Ausgabe 07/2001 - Was Wirtschaft treibt

Die Diktatur des Volontariats

"WIR WACHEN GERADE AUF UND VERBINDEN UNS MITEINANDER. WIR SCHAUEN, ABER WIR WARTEN NICHT." CLUETRAIN MANIFESTO, THESE 95 DER MESSIAS ODER: SOFTWARE, SO FREI WIE DIE LUFT ZUM ATMEN Der Mann ist aus dem Stoff, aus dem Propheten sind: lange Mähne und ein dichter Bart, eine gewaltige Stimme, verklärt und fest zugleich, mitreißend und gnadenlos. Richard Stallman, Amerikaner, Software-Ingenieur, Gründer der Free Software Foundation und Messias der Open-Source-Bewegung.

Viele Jahre lang musste er sich als kuriose Figur der Informatik belächeln lassen. Als seine Idee die Etagen der Computerkonzeme endlich erreicht hatte und verstanden wurde, weil sie profitabel war, erinnerte man sich Richard Stallmans, wie man sich alter Helden erinnert: ein paar Interviews, ein paar Reden, ein paar Vorträge.

Wenn er redet, reißt der missverstandene Prophet seine Jünger mit: "Software muss so frei sein wie die Luft zum Atmen", sagt er mit fester Stimme. Wenn Stallman an Universitäten und vor Vorständen von Computerkonzernen spricht, dann ist er Jesus im Tempel, und die Händler, das sind die Microsofts und all die anderen, die ihre Software der Gemeinschaft nur gegen Geld und Lizenzen und mit radikalen Kopierbeschränkungen überlassen. Proprietäre Software ist das, Software eines Eigentümers. Doch die Eigentümer, das hat uns Karl Marx gesagt, sind im Grunde Ent-Eigner, die der Gesellschaft das, was ihr zusteht, knapp und unter Verschluss halten, um damit Profite zu machen. Das nimmt der Freiheit und der Gemeinschaft die Luft zum Atmen. Die Enteigner müssen enteignet werden.

Lang lebe die Expropriation der Expropriateure. Und so ist es, sagt Stallman: "Der einzige Weg, eine funktionierende Gesellschaft zu bilden, ist, proprietäre Software nicht zu verwenden." Stallman hat 1984 die Free Software Foundation gegründet und eine geniale Idee in die Welt gesetzt: die des Copyleft. Das Copyleft baut auf dem Copyright auf und verkehrt es ins Gegenteil. Während das Copyright geistiges Eigentum vor dem Zugriff Dritter schützt, ist das Copyleft das Copyright dafür, dass geistiges Eigentum, von wem auch immer genutzt, verändert und verbreitet werden darf. Ein Kunstgriff der Sonderklasse: Freie Software, die der so genannten General Public Licence (GPL) unterliegt, ist durch dieses Recht freigesetzt, wie etwa Linux.

Diese Idee besagt, dass Software, die Grundlage für das Schaffen in der Informationsgesellschaft, allen zur Verfügung stehen muss, immer und überall. Jeder User soll und kann die Software wie ein Werkzeug an seine Bedürfnisse anpassen. Dieses Werkzeug soll er dann an andere weitergeben, verbessert und zum Nutzen aller.

Freie Software kennt nur ein Verbreitungsrecht: die Uneingeschränktheit. Jeder mag an dem Wissen verdienen, das er mit dem Werkzeug Software erarbeiten kann, aber niemand soll das Werkzeug selbst in Besitz haben. Programmierer schreiben im Web an Software, gemeinschaftlich und ohne Gewinnabsicht, und schaffen damit, wie bei Linux oder bei Apache, dem Marktführer bei Webserver-Programmen, starke Software für alle ohne Eigentumsanspruch. Das muss die Gesellschaft verändern, sagen viele, denn wo die Produktionsverhältnisse derart auf den Kopf gestellt werden, kann die Welt nicht so bleiben, wie sie ist. Expropriation mit Methode, wie sie Open Source vorzeigt, führt schnurstracks in den digitalen Sozialismus.

Doch halt, kurze Pause, wie kann das gehen?

Zu Open Source bekennen sich mittlerweile fast alle Industrieführer: Intel, Compaq, IBM, Siemens, Sun. Selbst Microsoft, der finsterste Stern am Himmel proprietärer Software, erwägt die Freigabe der Quellcodes einzelner Programmgruppen, die Grundlage für gemeinschaftliches und legales Programmieren in der Web-Gruppe. Ausgerechnet IBM hat zur Idee des Open Source mehr beigetragen als viele der euphorisierten Redenschreiber, die im neuen Entwicklungsmodell für Software eine politisch-gesellschaftliche Revolution sehen wollen.

