Ausgabe 09/2001 - Schwerpunkt Risiko

Sicherheits-Risiko

1 Wer bremst, verliert Speed kills.

Der Slogan der amerikanischen Verkehrssicherheit wird beim kalifornischen Wirtschaftswissenschaftler Armen Alchian zur Grundlage des preiswertesten, besten und effizientesten Sicherheitssystems für Autos überhaupt.

Seine Schlagkraft bezieht das System nicht durch elektronische Finessen, sondern durch ein weit überlegeneres System: menschlichen Verstand. Alchians Vorrichtung zur Minimierung der Verletzungs- und Todesgefahr im Autoverkehr ist dementsprechend einfach, auf das Wesentliche reduziert. Es verzichtet radikal auf Sicherheitsgurte, Airbags und andere Helfer. Stattdessen wird am Lenkrad eine spitze, dolchartige Vorrichtung angebracht, die gegen das Herz des Fahrers gerichtet ist. Vor jedem Passagier befindet sich ebenfalls eine Speerspitze.

Es ist logisch, was passiert, wenn der Fahrer bei höheren Geschwindigkeiten abrupt bremst. Der Dolch dringt in sein und das Herz der Passagiere ein. Das Risiko im Fall einer Notbremsung zu sterben, liegt statistisch bei 1:1, also bei 100 Prozent.

Angesichts der Trefferrate darf davon ausgegangen werden, dass kein mit Resten von Überlebenswillen ausgestatteter Fahrer ans Rasen auch nur denken würde. Es ist bekannt, dass die durch Sicherheitsmaßnahmen wie Gurt, Airbag und ABS entstandenen Sicherheitsreserven sofort durch höhere Geschwindigkeiten aufgebraucht werden. Der Lenkrad-Dolch würde das Hochrüsten im Auto schlagartig beenden.

Im Stadtverkehr würde die maximale Geschwindigkeit so gering sein, dass selbst beim plötzlichen Auftauchen von Kindern, Fahrradfahrern und anderen mobilen Hindernissen des Individualverkehrs keine Gefahr für Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer bestünde. Auf offener Strecke würden die Abstände zwischen den Fahrzeugen so groß wie möglich sein.

Wer bremst, verliert.

2 Guter Kalter Krieg Alchians auf den ersten Blick etwas gaga anmutendes Modell hat historisch erfolgreiche Vorbilder: das Gleichgewicht des Schreckens, die Risikominimierungs-Strategie des Kalten Krieges. Die sorgte über 40 Jahre lang für ein ausgewogenes Sicherheitsverhältnis. Die klaren Regeln und die offensichtlichen Folgen eines Verstoßes gegen die Sicherheitsgebote waren jedem Kind geläufig.

Keine Supermacht näherte sich der anderen mehr als nötig. Das schuf eine Sicherheit, die ihresgleichen sucht.

Die Grenzen zwischen den Ost- und Westzonen können so als Highway verstanden werden, auf dem die vom Lenkdolch bedrohten Militärs ihre Runden zogen - äußerst behutsam. Jede zu große Annäherung an den Feind musste unweigerlich zu einer Berührung mit der Dolchspitze rühren. Natürlich wurden zuweilen die Risiko-Regeln verdrängt, etwa bei der Kuba-Krise. Doch da spürten die Krieger unmittelbar die Spitze des kalten Stahls an ihrer Brust. Es ging um ihre Haut.

Nichts liegt uns näher.

Die Welt von heute kennt diese Bedrohung, dieses Risiko nicht mehr - aber auch nicht die Sicherheit, die die Regeln der Nachkriegsordnung vermittelten.

Etwas mehr als ein Jahrzehnt nach Ende des Kalten Krieges hat sich noch niemand an die neuen Dimensionen gewöhnt: Eine aus einigen wenigen Terroristen bestehende Gruppe kann, geschützt von militärisch wie politisch irrelevanten Zwergstaaten, den Takt der westlichen Leitkulturen empfindlich stören. Um das System zu destabilisieren, braucht man keine Atombombe.

