Ausgabe 03/2002 - Was Wirtschaft treibt

Der Illusionist von Büdelsdorf

Der Mann ist unorthodox. Sagen und schreiben die, die sich immer über ihn gewundert und ihn nie verstanden haben. Unorthodox: nicht nur in feinen hanseatischen Kreisen ein diplomatischer Euphemismus, ein Adjektiv für einen Menschen, dem alles zuzutrauen ist, vor dessen Mischung aus Genie und Bauernschläue man unterschwellig jedoch ein bisschen Respekt hat. Auf altbayerisch nennen sie so einen gern einen "Hund".

Vielleicht mag er das ja nicht hören. Vielleicht hat sich Gerhard Schmid deswegen vor bald zwölf Jahren entschieden, nicht länger im Süden zu bleiben als Underdog beim größten "Hund" der Autoverleiher-Branche, sondern lieber hoch im Norden als Topdog in seinem eigenen kleinen Reich zu arbeiten. Unbestritten ist, dass Schmid von seinem Ex-Chef Erich Sixt (setzt Pin-up-Girls auf Kühlerhauben und behauptet: "Niedriger als das Niveau dieser Anzeige sind nur unsere Preise.") viel gelernt hat. Unter anderem, wie man als frecher kleiner Regionalanbieter schwerfälligen Multis die Kunden abjagen kann.

Das Firmengründen konnte ihm der Pullacher Branchenschreck nicht beibringen. Der hatte seine Autovermietung von den Eltern geerbt. Ganz ungeplant wurde Erich Sixt dennoch zum Geburtshelfer der Mobilcom AG: Als erster Mietwagen-Anbieter hatte er Mitte der achtziger Jahre die besseren Modelle mit Autotelefonen für das damalige C-Netz der Deutschen Bundespost ausgerüstet. Sixts junger Adlatus Schmid, seit 1989 Vertriebs- und Marketingvorstand, kam so in Kontakt mit Managern der Mobilfunk-Hersteller. Als er 1990 erfuhr, dass die geplanten Digitalfunk-Netze D1 und D2 bei Vermarktung und Kundenbetreuung mit unabhängigen Service Providern zusammenarbeiten sollten, erkannte der damals 38-Jährige: Da liegt ein unbeackertes Feld, eine Chance für Gründer. Der gebürtige Oberfranke kehrte zurück an die Ostsee, wo er auch mal den Ferienpark Damp gemanagt hatte, und gründete nach und nach mehrere Firmen im Umfeld der sich formierenden Handybranche - darunter die Teleforce Gesellschaft für Telefonmarketing GmbH, die spätere Mobilcom Holding AG.

Seit jener Zeit trägt Schmid den Ruf, stets für eine Überraschung gut zu sein, wie ein Markenzeichen mit sich hemm. Schon seine demonstrative Affinität zum peripheren Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein ließ ihn als Außenseiter erscheinen - ein Image, das der Eishockey-Veteran bislang gepflegt hat, auch wenn seinen Geschäftsfreunden eine gesunde Durchschnittlichkeit manchmal lieber wäre. "Schmid ist unberechenbar", lamentieren etwa die Repräsentanten der France Telecom. Der halbstaatliche Konzern hat mit Schmid Geschäfte gemacht, deren schieres Finanzvolumen selbst einem Milliardenjongleur wie Leo Kirch Schweißperlen auf die Stirn triebe, und bemüht sich seit Wochen, den eigensinnigen Kompagnon zur Räson zu bringen. Von dessen Kooperationsbereitschaft hängt das Wohl des gesamten Deutschland-Engagements der Franzosen ab. Ein Scheitern der Liaison, in deren Mittelpunkt der geplante Digitalfunk UMTS steht, könnte den Pariser Koloss durchaus ins Wanken bringen.

Was ist das Geheimnis dieses scheinbar allgegenwärtigen Mannes, den bis vor fünf Jahren auch in Deutschland kaum jemand kannte? Wer ist dieser Monsieur Schmid, dessen beängstigendes Selbstvertrauen dem französischen Finanzminister schlaflose Nächte bereitet? Wie konnte dieser dreiste Mensch, der mehrfach ohne Rücksicht auf Wettbewerbsrecht und gute Sitten die Deutsche Telekom zum Narren hielt, zu einem ernst zu nehmenden wirtschaftlichen Machtfaktor im Lande werden? Nicht zuletzt: Was kann man lernen von dem Mann, der in Internet und Pressedatenbank am schnellsten mittels Eingabe seines schon völlig abgewetzten Beinamens " Marketinggenie" zu finden ist?

