Ausgabe 08/2003 - Schwerpunkt Elite

Alternative Eliten

Das Gute braucht seine Zeit. Als Alfred Nobel 1866 das Dynamit erfand, dachte er an eine bessere Zukunft, das verrät schon der optimistische Name seines Sprengstoffs. Doch der schwedische Ingenieur änderte seine Vorstellung von Fortschritt, nachdem während der Entwicklung des ambivalenten Materials sein Bruder und mehrere Angestellte getötet wurden. So verfügte er in seinem Testament die Gründung einer Stiftung, die besondere Leistungen in der Physik, Medizin, Chemie, Literatur und für den Frieden auszeichnen sollte. 1901 wurden die Nobelpreise erstmals vergeben, unter anderen an Wilhelm Röntgen und Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes. 1968 stiftete die schwedische Reichsbank den "Preis für Wirtschaftswissenschaften zu Ehren Alfred Nobels", der seit 1969 zusammen mit den Nobelpreisen verliehen wird - die ersten Preisträger waren Ragnar Frisch und Jan Tinbergen, sie bekamen ihn für eine formalisierte Theorie der Wirtschaftsabläufe.

Seit 1980 wird einen Tag vor der Verleihung der Nobelpreise der Right Livelihood Award, der Alternative Nobelpreis, vergeben. Seine ersten Preisträger waren der ägyptische Architekt Hassan Fathy, der Gebäude in traditioneller Lehmbauweise propagierte, und der Amerikaner Stephen Gaskin, einer der Gründer von The Farm, dem ersten Öko-Dorf der Welt. Der Alternative Nobelpreis wurde von Jakob von Uexküll gestiftet. Der 59-Jährige sagt: "Ich habe mich schon immer für die Lösung von Problemen interessiert. Und als ich anfing, als freiberuflicher Journalist zu arbeiten, stellte ich fest, dass es eigentlich zu allen großen Problemen Lösungen gab, die aber nicht ernst genommen wurden. Ich fragte mich also, wie man ernst genommen wird. Nun bin ich in Schweden aufgewachsen, der Heimat des Nobelpreises - und ein Nobelpreisträger wird ernst genommen. Ich schlug also der Nobelpreisstiftung einen Preis für Ökologie vor, vermutete aber, dass die sehr viele Vorschläge bekommt und ich dazu etwas beitragen sollte, damit das ernst genommen wird. Ich handelte damals mit Briefmarken, habe also meine Marken verkauft und angeboten, aus dem Erlös eine Million Dollar zu spenden. Der Vorschlag wurde abgelehnt, und so stiftete ich selbst einen Preis, natürlich auf einem niedrigeren Niveau - der Handel mit Briefmarken ist nicht so profitabel wie die Erfindung von Dynamit. Ich wollte dem Gedanken von Alfred Nobel folgen, der, wie er in seinem Testament schrieb, diejenigen ehren wollte, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. Es ging ihm um gesellschaftliche Relevanz, nicht nur um technologisch-wissenschaftliche Brillanz."

Anfangs finanzierte von Uexküll den Preis selbst, heute wird er von Spenden getragen. Das jährliche Preisgeld beträgt 230 000 Dollar, bisher gab es 89 Preisträger.

"Wir haben den Preis immer offen gehalten, weil der öko-industrielle Umbau der Gesellschaft eigentlich alles einbezieht. Landwirtschaft, Architektur, Energie, Wasser, alles muss neu durchdacht werden. Wir suchen Gebiete, auf denen wichtige Alternativen prämiert und dadurch bekannt gemacht werden können, oft werden sie damit auch geschützt. Aber es gibt auch Gebiete, auf denen es Nobelpreise gibt, die aber ideologisch so eng sind, dass wir da ebenfalls Preise vergeben haben. Zum Beispiel hat nie ein Pionier der Solarenergie einen Nobelpreis für Physik bekommen, deswegen haben wir 2002 den erfolgreichsten Solar-Forscher der Welt ausgezeichnet." Der australische Photovoltaik-Experte Martin Green bekam den Preis für die Entwicklung polykristalliner Silikonbeschichtungen, die auf gläsernen Solarzellen aufgetragen werden und so deren Effizienz erhöhen.

