Ausgabe 09/2002 - Was Wirtschaft treibt

Musik für Erwachsene (2)

4. Wem nützen Tapeten?

 

"Das ist Robotermusik, komponiert von alten Männern."

 

Kim Gordon, Bassistin der Rockband Sonic Youth, erklärt ihrer Tochter die Musik von Britney Spears.

 

"Was heißt, man muss die CD billiger machen? .Man könnte sie auch wertvoller machen. Es gibt keinen anderen Industriezweig, der mit seinen Produkten so umgeht. In jeder Musikzeitung liegt heute eine CD und Leer-CDs kosten nicht mal einen Euro - da denkt der Verbraucher natürlich, CDs sind nichts wert. Und dann wird andererseits in den Konzernen an der Verpackung gerechnet oder am Booklet: Zwölf Seiten ist Standard, wenn wir da weniger machen, können wir in einem Jahr weltweit zwei Millionen Dollar sparen ... Bloß nicht die Ausstattung verbessern! Dabei ist es doch unglaublich, dass sich an der Präsentation der CD seit 20 Jahren fast nichts geändert hat." Das ist Christof Ellinghaus, Chef des Berliner Independent-Labels City Slang. Der liebt Musik und hat verdammt gute Gründe, sich über seine Branche zu argem. "Das größte Problem der Musikindustrie sind die Egos. Ich kenne keinen anderen Industriezweig, in dem so viel Geld für aufgeplusterte Egos verbrannt wird. Das betrifft nicht nur Superstars, sondern auch die Chefs der Plattenfirmen. Da wird weltweit Geld aus dem Fenster geworfen, weil irgendein Mensch in Los Angeles, Tokio, London oder Berlin beschlossen hat, irgendwas sei das nächste große Ding. Und wenn es nicht funktioniert, wenn längst klar ist, dass das natürliche Potenzial eines Künstlers längst am Limit ist, hört man nicht auf, sondern schmeißt noch mehr Geld hinterher. Für das Ego."

 

Ellinghaus betreibt nicht nur seine Firma, sondern ist auch Leiter von Labels Deutschland, einer Tochtergesellschaft von Virgin Records, die wiederum zu EMI gehört. Das Unternehmensmodell Labels wurde in den neunziger Jahren in Frankreich von dem ehemaligen Virgin-Frankreich-Chef Emmanuel de Buretel entwickelt, der heute EMI-Chef Europa ist und seine Idee nun nach England, Belgien, Holland, Italien, Griechenland und eben Deutschland exportiert hat. Labels schließt Verträge mit kleinen Plattenfirmen, veröffentlicht deren Produkte in den beteiligten Ländern, stellt seinen Vertrieb zur Verfügung und macht auch Marketing und Promotion. Ein ähnliches Modell von Sony, das Sony Independent Network, veröffentlicht ausgewählte Künstler einzelner Labels, in der Regel die Stars, also etwa Fat Boy Slim von Skint. Diese Strategie hilft sicherlich Sony, doch den kleinen Firmen, die an allen ihren Künstlern Interesse haben, nützt das weniger. Labels veröffentlicht dagegen alle Alben seiner Partner. Christof Ellinghaus vertreibt über das Modell also seine City-Slang-Produktionen, etwa Notwist, Lambchop und Calexico.

 

Die Geschäfte des 38-Jährigen, der eigentlich Musikjournalist werden wollte, laufen gut, von der Krise in der Musikindustrie hat er wenig gespürt, seine deutsche Band Notwist war mit ihrer aktuellen CD " Neon Golden" kürzlich sogar in den Top Ten, Lambchop war ebenfalls in den Charts. Der Trick? Durchhaltevermögen. "Bei Lambchop haben wir sechs Platten gebraucht, bis es die Gruppe in die Charts geschafft hat. Doch wir haben damit nie Geld verloren, wir haben immer mit kleinen Budgets gearbeitet, keine teuren Videos gedreht, und nun geht es ab."

