Ausgabe 08/2003 - Schwerpunkt Elite

Die Ausnahmen und die Regel

"Jede Gesellschaft kann auf Dauer nur so intelligent, leistungsfähig und erfolgreich sein wie die Menschen, aus denen sie besteht. Es kommt deshalb darauf an, immer wieder Bedingungen zu schaffen, die es erlauben, alle in ihr vorhandenen Fähigkeiten und Talente voll zu entfalten und auszuschöpfen. Dazu gehört zweierlei: - dass alle Menschen die Möglichkeit bekommen, sich zu bilden - die Chancen also gleich sind; - dass die besonders Begabten und Fähigen besser sein dürfen, ja besser sein sollen... Dazu ist es nötig, Leistung zu fördern und sie anzuerkennen ...Es ist kein Luxus, große Begabungen zu fördern, es ist Luxus, und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun."
Alfred Herrhausen

1. NULL, NICHTS UND KEINER

Wenn man im Zusammenhang mit Regierungen, Vorständen, Experten, Mitarbeitern, Chefs und Mitbürgern von Nullen redet, ist jeder gleich beleidigt.

Warum eigentlich? Das deutsche Wort null hat seine etymologischen Wurzeln im italienischen nulla figura, und tatsächlich bedeutet das: nichts. Einen gehörigen Unterschied aber macht es, wenn man das Wort null so verstehen würde, wie es eigentlich von den alten Lateinern in Anschlag gebracht wurde. Nullus. Keiner. So gesehen, können Nullen nichts falsch machen. Weil's keiner war. Schön war's. Ein Land hat dann keine Zukunft, wenn keiner weiß, wohin es geht. Wenn der Mut fehlt, für Ziele einzustehen, und die Null zur Maßzahl wird. Oder wie der polnische Autor Stanislaw Jerzy Lec sagte: Eine Reihe von Nullen wird leicht zur Kette.

Die Glieder einer Kette fühlen sich verbunden, nur: Sie sind es nicht freiwillig, es bleibt ihnen nichts anderes übrig.

Unabdingbar gehört zum Spiel, dass dem Mittelmaß eingeredet wird, es sei etwas Besonderes. Dieses bewährten Tricks bedienen sich seit jeher alle Tyrannen. Sie einigen die Masse dort, wo kein Individuum mehr Platz findet, wo das Brillante, das Außerordentliche, das Besondere verhasst ist. Der lebende Beweis dafür, dass es besser geht, muss weg. Auf dem Nichts, das dann entsteht, darf sich das gemeine Ego ausleben. Wie fließend ist der Übergang zwischen systematischen Verfolgungen, die in totalitären Systemen zum Alltag gehören, und dem Lieblingssport des jahrezehntelang zum Ideal hochgehaltenen Mittelmaßes in den Betrieben, in Politik und Gesellschaft, dem Mobbing aller, die anders sind, besser oder schlechter als der Durchschnitt, jedenfalls mehr als nichts?

Der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch hat in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel" vor zwei Jahren auf den Punkt gebracht, was das freigesetzte Mittelmaß treibt. Man wird sagen können: an sensibelster Stelle, am Beispiel des außer Rand und Band geratenen Nichts, das gleichsam den Deutschen bis heute noch als Bote einer "Elite" gilt, einer abgehobenen Herrschaftsklasse: "Adolf Hitler hatte Fleisch und Blut, aber im Kern saß etwas anderes, nämlich nichts. Ein Hohlraum, der alles Negative, alles Zerstörerische eingesogen hat. Wie ein großes schwarzes Loch. Wie die Personifizierung der Antimaterie. Wenn Antimaterie auf Materie trifft, gibt es eine Explosion. So kann man das auch bezeichnen, was Hitler angerichtet hat."

Es ist geradezu pervers, dass ausgerechnet der Nationalsozialismus, der wahre Eliten aus Leistung und Funktion hasste und oft genug verfolgte, bis heute verhindert, dass in Deutschland über Eliten und Vorbilder geredet werden kann. Wer das zulässt, hilft Hitler - über dessen Tod hinaus.