"Extrem eng ist meiner Ansicht nach das Denken beim Ökonomiepreis. Da bewegen sich alle Preisträger innerhalb des derzeitigen ökonomischen Rahmens. Ich finde es bedenklich, dass die Ökonomie heute sämtliche Lebensbereiche überragt. Wir fragen uns, was wir uns leisten können, welche Kultur, Ökologie, welches soziale Netz, statt zu fragen, welches Wirtschaftssystem wir uns kulturell, sozial und ökologisch leisten können. Viele Menschen fühlen sich mehr und mehr eingeengt, weil sie zwar kleine Freiheiten haben, den Stromversorger oder den Gaslieferanten wählen dürfen, aber es für sie keine Möglichkeit gibt, grundsätzliche Entscheidungen zu treffen."

Alternative Nobelpreise für ökonomische Modelle sind trotzdem selten vergeben worden. 1983 wurden die Amerikaner Amory und Hunter Lovins vom Rocky Mountain Institute für ihre Öko-Kapitalismus-Theorie ausgezeichnet. Die lautet, vereinfacht gesagt: radikal Ressourcen sparen, die Produktion in kleinen Kreisläufen organisieren, Produkte durch einen stetigen Fluss von Dienstleistungen ersetzen und den Gewinn teilweise in natürliche Ressourcen investieren. Als Beispiel für ihr Modell nennen die Preisträger den Teppichbodenhersteller Interface, der Teppich als Dienstleistung verkauft. Interface checkt einmal im Monat die Böden seiner Kunden und ersetzt die abgetretenen Teile der Teppiche. Der selbst entwickelte Bodenbelag verbraucht zwei Fünftel weniger Rohmaterial als herkömmlicher Teppichboden, hält aber viermal so lange. Kombiniert mit der fünffachen Sparrate, die sich ergibt, weil nur die verbrauchten Teile ersetzt werden, macht das eine 35-fache Einsparung von Rohstoffen.

"In Sri Lanka haben wir mal eine Gruppe ausgezeichnet, die sich um Bauern gekümmert hat, die ihre Waren über Mittelsmänner in die Stadt verkauft haben. Die Bauern sind immer übervorteilt worden, also hat diese Gruppe die Bauern in die Städte geholt, damit die wussten, was mit ihren Produkten passiert, wo sie verkauft und exportiert werden, wie die Preise sind. Das Interessante war, dass die Mittelsmänner nicht verschwanden - die Bauern wollten nicht immer in die Stadt fahren. Aber die Mittelsmänner wussten, dass die Bauern ihre Waren selbst verkaufen können, und die Bauern wussten, dass die Mittelsmänner auch leben müssen. Die Transparenz veränderte die Machtverhältnisse. Die Förderung der lokalen Ökonomie ist ohnehin oft das einzig Vernünftige für die große Mehrheit der Menschen." Wie eben alles mit allem zusammenhängt. Das sorgt für hohe Anforderungen an die Preisträger.

"Jeder Mensch kann jeden vorschlagen, außer sich selbst. Wir haben keinen Filter, wie etwa bei den Nobelpreisen und vielen anderen Preisen, wo nur ein kleines Gremium Vorschläge machen darf. Wir suchen dann die Preisträger unter anderem nach Dringlichkeitskriterien aus, denn der Preis hat ja immer mehrere Wirkungen: Er hilft den Preisträgern direkt und indirekt, durch das Preisgeld und die Publizität. Wir berücksichtigen auch Gruppen und Personen in der Dritten Welt, bei denen wir denken, dass der Preis vielleicht Leben retten kann, Menschen aus dem Gefängnis befreien oder auch nur die Arbeit erleichtern." Prämiert werden diejenigen, die aus Sicht Uexkülls und seiner Mitstreiter das Richtige tun - immerhin heißt der Preis Right Livelihood Award. Und natürlich ist Jakob von Uexküll ein Moralist. Aber dagegen ist wenig zu sagen - Moral ist schließlich nur eine konzentrierte Form kollektiver Erfahrung.

Die Idee ist schlicht: Leute zu finden, von denen man etwas lernen kann

"Es gibt diesen indianischen Ausspruch ,To walk that talk', also den Weg, den man gedacht hat, auch zu gehen. Viele Menschen haben einen Traum, bekommen aber Probleme mit Banken, die Experten lächeln nur - und dann geben sie auf. Doch von Menschen, die nicht aufgegeben haben, die schon recht weit gekommen sind, kann man etwas lernen. Das ist eine weitere Idee des Preises: Leute zu finden, von denen man etwas lernen kann. Menschen, die einen dazu inspirieren, nicht auf etwas zu warten, sondern herauszufinden, was man selbst tun kann." Sind das Menschen, die man eine Elite nennen könnte?

