Ausgabe 10/2002 - Was Wirtschaft treibt

Nach der Revolution

Am Ende dieser Geschichte werde ich Nein sagen. Das wird im "Kitkat Club" geschehen, einem Techno-Club in Berlin, in dem Menschen tanzen, feiern und manchmal Sex haben. Es ist ein guter Ort, mit vielen fröhlichen Leuten, an der Tür wird man von einem hübschen nackten Mädchen begrüßt, die Musik ist laut und freundlich, die Stimmung entspannt und angenehm. Aber dies ist weder mein Ort noch meine Zeit, es ist halb drei Uhr nachts, ich bin müde und völlig falsch angezogen. Der Ort und ich sind einfach das falsche Paar - und darum geht es schließlich, alles ist eine Frage der richtigen Paarung. Also werde ich nach zwei Minuten wieder gehen, und das gefällt mir, denn ich habe die Wahl und etwas, das ich wählen kann. Das war am Anfang anders. Damals gab es nur Nebel. In Flensburg.

An einem Tag wie jenem, an dem die Häuser in milchigen Schwaden verschwinden, sobald man versucht, ihre exakten Konturen zu erkennen, könnte man an der Existenz dieser Kleinstadt in Schleswig-Holstein zweifeln, gäbe es dafür nicht einen allgemein bekannten Beweis: Beate Uhse, die Marke, die in Deutschland synonym für Sexshops steht. Das verdankt die Firma vor allem ihrer Gründerin Beate Uhse, die 1946 mit einem Aufklärungsheft und 1947 mit ihrem ersten achtseitigen Versandhandelskatalog mit Produkten der, wie man damals sagte, Ehehygiene den Grundstein für ihr Unternehmen legte. Nachdem sie 1999 ihre Firma an die Börse gebracht hatte, starb die von allen Mitarbeitern geliebte Chefin im Juli 2001, ohne jedoch in Vergessenheit zu geraten - und dies ist für den Konzern ein Problem. Denn die Marke ist stark mit dem Image der Gründerin verbunden, sie ist also rückwärts gewandt, nicht vorwärts. Das ist aber völlig falsch: Denn angeblich ist der Markt für Beischlafbedarf riesig und die Beate Uhse AG auf dem Weg in eine glorreiche Zukunft.

Das behauptet zumindest der Vorstandssprecher Otto Christian Lindemann, ein großer, blonder, sehr netter 44-Jähriger, der all die schönen Worte sagt, die heute jeder Manager in jeder Firma sagt, egal, ob es um Autos, Möbel oder Gebäck geht: "Corporate Markenstrategie", "Umsatzziel", " Brand Team", "Topmarke". Er erzählt, dass das Unternehmen neue Shops plant, die vor allem Frauen ansprechen sollen. In Norwegen gibt es bereits vier, die sehr gut laufen sollen, in London ist gerade einer eröffnet worden, und bald soll das Konzept nach Deutschland gebracht werden.

Das Wort Sex fällt in diesem Gespräch kaum, und das hat einen guten Grund: Beate Uhse ist ein Handelshaus, und er, der Manager, hat mit der Ware wenig zu tun. Die Zentrale ist übrigens ein beeindruckender Sechziger-Jahre-Bau, der das Bewusstsein der einstigen Chefin früher gut widerspiegelt. Innen besteht das gesamte Gebäude aus einem einzigen großen Raum mit einer Empore darüber, in dem früher alle Angestellten offen zusammen gearbeitet haben. Inzwischen stehen allerdings im Erdgeschoss Trennwände, während das Obergeschoss mit Gipsplatten zu klassischen Bürozellen zerhackt worden ist.