 

Eigentlich wäre alles gut, gäbe es bloß nicht die Probleme mit den Medien. "Wir könnten viel mehr Platten verkaufen, wenn die Leute unsere Platten nur zu hören bekämen. Aber unsere Musik wird nirgends gespielt, nicht im Radio und im Fernsehen sowieso nicht. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben zwar einen Kulturauftrag, aber dem kommen sie nicht nach." Das Radio. Das Fernsehen. Da sind sich alle einig. Universal-Chef Tim Renner: "Übers Radio kannst du heute kaum Neues kommunizieren, weil das Privatradio einem bestimmten Geschäftsmodell folgt: Es will möglichst viele Leute vereinen, dabei landest du aber zwangsläufig bei Hintergrundmusik. Der Fehler der Musikindustrie war, dass sie deshalb Hintergrundmusik produzierte, weil sie gelernt hatte, dass sie den Kommunikator Radio braucht. Sie hat nicht gemerkt, dass sich das Geschäftsfeld ihres Partners verändert hat." Und Thorsten Lütz, der Betreiber des Kölner Labels Karaoke Kalk: "Wir haben hier in Köln jetzt einen neuen Sender, ein Studentenradio, da werden unsere Platten gespielt. Ansonsten kommt unsere Musik aber nur in Spezialistensendungen vor." Alle haben dasselbe Problem.

 

Auch Trikont, ein mehr als 30 Jahre altes Independent-Label in München. Achim Bergmann, einer der Gründer der Firma, ein schlauer Radaubruder, der über die Jahre nicht leiser geworden ist, fasst die Probleme, die die Musikindustrie mit dem Radio hat, so zusammen: "Menschen wissen nicht, was es für Musik gibt. Und zwar nicht, weil es sie nicht interessiert, sondern weil sie keine Möglichkeit haben, sie zu hören. Seit Einführung der Privatradios hat sich die Zahl der gespielten Titel halbiert: Mehr Sender spielen immer weniger Lieder." Und die sind dann nach einiger Zeit natürlich totgespielt, was einer der Gründe ist, warum vor allem die Singles-Umsätze erheblich gesunken sind. "Für die übrige Musik bleiben nur Spezialistensendungen, aber die sind total überfordert. Die spielen nur noch Außenseiter, weil sie das Gefühl haben, dass die sonst überhaupt keine Chance haben. Und das geht natürlich ebenfalls an der Idee von Pop vorbei."

 

Trikont hat in dem Desaster eine interessante Marktlücke gefunden: Neben den Platten einzelner Künstler veröffentlicht das Vier-Personen-Unternehmen Compilations zu ungewöhnlichen Themen, Begräbnismusik, deutsche Musik in den USA oder, gerade erschienen, der Soul der Black Panther. Mit sehr aufwändigen, äußerst informativen Booklets sind die CDs ein Ersatz für gehobene Radioprogramme. Und Umsatzeinbußen durch Downloads oder Kopien gibt es damit auch nicht: "So, wie unsere Platten ausgestattet sind, mit den Fotos und Texten, wollen sie die Leute auch haben. Die kopieren die nicht."

 

Aber das löst natürlich nicht das Problem mit den Privatsendern, deren formatierte Programme kaum mehr als akustische Tapeten sind. Auch diesen Sargnagel hat die Musikindustrie mit geschmiedet: Als Mitte der achtziger Jahre die Privatradios aufkamen, sah man sie als Werbeplattform für Singles, die schnelles Geld bringen sollten - und tatsächlich basiert der Erfolg der so genannten Schnelldreher in den neunziger Jahren unter anderem auf diesen Sendern. Erst seit die Verkäufe zurückgehen, ist auch den Konzernen die karge Radiolandschaft unheimlich. Wie weit sich das System vom Hörer oder gar Plattenkäufer entfernt hat, zeigt die Strategie einiger Musiker, die ihre Singles selbst schreiben und einspielen und sie dann in ihrer eigenen Firma veröffentlichen: Diese Personalunion macht es möglich, Singles billig selbst zu kaufen, dadurch in die Hitparade zu kommen und anschließend über die Radioverwertung Firmen-, Musiker- und Autorenhonorare zu kassieren. Später landen die Tracks als Radiohits auch noch auf Hit-Compilations für Teenies, für die dann wieder dreifach kassiert werden kann. Dass die Plattenfirmen mit solchen CD-Zusammenstellungen kein Geld verdienen, wundert angesichts eines solchen Systems wenig.