"Der Elitebegriff ist schwierig. Dahinter steht die Frage: Brauchen wir Helden, brauchen wir Vorbilder? Als der Nobelpreis noch recht jung war, hat sich der erste schwedische sozialdemokratische Premierminister gegen den Preis ausgesprochen, denn der ging gegen das Gleichheitsdenken der schwedischen Sozialdemokratie. Aber ich denke, es ist wichtig, dass wir Vorbilder haben. Wenn ich zum Beispiel als Student meinen Studiengang wähle, möchte ich wissen, ob der eine Zukunft hat. Und wenn ich sehe, da hat jemand den Alternativen Nobelpreis bekommen, der in meine Richtung forscht, weiß ich, dass das ernst genommen wird. Ich sehe, dass ich, wenn ich meinen Weg gehe, wahrscheinlich belächelt werde, dass ich vielleicht meine Familie nicht ernähren kann und im Berufsleben nur Schwierigkeiten habe, aber irgendwann werde ich Anerkennung finden. Viele Menschen können sich mit unseren Preisträgern besser identifizieren als mit den Nobelpreisträgern. In diesem Sinne gehören unsere Preisträger sicherlich zu einer globalen Elite." Aber was treibt die Leute an, die nicht aufgeben?

"Das ist natürlich sehr unterschiedlich, aber häufig sind es bestimmte Werte. Einer unserer ersten Preisträger, der Norweger Eric Dammann, ging für mehrere Jahre nach Samoa, weil er dachte, dort seien die Menschen anders. Doch er fand heraus, dass nicht die Menschen anders sind, sondern nur die Zeichen, die von der Gesellschaft gesetzt werden. In Samoa wird man für das honoriert, was man für die Gemeinschaft tut. Wenn man viel nur für sich selbst tut, gilt man als komischer Kauz. In unserer Gesellschaft dagegen werden Eigennutz, Egoismus und Gier honoriert, weil das angeblich in der menschlichen Natur liegt. Doch es gibt eine Studie vom Institute for Global Ethics in den USA, das in 26 Ländern Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten und Glaubensrichtungen befragt hat, die zeigt, dass es weltweit nicht nur dieselben Grundwerte gibt, sondern auch eine Grundskala von Werteprioritäten. Egoistische Habgier steht da normalerweise ganz weit unten. Es wird nur in einer Notsituation als normal angesehen, dass der Mensch egoistisch handelt. Wir haben also kein Wertevakuum, sondern ein Vakuum an Institutionen, die Werte vertreten. Thomas Jefferson hat gesagt, es wäre das Wichtigste und das Schwierigste in jeder Zeit, die richtigen Institutionen für diese Zeit zu schaffen. Das ist das Ziel vom Weltzukunftsrat."

Uexküll will einen Weltzukunftsrat. The best minds of planet. Die guten Führer?

Womit wir bei von Uexkülls aktueller Vision wären. Der Weltzukunftsrat soll eine globale Institution sein, die aus Fachleuten und Aktivisten aus aller Welt besteht. Problemfelder wie Arbeit, Gesundheit, Städtebau, Energie oder Handel sollen in zwölf Gruppen bearbeitet werden, die einmal im Jahr in einer öffentlichen Sitzung ihre Ergebnisse und Vorschläge vorstellen.

