Ausgabe 08/2003 - Schwerpunkt Elite

Einsame Spitze

Vielleicht regt Ulla Schmidt sich und uns ganz umsonst auf. Explodierende Gesundheitskosten. Chaos der Kassen. Das Ende der Vollversorgung. Wer weiß? Schon in einigen Jahren werden Menschen morgens, hoffentlich nach dem Zähneputzen, ein Stückchen Papier von einer perforierten Rolle reißen und es kurz mit ihrer Zunge berühren. Das bisschen Speichel wird genügen, um klar zu machen: Mit dir ist alles in Ordnung.

Oder: Geh doch mal zum Arzt.

Der hat die Biodaten seines Kunden gespeichelt. Medikamente werden fein auf die Befindlichkeiten abgestimmt. Es wird nicht mehr mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Alles zusammen ist weit günstiger, als durch pauschal verordnete, aber teure Medikamente Pannen zu beheben, die letztlich als teurer Totalschaden mit langem Siechtum in der so genannten Hightech-Medizin landen. Sicher, eine gute Sache. Wäre nicht schlecht zu wissen, was einem wirklich fehlt und was einen wieder gesund machen könnte. Doch wer will das schon? Das Zutrauen, das Politiker und Publikum in ihre Forschungseliten haben, ist - vorsichtig formuliert - gleich null.

Dass Lösungen für bestehende und zukünftige Probleme von denen, die als Wissenselite dafür bezahlt werden, gelöst werden könnten, glaubt kaum jemand.

Und schon gar nicht, dass Wissenschaftler möglicherweise nicht nur Neues, wenig Verständliches herausfinden, sondern, man stelle sich das mal vor, die Gesellschaft durch Wissenzuwachs aus der finanziellen Malaise rühren. Wir leben in einem Land, in dem vor allem jenen Wissenschaftlern, die sich zwischen Physik und Biologie harten naturwissenschaftlichen Studien verpflichtet haben, weniger Respekt und Anerkennung entgegenströmt als einem x-beliebigen Sternchen im Vorabendprogramm. Nicht nur das Volk, auch das Führungspersonal scheint von Forschem nicht viel zu halten. Bundespräsident Johannes Rau macht in seinen Reden gern deutlich, was Biologen, Physiker, Chemiker und andere Repräsentanten tief unverständlicher Wissenschaften zu erwarten haben:

Widerstand und Misstrauen.

Mal fordert Rau kritische Intellektuelle, Sozial- und Geisteswissenschaftler, auf, sich in die Debatte um die Gentechnik und Biotechnologie mehr einzumischen, dann wieder fordert er das Verbot gentechnischer Forschung, "bis alle begründeten Zweifel ausgeräumt sind" . Das ist mehr als die Rache des Mieters im Berliner Schloss Bellevue, dessen Toilettenanlagen nicht funktionieren, was letztlich irgendwie den mangelnden Kenntnissen ausrührender Ingenieure (Naturwissenschaftler!) zuzuschreiben wäre. Schon 1996 wurde in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ausgelotet, welche Forschung den Deutschen wichtig ist. Angeführt wurden die 16 international erfolgreichsten und zukunftsträchtigsten Gebiete. Und mehr als die Hälfte davon sollten nach dem Willen des Volkes gleich verboten werden. So ist die beiläufige Antwort eines in den USA lebenden Forschers auf die Frage, was denn ein deutscher Forscher brauche, um internationale Anerkennung zu erlangen, irgendwie logisch: "Ein Flugticket." Die deutsche Wissenschaftselite lebt in einem seltsamen Zwiespalt. Naturwissenschaftler, Physiker, Chemiker, Biologen, die wir eigentlich mit dem Begriff meinen, leben in einem Staat, in dem Geistes- und Sozialwissenschaftler das Sagen haben.

Nirgendwo wird zwischen Geistes- und Naturwissenschaften so strikt getrennt wie in Deutschland. Interdisziplinäres Arbeiten hat immer noch den Charakter eines launigen Happenings.

