Ausgabe 04/2004 - Editorial

Sie wollen doch nur reden

• „Der Apparat – Ermittlungen in Sachen Polizei“. So hieß Anfang der achtziger Jahre ein Szene-Bestseller, den las, wer sich mal wieder so richtig fürchten wollte. Undurchschaubar und übermächtig erschien darin jene Instanz, die das Gewaltmonopol des Staates vertritt. Und bedrohlicher noch als jede Waffe war der unterschwellige Verdacht, hinter Vertuschung und Apparatslogik stecke der große Plan: Big Brother.

Tatsächlich ist die Motivlage entscheidend, wenn es um Apparate geht. Dass große Orga- nisationen dazu neigen, den Blick nach innen zu richten und sich selbst genug zu sein, ist ärgerlich für alle draußen, eine echte Bedrohung ist es noch nicht. Die wird es erst, wenn sich Größe mit ungebändigtem Macht- und Beherrschungswillen paart. Erst wenn Bürokratie etwas will, wird sie zum Apparat.

Im Gesundheitswesen zum Beispiel, wo das Wohl und Wehe des Patienten zunehmend zum Nebeneffekt verkommt. Am Beispiel der Krebsvorsorge beschreibt der Fachautor Christian Weymayr, wie sorgsam geölte Einzelteile ineinander greifen mit einem einzigen Ziel: Kasse zu machen. Koste es die Patienten, was es wolle (S. 86).

Auch Elena Mogutschaja weiß, wie sich der Apparat anfühlt: Sie hat einen Kiosk in Minsk. Und sie lebt mit einem Präsidenten, der sie mit immer neuen Formularen und Gesetzen trak- tiert – Alexander Lukaschenko kämpft gegen das Unternehmertum wie gegen einen persön- lichen Feind (S. 104). Persönlich verfolgt fühlt sich allerdings auch die Berliner Firmenchefin Karoline Beck bisweilen. Verordnungen, die niemand versteht; Beamte, die wegen 870 Euro Steuerersparnis gleich den ganzen Betrieb prüfen; Kammern, die auf ihre Kosten über die Einordnung von Auszubildenden streiten – Bürokraten, wohin das Auge sieht. Und alle nur angetreten, ihr selbst, beziehungsweise dem Unternehmertum an sich zu schaden (S. 98).

Der Unterschied ist fein, aber wesentlich: Im deutschen Bürokraten-Chaos fehlt der Plan. Es geht ums Überleben, sich durchwursteln, nichts falsch machen. Vielleicht geht es auch um den persönlichen Gewinn. Um die Weltherrschaft, zumindest die Herrschaft des Bürokrariats geht es nicht (S. 48). Wer das nicht glaubt, dem sei ein Blick ins Innere der Bundesagentur für Arbeit angeraten, dorthin, wo die Weiterbildungsabteilung sitzt. Ein Chaos, unbestritten. Ein unglaublich teures dazu. Doch wer sich Details antut, der wird sehen: Verschwörungstheorien laufen ins Leere oder besser – mitten hinein ins Mittelmaß (S. 68).

Dass das lustig ist, hat niemand behauptet. Auch nicht, dass es ohne Folgen bleibt. Und doch ist es tröstlich zu wissen, dass in den Amtsstuben selten der Feind sitzt, sondern oft genug jemand, der leidet wie wir (S. 58). Und mit dem sich durchaus ein Bündnis eingehen lässt, wie der Kölner Rechtsanwalt Reinhard Birkenstock immer wieder erfährt (S. 110).

Das Ende der Bürokratie wird dadurch nicht eingeläutet. Aber sie kann besser werden. So gut, wie wir sie brauchen. ---

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