Ausgabe 06/2001 - Was Wirtschaft treibt

Laboratorien des Wandels

Medina hat ein neues Stück geschrieben. Sie zieht einen zerknüllten Zettel aus der Tasche, darauf sind ein paar Takte gekritzelt. Die haben es in sich.

Zweimal wöchentlich trifft sich die Hot Schrott Band in ihrem Proberaum. Ein Dutzend Mädchen und Jungen, 13, 14, 15 Jahre alt, stehen im Kreis, jeder hat einen Einkaufswagen vor sich. Darin sind Kanister, Feuerlöscher, Dosen, Deckel, auch mal ein Spülblech oder ein Autoteil. Mit dicken Prügeln und Schraubenschlüsseln donnern sie darauf herum. Der Bandleader hämmert dazu auf einer Plastiktonne den Grundbass. Geile Grooves.

In der Pause hängt man vor dem Gemeindezentrum ab. Um den geteerten Vorplatz stapelt sich eine Hochhaussiedlung bis in den 20. Stock. Das ist der Osdorfer Born im Westen Hamburgs. Eine der klassischen Wohnmaschinen, wo heute niemand mehr leben will. Aber viele müssen.

Christian von Richthofen, der Bandleader, ist Schauspieler, Musiker, gelernter Schlagzeuger. "Die sind völlig unbefangen", sagt er von seiner Truppe. Seit zwei Jahren spielen sie nun zusammen - und zwar regelmäßig, auch in den Schulferien. Die Leute lieben ihre Band. Ihr Leader: "Die haben was mitgekriegt: Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit." Das sind nicht die Aussteiger, die Mofas klauen, nur rumhängen oder irgendwann auf dem Strich landen. Die gibt's nämlich auch am Osdorfer Born.

Die Hot Schrott Band hat in Hamburg schon einen Namen. Hat Preise gewonnen. Im feinen Blankenese in der Kirche getrommelt, behutsam das Vaterunser vertont. Da hat die Gemeinde getobt und "Zugabe" gerufen. Zum ersten Mal haben die Jugendlichen ein "gerades Kreuz", sagt ihr Schuldirektor.

Jährlich wird die Band mit 20000 Mark unterstützt, das Honorar für Christian von Richthofen und seinen Kollegen, die beiden Trainer. Das Geld kommt von der Bürgerstiftung Hamburg. Klaus Rollin ist ihr Sprecher. Er empfängt in einem großen Notariat am Alstertor in Rathausnähe. Vor drei Jahren ist Rollin als Senior-Partner aus der Kanzlei ausgeschieden.

Seitdem steckt er große Teile seiner Zeit in die Bürgerstiftung. 14 Erststifter haben den Grundstock von 100 000 Mark aufgebracht. Seit der Gründung vor gut zwei Jahren ist das Stiftungsvermögen rasant gewachsen, auf derzeit eine Million. "Ihr Geld geht nie verloren", heißt es in der Eigenwerbung. "Es wird sicher investiert und bleibt über Generationen erhalten. Die Stiftung arbeitet mit den Erträgen." Hamburg allein hat fast 800 Stiftungen. Da ist genug Vermögen, das nicht für weitere Autos, Häuser oder Reisen benötigt wird. Kleine Erfolgsgeschichten wie die der Hot Schrott Band sind hier bares Geld wert. Das wissen übrigens auch die Bandleader. Und so sagen sie es den Stiftern: Ihr braucht uns. Was umgekehrt aber genauso gilt. "Es gibt Typen, die nie was machen, weil sie immer überlastet sind. Es gibt andere, die sind überlastet und die tun trotzdem was". So lautet die Überzeugung von Klaus Rollin. In der Bürgerstiftung kann man nicht nur Geld, sondern auch Zeit zur Verfügung stellen. Aber: "Das macht die Sache nicht ganz einfach." Häufig fehlen Verlässlichkeit und Kontinuität - bei Menschen, die "selber betreut werden müssen". Der Stiftungsrat kann sich übrigens durchaus sehen lassen: lauter Namen mit Klang, aus Medien, Wirtschaft und Kultur der Hansestadt. Jetzt gibt es einen neuen Kandidaten, von dem Rollin den Eindruck hat, "der möchte so'n bisschen reinkommen": gesellschaftlich.