Sei der Erste. Und habe stets eine gute Geschichte parat Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss sich ein paar Jahre zurückversetzen in die Zeit, als Jungunternehmer und Wagnisfinanzierer sehnsüchtigst auf die Eröffnung des Neuen Marktes warteten. Anfang 1997 laufen in Frankfurt am Main die Vorbereitungen für die ersten Aktienemissionen an der vermeintlichen Wachstumsbörse an, die Mobilcom AG hat zu diesem Zeitpunkt längst alles geregelt: Schmids mit Venture Capital hochgepäppeltes Unternehmen ist zwar nach sechs Jahren im Markt immer noch ein Mobilfunk-Service-Provider aus der zweiten Reihe und gilt weder in der Handy-Szene noch bei Verbraucherschützern als Musterbeispiel für kundenfreundlichen Service. Den Ton in der Zunft geben Konkurrenten an, die große internationale Konzerne im Rücken haben, wie Debitel, Cellway-Martin Dawes oder Talkline. Doch in Sachen Börsengang haben die Gesellschafter - Gerhard Schmid und seine Investoren Commerz-UBAG und 3i Group -ihre Hausaufgaben gemacht. Bereits im August 1996 hatten sie die GmbH in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und das Kapital in kleinanlegertaugliche Fünf-Mark-Stammaktien aufgeteilt.

Beim Börsendebüt will sich Schmid keinen Schnitzer erlauben. Der studierte Betriebswirt verhält sich strikt gemäß der Doktrin, dass alles, was man verkaufen kann, ein Produkt oder eine Marke ist - und übt seine neue Rolle: Produktmanager für die M-Aktie. Ohne falsche Hemmungen macht er sich daran, Mobilcom als kleines Pendant zur Telekom zu inszenieren und sich selbst als Gegenspieler des mächtigen Ron Sommer aufzubauen. Diese Show-Nummer ist durchaus langfristig angelegt, denn Schmid spekuliert darauf, 1998, nach dem Fall des Telekom-Monopols auf Festnetz-Ferngespräche gegen das Herausforderer-Trio Arcor/ Otelo/Viag anzutreten. Dass dafür noch die rechtlichen Rahmen-Bedingungen fehlen, hält ihn nicht von der Planung ab.

Wie bei einer gegenständlichen Ware konzentriert sich der Marketing-Profi beim IPO auf das Thema Time-to-market. Er will sichergehen, dass es seine Aktie ist, deren Kurs am Neuen Markt als Allererster festgestellt wird. Nur dann kann er den First Mover Advantage ausschöpfen, nur dann ist ihm die Aufmerksamkeit der Medien sicher. Schmid plant das perfekte Product Placement: Mobilcom soll Zeitgeschichte schreiben, ihr Name in allen Nachrichtensendungen und Zeitungen vorkommen.

Die Rechnung geht auf. Tatsächlich wird Mobilcom als erstes Unternehmen zum Handel zugelassen. Die Spielregeln des Neuen Marktes beherrscht der Newcomer bereits, bevor die Nachwuchsbörse überhaupt geöffnet ist. So kümmert er sich nicht allzu sehr um die alten Messgrößen Umsatz und Gewinn. Dass ihm im Vorjahr nur eine bescheidene Umsatzrendite von 4,6 Prozent geglückt ist, kaschiert er vor der Presse ebenso clever wie die Tatsache, dass er sich fürs erste Jahr der Mobilcom als börsennotiertes Unternehmen ein Wachstumsziel gesetzt hat, das weit hinter der wahren Dynamik des Mobilfunkmarktes zurückbleibt - so weit, dass er es geradezu zwangsläufig übertreffen muss. Die Analysten werden später ein übererfülltes Soll loben.

Die Story ist Schmid von Anfang an wichtiger als fundamentale Werte. Das Ergebnis gewöhnlicher Geschäftstätigkeit, so sein unausgesprochenes Credo, macht einen Unternehmer nun einmal bei weitem nicht so schnell reich wie der Verkauf eines gut abgewogenen Aktienpaketchens zur rechten Zeit. So hat der Franke bereits vor der Platzierung der ersten Mobilcom-Anteile offensichtlich einen genauen Plan für die zweite Runde, die er denn auch im Herbst 1997 drehbuchmäßig durchzieht.