Die Grundlagen des Wohlstands und damit die Grundlagen der politischen Sicherheit scheinen aus dem Gleichgewicht geraten zu sein: Bedroht sind Flugzeuge, Züge, Hochhäuser, Netzwerke, das Internet, die Börsen, die Luft, das Wasser und Dutzende anderer Grundlagen, an denen die Informationsgesellschaft hängt.

Bedroht wird all das durch eine schlichte Erkenntnis, die selbst archaischen Stammeskriegern wie den Taliban gekommen sein muss: Der technologisch und wirtschaftlich weit überlegene Gegner trägt ein schweres Risiko, an das sich gut anknüpfen lässt: Unsicherheit.

Es ist nur scheinbar paradox, dass in den medizinisch, sozialen, politisch stabilen und sicheren Ländern der Ersten Welt, der sicheren Hälfte dieser Erde also, in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Unsicherheit, Panik und Angst herrschen.

Die tatsächlichen Waffen der islamistischen Terroristen sind das Wissen um das verrückte Sicherheitsdenken des Westens. Der Gegner der Terroristen sind die Regierungen und Bürger der so genannten Risikogesellschaft. Die lebt im Alltag so sicher und bequem, dass sie ängstlich nach neuen Gefahren Ausschau und alles Mögliche für wahrscheinlich hält.

3 Risiko macht froh Größenordnungen spielen in der Debatte um Sicherheit und Risiko in den entwickelten Gesellschaften kaum noch eine Rolle. Zahlen und Fakten, Statistiken und Realitäten werden zu einem Brei vermengt, dessen Bestandteile kaum noch jemand kennt. Risiko, sagt der Schweizer Forscher J. Markowitz, ist nichts weiter als der Gegensatz zwischen Realität und Möglichkeit.

Regel Nummer eins: Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts. Regel Nummer zwei, von der ersten nicht zu trennen: Wer wagt, setzt Sicherheit gegen möglichen Gewinn. Über die längste Zeit war Sicherheit gleichbedeutend mit irdischem Glück: Wärme, Wohlstand, Schutz vor Feinden und Gesundheit.

In den Wohlstandsgesellschaften ist diese Sicherheit satt und träge geworden. Das Glück hat nichts mehr, an dem es sich messen muss, keine ernst zu nehmende Gefahr ist zu sehen. Ohne das Risiko, sein Glück zu verlieren, ist auch das Glück, die Sicherheit, nichts mehr wert. Wer ständig satt ist, kann sein Glück nicht fassen.

4 Panikmacher Leben ohne Risiko ist nicht nur unmöglich, es ist, das sagt uns die Legende, auch langweilig. Dabei geht es nicht nur um den modischen "Thrill" -Begriff, der Menschen an Gummiseilen von Brücken stürzen oder biedere Studienräte am Wochenende zu Extremsportlern mutieren lässt.

Die drei Säulenheiligen der Sicherheit heißen Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit und Risiko. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir sterben, liegt bei hundert Prozent. Was immer wir nach heutigem Stand der Wissenschaft zu uns nehmen (oder nicht), wir müssen sterben. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem mit vier Triebwerken ausgestatteten Jet, der über den Atlantik fliegt, alle vier Aggregate den Geist aufgeben und damit das Flugzeug manövrier- und flugunfähig wird, ist verschwindend gering -oder eins zu einer Milliarde. Möglich ist es natürlich trotzdem.

Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Lottogewinn vom Blitz getroffen zu werden, liegt bei nur eins zu zehn Millionen mal 14 Millionen - dennoch glauben Millionen Menschen Woche für Woche, das große Los zu ziehen. Und fürchten sich, während sie ihren Lottoschein nach Hause tragen, vor Gewittern.

