Ausgabe 02/2003 - Was Wirtschaft treibt

Wellen des Wahns

Ulrich W. ist Diplom-Ingenieur, sein Spezialgebiet die Nachrichtentechnik. Er arbeitet bei einem großen Konzern in einer Abteilung, die sich Akquisition nennt. Auf seiner Visitenkarte könnte genauso gut Buhmann stehen.

 

Sein Arbeitgeber hat nämlich entdeckt, dass der Mann nicht nur Ahnung davon hat, wie man den optimalen Standort für einen UMTS-Antennenmast ermittelt, sondern dass er die Technik rund ums Handy recht verständlich erklären kann. Und dass der Münchner sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt, wenn ihn jemand schräg von der Seite anquatscht. So wurde W. einer von jenen, die stellvertretend für T-Mobile, Vodafone, E-Plus oder 02 durch Spießruten laufen, sich tagein, tagaus üble Beschimpfungen anhören und - unbeirrt selbst von unqualifiziertesten Äußerungen - versuchen, wenigstens einen guten Eindruck zu hinterlassen.

 

Telekom-Mann W. weiß also, welches Ritual ihn an diesem Winterabend in Kaufering erwartet, einer kleinen Schlafstadt an der Grenze zwischen Oberbayern und dem bayerischen Schwabenland. Ein Rollenspiel, dessen feste Dramaturgie ihm kaum eine Chance lässt, den katholischen Gemeindesaal ungeschoren zu verlassen. Er verteidigt einen verhassten Angeklagten, dem vorsätzliche schwere Körperverletzung in 82 Millionen Fällen vorgeworfen wird. Schlechte Karten also für W. vor einem verängstigten Publikum, das vom Verein Bürgerwelle, der ihn hier zum Rededuell über potenziell tödliche Handy-Strahlen fordert, heiß gemacht wurde.

 

Dabei sind die Angeklagten ohnedies schon ziemlich bedient.

 

Die vier Netzbetreiber, die nach dem Untergang von Quam und dem Niedergang von Mobilcom übrig geblieben sind, stecken in der Zwickmühle. Bis Silvester dieses Jahres müssen sie tausende von Antennen für das Breitband-Mobilfunksystem UMTS installieren. Jedes der Unternehmen, das am Stichtag nicht ein Viertel der Bevölkerung mit UMTS versorgt, verliert seine Lizenz. Jede hat mehr als acht Milliarden Euro gekostet. Unter Druck müssen 10 000 bis 15 000 neue Antennenstandorte im ganzen Bundesgebiet gesucht werden. Die Konzerne laufen um ihr Leben; die Bürgerwelle gibt bei dem Wettrennen den Igel, Ulrich W. den Hasen.

 

Wo auch immer die Ingenieure und Öffentlichkeitsarbeiter der Telefongesellschaften eine Bürgerversammlung besuchen, ist schon jemand von der Bürgerwelle da - oder ein Vertreter einer ihr nahe stehenden Initiative. Die Organisation, gegründet und geleitet von dem Tirschenreuther Heilpraktiker Siegfried Zwerenz, ist unumstrittener Marktführer der Anti-Mobil-Bewegung. Und die ist nicht klein: 1300 Bürgerinitiativen gegen Mobilfunk, ist auf der Website zu lesen, würden von der Bürgerwelle in Deutschland "betreut", zusätzlich "viele in Österreich, Schweiz, Italien und Luxemburg". Ausgerechnet von den als technophil geltenden Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg aus rollt die Welle der Funkangst nordwärts durch die Republik. Wo der Szene-Guru Zwerenz und seine Mitstreiter auftauchen, machen seine Anhänger Putz: Sie klagen vor Gericht gegen Betriebsgenehmigungen. Sie bearbeiten Gemeinderäte, damit diese Baugenehmigungen für neue Sendemasten verweigern. Geschäftsinhaber, die ihr Dach an Netzbetreiber vermieten wollen, müssen mit einem Kaufboykott rechnen. Hausbesitzern wird vor Augen gerührt, dass ihr Heim durch eine neue Funkantenne dramatisch an Wert verlieren könnte. Ahnungslose Lokalredakteure drucken gruselige Geschichten von Mobilfunk-Opfern ab. Die Protestformen, sagt Stephan von Voithenberg, Redakteur des Handyhändler-Branchenblatts "Telecom-Handel", nehmen "hysterische Züge an". An der Verunsicherung der Menschen seien freilich die Mobilfunkkonzerne selbst nicht ganz unschuldig, hätten sie doch "in der Vergangenheit durch eine schlechte Öffentlichkeitsarbeit die bereits vorhandenen Ängste regelrecht angeheizt".

