Ausgabe 09/2001 - Was Menschen bewegt

Optimismus, Wohlstand, Aufschwung

Wie viele aus seiner Schulklasse damals das Land verlassen haben? Da muss Ray Power nicht lange nachdenken. "Fast alle. Wer jung war und einen Job wollte, musste weg aus Irland." So schnappte sich 1982 auch der 16-jährige Ray seine Reisetasche, nahm die Fähre nach Hamburg und packte dort bei Kühne ein paar Monate Gewürzgurken in Gläser. "Irland war so arm damals", sagt er. "So einen Job würde heute kein Ire mehr machen." Zum Medizinstudium kehrte Ray Power nach Dublin zurück, aber spätestens nach dem Examen war klar: Er musste wieder weg. Im Juli 1992 flog der damals 26-Jährige nach Australien - ohne Rückflugticket und ohne dort einen Job zu haben. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, im Westen des Kontinents als "Flying Doctor" zu arbeiten - das sind Ärzte, die mit dem Flugzeug abgelegene Dörfer versorgen. Dort muss man vielen Patienten erst mal erklären, wie wichtig es ist, dreimal täglich eine Tablette zu nehmen. "Ein bisschen Abenteuer war schon dabei", erinnert sich Power. "Aber innerhalb einer Woche hatte ich den Job." Vor zwei Jahren ist Ray Power nach Irland zurückgekommen. Wieder ohne Rückflugticket, er hat einfach seine Taschen gepackt. Es war Zeit, nach Hause zu kommen, fand er. Seine Tochter war gerade ein Jahr alt, Power wollte, dass sie in Irland aufwächst. "Es ist seltsam mit uns Iren", sagt er, " sobald du eine Familie hast, spürst du den Druck, nach Hause zurückzukehren." Als Power im Flugzeug nach Dublin saß, hatte er noch keinen Job, aber eine Idee. Die vergangenen Jahre in Australien hatte er versucht, Ärzte und Medizinstudenten für ein paar Monate zur Arbeit im Busch zu bewegen. Jetzt wollte er das Gleiche in Irland versuchen, wo mittlerweile händeringend Ärzte und medizinisches Personal gesucht wurden. Power gründete die Agentur Locumotion und holt jetzt Ärzte aus aller Welt auf die grüne Insel. Im vergangenen Jahr vermittelte er 15 Mediziner nach Irland, dieses Jahr werden es wahrscheinlich schon mehr als 50 sein. Zwei Drittel von ihnen sind ehemalige Emigranten aus Irland.

Ray Power ist jetzt wieder ein echter Ire - so wie die vielen, die wie er in den vergangenen Jahren aus England, Amerika, Australien und Deutschland zurückgekommen sind. Vom Sog eines langen stetigen Wirtschafts-Booms zurückgezogen auf jene Insel, die sie einst, vor zehn, 15 Jahren verlassen mussten, weil das Land nicht in der Lage war, seine Einwohner vernünftig zu ernähren. Damals flohen sie zu Zehntausenden, weil daheim ein Leben in Armseligkeit drohte. Heute, da der 5er BMW in den Bereich des Möglichen gerückt ist, strömen sie zurück. Zehntausende wieder einwandernde Ex-Auswanderer, und das nun schon seit Jahren -das ist eine Migrationsbewegung, die in der europäischen Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel ist.

Seit der großen Hungersnot um 1840 war Emigration für Irland ein nationales Trauma. Kleinpächter und Landarbeiter ernährten sich und ihre Familien fast ausschließlich von Buttermilch und Kartoffeln, ein Erwachsener aß im Schnitt sechs bis sieben Kilo pro Tag. Als vier Jahre hintereinander fast die gesamte Kartoffelernte des hoffnungslos überbevölkerten Landes auf den Feldern verfaulte, hatten die Menschen in den Dörfern schlicht nichts mehr zu essen. Wie viele damals verhungerten, ist nie gezählt worden. Heute schätzt man die Zahl auf eine Million. Zwei Millionen Iren flohen in die Emigration. Hunderttausende wurden aus ihren ärmlichen Hütten gejagt, weil sie die Pacht nicht zahlen konnten. Die Auswandererschiffe waren die einzige Alternative zum Hungertod auf der Straße. Insgesamt verlor Irland zwischen 1841 und 1851 durch Auswanderung, Hunger und Seuchen fast ein Viertel seiner Bevölkerung.

