Ausgabe 05/2003 - Was Wirtschaft treibt

RISIKO

1. DIE KRANKHEIT

Es gibt eine ganze Menge Dinge, vor denen Menschen Angst haben: vor Flugzeugentführungen, vor Meteoriten, die auf der Erde einschlagen und vor den Risiken des Alltags, etwa, den Job zu verlieren. Oder, wir kennen es als Umkehrung von guten Wünschen wie "vor allem Gesundheit": vor Krankheit.

Vor allem vor Krebs. Rund 350 000 neue Fälle werden jährlich in Deutschland registriert. Und so wie es aussieht, ist die Erkrankung auf dem Vormarsch. Das ist keine Panikmache, das ist Fakt.

Fakt ist auch, dass die Behandlungsmethoden besser, schonender werden und dass einige Krebserkrankungen, sofern sie rechtzeitig entdeckt werden, mit sehr guten Heilungschancen behandelt werden können. Hodenkrebs beispielsweise oder Leukämie.

Unbestritten ist ebenfalls, dass es trotz aller Fortschritte immer noch gewaltige Herausforderungen gibt. Eine von ihnen ist der Brustkrebs. Bei 50000 Frauen im Jahr wird die Krankheit in Deutschland entdeckt. Im Schnitt muss jede zehnte Frau damit rechnen, dass bei ihr irgendwann in ihrem Leben ein bösartiger Tumor diagnostiziert wird. Rund 19 000 Patientinnen pro Jahr überleben den Kampf mit dem Krebs nicht. Damit ist Brustkrebs die häufigste Todesursache bei Frauen in Deutschland.

Dabei hat sich bei der Vorsorge und Behandlung von Brustkrebs auch hier zu Lande in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. So viel, dass Experten von einem Paradigmen-Wechsel sprechen: Noch bis Ende der siebziger Jahre galt Brustkrebs Medizinern vor allem als lokales Problem. Entsprechend waren die Behandlungsmethoden. Ihr Hauptwerkzeug war das Skalpell, die Operationen waren radikal. In den allermeisten Fällen bedeutete die ohnehin schockierende Diagnose auch den Verlust der betroffenen Brust. Die Amputation nach der Halstedt-Rotter-Methode, im Medizinerdeutsch als " Eingriff" kaschiert, stürzte viele Frauen in eine zusätzliche tiefe Verzweiflung. Doch trotz des radikalen Schnitts brachte die Operation oft nicht die erhoffte Heilung. Bei nicht wenigen Patientinnen bildeten sich Tochtergeschwülste, die so genannten Metastasen. Hilflos mussten Kranke, Angehörige und die behandelnden Ärzte erleben, wie die Krankheit immer weiter fortschritt und auch durch weitere Operationen nicht zu besiegen war.

Anfang der achtziger Jahre änderte sich die Sichtweise auf die Krankheit und mit ihr der Behandlungsansatz. Die Wissenschaftler betrachteten Krebs nun nicht mehr als auf einen Körperteil beschränkte Krankheit, sondern als eine, die den gesamten Körper betrifft - auch die Psyche. Erstmals wurden Psychologen in die Behandlung miteinbezogen. Zudem änderte sich die Operationsmethode - wo es ging, wurde lediglich der Tumor entfernt. Damit blieb vielen Patientinnen die Radikal-Operation erspart. Und noch eine entscheidende Neuerung wurde zum Standard: die Behandlung mit Zellgiften, die mögliche Krebsherde abseits des Primärtumors zerstören sollen, die Chemotherapie. Das damalige Motto lautete, wie Andrew von Eschenbach, Direktor des amerikanischen National Cancer Institute, beschreibt: "Seek and destroy" - suchen und zerstören.

Doch trotz aller Fortschritte, die vor allem die Chemotherapie mit sich brachte: Eine spätere Tumorfreiheit kann sie bis heute nicht garantieren.