Als 1981 der IBM-PC auf den Markt kam, verzichtete IBM de facto darauf, das System als Ganzes zu lizenzieren. Das erst machte den PC-Boom möglich und schuf einen mächtigen Computermarkt, der letztlich auch die Expansion der Telekomindustrie ermöglichte. Das Zusammenwachsen der Industrien (IKT Informations-Kommunikations-Technologie), die eben abgeschlossen wird, brachte die bedeutendste Vertriebs- und Wissensaustauschplattform der Menschheitsgeschichte hervor, das Internet.

Die Open-Source-Initiative, 1998 gegründet, ist vor allem ein industriell-technisches Konsortium. Revolution mit Hilfe von Reaktionären? Das ist neu.

Die Industrie steckt in allem und jedem, was mit Open Source zu tun hat.

Das Betriebssystem Linux, 1991 von Linus Thorvalds in die Welt gesetzt und seitdem von etwa 75 000 Programmierern in aller Welt verbessert und verfeinert, ist das wichtigste Beispiel von Open Source.

Distributoren wie Suse oder Redhat nehmen, getreu den Regeln des Richard Stallman, das Betriebssystem auf CD-ROM und packen Programme und Benutzeroberflächen dazu, die die Arbeit einfacher machen. Geld wird nur für Handbücher und die Aufarbeitung des Systems verlangt, deshalb ist Linux natürlich viel günstiger als die durch rigide Lizenzen geregelten Programme etwa von Microsoft. Verkauft wird eine Idee, nicht eine Ware. Netzwerkökonomie.

Für die Industrie ist dies hochprofitabel. Denn sie kann sich darauf konzentrieren, ihr Wissen in Beratungsleistung umzusetzen. Mit dem Computer- und Software-Verkauf verdienen die Konzerne ohnedies nur etwa 30 Prozent ihrer Umsätze: Den Rest verdienen sie mit der schlichten Tatsache, dass überall dort, wo Computer und Programme installiert werden, zunächst mal ihre Benutzer gewartet werden müssen. Schulungen, Support, Unterstützung, Anpassung an individuelle Bedürfnisse, Erweiterung des Anwendungs-Horizonts. Eine endlose Liste. Wissen hört nie auf. Es ist nebensächlich, ob man nun den Stein des Anstoßes für diesen Prozess, also die Software, verkauft oder verschenkt. Wichtig ist, dass die Wertschöpfungskette in Schwung kommt.

Dazu ist Open Source ideal.

OPEN SOURCE IST EINE GENIALE IDEE, UM EXPERTEN DAZU ZU BRINGEN, GRATIS SOFTWARE ZU PRODUZIEREN.

Doch Open Source bringt noch mehr: Es ist nicht mehr nötig, teure Marktstudien durchzuführen, aufwändige Tests, denn das erledigen die Freiwilligen im Internet, die Volunteers der Open-Source-Bewegung. Bei lizenzierten Programmen ist das nicht möglich, denn nichts hüteten Konzerne wie Microsoft eifersüchtiger als den Quellcode (The Source), den binären Bauplan eines Betriebssystems und Programms, den man kennen muss, um das Programm zu verändern. Der offen gelegte Quellcode (Open Source) ist eine geniale Idee, um möglichst viele Experten -gratis - dazu zu bringen, eine Software markttauglich zu machen, vorausgesetzt, die Freiwilligen spuren.

Das funktioniert nicht immer: Als Netscape versuchte, sein Mozilla-Projekt im Web als Open-Source-Werkstück von Experten verbessern zu lassen, regte sich nichts. Immerhin: 1998, als Netscape den Versuch unternahm, war der Browser-Krieg zwischen dem Lizenzreich Microsoft und dem offenen NetscapeImperium im vollen Gang. Zehntausende Ingenieure verschickten täglich ihre Protest-Mails gegen Microsoft im Netz. Was lernen wir daraus? Revolutionen sind eine Frage des Aufwandes und des Angebotes.

So viel Wut, so viel Tränen, und dann war es nichts wert: "Es geht sicher nicht um die Auseinandersetzung zwischen Linux und Windows oder Microsoft und Open Source. Das ist ein Mythos", sagt der amerikanische Verleger und Web-Pionier Tim O'Reilly, "Netscape hat durch das Mozilla-Projekt herausgefunden, dass es keine wundersame Internet-Gemeinde gibt, die nur darauf wartet, auf jedes Open-Source-Projekt aufzuspringen." Es gibt Interessen. Information wird getauscht, Wissen wird getauscht, und der Wert, der dabei entsteht, fügt sich hervorragend in die vorhandene Welt ein.