Die Bürgerstiftung Hamburg hat sich erst mal auf Jugendprojekte in sozialen Brennpunkten konzentriert. Der Stiftungszweck ist aber deutlich weiter gefasst: Altenhilfe, Erziehung und Bildung, Wissenschaft und Forschung - also beinahe alles. Leute mit Geld und Engagement stehen ein für ihre Region. Das ist die Grundidee der Bürgerstiftung, der Community Foundation, wie sie in den USA schon lange existiert.

Mehr als 20 Bürgerstiftungen arbeiten hier zu Lande, ebenso viele stehen kurz vor dem Start. Peter Walkenhorst, von der Bertelsmann Stiftung eigens damit betraut. Community Foundations in Deutschland zu beraten und sie miteinander zu vernetzen, will "den Stifter-Kuchen größer machen". In den kommenden Jahren werden Milliardensummen transferiert, die fleißige und sparsame Nachkriegsgeneration hinterlässt gewaltige Vermögen. Aber nicht jeder Erbe bekommt ein paar Millionen. Oft sind es nur einige zehn- oder hunderttausend Mark, mit denen man keine eigene Stiftung gründen kann. Diese Leute sollen deshalb als Zustifter gewonnen werden. Nach dem neuen Stiftungsgesetz kann man jährlich bis zu 40000 Mark steuerfrei zuwenden. Oder: bis zu 600 000 Mark innerhalb von zehn Jahren für die Erstausstattung einer Stiftung.

Stiftungen geben Jugendarbeit einen Sinn oder arbeiten an der Lösung von Milliardenproblemen. Etwa für China.

Der Dritte Sektor, in Deutschland traditionell durch die großen karitativen Organisationen geprägt, soll ein neues Gesicht erhalten: das einer Bürgergesellschaft, die auf Engagement und Eigeninitiative fußt. Freilich, nicht als Ersatz für den Sozialstaat; da geht es noch um ganz andere Summen.

Der Bergedorfer Gesprächskreis ist ein Klassiker, seit 40 Jahren bietet die Körber-Stiftung ein Forum für die Fragen der Zeit. Eine der jüngsten Veranstaltungen fand in Peking statt. Unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker traf man sich im Staatlichen Gästehaus Dioayutai, wo bereits Mao tse-Tung und nach ihm die Viererbande residierten. Wer die chinesische Wirtschaft und ihre Rolle in der globalen Ökonomie des 21. Jahrhunderts verstehen will, für den ist das Protokoll des 119. Bergedorfer Gesprächskreises ein Muss. 20 Westeuropäer und 20 Chinesen reden Tacheles, ohne Diplomatengesäusel.

Der chinesische Reformprozess ist ein historischer Kraftakt sondergleichen. China will die Industrialisierung und Urbanisierung nachholen. Eine unkontrollierte Landflucht mit all ihren Folgen, etwa der Massenverelendung in den Städten, gilt es zu verhindern. Gleichzeitig läuft die Transformation in eine Marktwirtschaft auf vollen Touren, in den hoch entwickelten Zentren wie Shanghai bereits auf Hightech-Niveau und in Formen der New Economy.