Fast alle deutschen Nobelpreisträger nach dem Zweiten Weltkrieg müssen, um sich von einem kleinen Kreis Eingeweihter in ihrer Heimat feiern zu lassen, ein Flugticket buchen - diesmal zurück. Denn Deutschlands Wissenschaftselite lehrt und forscht vorwiegend in den USA und Großbritannien. Eine langfristig wirkende Elite konnte sich hier zu Lande nie ausbilden. 1911 wird im Hightech-Boomland Deutschland die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) gegründet. Es ist der Versuch einer privatwirtschaftlichen Initiative, das ungeheure Wissen deutscher Physiker, Chemiker und Mediziner zu bündeln.

Die Deutschen sind einsame Klasse: Albert Einstein. Fritz Haber. Werner Heisenberg. Emil Fischer. Conrad Röntgen. Robert Koch. Emil Behring.

Nachdem 1912 in Berlin-Dahlem die ersten Forschungsstätten der KWG eröffnet werden, haben die Spitzenleute ganze zwei Jahre Zeit, ungestört zu arbeiten. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Viele Naturwissenschaftler forschen für Kriegszwecke, etwa der Nobelpreisträger Fritz Haber. Der Brain Drain, die Abwanderung von Wissenschaftlern, beginnt in den zwanziger Jahren, noch vor der Machtergreifung der Nazis. Damals in ein Land, das die meisten deutschen Talente anzieht: die USA, die aufstrebende, hungrige, technikorientierte Großmacht. Vannevar Bush, der große Organisator des amerikanischen Wissenschaftsbetriebes, der Chefplaner des Manhattan-Projektes zur Entwicklung der Atombombe, der Meisters der Zusammenführung von Spitzenforschem zu einem Ziel, wird den Aufbau der KWG in den dreißiger Jahren genau studieren. Für ihn wie auch für die Planer der Hochleistungszentren des Wissens, Harvard, Oxford, Stanford, sind die frühen Tage der KWG Leitbild. Aus Emigranten, die Deutschland 1933 in Scharen verlassen, werden überzeugte Amerikaner. Albert Einstein schreibt im März 1933 einen offenen Brief, gerichtet an seine Landsleute:

"Solange mir die Möglichkeit dazu offen steht, werde ich mich nur in einem Land aufhalten, in dem politische Freiheit, Toleranz und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz herrschen."

Er wird zeitlebens diese Zeilen nicht zurücknehmen. Als die Alliierten in Berlin einrücken, suchen sie in den Kaiser-Wilhelm-Instituten keine Spitzenforscher. Sie suchen Kriegsverbrecher. Der greise Max Planck schart die Reste der einstigen Forscherelite um sich. 1948 wird die nach ihm benannte, bis heute mit mehr als dreieinhalbtausend Wissenschaftlern größte deutsche Spitzenforschungs-Organisation gegründet.

Die Max-Planck-Gesellschaft bringt Deutschland zurück in die Forscherelite.

15 Nobelpreise in den fünf Jahrzehnten nach Kriegsende. Immerhin. Es ist ein Teilwiederaufbau. Erstens: Der Faschismus und die permanente innenpolitische Instabilität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben unabhängigen deutschen Forschem zu Hause kaum Chancen geboten. Das Exil, und nicht nur das durch Verfolgung im Dritten Reich erzwungene, war die logische Folge. Zweitens: Vor allem den Amerikanern gelang es, interdisziplinäre, auf Ziele gerichtete Forschung richtig zu managen. Die USA waren nicht nur der eindeutige Sieger des Krieges, sie boten auch eine gesellschaftliche Perspektive, eine Zukunft, die den europäischen Ländern auf Jahre hinaus fehlte. Forschung in Übersee hatte ein Ziel, den gesellschaftlichen Aufbau. Drittens:

Aus zweitens folgt: In den USA gab es einen gesellschaftlichen Forschungszweck, große Projekte, nicht der hier übliche Fokus auf Einzelleistung.