Vor allem deshalb, weil Krebszellen in eine Art Schlafzustand verfallen und oft erst Jahre später wieder aktiv werden. Daraus folgt: Es reicht nicht, den Tumor an seinem Entstehungsort zu zerstören. Um den Krebs zu besiegen, müsste es gelingen, ihn daran zu hindern, sich im Körper auszubreiten. Das ist umso wichtiger, weil es bei vielen Krebsarten - wie dem Brustkrebs - nicht die Primärtumore sind, die das Leben der Patienten bedrohen: Es sind ihre Metastasen.

Das belegt auch eine Studie der Universität Tübingen, an der 15 000 Brustkrebspatientinnen beteiligt waren. Sie ergab, wie Professor Peter Dall von der Universität Düsseldorf auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe im September 2002 berichtete, ein frustrierendes Ergebnis: Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Brustkrebs mit Tochtergeschwulsten hat sich zwischen 1986 und 1999 nur um einen einzigen Monat verlängert.

Und noch etwas haben die Forscher inzwischen herausgefunden: Die gleiche Art von Krebserkrankung verläuft bei unterschiedlichen Patienten anders. Es gibt also kein allein gültiges Schema für die Krankheit. Hinzu kommt, dass verschiedene Krebsarten sich mit den gleichen Mechanismen im Körper ausbreiten. Dass sich der Brustkrebs bei Patientin A also verbreitet wie der Magenkrebs bei Patient B.

Daraus folgt, dass jeder Tumor entsprechend seiner spezifischen Charakteristika behandelt werden muss - und ein neues Paradigma für die Behandlung. Statt "Seek and destroy" nun "Target and control", was bedeutet, dass Krebs künftig mit einer spezifischen, zielgerichteten Therapie behandelt werden wird. Mit dem Ziel, den Patienten ein möglichst langes und beschwerdefreies Leben mit der Krankheit zu ermöglichen.

2. DIE FIRMA

Olaf Wilhelm, Vorstandsvorsitzender der Wilex AG, hat einen guten Teil des Irrwegs in der Krebsheilkunde miterlebt. Der 43-jährige Amerikaner, "verheiratet, zwei Kinder", kämpft den Kampf gegen den Krebs schon viele Jahre. Und zwar lange bevor er 1997 das heute 40 Mitarbeiter zählende Unternehmen gründete.

Olaf Wilhelm war vor seinem Unternehmerleben Arzt, zum Schluss Oberarzt an der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar. Nicht schlecht für einen jungen Mediziner.

Mehr als zehn Jahre lang behandelte er im Krankenhaus nicht nur Krankheiten, er und seine Kollegen erforschten sie auch. Die Frage, die die Onkologen, also Krebsforscher, beantworten wollten, hatte sich aus ihrer täglichen Arbeit ergeben. Nämlich: Warum bilden manche Krebstumore Tochtergeschwulste und andere nicht? Anfangs fanden sie nur einzelne Fragmente einer Erklärung. Aber sie forschten weiter, bis die Antworten zu den Fragen neue Fragen aufwarfen und alle Antworten zusammengenommen ein schlüssiges Bild ergaben: Da wussten sie, dass sie tatsächlich eine Lösung gefunden hatten. Dazu eine, die sogar die Fachkollegen, die die Forschungen anfänglich für abseitig hielten (Wilhelm: "Die haben uns nicht geglaubt."), anerkennen mussten. Schließlich hatten die Münchner die Daten von tausenden von Patientinnen ausgewertet und festgestellt, dass eine bestimmte Protease (Proteasen sind körpereigene Eiweißstoffe, die eine wichtige Rolle beim Umbau oder bei der Reparatur von Körpergewebe spielen) bei der Metastasenbildung entscheidend beteiligt ist: das so genannte uPA-System (uPA für Urokinase Plasminogen Aktivator). Und sie hatten auch eine Idee, wie man sie daran hindern könnte, ihr verhängnisvolles Werk zu beginnen.