Der Anteil der einst allmächtigen Staatswirtschaft beträgt heute weniger als 40 Prozent. Die Staatsindustrie entlässt jährlich zehn Millionen Menschen, gleichzeitig drängen neue Arbeitskräfte auf den Markt. Neue Arbeitsplätze aber, da sind sich Europäer und Chinesen im Bergedorfer Gesprächskreis einig, können nur aus der Privatwirtschaft kommen. Und das alles ohne soziales Netz. Die Hauptlast tragen traditionelle Familienstrukturen, sie leisten zumindest ein Minimum an sozialem Ausgleich. Bis zum Jahr 2010, darauf hat sich die chinesische Führung verständigt, will man eine vollständige Marktwirtschaft eingeführt haben. Das setzt weitere exorbitante Wachstumsraten voraus - immerhin durchschnittliche 9,5 Prozent seit 1978. Listig argumentieren die Chinesen im Bergedorfer Gesprächskreis: Wir unterscheiden nicht in private und staatliche Betriebe, sondern in staatliche und nichtstaatliche. Die Frage ist: Wird die politische Führung sich wirklich aus den Kommandostrukturen der Betriebe herausziehen? Und wie wird die wirtschaftliche Öffnung - für China eine fundamental neue Erfahrung - auf das Land selbst zurückwirken?

Seltsam, wenn man über das Gelände der Körber AG in Hamburg-Bergedorf geht, am Pförtner vorbei, an den Maschinenhallen und Büros. Insgesamt 8000 Leute weltweit produzieren für das Unternehmen Zigaretten-, Papier- und Schleifmaschinen und ermöglichen dadurch einen Dialog, wie er im Staatlichen Gästehaus in Peking stattgefunden hat. Die Körber-Stiftung, ganz hinten auf dem Werksgelände, ist nämlich die Eigentümerin des Unternehmens.

So hat es Kurt Körber, das Multitalent, bestimmt. Mehr als 200 Patente hat er in seinem Leben erworben. Nach dem Krieg ging er nach Hamburg und gründete die Hauni Maschinenfabrik. Ein Stifter und Mäzen von Rang. 1992, mit seinem Tod, ging sein gesamtes Vermögen an die Stiftung. Mittlerweile umfasst es 730 Millionen Mark, damit zählt die Körber-Stiftung zu den großen in Deutschland. Sie versteht sich als operative Organisation, die nicht als reiner Finanzier auftritt, sondern alle ihre Projekte selbst entwirft und anschiebt. Im Zweifelsfall auch mal beendet.

Der Bergedorfer Gesprächskreis wird wohl noch Jahre und Jahrzehnte tagen. Nach einem glasklaren Konzept: Man suche die besten Köpfe für ein gegebenes Thema, Theoretiker wie Praktiker, auch die gegensätzlichen, auch mal die, die sich nicht mögen, bringe sie zusammen, und dann wird einfach geredet; kein Wort geht nach draußen, was nicht hinausgehen soll. Die Protokolle, ebenso akribisch wie kunstvoll arrangiert, werden von den Teilnehmern autorisiert.

Stiftungen sind ausgesprochen stabile und langlebige Organisationen. Eben weil sie ihr Kapital nicht kannibalisieren, sondern solide von der Rendite leben, operieren sie mit großer Gelassenheit. Kein Markt, keine Konkurrenz sitzt ihnen im Nacken. Wer den Planeten einigermaßen heil an die kommenden Generationen übergeben will, muss jenen Punkt ansteuern, wo der stoffliche Austausch zwischen Mensch und Natur vonstatten geht: die Wirtschaft eben. Mit dieser Überzeugung arbeitet die Aachener Stiftung Kathy Beys zum Beispiel daran, dass die vom Braunkohletagebau verwüsteten Flächen in der Region wieder zum Leben erweckt werden. Sie setzt aber auch auf konzeptionelle Arbeit.

Im Hörsaal der Universität Aachen sitzen 600 Leute, interessierte Bürger der Stadt. Es referiert: Friedrich Schmidt-Bleek, einer der wichtigsten ökologischen Vordenker. Auf dem Forum der Aachener Stiftung präsentiert er sein Konzept der Dematerialisierung: nur noch ein Zehntel des Ressourcen- und Energieverbrauchs bis Ende des 21. Jahrhunderts.

Steuersparen mit Stiftungen? Kurzsichtig. Denn das Geld ist weg, zumindest für private Zwecke.