Die Iren stehen auf der niedrigsten Stufe der menschlichen Entwicklung - meinte Friedrich Engels, der alte Menschenfreund.

Wer die Passage auf den "Sargschiffen" nach England, Amerika oder Australien überlebte, gesellte sich nach der Ankunft meist zum sozialen Bodensatz. Die irischen Einwanderer galten als Lohndrücker, Taugenichtse, Saufköpfe. "Ihre Nahrung sind Kartoffeln und nur Kartoffeln", schrieb der junge Friedrich Engels über die irischen Einwanderer in Manchester. "Was sie darüber verdienen, vertrinken sie, was braucht ein solches Geschlecht viel Lohn? Die Irländer haben es herausgefunden, was das Minimum der Lebensbedürfnisse ist, und lehren es nun den englischen Arbeitern." Die irischen Viertel waren die übelsten Elends-Enklaven in den großen englischen Industriestädten. "Das Geschlecht, das in diesen verfallenen Cottages oder gar in den finstern nassen Kellern, zwischen diesem grenzenlosen Schmutz und Gestank lebt - das Geschlecht muß wirklich auf der niedrigsten Stufe der Menschheit stehen." Mit solcher Verachtung sprach Engels ansonsten nur von den verhassten Industriekapitalisten.

Von dem Schock hat sich Irland seit 140 Jahren nicht erholt. Auch später, als es genug Kartoffeln gab, hielt der Auswandererstrom an. Die britischen Autobahnen etwa wurden in den fünfziger und sechziger Jahren hauptsächlich von irischen Arbeitern gebaut. Noch Ende der achtziger Jahre verließen jährlich rund 30000 - vor allem junge und gut ausgebildete - Menschen das Land. Damals war rund jeder Fünfte arbeitslos. In Umfragen erklärten fast zwei Drittel der Jugendlichen, sie wollten auswandern, wenn die wirtschaftliche Lage sich nicht bessert.

Jetzt ist alles anders, ganz anders. Nach einem Boom-Jahrzehnt mit Wachstumsraten von fast zehn Prozent und mehr ist Arbeitskräftemangel das größte Problem der irischen Wirtschaft. Als Irland 1973 der EG beitrat, war die Insel-Ökonomie noch fast gänzlich von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft geprägt - heute tragen Fischer und Farmer nicht einmal mehr fünf Prozent zum Sozialprodukt bei. Milliardenschwere EU-Finanzspritzen und eine Wirtschaftspolitik der offenen Tür gegenüber Fabrikherren aus aller Welt haben einen beispiellosen Strukturwandel in Gang gesetzt. Kein Land in Europa hat die Chancen des Binnenmarktes so clever genutzt wie Irland. Dank der Überweisungen aus Brüssel wurde die Infrastruktur komplett modernisiert, auf das irische Bildungssystem schauen besonders die englischen Nachbarn mittlerweile ausgesprochen neidisch. Investoren aus dem Ausland müssen nur zehn Prozent Körperschaftssteuer zahlen; für Maschinen, Fabrikgebäude, Grundstücke und Arbeitsplätze gibt es großzügige Zuschüsse, selbst die Ausbildung neuer Mitarbeiter bezahlt der irische Staat. Nachdem in der Fabrik-Euphorie der siebziger und achtziger Jahre vor allem Produktionsbetriebe für die Endmontage nach Irland gelockt würden, von denen sich etliche nach einem kurzen, aber kostspieligen Subventions-Gastspiel wieder verabschiedeten, setzen die staatlichen Wirtschaftsförderer seit einigen Jahren auf Elektronik und Dienstleistungen. Fast alle großen IT-Unternehmen sind mittlerweile in Irland vertreten, außerdem ist das Land der größte Callcenter-Standort Europas. Vom Straßenkrieg zwischen katholischen und protestantischen Extremisten des britisch regierten Nordirlands blieb das Wirtschaftswunderland verschont: In der Republik Irland gibt es keine Bombenanschläge oder pöbelnde Anwohner, die sechsjährige Kinder auf dem Schulweg mit Steinen bewerfen.