Aber ein gelöstes Problem zieht oft ein neues nach sich. Was nämlich wollten die Wissenschaftler eigentlich mit ihren Erkenntnissen anfangen? Eine praktische Umsetzung, also die Entwicklung eines Medikamentes, an der Klinik, war unmöglich. Zudem hatte niemand Erfahrung auf diesem Gebiet. Natürlich erwogen die Forscher, ihr Wissen zu verkaufen. Aber dann hätten sie aus der Hand geben müssen, was sie seit so langer Zeit antrieb. Sie berieten sich und entschieden, dass sie stattdessen eine eigene Firma gründen wollten. Der, der dann tatsächlich seine Krankenhaus-Karriere aufgab, war Olaf Wilhelm. Seine Partner Professor Manfred Schmitt und Viktor Magdolen waren zwar an der Gründung beteiligt, wechselten aber die Seiten nicht.

So wurde aus dem Arzt Olaf Wilhelm der Unternehmer und Vorstandsvorsitzende und aus den Ergebnissen der Forschungen das Fundament für die Wilex AG. Im Herbst 1998 nahm die Firma ihren Geschäftsbetrieb auf. Allerdings: Die Sache mit dem Geld lief nur schleppend an. Venture Capitalists mit Biotech-Erfahrung gab es damals auf dem deutschen Markt nur sehr wenige. Die Ausrichtung der Wilex auf die Entwicklung von Wirkstoffen machte das Unterfangen nicht leichter, denn die bekannten Unternehmen der Branche, die Qiagens, Evotecs oder Morphosys sind Plattform-Unternehmen. Sie entwickeln selbst keine Wirkstoffe, sondern verdienen ihr Geld mit Techniken, die Medikamente entdecken helfen.

Das Risiko bei einer Firma wie Wilex ist ungleich höher. Viel kann schief gehen auf dem Weg zum Medikament: Das Gros der Wirkstoffe schafft es nicht bis zur Zulassung, oftmals scheitern sie bereits vor der klinischen Prüfung, weil etwa ihre Nebenwirkungen zu groß sind. Und selbst dann, wenn sie die klinischen Prüfung hinter sich haben, kann sich immer noch herausstellen, dass sie keine signifikante Verbesserung gegenüber bereits existierenden Wirkstoffen darstellen.

Schlussendlich gewann Wilhelm die Beteiligungsgesellschaft Apax als einen ihrer wichtigen Finanziers. "Was für unsere Investitionsentscheidung ausschlaggebend war: Wilex kam bereits mit einer konkreten Produktidee zu uns kam", erinnert sich Karen Hitschke von Apax, die damals den Deal betreute. Insgesamt hat Wilex mittlerweile 38,5 Millionen Euro von verschiedenen Gesellschaften bekommen, darunter neben Apax TVM, Merlin und Earlybird.

Einen beträchtlichen Teil des Geldes hat die Wilex inzwischen ausgegeben, um ihr Produktportfolio für Medikamente unter anderem gegen Nierenzell-, Brust-, Magen- und Darmkrebs zu entwickeln. Mittlerweile verfügt das Unternehmen über zwei unterschiedliche Plattformen zur Entwicklung von Medikamenten: Zum einen arbeitet sie mit Antikörpern, die die Krebszellen gezielt angreifen und zerstören sollen. Die Wilex-Antikörper WX-G250 und WX-G250RIT, die gegen Nierenzellkrebs helfen sollen, befinden sich zurzeit in der klinischen Prüfung, was bedeutet, dass eine speziell ausgesuchte Gruppe von Patienten bereits mit ihnen behandelt wird. WX-G250 hat dabei bereits bewiesen, dass es eine gute Verträglichkeit und Wirksamkeit hat.

Die zweite Gruppe von Substanzen, an denen Wilex arbeitet, sind so genannte niedermolekulare Wirkstoffe, Sie sollen gezielt die letztlich tödliche Ausbreitung eines Krebstumors, die Metastasierung, hemmen. Von ihnen hat Wilex mittlerweile einen, das WX-UK1, in der klinischen Prüfung. Die ersten Ergebnisse werden für das zweite Halbjahr dieses Jahres erwartet. Zwei weitere dieser Wirkstoffe befinden sich in der Vorbereitung für klinische Studien.

Wenn alles gut geht, will das Unternehmen 2006, spätestens 2007 mit dem ersten Medikament am Markt sein - mit seinem Antikörper gegen Nierenzellkrebs. Das wäre ziemlich schnell, denn in der Regel dauert es zwischen 12 und 15 Jahren, bis ein Wirkstoff marktreif ist. Wenn Wilhelm und Co. das ehrgeizige Projekt schaffen, hätten sie nur rund acht Jahre gebraucht.

