Ausgabe 03/2002 - Was Wirtschaft treibt

Die Revolutionäre des Büros

Am Anfang seines Reichtums war das Word - mit d geschrieben, wie es sich für amerikanische Software gehört. Es ist das meist benutzte elektronische Schreibwerkzeug der modernen Welt. Und es könnte gar keinen anderen Namen haben. Keine Schnörkel, kein Buchstabe zu viel. Denn sein Erfinder Charles Simonyi ist bekennender Minimalist.

Simonyis Villa in Kirkland bei Seattle liegt am Ufer des Lake Washington. Mehrere hundert Meter Glasfront und Metallverschalung, dahinter ineinander verschachtelte Hallen, Empfangsräume und Büros. Nirgends ein persönlicher Gegenstand. Besucher werden von der Haushälterin angehalten, ihre Schuhe auszuziehen, damit auf dem dicken hellgrauen Teppichboden keine Spuren bleiben. Die ansonsten kahlen weißen Wände hängen voller Originale: Roy Lichtenstein, Jasper Johns, Victor Vasarely. Simonyi, frisch von einer morgendlichen Ruderpartie auf dem See zurück, hat seine Sammlung gerade im Eigenverlag katalogisiert.

Word-Textprogramm: der einfache Weg zum Brief Für ihn sind die drei Künstler Seelenverwandte, die Stufen auf einer "unendlichen Abstraktionsleiter" erklommen haben. "Könnte es sein, dass diese Künstler lange vor Technologen und Kapitalgebern die digitale Revolution voraussahen?" Der 53-jährige Simonyi ist davon überzeugt. Er sieht auf den Leinwänden die Null und die Eins des binären Alphabets. Lichtenstein, Johns und Vasarely, sagt er, "lebten und arbeiteten an der Schwelle zur Informationsgesellschaft".

Dass diese Informationsgesellschaft heute auf neun von zehn Computerbildschinnen der modernen Welt die gleiche Ausdrucksform hat, ist zu großen Teilen Simonyis Verdienst. Er ist einer der Väter von Microsoft Office - jenem Sortwarebündel, das für geschätzte 250 Millionen Menschen Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationen, Kommunikation und Organisation besorgt. Wer heute ein Dokument auf seinem PC nicht öffnen kann, ist von einem Gedankenaustausch unter Kollegen oder Verhandlungspartnern ausgeschlossen. Ohne Powerpoint läuft kein Unternehmensberatungs-Geschäft. Wer nicht weiß, wie man die Zellen A:5 bis A:35 in der Finanzplanung mit verschiedenen Gewinnspannen multipliziert und die verschiedenen Modellrechnungen hinter U:15 als Balkengrafik einfügt, hat als Geschäftsmann ein Glaubwürdigkeitsproblem. Excel, Powerpoint, Word und Outlook sind die Breitreifen, auf denen die moderne Wirtschaft rollt. Ihr Verständnis wird - zumindest in Amerika - schon bei Schulkindern erwartet.

Für Simonyi, ein gebürtiger Ungar, der 1966 ohne einen Forinth aus dem Ostblock floh, ist der Aufstieg der Software-Palette zu universalen Werkzeugen pure Magie des Kapitalismus. "Die Debatte, ob es einen Konflikt zwischen fortschrittlicher Technologie und wirtschaftlichem Erfolg gibt, ist Unsinn. Es gibt nur ein Kriterium, um die Nützlichkeit neuer Technik zu messen. Und das ist, ob die Leute etwas kaufen oder nicht." Die simple Einsicht imponierte Bill Gates schon 1980, als er Simonyi zum ersten Mal traf. Die beiden unterhielten sich auf einer Autofahrt über die Zukunft des Mikrocomputers, der damals noch im Embryonalstadium steckte. Gates war ein ehrgeiziger Geschäftsmann mit einem jungen Unternehmen, das weder über ein Betriebssystem noch über Anwendungsprogramme verrügte. Simonyi arbeitete als Programmierer für das berühmte Xerox Pare Labor. Es nervte ihn, dass dort Zukunftstechnik ohne kommerzielle Auswertung entwickelt wurde. Beide glaubten daran, dass der persönliche Computer das Leben am Arbeitsplatz und zu Hause revolutionieren würde. Indes: Es fehlten die Software-Bausteine.