 

Mit ihrer Taktik, Sendemasten zu tarnen, haben die Konzerne ihren Teil zur Paranoia beigetragen

 

In der Tat hat die Branche eine Menge falsch gemacht. Zum Beispiel mit ihrer Technik so umzugehen, als stimmten die Vorwürfe all jener, die denken, beim Telefonieren würde das Gehirn gegrillt. Schon vor dem großen Handy-Boom begannen die damaligen Netzbetreiber D 1/DeTeMobil (heute T-Mobile), D 2/ Mannesmann (jetzt Vodafone), E-Plus und Viag Interkom (heute 02), ihre Antennen so gut wie möglich zu tarnen.

 

Viele Basisstationen sehen heute aus wie Mauerwerk oder Schornsteine, sogar künstliche Bäume wurden entwickelt. Doch der Versuch, keine schlafenden Hunde zu wecken, ging schief: Fotos von den sendenden Architektur-Attrappen gingen durch die Presse und durchs Internet. Es gab regelrechte Wettbewerbe im Enttarnen von Antennen. Die nachgeschobene Begründung, man habe die unansehnlichen Geräte aus Denkmalschutzgründen versteckt, verbuchten die Gegner prompt als Ausrede: Anderenorts hätten sich dieselben Unternehmen schließlich auch nicht geniert, gröbste visuelle Monstrositäten in liebliche Landschaften zu stellen, wenn es galt, kostengünstig Funklöcher zu stopfen.

 

Als ausgesprochen unclever erwies sich auch der Umgang der Konzerne mit Forschem. Mit eigenen Studien über die gesundheitliche (Un-)Bedenklichkeit der Funkwellen hielten sich die Netzbetreiber jahrelang weitgehend zurück. Dafür wurden sie kritisiert. Als die Industrie schließlich Studien bei renommierten Instituten in Auftrag gab oder finanzierte, hieß es, die Wissenschaftler sollten gekauft werden. In einen besonders tiefen Fettnapf stapfte T-Mobile: Als das hannoversche Ecolog-Institut im Auftrag der Telekom-Tochter eine Studie über die Fachliteratur zu Gesundheitsgefahren durch Mobilfunk anfertigte, distanzierten sich die Bonner vom - vorhersehbaren - Ergebnis. Ecolog war nämlich sinngemäß zu dem Fazit gekommen, dass auf Grund der bisherigen Forschungsergebnisse niemand den Mobilfunk-Konzernen einen Persilschein ausstellen könne und dass weitere Forschung geboten sei. Für Menschen, die unerschütterlich glauben, dass die Industrie ausschließlich auf ihr genehme Gutachten Wert legt und sich in Wahrheit nicht um das Wohl ihrer Kundschaft schert, war das eine Bestätigung. Die Hersteller der Handys sitzen übrigens im selben Boot wie die Netzbetreiber: Kündigen sie an, die Abstrahlung ihrer Geräte zu vermindern, da sie stets bemüht seien, Gesundheitsrisiken zu minimieren, ist das für Kritiker der Beweis, dass die Geräte grundsätzlich gefährlich sind.

 

Allerdings ist die Bürgerwelle - die gern von Gemeinderäten der Grünen und der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), aber auch von Sozialdemokraten, freien Wählern und Naturschützern auf Podien gebeten wird - auch nicht Greenpeace. Wer fundierte Informationen über die Gesundheitsgefahren durch den geplanten UMTS-Sender sucht, um sich ein eigenes Urteil zu bilden, ist nach einer Debatte mit Bürgerwelle-Mitbegründer Jürgen Seitz kein bisschen schlauer. So jagt im Kauferinger Gemeindesaal eine pauschale Behauptung die andere. Im Stakkato wirft der geübte Vortragsreisende eine Overhead-Folie nach der anderen auf den Projektor - und zieht die meisten so schnell wieder weg, dass keine Zeit bleibt, die Texte und Schaubilder wirklich zu erfassen, sich Notizen zu machen, geschweige denn lange darüber nachzudenken.

 

Seitz redet über gepulste Strahlung, Leistungsflussdichten und spezifische Absorptionsraten, er hat für jeden technischen Sachverhalt einen volkstümlichen Vergleich parat. Was am Schluss im Gedächtnis zurückbleibt, sind jedoch vor allem Furcht erregende Schlagwörter: Krebs. Schlafstörungen. Tinnitus. Fehlgeburten. Missbildungen bei Kälbern.

 

Linsentrübung. Grauer Star.

 

Aufgeweichte Blut-Hirn-Schranke.