2. NULL MAL NULL = ESTABLISHMENT

Zur Staatsräson gehört, dass Eliten sich als solche nicht wahrnehmen dürfen. Das führt, ein ungeheurer Fortschritt, nicht mehr zu Mord und Totschlag, aber immerhin zum Stillstand des Landes, in dem die Klügeren, Leistungsfähigeren und Besseren diese ihre Eigenschaften sorgsam verschweigen. Das Nichts hat doch gesiegt.

Was dabei wegbricht, ist eine Tatsache so alt wie die Welt: Jede Gesellschaft lebt von ihren außergewöhnlichen Geistern - von der Brillanz herausragender Persönlichkeiten. Die Ausnahme ist die Regel. Eliten, die sagen, dass sie Eliten sind - also Vorbild und Leitbild - sind in einer demokratischen Grundordnung auch kontrollierbar. Doch wo Eliten sich nicht zu sich selbst bekennen dürfen, herrscht ein Führungs-Sumpf, der so tut, als ob er bestenfalls ein wenig besser gestellt wäre als der Durchschnitt, der bei jeder Gelegenheit betont, nicht anders zu sein als das Mittelmaß - "ein ganz normaler Mensch" - " ein ganz normaler Politiker".

Die Rede ist vom Establishment.

1965, zwanzig Jahre nach Ende des Dritten Reiches, brach der Soziologe Ralf Dahrendorf auf, um nach Eliten zu suchen und das bundesrepublikanische Establishment zu finden. Der Wissenschaftler nannte es "das Kartell der Angst".

In der Bundesrepublik wollte keine Führungsgruppe mehr Elite sein, und schon gar nicht wollten die, die in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft Besonderes leisteten, das im Sinne eines übergreifenden Führungsanspruches in der Gesellschaft tun. Man blieb - ängstlich - unter sich. Für Dahrendorf war die "Vielfalt der deutschen Führungsgruppen eine Vielfalt derer, die eines Tages erschrocken zur Einsicht erwachten, dass sie nunmehr an der Spitze stehen und niemand mehr über sich haben. Der Schreck war stärker als das Selbstbewusstsein, sie waren auf ihre neue Stellung nicht vorbereitet. Und so beschlossen sie, die Ansprüche, die sie aus dieser Stellung ableiten konnten, nicht zu erheben, sondern sich jeweils auf ihren eigenen Bereich zurückzuziehen."

Die Angehörigen der herrschenden Klassen in Vorständen, Bundestag, Regierung, Institutionen und Medien huldigen dem Grundprinzip des Establishments - in Ruhe und unauffällig seinen Teil zu verzehren, statt sich der Verantwortung zu stellen. Nur nicht auffallen. Political Correctness. Dass Führungsdebatten stets als Intrigen, als Ränkespiel, wahrgenommen werden, liegt daran, dass sie Intrigen sind. Offene Debatte über Leistung und Können ist verpönt - da bleibt nur mehr der Schuss im Hinterzimmer.

Die, die so etwas treiben - nicht nur in der Politik - bezeichnen sich schicklich als Akteure, nicht als Elite. Akteure sind die etwas aktiveren Mitglieder von Teams, jenes kollektiven Gebräus, das von vornherein so angelegt ist, dass nichts rauskommt und keiner dabei verantwortlich ist.

3. EXPERTEN

Dumm nur, dass irgendwann irgendwer schuld sein muss. Zwar lehnt die kollektive Mittelmaßgesellschaft Brillanz ab, weil sie den Schatten der eigenen Persönlichkeit länger macht - doch gern hat sie den Sündenbock. Weil sich der im Kollektiv naturgemäß schwer ausmachen lässt, gibt es Experten. Sie sind zum großen Teil zu braven Haustieren des Establishments geworden.