Der Kampf gegen Krankheiten, die Raumfahrt, der Computer. Das sichert den beteiligten Forschem auch Respekt und Anerkennung über die Fachkreise hinaus.

Respekt ist die härteste Währung für hart Denkende.

Schließlich: Im und noch weit um den militärisch-industriellen Komplex der USA standen in Zeiten des Kalten Krieges ungeheure Mittel zur Verfügung. In Deutschland war es zudem für Forscher praktisch unmöglich, selbst an den Früchten ihrer Arbeit zu partizipieren. Die Ergebnisse staatlicher Forschung gehören dem Staat. Und die Forscher, die es auf eigene Faust versuchen und ein Unternehmen gründen, müssen dicke Bretter bohren. Ihnen fehlt das Geld. Und die Zeit, die sie brauchen, um es einzuwerben, fehlt ihnen bei ihren Forschungsarbeiten, sagt Eva Schulz von der Potsdamer Firma Brainshell. Schulz, selbst Physikerin, und ihre Kollegen haben aus dem Dilemma der Forscher eine Geschäftsidee gemacht. Brainshell vermittelt zwischen Forschem und Unternehmen, kümmert sich um Patente und ihrer Verwertung. Und nimmt den Wissenschaftlern damit vieles ab, was sie wertvolle Zeit kostet.

Die Verzahnung von Forschung und Ökonomie wird immer kleinteiliger - im besten Sinne. Doch die wenigsten Forscher wollen oder können auch Kaufleute sein.

Die gute Nachricht aber ist: Vor allem die neuen Hoffnungsträger der Naturwissenschaften, allen voran die Biotechnologie, haben relativ überschaubare finanzielle Risiken. Eine Million Euro für ein Genlabor genügt, um - entsprechendes Spitzenwissen vorausgesetzt - in der Liga zu spielen, die früher mal nur Großkonzernen und staatlichen Schwerpunkteinrichtungen vorbehalten war. Die Transformation von Großtechnologie auf intelligente Wissensware prägt die jüngste Forschergeneration bereits: Fast die gesamte Biotechnologie-Szene in der Bundesrepublik besteht aus jungen Forschem, die direkt von der Universität in die Geschäftsführung von Unternehmen gingen, nicht selten in die eigenen. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits mit der ebenfalls vor allem auf Know-how und Innovation ausgerichteten Computer- und Softwaretechnik ab Mitte der siebziger Jahre ab. Nicht mehr Kolosse an Rechenleistung waren gefragt, sondern "elegante" Lösungen, die ganz konkrete Probleme zu lösen im Stande waren. Mit den neuen Technologien wurde der abgehobene Forscher zum Auslaufmodell.

Allerdings ist auch die Basis geschwunden, von der aus die neuen Forscherunternehmen starten können. Es fehlt an Nachwuchs.

Dahinter verbirgt sich, vermutete schon vor zwei Jahren Herbert Markt, der ehemalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, schlicht und ergreifend auch Faulheit: Einschlägige Studien über die Absolventen "harter" naturwissenschaftlicher Studiengänge in Deutschland - wie auch in den USA - belegen, dass vor allem die Kinder von Zuwanderern den nötigen Fleiß aufbringen, sich statt mit Altphilologie und Pädagogik dem Stress von Diskreter Mathematik und Quantenphysik auszusetzen. Und die kommen nicht gern nach Deutschland, weil ihnen hier die Perspektiven fehlen. An manchen Instituten werden mittlerweile händeringend gute Doktoranden gesucht. Aber selbst die offenbar leidensfähigeren Asiaten können sich für eine solche Stelle hier zu Lande nicht begeistern, sagt Ortwin Renn, Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart. Dass das so ist, liegt seiner Einschätzung nach daran, dass so mancher Professor seine jungen Kollegen als billige Arbeitskräfte missbraucht. Zwar seien die Veranstaltungen, mit denen die einschlägigen Institute die Jugend für die Naturwissenschaften begeistert wollen, mittlerweile wieder ganz gut besucht - am Ende entschieden sich die meisten aber lieber für Studiengänge wie Betriebswirtschaftslehre. "Da kann ich meine Talente ebenso gut einbringen und verdiene mehr Geld", begründen die Hoffnungsträger laut Renn ihre Wahl. Das ist bitter, denn es sind ohnehin nicht allzu viele Schüler, die sich für Naturwissenschaften interessieren. Etlichen anderen wurde bereits in der Schule die Lust an der Materie gründlich ausgetrieben; man hat ihnen dort nicht beigebracht, wie spannend Forschung sein kann. Sie übersehen naturwissenschaftliche Berufe nicht etwa, weil sie dafür zu dumm wären - es fehlt ihnen hier zu Lande an Vorbildern, an gesellschaftlichen Zielen, die damit zu erreichen wären. Und das Desinteresse steigt.