Open Source, das ist O'Reillys Analyse, funktioniert wie das Beratergeschäft. Ein Consultant verkauft die Erfahrungen, die er mit einem Kunden in einem Projekt gemacht hat, an den nächsten Kunden weiter. Auf die Netzökonomie umgelegt, bedeutet das nichts weiter als das Nutzen der enormen Informations- und Wissensspeicher des World Wide Webs.

Um diesen Wissensspeicher am Laufen zu halten, müssen die Teilnehmer immer wieder etwas in den riesigen Think Tank des Webs packen. Freiwillig und kostenfrei. Denn nur dann können sie erwarten, dass aus diesem Tank wieder gezapft werden kann. Das ist ein Marktprinzip, kein Altruismus und für Richard Stallman, den extremen Messias, schon furchtbar genug. In einem Interview mit der "Taz" antwortete er auf die Frage, wovon denn nun die Programmierer von freier Software leben sollten: "Warum sollte der Rest der Menschen sich darum kümmern, ob ein Programmierer sein Auskommen hat oder nicht? Es gibt viele Dinge, die Menschen tun, ohne davon leben zu können. Sie machen Musik und können nicht davon leben, sie stehen auf der Straße und tragen Gedichte vor, ohne davon leben zu können." Die Open Source singt ihr eigenes Lied, einen Song, bei dem die Kassen klingeln.

OPEN SOURCE NÜTZT HEUTE VOR ALLEM DEN COMPUTERKONZERNEN.

1998, im aufkeimenden Linux-Boom, begann IBM, den Open-Source-Webserver Apache auf ihre Maschinen zu packen und erklärte Linux gleichzeitig zur "strategischen Plattform". Das kostet natürlich gar nichts, abgesehen von ein bisschen Geld fürs Marketing, um das auch entsprechend bekannt zu machen, und hat auch weiter keine Verpflichtungen zur Folge. Wer sich bei IBM & Co über die Qualität von Open-Source-Produkten beschweren will und kostenfreie Hilfe anfordert, wird ebenso freundlich wie zu Recht auf die Web-Gemeinschaft verwiesen.

Das klingt nur dann schlimm, wenn der Kopf des Kunden sich noch nicht an die neuen Zeiten gewöhnt hat. Fakt ist, dass heute bereits der wichtigste Teil an Beratungsleistungen - gleich welcher Art - aus dem Web kompiliert werden kann. Kunden scannen das Web nach Informationen, bevor sie kaufen, Tests und Fach-Communities bieten eine Informationsdichte, die es nie zuvor gegeben hat. Das schafft eigene Anwendungen, einen Markt, der niemals schläft, ebenso wenig wie seine Produzenten.

Doch ist Open Source deshalb schon die Lösung für alle ökonomischen Probleme?

Ist hier wieder Überschätzung, gnadenlose Überinterpretation Zugange, die schon dem Internet so viel Schaden zufügte? Weshalb meinen so viele, dass Open Source mehr sei als eine vernünftige Produktions- und Vertriebsform?

Dazu ist es nötig, sich die Szenerie vorzustellen, aus der Linux, Open Source und noch früher Richard Stallman kommen. Programmierer und Entwickler scherten sich nie viel um die Frage, was ihre Leistung auf dem Markt kosten würde. Entwickler sehen sich als Bohemiens des Informationszeitalters. Das können sie sich leisten, weil das Schreiben von Programmen seit fünf Jahrzehnten eine sehr gut bezahlte Tätigkeit ist und überdies enorm hohe öffentliche Mittel an Universitäten und Institute wie das MIT, an dem Richard Stallman arbeitete, fließen. Stallmans Spezialität in den siebziger Jahren war das Umschreiben und Verbreiten des in den Bell Laboratorien der AT&T zum Ende der sechziger Jahre entwickelten Netzwerkbetriebssystems Unix. Programmierer erhielten das Betriebssystem bis 1984 praktisch zum Selbstkostenpreis, dem Jahr, in dem AT&T in einem Aufsehen erregenden Anti-Trust-Verfahren zerschlagen wurde. Es war billig, und es war gut, und jeder Ingenieur konnte ein wenig dazu beitragen, dass es besser wurde.