Kein Land der Welt leistet sich so viele externe Berater in der Politik wie die Bundesrepublik. Was bereits unter Helmut Kohl auffällige Praxis war - das Einsetzen von Experten-Kommissionen bei Fragen, für deren Lösung im Grunde Regierungsmitglieder bezahlt werden - nimmt in der Schröder-Republik skurrile Züge an. Nur in der Frage der so genannten Gesundheitsreform musste Schröders Ministerin Ulla Schmidt selbst ran - weil sich schlicht niemand fand, der für das Establishment der Volksparteien die Drecksarbeit als unabhängiger Experte erledigen wollte.

Eigentlich überraschend.

Denn die einst stolzen, freiheitsliebenden akademischen Eliten, die in der Tradition der Aufbruchgeneration von 1968 stehen, sind längst zu respektlos behandelten Lakaien des Establishments geworden. Da beschimpfte der SPD-Vizefraktionschef Ludwig Stiegler den Rentenexperten und Kommissionsvorsitzenden Bert Rürup - der übrigens wie die anderen Mitglieder seines Gremiums unbezahlte Expertenarbeit leistete -, weil der es gewagt hatte, einzelne Aspekte der Rentenreform offen zu diskutieren: Vom "Professorgeschwätz habe er die Schnauze voll", tobte Stiegler.

Befremdlich daran war - nicht ganz nebenbei - dass sich nur wenige Angehörige der wissenschaftlichen und intellektuellen Elite über den geifernden Stiegler empörten. Der wurde in seiner ungebremsten Aggressionslust gegen alle "Besseren" und " Großkopferten" erst durch seinen Herrn und Meister im Kanzleramt gestoppt - mit angemessener Verzögerung. Es schien fast so, als ob der Kanzler das widerspruchslose Abbügeln "seiner" Experten genoss - ohne Widerstand herrscht sich's angenehmer, und das will von Zeit zu Zeit ausprobiert werden. Sicher: Die Maßregelung der geistigen Eliten durch die Politik ist nicht neu. Bemerkenswert hingegen ist, dass sich nicht der geringste Protest dagegen formiert.

All die Forscher und Wissenschaftler, deren Name in den siebziger und achtziger Jahren auf keiner Protestliste fehlte, die allesamt nicht für Axel Springer arbeiten wollten, obwohl sie darum niemand gebeten hatte, sie alle schweigen. Keiner sagt etwas. Nichts geschieht.

Warum?

4. ARBEITSVERWEIGERUNG

Matthias Horx, Zukunftsforscher und Autor, beschäftigt sich beruflich intensiv mit der Suche nach neuen Eliten. Er kennt seine eigene Generation, die Pappenheimer der bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft. Die wurden, meint Horx, doch nicht ihre Brötchengeber kritisieren. Und schon gar nicht sei mit Protest gegen Elitenschelte durch jene zu rechnen, die selbst mal lautstark behaupteten, das alte Establishment zerschlagen zu wollen: "Die 68er und ihre Erben sind vielfach die Empfänger staatlicher Transferleistungen - und sie haben sich einen Staat geschaffen, in dem sie es gemütlich haben wollen."

Nun, das Gleiche gilt auch für konservative Beamte und spießige Lehrer, piefige Angestellte und Gewerkschaftsfunktionäre. Doch halt: Die haben auch nie etwas anderes behauptet.

"Von der Generation, die ihren Anspruch auf die Teilhabe an der Macht damit begründete, die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf zu stellen, die Jahrelang mit Begriffen wie kritische Schule und gesellschaftliches Bewusstsein um sich geworfen hat, von der ist mehr zu erwarten als nichts", sagt Horx. "Und genau diese Schicht tut zurzeit gar nichts."