 

Auch Ralf Dieter Wölfle, ein Diplom-Ingenieur aus dem Schwäbischen, sammelt Argumente gegen Mobilfunk. Während aber im Seitz'schen Kosmos unzweifelhaft feststeht, dass Handy und Basisstationen die Menschen krank machen, erlaubt sich Wölfle eine differenzierte Darstellung. Wer sich auf seiner Website umschaut, kapiert beispielsweise, dass Besorgnis erregende Forschungsergebnisse, die für den einen Mobilfunkstandard vielleicht korrekt sind, auf eine andere Norm noch lange nicht übertragbar sind. Und er spricht die teils gravierenden Schönheitsfehler vieler echter und so genannter wissenschaftlicher Studien an, die zum Standard-Repertoire der Anti-Handy-Gruppen gehören.

 

Obwohl Wölfle auf seiner Site reichlich Links zu mobilfunkkritischen Originalquellen anbietet, wird er von militanten Handy-hassem via eMail beschimpft. Der Grund dafür ist einfach: Er ist Hochfrequenztechniker und befasst sich bei einem großen Telekommunikationsgeräte-Hersteller beruflich mit dem Thema Elektrosmog. Im Freund-Feind-Schema der fanatischen Strahlengegner gehört Wölfle, der sein eigenes Handy als Notrufgerät gekauft hat und die meiste Zeit ausgeschaltet lässt, zu den natürlichen Feinden. Im Internet und auf Versammlungen besorgter Bürger dominiert jedenfalls eindeutig die andere Sorte Gegner. Die Grassroots-Attitüde von Zwerenz und Seitz sowie einer Handvoll weiterer bekennender Mobilfunkfeinde kommt bei der Zielgruppe an. "Ich will nicht mehr über Details reden, wir müssen jetzt etwas dagegen tun", sagt ungeduldig drängend eine Grüne, die beim Kauferinger Schlagabtausch eifrig für Seitz applaudiert hatte. Mit ihrem Appell würgt sie beim Stammtisch des Bundes Naturschutz den Versuch eines anderen Mitglieds ab, zu erklären, warum UMTS vielleicht doch kein Teufelswerk sei. Dieselben Verhaltensmuster lassen sich in einschlägigen Internet-Foren immer wieder beobachten: "Wir wissen doch jetzt Bescheid, noch mehr Beweise brauchen wir nicht."

 

Vielleicht doch. Denn Websites sind geduldig, und noch lange nicht jeder, der dort veröffentlicht und eine große Gefolgschaft erreicht, ist auch kompetent. Wer sich den Tort antut und - ausgehend von Sites wie buergerwelle.de, funkenflug1998.de, elektrosmognews.de oder gigaherz.ch - ein paar Links absurft, landet im Nu bei Verschwörungstheoretikern aller Art, Esoterikern verschiedenster Prägung und bei Firmen, die aus der Angst der Menschen Profit schlagen wollen. So werden teure, aber garantiert nutzlose Gerätschaften angeboten, die angeblich elektrischen Smog absorbieren. Oder man findet Leute wie einen Baden-Badener Rechtsanwalt, der online Mandanten sucht, die sich in den USA an Sammelklagen gegen die dortigen Töchter von T-Mobile und Vodafone beteiligen wollen.

 

Wenn es um Funk-Angstmache geht, wird jeder zum Experten - auch Kinderärzte und Dentisten

 

Gegenstand der Klage soll der Wertverlust der Häuser der deutschen Kläger durch Antennen in der Nachbarschaft sein. "Bei 200 Klägern wird das maximale Kostenrisiko pro Kläger zirka 250 Euro betragen", schreibt der Jurist, "dieses Geld wird ausschließlich für erforderliche Gutachten benötigt, die den aktuellen Wert der Immobilie des Klägers (Haus oder Wohnung) ermitteln und die Wertminderung durch den nahe gelegenen Mobilfunksender." Was Ralf Wölfle zu der hintersinnigen Frage motiviert: "Wodurch entsteht eigentlich der Wertverlust? Durch den Netzbetreiber oder durch den, der die Angst schürt?"

Wie fragwürdig tatsächlich viele pauschal-mobilfunkkritische Behauptungen von vermeintlich urteilsfähigen Zeitgenossen sind, zeigt der so genannte Freiburger Appell, der seit einigen Monaten im Web zirkuliert - als Aktion besorgter Ärzte, die sich zur Interdisziplinären Gesellschaft für Umweltmedizin e.V. (Igumed) zusammengeschlossen haben. "Wir beobachten in den letzten Jahren bei unseren Patientinnen und Patienten einen dramatischen Anstieg schwerer und chronischer Erkrankungen", beginnt der Text. Es folgt eine lange Liste von Erkrankungen, die die unterzeichnenden Ärzte angeblich gehäuft diagnostiziert haben, seit es immer mehr Handys gibt: Herzinfarkte und Schlaganfälle "immer jüngerer Menschen", Leukämie und Hirntumore, Alzheimer und Epilepsie, Infektanfälligkeit und Migräne, Ohrgeräusche und chronische Erschöpfung.

