Ausgabe 01/2003 - Schwerpunkt Das Neue

Preußischer Anachronismus

Irgendwann hat Wilhelm Winkelmann sein Lehrerpult, dieses Bollwerk, das zwischen ihm und seinen Schülern stand, aus der Klasse geräumt. Zuerst hatte er ein mulmiges Gefühl, weil etwas fehlte, an dem er sich festhalten konnte. Aber er ließ sich nicht beirren, stellte einen großen ovalen Tisch in die Mitte des Raumes, an dem alle sitzen konnten. Eine Revolution im Klassenzimmer. Später warf der Pädagoge das gesamte verbliebene Behördenmobiliar hinaus und baute gemeinsam mit seinen Schülern neues: Computertische, Schränke, Raumteiler, Dekorationen.

 

Heute sieht sein Klassenzimmer an der Förderschule Pröbenweg im Hamburger Stadtteil Hamm aus wie eine Mischung aus Wohnzimmer und gut gepflegtem Hobbykeller. Es gibt alle möglichen Werkzeuge, Musikinstrumente, mehrere Computer, einen nagelneuen Fernseher, einen DVD-Player, eine Stereoanlage mit gewaltigen Boxen und einen Videoschnittplatz. An der Decke hängen Flugzeugmodelle, die der Lehrer bei seinem Bruder, dem Spielfilmregisseur Adolf Winkelmann, abgestaubt hat.

 

Ein paar zehntausend Euro stecken in dem pädagogischen Paradies, alles selbst beschafft und zusammengebettelt, betont Winkelmann. "Eine besser ausgestattete Klasse gibt es in Hamburg nicht." Für den 53-Jährigen mit dem leichten Ruhrpott-Slang ist das eine Frage der Ehre, für seine Schüler Nachhilfe in Sachen Selbstbewusstsein. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen lebt von der Sozialhilfe. Sie kommen aus so genannten sozialen Brennpunkten wie St. Georg, dem Hamburger Bahnhofsviertel, und sind an anderen Schulen gescheitert. Lernbehindert ist das offizielle Etikett für sie, eine unglückliche Mischung aus geringer Begabung, Armut, überforderten Ehem. Nicht wenigen von ihnen wurde die Neugier mit Gewalt ausgetrieben.

 

Winkelmann will sie wieder wecken. Der Lehrer, der sich von seinen Schülern Willi nennen lässt, ohne dass das seiner Autorität Abbruch täte, macht mit benachteiligten Jugendlichen ambitionierte Projekte, zum Beispiel Filme. Einer handelt von einem libanesischen Mitschüler, der abgeschoben werden sollte (und schließlich auch wurde). Monatelang begleiteten die Klassenkameraden Hassan El-Mokdad und dessen Familie mit der Kamera, nervten Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde und Politiker bis hoch zum Bürgermeister. Es dauerte eine Weile, bis die Jugendlichen die Technik beherrschten, aber irgendwann funktionierte das Filmteam. Oft nahmen sie sich morgens einfach die Kamera und gingen los. Etwas später liefen dann die Beschwerdeanrufe bei Winkelmann auf. Winkelmann: "Da wusste ich, dass sie an der richtigen Stelle waren."

 

"Zurück nach Beirut" wurde im In- und Ausland mit mehreren Preisen ausgezeichnet, weitere Filme folgten. Bis heute wurde das Gesamtwerk der Schüler mehr als 30-mal prämiert; die Schule nimmt jedes Jahr durch Preisgelder, den Verkauf von Senderechten und Videos, Spenden und Fördermittel ein paar tausend Euro ein. Auch Winkelmann war anfänglich erstaunt über die Fähigkeiten, die in Jugendlichen schlummern, deren Leben eine ziemlich lange Kette von Misserfolgserlebnissen war. Für ihn der Beweis, dass die Lust am Lernen nicht totzukriegen ist.

 

Von diesen Erfahrungen könnten Lehrer anderswo profitieren. Tun sie aber nicht. Erstaunlicherweise, so Winkelmann, interessiere sich an anderen Schulen praktisch niemand für seine Arbeit. "Wenn Schulen Unternehmen wären, hätte man schon längst versucht, mich abzuwerben."