Tatsächlich ist auffällig, dass sich - ganz anders als seit Jahrzehnten gewohnt - so genannte kritische Intellektuelle aus Diskussionen um die Zukunft des Sozialstaats, gesellschaftliche Veränderungen, Arbeitslosigkeit oder Bürgerbeteiligung praktisch ausgeschaltet haben. Nur zwischendurch, wenn der alte Erzfeind USA in den Krieg zieht, sieht man wohl genährte Protest-Pensionäre wieder auf den Straßen. Agenda 2010 ? Solidarität mit Arbeitslosen? Konzepte für die Zukunft?

Welche Zukunft? Wir haben doch alles.

Wirtschaft an sich, stellt Horx bei seinen Erkundungsgängen durch die Gesellschaft immer wieder fest, wird vom Kern dieses herrschenden Establishments bestenfalls "als notwendiges Übel" registriert. "Die meisten von denen hielten und halten die New Economy für nichts weiter als einen Trick von oben - und haben nicht begriffen, dass sie und ihresgleichen heute oben sind."

Gleichzeitig weigerten sie sich, die Führungs- und Diskursmacht zu übernehmen, und das sei, so konstatiert Horx trocken, "irgendwie Arbeitsverweigerung".

5. DIE SCHEISS-BESSERVERDIENENDEN

Macht kaputt, was euch kaputt macht - um dann gut bezahlt beim Aufräumen zu helfen. Das ist planlos, aber in den obersten Etagen als Plan angekommen.

Dass der jedem 68er geläufige Grundwiderspruch inzwischen sie selbst sind, haben die traurigen Eliten bis heute nicht begriffen. Gelegenheiten zum Nachdenken hätte es gegeben. Vor zehn Jahren schon schrieb der ehemalige SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz mit Rita Süssmuth und Konrad Seitz sein kritisches Buch "Die planlosen Eliten".

Der Status quo hat sich nicht verändert.

Was war damals Ihr Fazit?
"Wir haben Eliten, die so tun, als ob sie keine sind."

Warum?
"Weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Nur sind sie dummerweise die, die darüber entscheiden, was in dem System passiert."

Was ist Elite, Herr Glotz?
"Jemand, der weiß, dass er die Fäden in der Hand hat und sich auch so verhält."

Was hat das mit Leistung zu tun?
"Das kann man von Elite nicht trennen. Aber sehen Sie: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt (der Vatikan der 68er-Sozialforschung, Anm.) behauptet etwa, dass es heute eigentlich unmöglich wäre, Spitzenleistungen zu definieren."

Vielleicht ist alles so kompliziert geworden, dass selbst die Klügsten nicht mehr ganz durchblicken können?
"Ach Quatsch. Natürlich gibt es Spitzenleistungen, sogar bei uns gibt es Spitzenleistungen, aber das hängt schlicht mit einer Verdrehung der Wirklichkeit zusammen. Man glaubt, dass alle Leute, die nichts leisten, auch unterhalten werden sollen. Und deshalb entscheidet man sich für solche Definitionen."

Was treibt zu solchen Unterschlagungen?
"Die glauben, das ist eine Frage der Gerechtigkeit."

Aber ist denn Gerechtigkeit nicht ein hehres Ziel?
"Was ist das für eine Gerechtigkeit, die jemandem, der Besonderes leistet, die Anerkennung und den Respekt dafür unterschlägt - es gibt eben fünf Prozent der Bevölkerung, und es sind nicht immer nur die Reichsten, die sich besonders schinden und besonders leisten. Eine Gesellschaft, die Zukunft haben will, muss sich klar machen, dass sie diese Leute gut bezahlen und vor allem respektvoll und anständig behandeln muss. An denen darf nicht ständig hemmgefummelt werden, wie das heute üblich geworden ist."

Was sind die Folgen?
"Die guten Leute hauen ab. Dass man ihnen mehr Steuern
abknöpft als anderen, das ist ja überall so. Aber dass sie dann auch noch von einem bestimmten Typus Linker immer als Scheiß-Besserverdienende beschimpft werden, bei jeder Gelegenheit geschröpft und als asozial abgestempelt, das führt dazu, dass die Gesellschaft kaputtgeht. Die guten Leuten hauen ab. Und wir bleiben mit dem Rest im Schlamassel sitzen."