All dies hätte Wilex mit seinen 40 Leuten allerdings wohl kaum allein geschafft. Der maßgebliche Erfolgsfaktor ist, dass die Firma sehr eng mit Kliniken, Universitäten und Forschungseinrichtungen im In- und Ausland zusammenarbeitet. Olaf Wilhelm wird nicht müde, das zu betonen. Eine seiner wichtigsten Verbündeten ist Nadia Harbeck, Oberärztin an der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar. Sie ist wohl das, was man einen Glücksfall nennen kann. Für ihre Patientinnen, die medizinische Forschung und natürlich auch für Wilex. Sie ist eine hervorragende Ärztin. Kompetent natürlich. Außerdem berichten ihre Patientinnen, sie hätten sich selten so gut aufgehoben gefühlt wie bei der Brustkrebsspezialistin. Sie hört zu, gibt Ratschläge. Nicht nur in der Klinik, sondern auch in Chats im Internet und bei Interviews mir der Presse. Sie will den Frauen helfen. Und dazu muss und will sie die Krankheit verstehen, deren Heilung sie sich verschrieben hat.

Mit ihren Untersuchungen und Studien am Krankenhaus unterstützt sie auch Wilex, deren Chef Wilhelm sie noch aus der gemeinsamen Zeit am Klinikum rechts der Isar kennt. Für ihre Studien über die Bedeutung des uPA-Systems bei Brustkrebs wurde Harbeck unter anderem 2001 auf dem renommierten Krebskongress der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (AS CO) mit dem Preis für den besten wissenschaftlichen Beitrag ausgezeichnet. So etwas hilft natürlich auch Olaf Wilhelm und der Wilex. Denn die Akzeptanz in der Expertengemeinde ist für einen Newcomer mit innovativen Ideen im eher konservativen Medizinerumfeld durchaus hilfreich. Auch, weil sie andere beeindruckt. Und das kann bei der nächsten Finanzierungsrunde entscheidend sein - Wilex ist nur noch bis 2004 mit Kapital versorgt. Karen Hitschke von Apax sieht die Firma für die Kapitalsuche gut positioniert: "Wilex gehört zu den wenigen deutschen Biotech-Firmen, die eine gute Expertise in der klinischen Entwicklung im Bereich der Krebsmedizin hat", sagt sie.

Das Risiko der Firma, so Hitschke weiter, liege naturgemäß darin, dass es die Produkte am Ende nicht auf den Markt schaffen. Aber am Ende sei es weniger die Frage, ob Wilex überhaupt Geld bekäme, sondern wie hoch die Bewertung ausfalle. Um das festzustellen, bewerten die Geldgeber etwa die Aussichten, ob es der Firma gelingt, ihr Wissen an einen großen Konzern zu lizensieren - und dabei Geld zu verdienen. Noch eine weitere Möglichkeit bietet sich Wilex: Sie könnte ihre Expertise in der klinischen Forschung anbieten, etwa indem sie selbst Produkte anderer Unternehmen lizensiert.

Olaf Wilhelm weiß all das. Natürlich. Wie sieht er die Zukunft seiner Firma? "Fragen Sie mich als Menschen oder als Manager?", fragt er zurück. Und gibt sich dann wieder bescheiden - vielleicht aber nur realistisch: "Zunächst einmal müssen wir in diesen schweren Zeiten überleben." Aber es sehe gar nicht so schlecht aus: "Wir haben bewiesen, dass wir es schaffen, einen Stoff in die klinische Prüfung zu bringen. Nun wollen wir beweisen, dass wir es schaffen, ihn durch die Klinik zu bekommen." Und danach? " Danach wollen wir es schaffen, unsere Medikamente auf den Markt zu bringen", sagt er. Würden Sie verkaufen, wenn sich ein interessantes Angebot ergibt? Schweigen. Dann: "Wenn es strategisch für das Unternehmen vorteilhaft ist, ja." Aber das sagt nur der Manager.