Simonyi machte sich ans Abstrahieren. Er setzte 1980 ein dreieinhalb Seiten langes Memorandum für Gates auf, das die Vision und Strategie Microsofts vorwegnahm - von der Integration verschiedener Programme für geschäftliche und private Nutzer bis zur Benennung der Produkte nach ihrem Erscheinungsjahr. Heute bewahrt er das Papier in einem Safe in seinem Haus auf. Das Pfund, mit dem Simonyi bei seinem Gespräch mit Gates wuchern konnte, war Bravo - die erste Textverarbeitungs-Software für einen der Vorgänger des PC, den Alto von Xerox. Gemeinsam mit Butler Lampson hatte Simonyi seit 1973 an dem Programm gewerkelt, das Text direkt von der Tastatur auf den Bildschirm übersetzte, einschließlich Formatierungen wie fett oder kursiv gedruckten Wörtern. Angesichts einer Rechnergeschwindigkeit von damals sechs Megahertz war die Software ein Geniestreich, dessen kommerzielles Potenzial Simonyi schnell klar wurde. "Früher gab es Spezialisten, die nur dafür ausgebildet wurden, Texte einzugeben wie Setzer in einer Druckerei. Als wir merkten, dass die Ehefrauen von Kollegen abends ins Labor kamen und mit Bravo schrieben, ohne dass man ihnen irgendetwas erklären musste, wussten wir, dass wir etwas Wichtiges entwickelt hatten." Sein Arbeitgeber Xerox jedoch war blind für das Marktpotenzial der Software, erinnert sich Simonyi heute: "Manchmal muss man eine Idee mit revolutionärer Zukunft einem agileren Neuzugang überlassen. Dieser Neuzugang war Microsoft. So wunderbar funktioniert der Kapitalismus!" Die Bravo-Idee entwickelte er ab 1981 für Gates weiter, ohne die heute übliche Kontroverse um geistiges Eigentum. Die Idee, dass Software-Algorithmen patentierbar sind, entwickelte sich erst in dieser Zeit. 1983 kam die zweite Generation seines Textverarbeitungsprogramms unter dem Namen Word auf den Markt. "An Word haben viele Leute mitgearbeitet", sagt Simonyi. "Ich habe als Entwicklungsleiter meinen Teil beigesteuert und andere ermutigt. Die Vision hatten wir vorher aufgeschrieben, aber die Kunst besteht darin, auf dem Weg dahin mit jeder Version Geld zu verdienen." Das moderne Word - 20 Jahre später ein Monsterprogramm, das Tippfehler automatisch korrigiert, Synonyme nachschlägt und die Adressen in einem Brief zurechtrückt - ist für den ungarischen Milliardär unverkennbar sein Baby. "Die Liste von Funktionen, von denen ich träumte, ist nahezu Wirklichkeit geworden. Manchmal musst du nur darauf warten, dass die technischen Möglichkeiten deine Voraussicht einholen." Zur gleichen Zeit, als Simonyi in Palo Alto in Nachtschichten an den Anfängen der individuellen Textverarbeitung bastelte, legten an der Ostküste zwei Wissenschaftler die Basis für leichtere Kalkulation für jedermann. Dan Bricklin und Bob Frankston kannten sich seit 1970 aus den Computerlabors des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ihre Zusammenarbeit mündete 1979 in VisiCalc, dem ersten Tabellenkalkulationsprogramm für Apples Mikrocomputer.

Bevor Microsorts Multiplan herauskam und lange bevor Excel ein Begriff wurde, verkauften Bricklin und Frankston tausende von Roppys der neuartigen Kalkulations-Software an Bankiers, Ärzte und Unternehmer jeder Art und Größe. Geblieben ist ihnen heute ein Kapitel im Geschichtsbuch der Sortwareindustrie, aber kein großer Reichtum.

Dan Bricklin ist ein schlanker 50-Jähriger, der mittlerweile sein viertes Start-up bei Boston namens Trellix leitet. Zum Interview kommt er in Jeans und Holzfällerhemd in das viktorianische Haus seines alten Freundes Bob Frankston. Im Dachgeschoss hat sich Frankston, der bis 1998 für Microsort arbeitete, ein Hightech-Labyrinth eingerichtet. Auf mehreren Schreibtischen verteilt stehen sieben Bildschirme, in Wandregalen stapeln sich Elektronik und Handbücher. Modelle der neuesten Organizer liegen in Plastikkästen, dazwischen ein Dutzend Telefone, Handys und digitale Kameras. Frankston hat Mühe, seine Gedanken zu formulieren, bevor der nächste Einfall nach Worten verlangt. Er beginnt Sätze und springt zum nächsten Thema, während er Fotos der gerade laufenden Diskussion auf einen Rechner lädt.