Die Frage, wovor wir uns wie fürchten, hängt, wie die Autoren des nun erschienenen Buches "Die Panikmacher", Walter Krämer und Gerald Mackenthun, schreiben, davon ab, welche Information wir über die Ereignisse erhalten. Krämer, Wirtschafts- und Sozialstatistiker in Dortmund, und Mackenthun, Wissenschaftsjournalist in Berlin, sitzen sozusagen an den Quellen des Materials, das zur Verunsicherung beiträgt: Medien, Politiker, Unternehmen, Interessengruppen. Sie alle tragen dazu bei, ein bestimmtes Risikobewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen.

5 Eierdiebe Wer sich fürchtet, sollte wissen, wovor. Deshalb rechnen Krämer und Mackenthun vor, welche Risiken dem Menschen wirklich ans Leben gehen: "Zu viel essen, zu viel rauchen, zu viel trinken - viel mehr bleibt nicht übrig", so Mackenthuns Resümee. " Die moderne Aufregung um alle möglichen Gefahren und der Aufwand zu ihrer Beseitigung", so Krämer und Mackenthun, "sind fast immer umgekehrt proportional zu den Gefahren selbst. Wir leben immer länger, die Atemluft wird reiner, die Flüsse sauberer, die Autos sicherer, das Essen gesünder - aber die Panikmacher erzeugen das Gefühl des Gegenteils." Die sachliche Auseinandersetzung mit realen Risiken und Gefahren hingegen würde durch "Horrorvisionen" aus Medien und bundesdeutschen Lehrerzimmern, einem Epizentrum des Alarmismus, verhindert: "Ein bundesdeutscher Gesamtschüler, evangelisch, gelegentlicher Kirchgänger, mit Leistungsfach Gemeinschaftskunde, dessen Eltern den "Stern" abonniert haben und der im Fernsehen regelmäßig Magazinsendungen wie Report und Monitor sieht, kann sich nach Abschluss des Abiturs eigentlich nur noch die Kugel geben." Eingebildete Umweltkranke, verfolgt vom nebulösen Ozonloch und durchdrungen von unfasslichem Elektrosmog, bilden eine neue Klasse: die Ökochonder.

Seit die Gefahren, die von der Natur ausgehen, für den Durchschnittsverbraucher vernachlässigbar sind - wenn er sich nicht gerade ohne Not einem Rudel Haie nähert - suchen sich viele ihr Damokles-Potenzial anderswo. Wer am sonnigen Strand seinen Urlaub genießt, der ist doppelt glücklich beim Gedanken daran, dass all das vergänglich ist, ja bedroht. Als ob es gelte, ein kollektives schlechtes Gewissen über die Segnungen des Fortschritts - höhere Lebenserwartung, die meisten tödlichen Krankheiten besiegt - zu leben, scheint jede Idylle bedroht.

Dabei verdanken wir unsere Existenz einer von Dutzenden Megakatastrophen, einer GAN, der Größten Anzunehmenden Naturkatastrophe. Vor 65 Millionen Jahren bohrte sich ein gewaltiges Bruchstück aus dem All dort hinein, wo heute der Nordostzipfel der mexikanischen Halbinsel Yucatan liegt. Dieses so genannte Kreide-Tertiär-Ereignis, erforscht vom amerikanischen Physiker und Nobelpreisträger Luis Alvarez, beendete die Regentschaft der Saurier, die nach dem Aufschlag für sie wenig erfreuliche Bedingungen vorgefunden haben müssen.

Sie wurden von den ersten Säugetieren beerbt. Kleine, windige Eierdiebe, Kleinkriminelle der prähistorischen Tierwelt, die bei jeder Gelegenheit die Nester der übermächtigen Echsen plünderten. Aus diesem Milieu entwickelte sich der Mensch.

6 Gesellschaftsrisiko Wissenschaftler gehen von mehreren solcher Ereignisse mit anschließendem Massensterben, so genannten Mass-Extinction-Events, aus. Doch nach einer gewissen Unruhe, die uns beim Lesen solcher Zeilen beschleicht, lässt uns die Vernunft die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses ziemlich realistisch einschätzen: Die Wahrscheinlichkeit, beim Frühstück von einem marodierenden Felsbrocken aus dem All verdampft zu werden, ist - im Wortsinn - vernichtend klein.