3. DER WEG

Olaf Wilhelm und seine Partner haben lange Zeit gebastelt, bis sie dem uPA-System auf die Spur kamen, das letztlich zur Gründung des Unternehmens führte und gewissermaßen dessen die Keimzelle ist. Die ersten Untersuchungen begannen vor mehr als zwölf Jahren am Klinikum rechts der Isar. Die Ärzte dort hatten beobachtet, dass viele ihrer Brustkrebspatientinnen nach der Entfernung des bösartigen Gewebes und einer anschließenden Bestrahlung offenbar geheilt waren und sich bei ihnen keine Tochtergeschwulste entwickelten. Bei anderen mit augenscheinlich vergleichbarem Befund und gleicher Behandlung entwickelten sich dagegen nach einiger Zeit Metastasen. Und das, obwohl - wie bei der anderen Gruppe auch - die Lymphknoten in den Achselhöhlen noch nicht befallen waren. Eine Erklärung dafür hatten die Mediziner nicht.

Um die Frage nach dem Warum beantworten zu können, untersuchten sie über Jahre das frische Tumorgewebe ihrer Patientinnen. Dabei stellten sie fest, dass sich auf manchen der untersuchten Tumorzellen ein bestimmtes System von Enzymen befindet, eben das uPA-System. Und sie fanden heraus, dass es offenbar diese Tumore waren, die entweder schon gestreut hatten oder nach der Operation Metastasen verursachten. In jedem Fall ließ sich " eine hohe Signifikanz" der Protease für die Metastasenbildung feststellen, wie Olaf Wilhelm es korrekt ausdrückt. Mittlerweile gilt als gesichert, dass das uPA-System eine zentrale Rolle bei der Metastasierung nicht nur bei Brustkrebs, sondern auch bei Magen-, Eierstock-, Lungen- und Darmkrebs spielt.

Diese Erkenntnis wurde von der Fachwelt lange Zeit belächelt. "Sie war zu neu und machte für die meisten keinen Sinn", sagt Wilhelm. Aber in München ließen sie nicht locker. Sie hatten immerhin mehr als 8300 Brustkrebs-Fälle untersucht und dabei festgestellt, dass das uPA-System, bestehend aus dem Aktivator uPA, seinem Rezeptor und seinem Inhibitor PAI-1, dem Tumor ermöglicht, zu wandern und ihm zudem einen Wachstumsimpuls gibt. Sie fanden heraus, dass das uPA-System, wenn es auf der Tumorzelle aktiv ist. Tumorzellen befähigt, die umgebenden gesunden Gewebezellen aufzulösen: Erst so gelingt es ihnen, Tochtergeschwulste in anderen Teilen des Körpers zu bilden.

Das funktioniert so: Die Krebszelle löst die gesunden Gewebsschichten auf, bis sie in ein Blutgefäß oder in die Lymphe gelangt. Per Blut oder Lymphe lässt sich die Zelle in andere Körperregionen transportieren. Dort lagert sie sich an der Gefäßwand an, dringt in benachbartes Gewebe ein und bildet einen neuen Krebstumor. Zusätzlich sorgt das uPA-System in Kombination mit anderen molekularbiologischen Systemen dafür, dass sich die Krebszellen schneller teilen und der Tumor wachsen kann. Und es hilft dem Tumor und den Metastasen, sich ein eigenes Blutgefäßsystem zu schaffen. Durch die so genannte Angiogenese gelingt es ihm, sich besser mit Nährstoffen zu versorgen und sein weiteres Wachstum zu sichern.

Bis heute weiß niemand genau, was die Zellen tatsächlich dazu bringt, sich zu verändern und Krebs zu verursachen. "Die Krebszelle ist eine Zelle, die der körpereigenen Regulation entgleitet. Wie andere Zellen auch, will sie überleben. Um das zu gewährleisten, wachsen und wandern diese Zellen", sagt Nadia Harbeck. Warum sie dies tun, sei eines der Rätsel, die die Medizin noch zu lösen habe.