Aber ein Schlamassel ist es eben nur für die, die dem Nivellierungsdruck des regierenden Mittelmaßes nicht standhalten können. Für das Establishment ist der Brain Drain, der in Wirtschaft und Wissenschaft seit Jahren Talente ins Ausland absaugt, überhaupt kein Schlamassel. Im Gegenteil. Wo KEINER mehr da ist, der einem Konkurrenz machen könnte, kann auch NICHTS mehr passieren.

6. DIE GESTALTUNGSELITE

Tja, das müsste man ändern, aber wie? Aus den alten Eliten rekrutieren? Neue Talente anheuern? Klingt einfach. Ist aber schwer. Wo sind die Leitbilder, die Vordenker?

Matthias Horx' Suche nach neuen Eliten verläuft querbeet zu den bestehenden Strukturen. "Zukunftsagenten" nennt er jene, die sich in Parteien, Unternehmen, Verbänden und als Selbstständige dem alten Lagerdenken entziehen. Was unterscheidet sie von den alten Machthabern - außer, dass sie noch nicht am Ruder sind? In erster Linie die Einstellung, dass ihr Leadership nur auf Zeit läuft - und an konkrete Projekte gebunden ist, sagt Horx. Man habe es nicht mit Besitzstandseliten zu tun.

Davon, erzählt Horx, lassen sich nun viele irritieren.

Denn die neuen Eliten würden nicht auf Lebenszeit oder Amtszeit in ihre gesellschaftliche Funktion eintreten, sondern für die Erledigung einer ganz konkreten Aufgabe. Die Voraussetzung dafür aber ist Emanzipation - wirkliche Emanzipation, die nichts weiter bedeutet, als die Leistung anderer anerkennen zu können, weil auch der eigenen Arbeit Respekt entgegengebracht wird. Keine dauerhaften Führer kommen dabei heraus, sagt Horx, sondern "eine eherne Schicht aus Gleichgesinnten und Gleichgestellten".

Drei wichtige Säulen: Respekt, Haltung, Vertrauen. Damit kann auch einer etwas anfangen, der mit 31 Jahren zu einer aufbrechenden Generation zählt, der die Elitenfeindlichkeit der Alt-68er fremd ist: Der Berliner Politikberater Daniel Dettling, der den Verein " Berlinpolis" leitet und jüngst mit Gleichgesinnten den Think Tank "Res Publica" gegründet hat, findet sich - und seine politische Generation - im gegenwärtigen Establishment nicht wieder. "Wir sind anders. Schröder und Fischer sind zweifelsfrei Eliten, aber Macht- und Meinungseliten, keine Gestaltungseliten. Sie gehören einer Nachkriegsgeneration an, die eigentlich zehn Jahre zu spät an die Macht gekommen ist. Vor zehn Jahren hätten sie vielleicht noch etwas gewagt, aber da kam ihnen Kohl und die Wende dazwischen. Heute sind sie nunmehr erschöpft."

Und die neuen Eliten? Daniel Dettling sucht sie noch. Und antwortet mit einem Seitenblick auf die New Economy, mit der er ansonsten nichts am Hut hat. Deren Problem, sagt er, sei ihre Nähe zur Leitkultur gewesen: "Im Grunde genommen hatten sie viele Ähnlichkeiten mit der 68er-Generation - sie lebten und arbeiteten wie in einer Kommune. Man feiert, man trinkt zusammen ein Bier, lebt zusammen, kennt keine Gegner, nur Freunde. Und dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die New Economy hat nicht gelernt, sich als Elite zu verstehen und sich als solche zu organisieren. Das konnte die 68er-Bewegung viel besser."

Ansonsten: viele Ähnlichkeiten. Zum Beispiel, dass sich das neue Establishment vom alten kaufen ließ und das Marsch durch die Institutionen nannte. New-Economy-Gründer glaubten, dass die alte Wirtschaft ihre Fehler eingesehen habe. Nahm deren Geld. Die 68er gingen in die Amtsstuben, die 98er in Konkurs.