Wie nicht anders zu erwarten, erreicht Mobilcom die von Schmid fürs Jahresende avisierte Kundenzahl von 210000 bereits Ende September. Die ideale Story zum Thema Festnetzstart hat der Mehrheitsaktionär ebenfalls rechtzeitig für die zweite Tranche parat: Die Regulierungsbehörde gewährt de facto auch Wiederverkäufern von Telekom-Minuten bundesweite Sprachlizenzen. Bevor ein Rivale die Chance erkennt, besetzt Schmid in den Medien die Rolle des Primus unter vielen Davids, die sich mutig den Goliaths Mannesmann, RWE, Veba und Viag entgegenstellen. Die Presse ist begeistert: Kleiner Mittelständler zeigt Großkonzernen, wie man der Deutschen Telekom im Festnetz richtig Konkurrenz macht. Nicht Milliardeninvestitionen in Glasfaserkabel und aufwändige Vermittlungstechnik: seien nötig, behauptet Schmid, sondern lediglich acht über die Republik verteilte Vermittlungsrechner, die er bei Siemens samt des dazugehörigen Know-hows für lächerliche 25 Millionen Mark zu kaufen gedenke.

Den Aktionären gefällt die Story ebenso gut wie den Chefredakteuren. Schmid und sein Wagnisfinanzierer 3i Group nutzen die Gunst der Stunde: Im Zuge der Emission von 200000 neuen Aktien, die den Einstieg ins Festnetzgeschäft finanzieren sollen, werfen sie zusätzlich eine gute halbe Million ihrer alten Fünf-Mark-Aktien auf den Markt. Ein scheinbar lukrativer Deal - der Kurs hat sich seit März fast verfünffacht. Es kann ja niemand ahnen, dass der Mobilcom-Börsenwahnsinn noch bevorsteht.

Das Ende des Telekom-Monopols entwickelt sich - neben dem Neuen Markt - zum Verbraucherthema des Jahres. Und Gerhard Schmid ist immer zur Stelle, wenn ein knackiges Zitat gebraucht wird. Die Neugier nutzwertorientierter Reporter befriedigt der Mobilcom-Chef mit dem Tarifmodell "Discount 30": Es sei an das (zu dieser Zeit noch sehr vielschichtige) Gebührenmodell der Telekom angelehnt, aber bis zu 30 Prozent günstiger. So kompliziert dieser Tarif in der Praxis wäre, so simpel und schlagzeilentauglich ist die Botschaft: Mobilcom ist eine Super-Firma, da gibt's kräftig Rabatt.

Zum Jahreswechsel legt Schmid noch einen nach: Die Regulierungsbehörde hat ihm die Netzvorwahl 01019 zugeteilt. Während die Konkurrenten laut über einprägsame Minutenpreise wie 44 Pfennig nachdenken, rechnet er schnell durch, ob er mit dem hübschen Schwellenpreis von 19 Pfennig pro Minute aufseine Kosten kommt. Bald stellt sich heraus, dass er das zugkräftigste Marketingkonzept aller Telekom-Herausforderer erfunden hat.

Wie Schmid arbeitet, zeigt sich freilich auch an den anderen Dingen, die die Aufmerksamkeit des Chefs fordern. So fehlt dem aufstrebenden Unternehmen eine angemessene Behausung fürs zunehmend anspruchsvolle Personal. In Schleswig, wo die mit gut 300 Mitarbeitern noch recht übersichtliche Aktiengesellschaft in ihrem innerstädtischen Quartier aus allen Nähten platzt, sind dem Boss die Behörden zu träge und unkooperativ. Darum schaut sich Schmid in Büdelsdorf um, dessen Bürgermeister Herbert Schutt, bekennender Unbürokrat, mit Schmid die gleiche Sprache spricht. Ein paar Monate später ist Baubeginn.

Die Mobilcom ist zwar eine AG, doch Mehrheitsaktionär Schmid führt sie, als gehöre sie ihm allein. Den Auftrag, die neue Konzernzentrale zu entwerten, bekommt ein Architektenteam um Paul Sindram. Der junge Mann, gerade mit dem Studium fertig, ist der Sohn von Schmids acht Jahre älterer Lebensgefährtin Sybille Sindram. Um jederzeit einen kurzen Draht zu seinen Baumeistern zu haben, quartiert er das Trio bei Mobilcom ein. Den gesellschaftsrechtlichen Rahmen stellt er ebenfalls bereit - in Form des ausgedienten GmbH-Mantels der Rostocker Firma Relog Computersysteme. Die Geschäftsführung dieser Immobilien- und Vermögensverwaltungsfirma, die später unter dem Namen Millennium GmbH noch einmal wichtig wird, übernimmt am 29. Januar 1998 Schmid selbst.

