Ausgabe 08/2003 - Schwerpunkt Elite

Adieu, Einsteins

Deutsche Universitäten und Volksparteien haben Wesentliches gemein: Wer Karriere machen will, dem steht als Wissenschaftler wie als Politiker eine Ochsentour mit unkalkulierbarem Risiko bevor. Und in beiden Sphären gilt: Apparatschiks haben's leichter als originelle Denker.

Die akademische Ochsentour sieht so aus: Nach dem Studienabschluss arbeitet der Nachwuchswissenschaftler zunächst als Doktorand, dann auf anderen befristeten und schlecht bezahlten Stellen einem Professor zu, dem er bedingungslosen Gehorsam schuldet. Der "Postdoc" hilft dem Ordinarius nach Kräften bei dessen Projekten, entlastet ihn bei der Lehre und Verwaltungsarbeit. Zu eigener Forschung kommt er nur am Wochenende. Wenn der Aspirant Glück hat, wird er schließlich im zarten Alter von 40 auch beamteter Professor. Wenn er Pech hat, war alles umsonst.

Dann kann er zum Beispiel Lexika verkaufen. Oder auswandern, wie Barbara Hahn, Professorin für Deutsche Literatur an der berühmten Universität von Princeton, New Jersey, wo schon Einstein lehrte. In der Bundesrepublik hatte sie sich vergeblich an mehr als 30 Hochschulen beworben. In ihrer neuen Heimat trifft sie nun viele deutsche Akademiker unterschiedlicher Fakultäten, die denselben Weg gegangen sind. An vielen Großforschungseinrichtungen gibt es regelrechte deutsche Communities.

Forscher werden gut ausgebildet, dann vor die Tür gesetzt und in den USA mit Kusshand genommen

Eigentlich sonderbar, so die Literaturwissenschaftlerin Hahn, dass deutsche Eltern für amerikanische Elite-Universitäten hohe Studiengebühren bezahlen, damit ihre Kinder dort von deutschen Spitzenkräften unterrichtet werden, die in Deutschland keine Stelle bekommen haben.

Wunder der Globalisierung. In einer enger zusammenrückenden Welt kommen die Schwächen einer Gesellschaft, die wie kaum eine andere auf kluge Köpfe angewiesen ist, schonungslos ans Licht. Besonders betroffen vom Brain Drain, der Abwanderung der wissenschaftlichen Elite, sind Medizin und Naturwissenschaften. "Wir leben von der Substanz, verschleudern die derzeit und werden in zehn Jahren große Probleme bekommen", warnte jüngst Professor Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, bei einer Tagung der Hertie-Stiftung.

Dass nicht nur die Bundesrepublik, sondern ganz Europa beim "War for Talents" auf der Verliererseite steht, ist gut mit Zahlen belegt. In der vergangenen Dekade sind 400 000 wissenschaftlich ausgebildete Europäer in die USA ausgewandert. Auf diese Weise subventionieren die europäischen Steuerzahler - weil das Bildungssystem zum Großteil über Steuern finanziert wird - den Aufbau von Humankapital in den Vereinigten Staaten, heißt es im Jahresbericht 2003 der European Economic Advisory Group. Jeder siebte deutsche Nachwuchswissenschaftler geht nach seiner Doktorarbeit in die USA, viele für immer. Drei von vier Nobelpreisträgem deutscher Herkunft arbeiten in Amerika.

Weil sich eine Wissensgesellschaft diese Art des Exports auf Dauer nicht leisten kann, hat Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) vor zweieinhalb Jahren eine Initiative ausgerufen. Aus dem Brain Drain sollte ein Brain Gain werden, also eine positive Leistungsbilanz bei den grauen Zellen. " Unser Ziel ist es, mehr ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ausländische Studierende anzuwerben. Zugleich wollen wir deutschen Nachwuchswissenschaftlern, die zurzeit im Ausland arbeiten, die besten Chancen für eine Rückkehr bieten", versprach sie.

Wie das? Im Wesentlichen durch den halbherzigen Versuch der rot-grünen Regierung, das angelsächsische System zu kopieren. Nach der jüngsten Novelle des Hochschulrahmengesetzes (HRG) werden zurzeit an vielen Hochschulen Bachelor- und Master-Abschlüsse eingeführt. Mittlerweile können junge Wissenschaftler auch gleich nach der Promotion zum Junior-Professor aufsteigen - ohne die früher obligatorische Habilitationsschrift, auf die nicht wenige Akademiker einen ganz erheblichen Teil ihrer Lebenszeit verwenden.