Die verstärkte Konzentration des Unternehmens auf weibliche Kundschaft hat einen einfachen Grund: Frauen sind ein Publikum, das die Branche bisher kaum beachtet hat und das kurzfristig die einzige Perspektive für eine erfolgreiche Expansion darstellt. Viel ist ohnehin nicht zu holen. Die Sexindustrie ist der überbewerteste Wirtschaftszweig der Welt. Der gesamte Pornomarkt in Deutschland stagniert seit langem auf einem geschätzten Jahresumsatz von etwa einer halben Milliarde Euro, inklusive Verleih und Verkauf, Videokabinen, Pornokanälen in Hotels und dem TV-Sender, den Beate Uhse für Premiere betreibt (aber exklusive Internet, da fehlen zuverlässige Zahlen). Die Flensburger verdanken ihren stattlichen Umsatz der Tatsache, dass Beate Uhse in Europa Marktführer ist, also ein Global Player, so wie auch alle anderen größeren Sexkonzerne. Das globale Geschäft ist ab einer bestimmten Größe essenziell, weil selbst in den USA, der Heimat des modernen Pornos, der Markt nicht fett ist. Forbes.com schätzte im Jahr 2001 das jährliche Marktvolumen auf 2,6 bis 3,9 Milliarden Dollar, inklusive Bezahlfernsehen und Internet. Die angebliche Geldquelle Cybersex entpuppte sich dabei als überschätzt, News-, Wirtschafte- und Glückwunschkarten-Sites sind populärer als Sex-Angebote im Web.

Das traditionelle Arbeitsprinzip der Pornoindustrie: mit wenig Aufwand wenig Geld verdienen

Es war allerdings nicht die Diskrepanz zwischen der glamourösen Selbstdarstellung der Branche und ihrer ärmlichen ökonomischen Realität, die mich in diese Geschichte getrieben hatte, sondern eine gänzlich egoistische Frage: Warum gibt es eigentlich keine besseren Pornos? Die Pornobranche ist komplett industrialisiert, die Filme werden von und mit Profis hergestellt, für die Sex ein Job ist, und so sieht das Ergebnis in der Regel auch aus. Frauen aus Silikon lutschen an Stangen von Männern, die im Fitnessstudio zu Hause sind, schnell kommt es zur Paarung, und wenn die Sache innerhalb weniger Minuten mit viel Gestöhne und (wichtig!) sichtbarem Sperma-Ausstoß abgeschlossen wurde, ist schon bald Zeit für die nächste Nummer. 

Fast alle Filme bleiben in diesem Rahmen, die Unterschiede sind gering. In teuren Produktionen gibt es Kostüme, exotische Schauplätze und Dialoge, bei billigen Arbeiten müssen zwei bis drei Personen und ein Sofa reichen. Noch weiter runter geht es nur in Amateurfilmen, die als besonders authentisch gelten, weil die Leute aussehen wie am FKK-Strand.

"Die Qualität der Filme hat mit dem Bedürfnis zu tun, das sie befriedigen. Pornografie wird heute ausschließlich als Vorlage zur Onanie für Männer produziert, die keine großen Szenarien sehen wollen, sondern nur ihre sexuellen Präferenzen." Das sagt die Kulturwissenschafflerin Corinna Rückert, die in einem Buch über Frauenpornografie das Thema aufgearbeitet hat. Wir sprechen über Grundsätzliches, etwa: Was ist der Unterschied zwischen Erotik (von Eros: griechisch Liebe) und Pornografie (von pornai: griechisch Hure) ? "Das ist ganz einfach, Pornografie ist alles, was detailliert ist und direkt zur Sache kommt. Erotisch ist alles, was andeutet." Für Frauen ist eher Letzteres interessant, denn sie ziehen assoziative Bilder einer direkten Darstellung vor und legen größeren Wert auf die Beziehung zwischen den Figuren. Im Rahmen ihrer Arbeit hat die Wissenschaftlerin bei einer Umfrage herausgefunden, dass das vermeintlich grundsätzliche Desinteresse der Frauen an Pornos ein Gerücht ist. Existierten bessere Filme. sähen auch Frauen sie sich an. Aber es gibt sie eben nicht, unter anderem, weil die Möglichkeiten, das Publikum zu erreichen, begrenzt sind: "Die Produzenten befriedigen einen Markt, der aufgeteilt ist in Videotheken, Videokabinen und Sexshops. Andere Vertriebswege existieren nicht.