Die Zustimmung zu seinem Bau holt Schmid am 20. Mai auf einer außerordentlichen Hauptversammlung nach, ohne Widerspruch. Zu jener Zeit beschäftigen Mobilcom ganz andere Themen: Mit seinem Rund-um-die-Uhr-19-Pfennig-Tarif hat er einen Volltreffer gelandet. Die Konkurrenten bleiben bei ihren Angeboten, die tagsüber fast doppelt so teuer sind. Sie vertrauen auf Schmids Beteuerung, es handle sich nur um ein Sonderangebot zur Einführung. Niemand traut ihm zu, dass er nicht mehr Geld verdienen will. So spricht sich die Nummer 01019 schnell herum, auch wenn die meisten Anrufer zunächst nur das Besetztzeichen hören. Denn Schmid hat mit der denkbar billigsten Installation angefangen - einer einzigen Vermittlungsstation in Hamburg - und betreibt diese mit einer so hohen Auslastung, dass die Amortisation erkennbar nur eine Frage von Wochen ist.

Mobilcom lebt in dieser Zeit von Mundpropaganda. Über Monate hinken die Kapazitäten der Nachfrage hinterher, woran Schmid mit seiner vorsichtigen Investitionsplanung nicht ganz unschuldig ist. Er klemmt sich dahinter, dass die Telekom die weiteren Vermittlungsrechner an ihr Netz anschließt, und weiß, dass er den idealen Sündenbock vor sich hat: Im Zweifelsfall ist immer die Telekom schuld, die den aggressiven Preisbrecher ausbremsen will. Bis zum Sommer steigert Mobilcom die Zahl der täglich verkauften Telefonminuten von 0,5 auf sieben Millionen, Ende 1998 sind es mehr als 20 Millionen.

Mache die Analysten glücklich. Dann tun sie es auch mit dir Die Umsätze, die das Festnetz Schmid beschert, sind in dieser Zeit freilich Peanuts im Vergleich zu den Gewinnen, die er und seine Mit-Aktionäre an der Börse erzielen. Anfang Februar übersteigt der Kurs 460 Mark, ein paar Wochen später jazzen ihn die Frankfurter Analysten Joeri Sels (Bankhaus Julius Bär) und Ernst Scheerer (Dresdner Kleinwort Benson) in astronomische Höhen: 1200, 1500, 2000 Mark. Sels versteigt sich zu dem Jubelruf: "Mobilcom ist eine Gelddruckmaschine." Mit so viel Wind unter den Flügeln sieht Schmid seine Chance, den größeren Handy-Service-Provider Cellway-Martin Dawes zu übernehmen. Diese Ankündigung wiederum greift am Freitag, dem 13. März, Egbert Prior auf: In seiner Sendung 3Sat-Börse betet der Hohepriester der Hausse den Anlegern vor, das Papier sei auch 3000 Mark wert. Bei 1580 Mark reicht es den Aktionären am Montag danach erst einmal. Zwei Wochen später ist die Übernahme von Cellway - bis dahin eine Tochter der France Telecom - unter Dach und Fach.

In der Presse ist Mobilcom mittlerweile sakrosankt. Angesichts der wunderbaren Geldvermehrung bei vielen Volksaktionären und seines segensreichen Einflusses auf die Telefonrechnung genießt Schmid Messias-Status. Als im April eine technische Panne dazu führt, dass 92000 Mobilcom-Kunden überhöhte Rechnungen ins Haus flattern, zeigt sich die Münchner "Abendzeitung" verständnisvoll. Als handle es sich um höhere Gewalt, schreibt das Blatt milde, es habe ausgerechnet die " Wunderfirma" erwischt und tröstet ihre Leser: " Schmid erhielt übrigens selbst sine solche überhöhte Rechnung." Letzterer erstattet das Geld Lind steht als sympathischer Strahlemann da.

