesausbruch eines Trainers, keine halb gare Idee eines Managers bleibt unkommentiert. Davon leben die Clubs, aber es setzt die meist mittelständischen Firmen auch enorm unter Druck. Nur kein Stillstand, immer muss etwas passieren, zur Not kauft man ein paar neue Spieler oder schmeißt den Trainer raus. Der vom Medienzirkus befeuerte Aktionismus treibt sonderbare Blüten: Man stelle sich eine Firma vor, die regelmäßig, als sei es das Normalste der Welt, große Teile ihrer Belegschaft austauscht.

Neuer Trainer, neue Spieler, neue Schulden, so drehte sich bislang munter das Bundesligakarussell. Zum sportlichen Erfolg trägt das nicht bei. Eine groß angelegte Studie des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Münster ergab - wen wundert's -, dass das Feuern des Trainers in der Regel die falsche Krisenbewältigungsstrategie ist.

Vor allem aber gebe es "nichts Teureres", betont der Sanierer Hoffmann, und vielleicht meint er damit nicht nur das Pekuniäre. Denn mit dem unschönen Rauswurf seines ehemaligen Coaches Kurt Jara im Oktober vergangenen Jahres hat er selbst für eine Woge der Entrüstung in der nicht gerade übersensiblen Branche gesorgt. Hoffmann hatte sich öffentlich zu Jara bekannt und hinter dessen Rücken schon mit dem Nachfolger Klaus Toppmöller verhandelt.

Künftig wird sich das Karussell wohl langsamer drehen, weil kein Spielgeld mehr zum Verpulvern da ist. Hoffmann bemüht sich denn auch in diesem kurzsichtigen Geschäft weit nach vom zu schauen. In drei Jahren, so sein Plan, soll der HSV mit einem Personaletat für Spieler von 30 bis 40 Millionen Euro wieder oben mitspielen. Und er geht sogar davon aus, dass Tramer Klaus Toppmöller dann noch an Bord ist. Wir sind gespannt.

Für Felix Magath, der gern an seine Zeit als HSV-Spieler zurückdenkt, ist die derzeitige Langzeitbeschäftigung in Stuttgart eine ganz ungewohnte und sehr angenehme Erfahrung. In der Champions League muss der VfB am 9. März zum Rückspiel gegen den FC Chelsea antreten. Der Verein gehört dem russischen Milliardär Roman Abramovitsch und hat einen etwa zehnmal so großen Personaletat wie die Schwaben. Was soll's, sagt sich Magath: "Geld schießt keine Tore."

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