Daraus hat Dettling gelernt. Etwa, dass es zu Auseinandersetzungen kommen muss. Dass sich Neuerungen "nicht in aller Freundschaft durchsetzen lassen" . Und er weiß, dass den neuen Eliten "ein ungemütliches Leben bevorsteht". Warum? "Weil die 30- bis 50-Jährigen anfangen müssen, radikal zu denken."

Radikale denken immer über Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit nach. Also zunächst Gleichheit. Wer kann Gleichheit herstellen? Niemand. Der Sohn einer Putzfrau ist genial. Nützt es ihm etwas, dass er gleich behandelt wird wie der doofe Sohn des Bankdirektors? Nicht das Geringste. Vielleicht verstehen das geniale Söhne von Putzfrauen besser als die, die ständig von Gleichheit und vermeintlicher Gerechtigkeit reden. Was der Sohn der Putzfrau braucht, hat einen Namen: eine Chance, Respekt, Anerkennung und die Chance, sein Leben zu leben, was man im Volksmund Freiheit nennen könnte. Gleichheit braucht er sicher nicht.

Chancen und Respekt schaffen ein anderes Klima als jenes, das in Pseudogerechtigkeit und Pseudogleichheit schnurstracks an den Bedürfnissen der Menschen vorbeischrammt - in bester Absicht, mit geringem Nutzen.

Der erste Schritt zum neuen Vorbild muss es sein, findet Dettling, dass "Eliten wieder glaubwürdig werden. Und das geht nur, indem sie sich der Gesellschaft stellen und Verantwortung übernehmen, statt sich in Kuschelecken zu verkriechen. Wenn man wegen Visionen zum Arzt gehen muss, gern - nur werden wir die Strukturen dafür schaffen müssen, dass all jene, die vom alten Establishment ihrer Visionen wegen für verrückt erklärt werden, eine Versicherung für solche Fälle haben". Brüderlichkeit oder, wie man auch sagen kann: Solidarität.

7. NACH BEDARF, NACH BELIEBEN

Zum Neuanfang gehört die Befreiung.

Auch die vom Grauen und Nach-Grauen der Nazi-Diktatur. Dass Begriffe wie Elite, Anstand, Pflichten von den braunen Machthabern missbraucht wurden, kann nicht heißen, sie auf Dauer aus unserem Denkschatz zu verbannen. Die halbe Entnazifizierung, die in der jungen Bundesrepublik einem radikalen Bruch vorgezogen wurde, ist vielleicht die Ursache dafür, dass nur die missbrauchten Wörter verschwanden. Vielen Führungskräften des NS-Staates gelang deshalb der Wechsel in die Bundesrepublik ganz leicht: Man musste nur Wörter dafür schuldig sprechen, was Menschen an und mit ihnen verbrochen hatten.

Die neuen Eliten werden es nicht so leicht haben. Sie werden Handlungs-Eliten sein müssen, auf Zeit, demokratisch kontrolliert, öffentliche Personen, bei denen genau darauf zu achten ist, ob das, was sie sagen, von ihnen auch vorgelebt wird. Die erste Grundvoraussetzung für neue Eliten ist also schlicht, Lügen und Heuchelei zu entlarven und abzuschaffen. Etwa jene, dass Eliten ein Unwort sei.

"Der Begriff der Elite", schreibt der Hamburger Sozialforscher Heinz Bude, "ist demokratischen Ursprungs. Die Bezeichnung entsteht im merkantilistischen Frankreich aus dem Bedürfnis des aufsteigenden Bürgertums, dem Adel in Berufung auf Tugend und Leistung seine Stellung streitig zu machen. Nicht die ständischen Kriterien von Blut und Besitz sollen zählen, sondern die Leistung, die jemand in freier und offener Konkurrenz erbringt. Die Zugehörigkeit zur Elite wird erworben, nicht zugeschrieben (...)." Der italienische Soziologe Vilfredo Pareto formulierte Ende des 19. Jahrhunderts seine Eliten-Theorie, nach der sich stets die etablierten Eliten gegen nachrückende verteidigen müssten - ein ewiges Wechselspiel.