Als sich der erste Rummel gelegt hat, wickelt Schmid erst einmal die liegen geblichenen Arbeiten ab. Die außerordentliche Hauptversammlung vom 20. Mai beschließt einen Aktiensplit im Verhältnis 4:1 verbunden mit einer Kapitalerhöhung auf 68 Millionen Mark. Acht Tage später nickt der Aufsichtsrat eine weitere Kapitalerhöhung ab: auf 72 Millionen Mark zwecks Finanzierung der Cellway-Übernahme. Als die gesplitteten Aktien auf den Markt kommen, sind die Börsianer wieder ein wenig zur Besinnung gekommen. Der Ausgabekurs von 265 Mark entspricht 1060 Mark pro alter Aktie. Eher beiläufig steigt Schmid ins vermeintlich zukunftsträchtige Internetgeschäft ein. Die Übernahme des Krefelder Providers Topnet AG im Juli, rückwirkend zum 1. Januar ausgeführt, hinterlässt keine sichtbaren Wellen.

Die nächste Gelegenheit, großen Wirbel zu machen, sieht Schmid im Herbst 1998. Er hat ein Auge auf den größeren Konkurrenten Debitel geworfen, ein Joint Venture von Daimler-Benz und der Metro-Gruppe. Schmid insinuiert, nach der Fusion mit Chrysler müsse Daimler die Stuttgarter Beteiligung loswerden, und schickt Jürgen Schrempp ein Angebot. Der lässt über einen Sprecher verkünden, er habe nicht die Absicht, Debitel zu verkaufen, "und schon gar nicht zu so einem lächerlichen Preis".

Suche dir einen mächtigeren Gegner. Als David hast du immer alle Sympathien Prompt hat Schmid wieder Schlagzeilen, und in den folgenden Monaten kommen etliche hinzu. Denn der Ex-Sixtie hat sich von den Werbescharmützeln seines früheren Arbeitgebers gegen Europcar inspirieren lassen und beginnt das gleiche Spiel mit der Telekom. In ganzseitigen Anzeigen, die in Schrift und Erscheinungsbild bis ins Detail der Werbung des Großkonzerns gleichen, fordert er die Telekom-Kunden auf, ihren Anschluss dauerhaft auf die 01019 umstellen zu lassen. Jürgen Kindervater, Kommunikationschef der Gegenseite, lässt einen eilig getexteten Spot über die Anzeige "von der Mogelcom" mit Telekoms Liebling Manfred Krug drehen. Fortan hat Schmids Firma in den Internet-Foren und Newsgroups ihren Spitznamen weg.

Der Angreifer treibt das Spiel mit der Telekom weiter und sichert sich so die Aufmerksamkeit für die nächsten Coups. Mitten im Werbekrieg mit der Telekom vereinbart Schmid mit der kurz zuvor gegründeten Internet-Zeitschrift "Tomorrow" einen scheinbar sensationellen Pauschaltarif für den Web-Zugang. Für 77 Mark im Monat sollen die Leser des Blattes täglich ab 19 Uhr und am Wochenende ganztägig unbegrenzt surfen dürfen. Allen Telefonkunden verspricht Schmid außerdem kostenlose abendliche Ferngespräche an den beiden Weihnachtsfeiertagen. Und am Heiligen Abend verrät eine Meldung im "Wall Street Journal" den Anlegern, dass Mobilcom künftig komplette Telefonanschlüsse vermarkten werde, in deren Grundgebühr die Ortsgespräche bereits enthalten seien - eine Idee, die Schmid schon länger hat, ohne sie bisher an die große Glocke gehängt zu haben.

Während Gerhard Schmid zufrieden das Jahr 1998 bilanziert - der Umsatz ist explosionsartig von 323 Millionen auf 1,47 Milliarden Mark hochgeschossen - bahnt sich allerdings das Ende seiner Glückssträhne an. Was er auch anfasst, bekommt eine schlechte Presse. Mit seinem Lockvogel-Angebot, abends alle Ferngespräche bis 60 Sekunden nicht zu berechnen, bringt er die Verbraucherschützer gegen sich auf - denn bei Telefonaten von 61 Sekunden Länge kassiert er die Gebühr für volle zwei Minuten. Das Amtsgericht Schleswig beklagt sich öffentlich, dass es der vielen Handy-Mahnungen von Mobilcom nicht mehr Herr werde. Kurz darauf erhalten Kunden von der Telekom Telefonrechnungen mit falschen Angaben zu Mobilcom-Verbindungen. Grund: eine Software-Panne der nach Büdelsdorf umgezogenen Firma.