Noch 1991 schrieben sich 10 000 Studenten in Deutschland für Physik ein. Zehn Jahre später waren es kaum mehr als die Hälfte. Und die Zahl der Absolventen war von 3500 auf 1500 pro Jahr gesunken.

Biotechnologen suchen immer noch ihr Flugticket - auch elitebewussten Bundesländern wie Bayern gelingt es mit Schwerpunktzentren wie Martinsried bei München nur teilweise, das Potenzial im Lande zu halten. Nun ist es nicht allein die Wissenschaftsfremdheit der herrschenden Eliten der Bundesrepublik allein, die mal treffend als Diktatur der Soziologen beschrieben wurde. Interdisziplinäre Arbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern ist in Deutschland weithin unbekannt. Die eine Seite steht zum Establishment, die andere ist gesellschaftlich isoliert. Spätestens seit den siebziger Jahren und dem Paradigmenwechsel, der rasch von einer nachvollziehbaren Technikskepsis zu einem unkritischen Technikhass umschlug, wird naturwissenschaftlichen Eliten in Deutschland bestenfalls pro forma Anerkennung gewährt. Ortwin Renn sagt von sich selbst, dass er Studenten und Wissenschaftler jahrelang ermutigt hat, interdisziplinär zu arbeiten: "Heute kann ich es niemandem mehr raten." Die Mühe, hat er festgestellt, lohnt nict. In manchen Fällen habe sie den Leuten sogar geschadet. Die Naturwissenschaftler honorieren den Mehrfach-Aufwand der Kollegen nicht, ("Da kommt wieder so ein linker Chemiker"), die Geisteswissenschaftler fühlen sich latent bedroht. Zudem sind die Computer-Programme seiner Meinung nach häufig nicht gut genug. Unter anderem, weil die Naturwissenschaftler dazu neigen, zu glauben, "das bisschen Sozialwissenschaft ginge auch nebenbei". Und wenn das Geld knapp ist, konzentrieren sich die Spitzenkräfte an den Universitäten ohnehin lieber auf den Erhalt ihrer ureigenen Spezialitäten.

Wie also wird man Wissenselite?

"Zwar mag es angesichts der Vielzahl eigens zur Verwertung wissenschaftlicher Leistungen eingerichteter Komitees und Begutachtungsgremien so aussehen, als ginge es gerade in der Wissenschaft besonders demokratisch und sachlich zu; aber dieser Eindruck trügt", schreibt Beate Krais im Kursbuch "Die neuen Eliten". Was Krais anspricht, sind die Beziehungsnetze der Wissenschaftler, die es längst nicht mehr nur im nationalen Rahmen gibt.

Das ist gut, denn viele Forscher aus Deutschland leiden gar nicht erst lange an der heimischen Ignoranz, sondern wandern zur Probe - mit einem Stipendium des Deutschen Akademiker Austausch Dienstes (DAAD) versehen - gleich aus.