Gleichzeitig wurde die Höchstdauer einer befristeten Tätigkeit im Wissenschaftsbetrieb auf zwölf Jahre (in der Medizin auf 15 Jahre) begrenzt. Damit sollte die bisher übliche Praxis, dass sich Wissenschaftler zwischen Doktorarbeit und Rente von Projekt zu Projekt hangeln, ein für allemal aus der Welt geschafft werden.

Dummerweise wird ein erheblicher Teil des Nachwuchses dadurch gleich mit entsorgt. Denn der deutsche Wissenschaftsbetrieb mit seinen verbeamteten Professoren und de facto unkündbaren Hausmeistern und Verwaltungsangestellten scheut feste Stellen für den "Mittelbau" wie der Teufel das Weihwasser. Für dieses akademische Proletariat, das einen Großteil der Arbeit an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen erledigt, gibt es so gut wie keine sicheren Positionen mehr (auch die Junior-Professur läuft nach sechs Jahren aus). Wegen des Befristungslimits steht ein großer Teil des akademischen Nachwuchses nun vor dem Rauswurf.

Der Staat fördert die Wissenschaftler-Ausfuhr mit Stipendien: Die besten kommen nicht zurück

Clas Naumann, Direktor des renommierten Zoologischen Forschungsinstituts und Museums Alexander Koenig in Bonn, verliert wegen der Neuregelung gleich drei Mitarbeiter, die ihr Zeitdeputat ausgeschöpft haben. Einer ist bereits gegangen, zwei werden folgen. Für Naumann kommt das Befristungsverbot einer "Exekutionsmaschine" gleich. "Wir bilden hervorragende Leute aus, beschaffen aus allen möglichen Quellen Mittel, um sie weiter zu beschäftigen - und müssen ihnen dann einen Tritt geben", schimpft er.

Dr. Jörg Freyhof hat Bonn schon verlassen und arbeitet "seine Gnadenfrist" von rund zwei Jahren bis zum gesetzlichen Limit von insgesamt zwölf Jahren befristeter Beschäftigung nun am Leibniz -Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin ab. Und dann? "Es bleibt nur noch das Ausland, und ich bewerbe mich auch schon fleißig. Oder natürlich der Ausstieg aus der Wissenschaft. Das ist ja das, was die Regierung will: Junge Wissenschaftler, die bis 35 keine feste Position haben, sollen gezwungen werden, auszusteigen oder wegzugehen."

Sein ehemaliger Kollege Dr. Frank-Thorsten Krell ist vor drei Jahren ans Naturhistorische Museum nach London gegangen. Zuvor hatte er zwei Jahre gratis - auch das ist im deutschen Wissenschaftsbetrieb nicht selten - im Museum Koenig gearbeitet, bis seine Reserven aufgezehrt waren. In England hat er eine so genannte Tenure-Track-Position, eine Art Bewährungsjob für Nachwuchsforscher, der voraussichtlich im nächsten Jahr zu einer Festanstellung führt. Zurück in die Heimat will er nicht. Als er seinen britischen Kollegen von den deutschen Regularien erzählte, wollte man ihm anfangs gar nicht glauben, "weil sie so offensichtlich den Wissenschaftsbetrieb zerstören".

Des einen Leid, des anderen Freud: Anderswo werden viel versprechende Forscher mit Handkuss genommen. Besonders gern in den USA, seit jeher Weltmeister beim Aufsaugen von Kapital und Wissen. In den Vereinigten Staaten werden 50 Prozent der Forschungsleistungen von Ausländern erbracht - in Deutschland sind es gerade mal zehn Prozent. Thomas Elsässer, Direktor am Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie in Berlin, sagt: "Die USA sind in der Forschung nicht deshalb weit vom, weil sie ihre eigenen Leute so gut ausbilden, sondern weil es ihnen gelingt, exzellent ausgebildete Ausländer, vor allem Asiaten, anzulocken."

Da ist in Deutschland schon das antiquierte Ausländerrecht vor - dessen Reform die CDU/CSU hartnäckig blockiert. Für die Ausfuhr der wissenschaftlichen Elite sind die Rahmenbedingungen dagegen sehr günstig. Mit Stipendien von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen Einrichtungen werden Post-docs in die weite Welt geschickt. Grundsätzlich eine prima Sache, nur: " Die besten kommen leider nicht zurück", stellt der Physiker Thomas Elsässer fest.