Was passiert, wenn es mehr Wege gibt, zeigt das Segment Bücher und Hefte. Der Markt für Sexhefte ist heute nur noch eine Marginalie. Die Schwedenhefte, auf die sich die Deutschen freuten. als 1975 der Verkauf von Pornografie legalisiert wurde, haben längst ihren Reiz verloren. Dafür sind Sexgeschichten Teil vieler Literaturprogramme, und hochwertige erotische Kunst- und Fotobücher werden von Publikumsverlagen in hohen Auflagen veröffentlicht. Ein Vorreiter auf diesem Gebiet ist der Konkursbuch Verlag, bei dem vor mehr als 20 Jahren der erste Band von "Mein Heimliches Auge" erschien, ein erotisches Jahrbuch, in dem sehr unterschiedliche Texte und Bilder ein weites Feld der Erotik abstecken. Außerdem ist die Reihe, wie die Verlegerin Claudia Gehrke erklärt, interaktiv: "Es darf jeder mitmachen und Fotos oder Texte schicken. Und natürlich sollen die Leute inspiriert werden, selbst Sex zu haben. Mein Hauptthema ist, zu zeigen, wie lustvoll Sex sein kann und wie groß dieser Bereich ist, nicht nur als Turnübung, sondern zum Beispiel auch im Denken." Eine Tendenz hat die Tübingerin, die im Jahr 16 Bücher (nicht nur Erotik) veröffentlicht und für das Heimliche Auge eine Startauflage von 15 000 Stück kalkuliert, in den vergangenen Jahren festgestellt: "Es ist leichter geworden, Beiträge von Frauen zu bekommen. Und es ist ein viel leichterer Umgang mit dem Thema zu beobachten."

Allerdings nicht bei jedem. Der große Klotz am Bein der Lust ist der Kampf gegen die Pornografie. Er wird von den Gegnern vor allem mit polizeilichen Anzeigen geführt, dem ersten Schritt zum Verbot. Für Corinna Rückert zeigt sich da eine grundsätzliche Tendenz: " Pornografie hat in jeder Gesellschaft einen schlechten Ruf, in der ein gewisser Puritanismus herrscht. Das war schon immer so, von den obszönen Schriften im Mittelalter über Nacktfotos im 19. Jahrhundert bis zur Por-No-Kampagne."

Ein beliebtes Argument der Gegner ist die Behauptung, Pornos führten zu sexueller Gewalt. Corinna Rückert meint dagegen: "Der Porno ist eine sexuelle Fantasie. Und mehrere Untersuchungen haben klar gezeigt, dass der Konsument sehr gut unterscheiden kann zwischen einem Porno, also einer Fantasie, und der Wirklichkeit. Die Wirkungsforschung geht davon aus, dass die Zahl der sexuellen Handlungen bei Menschen, die Pornografie konsumieren, zunimmt, es regt sie also an, dass aber die Inhalte der Pornos keinen Einfluss auf das sexuelle Verhalten haben. Der bekannte Vorwurf, dass Muster aus den Pornos in den Alltag übertragen werden, ist unhaltbar."

Die Gesetzgebung glaubt jedoch eher den Gegnern - und das macht der Branche Probleme. Der Hamburger Produzent Torsten Benn sagt: "Es ist zum Beispiel in Deutschland verboten, Pornografie per Post zu verschicken. In ganz Europa geht das, nur hier nicht. Und natürlich schicken sie aus anderen Ländern Filme zu uns - das ist Umsatz, der hier verloren geht." Benn, ein Techniker, der 1992 ein Videokopierwerk kaufte und so in die Branche geriet, sagt von sich selbst: "Ich war schon immer bekennender Pornograf." In den Räumen seiner Firma Touch Video werden Filme in einem modernen Studio bearbeitet und geschnitten, während vom, im Büro des Chefs, fünf Venus Awards stehen, Preise für in der Branche als hervorragend geltende Produkte - in der Mischung aus technischem Verständnis und inhaltlichem Interesse ist der 40-Jährige wahrscheinlich die Idealbesetzung eines Pornounternehmers.