Meteore? Die moderne Gesellschaft hat andere Angstbilder: den Größten Anzunehmenden Unfall, die menschgemachte Katastrophe. Auf ihr ruht das gesamte Risikobewusstsein unserer Zeit. Eine führende Rolle beim Aufbau des so genannten Megarisikos nimmt der deutsche Soziologe Ulrich Beck ein.

Im Jahr 1986, kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl, schrieb Beck sein bekanntestes Buch: die Risikogesellschaft. Der bis dahin eher mit Fragen der Berufsorientierung in der postindustriellen Gesellschaft befasste Beck landete damit einen Volltreffer - mit drei dem Zeitgeist entsprechenden Angstbildern: die Angst vor Technik, Fracksausen vor Konkurrenz und Marktwirtschaft und, als Bindemittel für das große Zittern, der zur Hysterie gesteigerte Ökologismus der achtziger Jahre bilden die wichtigsten Ingredienzen.

7 Angst-Attacken Aus dem Waldsterben, dem täglich erwarteten Supergau, der allgemeinen Vergiftung von Nahrung, Wasser und Umwelt sowie den ebenfalls als Tatsachen gehandelten Großereignissen Ozonloch, Klimakatastrophe und Polschmelze leitete Ulrich Beck den Leitsatz der Risikogesellschaft ab: "Die gesellschaftliche Produktion von Reichtum geht systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken." Je entwickelter unsere Gesellschaft also ist, desto mehr Risiken erzeugt sie. Zwar mag Beck nicht bestreiten, dass das Leben vor Schulmedizin, Hygieneverordnungen, Elektrizität und anderen Kleinigkeiten nicht gerade ein Zuckerschlecken war, doch Pest, Pocken, hungrige Bären oder ein Blitzschlag im Wald, das wären eben "persönliche Risiken gewesen". Im Gegensatz dazu zeichne sich unsere Zeit durch die "Globalität ihrer Bedrohung" aus. Was immer wir tun, die Welt kann und wird dabei draufgehen.

Die Risiken werden nicht mehr durch einzelne unverantwortlich handelnde Personen angerichtet, sondern durch Gruppen, Organisationen und vor allem - wen wundert's - rücksichtslosen Unternehmen. Die Welt ist in Unordnung - undank des Kapitals, das die Zerstörung der natürlichen Ressourcen samt der davon abhängigen Kundschaft rücksichtslos zulässt.

Zur Verschleierung dieser Tatsachen, meint Beck, würde das Kapital Grenzwerte für Umweltgifte nach Belieben festlegen. Selbst wenn Unabhängige einen Grenzwert, den Maßstab für ökologisches Risiko festlegen würden, sei dieser letztlich doch nichts anderes als eine Legitimation der Vergiftung.

Der Mensch erfahre sich im "Sterben der Wälder ... als bewegliches verletzliches Ding unter Dingen". Mittlerweile hat Beck mangels Eintreten der vielfach zitierten Katastrophenszenarien, die in den Neunzigern mangels Beweiskraft ad acta gelegt wurden, ein konsequentes neues Feld für Risiko-Verschwörungstheorien gefunden: die Globalisierung. Dass auch dabei die Untergangs-Apostel den Beweis für die weltweite Verschwörung des Kapitals auf Kosten des kleinen Katastrophengeschädigten schuldig bleiben, scheint keine Rolle zu spielen.

Die Thesen der Risikogesellschaft gehören zum festen Bildungsrepertoire der Bundesrepublik - popularisiert und stets durch neue Schreckensmeldungen aufgefrischt und heiß gehalten. Risiko Informatik beispielsweise: In dem Jahr, in dem Becks "Risikogesellschaft" erschien, 1986, ein gutes Jahrzehnt, nachdem der Siegeszug des Computers für alle begonnen hatte, verdammten die deutschen Grünen auf ihrem Parteitag den Apparat als Herrschaftsinstrument.