Doch mit der Zerschlagung des AT&T-Monopols konnte das Unternehmen für das bereits ziemlich gut laufende Betriebssystem plötzlich einen richtigen Marktpreis verlangen, etwas, was die Anti-Trust-Behörden bis dahin untersagt hatten. Unix kostete nicht nur ein Zigfaches des alten Preises, es wurden auch Lizenzen ausgeben: Bezahlt wurde nach Arbeitsplatz. Und: Der Quellcode durfte nicht verändert werden. Wer das tat, machte sich strafbar.

Das lieferte Stallman das Motiv, 1984 die Free Software Foundation ins Leben zu rufen und das GNU-Projekt zu starten. GNU steht für GNU is not Unix - nicht mehr und nicht weniger, obwohl das ganz gewiss nicht stimmt. Stallmans Ehrgeiz war es, ein Unix-Derivat zu schreiben, gegen das AT&T einerseits nicht klagen konnte, das aber andererseits die Marktmacht des Original-Unix dadurch brechen sollte, dass es an alle weitergegeben werden konnte.

Gut, Stallmans grandiose Idee der General Public Licence (GPL) mit dem schlauen Copyleft juckte die Industrie zunächst überhaupt nicht. In den ersten zwei Jahrzehnten der PC-Alphabetisierung der Welt ging es um die Grundstonversorgung mit Hard- und Software. Wie in Zeiten des Goldrausches konnte man mit allem viel Geld verdienen, was nützlich war, um nach Gold zu graben.

Wer einen Computer kauft, will eigentlich eine Lösung haben, die durch die Software - die vom Betriebssystem gesteuert wird - geliefert wird. Das Gleiche gilt für Internet-User. Die Information, das Wissen im Netz ist das Ziel, nicht das Modem und der Provider-Vertrag. Doch damit ist natürlich der IT-Grundstoffindustrie nicht wirklich gedient. Um in kürzerem Abstand mehr Hardware und umfangreichere IT-Dienstleistungen zu verkaufen, muss es einen triftigen Grund für den Kunden geben, seinen Computer alle paar Jahre zu wechseln. Im Lizenzsystem, das heute herrscht, kann man mit einem fünf Jahre alten Personal Computer und der dazugehörigen Software ganz gut auskommen.

Unter einer Bedingung, die ganz entscheidend ist: Man muss auf die Teilnahme an öffentlichen Netzwerken verzichten. Reines Personal Computing, Daten auf den persönlichen Rechner schreiben, speichern und ausdrucken, das klappt. Wer mit seinem alten PC ins Netz geht, hat keine Überlebenschance. Hochgedrehte Web-Seiten und enorme Systemanforderungen verhindern erfolgreich, dass brauchbare Hardware so lange genutzt wird, wie es möglich wäre. Klar, wem das nützt. Das bedeutet aber auch, dass immer mehr und immer aufwändigere Software auf den Markt kommen muss, in immer knapperen Zyklen.

LINUX-USER-GROUPS - NETTE MÄDELS UND JUNGS VON EINEM ANDEREN STERN Im Browser-Bereich ist das Realität, und überall, wo Open-Source-Gemeinden an Programmlösungen basteln, dreht sich der Produktzyklus enger und enger, schneller und schneller - der Natur der Sache wegen. Veröffentliche oft, veröffentliche früh, so lautet der wichtigste Lehrsatz des Linus Thorvald an seine Entwickler-Freunde im Web. Open Source lässt den Produktzyklus, den Abstand zwischen zwei Veröffentlichungen, Ideen oder Produkten, nicht bloß kleiner werden, Open Source hebt diesen Abstand fast vollständig auf. Im Schnitt brauchen die Programmierabteilungen der großen Softwarekonzeme zwischen sechs und 18 Monaten, um neue Releases, Versionen, auf den Markt zu bringen. Es ist die Arbeitsweise des digitalen Fließbandes, das durch das digitale Mechaniker-Team ersetzt wird. So wie beim Boxenstopp in der Formel 1 machen sich an einer zu verbessernden Open-Source-Software im Netz zugleich zehn oder 30000 Mechaniker zu schaffen. Gedacht, gesagt, getan.

Im Jahr 1997, als die IT-Schwerindustrie langsam das hohe Drehmoment von Open Source durchschaute, wurden überall auf der Welt die Helden der Revolution aufgesucht, nicht nur Richard Stallman, der aus propagandistischen Gründen aus dem Hinterzimmer der Programmiergeschichte geholt wurde. Es waren auch die Mitstreiter der frühen Linux-Zeiten, die sich in den Linux-User-Groups trafen und programmierten, eine Hacker-Elite, die über Jahre hindurch vom Mainstream der Informatik unberührt an ihrem Projekt arbeitete. Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Mehrwert waren Kategorien, die in dieser Welt nicht existierten.