In den Achtzigern war Schmidt-Bleek beim Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse im österreichischen Laxenburg. Dorthin schickte Michail Gorbatschow seine Emissionäre, auf der Suche nach einem Weg von der Plan- zur Marktwirtschaft. Die Gelegenheit schien günstig. Wenn die schon neue Gesetze machten, dann auch richtig! Schmidt-Bleek zog alle umweltpolitischen Register. Die Antwort aus dem Kreml war ein unmissverständliches Njet. "Das ist uns zu teuer. Das können wir uns nicht leisten." " Ich war ziemlich erschüttert damals. Denn das hieß ja, dass außerhalb der OECD-Länder kein Staat in der Lage ist, Umweltschutz zu betreiben, dass mindestens 150 Länder der Erde gesagt haben: Das kannste vergessen." Das ganze Programm: mit Filtern, Katalysatoren, Kläranlagen. Der komplette nachsorgende Umweltschutz erschien mit einem Mal als der falsche Weg. Dass man nämlich erst mal fleißig drauflosproduziert und erst hinten, am Auspuff, am Schornstein, am Abwasserrohr die Schadstoffe herausholt. "Wir haben eine Nicht-Marktwirtschaft erfunden, um die Marktwirtschaft sauberer zu machen." "Und da habe ich gesagt: Da muss man in Gottes Namen vom weniger reingeben." Ein Gedanke, so simpel wie nur irgendetwas. Schon in ihrer Geburtsstunde hatte die Idee globales Format. Die Hälfte der Ressourcen weltweit; nur so, war Schmidt-Bleeks Annahme, könnte man die Ökologie auf diesem Planeten stabilisieren. Weiter gedacht, kommt dann diese ungeheure Zahl, der Faktor zehn zustande. "Weil wir natürlich Raum schaffen müssen für eine materielle Expansion der nichtreichen Länder." Nur ein Zehntel der Materie, des Stahls, des Erzes, des Abraums, des Wassers, der Luft, der Energie - bei gleicher Dienstleistung, bei gleichem Komfort. "Es kommt nicht darauf an, die arme Natur zu retten, sondern, dass wir in 20 Jahren überhaupt noch Geld verdienen können.

Die Aachener Stiftung hat jetzt den RIO-Innovationspreis ausgelobt, für Produkte, Dienstleistungen und neue Systemlösungen, die in herausragender Weise " Ressourcen Input Optimiert" (RIO) wurden. Ein neues Verständnis von Ökologie.

Die Aachener Unternehmerin Kathy Beys und ihr Mann Stephan Baldin haben die Stiftung 1988 gegründet. Damals mit einem minimalen Kapital von 100 000 Mark. Jahrelang hatten sie bereits mit größeren Summen Greenpeace und andere Organisationen bedacht. Bis sie sich fragten: "Wieso macht man das nicht selbst?" Kathy Beys starb 1995. Kinder hinterließ sie nicht. Ihr Privatvermögen, eine zweistellige Millionensumme, floss in die Stiftung. Stephan Baldin sah deutlich: Die Stiftung wurde in eine neue Dimension katapultiert. Heute ist er der Überzeugung: Unter fünf Millionen macht eine Stiftung nicht viel Sinn.

Als Unternehmer fragte er sich: "Wie sieht der Markt in diesem Geschäft aus?" Er reiste und schaute sich vergleichbare Stiftungen an. Bis er eben jene Schnittstelle zwischen Ökonomie und Ökologie für sich als Fokus der Aktivitäten definierte.

Nachsichtig reagiert Baldin heute auf Leute, die ihm bedeutungsvoll zuflüstern; ,Ja, ja, das mit der Stiftung... gute Idee... wegen der Steuer!" Natürlich unterliegt das Stiftungskapital nicht der Erbschaftsteuer. Und gemeinnützige Stiftungen, immerhin rund 95 Prozent, sind auch befreit von der Ertragsteuer. Aber ebenso gilt: "Das Geld ist weg." Zumindest für private Zwecke.