Tabellenkalkulation per Computer: die Entzauberung der Finanzmagier Dan Bricklin war der Geschäftsmann des Teams. Als Computerwissenschaftler studierte er 1978 an der Harvard Business School und sah sich bereits als Investmentbanker. Aber da war diese Idee, die ihn fesselte: Warum kann ein Taschenrechner nicht eine Maus haben, mit der man sich durch Kalkulationen bewegen kann? Und warum sollte man nicht in der Lage sein, seine Eingaben an beliebigen Stellen zu ändern, ohne alle Berechnungen neu anzustellen? Bricklin diskutierte seine Ideen mit Professoren und Kommilitonen. Sie verwiesen ihn auf den Apple II, den ersten Personal Computer mit einem primitiven Joystick namens "Garne Paddle", der je nach Einstellung den Cursor horizontal oder vertikal bewegte.

Die Idee für Tabellenkalkulation auf dem PC war geboren. Bricklin nahm Kontakt zu Frankston auf, der über den Herbst und Winter 1978 den Großteil des Programms entwickelte. "Wir standen vor einem seltsamen Problem", erinnert sich Bricklin. "Die Finanzleute, die sich nach einem solchen Programm sehnten, hatten keine Ahnung von Software. Die Programmierer, die so etwas schreiben konnten, sahen keine Notwendigkeit für eine solche Sortware." Marktforschung im eigentlichen Sinne betrieben die beiden Tüftler nicht. "Wir hatten keine genaue Zielgruppe im Auge. Damals kauften sich die Leute einen Computer, um mit den bereits darauf installierten Programmen zu arbeiten. Aber wir wussten aus Gesprächen mit Bankern und Freunden, dass es Bedarf für eine Art Zahlenverarbeitung gab." Im Januar 1979 hatte Frankston den Quellcode fertig. VisiCalc wurde auf einer privaten Konferenz vorgestellt, die Technologie-Analyst Benjamin Rosen von der Investmentbank Morgan Stanley organisiert hatte. " Was jetzt auf den Markt kommt, ist ein neues Software-Konzept. Wir glauben, dass VisiCalc so leistungsfähig, universal, einfach zu benutzen und preiswert ist, dass es eines der bestverkauften Programme werden könnte. Der Nutzer muss nichts von Computern oder vom Programmieren verstehen", lobte Rosen, der später Lotus und Compaq aus der Taufe heben würde.

Buchhalter und Finanzplaner erkannten sofort, wie wichtig eine Tabelle auf dem Bildschirm war, deren Zeilen und Reihen sie nach Belieben manipulieren konnten - während sich die Resultate wie von Zauberhand den neuen Zahlen anpassten. Ebenso wie Simonyi waren Bricklin und Frankston Meister des Minimalismus. Die begrenzten Ressourcen des Apple, der kein installiertes Betriebssystem hatte, zwangen sie dazu. Die erste Version des Programms erlaubte es, den Jahresabschluss eines großen Unternehmens einzugeben: 256 Zeilen, 64 Spalten für die 52 Wochen des Jahres und mehrere Zwischensummen. Dennoch passten das Betriebssystem, das Programm und die Nutzerdaten auf die zwei Seiten der alten Fünfeinviertel-Zoll-Disketten. VisiCalc selbst beanspruchte gerade einmal 32 Kilobyte. Die volle Funktionalität des neuen Programms wurde den Käufern erst langsam klar. "Am Anfang gab es Leute, die sich einen Taschenrechner an ihre Tastatur klebten, weil sie nicht glauben konnten, dass wir ihnen nicht nur die Eingabe abnahmen, sondern auch Berechnungen erlaubten", sagt Bricklin.