 

Die Sendeminutenpauschale der GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten), die momentan bei etwa 1,50 Euro liegt, ist alles, was die Plattenfirmen am Radioprogramm verdienen. Eine Verdienstmöglichkeit wäre, exklusive Programme für Radiosender zu produzieren, quasi Dudelfunk aus der Dose (wie er heute bereits in den Niederlanden entsteht und europaweit, auch nach Deutschland, vertrieben wird), doch das Konzept Hitradio scheint allgemein seinem Ende entgegenzugehen. Für die Werbung, die finanzielle Grundlage der Sender, gilt Radio zunehmend als Tertiärmedium, das nur im Hintergrund wahrgenommen wird und eine entsprechende Priorität hat. Deshalb glauben viele Leute in der Musikbranche, dass, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Musikstrategie ändern würden und damit erfolgreich wären, auch die Privatsender folgten.

 

Ähnlich trist sieht es im Fernsehen aus: In den öffentlich-rechtlichen Anstalten findet Popmusik so gut wie nicht statt, was angesichts des allgemeinen Interesses etwas bizarr ist. Und die Musiksender beschränken sich auf einen kleinen Ausschnitt des Angebots, Musik für Teenies, die Kernzielgruppe. Die Videos bekommen diese Sender von den Plattenfirmen kostenlos, sie zahlen selbst nur Gema-Gebühren. Ein interessantes Geschäftsmodell für die Musikindustrie wäre, die Videos an die Sender zu verkaufen oder gleich direkt an die Fans, auf DVD etwa, einem massiv boomenden Medium, das der CD sicherlich Umsatz gekostet hat. Zurzeit verdient die Musikindustrie mit Videos jedenfalls ungefähr so viel wie im Internet: so gut wie nichts.

 

5. Ins Netz gegangen

 

Der alte Fuchs kann vom jungen Narren mehr lernen, als der junge Narr jemals hoffen kann, vom alten Fuchs zu erfahren. (Zen-Spruch)

 

Das Internet ist auch nur ein Medium. Allerdings eines, das sich für viele Unternehmen als sehr kostspielig erwiesen hat, auch für Musikunternehmen. Eine ganze Reihe war vor drei Jahren angetreten, um in der virtuellen Welt echtes Geld zu verdienen - heute sind davon nur noch wenige übrig. Das Internet ist eben keine Goldgrube - aber vielleicht die Grube, in die die Musikindustrie demnächst fährt? Das wird zumindest von Leuten behauptet, die in illegalen Downloads und Filesharing das größte Problem der Branche sehen. Selbst wenn diese Annahme nicht zu belegen ist, ist eines nicht zu leugnen: Die Musikindustrie macht im Internet kaum Geschäfte. Und auch dieses Problem ist hausgemacht.

 

Gregor Stöckl, seit sieben Monaten Chef der deutschen Virgin Records, äußert sich nur vorsichtig. Er ist 34, der Job ist für ihn neu, außerdem tritt er die Nachfolge von Udo Lange an, einem Mann, der Virgin Deutschland 20 Jahre geleitet hat und in der Branche einen guten Ruf hat. Aber was das Internet angeht, ist die Sache für ihn klar: "Man muss einfach sagen, dass die Branche das verschlafen hat. Als das Internet aufkam, waren wir sehr restriktiv, es wurde als Feind gesehen, nicht als Partner." Dieses Versäumnis dämmert nun auch den Schläfern in den Musikkonzernen, und so passiert jetzt endlich etwas: Universal hat im August den Online-Dienst Popfile gestartet, ein Download-Center, in dem Songs für 99 Cent das Stück heruntergeladen werden können. Später sollen sich die Preise differenzieren, exklusive Tracks sollen teurer sein. Die Website hat eine hohe Priorität im Unternehmen, zum Start des neuen Services kam sogar der Kanzler. (Wegen der Karrierefreude des Universal-Chefs Tim Renner hieß es, Schröder besuche seinen Nachfolger.) Die Kritik, der Hörer wolle keine unternehmenseigene Website, sondern einen Ort, an dem er alles bekomme, weiß Renner zu entkräften. Natürlich steht die Site anderen Firmen offen, vielleicht wird sie später auch in eine heute noch nicht existierende Site eingegliedert. Renner muss das sagen, denn das Projekt war ursprünglich von den deutschen Musikkonzernen gemeinsam geplant worden. Der Universal-Chef ist vorgeprescht, weil er das Gefühl hatte, wenn er nichts tut, passiert überhaupt nichts - und damit hatte er vermutlich Recht.