Mittlerweile hat Baldin sein Unternehmen, einen Facheinzelhandel mit knapp 80 Mitarbeitern, verkauft. Weil er in seinem Leben noch etwas mehr will, als " die Leute mit Matratzen und Gardinen versorgen". Was ihn stört: dass es im Alter von über 50 nicht mehr so einfach ist, seinen Lebensstil zu ändern. Seine Arbeitskraft will er jetzt voll in die Stiftung stecken. Ist das Arbeit? Nein, eigentlich nicht. Natürlich, der obligatorische Jahresbericht für die Stiftungsaufsicht, das Management des Vermögens, die Kooperation mit den zwei Angestellten und der ehrenamtlichen Geschäftsführerin, das muss professionell sein. Vor allem aber ist ihm die Stiftung "eine Befriedigung, etwas zu tun, von dem ich glaube, dass es richtig ist".

Stiftungen klingen nach Seriosität und Langlebigkeit. Beides wiederum hilft, Zuspruch zu erfahren.

Jörg Tremmel ist ein großer, schlaksiger junger Mann. Mit 27 war er der jüngste Stifter der Republik. Seine Idee: Generationengerechtigkeit. Sein Imperativ: " Handle so, dass die Folgen deines Handelns den zukünftigen Generationen mindestens ebenso große Chancen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse lassen, wie sie die heutigen Generationen besitzen." Als Tremmel vor gut drei Jahren die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (SRzG) gründete, kam der Erfolg über Nacht. Die erste Pressemitteilung landete in der "FAZ" gleich auf Seite zwei, erzählt Tremmel. Mittlerweile ist er durchaus talk-show-geprüft. Bei Sabine Christiansen war er und auch bei Erich Böhme; Bundesarbeitsminister Walter Riester hat den Studenten gleich zweimal eingeladen.

Die Öko-Predigten von der Nachhaltigkeit kann kein Mensch mehr hören. Aber wenn ein paar junge Leute aufstehen, geradeaus argumentieren und zu den Alten sagen: "Ihr lebt auf unsere Kosten!" Das ist Futter für die Medien. Jörg Tremmel ist davon überzeugt: Genauso wie sich die Idee der Demokratie über Jahrhunderte verbreitet hat, wird sich die Generationengerechtigkeit durchsetzen - müssen.

Tremmel hat an der elitären European Business School in Oestrich-Winkel studiert, aber auch an der traditionell linken Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät in Frankfurt am Main.

Der Spagat ist für ihn eine eher leichte Übung.

Die SRzG ist clever positioniert. Das Kuratorium und den Beirat schmücken klangvolle Namen: Lord Ralf Dahrendorf, Marion Gräfin Dönhoff, Hans-Peter Dürr, Alfred Grosser, Ernst Ullrich von Weizsäcker und Hanns Michael Holz, der PR-Chef der Deutschen Bank. Das Organisationsprinzip der SRzG ist das Netzwerk. Die Stiftung unterhält eine Reihe von Arbeitskreisen im Internet: über Ökologie, Rentenversicherung, Bildung, Kindergerechtigkeit, Weltbevölkerungsentwicklung und Globalisierung. Und sie hat eine eigene Jugendorganisation, die immer mal wieder für eine Schlagzeile gut ist.

Das Büro der SRzG findet man nur nach Ansage im Hinterhof eines Industriegebiets in Oberursel, an der Frankfurter Peripherie. Die Räume sind bescheiden. Von der Stiftungsarbeit leben kann Jörg Tremmel nicht, er erhält ein Promotionsstipendium. Aber das ist im Moment nur die "äußere Handlung". Warum er das alles macht? "Optimismus ist irgendwo Pflicht." Die SRzG versteht sich als politisch, aber nicht parteipolitisch. Aber warum dann die Form der Stiftung?