Wie gut die Wirtschaftsförderung klappt, zeigt die Arbeitslosenquote: Binnen zwölf Jahren ist sie von fast 20 auf vier Prozent gesackt. Wenn die Konjunktur nicht einbricht, werden allein in den nächsten fünf Jahren noch einmal 200000 Leute benötigt -und die sind im eigenen Land nicht zu finden. Also holt der Staat seine einst geflohenen Söhne und Töchter zurück. Seit einigen Jahren läuft eine gezielte ,Junge, komm bald wieder"-Kampagne mit Zeitungsannoncen und Job-Messen. Die dafür zuständige Behörde Jobs Ireland half einst jungen Iren, Arbeit in der Fremde zu finden. Jetzt holt die gleiche Behörde die gleichen Leute nach Irland zurück.

Zum ersten Mal seit der Hungerkatastrophe ist Irland ein Einwanderungsland. Vergangenes Jahr kamen 23 000 Menschen mehr ins Land, als im gleichen Zeitraum auswanderten. Die meisten Immigranten waren Iren, allein 6000 kamen aus den Vereinigten Staaten. Jobs Ireland geht davon aus, dass das Reservoir an Rückkehrwilligen nun fast erschöpft ist.

Irische Krankenschwestern nach Irland zu locken gelingt kaum noch. Una Marren, im Dubliner Krankenhaus Mater Misericordiae fürs Anheuern von Schwestern zuständig, hat kürzlich 160 Filipinos eingestellt. Auch in Ostdeutschland hat sie sich umgeschaut, aber kaum junge Frauen gefunden, die mehr als ein paar Brocken Englisch konnten. Die resolute Schwestern-Managerin ist selbst eine ehemalige Auswanderin. Geboren in Curry, einem Dorf in der Grafschaft Sligo, ganz im Westen, sagte sie sich mit 17: "Una, das Leben ist das, was du selbst daraus machst." Und ging nach London. 1966 war das. In Irland sah sie keine Chance, Krankenschwester zu werden. "Ich wollte nicht rumhängen, also bin ich einfach gegangen", erklärt sie heute. Die Schwesternheime in England waren damals voller irischer Mädels. 34 Jahre später sah Una Marren eine Stellenanzeige in der Sonntagszeitung. Mater Misericordiae suchte eine stellvertretende Direktorin. Sie überlegte nur eine halbe Stunde.

Eine neue Schicht ist herangewachsen: junge, gut ausgebildete Iren, die nicht mehr emigrieren müssen, wenn sie Karriere machen, gutes Geld verdienen und ein 50 000-Mark-Auto fahren wollen. Ihre Großeltern waren noch Kleinbauern, sie sind Consulter, Banker oder Programmierer, eine neue Elite. Die erste Generation Iren, die reich werden kann - in einer Gesellschaft, in der mangels Industrietradition Klassengegensätze nie eine Rolle gespielt haben. Doch wie lange werden die fetten Jahre noch andauern? Der Konjunktureinbruch dürfte auch Irland nicht verschonen. Besorgt registriert man erste Meldungen über Entlassungen in der Computerbranche. Längst zugesagte Investitionen werden verschoben, versprochene neue Fabriken nicht gebaut.

Aber noch blüht die Kaufrausch-Konjunktur, noch tobt der "war for talent". Investmentbanken und Unternehmensberatungen locken die besten Hochschulabsolventen mit Kopfprämien von bis zu 40000 Mark. Fast ein Drittel der Absolventen des Trinity College in Dublin wird nach dem Studium erst mal ins Ausland gehen - allerdings nicht, weil in Irland ein Dasein in Armut droht, sondern weil ein paar Jahre London oder Tokio der Karriere einen kräftigen Schub versetzen. "Hierbleiben oder weggehen?" ist keine Existenzfrage mehr - man hat sich dem ganz normalen Gang des mobilen Kapitalismus angepasst.

Das Leben wird teurer: Die Immobilienpreise steigen, und statt selbst gebranntem Whiskey gibt es Wein aus dem Supermarkt.