 

Trotzdem bleiben einige Fragen offen. Vielleicht ist Musik für die nächste Generation tatsächlich nur einen Mausklick entfernt, aber für die Mehrheit der heutigen Käufer ist sie das sicher nicht - sollen also solche Sites bis in ferner Zukunft ein Zuschussgeschäft bleiben? Außerdem: Warum sollte jemand etwas bezahlt runterladen, wenn er es einen Mausklick weiter, zum Beispiel bei Kazaa.com, umsonst bekommt? Sind die geplanten, erhofften, fantasierten Sicherheitssysteme, die Raubkopien verhindern sollen, technisch machbar? Und vor allem: Sind die Downloads das Problem? Für Thorsten Lütz vom Kölner Mini-Label Karaoke Kalk jedenfalls nicht. " Mein gesamtes Programm gibt es auch (illegal) im Netz, als MP3 oder Download, aber das ist okay. Ich glaube, dass das so, wie wir Musik veröffentlichen, eine runde Sache ist und die Leute das so haben wollen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass sich Leute Tracks aus dem Netz laden und dann noch die Platte kaufen." Ähnlich argumentiert Achim Bergmann von Trikont: "Das Runterladen schadet uns nicht, das sind alles zukünftige Käufer. Wir haben auch ein paar Downloads auf unserer Website." Er sieht für die Krise einen viel weiter reichenden Grund: "Das Runterladen und auch das Kopieren ist eine Bestrafung. Die Leute fühlen sich vom Marketing-Denken verarscht. Es ist wie beim TSV 1860 München. Die haben alles modernisiert, haben sich neue Sponsoren geholt und neues Marketing gemacht, und heute lassen sie Jugendliche umsonst zu den Spielen, damit da überhaupt noch irgendwer sitzt."

 

6. Das Ende der Superstars

 

"Der Hauptfortschritt der Zivilisation sind Vorgänge, welche die Kulturen, in denen sie stattfinden, fast zugrunde richten." (Alfred North Whitehead, britischer Philosoph)

 

Die moderne Musikindustrie ist in der Jugendkultur verwurzelt. Früher war Musik eine Sache der Erwachsenen, doch seit den sechziger Jahren sind Jugendliche die Hauptzielgruppe. Allerdings ist das Interesse seit einiger Zeit eher einseitig. Die Kids geben ihr Geld für eine Unzahl von Freizeitaktivitäten aus, für Videogames zum Beispiel oder Comics, und wenn sie dann noch ein paar Euro übrig haben, reicht es gerade für einige Leer-CDs, auf die sie sich den Soundtrack für ihren hektischen Alltag laden. Kostenlos, versteht sich, denn Illegalität ist kein Problem, das Zwölfjährige quält. Das ist nicht die beste Grundlage für gute Geschäfte, aber die Medien lassen außer Teenie-Musik nichts Neues zu, meint Tim Renner: "Die Innovationen in diesem Bereich folgen dem Interesse der Musiksender. Das ist deren Zielgruppe, das spielen sie, da kann man noch Neuheiten vorstellen. In allen anderen Kommunikationskanälen wehrt man sich gegen das Neue." Renner sieht deshalb eine Lösung in einer staatlichen Quote für das Radio, ähnlich wie in Frankreich, wo eine gewisse Zahl neuer, einheimischer Titel im Programm Pflicht ist.

 

Frankreich ist ein beliebtes Beispiel für einen gut funktionierenden Musikmarkt. Tonträger sind teurer als bei uns und verkaufen sich besser, größere Umsatzeinbrüche hat es (trotz Internet und Downloads!) nicht gegeben. Doch dies allein auf die Frankopop-Quote zu schieben hält der Konzertveranstalter Berthold Seliger für naiv: "Die substanzielle Aufbauarbeit der französischer Kulturpolitik wird immer ignoriert, weil sie Geld kosten würde. In Frankreich fördert der Staat die Live-Kultur, er finanziert beispielsweise das Konzert-Equipment der Kulturzentren. Eine solche substanzielle Basisförderung gibt es bei uns nicht." Zumindest in Baden-Württemberg soll sich das nun ändern. Das Bundesland plant, die "Popular- und Jugendmusik" zu fördern, etwa durch die Gründung einer Pop-Akademie, aber auch durch die " Verbesserung der Kooperation innerhalb der Kommunen zwischen örtlichen Veranstaltern, Jugendhäusern, Verbänden, Musikschuler und Schulen". Solche Vernetzungsvorschläge könnten sogar realisiert werden, denn sie sind billig, und das ist wichtig: Popmusik soll dem Staat grundsätzlich nicht viel kosten.