Kein Wunder. Wer als junger Wissenschaftler eine erstklassige Hochschule im Ausland mit viel Freiraum und Forschungsmitteln kennen gelernt hat, sehnt sich nicht nach der wissenschaftlichen Heimat zurück, wo die Bürokratie einen Großteil der Arbeitszeit frisst und die Beziehungen zwischen Professoren und Assistenten an die Leibeigenenschaft erinnern.

Die deutschen Verhältnisse schrecken etliche, die für eine akademische Karriere eigentlich prädestiniert wären, schon früh ab. Zum Beispiel Ulrike Walter, die nach Biologiestudium und Promotion in Agrarwissenschaften (mit summa cum laude) der Uni ade sagte. Ihre Erfahrungen fasst sie so zusammen: "Wer mit dem Instituts- oder Fachbereichsleiter nicht auf gutem Fuß steht, hat keine Chance. Es ist schon deprimierend, dass die Launen der Platzhirsche mehr zählen als wissenschaftliche Fakten." Im deutschen Wissenschaftsbetrieb komme es vor allem auf den Namen des Mentors an. "Was man selbst leistet, ist dagegen sekundär. Das ist ein patriarchales Klüngelsystem." Sie hat sich als wissenschaftliche Fachübersetzerin selbstständig gemacht und arbeitet in Berkeley, Kalifornien.

Die Absurditäten des hiesigen Systems treten unter dem allgemeinen Sparzwang besonders deutlich hervor. Denn der früher aus Eitelkeit gepflegte Brauch, keinen Bewerber einzustellen, der besser ist als die, die schon da sind, werde nun angesichts des kleiner werdenden Kuchens zu einer überlebenswichtigen Strategie derjenigen, die fest im Sattel sitzen, so ein nach Großbritannien ausgewanderter Forscher. "Um in Deutschland Universitäts-Professor zu werden, darf man nicht zu gut sein, und wenn man es denn ist, muss man zumindest ein devotes Wesen besitzen."

Auf dem Weg in die Regionalliga: Das Mittelmaß lebt gut mit den herrschenden Verhältnissen

Wer damit nicht aufwarten kann, findet auch ganz in der Nähe Alternativen. Die Umweltgeowissenschaftlerin Christine Alewell schlug ein Angebot aus Deutschland aus und entschied sich für eine Professur an der reformfreudigen Universität Basel. In der Schweiz erwarteten die 37-Jährige ein vergleichsweise gut ausgestatteter Lehrstuhl und angenehme Arbeitsbedingungen: "Vieles läuft hier wesentlich unbürokratischer", sagt sie. " Dienstreiseanträge sind beispielsweise unbekannt: Man reicht seine Belege ein, und das war's dann."

Und: Weil Professoren in Basel als Angestellte beschäftigt werden, wehe ein anderer Wind als in Deutschland, so Alewell. "Niemand kann sich auf einmal gemachte Zusagen für immer berufen, Zusagen für die Zukunft sind leistungsabhängig."

Zweifellos wird sich auch das hiesige Hochschulsystem in diese Richtung entwickeln - die Frage ist nur, wie schnell. Die Beharrungskräfte sind gewaltig, und die Mandarine des Universitätsbetriebs interpretieren jeden Versuch, überkommene Privilegien abzuschaffen, als Anschlag auf die Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Fest steht: Mit den derzeitigen Verhältnissen lebt das Mittelmaß am besten.

Das gilt auch fürs Finanzielle. Top-Wissenschaftler, auch dies eine Parallele, sind, wenn man von Nebeneinkünften einmal absieht, ähnlich unterbezahlt wie Spitzenpolitiker. Das Anfangsgehalt eines C4-Professors - die höchste Stellung an einer deutschen Universität - liegt je nach Dienstalter und Familienstand bei um die 4000 Euro brutto. "Wer Regionalliga-Gehälter zahlt, kann nicht erwarten, in der Champions League mitzuspielen", sagt Elsässer. In den Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften, Fächern also, die bei der Besetzung von Professuren mit potenten Unternehmen konkurrieren, gibt es schon heute ganz erhebliche Probleme, gute Leute zu gewinnen.

Woher aber soll das Geld kommen? Vielleicht zunehmend von der Wirtschaft, wie es in den angelsächsischen Ländern gute Tradition ist. Die Deutsche Telekom gibt in diesem Jahr Schätzungen zufolge 50 Millionen Euro für Sportsponsoring aus, allein 20 Millionen für den Vorzeigefußballclub Bayern München - bei der wissenschaftlichen Elite wäre das Spielgeld des Hightech-Konzerns vermutlich nachhaltiger angelegt.