Monatlich erscheinen 500 neue Pornos. Und wenn einer 30 000 Euro einspielt, ist er schon ein Erfolg

Mit sechs Neuerscheinungen im Monat läuft der Laden heute gut, von der Rezession hat Touch, wie die Branche überhaupt, nicht viel gemerkt. Probleme gibt es trotzdem, vor allem, weil der Markt total überlaufen ist. " Es gibt einfach zu viele Produzenten. Es erscheinen rund 500 neue Filme im Monat. Manche Firmen veröffentlichen 30 Titel, von denen die Hälfte floppt. Und die haben überhaupt keine Preisdisziplin. Diese Firmen produzieren von einem Titel 1000 DVDs, werden in den ersten zwei Monaten nur 200 Stück los und verramschen dann ihr Lager. Hinzu kommt, dass es viele Leute gibt, die glauben, sie könnten Pornos produzieren, nur weil sie sich eine billige Kamera gekauft haben. Früher, als es mit Video losging, gab es drei oder vier Produzenten, die ihre Kassetten für 300 Mark das Stück verkauften. So konnte man sich große Budgets leisten und Klassiker produzieren, die immer noch verkauft werden. Aber dieses Geld spielt heute kein Film mehr ein."

Früher wurde für die Produktion eines Pornofilms auch schon mal 300 000 Mark ausgegeben. Heute darf eine deutsche Produktion nicht mehr als 20000 bis 30000 Euro kosten - und das spielt sie auch nur im günstigsten Fall ein. Torsten Benns US-Importe gehören in diesem Kleingewerbe sicherlich zum Besten, was der Mainstream zu bieten hat. Die Filme sind verhältnismäßig aufwändig produziert, die Darsteller sehen gut aus, und der Sex ist eben Sex: zwei Geschlechter, drei Körperöffnungen plus einige Abwegigkeiten. Nach dem Genuss einer ganzen Reihe von Filmen hatte ich allerdings nur noch einen Wunsch: Ich wollte nie wieder irgendwem beim Sex zugucken müssen.

Vor den ermüdend archaischen Inhalten der Filme steht für den potenziellen Konsumenten aber noch eine hässliche Hürde, die Ladengeschäfte. Viele Sexshops sind in den siebziger Jahren kurz nach der Legalisierung der Pornografie entstanden und sehen auch so aus. Über spermagetränkten Teppichen wabert modriger Geruch, auf schiefen Regalen stehen Videos und Hefte, die wirken, als wären sie von sehr schmutzigen Fingern zerfleddert worden, und hinter der Kasse sitzt ein Mann, der knurrt. Oder eine Aushilfe. Und frag' nicht, wem diese Läden gehören - das Gerücht, die Branche sei zumindest teilweise in der Hand von Kriminellen, die bereits vor 1975 mit Pornos gehandelt und dann einfach legal weitergemacht haben, ist nicht völlig substanzlos. Natürlich gibt es auch modernere Ketten, etwa World of Sex oder Seventh Heaven und selbstverständlich Beate Uhse, alles solider Einzelhandel. Aber mehr eben nicht. 

Die einzige mir bekannte Ausnahme vom Sexshop-Elend ist die Boutique "Bizarre" auf der Hamburger Reeperbahn. Hinter einer blendend weißen Front gibt es hier in hellen, übersichtlichen Räumen feine Unterwäsche, Clubwear, eine große SM-, Gummi- und Fetischabteilung, viel lustiges Spielzeug fürs Bett und tausende von Pornos. Peter Nordmann, der früher selbst Filme (keine Pornos) gedreht hat und für den Laden seit dreieinhalb Jahren den Einkauf macht, führt mich durch das Programm. "Im sexuellen Bereich gibt es nichts, was es nicht gibt. Aber man muss als Produzent seine Zielgruppe kennen und das Marketing beherrschen. Die Branche hat lange davon gelebt, einfach eine Nackte aufs Cover zu packen, aber nackt allein verkauft nichts mehr. Die Leute müssen sich was einfallen lassen, und sie tun es auch. Es gibt kaum einen Wunsch, eine Sparte oder einen Fetisch, der nicht bedient wird. Man muss sich aber auskennen, manche Sachen schließen sich aus. Zum Beispiel bei Fuß-Fetischisten: Wenn einer auf Nylons steht, kann der nackte Füße nicht ausstehen, man kann also nicht beides in einem Film bringen. Die Leute müssen eben genau wissen, was sie tun. Wenn eine Firma auf irgendeine Richtung oder einen Fetisch aufspringt, davon aber keine Ahnung hat, wird sie auf Dauer nicht überleben."