 

Ärzte sind sie alle, die Erstunterzeichner dieser Liste: Zahnärzte und Hals-Nasen- Ohren-Spezialisten, Dermatologen und Orthopäden, Radiologen und Kinderärzte - also Mediziner, die entweder nur für einzelne oder gar keine dieser Krankheitsbilder zuständig sind und die Fälle daher nur vom Hörensagen kennen können. Von einer Ausbildung, die sie in den Stand versetzen würde, biologische Auswirkungen elektromagnetischer Wellen zu beurteilen, ganz zu schweigen. Wenn es um ideologische Fragen geht, wird möglich, was Ärzte sonst entrüstet ablehnen würden: eine Pauschaldiagnose ohne jegliche Untersuchung.

 

Und doch fordern die Mediziner de facto einen sofortigen Ausbaustopp für alle Mobilnetze. Würde sich ein Journalist derlei Aussagen auf ähnlich wackeligem Fundament erlauben, er bekäme eine Rüge vom Presserat - und womöglich eine Anzeige der Netzbetreiber wegen Geschäftsschädigung.

 

Damit ist nicht gesagt, dass Menschen, die sich für elektrosensibel halten, Simulanten oder Hypochonder wären. Nur sind bisher alle Wissenschaftler gescheitert, die versucht haben, nach akademischen Standards einen empirischen Beweis für das Phänomen zu führen, dass Menschen elektrische oder elektromagnetische Felder fühlen. Denn das würde bedeuten, dass Testpersonen reproduzierbar in bestimmter Weise auf eine bestimmte Frequenz oder Feldstärke reagieren. So einfach funktionieren biologische Wesen dann doch nicht.

 

Entscheidender ist, dass ein Ausbaustopp von UMTS aus Sicht der Patienten womöglich kontraindiziert wäre - denn viel spricht dafür, dass UMTS ihr Problem mindert. Der geplante Ersatz der Anfang der neunziger Jahre eingeführten GSM-Technik (D- und E-Netze) bis Ende des Jahrzehnts durch das modernere UMTS ist Handygegnern ein Horror, weil UMTS mit noch viel mehr Basisstationen arbeitet. Tatsächlich aber haben UMTS-Stationen eine geringere Sendeleistung und Reichweite, nur deshalb benötigt man mehr davon. Zur Gesamtbelastung durch " Elektrosmog" würden sie in geringerem Maße beitragen als die veraltete GSM-Technologie, die bis heute im Einsatz ist. Hinzu kommt, dass das von Funk-Gegnern besonders gefürchtete Pulsieren des Funksignals entfiele: In den GSM-Netzen werden die Gespräche als Stakkato von 217 kurzen, heftigen Signalspitzen pro Sekunde übertragen, während UMTS-Telefonate als gleichmäßiger Datenstrom durch den Äther gleiten. UMTS mag technisch und kommerziell eine Niete sein - ein Killer aus dem Äther ist es nicht.

 

Jürgen Seitz mag solche Argumente, die seine Brandrede gegen die beiden beantragten UMTS-Masten von T-Mobile auf dem Gebäude des Hilti-Konzerns und auf dem Kauferinger Altenheim entkräften könnten, denn auch gar nicht gern hören. Worum es ihm und Bürgerwelle-Chef Zwerenz in Wahrheit geht, haben die beiden indes längst schriftlich bekundet. "Zur Erreichung und Erhaltung einer gesunden Welt", so steht es in einer von den Bürgerwelle-Lenkern unterzeichneten "Kufstein Deklaration", "müssen alle Emissionen von künstlicher elektromagnetischer Strahlung so schnell wie möglich beinahe auf Null-Emission reduziert werden." Kein terrestrisches Radio und Fernsehen mehr, kein Handy, kein schnurloses Telefon, keine Funk-Kopfhörer, kein Mikrowellenherd? Totale Funkstille, bis auf den Polizeifunk vielleicht? Aber nein: "Gleichzeitig ist die Entwicklung und Einführung natürlicher bzw. naturverträglicher Techniken voranzutreiben."

 

Ohne künstliche elektromagnetische Strahlung? Klingt interessant. Telepathie vielleicht?

 

Dann doch lieber UMTS.

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