Wer einmal beim Wettbewerb um die besten Köpfe abgehängt wird, hat für lange Zeit das Nachsehen

Die Bundesregierung immerhin ist nicht untätig und holt im Rahmen der Brain-Gain-Initiative unter anderem mit viel Geld erstklassige Wissenschaftler für drei Jahre nach Deutschland. So ist der von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung mit öffentlichen Mitteln ausgelobte Wolfgang-Paul- und Sofia-Kovalevskaja-Preis mit individuellen Fördersummen bis zu 2,3 Millionen Euro teils doppelt so hoch dotiert wie der Nobelpreis. Manch eine der auf diese Weise angelockten Koryphäen wie der Immunologe Joachim L. W. Schultze, der aus den USA nach Deutschland zurückkehrte, will sogar in seiner alten Heimat bleiben.

Doch diese Importoffensive droht nach Ansicht von Thomas Elsässer "ohne wirklich konsequenten Systemwechsel" zu verpuffen. Vor allem ohne den notwendigen Mentalitätswechsel. Dies ist der wohl bedeutendste Unterschied zwischen der einstigen Wissenschaftsgroßmacht Deutschland und der heutigen USA. Denn auch die Vereinigten Staaten sind kein akademisches Arkadien. Auch dort klagen Wissenschaftler über Geldmangel und zunehmende Bürokratie (siehe auch brand eins 03/2003: "Die Besten müssen draußen bleiben"). Zudem ist das intellektuelle Niveau jenseits der Ivy League von Harvard, Yale, Princeton & Co. oft genug eher bescheiden. Entscheidend aber ist, dass die Amerikaner Leistungsträger in der Forschung fördern, feiern und aktiv um sie werben.

Derartiger Eifer ist an deutschen Hochschulen eher verpönt. Wenn eine Stelle frei wird - bis 2004 geht jeder zweite (!) derzeit tätige Professor in den Ruhestand -, wird sie ausgeschrieben, dann harrt man der Dinge. Und vergisst die Angelegenheit gern auch mal. So dauerte es ein Jahr, bis sich herausstellte, dass eine von der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Max-Planck-Gesellschaft in den Zeitschriften " Science" und "Nature" ausgeschriebene Medizinprofessur zwischenzeitlich weggefallen war, berichtet ein Bewerber. Ein anderes Berufungsverfahren mit lediglich zwei Kandidaten habe sich fast eineinhalb Jahre hingezogen.

Dabei rächt sich Schlafmützigkeit in der Wissenschaft besonders stark: Wer einmal abgehängt wird, holt nur schwer wieder auf. Das sollte hier zu Lande eigentlich bekannt sein. Deutschland, vor 1933 beispielsweise einsame Spitze in Physik und Chemie, hat sich vom Exodus der wissenschaftlichen Elite während der NS-Diktatur nie erholt.

Eine weitere Zäsur markierte nach einer Analyse des britischen Wissenschaftsforschers Keith Pavitt der Mauerfall. Noch in den siebziger und achtziger Jahren überstiegen demnach die Investitionen der Bundesrepublik in Forschung und Entwicklung die der Vereinigten Staaten. Das aber änderte sich in den neunziger Jahren; die deutsche Politik konzentrierte sich ganz auf die Wiedervereinigung - und die Abwicklung der DDR-Forscher, während man in den USA massiv in Innovationen wie Informations- und Biotechnologie investierte.

Wenn irgendwann der letzte Assistent das Licht ausmacht, wird den Honoratioren an deutschen Universitäten möglicherweise ein Licht aufgehen. Vielleicht aber auch nicht. Albrecht Ritschl, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin, sieht die Lage so: "Ist erst einmal ein Zustand eingetreten, in dem solche Möglichkeiten zum Ausstieg sich eröffnen und interessant erscheinen, kann man den alten Strukturen zwei Perspektiven voraussagen: entweder eine Implosion oder, schlimmer noch, ihre Beschränkung auf drittrangige Kräfte, die auch bei verbesserter Ausbildung mit der internationalen Konkurrenz nicht mitkommen. In der Ökonomie nennt man das negative Auslese."

Literatur: Eberhard Demm (Hrsg.): Deutscher Brain Drain, europäische Universitätssysteme und Hochschulreform. 2002; 213 Seiten. Gratis erhältlich bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, 53170 Bonn

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