Es ist kein Zufall, dass Eric S. Raymonds: "Die Kathedrale und der Bazar" 1998 erschien, zu einem Zeitpunkt also, zu dem der 10 genannte Linux-Boom bereits durch alle Medien geisterte. ökonomische Debatten - das war in der Linux-Welt neu. Die orientierte sich an den Hacker-Eliten der sechziger und siebziger Jahre, an einer akademischen Szene, die entstand, als Software noch ohne Lizenzen geliefert wurde.

In dieser fernen Welt, die, ohne es zu wissen, einen neuen ökonomischen Code gebar, herrschten Ideale, die von der Wirklichkeit des Kapitalismus längst über Bord geworfen wurden.

Die Open-Source-Pioniere hatten zahllose Niederlagen erlebt: zum Beispiel in den siebziger und achtziger Jahren das Ende der Hacker-Eliten, deren Protagonisten Konzerne wie Microsoft, Apple und Sun gründeten. Der PC, der die Menschen von der Kontrolle und der Macht der großen Konzerne befreien sollte, wurde selbst zum Träger einer mächtigen Industrie, eines neuen Marktes, der von Ideologie nichts wissen wollte. Das Internet schließlich, die letzte Domäne der Hacker-Eliten, entzog sich ihrem Zugriff ebenfalls durch die Popularisierung der Idee. Free Flow of Information - der Kampfruf der Hacker-Eliten im frühen Internet, wurde von der Industrie gehört, verstanden, angewandt und damit seiner politischen Kraft beraubt. Kapitalismus passt sich an. Ideologie kommt zu spät.

AUF ZUM LETZTEN GEFECHT ODER: DIE METHODE WIRD ZUR IDEOLOGIE.

Nein, die letzten Reste der Hacker-Eliten waren ganz und gar nicht begeistert von der Entdeckung von Linux und Open Source. Ganz offensichtlich wurde der Widerstand gegen die Entdeckung der Möglichkeiten, als es um die Frage nach benutzerfreundlichen Einstiegshilfen für Linux ging. Die kamen - notgedrungen - durch die traditionelle Software-Industrie, durch eingesessene Verlage und Autoren auf den Markt. Die " community" hatte an einer Verbreitung ihrer zur Ideologie erstarrten Idee kein Interesse. Stattdessen verkündeten die Linux-Hacker-Eliten, das Betriebssystem wäre für die breite Anwendung ungeeignet. Erst kommerzielle Distributoren wie Redhat, Suse und Caldere, gestärkt durch das Kapital der alten IT-Industrie, bewiesen prompt und zuverlässig das Gegenteil. Zwischen den Beteuerungen der Hacker-Eliten, Linux passe nicht auf den Desktop, und dem Verkauf von Linux-Paketen bei Karstadt und Co verging nicht mal ein Jahr. Die Hacker-Eliten sahen, wie ihre Revolution in passende Häppchen zerlegt wurde - mehr Effizienz beim Support, preiswerte Marktforschung, enormes Entwicklungspotenzial, Lösung der Vertriebsprobleme und vieles mehr. Open Source war fester Bestandteil der New Economy geworden. Darüber müsste man nicht reden, wenn nicht die Krise der Neuen Märkte gleichsam die Sinnfrage neu stellen würde. Open Source, heißt es jetzt immer öfter, ist keine Produktionsmethode, kein Verfahren des freien Marktes. Es ist ein Weltbild. Eine Ideologie.

SPD, IG-Metall, Grüne, PDS und DKP entdecken das ideologische Potenzial freier Sortware. Verbündet mit den Hacker-Eliten wollen die Ideologen von gestern ihre politischen Ansprüche kassieren. Nicht etwa, weil ihnen Open Source und die Freiheit der Information am Herzen liegen würde. Die Idee der Diktatur des Volontariats ist es, die sich so ungemein praktisch als Transporter nutzen lässt. Als im Vorjahr beim Stuttgarter Linux-Tag Wirtschaftsminister Werner Müller davon sprach, dass Open Source Deutschland eine Führungsrolle beim eCommerce geben könnte, begannen Diskussionen darüber, ob sich dabei - sozusagen in einem Aufwaschen - nicht auch gleich ein paar Unpässlichkeiten des Systems beseitigen ließen. Zum Beispiel: der Markt.