Die alten Eliten schaffen an.
Die neuen Eliten schaffen.

8. VORBILDER

In der real existierenden Bundesrepublik bedeutet das längst -nicht zuletzt des Versagens der alten Eliten wegen -, dass Regeln und Gesetze gebrochen werden müssen, um etwas leisten zu können, etwas Vernünftiges zu tun. Kaum ein Unternehmer hielte sich noch auf den Beinen, wenn er alle gesetzlichen Vorschriften einhalten würde. Wer sich nicht damit begnügt, regelmäßig Sozialhilfe zu beziehen, sondern durch eigene Tätigkeit - durchaus zum Nutzen anderer - eine Eigenleistung zu erbringen, wird mit zunehmender Härte als Schwarzarbeiter verfolgt. Die irren Auswüchse der Handwerksordnung sind dafür ein beredtes Beispiel. Wer sich einer unsinnigen Herrschart unterordnet, obwohl er weiß, dass sie nichts voranbringt, gilt als braver Bürger - der Rest wird kriminalisiert.

Dabei vergessen "die da oben" die eigentliche Triebfeder für künftige Eliten und jene, die dazugehören wollen: "Geld ist nicht die Leitwährung", sagt Michael Opielka, Professor für Sozialökologie in Königswinter, "Eliten bilden sich, weil sie Einfluss haben, ihre Moral leben dürfen und dafür mit Reputation - Respekt - behandelt werden. Jeder einzelne Punkt davon ist wichtiger als Geld." In der Frage, was neue Eliten brauchen, um die dringend benötigten Leitbilder und Vorbilder fürs Land zu sein, entscheide sich letztlich, "ob wir im 21. Jahrhundert endlich in der Aufklärung angelangt sind oder nicht - das bedeutet natürlich Individualisierung, aber verantwortliche Individualisierung".

Jeder ist das Maß für sich selbst.

Damit ist das vom Establishment gerade noch gelittene Bild der Funktionselite demoliert. Die sammelt Eliten, die das System braucht - je näher sich der Angehörige der Funktionselite an die herrschenden Machtbedingungen ankuschelt, desto besser. Werteliten hingegen tun mehr, als sie müssten - das baut auf der Leistungselite auf. Die Moral und die Verpflichtung, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu scharfen, ist eine Erhöhung der Wertschöpfung des Einzelnen.

Bürgerschaftliches Engagement heißt das in Neusprech -gemeint ist aber nichts anderes, als ohnehin wahre Eliten immer ausmachte: Albert Einstein war - als bedeutendster Physiker seiner Zeit - nicht nur Leistungselite. Er war, auf seinem Können aufbauend und damit glaubwürdig, auch Wertelite. Dass er sich, am Höhepunkt der McCarthy-Hysterie, als Gegner der von ihm mit geschaffenen Atombombe deklarierte, beweist das. Gewissen heißt so etwas.

Das braucht man. Gelegentlich macht man Fehler.

Aber immer tut man mehr, als man müsste. Zum Beispiel Dominique Döttling. Die 35-jährige Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Döttling & Partner ist in der Führungskräfte-Entwicklung stark. Dann macht sie noch ehrenamtlich einen Job im Vorstand der Wirtschaftsjunioren. Und weil man, mal engagiert, nicht genug kriegen kann, hat sie sich in den vergangenen Monaten mit einem besonders nervigen Nebengeschäft herumgeschlagen: als Mitglied der Rürup-Kommission.