 

Das hängt natürlich auch mit dem herrschenden Bild vor Kultur zusammen. Für Opernhäuser ist Geld da (in Berlin gibt es drei große), für Musik-Clubs nicht. In Hamburg schloss Ende vergangenen Jahres das legendäre " Knust", in dem schon Stars wie R.E.M. oder Jeff Beck gespielt hatten, der Betreiber fand kein Ausweichquartier und keine Unterstützung der Stadt. Der bundesweit bekannte "Mojo-Club" wird Anfang 2003 ebenfalls schließen, die Problemlage ist ähnlich. Damit verlieren vor allem neue Bands eine Chance, sich mit Konzerten ihr Publikum zu erspielen. In München, sagt Achim Bergmann von Trikont, gibt es nur zwei, drei Orte für mittelgroße Konzerte. "Das liegt daran, dass Popmusik als Jugendkultur gesehen wird. Niemand begreift, dass es Popmusik für Erwachsene gibt. Die glauben alle, dass man mit 25 reif ist für die Hochkultur, also Klassik hört. Die nehmen Pop als Kultur nicht wahr."

Dabei sind die Kids selbst für die Musikindustrie nicht mehr die Kundenmehrheit: Universal macht 14 Prozent des Umsatzes mit Teenie-Musik, aber 53 Prozent mit CDs für 25- bis 39-Jährige. Hinzu kommt, dass 5,4 Prozent der Konsumenten, die Vielhörer, die mehr als neun CDs im Jahr kaufen, fast 50 Prozent des Umsatzes machen. Angesichts dieser Zahlen ist es offensichtlich, dass die Musikindustrie mit ihrer marketing-getriebenen Teenie-Orientierung lange in die falsche Richtung geguckt hat. Aber das merkt sie langsam selbst, denn dieser Fehler wird immer teurer. Gerade die Bands, die schnell die Charts stürmen sollen, bringen dank immenser Kosten nur geringe Gewinne. Bei einer Gruppe wie No Angels etwa, die in der TV-Serie "Popstars" zusammengestellt wurde und anschließend eine Reihe von Hits hatte, bleibt bei einer langen Kette von Lizenzgebern (bis zu der neuseeländischen Firma, die das TV-Format erfunden hat) nicht viel übrig. Und wenn sich EMI mit 32 Millionen Dollar von ihrem Star Mariah Carey freikauft, weil die mit immerhin vier Millionen verkauften CDs nicht erfolgreich genug ist und eine derart hohe Abfindung immer noch Geld spart, kann man sich vorstellen, was für ein Problem die Konzerne inzwischen mit dem Superstar-System haben.

 

Der größte Kostenfaktor ist dabei die Aufmerksamkeit der Menschen. In der Hut der Entertainment-Angebote wird Werbung und Marketing immer wichtiger, aufwändiger und teurer. Und in die Medien kommt man oft auch nicht mehr ohne Geld. Berthold Seliger erzählt: "Wie alltäglich das Prinzip Sendezeit gegen Bezahlung geworden ist, zeigt ein Beispiel, dass wir gerade mit der Reihe "WDR-Rockpalast-Bootleg" erlebt haben. Die Redaktion fragte nach einer Künstlerin unserer Agentur, und als wir uns nach der Gage erkundigten, hieß es, es gäbe keine Gage. Im Gegenteil, man müsse sich in die Sendung einkaufen. Der Redakteur war unglaublich überrascht, als ich das abgelehnt habe, ja, dass ich das sogar für skandalös halte. Aber so läuft das. Die großen Plattenfirmen kaufen sich in die Fernsehsendungen ein."