 

Hier zu Lande noch undenkbar. Die meisten deutschen Schulleiter können sich weder ihr Personal selbst aussuchen, noch sonst irgendeine Entscheidung von Belang treffen. Dafür sind übergeordnete, vom pädagogischen Alltag weit entfernte Behörden zuständig. Das überbürokratisierte Bildungswesen sei unfähig, auf Neues zu reagieren, so die Analyse des Bielefelder Bildungsforschers Klaus Hurrelmann. Pädagogik - die Arbeit am Menschen - ist im 21. Jahrhundert immer noch nach dem Vorbild des preußischen Militärs organisiert: Die Schüler werden jahrgangsweise zusammengefasst und frontal nach Plan unterwiesen. Auf jeder Stufe wird fleißig ausgelesen; von den Abschlüssen bis zur Pausenregelung ist alles vorgegeben.

 

Lehrer wie Winkelmann sind Ausnahmen im zur Bürokratie erstarrten Bildungsbetrieb. Leider

 

Aus pädagogischer Sicht sei das schon immer fragwürdig gewesen, so Hurrelmann. Heute aber, in unserer hoch individualisierten Gesellschaft, "ist es ein absoluter Anachronismus". Er attestiert dem hiesigen System im internationalen Vergleich einen Rückstand von 20 bis 30 Jahren. "Unser Land ist das letzte weltweit, das sich von der Umwelt weitestgehend abgeschottete Halbtagsgrundschulen leistet, in denen das Personal oft genug nur um sich selbst kreist."

 

Wilhelm Winkelmann ist eine Ausnahme in diesem sonderbaren Kosmos, und es ist wohl kein Zufall, dass sein Weg dorthin kein gerader war. Ursprünglich hat er Kunst studiert, wollte Filmdozent werden, aber der Umgang mit den Studenten ödete ihn an ("Die hatten ganz wichtige Aussagen zu machen - mit Papis Geld."). So sattelte er auf Pädagogik um und fing nach dem Examen an einer Hamburger Hauptschule an. Für ihn auch eine Reise zurück in die eigene Vergangenheit. Seine eigene Schulzeit sei "einfach scheiße" gewesen. " Ich war sehr ängstlich, jede Massenarbeit war eine Bedrohung." Die Schule habe er nur gepackt, " weil meine Tante Mai mich jeden Nachmittag zur Brust genommen und mit mir Hausaufgaben gemacht hat".

 

Vielleicht hatte er deshalb, nun auf der anderen Seite des Pults, ein Gespür für die Absurdität des pädagogischen Betriebs. Die Kinder - vor ihm aufgereiht wie Perlen auf der Kette. Ein Stundenplan, der voraussetzt, dass sich Individuen jeweils exakt 45 Minuten für Deutsch, Mathematik und Geschichte interessieren. Dann noch dieser Mythos vom Lehrer als Einzelkämpfer, der, bitte schön, kontrollieren soll, was in 25 Köpfen vorgeht.

 

Seine Schüler hätten vor ihm gesessen wie " betäubt", so Winkelmann über seine frühen Berufserfahrungen. "Und ich habe den Kasper gemacht, um sie für eine Weile aufzuwecken."

 

Bis er aus seinen Zweifeln Konsequenzen zog, dauerte es noch eine Weile. Vorher geriet er noch mit zwei Schulleitern und einem Schulrat aneinander und wurde schließlich an die Förderschule strafversetzt. Im Nachhinein war das ein großes Glück für ihn. Denn das pädagogische Standardprogramm, das Kindern aus wohl geordneten Verhältnissen nicht weiter schadet (und ihnen die kleinbürgerlichen Tugenden des sich Durchlavierens und Interesse-Heuchelns vermittelt), funktionierte bei den Förderschülern nicht.

 

Also fing Winkelmann an zu experimentieren. Mit neuer Sitzordnung, Projektarbeit, offenem Unterricht, bei dem jeder Schüler, je nach Neigungen und Bedürfnis, etwas anderes tut. Und dann auch mit der jahrgangsübergreifenden Klasse: Einige Schüler gehen ab, andere kommen hinzu, die Gemeinschaft bleibt erhalten. Was auch den Vorteil hat, dass sich alters spezifische Probleme wie die Null-Bock-Haltung in der Pubertät nicht so ballen wie in einer homogenen Gruppe.