Auf die Rückkehrer wartet ein verändertes, schnelleres, hektischeres Irland. In Dublin, früher vielleicht die gemütlichste europäische Hauptstadt, wird das besonders deutlich. Hinter aufgemotzten Fassaden residiert der neue Geldadel, im Umkreis von 50 Kilometern haben die IT-Konzerne ihre Fabriken auf ehemalige Kuhwiesen gewürfelt. Der Speckgürtel, aus dem die Pendler zur Arbeit nach Dublin strömen, wuchert fast 100 Kilometer ins Land hinein. Kleine Dörfer, vor zehn Jahren noch verschlafene Käffer, klotzen mit großen Wohnsiedlungen, die Immobilienpreise in Dublin und Umland sind völlig außer Kontrolle geraten. Australien-Rückkehrer Ray Power hat vor zwei Jahren eine knappe Fahrradstunde außerhalb der City ein Haus gekauft. Heute könnte er es für ein Drittel mehr weiterverkaufen.

In Dublin kollabiert zweimal täglich das städtische Verkehrssystem: Morgens quält sich eine Blechlawine mit durchschnittlich neun Stundenkilometern in die Büros der City, nachmittags geht es genauso langsam wieder heraus aus der Stadt, in der man fast nur neue Autos sieht. In Irland verraten die letzten beiden Ziffern auf dem Nummernschild das Zulassungsjahr. 92er- oder 94er-Zulassungen sind selten.

Selbst die Provinz weit, weit draußen im Westen liegt im Baufieber. Der Traum vom eigenen Häuschen wird jetzt für viele wahr. Die von Rucksacktouristen geschätzte pittoreske Ärmlichkeit, jahrzehntelang von EU-Subventionen notdürftig kaschiert, wird vom Geld weggespült. Auch in den entlegensten Ecken der Insel findet man Indikatoren eines bescheidenen Wohlstands: Im jedem Supermarkt gibt es mehrere Sorten Olivenöl und gute Weine, in französisch angehauchten Restaurants bekommt man kein Essen unter 60 Mark. Mit günstigen Krediten haben die Banken so manche Begehrlichkeit geweckt. Dem Hotelier aus dem Dorf Tobercurry in Sligo beispielsweise gehört mittlerweile ein halber Straßenzug. Sein Hotel bietet - rein theoretisch - Platz für die halbe Einwohnerschaft des Dorfes, der Besitzer hofft jetzt auf Angeltouristen. Wir waren die einzigen Gäste.

In der Nähe von Clifden, einem Küstenstädtchen im äußersten Westen, treffen wir eine junge Frau vom Bodensee, die mit ihrem Freund seit zwei Jahren in einem Caravan wohnt. Christopher Acton, 33 Jahre alt, ein Rückkehrer, der mit seinem gälischen Namen angesprochen werden will, Criostoir Og Gnimh, will Möbel herstellen, teure Stücke. "Der Markt ist da", sagt er, "die Leute haben Geld, und sie geben es aus." Mit 19 ging Crióstoir zum ersten Mal weg, seitdem war er in der Welt unterwegs: Er jobbte in Kalifornien, in Florida und auf dem Bau in Aachen, lebte vier Monate bei einer Familie in Havanna, arbeitete als Tischler im Schwarzwald. Mit seinen Landsleuten, die zurückgekommen sind, um in einem klimatisierten Büro ein fettes Gehalt zu verdienen, will der Tischler nichts zu tun haben. Die seien wie die Exilkubaner in Miami, egoistische Geldsäcke, die ihre protzigen Häuser überall hinbauen dürfen, weil sie die Behörden schmieren. Auch er möchte bauen, das Grundstück, auf dem der Wohnwagen steht, gehört ihm schon. Auf die Baugenehmigung wartet er seit zwei Jahren. Würde er Schmiergeld zahlen, sagt er, hätte er sie in ein paar Tagen.

Vielen Rückkehrern ist die irische Gesellschaft zu statisch. Frauen finden kaum gute Jobs, Ausländer sieht man auch nicht gern.