Behalte den Überblick. Nicht jede neue Technik ist ein Geschäft Zum Reinfall des Jahres wird der Versuch, die Internet-Flatrate einzuführen. Viele Kunden kommen bei der Einwahlnummer gar nicht durch, finden aber später Gebühren bis zu 3511 Mark auf der Rechnung. Als am 25. Januar die Februar-Ausgabe von "Tomorrow" mit einer Einwahl-CD-Rom ausgeliefert wird, bricht das Netz völlig zusammen, die Mobikom-Tochter Topnet muss die Verbindungen abschalten. Am 1. Februar geht Topnet wieder online, wird aber der Nachfrage wieder nicht Herr. Dann macht ein gnädiger Zeitgenosse den Verbraucherschutzverein Berlin auf einen Passus der Allgemeinen Geschäftsbedingungen aufmerksam, wonach die Kunden - als Gegenleistung für die Pauschale von 77 Mark - gar keinen Anspruch auf permanente Erreichbarkeit der Einwahlknoten hatten. Schmids Firma nimmt die prompt folgende Abmahnung nicht etwa zum Anlass, die AGB zu ändern, sondern allen "Tomorrow"-Kunden die Verträge zu kündigen. Damit ist Mobilcom bei den Internet-Freaks, die täglich mehrere Stunden im Netz verbringen, unten durch - was Schmid wenig stört, weil er an ihnen sowieso nichts verdient.

Die Börse nimmt zunächst keine Notiz von den Querelen. Die Aktie, die Schmid schon 1998 auf dem Papier zeitweise zum mehrfachen Milliardär gemacht hat, erreicht mitten im Debakel 449,50 Euro. Auf alte Aktien umgerechnet, sind das über 500 Mark mehr als Egbert Priors wagemutiges Kursziel von einst. Mobilcom ist nun 6,5 Milliarden Euro wert.

Doch von nun an geht's bergab. Schmids Ankündigung, die eben erst kläglich gescheiterte Topnet AG zum Konkurrenten von T-Online und AOL zu entwickeln, kann das Abrutschen des Kurses nicht verhindern. Schmid wirft der Meute aus Analysten und Journalisten immer neue Köder hin. Angeblich interessiert ihn, der bei Debitel abblitzte, jetzt die Festnetzgesellschaft Otelo, die den Konzernen RWE und Veba - wie einst von Schmid völlig korrekt prophezeit - schwer auf der Tasche liegt. Schmid verspricht eine Internationalisierung, suggeriert Pläne, sich in Kanada zu engagieren. Seine kleine Suchmaschine Dino-Online will er zur "stärksten Internetseite in Deutschland" ausbauen, stärker noch als Yahoo.

Nicht zuletzt kündigt Schmid an, gemeinsam mit dem (ebenfalls am Neuen Markt vertretenen) Augsburger Softwarehaus Infomatec das Internet mit Hilfe einer neuartigen Surfstation auf den Fernsehschirm zu bringen: ein viel versprechender Deal, der für die Gründer Alexander Häfele und Gerhard Harlos noch fatale Folgen haben wird. Das von seinen eigenen Ideen begeisterte Duo schließt im Mai mit Mobilcom eine Rahmenvereinbarung über 100000 Surfstations, die das Softwarehaus bei einem koreanischen Subunternehmer fertigen lassen muss, und feiert sich selbst in einer Ad-hoc-Meldung, wegen der sie später verklagt werden, weil sie missverständlich formuliert gewesen sein soll.

Zum Eklat kommt es wenige Monate später: Mobilcom reklamiert die erste Tranche von 14 000 Surfstations, weil die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post den Geräten wegen eines Hardware-Fehlers keine Betriebserlaubnis erteilt. Mobilcom legt bei der Behörde keinen Widerspruch ein und akzeptiert auch nicht das Angebot von Infomatec, die Boxen kostenlos nachzubessern. Branchen-Insider gehen davon aus, dass Schmid - wie seinerzeit beim Malheur mit der an "Tomorrow" gekoppelten Flatrate - nicht unglücklich ist, aus dem Vertrag herauszukommen. Seine Begeisterung fürs Web-TV ist jedenfalls verflogen; einen alternativen Hersteller sucht er gar nicht erst. Harlos und Häfele hingegen stehen nach dem Rückzug von Mobilcom vor dem Bankrott, landen vorübergehend in Untersuchungshaft und werden wegen der strittigen Ad-hoc-Mitteilung von Aktionären auf Schadenersatz verklagt.