TEAMS ODER BRIGADEN: NETZWERKÖKONOMIE SORGT FÜR MISSVERSTÄNDNISSE.

Dass der Markt nichts taugt, stellten Hacker-Eliten und die linksliberale Intellektuellen-Elite auf der im April in Dortmund abgehaltenen "Oekonux"-Konferenz fest. Oekonux, das steht für Ökonomie plus Linux, also eine Wirtschart, die sich an den temporären Kooperationen orientiert, wie sie im Internet bei der Werkzeugentwicklung stattfinden. Das sei, so Veranstalter und Referenten, die Überwindung der profitgierigen New Economy.

"Die Netzwerkökonomie", schreibt Referent Stefan Meretz etwa, "stellt die Linienökonomie auf den Kopf", schaffe eine Welt, "in der die Selbstentfaltung des Einzelnen die Voraussetzung für die Entfaltung aller wird".

Lenin, Marx und Linux, kosmische Weisheiten aller Art - die Abschaffung des Geldes durch freiwillige Arbeit, das Ende des Kapitalismus durch zügiges Tauschen von Wissen unter Ausschluss des Profitgedankens - das ist letztlich die Rache der Enterbten am kommerziellen Erfolg der Open-Source-Idee. Das macht zwar keinen Sinn, aber etwas her: "Kommunismus = Sowjetmacht + Internet", dichtet einer der Oekonux-Referenten. Letztlich seien die virtuellen Teams der Open-Source-Entwickler nichts anderes als Brigadisten. So rettet jeder, was er kann, vom Gestern ins Heute, auch wenn daraus nichts wird.

NETZWERKE SCHAFFEN EINE ÖKONOMIE DER MÖGLICHKEITEN - NICHT DOGMATISMUS.

Nur mal kurz zum Durchatmen: Die Netzwerkökonomie ist tatsächlich anders. Ihre Waren sind Wissen und Software. Beides kann man weitergeben, verschenken, aber zugleich auch behalten. Es ist möglich, diese virtuelle Ware zu verschenken, so wie es möglich ist, sie gemeinsam zu entwickeln. Die Netzwerkökonomie ist eine Wirtschaft der erweiterten Möglichkeiten. Deshalb spielen Freiwilligkeit und offene Teamarbeit eine weitaus größere Rolle als in der alten, linearen Ökonomie.

Aber Pflicht ist das nicht. Open Source ist eine Methode, um effizienter Software zu schreiben und Wissen im Web zu erhalten und zu verteilen. "Keine Sorge", schreiben die Verfasser des Cluetrain-Manifests, ihr könnt immer noch Geld verdienen, das heißt, solange dies nicht das Einzige ist, was ihr im Kopf habt" (These 80). Eine Ideologie ist es nur aus der Sicht der leidenschaftlichen Ingenieure, die aber doch nur Ingenieure bleiben, mechanistisch, nach innen gewandt, auf der verzweifelten Suche nach einer Lösung, nach einer Wahrheit. So werden Helden zu traurigen Figuren.

Wie Richard Stallman. Er ist seit Anfang des Jahres CEO einer seltsamen Unternehmung namens FreeDevelopers.net. Die Firma kontrolliert die Einhaltung der GPL-Lizenzen, ist also sozusagen der TÜV der Open-Source-Bewegung. FreeDevelopers.net gehört allen Entwicklern auf der Welt, sagt Stallman, der die amerikanische Verfassung als Grundlage des Unternehmens eingesetzt hat, genau die Verfassung, in der das Recht auf Freiheit und Glück verankert ist. Das Ziel von FreeDevelopers.net ist es, "die vorderste Verteidigungslinie der Welt gegen die unvermeidlichen tyrannischen Tendenzen proprietärer Software zu bilden".

So.

Das ist Kampf, Krieg, Aggression, Wut, Zorn darüber, dass sich die eigene Wirklichkeit nicht in die Realität fügen mag. Es ist eine Klage ohne Hoffnung, so wie die von Volker Wiegand, dem USA-Geschäftsführer der Nürnberger Suse Linux AG, der das Betriebssystem Linux im April auf der Website linuxgram.com als " gefallenen Engel" und als "Opfer irrationaler Erwartungen" beschrieb.

Da lecken sich die Revolutionäre ihre Wunden, während der Rest der Truppe beginnt, sich einzugraben.

Doch das ist nicht die Wirklichkeit.

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