 

Kein Wunder, dass im Jahr 2001 von den 6455 Neuerscheinungen bei den Majors in den USA nur 112 den Break-even erreichten. Und auch kein Wunder, dass man angesichts solcher Zahlen in den Unternehmen nervös ist. Zumal das Star-System inzwischen auch im Verkauf, in den Plattenläden, seine dunkle Seite zeigt. Ursprünglich schien eine gewisse Konzentrationstendenz im Plattenhandel für die Konzerne nur Vorteile zu bringen. Man würde mit der Zeit immer weniger (Superstar-)Produkte an immer weniger Händler liefern - und dadurch viel Geld sparen. So verzichtete man auch gern auf kleine Läden, die die Mindestbestellmengen einiger Firmen oft nicht erfüllen konnten. Inzwischen laufen 39,7 Prozent des Tonträgerhandels über Ketten wie Karstadt und Saturn - und das kostet. Für absatzfördernde Kopfhörerplätze, CD-Stapel neben dem Eingang und Aktionsflächen zahlen die Plattenfirmen in der Regel zumindest mit Rabatten. Die Abhängigkeit von einigen wenigen Händlern ist groß. Von Universal etwa heißt es, die Firma mache 30 Prozent ihres Umsatzes über die Elektro-Kaufhäuser von Saturn, angeblich soll die Kette sogar kürzlich gedroht haben, mehr als eine Million unverkaufter CDs an Universal zurückzuschicken. Ob diese astronomische Zahl wirklich stimmt, ist unklar - vorstellbar ist das Szenario allerdings mit jedem großen Musikkonzern und allen Handelsketten. In so einer Situation ist auch ein Großunternehmen erpressbar.

 

Einige der größten Hits der vergangenen Jahre waren allerdings verblüffend billig. Sie wurden wenig beworben, verursachten kaum Marketingaufwand, erschienen anfangs quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit und setzten sich anschließend über Mundpropaganda durch. So verkaufte in den USA der Soundtrack zu dem Film "O Brother Where Art Thou" mit traditionellem Blues und Folk mehr als die aktuellen CDs von Michael Jackson und Mariah Carey zusammen. Auch in Deutschland gab es solche Erfolge, etwa "Play" von Moby, das Debüt des kubanischen Buena Vista Social Club oder " Clandestino" des Franzosen Manu Chao, einem Welthit, der bei Virgin Deutschland zuerst nicht erscheinen sollte. Heute ist Virgin-Chef Gregor Stöckl froh, dass es das Album gibt, nicht nur wegen des Geldes: "Ich glaube, so ein Fall ist sehr gut für eine Firma. Das zeigt, dass alles möglich ist, dass man immer offen bleiben muss. Bei Robbie Williams ist es ähnlich. Der hat mit seiner Swingplatte neue Käuferschichten angesprochen, und ich glaube nicht, dass er das geplant hat. Wir brauchen solche Künstler, und da muss man ganz klar sagen, dass wir dafür in Deutschland nicht viel getan haben. Gut, der finanzielle Druck wird stärker, man kann sich nicht mehr so viele Flops leisten, und so wurde zuletzt vor allem auf Marketingprodukte gesetzt. Die hatten vielleicht kurzfristig ihre ökonomische Berechtigung, aber auf lange Sicht haben die uns nicht weitergeholfen. In Deutschland gab es in letzter Zeit nur zwei neue große Stars, Xavier Naidoo und Rammstein, das war alles."

 

Das ist das, was in der Branche die A-&-R-Krise (Artist & Repertoire, die Abteilung, die für die Entdeckung und Entwicklung neuer Künstler zuständig ist) genannt wird. Christof Ellinghaus von Labels meint dazu: "Bei den Majors muss eine Band mit der ersten, zumindest aber mit der zweiten Platte funktionieren. Wenn nicht, wird der Stecker gezogen, und das ist dann meist das Ende der Gruppe. Die Sprecher der Industrie reden gern vom klassischen A&R' und vom ,Artist Development', aber in der Realität werden Schnelldreher gezüchtet, die sämtliche Kanäle verstopfen. Zeit hat da keiner mehr, am wenigsten der Künstler. Alle Majors (außer BMG) werden an der Börse gehandelt. Fallender Börsenwert und langfristiger Künstleraufbau können nicht koexistieren. Budgetdruck führt öfter zu Entscheidungen gegen den Künstler als für ihn. Platten, die sich nicht schnell genug drehen, werden gestrichen. Eine Velvet-Underground-LP, die anfangs nichts verkauft hat, würde es heute nicht mehr über die nächsten 30 Jahre zum Klassiker schaffen."