 

Winkelmann, der gern damit kokettiert, eigentlich keine Ahnung von Pädagogik zu haben, weil er sich, ohne eine einzige Vorlesung zu hören, durchs Studium lavierte, feilte zehn Jahre an seinem Konzept. Was funktionierte, behielt er bei, was nicht, ließ er sein. Learning by doing. Bei der zuständigen Behörde hat er nie um Erlaubnis gefragt, seine Schulleiterin ließ ihn machen.

 

Mittlerweile wurde die Förderschule in eine offene Ganztagsschule verwandelt, man unternimmt Bildungs- und Abenteuerreisen und organisiert das größte Schüler-Musik-Festival der Stadt. Ein gewisser Vorteil für Winkelmann und seine reformfreudigen Kollegen war sicher, dass an Sonderschulen, die quasi außer Konkurrenz laufen, eine gewisse Narrenfreiheit herrscht. Was am Pröbenweg allerdings nicht zu einer antiautoritären Laisser-faire-Haltung geführt hat: Winkelmann verlangt etwa von seinen Schülern in jedem Schuljahr ein Betriebspraktikum.

 

Neu allerdings ist das, was er und seine Kollegen machen, eigentlich nicht. Projektarbeit, die Förderung nicht nur der intellektuellen, sondern auch der handwerklichen und musischen Fähigkeiten der Kinder - all das haben deutsche Reformpädagogen schon in den zwanziger Jahren gefordert und erprobt. Doch ihre Ideen blieben folgenlos, weil auch diese Tradition mit der Nazi-Diktatur abbrach. Und weil später, in der Bundesrepublik, die pädagogische Reformdebatte mit dem fruchtlosen Kulturkampf um die Gesamtschule endete, die in fast allen europäischen Ländern die Regel ist.

 

Das Pisa-Desaster hat die Diskussion neu belebt. Jetzt ist amtlich, was viele Experten längst wussten: In das Bildungssystem wird zwar nicht wenig Geld gesteckt - deutsche Lehrer gehören im internationalen Vergleich zu den bestbezahlten -, doch der Output ist nur mäßig. Von Chancengleichheit reden Pädagogen hier zu Lande zwar gern, benachteiligen aber trotzdem systematisch Kinder aus der Unterschicht.

 

Ein Grund ist der deutsche Ordnungsfimmel: Schon Zehnjährige werden auf die einzelnen Schulformen verteilt, ihre Bildungskarrieren weitestgehend festgelegt. Nicht minder desaströs: die Kultusbürokratie, die sich nicht etwa mit der Qualitätskontrolle von Schulen befasst, sondern mit Absurditäten. Ein Heer von Beamten formuliert auf tausenden Seiten Lehrpläne aus, reglementiert die Lehrerausbildung bis ins Detail und verteilt die Pädagogen anhand ihrer Examensnoten übers Land. "Welch ein Unsinn!", sagt Klaus Hurrelmann.

 

Das deutsche Bildungssystem verwandelt jede Neuerung auf wundersame Weise in Altbekanntes

 

Dass der Unsinn von den dafür Verantwortlichen für normal gehalten wird, hat auch mit inzestuösen Verhältnissen zu tun. Lehrer, die ihre Schüler für die Welt interessieren sollen, haben sich selbst meist nur in dem geschlossenen Kreis aus Schule, Pädagogischer Hochschule, Schule bewegt. Folge ist ein gewisser Autismus; in vielen Kollegien wird jede Herausforderung als Bedrohung aufgefasst. In keiner anderen Berufsgruppe gibt es mehr psychosomatische Krankheiten und Frühpensionierungen.

 

Viele Lehrer plagt, auch angesichts immer schwierigerer Schüler, die Furcht, die Kontrolle zu verlieren. Sie ziehen sich zurück in die Schützengräben der Pädagogik von gestern und verwandeln den Gratis-Rohstoff Neugierde in Langeweile. Es gebe gute Gründe anzunehmen, schreibt der Reformpädagoge und Vater der Bielefelder Laborschule Hartmut von Hentig, "dass das verschulte Zeichnen und Malen das spontane Zeichnen und Malen verdirbt, so wie verordnete Lektüre das Lesen und das veranstaltete Spiel das Spielen".