Für den Programmierer Frankston war der Effekt revolutionär: "VisiCalc war das erste Programm, das die Anschaffung einer 3000 Dollar teuren Maschine rechtfertigte. Sobald man es geladen hatte, wurden alle weiteren Tätigkeiten plötzlich preiswerter. Der Computer reifte zu einem universell einsetzbaren Werkzeug. Wenn jeder Zugang zur Tabellenkalkulation hat, nimmt man Zahlen ihre magische Aura. Ich kann Details untersuchen und den Kassenstand jeden Abend nachrechnen. Buchhaltung war nicht mehr dieses geheimnisvolle Zauberding, das nur Spezialisten verstanden und förmlich präsentierten. Das hat auf lange Sicht zu mehr Offenheit und Ehrlichkeit gerührt." Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Neugründung Microsoft habe sich 1979 mit dem Gedanken getragen, mit Frankstons und Bricklins Firma Software Arts zusammenzugehen. Aber Bricklin und Frankston überwarfen sich Anfang der achtziger Jahre mit ihrem Herausgeber VisiCorp. Ihre Firma Software Arts ging schließlich an die Neugründung Lotus Development Corporation. Lotus 1-2-3 wurde ab 1985 zum Standard für Tabellenkalkulation, bis Microsofts Kalkulations-Produkt Excel als Teil des Produkt-Pakets Office zum Marktführer wurde. Für Bricklin ist klar: "Ich weiß bis heute nicht, was an den Gerüchten dran ist. Aber es führt ein klarer Stammbaum von VisiCalc zu Excel." Powerpoint-Präsentation: der Angriff auf die Overhead-Folie Ein zweites Duo mit Geschäftssinn und Weitblick verknüpfte seinen Erfolg mit dem Heraufziehen von Microsorts Windows. Robert Gaskins und Dennis Austin verkauften ihre Erfindung Powerpoint an Microsoft, nachdem die erste Version im April 1987 an den Markt ging. Wenn heute in lausenden von Besprechungzimmern Zuhörer auf animierte Dias starren, dann haben sie das Gaskins aus San Francisco zu verdanken. Microsoft schätzt, dass Tag für Tag mindestens 30 Millionen Präsentationen mit dem Programm angefertigt werden.

Gaskins ist ehrlich, wenn er an die Anfänge von Powerpoint zurückdenkt: "Wir waren nicht die Einzigen, die die Idee für eine Präsentations-Software hatten. Ahnliches war in Stanford und bei Parc angedacht worden." Aber er analysierte die Marktlücke wie kein Zweiter und holte sich den Programmierer Dennis Austin an Bord, um aus der Idee ein erfolgreiches Produkt zu machen. Bislang hatten Unternehmen ihre Aufträge für Overhead-Folien und Dias an Spezialfirmen vergeben, die dafür viel Geld kassierten. Selbst die Profis benutzten nur selten teure Computer mit den ersten Grafikprogrammen. Als potenziellen Markt errechnete Gaskins stolze zehn Milliarden Dollar im Jahr 1990.

Für die Umsetzung seiner Pläne brauchte er einen Partner. Dabei kam das Softwarehaus Forethought in Mountain View wie gerufen, das unter anderem das Programm Filemaker vertrieb, aber in Ermangelung einer tragfähigen Strategie kurz vor dem Aus stand. Dessen Vorstand biss an, als Gaskins seine Idee eines preiswerten Präsentationsprogramms mit solider Marktforschung unterfüttert vorstellte. Der Forethought-Chef feuerte beinahe die gesamte alte Belegschaft und holte Dennis Austin als Software-Chef. "Die Idee klang so viel versprechend, dass ich von Anfang an ein gutes Gefühl hatte", sagt der 54-jährige Austin. "Ich war der Architekt und Bob der Bauherr, der immer noch etwas auszusetzen hatte." Als literarische Übung ohne eine einzige Programmzeile setzten die beiden ein 45 Seiten langes Dokument auf, das alle Anforderungen bis ins Detail auflistete. Dann machte sich Austin ans Werk und strickte mit einem Mitarbeiter die erste Version von Powerpoint. Der Name war eine Idee von Gaskins.

Da damals nur Apple den grafischen Anforderungen des Programms gewachsen war, musste eine Windows-Version auf sich warten lassen. Dabei war der IBM/Microsoft-Markt von Anfang an Gaskins' Ziel. Selbst Apple, das einen gehörigen Teil der vier Millionen Dollar Risikokapital in Forethought investierte, war die goldene Zukunft von Windows klar, das im Herbst 1983 zum ersten Mal vorgestellt wurde. "Es gab eine Geheimklausel in unserem Vertrag mit Apple, wonach wir so schnell wie möglich eine Windows-Version herausbringen würden", sagt Gaskins.