Was brauchen wir?
"Es geht um Vorbilder. Die meisten Menschen haben keine Vorbilder." '

Woher wissen Sie denn das?
"Die Frage stelle ich in Seminaren. Welches Vorbild haben Sie? Und dann kommt heraus: Ich finde an dem das gut, an dem das, aber alles zusammen, nee, also wenn ich mir einen oder eine nehmen müsste, nee, die haben ja alle ihre Schwächen."

Perfektionismus? Weit gefehlt. Eine nicht mehr geforderte Durchschnittsgesellschaft wünscht sich Menschen nach Maß, kann nicht alles in allem nehmen, braucht ein fernes Ideal - bis wieder mal nicht zu verheimlichen ist, dass jeder jeden ein bisschen anlügt, um an die Macht zu kommen.

Dominique Döttling verfolgt also mit ihrer Frage einen praktischen Zweck: Vermag man das Gute zu erkennen? Lernt man aus Fehlem, auch denen der anderen? Oder ist man einfach nur theoretisch gut. Und damit theoretisch Führungskraft. Wie so viele im Land.

Eine Regel. Keine Ausnahme.

Wer sich klar macht, dass die neuen Eliten keine Übermenschen sind, sondern schlicht jene Teile der Gesellschaft, die handeln, sich Fragen stellen, sich nicht mit scheinbar perfekten Lösungen zufrieden geben, der ist bereits an Bord.

Elite, sagt Döttling, ist eine Frage der persönlichen Ethik, nicht einer geliehenen Moral. Ein Vorstandschef eines Konzerns, der Leute feuert und sich selbst seine Aktienoptionen erhöhen lässt, hat mit Elite nichts zu tun. Dem Eigenrespekt, das zu sehen, steht aber auch fachliche Blindheit entgegen: "Man muss wissen, was man wert ist", sagt Döttling. "Habe ich verdient, was ich verdiene? Das wissen viele nicht mehr, weil sie schlicht von der Wertschöpfung so abgeschnitten sind, dass das nicht mehr nachvollziehbar ist. So kann man vor der Arbeit anderer und der eigenen Arbeit wenig Respekt haben."

Was kostet Respekt?
"Kann man nicht bezahlen."

Solidarität?
"Ist ein Grundwert. Eine unsolidarische Elite ist nur eine Machtelite. Die brauchen wir nicht."

Döttling verzichtet etwa darauf, in eine private Krankenkasse zu gehen. Sie fährt nur einmal mit einem Bahnticket, auch wenn mal kein Schaffner kommt. Das kostet Geld. Manchmal kostet es Nerven.

Es gibt eine regulierende Frage, sagt Döttling, die stellt sie sich gelegentlich: "Was tust du? - das ist die Frage. Es sind Kleinigkeiten. Elite ist man durch sich selbst. Und deshalb kann jeder zur Elite gehören."

9. DAS BESSERE KOMMT NACH

Das wäre in der Tat ein New Deal - eine Gesellschaft, deren Beste weder emigrieren müssten, noch sich im Lande vor dem Mittelmaß ducken. Eine Gesellschaft, in der eine Reihe von Nullen nicht zur Kette wird, die die Fähigeren fesselt, sondern zur Schiene, auf der Zukunft gestaltbar wird. Eliten, die nur von und mit dem Staat leben können, sind handlungsunfähig. Eliten, mit denen kein Staat zu machen ist, sind nutzlos. Alles eine Frage der Balance also oder anders gesagt: der wirklichen Mitte, in der Menschen agieren, die mit ihrer eigenen Lebensgeschichte verantwortlich umgehen, wie Roman Herzog das nannte.

"Was wir brauchen", sagte der SPD-Politiker Carlo Schmid, einer der Väter der Bundesrepublik, " sind Leute, die wissen, dass sie Rechte haben und dass diese Rechte nichts anderes sind als die andere Seite der Pflichten gegen sich und die Gesellschaft."

Das ist eine gute Nachricht für die Tätigen.
Und eine schlechte für die Nullen
Die Kette hält nicht mehr.
Es kommt etwas Besseres nach.

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