Das Internet hat in Deutschland mittlerweile sämtliche Stadien des technologischen Sicherheitsrisikos hinter sich, die vorstellbar sind: Bis etwa 1995 war es - frei nach Beck - ein hinterhältiges Herrschaftsinstrument, bis die populärere Version des Schmuddelnetzes aufgebracht wurde, die im Netz eine probate Vertriebsstelle für Kinder- und Allgemeinpornografie erkannte. Danach folgte eine ansehnliche Sicherheitsdebatte über die Frage, ob man im Netz ohne Sorge mit seiner Kreditkarte bezahlen könne. Obwohl kaum Missbrauchsfälle bekannt werden, gilt für zwei Drittel der panisch gemachten Kunden das Internet als unsicherer als ein durchschnittlicher Kaufhausbesuch.

8 Mensch und Natur Da wurde, erst vor drei Jahren, der irre Terroristenchef Osama Bin Laden zum IT-Spezialisten ernannt: Seine Organisation würde ausschließlich übers Internet gesteuert. Die vom "Time"-Magazine ausgestreuten diffusen Behauptungen wurden von praktisch allen deutschen Magazinen freudig übernommen, aber nie belegt. Beliebtester Titel, damals wie heute: "Das Terror-Netz". Bei genauerem Hinsehen finden sich immer dieselben Stichwortgeber: Angehörige von Nachrichtendiensten, die auf der Suche nach einem neuen Sinn nach Ende des Kalten Krieges das Internet entdeckt haben - schon lange.

Der Ex-CIA-Chef John Deutch mühte sich während der Amtszeit der Clinton-Regierung um ein Verbot aller Kryptografie-Verfahren. Das scheint nun wieder zum Greifen nahe. Ein Unsinn der Extraklasse: Nicht mal ein Prozent der Netznutzer verwendet Verschlüsselungsprogramme.

Würde man Verschlüsselung verbieten, hätte das nur den Effekt, dass die mit Kryptografie verschlüsselten Mails in einen gewaltigen Haufen zurückgeworfen werden würden, der aus stündlich zwei Milliarden Mails besteht. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass sich eine derart riesige Menge nicht überwachen lässt. Aber: Man würde tausende Beamte brauchen, die so tun, als ob. Das gesunde Sicherheitsempfinden technisch unbeleckter Politiker und ängstlicher Angehöriger der Panik-Gesellschaft wäre jedenfalls befriedigt - sinnlos und teuer zwar, aber üblich.

Subjektive Wahrnehmung spielt in der Risikobeurteilung immer eine Rolle. Im Jahr 1999 mussten Rückversicherer für Schäden, die Spring- und Sturmfluten, Orkane, Erdbeben und andere Nebeneffekte des Planeten anrichteten, fast 25 Milliarden Dollar blechen. Dieser Summe stehen "menschgemachte" Schäden in Höhe von 4,2 Milliarden Dollar gegenüber, also ein Sechstel dessen, was die Natur aufs Konto schreibt. Naturgemäß kann die aber nicht durch höhere Prämien zu risikoärmerem Verhalten gezwungen werden. Deshalb engagieren sich Rückversicherer wie die Münchener Rück und die Swiss-Re intensiv in der Popularisierung der Legende, dass praktisch jede Naturkatastrophe menschlichen Ursprungs ist.

Ein brillantes Beispiel dafür ist die in der Katastrophensaison 1997/98 zu Weltruhm gelangte Klima-Anomalie "El Nino". El Nino ist ein in unregelmäßigen Abständen auftretendes Phänomen, bei dem sich die Wassertemperatur und damit das Strömungsverhalten im Südpazifik ändert. Die Gründe für diese Anomalie sind den Forschem bis heute weitgehend unbekannt. Was sie mit Sicherheit wissen, ist, dass Jahrtausende vor der Einführung des Verbrennungsmotors El Nino für überdurchschnittlich viele Sturmfluten und Orkane sorgte. Dieser Umstand plus der populären Haltung, die "Risikogesellschaft" trage letztlich die Verantwortung für alles, was auf dieser Erde danebengeht, wurde von den Rückversicherern zu Prämienerhöhungen genutzt, als sich die Rückkehr von El Nino 1997 wieder einmal abzeichnete.