Mittlerweile weiß man allerdings, dass auch gesunde Menschen immer mal wieder im Leben Krebszellen in ihrem Körper haben. Allerdings werden sie in den meisten Fällen vom Körper erkannt und von so genannten Killerzellen zerstört. Manchmal aber versagt die körpereigene Abwehr. Das liegt daran, dass Krebszellen außerordentlich geschickt sind. Sie beherrschen den Trick der Maskierung und werden von der Immunabwehr nicht immer erkannt.

Wenn der Krebs also noch nicht bei seiner Entstehung bekämpft werden kann, muss man sich vorerst auf die Möglichkeiten der Behandlung konzentrieren. Den Wissenschaftlern an der Klinik gelang es schließlich, eine Substanz zu identifizieren, die das uPA-System ziemlich sicher aushebeln kann.

Die Entwicklung dieser Substanz bis hin zu einem Medikament ist und war die Geschäftsidee der Wilex.

Mit einem solchen Medikament könnte es gelingen, bei Patienten, auf deren Tumoren erhöhte uPA-Werte gemessen werden, die Bildung von Metastasen zu blockieren. Im Moment hat die Wilex mit WX-UK1 einen Stoff in der klinischen Prüfung, der zumindest im Tierversuch erfolgreich bewiesen hat, dass er die Metastasierung hemmt. Die ersten Erkenntnisse darüber, wie er bei Menschen wirkt, werden im Herbst erwartet.

Bis die Medikamente auf den Markt kommen, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Aber von der Möglichkeit den uPA-Spiegel zu messen, profitieren die Patienten bereits jetzt: Die Werte von uPA und seinem Inhibitor PAI-1 lassen sich auch als Prognosefaktoren verwenden. Sie sind Indikatoren für die Aggressivität und damit für den Verlauf der Erkrankung. Ein erhöhter Wert eines oder beider Faktoren bedeutet: Das Metastasen-Risiko ist hoch. Ungefähr 50 Prozent aller Brustkrebspatientinnen mit nodal negativem Befund, also bei denen die Lymphknoten in den Achseln nicht befallen sind, haben einen niedrigen uPA-Spiegel. Das sind die, von denen Nadia Harbeck sagt: "Sie gelten nach heutigem Wissensstand als geheut", wenn der Tumor entfernt ist und die Brust bestrahlt wird.

Die anderen Patientinnen allerdings müssen damit rechnen, einen Rückfall zu erleiden. Es sind die, deren Tumore einen hohen uPA- und PAI-1-Wert aufweisen. Diesen Zusammenhang haben Nadia Harbeck und ihr Team in ihrer von der AS CO ausgezeichneten Studie, an der mehr als 8300 betroffene Frauen teilgenommen hatten, nachgewiesen. In einer weiteren Studie teilten die Wissenschaftler diese Hochrisikogruppe in zwei Gruppen. Eine Gruppe erhielt keine Medikation, die andere bekam eine milde Chemotherapie. Das Ergebnis: Die Frauen der Gruppe, die zusätzlich behandelt wurde, hatten eine 44 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. In einer dritten Untersuchung mit 3500 Patientinnen gelang es der Ärztin zu beweisen, dass Brustkrebspatientinnen mit einem hohen uPA-Wert besser auf die Chemotherapie ansprechen als Patientinnen mit einem niedrigen Wert. Das bedeutet: Sie haben sie also nicht nur nötiger - sie schlägt auch besser an.

In einigen Kliniken, in München und auch am Universitätsklinikum in Hamburg, gehört der uPA-Test bereits zur Routine. Und seine Ergebnisse wirken sich konkret auf die Behandlung der Patientinnen aus. Diejenigen mit niedrigem uPA-Spiegel und gesunden Lymphknoten müssen sich aufgrund des neuen Wissens nicht mehr einer Chemotherapie unterziehen, die bis heute unangenehme Nebenwirkungen hat - wie etwa Übelkeit und Haarausfall. Hat eine Patientin allerdings einen hohen Spiegel, bekommt sie nach der Operation zur Sicherheit eine Chemotherapie oder eine Hormonbehandlung.