Die Zukunft der Industrie: ein schöner Laden und ein Sexfilmer, der sich um die Bildung sorgt

Währenddessen schauten wir uns das Programm an. Nordmann verkauft Filme mit Teenies, Rentnern oder Transvestiten, der Verkehr verläuft vaginal, anal, oral, in Homo, Hetero, Bi, Leder, Lack, Bondage und SM, ausgeführt von Japanern, Türken, Thailändern, und Russen, in Amateurstreifen und Großproduktionen. Alles. Und mehr. Das Angebot ist überwältigend unübersichtlich, und so plant er, selbst einen Laden zu eröffnen, nur für Pornos und mit kompetenter Beratung. Aber die Finanzierung ist schwierig, keine Bank will in eine vermeintliche Schmuddelvideothek investieren. Nordmann: "Solange es gesellschaftlich geächtet ist, in dieser Branche zu arbeiten, wird sie sich nur langsam verändern." Über die Besitzer der Boutique Bizarre kann er passenderweise keine Auskunft geben, die sind "sehr stille Teilhaber", die nicht mit dem Laden in Verbindung gebracht werden wollen.

Für Peter Nordmann gehört zu den großen Problemen der Branche der weitaus größte Teil ihrer Kunden: die Männer. "Mit Pornos haben vor allem Männer Schwierigkeiten. Eine Frau, die sich entschließt, einen Vibrator zu kaufen, steht auch dazu. Die kommt vielleicht anfangs schüchtern rein, aber wenn man richtig auf sie zugeht, lässt sie sich beraten. Außerdem erzählt sie es ihren Freundinnen, wenn ihr ein Produkt gefallen hat. Ein Mann dagegen, der sich ein Pornovideo kauft, wird das immer für sich behalten. Er erzählt keinem Freund: ,Du, ich habe mir gestern Abend bei einem Film geil einen runtergeholt, das solltest du auch mal probieren.' Ich denke, da müssen sich die Männer sexuell befreien." Dann empfahl mir der sanfte Pornohändler noch zwei gute Produzenten. So bin ich nach Berlin gefahren, um die beiden zurzeit progressivsten Regisseure der Branche zu treffen.

Diese Geschichte ist auch eine Reisegeschichte, von Flensburg nach Berlin, von der deutschen Provinz in das neue Zentrum, und natürlich ist das eine durchsichtige Metapher, aber so ist die Welt. In Berlin treffe ich zuerst Alex Freyling, einen gelernten Chemielaboranten, der seit 14 Monaten unter dem Namen Alex D. Fetisch- und Sadomaso (SM)-Videos produziert und mit seiner Firma EVS Filmwerk erfolgreich veröffentlicht. Der 39-Jährige führt mich durch sein Unternehmen inklusive einem adrett wirkenden Dominastudio und spricht dabei über die Bildungsmisere. Die unwissenden, desinteressierten Jugendlichen erschüttern ihn richtig. Das erzählt er im Tonfall eines Sozialarbeiters einer Kirchengemeinde im Hunsrück, sanft und verständnisvoll, und bald ist klar: Der Mann ist ein echter Softie.

Wir sehen uns einige Ausschnitte aus seinen Filmen an. Menschen in Latexanzügen lecken sich ab, eine Domina bindet sich einen Dildo um, jemand stöhnt. Zwischendurch rauchen die Frauen, das ist wichtig, es gibt auch einen Rauch-Fetisch. In einer Episode lässt sich ein Mann von drei rauchenden Frauen eingraben und quälen. Sex kommt in dieser Fantasie, die der Hauptdarsteller selbst vorgeschlagen hat, nicht vor. Aber: "Wenn es mal 35 Minuten keinen Sex gibt, muss der Zuschauer damit leben. Ich interessiere mich für Bilder und nicht dafür, was der Markt will, auch wenn wir Kompromisse machen." Die Bilder sind ruhig und schön, vom hektischen Gerammel der üblichen Ware weit entfernt. Der Regisseur kann sich seine Filme auch gut im Hintergrund vorstellen, als Ambient-Installation. Ein Film heißt: "Nicht die Dinge selbst, sondern das, was die Leute davon halten, macht ihnen Angst."