"Es gab schon in früheren Gesellschaften solche Institutionen, in den indischen Königreichen hieß das Council of Seers into the Future. Dieser Rat hatte ein Vetorecht über tagespolitische Entscheidungen. Und es gibt in der Schweiz eine Bürgerinitiative, die etwas Ähnliches zu schaffen versucht, eine Stiftung Zukunftsrat. Wir bekommen jetzt enthusiastische Unterstützung aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Am Anfang war der Gedanke, auch Parlamentarier einzubinden, aber jetzt läuft parallel die Initiative eParlament. Da sollen alle demokratisch gewählten nationalen Parlamentarier der Erde, das sind ungefähr 25 000, elektronisch vernetzt werden. Das eParlament kann dann mit dem Weltzukunftsrat zusammenarbeiten. Das ist auch wichtig, weil sich viele demokratisch gewählte Parlamentarier aus dem Süden vom globalen Prozess ausgeschlossen fühlen. Sogar NGOs haben mehr Einfluss als sie - die treffen sich mit der Weltbank, nicht die gewählten Politiker. Die Mitglieder des Weltzukunftsrats sollen durch einen Auswahlprozess gefunden werden, der schon läuft. Wir haben etwa 7000 NGOs in der ganzen Welt kontaktiert und um Vorschläge gebeten. Wir werden dann sehen, welche Namen am häufigsten auftauchen, und diese thematisch zuordnen. Der Zukunftsrat soll die ,best minds on the planet' vereinen."

Best minds on the planet? Die guten Führer? Die Ambivalenz ist ähnlich wie beim Dynamit. Mal abgesehen davon, dass es die Vision einer Regierung der klügsten Köpfe seit Platon gibt - und nie funktioniert hat. Aber gut, die Zeiten haben sich geändert: Unsere gesellschaftliche Situation ist ganz neu, wir leben in einer globalen, vernetzten Welt, die Menschen waren noch nie so gut informiert und ausgebildet. Trotzdem ist es erstaunlich, dass ausgerechnet jemand wie Jakob von Uexküll, der sich lange mit Ökologie beschäftigt hat, eine zentralistische Institution befürwortet: Die Ökologie lehrt das Nutzen des Netzwerkes - in keinem ökologischen System gibt es einen zentralen Punkt. Aber vielleicht geht es auch nur um einen Fokus für die globale Aufmerksamkeit.

"Wenn man keine Hierarchie hat, kann es auch keinen Fortschritt geben. Das Problem ist nicht, dass wir jetzt keine Hierarchien haben, sondern die falschen. Wenn es um die Erhaltung des Status quo geht und um persönlichen Reichtum, ist es erlaubt, dass Menschen Initiativen ergreifen, aber wenn es um eine Verbesserung der Welt geht, heißt es: Haben Sie denn da die Weltbevölkerung gefragt? Es ist nicht unser Ziel, eine weitere nebulöse Großorganisation zu schaffen. Wir wollen eine Institution, die vorantreibt, was schon existiert, die einen Beschleunigungsprozess in Gang setzt."

Es soll bereits Fernsehsender geben, die an einer Ausstrahlung der Sitzungen des Weltzukunftsrats Interesse haben. Wer sich Wissens-Shows ansieht, interessiert sich auch für die klügsten Menschen der Welt - und wird verständig mit dem Kopf nicken, wenn der Weltzukunftsrat für alte Probleme neue Lösungen hat. Interessant ist, dass Jakob von Uexkülls eigene Vision einer besseren Welt von einem Zentralkomitee weit entfernt ist.

"Ich habe viele Visionen, aber das Wichtigste ist die Wiederherstellung der Vielfalt, gegen die globale Monokultur, die mentale Monokultur. Auch durchaus optimistische Zukunftsforscher sahen bereits vor 20 Jahren die Gefahr einer mentalen Monokultur. Wenn wir mit unserer Zivilisation auf dem falschen Weg sind, müssen wir wenigstens versuchen, Alternativen zu bewahren. Aber diese Alternativen werden zerstört. Eines der traurigsten Beispiele ist Bhutan, wo erst vor einigen Jahren das Fernsehen eingeführt wurde. Jetzt bricht dort das gesamte Sozialgefüge zusammen, es gibt eine rapide Zunahme an Gewalt, Mord und Vergewaltigung. Ein Land, das mich dagegen fasziniert, weil die Menschen dort sehr naturverbunden sind und nun nach einer Zeit des Neoliberalismus einen neuen Weg suchen, ist Neuseeland. Die Welt, die ich mir wünsche, ist grundsätzlich sehr vielfältig, auch kulturell, auch ökonomisch. Eine Welt, in der die Menschen nicht das Gefühl haben, dass sie sich dem Markt unterordnen müssen, sondern dass der Markt ein Teil ihrer Kultur ist, nicht über der Kultur steht. Ich habe meine Antworten, aber das müssen nicht die Antworten der anderen sein. Nur die Fragen, die wir stellen müssen, die sind jetzt weltweit dieselben."

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