Noch bevor die erste Version von Powerpoint (schwarzweiß und auf einer einzigen Diskette) erhältlich war, stand Bill Gates bereits auf der Matte. "Es war ziemlich aufdringlich, dass sie unseren gesamten Quellcode lesen und alle Programmierer interviewen wollten", erinnert sich Austin. "Aber sie betrieben eben gründliche Recherche." Im August 1987 zahlte Microsoft 14 Millionen Dollar für Powerpoint und schuf eine "Graphics Business Unit", die Gaskins leitete. Die 30 Präsentierer durften in Silicon Valley bleiben und teilten sich zwei Millionen der Kaufsumme plus Aktienoptionen, die Gaskins und Austin heute eine bequeme Frührente erlauben. Beide arbeiteten bis in die neunziger Jahre für Microsoft, Austin verließ das Unternehmen 1996, nachdem Version 7 seines Babys herauskam. Gaskins lebt heute die Hälfte des Jahres in San Francisco, die andere verbringt er in London.

Hat ein Batzen "Produktivitäts-Software" uns wirklich produktiver gemacht? Verschmolzen wurden alle drei Pionier-Programme erst ab 1992, als unter anderem CD-ROM-Laufwerke die Integration komplexer Programme möglich machten. Aus zusammengeschweißten Kartons wurde ein Paket, in dem der Erfolg einer Komponente alle Geschwister nach oben zog. Das Urteil der Pioniere über den Werdegang ihrer Geschöpfe fällt unterschiedlich aus. "Mein Vision war, einem Autor Kontrolle über seine Ideen zu geben", zitiert Gaskins aus seiner Geschäftsidee von 1984. "Powerpoint ist heute so kompliziert und teilweise überladen, dass wir wieder am Ausgangspunkt angekommen sind. Wer eine Präsentation vorbereitet, muss sich Spezialisten besorgen." Gaskins und Austin glauben nicht, dass Powerpoint an der grassierenden Sucht schuld ist, jede Meinungsäußerung mit Dias zu versehen. "Ich kann nichts Schlechtes daran sehen, dass man seine Gedanken ordnet und ein besseres Zeitgefühl bekommt. Bei einer Buchbesprechung in der fünften Klasse hat Powerpoint aber nichts verloren", sagt Austin.

Was den beiden Computerwissenschaftlern mehr Sorge bereitet, ist die Flut an Vorlagen, in denen Office-Programme vorgestrickte Gliederungen ausspucken, die man nur noch mit ein paar Stichworten füllen muss, vom Thema "Schlechte Nachricht verkünden" bis "Das Team motivieren." Die Abhängigkeit von einer Handvoll Programmen liefert präformatierte Ideen, in die die eigenen Gedanken gepresst werden müssen. Mehr als vier Argumente passen nicht aufs Blatt, also weg mit den anderen zwei. Sind die Thesen nicht linear aufzureihen, muss etwas mit der Argumentation nicht stimmen, suggeriert die Software - selbst wenn viele Gedankenexperimente sich in Kreisen und Ellipsen bewegen.

Der Standardisierung durch Software entspricht die wachsende Macht der Verpackung über den Inhalt. Dank Word, Powerpoint und Excel können selbst halbgare Ideen, hanebüchene Texte oder gewagte Finanzakrobatik geschliffen daherkommen und Fehler mit oberflächlichen Effekten kaschieren. Enron beispielsweise konnte hunderte von Tochterfirmen in den Fußnoten seiner Excel-Tabellen verstecken oder ganz unterschlagen. Mit der Analyse dieser Kalkulationen entschuldigen sich nun Wall-Street-Analysten, die noch im Oktober Kaufempfehlungen aussprachen. Die unsichtbare Handschrift von Powerpoint sieht Gaskins auch in der Trümmerlandschaft des Dot.com-Booms: "Fast alle neuen Geschäfte in Silicon Valley sind gestartet worden, nachdem die Gründer den Risikokapitalgebern Powerpoint-Dias zeigten. Es gibt wohl kein Programm in der Menschheitsgeschichte, mit dem so viele Milliarden an Kapital aufgetrieben wurden!" Für Simonyi sind Bedenken über die Macht von Office amüsante Fußnoten. "Wenigstens kann ich jetzt ein lausiges Dokument schneller lesen", sagt er. "Und bequemer erkennen, dass es nichts taugt."

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