Eine Stiftung gibt sich ihre Satzung, ist unabhängig und kann nicht politisch unterwandert werden. Sie kann auf Fundraising-Tour gehen. Nicht zuletzt ein wichtiges Argument für die Alltagsarbeit: Stiftung, das klingt so schön seriös. Als Tremmel die SRzG vor vier Jahren aus der Taufe hob, hatte er einen Grundstock von 100 000 Mark zusammengekratzt. Der Umsatz ist aber deutlich höher: 600 000 Mark. So viel Rendite wirft das Kapital bei weitem nicht ab. Da springt dann beispielsweise die Deutsche Bundesstiftung Umwelt oder die Robert Bosch Stiftung ein.

8000 Stiftungen gibt es in Deutschland. Darunter sind große Organisationen und kleine, solche mit weit gesteckten Zwecke und solche mit sehr engen. Jeder tut, was ihm wichtig erscheint. Ein ungeheures Privileg, aber auch ein Hinweis darauf, wie Unternehmen sein könnten in den kommenden Zeiten, in denen Arbeit nicht unbedingt mit Erwerbsarbeit zu tun haben muss. So gesehen, sind Stiftungen auch so etwas wie Laboratorien des Wandels.

Wie wird man Stifter?

Um Stiftungen ranken sich zahlreiche Legenden, etwa die, dass das Stiftungsvermögen steuerbefreit sei. Das trifft aber nicht auf privatnützige Stiftungen zu, etwa Familien- und Unternehmensstiftungen, deren Erträge und Vermögen mit Steuern belegt sind. Nur die berühmten gemeinnützigen, mildtätigen und kirchlichen Zwecken zugewandten Stiftungen erhalten Steuervorteile. Das geschieht deshalb, weil diese Stiftungen Aufgaben übernehmen, die ansonsten die öffentliche Hand übernehmen müsste - oder zumindest sollte. Wer jemand solchen Stiftung Geld schenkt, kann er pro gespendeter Mark etwa mit 50 Pfennig Steuervorteil rechnen. Es gibt eine Reihe von Initiativen, das Stiftungsrecht noch attraktiver zu machen - langfristig dürfte das nicht aufzuhalten sein. Denn ohne Zweifel liefern Stiftungen nicht nur nötige Beiträge zum Allgemeinwohl, die der Staat nicht finanzierer kann oder will, sondern auch wichtige Grundlagenarbeit bei der Entwicklung von Non-Profit-Organisationen. Denen kommt im Zeitalter von immer weniger Erwerbsarbeit und einer neuen Definition von Arbeit ein wichtiger Stellenwert zu. Dass dabei Interessenverbände des öffentlichen Bereichs mit Stiftungen zuweilen in Konkurrenz stehen, ist logisch -traditionelle Verbände fürchten die private Konkurrenz. Nicht zuletzt auch wegen der immer professionelleren Netzwerke, die die insgesamt mehr als 8000 deutschen Stiftungen entwickelt haben. Für alle, die Geld von Stiftungen suchen, empfiehlt sich der Index Deutscher Stiftungen, im Internet unter www.stiftungsindex.de einsehbar. Hier sind Stiftungen nach ihrem Zweck gegliedert.

Basisinformation Stiftungen beim Bundesverband Deutscher Stiftungen unter: www.stiftungen.org Dort können auch die Broschüren "Ratgeber für Stifter" und "Die Verwaltung einer Stiftung" angefordert werden.

Bundesverband Deutscher Stiftungen Alfried-Krupp-Haus Binger Straße 40 14197 Berlin Telefon: 030/89 79 47-0 Fax: 030/897947-11 (Internet) www.stiftungsindex.de: über 650 Links zu Stiftungen in Deutschland. www.stiftungen.org: Bundesverband Deutscher Stiftungen. Berät seine Mitglieder und solche, die es werden wollen.

www.buergerstiftung-hamburg.de ww.koerber-stiftung.de www.aachener-stiftung.de www.srzg.de

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