Wir reden über das Geschäft. Der Pornofilmer hat ebenfalls Probleme mit der Bank, aber das, sagt er, haben doch gerade alle Selbstständigen. In den Filmen arbeitet er am liebsten "mit Leuten, die selbst diese Neigung haben, aber das geht nur zum Teil, weil viele Leute ein Doppelleben führen. Die haben Angst, ihre Vorlieben zu zeigen, weil sie fürchten, ausgegrenzt zu werden." Die Arbeit mit Profis ist allerdings häufig wenig erfreulich. "Ich mag authentische Sachen, in denen eine große Leidenschaft steckt. Das ist bei professionellen Modellen oft nicht der Fall, die machen das eben für Geld, denen ist sonst alles egal. Das finde ich eigentlich traurig." Und schon sind wir bei der Pornoindustrie. Ein Elend. Die Läden! Und der Großhandel ist nicht besser. "Wir haben etwa 170 Kunden, Einkaufsgemeinschaften, Shops und Verleiher, und die haben in der Regel keine Ahnung vom Inhalt der Filme. Die wissen bloß, dass sie gut laufen, aber ansonsten gibt es kein Interesse oder gar Leidenschaft."

Als Filmemacher mit Vorliebe für SM beobachtet Alex D. sehr genau die Verhängung von Verboten. Dabei ist ihm eine Tendenz aufgefallen: "Es werden eher Sachen verboten, in denen Frauen devot sind. Mit Männern kann man harte Sachen machen, das stört keinen, aber Frauen wird unterstellt, sie hätten das nicht freiwillig gemacht, sondern wären überredet worden - die Unmündigkeit der Frau wird vorausgesetzt."

Einige Stunden später, kurz vor Mitternacht, treffe ich in einem Café in Charlottenburg Simon Thaur. Der 42-jährige Österreicher hat vor acht Jahren den " Kitkat Club" gegründet, eine Techno-Disco mit viel Anfassen. Eigentlich hatte er nach 16 Jahren, in denen er rund um die Welt gereist war, ein Sextheater eröffnen wollen, aber dann störte ihn, dass die Besucher nicht mitmachen können. Vor vier Jahren begann er, Pornos zu drehen, erst im Club, später auch auf der Straße, etwa bei der Love Parade. Als er die Filme veröffentlichen wollte, sagte man ihm, das könne er vergessen, die Branche sei in der Hand der Mafia. Nun ist er seit vier Jahren mit mehreren Filmserien sehr erfolgreich.

Es gibt Hoffnung: Wenn sich das erotische Bewusstsein entwickelt, werden auch die Pornos besser 

Thaurs Filme, die unter dem Label Subway Innovative Prodactions veröffentlicht werden, sind schwierig. Einerseits beschäftigt sich der Mann, der mit seinem scharf geschnittenen Gesicht auf jeder Provinzbühne als Mephisto genommen würde, mit sehr speziellen Themen, es geht vor allem um Exkremente und harte Techniken. Andererseits sind die Filme tatsächlich weit vom Standard entfernt. Die Mehrheit der Videos wird ohne Drehbuch in kleinen Gruppen improvisiert. Statt der üblichen Nummern-Revue schaut man einer Situation zu, die sich zwischen den Beteiligten (ausschließlich Amateure) entwickelt, in der viel geredet und gelacht wird, und die nachhaltig den Eindruck erweckt, die Darsteller hätten tatsächlich Spaß. Außerdem spricht der Regisseur ständig mit seinen Darstellern, was den Filmen eine eigentümlich gebrochene, reflektierte, aber auch bewusst skurrile Note gibt. Wie das als Onaniervorlage funktioniert, ist schwer vorstellbar - interessant ist dieser Mix aus Porno und Happening-Kunst allemal.