 

Abgesehen davon bleibt die Frage, ob neue Stars wirklich die Lösung sind. Kann sich die Mehrheit der Konsumenten noch auf einen neuen Künstler einigen? Nein, sagt Tim Renner: "Der Mainstream ist ersetzt worden von einer Vielfalt, aus der sich jeder nimmt, was ihm gefällt." Und Achim Bergmann von Trikont erklärt: "Heute kommst du mit 15 000 verkauften Platten in die Top Ten, und wenn du siehst, wie viel die Majors investieren, geht das natürlich nicht. Die glauben, du verkaufst umso mehr, je mehr du reingibst, aber das ist vorbei, du kannst Künstler nicht mehr in den Markt drücken. Es gibt das alte Argument, du brauchst Stars, um mit deren Gewinn den Nachwuchs zu fördern, aber das ist Quatsch. Das geht gar nicht. Für eine große Band brauchst du eine völlig andere Struktur im Unternehmen, in den Medien, im Handel als für kleine Gruppen. Du kannst nicht einerseits von einer Gruppe eine Million Platten verkaufen wollen und dann sagen, du willst kleine Acts fördern. Die großen Firmen müssen alle umdenken. Aber ich bezweifle, dass sie das können."

 

7. Musik

 

"David's on Piano and I may play on a drum, we'll try to make the music work, we'll try to have some fun." Robert Wyatt, "O Caroline"

 

Grundsätzlich scheint es in allen Konsumbereichen zwei Tendenzen zu geben: Entweder die Produkte sind gut und werden immer besser, dann ist die Zielgruppe eher klein und der Preis hoch, spielt aber eine geringe Rolle. Oder die Zielgruppe ist sehr groß und die Qualität mittel bis mäßig, dann ist der Preis gering, zunehmend sind die Produkte sogar gratis, finanziert durch Werbung und Sponsoren. Für die Musikindustrie stehen beide Wege offen, vorstellbar ist vieles - auch tolle Musik auf schön verpackten CDs mit großzügigen Booklets, die Menschen gern kaufen. Dass das mittelfristig über das Internet funktioniert, ist aber eher fraglich, denn noch wollen die meisten Käufer etwas Anfassen, der Bestand der Vinyl-Platte (jährlich werden 500 000 neue Platten verkauft) belegt das. Wenn sich die Radiolandschaft verändert, was vermutlich von den öffentlich-rechtlichen Anstalten ausgehen müsste, hätten ungewöhnliche Produkte aber wieder eine Möglichkeit, Öffentlichkeit zu finden. Dann gäbe es eventuell auch ein steigendes Interesse an Live-Veranstaltungen, und eine Förderung von Konzert-Clubs wäre nicht so dringlich. Andererseits wäre es ebenso vorstellbar, dass die Musikindustrie vorgefertigte Programme für Radiosender produziert, Videos an TV-Sender verkauft, CDs von Sponsoren finanzieren lässt oder Anzeigenseiten in CD-Booklets verkauft (das gab es bereits, die Neue-Deutsche-Welle-Band Trio verkaufte die Rückseite ihrer Debüt-LP als Anzeige, und Sigue Sigue Sputnik blendete 1985 Werbe-Jingles zwischen ihre Songs). Beide Modelle wären auch in den großen reformierten Konzernen vorstellbar, die sich Tim Renner vorstellt, nur: Was wäre deren Vorteil? Es würde wohl kaum schaden, wenn die marktbeherrschenden Monolithen in mittelständische Unternehmen zerfielen, in Vertriebe, Finanziers, Vermarkter, also Geschäftsleute auf der einen Seite und auf der anderen Seite Musikspezialisten, Musikfans und Musiker, Menschen eben, die Musik verstehen. Der Musik täte es gut, und neue Arbeitsplätze entständen dabei vermutlich auch.

 

Eines ist auf jeden Fall sicher: Irgendwo packt in dieser Sekunde jemand seine Gitarre aus, schließt jemand seinen Laptop an, sucht jemand seine Noten, irgendwo wechseln Menschen gerade jetzt Blicke, sirren erste vereinzelte Töne durch die Luft, und dann beginnt die Welle. Die Klänge formen sich zu einem Netz, zu einer Melodie, zu etwas, das Sinn ergibt, und das ist der Kern; alles andere, jede Platte, jedes Video, jeder Download ist dafür nur ein Ersatz, selbst die schiefste Stimme unter der rostigsten Dusche ist ein Teil davon, ein Teil der Seele der Musik. Und das wird so bleiben: Musik wird immer und vor allen Dingen kostenlos sein.

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