Das ist die gute Seite, denn eine globalisierte Welt kann gut auch global mobile Forscher vertragen. Doch daneben gibt es elitäre, enge Kriterien dafür, wer in einem Fach der Beste ist. Nobelpreise etwa werden von einer kleinen Gruppe von Experten vergeben. Acht bis zehn Fachleute brüten ein Jahr lang über mögliche Preisträger. Die Experten wiederum gehören in aller Regel elitären Klubs an, die sich einer - und sonst keiner - Lehrmeinung verschrieben haben. Je nach Zusammensetzung der Jury erhält dann ein Kandidat, der sich einer dieser dogmatischen Schulen zurechnet, den Preis. Der Rest hofft, dass seine Lobby zum Zuge kommt. Beim vermeintlich anderen Nobelpreis, dem Alternativen, geht's genauso zu: Ausgezeichnet wird, was ins Weltbild passt. In diese kleine, enge Welt passt auch das Auswahlverfahren bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Ob "Science", das Flaggschiff der Forscherpostillen, einen wissenschaftlichen Beitrag druckt oder nicht, hängt stark von den Pressure Groups der Wissenschaftsgemeinde ab. Wagen die Herausgeber doch mal etwas Unkonventionelles, dann fliegen die Fetzen.

Das Dogma lebt in der Regel am stärksten dort, wo man am lautesten behauptet, man wolle es aufbrechen.

"Der Strukturwandel wird auch an der Wissenschaft nicht vorbeigehen", sagt Ortwin Renn. Künftig werde die Habilitation, immer noch eine Art Ritterschlag für Wissenschaftler, nicht mehr eine so große Rolle spielen. Damit wären die Professoren zumindest teilentmachtet. Auch die vielen Publikationen werden ihre Funktion als Leitwährung und Alibi abgeben. "Drei bis vier gute Artikel im Jahr werden reichen", ist Renn überzeugt.

Richtig ungemütlich aber dürfte es werden, wenn auch an den Hochschulen Leistungsprinzipien eingerührt würden.

Noch wehren sich die Altvorderen vehement dagegen. Aber viele ihrer jüngeren Kollegen, die etwa in den USA an Hochschulen gearbeitet haben, sehen nicht ein, dass die, die am meisten leisten, nicht auch das meiste Geld verdienen sollten. Sicher: Moderne Wissenschaften sind komplex, fein ziselierte Arbeiten des Superdetails und nur selten gewaltige Umbrüche, die jeder versteht. Und Vertrauen ist auch in der Scientific Community ein rares Gut. Einstein etwa baute seinen Ruf in der Öffentlichkeit weitgehend auf Vertrauen auf, meist sogar auf blindes. Zeitgenössische Kommentatoren wiesen gern und oft darauf hin, dass seine spezielle und allgemeine Relativitätstheorie "von der Menschheit nicht bis ins Detail verstanden werden", wohl aber zeige der ganze Auftritt des zauseligen Professors, dass hier einer am Werke sei, "dessen Gedanken nicht aus dem Gewöhnlichen geboren sind". Am Vorbild Einstein zeigt sich manches, denn die fehlende Vertrauensbasis deutscher Wissenschaftseliten bei gesellschaftlichen und politische Eliten wie auch beim so genannten kleinen Mann liegt auch im Gestus des Wissenschaftlers. Fern, fremd, schrullig. Frank Muschalle von der Firma Brainshell beobachtet das immer wieder bei der Sichtung der eingereichten Arbeiten. "Viele Naturwissenschaftler sind gewohnt, in ihrer Community im Fachjargon zu kommunizieren. Ihre Zielgruppe ist eben nicht die breite Öffentlichkeit." Wie weit verbreitet diese Annahme in der Praxis ist, musste seine Kollegin, die Physikerin Eva Schulz, am eigenen Leib erfahren. Sie wagte es, bei einem Vortrag an der Universität aus einem " Spiegel-Artikel zu zitieren. Und musste sich prompt eine Standpauke gefallen lassen: "Das ist unwissenschaftlich." Und so wird Chance um Chance vertan, für die eigene Sache zu werben. Der Elfenbeinturm ist eine Festung.

Amerikanische Wissenschaftseliten sind, bei allen Defiziten, offensichtlich anders geeicht.