Thaur sagt zu seinen Filmen; "Ich stehe auf alles, was Grenzen bricht. Deshalb suche ich für meine Filme auch starke Frauen, die einfach mal gucken wollen, was passiert, wenn man nicht Nein sagt. Außerdem ist es wichtig, dass für alle eine angenehme Atmosphäre geschaffen wird. Ich weiß von jedem unserer Männer, dass ich den einer Frau zumuten kann, dass der nett ist und kein Arsch. Die Frauen wundem sich manchmal, dass sie so tief ins Geschehen eintauchen, aber das hängt auch damit zusammen, dass wir ein emotionales Feld aufbauen. Das ist doch völlig normal: Wenn du mit jemandem ins Bett gehst, baust du schließlich auch ein emotionales Feld auf."

Na ja, normal. Und die Sexindustrie? "Ich denke, ein Teil der Pornokonsumenten glaubt von sich selbst, sie seien die großen Stecher. Und zu denen gehört auch ein großer Teil der Leute in der Pornobranche. Das ist der Grund, warum es keine innovativen Pornofilme gibt. Die Leute haben ein hartes, brutales, chauvinistisches Ding laufen, typisch Macho. Die Produzenten schätzen das Publikum nicht falsch ein, die schätzen überhaupt nichts ein, die sind einfach so." Vielleicht ist es so einfach. Die Branche ist statisch. Schlaue, junge Menschen mit Talent machen keine Pornos, weil es verpönt ist, und weil sie, selbst wenn sie wollten, kein Startkapital bekämen. Aber selbst wenn sie Geld hätten, gäbe es kaum Möglichkeiten, ein neues Publikum zu erreichen, nicht mal im Internet ist das möglich, weil der Versand des Materials verboten ist. Und die. die in den etablierten Strukturen schon lange dabei sind, zeigen bloß, was in ihren Köpfen ist: Western von gestern. Simon Thaur brachte es auf den Punkt: "Die Leute haben keine Ideen, weil sie kein erotisches Bewusstsein haben."

Doch die jüngeren Generationen leben anders, speziell die Frauen gehen wesentlich offener mit ihrer Lust um. Insofern ist die Strategie von Beate Uhse richtig, Läden vor allem für Frauen zu eröffnen. Auch der Verzicht auf Pornos ist angesichts des momentanen Angebots verständlich. Aber das könnte sich ändern. In den nächsten Jahren werden wir vermutlich den Aufstieg neuer, kreativer Pornofilmer erleben, die sich auf einem höheren Niveau mit Erotik beschäftigen - einfach nur, weil das interessant ist. Erst recht, wenn sich eine Tendenz weiter verstärkt: die Säkularisierung der Sexualität.

Schon am Nachmittag bei Alex D. und auch in diesem Gespräch, hier mitten in der Nacht, in dieser Atmosphäre, in der über Sex gesprochen wurde, als ginge es ums Essen, um Vorlieben, der eine mag eher Steak, der andere will Möhrchen, spürte ich eine seltsame Entspannung: Es ist doch nur Sex. Alex D. hatte gesagt: "Ich finde es seltsam, dass die Sexualität als ein besonders problematischer Teil des Lebens ausgegrenzt wird." Und Simon Thaur meinte: "Die meisten Schwierigkeiten, die Leute mit Sex haben, hängen damit zusammen, dass sie ihre emotionalen Probleme über die Sexualität zu lösen versuchen."

Was wäre, wenn der sexuellen Revolution nun die Säkularisierung der Sexualität folgte? Die meisten Tabus sind ohnehin gebrochen, der Überbau ähnelt zunehmend dem Turm von Babel, und so machen alle, was sie wollen, und erweitern ihr erotisches Bewusstsein. Neben klassischem Geschlechtsverkehr geht eben auch Rauchen oder Nylons. Aber wer sagt, jeder Mensch will Sex? Das ist noch ein echtes Tabu: Desinteresse - wer keine Lust hat, wird schief angeguckt. Doch wenn Sex nichts anderes ist als Essen, kann man sagen: Es ist mir egal, ich will keinen Sex vor der Ehe oder in der Partnerschaft. Wenn Sex nichts weiter ist als Sex, kann man leicht Nein sagen, weil auch das ein Teil der Freiheit ist.

Dann fuhren wir in den Kitkat Club.

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