9 Alarmisten-Lobby Bruno Porro, Chief Reinsurance & Risk Officer bei der Swiss Re in Zürich, schreibt zum "Problem Klima" Folgendes: "Schäden steigen im Wesentlichen durch wirtschaftliche, technische und soziale Entwicklungen in stark exponierten Regionen. Wie groß der Anteil "Klima" jedoch ist, kann gegenwärtig nicht sicher beantwortet werden." Das ist der Stand der Wissenschaft.

Für die größte Rückversicherung der Welt, die Münchener Rück, ist der Erkenntnisstand der Forscher zu unsicher: "Wird der Ausstoß an Kohlendioxid nicht radikal verringert, gelangen die Schadenspotenziale für uns bald an die Grenze der Versicherbarkeit", so Gerhard Benz, Chefwissenschaftler der Münchener Rück in der "Berliner Zeitung". Schließlich wäre der Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung, Kohlendioxidausstoß und der Häufigkeit und Schwere wetterbedingter Katastrophen "zweifelsfrei erwiesen".

Tatsächlich stecken hinter den wachsenden Schadenssummen klar kalkulierbare Risiken. Der Umstand, dass in Kalifornien Naturkatastrophen heute den mehrhundertfachen Schaden anrichten als vor 90 Jahren - ein gern und oft zitiertes "Argument" für die Zerstörungsgewalt der technisierten Gesellschaft - liegt bei einfachem Nachdenken in dem Umstand begründet, dass Kalifornien zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nur spärlichst besiedelt und entwickelt war.

Wo mehr ist, geht mehr kaputt, das kostet mehr, erhöht das Risiko, was aber mit den Ursachen der Unsicherheit wiederum wenig zu tun hat. Dabei geht es nicht um das Unterschätzen von Risiken, sondern um ihren Stellenwert. Die Wahrscheinlichkeit, gleichzeitig im Lotto zu gewinnen und vom Blitz getroffen zu werden, ist höher als die, bei der Kernschmelze - also der Detonation einer Atombombe oder/ und dem Supergau eines Kernkraftwerkes draufzugehen. Bis ins 17. Jahrhundert lahm man Risiko einfach hin - vorher gab es keine Wahrscheinlichkeitstheorie, die Risiken berechenbar gemacht hätte. Es war ein entscheidender Schlag gegen den Aberglauben und ein Schub für die Aufklärung, der dem folgte: Risiken verloren las Schicksalshafte, das ihnen heute wieder zugesprochen wird. "Ist Risikogesellschaft vielleicht eher eine Risiko-Vermeidungsgesellschaft?", lautete die kluge Frage, die die Juroren des von der Körber-Stiftung in Hamburg-Bergedorf vor drei Jahren ausgeschriebenen Wettbewerbs "Risiko!" stellten. Wer vernünftig fragt, kriegt vernünftige Antworten. Etwa preisgekrönte Beiträge, in denen das Risiko sozialer und ökonomischer Probleme der aus dem Umkreis von Tschernobyl evakuierten Menschen höher bewertet wird als die - seit Jahren - nicht mehr die Werte natürlicher Radioaktivität übersteigende "Verseuchung" der Region.

Doch das Denken ohne Panik muss erst wieder salonfähig werden und sich gegen die Alarmistenlobby in Lehre, Forschung, Staat, Konzernen, Medien und Parteien durchsetzen.

10 Damokles-Prinzip Bewusstes Risiko erzeugt Sicherheit. Leicht erkennbar ist das bei jenen, die sich ohne Not einem hohen Risikopotenzial aussetzen - sei es, beim Bungee Jumping von der Brücke zu springen oder ohne Sauerstoff auf den Mount Everest zu stiefeln.