Während die Augsburger Ende 1999 eifrig an ihrer Software fürs Internet-Fernsehen werkeln, begeistert sich Gerhard Schmid längst für den Multimedia-Mobilfunk UMTS. Die Bundesregierung versteigert die Frequenzen in sechs Lizenzen - das ist die Chance für Mobilcom, vom Wiederverkäufer zum Netzbetreiber zu werden und die Wertschöpfungskette zu verlängern. Anfang 2000 verbündet sich Schmid mit der Stuttgarter Debitel, mittlerweile in Schweizer Händen. Die Pläne für das gemeinsame Joint Venture sind weit gediehen, doch die Partner können sich nicht einigen, wer unternehmerisch führen darf.

Ende März präsentiert Schmid seinen neuen Verbündeten: France-Telecom-Chef Michel Bon - einst Partner und nun großer Gegenspieler von Ron Sommer. Inzwischen ist sicher, dass es bei der Auktion im August um große Summen gehen wird. Doch Schmid macht klar, dass der reiche Freund aus Frankreich alles bezahlen wird. " Wir wollen eine Lizenz, auch wenn sie sehr, sehr teuer ist", tönt Schmid. Und schockt die Branche mit Größenordnungen von 22 bis 24 Milliarden Mark.

Wieder bekommt Schmid, der Tage vor der Auktion seine Lebensgefährtin Sybille ehelicht, seinen Willen. In der Anfangsphase der Versteigerung sorgen die Bieter der Mobilcom Multimedia GmbH, ein 50:50-Joint-Venture mit France Telecom, durch forsches Vorpreschen für schmidgemäße Aufmerksamkeit. Bei 16,37 Milliarden Mark fällt schließlich der Hammer. Nur die Beteiligten wissen zu dieser Zeit genau, wo all das Geld herkommt, das da im September in die Bundeskasse eingezahlt wird. Es ist eine abenteuerliche finanztechnische Konstruktion, die Bon und Schmid aneinander bindet. So verfügt die Mobilcom Multimedia, die für den Riesenbetrag gerade stehen muss, gerade einmal über die Mindestkapitaleinlage von 25 000 Euro. 3,7 Milliarden Euro stellt France Telecom als Gesellschafterkredit bereit. Der Rest kommt von einem Bankenkonsortium unter Führung des Quartetts Merrill Lynch, Deutsche Bank, Société Generale und ABN Amro. Ihre einzige Sicherheit für 4,7 Milliarden Euro: der gute Ruf der France Telecom.

Vorsicht: Irgendwann können sich alle alten Erfolgsrezepte gegen dich wenden Einen Monat nach Ende der Auktion geht beim Verwaltungsgericht Köln eine Klage gegen die Lizenzgebühr ein - Absender: Mobilcom Multimedia. Alles deutet auf einen Alleingang des Deutschen hin, der in diesem Moment streng genommen nur bis 12 500 Euro haftet. Der Staat, behauptet Schmid unter Berufung auf einige Juristen, sei zur Auktion gar nicht berechtigt gewesen.

Es ist wie immer: Schmid hat seine Schlagzeilen, die Konkurrenz schüttelt nur den Kopf. Sein Finanzvorstand Torsten Grenz rechnet unterdessen der Presse vor, dass Mobilcom zunächst mit einer Brückenfinanzierung arbeite und der Aufbau der Infrastruktur durch Lieferantenkredite von Nokia und Ericsson gesichert werde. Außerdem hat er mal kalkuliert, was die Klage kosten wird, wenn sein Chef unterliegt: 600 bis 900 Millionen Mark. Doch der sieht nur die Anwaltskosten bei Klageerfolg - 140 Millionen Mark - und hält dies für "ein sehr lohnendes Investment".

Für Beobachter des Unternehmens wird es in dieser Phase immer schwieriger, Wahrheit, Irrtum und Angeberei voneinander zu unterscheiden, so widersprüchliche Meldungen kommen aus Büdelsdorf. Fusioniert die aus Topnet und anderen Töchtern hervorgegangene Internet-Tochter Freenet mit Wanadoo, ihrer französischen Cousine in spe? Hat Mobilcom das Versprechen gebrochen, deutschen Schulen PCs und Internetzugänge zu spenden? Ist die Idee, eine Mobilbank für Aktiengeschäfte per Handy zu gründen, nur ein PR-Gag? Schmid hat Glück, dass viele Redakteure seinen Namen langsam leid sind: Die via DPA verbreitete " Focus"-Nachricht, er habe bei der Übernahme des Datendienstleisters Topnet einen Vorbesitzer um 6,7 Millionen Mark geprellt, die nun der Gerichtsvollzieher zurückholen werde, ist am 17. November 2000 nur noch eine einspaltige Meldung wert.