"Durch den Test kann man also den allermeisten Patientinnen ohne befallene Lymphknoten in den Achselhöhlen eine Chemotherapie ersparen", sagt Nadia Harbeck. Und umgekehrt sicher sein, dass diejenigen, die sie brauchen, sie auch bekommen. Heute allerdings, schätzt Oberärztin Harbeck, werden "95 Prozent aller Brustkrebspatientinnen zusätzlich mit einer unterstützenden Therapie wie Chemo behandelt, das ist, wie wir wissen, eindeutig zu viel".

Der Test indes, das geben sowohl Harbeck als auch Wilhelm zu, hat eine entscheidende Schwachstelle: Er funktioniert nur, wenn das Gewebe frisch ist. In der Praxis allerdings werden die herausgeschnittenen Gewebeteile in eine Formalinlösung gelegt. Damit lässt sich das uPA-System nicht mehr auf der Tumoroberfläche nachweisen.

Noch einen Feind hat der Test: die Ärzteschaft. Bislang lehnen viele Mediziner den Test ab - auch wenn sie von Patientinnen angesprochen werden, mit zum Teil erstaunlichen Begründungen: ,Das lassen Sie mich mal entscheiden" oder "So etwas brauchen wir bei Ihnen nicht" - wenn sie denn überhaupt von dem Test gehört haben.

Experten wie Professor Günther Bastert, Chef der Universitäts-Frauenklinik in Heidelberg, können das nicht verstehen: "Die Datenlage ist ausreichend für eine positive Beurteilung des Tests", sagt er. Seine Klinik wird sich jedenfalls an der bundesweiten Studie beteiligen, die demnächst beginnen soll. Aber auch er sieht die Probleme bei der Auswertung. Denn um das Gewebe frisch zu halten, muss es eingefroren und an die auswertenden Labors geschickt werden. Beim Einfrieren und beim Transport darf nichts schief gehen - sonst sind die Ergebnisse des Tests nicht mehr aussagekräftig. Einen weiteren Schwachpunkt sieht er darin, dass die erforderliche Menge von 200 Milligramm Gewebe bei sehr kleinen Tumoren kaum zu gewinnen ist.

Hinzu kommt, dass die Labors, in denen die Tumore untersucht und zerschnitten werden, alle entsprechend gut ausgerüstet sein müssen. Für die nahe Zukunft ist er für die flächendeckende Testung skeptisch: "Der Test wird vor allem in Großkliniken routinemäßig angewendet werden."

Wie auch Nadia Harbeck und Olaf Wilhelm setzt er allerdings auf eine nicht zu unterschätzende Kraft: den Druck der Patientinnen. Wie auch die beiden anderen Kollegen hat Bastert beobachtet, dass immer mehr Frauen inzwischen sehr gut informiert in die Sprechstunde kommen. Sie hoffen, dass künftig mehr Patientinnen den uPA-Test verlangen. Ausreden ihrer Ärzte sollten sie nicht gelten lassen: Egal, woher das Gewebe kommt, die Münchner werten es aus. Zurzeit müssen die Patienten und Krankenkassen dafür nicht mal bezahlen - weil die Gewebeproben im Rahmen einer Forschungsstudie ausgewertet werden. Die Kosten für den Test werden sich später um die 50 Euro belaufen, schätzt Nadia Harbeck. Ob die Kassen den Test zahlen? Davon geht sie sicher aus. Schließlich kann er ihnen die weit teurere Chemotherapie in vielen Fällen ersparen.

Bis die ersten Ergebnisse aus der klinischen Studie vorliegen, sind die Chancen für das Medikament kaum einzuschätzen. Nadia Harbeck sagt: "Wir müssen gucken, ob der Wirkstoff die guten Ergebnisse aus der vorklinischen Prüfung auch am Menschen erzielt." Olaf Wilhelm stapelt einstweilen lieber tief: "Auch wenn die Ergebnisse bis jetzt sehr ermutigend sind - wir wollen bei den Patienten keine falschen Hoffnungen wecken."

Aber vielleicht gelingt der Wilex und ihren Partnern der große Wurf. Vielleicht auch nicht - dann war vieles vergebens: Geld, Zeit, Hoffnung. Aber dieses Risiko ist der Versuch, den Krebs zu besiegen, alle mal wert.

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