Zwischen dem Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner und Thomas Bubendorfer tobte hierzu in den achtziger Jahren ein feiner Streit. Beide riskierten bei ihren Expeditionen Kopf und Kragen. Der Unterschied indes war gewaltig: Bubendorfer suchte den Thrill des Abenteuers, also nur vage kalkuliertes Risiko. Messner kalkulierte exakt. Der Unterschied zwischen Menschen, die Risiken in Kauf nehmen, und Spaßgesellschaftern liegt hier: denken vorm Klettern oder sich einfach lustig eine Wand hochhangeln. Bubendorfers Grundlage ist Selbstüberschätzung. Messners Grundlage heißt Risikomanagement, die Kunst, Gefahren zu kalkulieren. So etwas macht im Grunde jede höhere Lebensform. " Sterbliches Dasein, das sich seiner selbst bewusst ist, ist ständiges Risikomanagement", sagt der Schweizer Philosoph Georg Kohler und stellt Beck auf die Füße: "Risikogesellschaft ist ein anderer Name für Menschheit - wir können gar nicht anders. Ohne Lust am Risiko wüssten wir gar nicht, wie verschiebbar die Wirklichkeit und ihre Grenzen sind." Angesichts der Krise, die sich gerade breit macht, ist das eine wichtige Einsicht: Denn in Wahrheit ist die Fehlsichtigkeit in Sachen Sicherheit und Risiko auch ein Problem einer wenig selbstbewussten Gesellschaft, die zwar alles haben will, aber wenig wagen, die nichts verlieren mag und dennoch mehr zu gewinnen sucht - ein Widerspruch, wie jedes Kind weiß, bloß einer, der die Grundlagen von Politik und Kultur im Lande bildet. Eine Welt, die mehr Selbstständigkeit und Verantwortung fordert, und damit gleichsam immer auch mehr Selbstbewusstsein, braucht mutige Bürger statt Besitzstandswahrer und Bedenkenträgern, den Fundamentalisten unserer Zeit.

Dazu gehört die Einsicht, die Jurek Becker in seinem Roman ,Jakob der Lügner" niedergeschrieben hat: "Wenn kein Risiko dabei wäre, dann wäre das auch keine Chance." Kein Gewinn ohne Einsatz. Kein Einsatz ohne Gewinnchancen.

In der antiken Sage des Tyrannen Dionysios von Syrakus lernen wir, dass es kein Glück der Welt ohne Risiko gibt. Der Herrscher lässt seinen begehrlichen Höfling Damokles an der Tafel speisen. Damit der sich aber nicht an sein Glück gewöhnt, die köstlichsten Speisen genießen zu können, damit der nicht satt wird und der Freude überdrüssig, hängt der Herrscher ein Schwert an einem einzigen Haar über das Haupt des Höflings.

Es ist nichts weiter als eine Mahnung - ein Memento mori, zur Vorsicht und gegen das Vergessen, was Realität und Leben ist - ein Risiko, ernst zu nehmen, aber alltäglich und demnach normal. So freut sich Damokles - freilich nicht sorgenfrei - über seine Köstlichkeiten.

Zu Tode gefürchtet, das wusste er bereits, ist nämlich auch gestorben.

Mehr aus diesem Heft

Risiko 

Die Problem-Löser

Entführung eines Mitarbeiters in Bolivien? Ärger mit der Polizei in einer afrikanischen Bananenrepublik? Bombendrohung in London? Nur die Nerven behalten: Die Leute von Control Risks regeln das. Weltweit und ganz diskret – damit das Geschäft weitergeht.

Lesen

Risiko 

Herbst 2001: die Schweiz in Panik. Unnötigerweise.

Meine Großmutter begann ihre Briefe mit den Worten: "Habe an Dich ..." oder "Freute mich darüber, dass ..." Es wäre ihr nie eingefallen, ICH an den Anfang zu stellen. Ihr Ich verschwand hinter ihren Funktionen. Mutter. Von sechs Kindern. Ehefrau. Eines nö

Lesen

Idea
Read