 

Weniger Pädagogik wäre mehr. Lehrer, die ausschließlich Fragen stellen, deren Antwort sie schon kennen, frustrieren nicht nur ihre Schüler, sondern auch sich selbst. Winkelmann sagt: "Wenn ich als Lehrer noch einigermaßen lebendig bin, dann mache ich mit den Kindern Sachen, die ich selbst spannend finde." Ein Pädagoge könne nur vernünftig arbeiten, wenn er irgendwelche Leidenschaften habe. Daran mangelt es bei ihm nicht. Er hat in seinem früheren Leben Filme gemacht, sechs Jahre in einer Druckerei gearbeitet, ist mit einer Band durchs Land gezogen.

 

Solche Kicks fehlen den meisten Pädagogen, sie wechseln während ihres gesamten Arbeitslebens noch nicht einmal die Stelle. "Die größte Angst des Lehrers ist es, einen neuen Schulweg lernen zu müssen", lästert Winkelmann. Vor die Wahl gestellt, würde er zuweilen lieber die Hausmeisterin anstellen als manchen Junglehrer, der frisch von der Hochschule kommt. Warum auch nicht? Wer sagt, dass nur Lehrer sich als Lehrer eignen? Der Fahrradhändler von nebenan könnte Schülern zeigen, wie man professionell Platten flickt; der Gärtner, wie man Tomaten anbaut; die Arbeitslosen-Initiative, wie man als Erwerbsloser durchs Leben kommt. All das passiert bereits - an einzelnen ambitionierten Schulen.

 

Damit es mehr werden, müssten nach Ansicht von Bildungsexperten wie Wolfgang Nowak, langjähriger Staatssekretär im sächsischen Kultusministerium, alle Schulen in die Freiheit entlassen werden. Dann könnten sie - in einem vom Staat vorgegebenen Rahmen - selbst über ihr Personal, ihren Etat, ihr Bildungsprogramm entscheiden. Die Anforderungen wie Abschlüsse und Prüfungen wären vorgegeben, der Weg dorthin wäre offen. Die Schule als pädagogisches Dienstleistungsunternehmen: in vielen europäischen Ländern längst Realität.

 

Das preußische Schulwesen erwies sich bis jetzt als resistent. "Immer wenn etwas Neues die Schulen erreicht", so die Erfahrung des Sozialdemokraten Nowak, "wird es von Lehrerkonferenzen, Gewerkschaften, der Kultusbürokratie und nach Parteiproporz besetzten Kommissionen so lange abgeschliffen, bis etwas Altbekanntes herauskommt." Auch die Forderung nach autonomen Schulen ist nicht neu. Der Deutsche Bildungsrat hat sie schon in den sechziger Jahren erhoben - und wurde daraufhin aufgelöst. " Die Rache der Kultusbürokratie" (Hurrelmann).

 

Am Stillstand sind nicht zuletzt klagefreudige Eltern schuld, die dafür gesorgt haben, dass der pädagogische Betrieb verrechtlicht ist wie kaum ein anderer. Als im Stadtstaat Hamburg die so genannte verlässliche Halbtagsgrundschule eingerührt wurde, die eine tägliche Betreuung von acht bis 13 Uhr garantiert, zog eine besorgte Mutter, weil sie allen Ernstes ihr Recht auf Erziehung in Gefahr sah, bis vors Verwaltungsgericht.

 

Trotz alledem und Pisa sei Dank bewegt sich etwas. Nordrhein-Westfalen hat einen Modellversuch gestartet, der rund 300 beteiligten Schulen erlaubt, weitgehend selbstständig über ihr Personal und ihren Haushalt zu entscheiden. Nowak ist überzeugt, dass solche Vorreiter eine Sogwirkung auslösen, der sich andere Schulen nicht entziehen können. Eltern seien es nämlich leid, als Steuerzahler "viel Geld für mittelmäßige Leistung auszugeben".

 

Winkelmann kann auf die meisten Eltern seiner Schüler in dieser Hinsicht wohl nicht zählen - sie lassen sich nie bei ihm blicken. Die Ideale der Mittelschicht gelten an der Förderschule Pröbenweg nicht viel. Wer von den Schülern dort später eine Lehrstelle ergattert oder einen Job als Verkäufer in einem Baumarkt, hat etwas Gewaltiges erreicht. Das weiß Winkelmann natürlich, aber an seinem Ehrgeiz ändert das nichts. Er versuche, so sagt er, den Schülern zu vermitteln, "im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten Glück zu finden".

 

Mehr geht nicht.

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