Fest steht allerdings, dass France Telecom am 31. Oktober beim Baseler Notar Dieter Gränicher seinen Anteil an der Multimedia GmbH samt der Forderung in Höhe von 3 738 600000 Euro in die Mobilcom AG eingebracht und dafür 18,6 Millionen Aktien zum Stückpreis von 201 Euro erhalten hat. Unstrittig ist auch, dass Michel Bon damit ein Rechtfertigungsproblem gegenüber dem französischen Finanzministerium, seinem Hauptaktionär, hat: Die Mobilcom-Aktie ist nur noch knapp 80 Euro wert.

Zeitsprung in die Gegenwart, Frühjahr 2002: Über Gerhard Schmid steht wieder fast täglich etwas in der Zeitung, doch nichts mehr, das ihn freuen könnte. Der Umsatz sinkt, das Spielzeug Mobilbank ging kaputt, bevor es fertig gebastelt war. So oft hat der einstige Eishockey-Halbprofi vom ERC Selb über Bande gespielt, dass nicht nur Michel Bon das Vertrauen verloren hat. Wenn denn Schmid selbst noch den Überblick über das hat, was er von sich gibt: Nach mehr als einjähriger Mesalliance hatte Schmid am 29. November 2001 über das Anlegerblatt "Focus Money" die Behauptung lanciert, es gebe einen neuen Anteilseigner, der fünf Prozent der Aktien halte. Zwei Wochen später präsentierte er via "Financial Times Deutschland" den frankoamerikanischen Spekulanten Guy Wyser-Pratte als Kleinaktionär mit 1,1 Prozent. Wollte er seinen Anteil, der durch Kapitalerhöhungen in die 40-Prozent-Region abgesackt war, mittels Helfern wieder zur Mehrheit ausbauen? Heimlich hätte er sich leichter getan - zumal ihm dazu weniger Aktien fehlten als dem linksrheinischen Rivalen, der angeblich still zukauft.

Kurz darauf enttarnt er sich selbst als Bluffer, indem er zugibt, bei dem geheimnisvollen Investor handle es sich um seine Frau. Seine Erklärung macht Bon & Co nur noch misstrauischer: Von Treueaktien für seine Handy-Händler ist da die Rede, Sybille Schmid-Sindram habe mit ihrer Kieler Firma Millennium GmbH nur die Abwicklung übernommen. Dabei handelt es sich um jene Firma, die Schmid 1998 für seinen heutigen Stiefsohn aktiviert und 2000 in Millennium umgetauft hat. Die Geschäftsführung hatte er erst am 10. April 2001 an seine Frau übergeben.

Zurückrudern kann Schmid nicht mehr. Der in seinen Einzelheiten nicht bekannte Vertrag zwischen beiden Parteien ist offenbar mit Klauseln versehen, die de facto darauf hinauslaufen, dass kein Partner den anderen aufs Kreuz legen kann, ohne alles zu riskieren. Wie sehr der einstige Börsenstar mit dem Rücken zur Wand steht, beweist ein schleswig-holsteinischer Lokalskandal, der nur auf den ersten Blick nichts mit Mobilcom zu tun hat. So ruht seit Ende Februar auf Kiels prominentester Baustelle der Betrieb. Der Bauherr dieses 100-Millionen-Euro-Komplexes auf einem früheren Werftareal zahle seine Rechnungen nicht mehr, erklärt die Arbeitsgemeinschaft der Bauunternehmen. Name des Bauherrn: Gerhard Schmid. Der Architekt heißt Paul Sindram.

Und die Mobilcom AG, Schmids Lebenswerk? Die muss im Sommer den Anteil am Brückenkredit von 4,7 Milliarden Euro umschulden, ohne den Banken angemessene Sicherheiten vorweisen zu können. Das neue Funknetz, das gerade entsteht, gehört nicht Mobilcom, sondern den skandinavischen Lieferanten. Die haben, um die UMTS-Aufträge zu bekommen, bis zu 150 Prozent der Vertragssumme als Darlehen gewährt - mit zumindest den Funkmasten als Sicherheit.

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