Der weltweit anerkannte Soziobiologe Edward Wilson etwa findet nichts dabei, seine Wissensleistungen so aufzuschreiben, dass halbwegs interessierte Sozialpädagogen auch etwas damit anfangen können. Wilson liest aus seinen Büchern auch mal in Supermärkten. Der Chef des technischen Hochleistungszentrum Media-Lab des MIT, Nicholas Negroponte, ist vorwiegend mit der Aufbereitung von Forschungserkenntnissen seiner Spitzenwissenschaftler in der Öffentlichkeit beschäftigt. In Unterhaltungs-Shows, selbst im amerikanischen Wahlkampf, bei Preisausschreiben und in Boulevard-Blättern bringt Negroponte die Möglichkeiten der Forschung für den Common Man, den einfachen Mann, auf den Punkt. Die intelligente Tapete. Das kluge Handy. Der Information-Superhighway, alias Internet. All das hat das Marketinggenie der modernen Wissenschaften in Klartext formuliert, die Puzzlesteine aus vorhandenem Einzelwissen zu leicht verdaulicher Kost verarbeitet und unters Volk gebracht. Auch ein Stephen Hawking denkt an der vordersten Front tiefer Physik und schreibt doch auch Bestseller.

In Deutschland aber zählen unter Spitzenforschern immer noch die Sozialriten der Universitätsflure mehr als der Kontakt zu den Bürgern, die all die schöne Forschung letztlich bezahlen.

Kein Wunder also, dass diejenigen, die raus wollen aus dem Elfenbeinturm, es nicht leicht haben mit ihren Kollegen. Nebenbeschäftigungen, gar im Auftrag eines Unternehmens, gelten als Hochverrat. "Und werden mit Neid bestraft", sagt Ortwin Renn. Renn hat kaum anderswo eine derart strikte Trennung von Hochschulen und freier Wirtschaft ausmachen können wie hier zu Lande. Immer noch entscheidet sich der deutsche Wissenschaftler für die eine oder andere Karriere. Die echte, die richtige ist dabei selbstredend die an der Universität. Daneben gibt es bislang nicht viel. Das ist dumm, vor allem für die Hochschulen. Die Universität Stanford etwa hat aus dem Wissenstransfer ein überaus lukratives Geschäft gemacht. In Deutschland gilt das immer noch als ehrenrührig.

Ein deutscher Wissenschaftler verkauft keine Visionen. Er verkauft gar nichts. Er forscht.

Wozu? Das wird sich dann schon zeigen. Geht es auch anders? Es geht. So gelang dem studierten Historiker und Journalisten Guido Knopp, woran Generationen von Kollegen scheiterten: das Interesse der Deutschen auf ihre eigene Geschichte zu lenken. Knopp, Chefhistoriker des ZDF, produziert allgemein verständliche Fernsehsendungen - mit Quoten, bei denen RTL-Verantwortliche nervös werden. Einen erheblichen Teil der Einnahmen aus den Bestsellern, zu denen die von ihm herausgegebenen Bücher geworden sind, verwendet Knopp für wissenschaftliche Basisarbeit. Etwa für eine Forschungsgruppe, die Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts in der ganzen Bundesrepublik interviewt, ein Projekt, dessen Bedeutung künftige Generationen schätzen werden. Die Gunst des Publikums bezahlt der Historiker mit allgemeiner Ächtung in der Kollegenschaft.

Mehr aus diesem Heft

Elite 

Halbgötter in Blau

"Da gibt's keine Grenzen! Da gibt's keinen Pass! Der Flieger fliegt und fragt nicht wie noch was", sang Hans Albers. Wie sich die Zeiten ändern. Für die meisten Piloten sind die Höhenflüge vorbei.

Lesen

Elite 

"WENN MAN'S KANN, IST'S KEINE KUNST"

Braucht man Bildungsabschlüsse, um in Deutschland zu Wissen, Wohlstand oder Macht zu kommen? Oder sind Zeugnisse nur lästige Hürden auf dem Weg zur Spitze? Der Versuch einer Antwort anhand von fünf Meistern ihres Faches.

Lesen