Die Heimkehrer selbst sind zu Katalysatoren des gesellschaftlichen Umbruchs geworden. Sie geben der Veränderung Tempo und Dynamik. Das Land, viel offener gegenüber Neuem als zu den finsteren Zeiten der Rezession vor zehn, 15 Jahren, saugt die Impulse dankbar auf. Wer in Deutschland oder Amerika gearbeitet hat, dem muss man in der Regel nicht erklären, dass es durchaus üblich ist, am Montagmorgen pünktlich oder überhaupt zur Arbeit zu erscheinen - ein Problem, das deutschen Irland-Investoren noch vor 15 Jahren wohl vertraut war. Da kamen dringend herbeigerufene Handwerker frühestens nach zwei Wochen, am Montagmorgen fehlte nicht selten ein Drittel der Belegschaft. Allzu forsch und welterfahren sollten die Rückkehrer allerdings nicht auftreten. Wenn Ray Power sagt: "Hör mal, in Australien haben wir das aber anders gemacht", kann es sein, dass man ihm entgegnet: "Dann geh doch wieder zurück." Vielen Rückkehrern geht es zu langsam, sie empfinden die irische Gesellschaft immer noch als vergleichsweise statisch. So finden Frauen kaum gute Jobs mit flexiblen Arbeitszeiten, Kinderbetreuung ist ein Desaster, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Mythos. Patrice Hamilton, die nach zehn Jahren Australien zurückkehrte, musste lange suchen, bis sie bei Ray Powers Agentur Locumotion endlich eine Stelle fand, die ihr genügend Zeit für ihren fünfjährigen Sohn lässt. In Australien hatte sie bei IBM einen Top-Job mit Arbeitszeiten fast nach Wunsch. In Irland, sagt sie, "gibt es immer noch keine Kultur, in der es normal ist, dass Frauen mit Kindern arbeiten". 90 Prozent der Mütter in der Schule ihres Sohnes sind Hausfrauen. Mit Frauen wie sie, geschieden, über 40, tue sich Irland besonders schwer - die Ehescheidung ist in Irland erst seit wenigen Jahren zugelassen. Mit wem soll eine geschiedene Frau ein Bier trinken gehen? Patrice Hamilton hat jetzt eine Kontaktagentur eingeschaltet.

Zudem werden die Iren jetzt auch noch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert - und suchen nach einem Weg, damit umzugehen. Der Boom der vergangenen Jahre hat Menschen aus der ganzen Welt angelockt, auch solche, die anders aussehen, anders sprechen, anders riechen. Im September, nur wenige Tage nachdem der Justizminister verkündet hatte, dass Irland "glücklicherweise nicht unter dem Fluch des Rassismus leide", belegte Amnesty International mit einem dürren Zahlenwerk das genaue Gegenteil: Die Fremdenfeindlichkeit weitet sich offensichtlich aus - und das in einer Gesellschaft, die lange darauf angewiesen war, dass andere Länder ihre Wirtschaftsflüchtlinge aufnahmen. Vielleicht ist es die Angst, jemand könnte ihnen den kleinen, gerade errungenen Wohlstand schon wieder streitig machen.

Amnesty hatte mehr als 600 Immigranten befragt. Vier Fünftel gaben an, sie seien mindestens einmal rassistischen Übergriffen oder Beleidigungen ausgesetzt gewesen. Es ist ein Rassismus, der sich offenbar schon weit in das Alltagsleben der braven Bürger hineingefressen hat. Anfang Oktober etwa sorgte ein Schulboykott in der Grafschaft Galway für landesweites Aufsehen. Eltern hatten ihre Kinder vom Unterricht ferngehalten, weil einige Roma-Kinder in die Klasse aufgenommen werden sollten.

Vor allem Menschen aus Osteuropa verrichten jene Jobs, für die sich kein Ire mehr findet. Willkommen sind sie deshalb noch lange nicht. Der Präsident des Verbraucherverbandes beklagte kürzlich, dass die fremden Arbeiter teils wie Sklaven behandelt werden. So ist es durchaus üblich, ein Dutzend Rumänen oder Slowaken in ein abbruchreifes Haus zu pferchen und jedem einzelnen noch 100 Mark Miete pro Woche abzunehmen. Die Immigranten haben in Irland jenen Part übernommen, den die Iren selbst so lange gespielt haben. "Sie nisten sich überall ein, die schlechtesten Wohnungen sind gut genug für sie; ihre Kleider machen ihnen wenig Müh', solange sie nur mit einem Faden zusammenhalten, Schuhe kennen sie nicht." Das schrieb einst Friedrich Engels. Über die Irländer in der Fremde.

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